Über den Autor
Hinter dem Namen Erin Hunter verbirgt sich ein ganzes Team von Autorinnen. Gemeinsam konzipieren und schreiben sie die erfolgreichen Tierfantasy-Reihen WARRIOR CATS, SEEKERS, SURVIVOR DOGS und BRAVELANDS.
Impressum
Dieses Buch ist erhältlich als:
ISBN 978-3-407-74967-3 Print (Taschenbuch)
ISBN 978-3-407-81201-8 Print (Hardcover)
ISBN 978-3-407-74562-0 E-Book (EPUB)
© 2019 Gulliver
in der Verlagsgruppe Beltz · Weinheim Basel
Werderstraße 10, 69469 Weinheim
Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten
© 2013 Working Partners Limited
Die Originalausgabe erschien unter dem Titel Warriors, Dawn of the Clans, The Sun Trail bei HarperCollins Children’s Books, New York
Übersetzung: Friederike Levin
Lektorat: Susanne Härtel
Einbandgestaltung: © Johannes Wiebel, punchdesign, München
Wort-Bild-Marke: © Hauptmann & Kompanie, München
Landkarte: © Gary Chalk
Druck und Bindung: Beltz Grafische Betriebe, Bad Langensalza
Printed in Germany
1 2 3 4 5 6 22 21 20 19
Weitere Informationen zu unseren Autor_innen und Titeln
finden Sie unter: www.beltz.de
Besonderen Dank an Cherith Baldry
Staffel I
In die Wildnis (Bd. 1)
Feuer und Eis (Bd. 2)
Geheimnis des Waldes (Bd. 3)
Vor dem Sturm (Bd. 4)
Gefährliche Spuren (Bd. 5)
Stunde der Finsternis (Bd. 6)
Staffel II – Die neue Prophezeiung
Mitternacht (Bd. 1)
Mondschein (Bd. 2)
Morgenröte (Bd. 3)
Sternenglanz (Bd. 4)
Dämmerung (Bd. 5)
Sonnenuntergang (Bd. 6)
Staffel III – Die Macht der drei
Der geheime Blick (Bd. 1)
Fluss der Finsternis (Bd. 2)
Verbannt (Bd. 3)
Zeit der Dunkelheit (Bd. 4)
Lange Schatten (Bd. 5)
Sonnenaufgang (Bd. 6)
Staffel IV – Zeichen der Sterne
Der vierte Schüler (Bd. 1)
Fernes Echo (Bd. 2)
Stimmen der Nacht (Bd. 3)
Spur des Mondes (Bd. 4)
Der verschollene Krieger (Bd. 5)
Die letzte Hoffnung (Bd. 6)
Staffel V – Der Ursprung der Clans
Der Sonnenpfad (Bd. 1)
Donnerschlag (Bd. 2)
Der erste Kampf (Bd. 3)
Der Leuchtende Stern (Bd. 4)
Der geteilte Wald (Bd. 5)
Der Sternenpfad (Bd. 6)
Staffel VI – Vision von Schatten
Die Mission des Schülers (Bd. 1)
Donner und Schatten (Bd. 2)
Zerrisene Wolken (Bd. 3)
Dunkelste Nacht (Bd. 4)
Fluss aus Feuer (Bd. 5)
Special Adventure
Feuersterns Mission
Das Schicksal des WolkenClans
Blausterns Prophezeiung
Streifensterns Bestimmung
Gelbzahns Geheimnis
Riesensterns Rache
Brombeersterns Aufstieg
Mottenflugs Vision
Habichtschwinges Reise
Tigerherz’ Schatten
Short Adventure
Wolkensterns Reise
Distelblatts Geschichte
Nebelsterns Omen
Taubenflugs Schicksal
Ahornschattens Vergeltung
Die Welt der Clans
Das Gesetz der Krieger
Die letzten Geheimnisse
Alle Abenteuer auch als Printausgaben bei Beltz & Gelberg
www.warriorcats.de
DIE HIERARCHIE DER KATZEN
KATZEN DER BERGE |
Stammes- heilerin |
SAGERIN VON DEN SPITZEN STEINEN (Steinsagerin) – alte weiße Kätzin mit grünen Augen |
|
SANFTER REGEN – grau gefleckte Kätzin |
|
GRAUER FLUG – schlanker, grauer Kater mit goldgelben Augen |
|
WOLKENHIMMEL – hellgrauer Kater mit blauen Augen |
|
FUNKELNDER BACH – braun-weiß getigerte Kätzin |
|
SCHATTIGES MOOS – schwarz-weißer Kater mit tiefgrünen Augen |
|
GROSSER SCHATTEN – schwarze Kätzin mit dickem Pelz und grünen Augen |
|
GETUPFTER PELZ – zierliche schildpattfarbene Kätzin mit goldgelben Augen |
|
REGEN AUF BLÜTE – braun getigerte Kätzin mit blauen Augen |
|
SCHILDKRÖTENSCHWANZ – schildpattfarbene Kätzin mit grünen Augen |
|
MONDSCHATTEN – schwarzer Kater |
|
TAU AUF BLATT – schildpattfarbene Kätzin |
|
KNORRIGER ZWEIG – brauner Kater |
|
BRECHENDES EIS – grau-weißer Kater |
|
WOLKENFLECK – langhaariger, schwarzer Kater mit weißen Ohren, weißer Brust und zwei weißen Pfoten |
|
SINGENDER STEIN – dunkelgrau getigerter Kater |
|
HOHLER BAUM – braun getigerte Kätzin |
|
FLINKES WASSER – grau-weiße Kätzin |
|
GLEITENDER HABICHT – hellrot getigerte Kätzin |
|
FALLENDE FEDER – junge weiße Kätzin |
|
SCHREI DER DOHLE – junger schwarzer Kater |
|
STECHENDER HAGEL – dunkelgrauer Kater |
|
TRÜBES WASSER – sehr alte graue Kätzin mit milchigblauen Augen |
|
BRÜLLENDER LÖWE – sehr alter goldfarben getigerter Kater |
|
SILBERNER FROST – alte, grau-weiße Kätzin |
|
SCHNEEHASE – alte, weiße Kätzin |
|
FLATTERNDER VOGEL – kleine, braune Kätzin |
|
ZACKIGER BERG – grau getigerter Kater |
ANDERE KATZEN |
|
HUMMEL – schwarz-gelb geflecktes Hauskätzchen |
|
GINSTER – magerer, grau getigerter Kater |
|
WIND – drahtige, braune Kätzin |
|
STURM – silbern getigerte Kätzin mit grünen Augen |
|
FUCHS – großer, brauner Kater mit gelben Augen |
|
BLUME – kleine, gelb getigerte Kätzin |
|
FROST – großer, weißer Kater |
PROLOG
Kaltes graues Licht flackerte über den Boden einer Höhle, die so riesig war, dass sich die Decke hoch oben in der Dunkelheit verlor. Unaufhörlich strömte vor dem Eingang ein Vorhang aus Wasser herab und sein Rauschen hallte zwischen den Felsen wider.
Ganz hinten in der Höhle kauerte eine gebrechliche, weiße Kätzin. Sie war alt, aber ihre klugen, grünen Augen schweiften aufmerksam über zahlreiche magere Katzen in der Höhle. Einige schritten rastlos vor dem schimmernden Wasserfall auf und ab, die Ältesten drängten sich in den Schlafkuhlen aneinander, und die Jungen jammerten verzweifelt, bettelten um Nahrung bei ihren erschöpften Müttern.
»So kann es nicht weitergehen«, murmelte die alte Kätzin.
Einige Schwanzlängen entfernt stritten ein paar Junge um das Gerippe eines Adlers. Sein Fleisch war bereits am Vortag verschlungen worden, gleich nachdem ihre Mütter den Vogel erjagt hatten. Ein großes, rotes Junges schubste eine kleine Tigerkatze von dem Knochen weg, an dem sie nagte.
»Den brauche ich!«, verkündete es.
Das getigerte Junge sprang auf und biss seinem roten Gefährten in den Schwanz. »Wir brauchen ihn alle, du Flohhirn!«, fauchte es und der kleine rote Kater jaulte auf.
Eine grau-weiße Älteste, deren Rippen sich scharf unter dem Pelz abzeichneten, trottete zu den Jungen und schnappte ihnen den Knochen weg.
»He!«, protestierte das rote Junge.
Die Älteste funkelte ihn an. »Ich habe viele Zeitwechsel lang Beute gejagt«, knurrte sie. »Habe ich mir da nicht einen erbärmlichen Knochen verdient?« Mit dem Knochen fest zwischen den Zähnen, drehte sie sich um und stolzierte davon.
Das rote Junge starrte einen Herzschlag lang hinter ihr her, dann hüpfte es maunzend zu seiner Mutter, die am Fuß der Felswand lag. Statt es zu trösten, schimpfte seine Mutter nur und peitschte verärgert mit dem Schwanz.
Die alte weiße Kätzin war zu weit weg, um zu verstehen, was die Mutter sagte, aber sie seufzte.
Jede Katze ist bald am Ende ihrer Kräfte, dachte sie.
Sie beobachtete, wie die grau-weiße Älteste durch die Höhle tappte und den Adlerknochen vor einer noch älteren Kätzin fallen ließ, die mit der Schnauze auf den Vorderpfoten in einer Schlafkuhle lag. Ihre matten Augen starrten auf die Wand am anderen Ende der Höhle.
»Hier, Trübes Wasser.« Die grau-weiße Älteste schob ihrer Gefährtin mit einer Pfote den Knochen zu. »Iss! Viel ist es nicht, aber vielleicht hilft es.«
Der teilnahmslose Blick der Ältesten huschte zu ihrer Freundin und dann wieder weg.
»Nein, danke, Silberner Frost. Ich habe keinen Appetit, seit Geknickte Feder gestorben ist.« Ihre Stimme bebte vor Trauer. »Er hätte überlebt, wenn er genug Beute bekommen hätte.« Sie seufzte. »Jetzt warte ich nur noch, bis ich ihm folgen kann.«
»Trübes Wasser, du darfst nicht …«
Jetzt wurde die weiße Kätzin auf eine Katzengruppe aufmerksam, die am Höhleneingang auftauchte und sich den Schnee aus den Pelzen schüttelte. Mehrere Katzen sprangen auf und rannten ihnen entgegen.
»Habt ihr etwas gefangen?«, rief eine erwartungsvoll.
»Ja, wo ist eure Beute?«, wollte eine andere wissen.
Der Anführer der Gruppe schüttelte traurig den Kopf. »Tut mir leid. Es war zu wenig, um etwas mitzubringen.«
Die Hoffnung auf den Gesichtern der Katzen in der Höhle schmolz wie Reif im Sonnenschein. Sie blickten einander an, dann schlichen sie mit hängenden Köpfen davon und ihre Schwänze schleiften am Boden.
Die weiße Kätzin betrachtete sie, dann wandte sie den Kopf, als ein Kater angetappt kam. Seine Schnauze war ergraut und sein golden getigerter Pelz dünn und struppig, nur sein selbstbewusster Gang ließ erkennen, dass er einst eine starke und edle Katze gewesen war.
»Halber Mond«, begrüßte er die weiße Kätzin, setzte sich zu ihr und legte den Schwanz über die Pfoten.
Die weiße Kätzin ließ ein leises, belustigtes Schnurren hören. »Du sollst mich doch nicht so nennen, Brüllender Löwe«, protestierte sie. »Ich bin schon seit so vielen Zeitwechseln die Sagerin von den spitzen Steinen.«
Der goldfarbene Kater schnaubte. »Was kümmert es mich, seit wann dich die anderen Steinsagerin nennen. Für mich bist und bleibst du Halber Mond.«
Statt einer Antwort legte Halber Mond ihrem alten Freund die Schwanzspitze auf die Schulter.
»Ich bin in dieser Höhle geboren«, fuhr Brüllender Löwe fort, »aber meine Mutter, Scheues Reh, hat mir von den Zeiten erzählt, bevor wir hierhergekommen sind – vom See, wo ihr im Schutz von Bäumen gelebt habt.«
Halber Mond seufzte leise. »Ich bin die einzige Katze, die sich noch an den See erinnern kann und an die Reise, die uns hierhergeführt hat. Aber ich habe dreimal so viele Monde hier in den Bergen gelebt wie am See und jetzt ist mein Herz vom endlosen Rauschen des Wasserfalls erfüllt.« Sie hielt inne, blinzelte und fragte dann: »Warum erzählst du mir das gerade jetzt?«
Brüllender Löwe zögerte, bevor er antwortete. »Vielleicht verhungern wir alle, bevor die Sonne wieder scheint, und hier in der Höhle ist es zu eng.« Er streckte eine Pfote aus und strich Halber Mond über den Pelz. »Es muss etwas geschehen.«
Halber Mond sah ihn mit großen Augen an. »Wir dürfen die Berge aber nicht verlassen!«, protestierte sie und ihre Stimme war atemlos vor Schreck. »Schwinge des Hähers hat uns das versichert und mich zur Sagerin von den spitzen Steinen gemacht, weil wir hierhergehören.«
Brüllender Löwe hielt ihren eindringlichen, grünen Augen stand. »Bist du sicher, dass sich Schwinge des Hähers nicht geirrt hat?«, fragte er. »Woher sollte er wissen, was in der Zukunft geschieht?«
»Er muss es gewusst haben«, flüsterte Halber Mond.
Ihre Gedanken flogen zu der Zeremonie vor so vielen Monden zurück, mit der Schwinge des Hähers sie zur Steinsagerin ernannt hatte. Erschaudernd hörte sie wieder seine Stimme, voller Liebe für sie und voller Trauer, weil damit besiegelt war, dass sie niemals zusammen sein konnten. »Andere werden nach dir kommen, Mond um Mond um Mond. Wähle sie sorgfältig aus, lehre sie gut und vertraue ihnen die Zukunft deines Stammes an.«
Das hätte er niemals gesagt, wenn er nicht gewusst hätte, dass wir hierbleiben sollen.
Halber Mond ließ ihren Blick über die anderen Katzen schweifen, ihre Katzen, die jetzt so mager und hungrig waren. Sie schüttelte traurig den Kopf. Brüllender Löwe hatte recht: Es musste etwas geschehen, wenn sie überleben wollten.
Plötzlich wurde ihr bewusst, dass in der kalten, grauen Höhle ein warmes, goldenes Licht immer heller wurde, als würde die Sonne hinter dem Wasservorhang aufgehen – dabei wusste Halber Mond, dass gerade die Nacht hereinbrach.
Neben ihr saß Brüllender Löwe, wusch sich ausgiebig die Ohren und nahm genau wie die übrigen Katzen in der Höhle keine Notiz von dem tiefgoldenen Schimmer.
Keine Katze außer mir sieht das Licht! Was ist das?
Eingetaucht in das goldene Leuchten, erinnerte sich Halber Mond jetzt, was Schwinge des Hähers bei ihrer Ernennung zur Sagerin gesagt hatte: Ihre Ahnen würden sie leiten, wenn sie Entscheidungen treffen müsste – und manchmal würde sie seltsame Dinge sehen, die eine tiefere Bedeutung hatten, als der erste Anschein vermuten ließ. Sie hatte die Nähe ihrer Ahnen nie bewusst gespürt, aber gelernt, auf die Zeichen zu achten.
Wie dichte Schneeflocken im Sturm wirbelten Halber Mond mögliche Deutungen durch den Kopf. Vielleicht kommt die warme Zeit früher als sonst. Aber was soll das nützen, wo wir doch so viele sind? Dann überlegte sie, ob die Sonne vielleicht irgendwo anders hell strahlte, an einem warmen Ort, wo es Beute und Schutz gab. Aber was nützt uns das hier oben in den Bergen?
Das Sonnenlicht wurde heller und heller, bis die Strahlen Halber Mond blendeten. Eine neue Deutung kam ihr in den Sinn und beruhigte sie.
Vielleicht hat Brüllender Löwe recht und nur ein Teil von uns gehört hierher. Vielleicht sollten einige Katzen der Sonne entgegenreisen und sich dort niederlassen, wo sie besonders hell scheint. Irgendwo werden sie in Sicherheit sein und reichlich Nahrung finden, auch genügend Platz haben, um über Generationen ihre Jungen großzuziehen.
Halber Mond spürte das warme Sonnenlicht auf ihrem Pelz, das ihr Gewissheit gab. Wenige Katzen würden bleiben, eine Gruppe, die so klein war, dass sie in den Bergen überleben konnte, und der Rest ihres Stammes würde zur aufgehenden Sonne reisen und ein neues Zuhause finden.
Aber ich werde die Höhle nicht verlassen, dachte sie. Ich werde bis zum Ende meiner Tage aushalten, ein Leben lang weit weg vom Ort meiner Geburt. Und dann werde ich vielleicht … nur vielleicht … Schwinge des Hähers wiederfinden.
1. KAPITEL
Grauer Flug schleppte sich den schneebedeckten Hang hinauf, zu einem Kamm, der wie eine brüchige Zahnreihe in den Himmel ragte. Vorsichtig setzte er eine Pfote vor die andere, um nicht in der überfrorenen Oberfläche einzubrechen und darunter im zusammengewehten Pulverschnee zu versinken. Leichte Flocken fielen und tüpfelten seinen dunkelgrauen Pelz. Ihm war so kalt, dass er seine Pfoten nicht mehr spürte, und sein Magen knurrte vor Hunger.
Ich kann mich nicht erinnern, wann ich zum letzten Mal warm und satt war.
In der letzten Zeit der Sonne war er noch ein Junges gewesen, hatte mit Wolkenhimmel, seinem Wurfgefährten, am Rand des Teichs vor der Höhle gespielt. Ein ganzes Leben schien seither vergangen. Grauer Flug erinnerte sich nur noch schwach an raschelnde, grüne Blätter, an den knorrigen Gebirgsbäumen und sonnenüberflutete Felsen.
Er blieb stehen, witterte in der Luft nach Beute und ließ den Blick über das verschneite Gebirge schweifen, wo hinter jedem Gipfel, so weit sein Auge reichte, wieder neue aufragten. Der tiefgraue Himmel über ihm versprach noch mehr Schnee.
Die Luft trug ihm keinen Beutegeruch zu, also trottete Grauer Flug weiter. Hinter einer Ansammlung von Felsbrocken tauchte Wolkenhimmel auf, dessen hellgraues Fell im Schnee kaum zu erkennen war. Er trug nichts zwischen den Zähnen, und als er Grauer Flug entdeckte, schüttelte er den Kopf. »Nirgendwo auch nur ein Hauch von Beute!«, rief er. »Vielleicht sollten wir …«
Ein heiserer Schrei von oben schnitt ihm das Wort ab. Ein Schatten fiel auf Grauer Flug. Er blickte auf und sah einen Habicht mit spitzen, grausamen Klauen tief über den Hang gleiten. Als der Habicht über ihm schwebte, sprang Wolkenhimmel mit weit ausgestreckten Vorderpfoten hoch in die Luft, erwischte mit den Krallen das Gefieder des Habichts und zerrte ihn vom Himmel. Der Vogel stieß noch einen heiseren Schrei aus, bevor er wild mit den Flügeln um sich schlagend im Schnee landete.
Grauer Flug stürmte den Hang hinauf, sodass hinter seinen Pfoten eine feine Schneewolke aufwirbelte. Bei seinem Bruder angekommen, stemmte er sich mit beiden Vorderpfoten auf einen zuckenden Flügel. Der Habicht funkelte ihn mit hasserfüllten, gelben Augen an, und Grauer Flug duckte sich, um seinen grausamen Fängen auszuweichen.
Wolkenhimmel stieß den Kopf vor und schlug seine Zähne in das Genick des Habichts. Der zuckte einmal, dann erschlaffte sein Körper, und der Blick wurde leer, während aus der Wunde Blut floss und den Schnee befleckte.
Keuchend sah Grauer Flug seinen Bruder an. »Das war ein großartiger Fang!«, rief er und ein warmes Gefühl des Triumphes durchströmte seinen Körper.
Wolkenhimmel schüttelte den Kopf. »Schau doch nur, wie mager er ist. In diesen Bergen gibt es nichts, was eine Katze ernährt, und das wird auch so bleiben, bis es aufhört zu schneien.«
Er hockte sich neben seine Beute, um als Erster hineinzubeißen. Grauer Flug ließ sich neben ihm nieder, und bei dem Gedanken, die Zähne in den Habicht zu schlagen, lief ihm das Wasser im Mund zusammen.
Aber dann erinnerte er sich an die hungernden Katzen in der Höhle, die sich um die letzten Reste zankten. »Wir sollten die Beute zu den anderen bringen«, miaute er. »Sie brauchen Nahrung, damit sie Kraft für die Jagd sammeln.«
»Wir brauchen auch Kraft«, knurrte Wolkenhimmel und riss ein Stück Fleisch aus dem Habicht.
»Wir kommen schon zurecht.« Grauer Flug stieß ihn in die Seite. »Wir sind die besten Jäger des Stammes. Wenn wir zusammen jagen, entkommt uns keine Beute. Wir erwischen mehr als alle anderen.«
Wolkenhimmel verdrehte die Augen und schluckte seinen Bissen hinunter. »Warum musst du bloß immer so selbstlos sein?«, brummte er. »Also gut, lass uns gehen.«
Gemeinsam schleppten die beiden Katzen den Habicht den Hang hinab und über die Felsbrocken am Boden einer engen Schlucht, bis sie den Teich mit dem tosenden Wasserfall erreichten. Der Vogel war zwar nicht schwer, ließ sich aber schlecht bewegen. Seine Flügel flappten über den Boden, und die Klauen blieben an jedem Felsbrocken oder Gestrüpp hängen, das aus dem Schnee ragte.
»Das wäre uns erspart geblieben, wenn wir ihn gefressen hätten«, schimpfte Wolkenhimmel, als sie den Habicht mühsam auf dem schmalen Pfad hinter den Wasserfall zerrten. »Hoffentlich wissen es die anderen auch zu schätzen.«
Wolkenhimmel beschwert sich zwar, dachte Grauer Flug, aber er weiß, dass wir das Richtige tun.
In der Höhle wurden die beiden Brüder jubelnd begrüßt. Mehrere Katzen rannten ihnen entgegen und versammelten sich mit großen Augen um die Beute.
»Der ist ja riesig!«, rief Schildkrötenschwanz und sprang mit leuchtenden grünen Augen zu Grauer Flug. »Ich kann’s kaum glauben, dass ihr ihn uns gebracht habt.«
Etwas beschämt über ihre Begeisterung, neigte Grauer Flug den Kopf. »Alle werden davon auch nicht satt«, miaute er.
Brechendes Eis, ein grau-weißer Kater, bahnte sich einen Weg durch die Menge. »Welche Katzen gehen auf die Jagd?«, fragte er. »Sie sollten als Erste essen.«
Gemurmel erhob sich aus der Katzenversammlung, dazwischen ein empörter Schrei: »Ich hab aber Hunger! Warum kriege ich nichts ab? Ich kann auch jagen gehen!«
Grauer Flug erkannte die Stimme seines kleinen Bruders Zackiger Berg. Ihre Mutter, Sanfter Regen, kam angelaufen und führte ihr Junges behutsam zurück zu den Schlafkuhlen. »Du bist zu jung zum Jagen«, miaute sie leise. »Und wenn die Scharfkrallen nicht essen, wird es für keine Katze Beute geben.«
»Das ist ungerecht!«, brummelte Zackiger Berg.
In der Zwischenzeit reihten sich die Jäger, darunter auch Brechendes Eis und Schildkrötenschwanz, neben dem toten Habicht auf. Jede Katze nahm einen Bissen und trat dann zurück, um für die nächste Platz zu machen. Bis sie fertig waren und die Höhle über den Pfad hinter dem Wasserfall verlassen hatten, war kaum noch Fleisch übrig.
Wolkenhimmel, der neben Grauer Flug zugesehen hatte, schnaubte verärgert. »Wenn wir ihn doch bloß selbst gegessen hätten.«
Insgeheim musste ihm Grauer Flug recht geben, wusste aber, dass Jammern sinnlos war. Es gibt nicht genug Nahrung. Jede Katze ist schwach und hungrig – wir müssen durchhalten, bis die Sonne wiederkommt.
Pfotengetrappel ertönte hinter ihm. Er drehte den Kopf und sah, dass Funkelnder Bach zu Wolkenhimmel lief. »Stimmt es, dass du diesen riesigen Habicht ganz allein gefangen hast?«
Wolkenhimmel zögerte und genoss die Bewunderung der hübschen, getigerten Kätzin. Grauer Flug schnurrte vielsagend.
»Nein«, gestand Wolkenhimmel. »Grauer Flug hat mir geholfen.«
Funkelnder Bach nickte Grauer Flug zu, aber ihr Blick kehrte sofort zu Wolkenhimmel zurück. Sein Bruder trat ein paar Schritte zurück und ließ sie allein.
»Die beiden sind ein hübsches Paar«, meldete sich eine Stimme neben ihm. Grauer Flug drehte den Kopf und sah die Älteste Silberner Frost neben sich stehen. »Im wärmsten Mond wird es Junge geben.«
Grauer Flug nickte. Wenn sein Bruder und Funkelnder Bach so beieinanderstanden und die Köpfe zusammensteckten, konnte jede Katze auf den ersten Blick sehen, wie verliebt sie waren.
»Und vielleicht ist das ja nicht der einzige Wurf«, setzte Silberner Frost hinzu, wobei sie Grauer Flug in die Seite stupste. »Schildkrötenschwanz ist eine ausgesprochen hübsche Katze.«
Grauer Flug wurde vom Kopf bis zur Schwanzspitze heiß vor Verlegenheit. Er hatte keine Ahnung, was er sagen sollte, und war dankbar, als er die Steinsagerin auf sie zukommen sah, die bei jeder Katze stehen blieb, um ein paar Worte zu wechseln. Wegen des hohen Alters waren ihre Schritte unsicher, aber Grauer Flug sah in ihren grünen Augen Weisheit und eine große Fürsorge, die sie für jede einzelne Katze ihres Stammes empfand.
»Es ist noch Habicht übrig«, miaute sie gerade Schneehase zu, die ausgestreckt in einer Schlafkuhle lag und sich den Bauch putzte. »Du solltest etwas essen.«
Schneehase unterbrach ihre Fellpflege. »Ich überlasse das Essen lieber den Jüngeren«, antwortete sie. »Sie brauchen Kraft für die Jagd.«
Die Steinsagerin beugte sich vor und berührte die Älteste mit der Nase am Ohr. »Du hast dir dein Essen schon mehr als einmal verdient.«
»Vielleicht haben uns die Berge lange genug ernährt«, sagte Brüllender Löwe, der wenige Schwanzlängen entfernt saß.
Die Steinsagerin warf ihm einen vielsagenden Blick zu.
Was hat das alles zu bedeuten?, fragte sich Grauer Flug.
Sanfter Regen setzte sich neben ihn und riss ihn aus seinen Gedanken. »Hast du etwas gegessen?«, fragt sie.
Wir reden nur noch über Essen. Oder darüber, dass es fehlt. Er wollte sich seine Verärgerung nicht anmerken lassen und antwortete: »Ich nehme mir was, bevor ich wieder rausgehe.«
Zu seiner Erleichterung bedrängte ihn seine Mutter nicht weiter. »Mit dem Habicht ist dir wirklich ein guter Fang gelungen«, miaute sie.
»Das war ich nicht allein«, antwortete Grauer Flug. »Wolkenhimmel hat ihn mit einem riesigen Satz aus der Luft geholt.«
»Ihr wart beide gut«, schnurrte Sanfter Regen. Sie drehte sich nach seinen jüngeren Geschwistern um, die ganz in der Nähe miteinander rauften. »Hoffentlich werden Zackiger Berg und Flatternder Vogel genauso geschickt, wenn sie zum Jagen erst alt genug sind.«
Zackiger Berg stieß seiner Schwester gerade die Pfoten unter dem Körper weg. Flatternder Vogel stürzte und jaulte auf, als sie sich den Kopf an einem Stein stieß. Statt wieder aufzustehen, blieb sie wimmernd liegen.
»Du bist so blöd!«, rief Zackiger Berg.
Als Sanfter Regen zu ihrer Tochter tappte und sie besänftigend leckte, bemerkte Grauer Flug, wie klein und zerbrechlich Flatternder Vogel aussah. Ihr Kopf wirkte zu groß für den Körper, und ihre Beine versagten, als sie aufzustehen versuchte. Zackiger Berg hingegen war kräftig und muskulös, sein grau getigertes Fell war dicht und gesund.
Während Sanfter Regen ihr Junges tröstete, hüpfte Zackiger Berg zu Grauer Flug. »Erzähl mir von dem Habicht«, verlangte er. »Wie habt ihr ihn gekriegt? Ich wette, ich könnte auch einen fangen, wenn ich nur aus dieser blöden Höhle rausdürfte!«
Grauer Flug schnurrte begeistert. »Wenn du den Satz gesehen hättest, mit dem Wolkenhimmel …«
Ein lautes Jaulen schnitt Grauer Flug das Wort ab. »Stammeskatzen, bitte Ruhe! Die Steinsagerin wird sprechen!«
Die Steinsagerin war von Schattiges Moos angekündigt worden, einem schwarz-weißen Kater, der zu den besonders angesehenen Katzen des Stammes zählte. Er stand auf einem Felsbrocken, die Sagerin an seiner Seite. Neben seiner mächtigen Gestalt wirkte die alte Kätzin umso zerbrechlicher.
Als er sich einen Weg nach vorn bahnte, hörte Grauer Flug neugieriges Getuschel unter den Katzen, die sich um den Felsen versammelt hatten.
»Vielleicht wird sie Schattiges Moos zu ihrem Nachfolger ernennen«, vermutete Silberner Frost.
»Es ist an der Zeit, dass sie sich für jemanden entscheidet«, stimmte ihr Schneehase zu. »Darauf warten wir alle schon seit Monden.«
Grauer Flug suchte sich einen Platz neben Wolkenhimmel und Funkelnder Bach, dann blickte er zur Steinsagerin und zu Schattiges Moos auf. Sie war aufgestanden und ließ den Blick über ihren Stamm schweifen, bis das Getuschel verstummte.
»Ich bin euch allen dankbar, dass ihr so hart gekämpft habt, um hier zu überleben«, hob sie an und sprach so leise, dass sie beim Lärm des tosenden Wasserfalls kaum zu hören war. »Ich bin stolz, dass ich eure Sagerin sein durfte, aber ich muss akzeptieren, dass es Dinge gibt, die selbst ich nicht ändern kann. Gegen zu wenig Raum und zu wenig Nahrung bin ich machtlos.«
»Du kannst doch nichts dafür!«, rief Silberner Frost. »Du darfst nicht aufgeben!«
Die Steinsagerin dankte der Ältesten mit einem Kopfnicken für die Unterstützung. »Unser Zuhause kann uns nicht alle ernähren«, fuhr sie fort. »Aber für einige von uns gibt es einen anderen Ort, der voller Sonne ist und voller Beute für alle Zeitwechsel. Ich habe ihn gesehen … in meinen Träumen.«
Ihre Ankündigung wurde mit tiefem Schweigen aufgenommen. Grauer Flug verstand nicht, was die Sagerin gerade gemeint haben könnte. Träume? Wozu soll das gut sein? Ich habe von einem riesigen Adler geträumt, den ich gejagt und ganz allein gegessen habe, aber als ich aufgewacht bin, war ich genauso hungrig wie vorher!
Er bemerkte, dass Brüllender Löwe kerzengerade dasaß und die Steinsagerin mit großen, erstaunten Augen anstarrte.
»Ich glaube aus tiefstem Herzen, dass dieser Ort zwar nicht auf uns alle wartet, aber doch auf diejenigen, die den Mut haben, die Reise anzutreten«, fuhr sie fort. »Schattiges Moos wird euch führen, ich habe ihn dazu ernannt.«
Die alte weiße Kätzin ließ den Blick erneut über ihren Stamm schweifen, Traurigkeit und Schmerz lagen in ihren Augen. Dann glitt sie vom Felsbrocken und verschwand an der Rückwand der Höhle in dem Tunnel, der zu ihrem Bau führte.
Eine Flut erschrockener Mutmaßungen wurde unter den übrigen Katzen laut. Schattiges Moos ließ sie ein paar Herzschläge lang gewähren, dann trat er vor und bat mit erhobenem Schwanz um Ruhe.
»Ich war zeit meines Lebens hier zu Hause«, hob er an, sobald er sich Gehör verschaffen konnte. Seine Stimme klang feierlich. »Und bin immer davon ausgegangen, dass ich auch hier sterben würde. Aber wenn die Steinsagerin glaubt, dass einige von uns den Ort aus ihrem Traum finden müssen, dann werde ich gehen und mein Bestes geben, damit euch nichts geschieht.«
Getupfter Pelz sprang auf die Pfoten, ihre goldgelben Augen leuchteten. »Ich komme mit!«
»Ich auch!«, rief Großer Schatten und ihre schlanke Gestalt war angespannt vor Aufregung.
»Habt ihr Flöhe im Kopf?« Knorriger Zweig, ein hagerer, brauner Kater, starrte die beiden Kätzinnen ungläubig an. »Einfach loszulaufen, ohne zu wissen, wo ihr hinwollt?«
Grauer Flug schwieg, obwohl er Knorriger Zweig insgeheim zustimmen musste. Die Berge waren sein Zuhause, er kannte jeden Stein, jeden Strauch, jeden Bachlauf. Es würde mir das Herz zerreißen, wenn ich gehen müsste, bloß weil die Steinsagerin einen Traum hatte.
Er drehte sich nach Wolkenhimmel um und sah zu seiner Verwunderung, dass die Augen des Bruders vor Aufregung leuchteten. »Du denkst doch nicht ernsthaft daran, mitzugehen?«, fragte er.
»Warum nicht?«, entgegnete Wolkenhimmel. »Das könnte die Antwort auf all unsere Probleme sein. Wozu kämpfen, um jedes Maul zu stopfen, wenn es eine andere Möglichkeit gibt?« Seine Schnurrhaare zitterten vor Eifer. »Das wird ein Abenteuer!« Laut rief er Schattiges Moos zu: »Ich komme mit!« Mit einem Blick auf Funkelnder Bach fuhr er fort: »Und du begleitest mich, nicht wahr?«
Funkelnder Bach rückte näher an Wolkenhimmel heran. »Ich weiß nicht … würdest du denn wirklich ohne mich gehen?«
Bevor Wolkenhimmel antworten konnte, drängelte sich Zackiger Berg zwischen seine beiden großen Brüder, gefolgt von Flatternder Vogel. »Ich will auch mit!«, verkündete er laut.
Flatternder Vogel nickte begeistert. »Und ich!«, maunzte sie aufgeregt.
Sanfter Regen war ihnen gefolgt und zog die beiden Jungen mit dem Schwanz zu sich. »Ganz bestimmt nicht!«, miaute sie. »Ihr beiden bleibt auf jeden Fall hier.«
»Warum? Du kannst doch auch mitkommen«, schlug Zackiger Berg vor.
Seine Mutter schüttelte den Kopf. »Hier ist mein Zuhause«, sagte sie. »Wir haben hier immer überlebt. Wenn es wärmer wird, gibt es auch wieder genug zu essen.«
Grauer Flug neigte zustimmend den Kopf. Wie können sie vergessen, was Sanfter Regen mir gesagt hat, als ich noch ein Junges war? Dieser Ort war uns von einer Katze verkündet worden, die uns von einem fernen See hierhergeführt hat. Wie können sie auch nur daran denken, wegzugehen?
Schattiges Moos erhob noch einmal seine mächtige Stimme über den Tumult. »Keine Katze muss sich jetzt entscheiden«, verkündete er. »Denkt in Ruhe darüber nach, was ihr tun wollt. Halbmond liegt gerade hinter uns. Ich werde beim nächsten Vollmond aufbrechen, zusammen mit jeder …«
Er brach ab, sein Blick war am äußersten Ende der Höhle hängen geblieben. Grauer Flug drehte sich um und sah, dass gerade eine Jagdpatrouille zurückgekehrt war. Ihre Pelze waren schneeverkrustet und sie ließen die Köpfe hängen.
Keine Katze hatte Beute mitgebracht.
»Es tut uns leid«, rief Brechendes Eis. »Es schneit heftiger denn je, und kein einziges …«
»Wir gehen weg!«, rief eine Katze aus der Gruppe, die sich um Schattiges Moos versammelt hatte.
Die Jagdpatrouille blieb einen Moment lang reglos stehen, verwirrt und erschrocken blickten sie einander an. Dann rannten sie in die Höhle, um sich von ihren Stammesgefährten erzählen zu lassen, was die Steinsagerin verkündet hatte und wie die Pläne von Schattiges Moos aussahen.
Schildkrötenschwanz schlängelte sich zu Grauer Flug durch, ließ sich neben ihm fallen und fing an, den schmelzenden Schnee aus ihrem Fell zu lecken. »Ist das nicht großartig?«, fragte sie zwischen zwei Zungenstrichen. »Ein warmer Ort, wo es reichlich Beute gibt, die nur auf uns wartet? Gehst du mit, Grauer Flug?«
»Ich gehe jedenfalls mit«, antwortete Wolkenhimmel, bevor Grauer Flug etwas sagen konnte. »Und Funkelnder Bach auch.« Die junge Kätzin sah ihn unsicher an, aber Wolkenhimmel bemerkte sie nicht. »Es wird eine anstrengende Reise, aber ich glaube, sie lohnt sich.«
»Das wird wunderbar!« Schildkrötenschwanz blinzelte glücklich. »Komm schon, Grauer Flug! Was meinst du?«
Grauer Flug konnte ihr die Antwort nicht geben, die sie hören wollte. Als er den Blick durch die Höhle und über die Katzen schweifen ließ, die er sein Leben lang gekannt hatte, konnte er sich nicht vorstellen, sie wegen eines Ortes zu verlassen, der vielleicht nur in den Träumen der Steinsagerin existierte.
2. KAPITEL
Grauer Flug wurde von seinem knurrenden Magen geweckt. Die Hungerattacken waren seit der Ansprache der Steinsagerin vor ein paar Sonnenaufgängen noch schlimmer geworden. Und ständig schwirrten Diskussionen durch die Höhle, ob es eine gute Idee war, wegzugehen, und wie es an dem neuen Ort wohl sein könnte.
In seiner Schlafkuhle konnte Grauer Flug das aufgeregte Geplapper der Katzen in der Nähe nicht überhören.
»Was glaubst du, was wir da jagen können?« Grauer Flug erkannte die Stimme von Getupfter Pelz. »Andere Vögel vielleicht – oder diese … Eichhörnchen, die in den Geschichten der Ältesten immer vorkommen.«
»Wir müssen aber aufpassen.« Das war Wolkenfleck, der wie üblich Bedenken hatte. »Wenn wir zu viel essen, werden wir zu fett zum Jagen, und was machen wir dann?«
Grauer Flug hörte Schneehase belustigt schnurren. »Mit diesem Problem würde ich mich sehr gern herumschlagen!«
Grauer Flug hob den Kopf und sah die drei Katzen dicht beieinandersitzen, zusammen mit Großer Schatten, die elegant ihre schwarzen Gliedmaßen reckte, bevor sie aufstand. »Ich frage mich, welche neuen Jagdtechniken wir lernen müssen. An dem neuen Ort ist bestimmt alles ganz anders.«
»Du warst ja immer schon so gut wie unsichtbar«, miaute Schneehase spöttisch, »und kannst dich bestimmt gut an deine Beute anschleichen, solange sie schläft.«
Großer Schatten leckte sich selbstzufrieden die Brust. »Vielleicht probiere ich es einfach mal.«
Grauer Flug kletterte aus seiner Schlafkuhle, schüttelte Moos und Federn von seinem Pelz und dehnte sich mit einem ausgiebigen Buckel. Er beschloss, rauszugehen und zu jagen. Es bringt nichts, über Beute zu reden, die es irgendwo geben könnte, wenn wir jetzt essen müssen.
Sonnenlicht strömte in die Höhle und verwandelte die Wasserwand in einen blendenden Glitzervorhang. Als Grauer Flug auf dem Pfad hinter dem Wasserfall ins Freie trat, sah er, dass der Himmel blau und klar war. Seine Pfoten kribbelten vor Freude über die Schönheit der Bergspitzen, die sich davor abzeichneten. Er genoss die kalte, reine Luft und atmete sie in tiefen Zügen ein.
Wie soll ich all das verlassen?
Grauer Flug lief über das Sims weiter auf der Schneedecke, die von den Pfotenschritten zahlreicher Katzen festgetreten worden war. Von irgendwo über ihm hörte er Stimmen.
»Funkelnder Bach, du musst einfach mitkommen!«
Er hob den Kopf und sah Wolkenhimmel und Funkelnder Bach oben auf dem Felskamm stehen, wo das Wasser über die Klippe strömte.
»Das wird einfach großartig«, fuhr Wolkenhimmel fort, »wenn wir zusammen neue Gebiete erkunden.«
Funkelnder Bach drehte den Kopf weg. »Ich weiß nicht … ich bin hier zu Hause und bis jetzt haben wir hier auch überlebt.«
»Mehr als nur überleben willst du nicht?«, fragte Wolkenhimmel und legte Funkelnder Bach den Schwanz fest um die Schultern. »Ich will hier weg, aber ohne dich wäre es nicht dasselbe.«
Funkelnder Bachs Augen leuchteten auf, doch sie schüttelte den Kopf. »Ich habe noch ein paar Tage Zeit, bis ich mich entscheiden muss«, miaute sie.
Wolkenhimmel blickte ihr nach, als sie auf flinken Pfoten die Felsen hinabsprang. Als Grauer Flug sie näher kommen sah, schlug sein Herz unwillkürlich schneller. Wie hübsch sie ist … aber sie wird eines Tages die Gefährtin meines Bruders sein. Der Kater hat wirklich Glück, so viel ist sicher.
»Wollen wir zusammen jagen?«, fragte Funkelnder Bach, als sie vom letzten Felsbrocken zu Grauer Flug hinabgesprungen war. »Und geh mir bloß nicht wie Wolkenhimmel auf die Nerven, weil ich mit Schattiges Moos die Berge verlassen soll!«
»Keine Sorge«, versprach Grauer Flug. »Ich habe mich noch gar nicht entschieden.«
»Ich wünsche euch diesmal keine erfolgreiche Jagd!«, rief Wolkenhimmel von oben. »Damit euch endlich klar wird, dass wir hier wegmüssen.«
Grauer Flug winkte ihm fröhlich mit der Schwanzspitze zu und setzte seinen Weg über den Bergrücken fort. Funkelnder Bach kletterte hinter ihm her. Je mehr sie sich dem Gipfel näherten, desto eisiger blies ihnen der Wind durch den Pelz und fegte den Schnee von den Felsen, bis sie kahl und grau in den Himmel ragten. Am Horizont türmten sich schmutzig gelbe Wolken auf, die mehr Schnee bringen würden.
Mit dem Wind im Rücken blickte Grauer Flug um sich und entdeckte drei Katzen unten im Tal – winzige schwarze Gestalten, zu weit entfernt für ihn, um erkennen zu können, wer sie waren. Sie verfolgten einen Habicht, der tief über den Hängen schwebte und die Katzen allmählich aus seinem Blickfeld führte.
Funkelnder Bachs Stimme brach die weite Stille der Berge. »Grauer Flug – was hältst du von dem Traum unserer Steinsagerin?«
Grauer Flug zögerte mit seiner Antwort. »Ich bin mir nicht sicher«, gestand er schließlich. »Kann es wirklich sein, dass sie von einem neuen Ort weiß, an dem wir leben können, ohne dass sie genau sagen kann, wo er ist? Warum haben nicht noch mehr Katzen davon geträumt?«
»Vielleicht kann das nur die Steinsagerin«, warf Funkelnder Bach ein. Dann hielt sie inne und blinzelte nachdenklich. Grauer Flug sah Furcht in ihren schönen grünen Augen. »Ich lebe so gern in den Bergen«, fuhr sie fort. »Trotz der Kälte und des Hungers. Ich habe mir immer vorgestellt, wie ich meine Jungen hier großziehe … aber ich bin auch immer davon ausgegangen, dass Wolkenhimmel ihr Vater wird.«
Als sie geendet hatte, drehte sie den Kopf zur Seite und leckte sich ein paarmal verlegen über die Schulter. Grauer Flug wunderte sich über ihre Bedenken, bisher war sie ihm immer so selbstbewusst und gefestigt vorgekommen. Er verspürte einen Anflug von Eifersucht, weil sie den Mut aufbrachte, ihre eigenen Hoffnungen und Träume beiseitezuschieben, um mit Wolkenhimmel ins Ungewisse zu reisen – und weil ihre Verbindung zu seinem Bruder so stark war.
Bevor ihm einfiel, was er dazu sagen könnte, schüttelte Funkelnder Bach den Pelz. »Am besten vergisst du alles, was ich gerade gesagt habe!«, miaute sie. »Und wehe, du erzählst Wolkenhimmel davon! Ich will nicht, dass er glaubt, ich hätte mich schon entschieden.«
»Ich werde kein Wort verraten«, versprach Grauer Flug.
Ich bin wie zerrissen, dachte er. Wolkenhimmel und ich haben immer alles gemeinsam gemacht. Jetzt muss ich mich entscheiden, ob ich mit ihm gehen oder mit dem Rest meiner Familie hierbleiben will, an dem Ort, der immer mein Zuhause war.
Etwas bewegte sich und lenkte ihn von seinen Problemen ab. Ein Schneehase! Er wirbelte herum und rannte über den Hang seiner Beute nach. Mit seinem dicken, weißen Pelz war der Hase im Schnee kaum zu sehen, aber als er auf den vom Wind leer gefegten Kamm sprang, hob er sich deutlich von den Felsen ab.
Funkelnder Bach hatte mit ihm die Verfolgung aufgenommen, aber Grauer Flug war schneller als sie. Er sauste voraus und genoss das Gefühl, wie der Wind über seine Schnurrhaare strich.
Mit einem letzten mächtigen Satz warf er sich auf seine Beute. Der panische Schrei des Hasen brach ab, als ihm Grauer Flug in die Kehle biss.
»Großartiger Fang!«, keuchte Funkelnder Bach. »Wie schnell du bist!«
»Keine schlechte Beute«, miaute Grauer Flug und betastete mit der Pfote den Hasen, der tatsächlich noch etwas Fleisch auf den Rippen hatte. »Wir können essen und trotzdem noch was zur Höhle bringen.«
Seite an Seite ließen sie sich nieder, um ihre Beute zu verzehren. Während des Mahls ließ Grauer Flug die eindrucksvolle Landschaft auf sich wirken, all die Gipfel und Täler, die sich scheinbar endlos vor ihnen erstreckten.
»Du wirst hierbleiben, nicht wahr?«, fragte Funkelnder Bach und sah ihn mit ihren grünen Augen eindringlich an.
Grauer Flug holte tief Luft. »Ja, ich bleibe.«
Als sie genug gegessen hatten, nahmen die beiden Katzen die Reste des Hasen auf und traten den Rückweg zur Höhle an. Es war ein erhebendes Gefühl für Grauer Flug, dass er seinen Stammesgefährten Nahrung bringen konnte.
Als der Wasserfall in Sichtweite kam, sah er von unten eine Katzengruppe den Hang herauflaufen. Schattiges Moos führte sie an, Wolkenhimmel war an seiner Seite. Großer Schatten, Getupfter Pelz und Regen auf Blüte folgten dicht hinter ihnen. Schildkrötenschwanz bildete den Schluss.
»Hallo«, miaute Wolkenhimmel, als die Gruppen aufeinandertrafen. »He, ihr habt ja einen Hasen gefangen!«
Grauer Flug nickte zufrieden. »Ja, den bringen wir jetzt zurück.«
»Wir klettern heute noch bis zur Spitze«, erklärte Wolkenhimmel mit einer Schwanzgeste zu seinen Begleitern, »und sehen uns um, welcher Weg Richtung Sonnenaufgang am besten aus den Bergen führt.«
»Wollt ihr nicht mitkommen?«, fragte Schildkrötenschwanz und sprang zu Grauer Flug hinüber.
Grauer Flug zögerte. Er hatte inzwischen entschieden, dass er bleiben würde, aber das sollten die anderen Katzen noch nicht erfahren. »Wir sind zu müde von der Jagd«, antwortete er. »Ein andermal vielleicht.«
Beim Eintritt in die Höhle spürte Grauer Flug die Rastlosigkeit unter seinen Stammesgefährten. Einige hockten vor den Höhlenwänden in kleinen Gruppen zusammen, wo sie mit gedämpften Stimmen miteinander sprachen. Andere schritten auf und ab und schienen zu besorgt, um sich niederzulassen. Die Steinsagerin war nirgends zu sehen.
»Glaubst du, dass sie uns wirklich verlassen werden?«, flüsterte Singender Stein, der mit seiner Gefährtin Hohler Baum an ihm vorbeitappte.
»Ich glaube schon«, antwortete Hohler Baum. »Haben sie Flöhe im Kopf? Sie wissen doch gar nicht, was sie da draußen erwartet oder ob es den Ort, den sie suchen, überhaupt gibt!«
Grauer Flug wusste, dass viele Stammeskatzen dasselbe dachten.
Er wünschte sich, die Steinsagerin hätte nie eine Vision gehabt oder nie darüber gesprochen. Sie muss doch wissen, dass sie den Stamm auseinanderreißt!
»Warum darf ich denn nicht mitgehen?« Zackiger Berg war zum Höhlenausgang unterwegs, wurde aber von Sanfter Regen aufgehalten.
»Zum letzten Mal«, miaute seine Mutter verärgert, »du bist noch zu klein, um die Höhle zu verlassen.«
»Das ist gemein!« Zackiger Berg sträubte das Nackenfell und funkelte seine Mutter an.
»Komm zu mir, Zackiger Berg.« Schneehase tappte heran und nickte Sanfter Regen im Vorbeigehen zu. »Ich zeige dir ein neues Spiel. Lass sehen, ob du diesen Stein fängst.« Mit der Pfote schleuderte sie einen Kieselstein über den Höhlenboden.
Zackiger Berg jaulte begeistert auf und flitzte hinterher.
»Danke, Schneehase«, flüsterte Sanfter Regen. »Bei dem tiefen Schnee kann ich doch nicht zulassen, dass er rausgeht.«
»Keine Ursache«, antwortete die Älteste.
Grauer Flug trug die Reste des Hasen zu seiner Mutter und ließ sie vor ihren Pfoten fallen. »Hier, möchtest du etwas davon?«, fragte er.
Sanfter Regen schnurrte dankbar. »Das ist ein sehr guter Fang«, lobte sie ihn. »Ich bringe Flatternder Vogel ein Stück.« Mit zitternder Stimme fügte sie hinzu: »Heute Morgen hat sie es nicht mal geschafft, aus ihrem Nest zu klettern. Aber es wird ihr bestimmt besser gehen, wenn sie etwas gegessen hat.«
Grauer Flug folgte seiner Mutter, die den Hasen durch die Höhle zu der Schlafkuhle trug, in der Flatternder Vogel zusammengerollt lag.
»Wirst du dich Schattiges Moos anschließen?«, wollte Sanfter Regen von ihm wissen, nachdem sie die Beute am Rand der Kuhle abgelegt hatte. »Wolkenhimmel hat mir schon gesagt, dass er mitgeht …« Sie bemühte sich, ihrer Stimme einen unbeschwerten Klang zu verleihen, aber ihre Worte endeten mit einem betrübten Seufzer.
»Ich bleibe hier«, versicherte ihr Grauer Flug und berührte sie mit der Nase am Ohr. »Ich bin hier zu Hause. Ich will so viel Beute fangen, dass der Rest von uns hier überleben kann. Vor vielen Monden haben unsere Ahnen den See verlassen und sind hierhergekommen. Ich kann nicht glauben, dass es umsonst gewesen sein soll.«
Sanfter Regen legte ihm die Schnauze auf den Kopf. »Ich bin so stolz auf dich«, flüsterte sie. Ein paar Herzschläge lang fühlte sich Grauer Flug getröstet und beschützt wie ein Junges, das an der Zitze der Mutter saugt.
Sanfter Regen beugte sich über die Schlafkuhle und leckte Flatternder Vogel die Schulter. »Wach auf, meine Kleine«, miaute sie. »Ich habe etwas Leckeres zu essen für dich.«
Die Angst versetzte Grauer Flug einen Stich, als er seine Schwester musterte. Sie schien kaum zu atmen.
»Flatternder Vogel!« Sanfter Regen stupste sie mit einer Pfote an, aber das Junge wachte immer noch nicht auf. »Grauer Flug, hol die Steinsagerin«, rief seine Mutter mit Panik in der Stimme.
Grauer Flug rannte durch die Höhle und verschwand im Tunnel, der zur Höhle der spitzen Steine führte. Er war bisher nur ein Mal dort gewesen und verlangsamte trotz aller Dringlichkeit ehrfürchtig sein Tempo, als er sich dem Eingang näherte.
In der Höhle sah er dünne Sonnenstrahlen durch das Loch in der Decke eindringen und die Steinsäulen beleuchten, die sich viele Schwanzlängen nach oben erstreckten. Das Sonnenlicht spiegelte sich in den Pfützen am Boden und der große, hohle Raum war erfüllt vom Geräusch stetig tropfenden Wassers.
Anfangs konnte Grauer Flug die Sagerin nicht entdecken, aber nach einer Weile sah er sie in den Schatten sitzen. Sie hatte die Augen geschlossen und den Schwanz über die Pfoten gelegt.
Schläft sie?, fragte er sich und tappte zu ihr.
Aber als er sich näherte, öffnete sie die Augen. »Grauer Flug – ist etwas passiert?«, miaute sie.
»Es ist wegen Flatternder Vogel«, erklärte Grauer Flug mit heftig klopfendem Herzen. »Sie wacht nicht auf.«
Sofort erhob sich die greise Kätzin, tappte zu einem Spalt im Felsen und nahm einige vertrocknete Blätter heraus. Grauer Flug erhaschte einen Blick auf ihre kläglichen Vorräte und wusste, dass es erst wieder frische Heilkräuter geben würde, wenn der Schnee schmolz und warmes Wetter neues Wachstum hervorbrachte.
Er folgte der Steinsagerin zu Flatternder Vogel in der Schlafkuhle. Sanfter Regen stand neben ihr und ließ ihre Krallen nervös ein- und ausfahren. Ein Blick in ihre Augen zeigte Grauer Flug, wie verzweifelt sie war, krank vor Kummer wegen ihrer Tochter.
Die Steinsagerin beugte sich über das winzige Junge und legte ihm eine Pfote auf die Brust, um ihre Atmung und den Herzschlag zu fühlen. Dann zerkaute die alte Kätzin eines der Blätter, öffnete das Maul des Jungen und schob ihr die Paste auf die Zunge. »Sei tapfer, meine Kleine«, flüsterte sie. »Du musst das schlucken. Es wird dir helfen.«
Aber Flatternder Vogel blieb reglos. Sie öffnete nicht einmal die Augen.
Die Steinsagerin sah Sanfter Regen an und flüsterte: »Sie ist weit, weit weg von uns. Der Hunger ist zu groß für sie. Du musst mit dem Schlimmsten rechnen, Sanfter Regen.«
Grauer Flugs Mutter sank in sich zusammen und ihre Krallen kratzten über den Steinboden der Höhle. »Es ist meine Schuld«, miaute sie. »Ich hätte ihr all mein Essen geben müssen. Was habe ich mir nur dabei gedacht, in der Zeit der Kälte Junge in die Welt zu setzen?«
Grauer Flug wurde das Herz schwer, als er zu Sanfter Regen trat und sich eng an sie schmiegte. »Du kannst doch nichts dafür«, miaute er.
»Warum habe ich nicht …«
Die Steinsagerin hob die Pfote und schnitt Sanfter Regen das Wort ab. »Still, Sanfter Regen. Flatternder Vogel kann dich vielleicht hören. Lass sie nicht mit dem Wissen, dass du Angst hast und wütend bist, in die Finsternis gehen.«
Grauer Flug sah, wie seine Mutter all ihre Kraft zusammennahm, um sich zu beruhigen. Sie schlüpfte in die Schlafkuhle, legte sich dicht neben Flatternder Vogel und leckte ihr tröstend das Fell. »Ich bin so stolz auf dich, meine einzige Tochter«, miaute sie leise. »Du bedeutest uns allen so viel. Wir werden dich niemals vergessen.«
Kummer überwältigte Grauer Flug. Die Flanke seiner Schwester hob sich noch einmal und blieb dann still. »Leb wohl, Flatternder Vogel«, flüsterte er.
Die Steinsagerin neigte den Kopf vor Sanfter Regen und tappte zu ihrem Tunnel zurück.
Grauer Flug wandte sich wieder an seine Mutter. »Soll ich dir helfen, Flatternder Vogel hinauszutragen und zu begraben?«, fragte er.
Sanfter Regen schmiegte sich noch dichter an den Körper ihrer Tochter. »Erst wenn die Wärme aus ihrem Pelz gewichen ist«, antwortete sie. »Bitte geh und bring Zackiger Berg zu mir.«
Grauer Flug blickte sich um und entdeckte seinen Bruder am anderen Ende der Höhle, wo er mit ein paar Jungen spielte. Er rannte zu ihm und winkte ihn mit der Schwanzspitze heran.
»Was gibt’s?«, fragte Zackiger Berg und unterbrach sein Gerangel mit einer getigerten Kätzin.
»Unsere Mutter will dich sprechen«, antwortete Grauer Flug.
Zackiger Berg rappelte sich auf die Pfoten und trabte durch die Höhle zu der Schlafkuhle. Dort sprach Sanfter Regen leise mit ihrem Sohn. Zackiger Berg starrte sie an, dann öffnete er das Maul und stieß einen schrillen Klagelaut aus.
Sanfter Regen streckte den Schwanz aus und zog Zackiger Berg zu sich heran. Der Schmerz stieß Grauer Flug wie eine eisige Steinspitze ins Herz, als er seine Mutter dort liegen sah, dicht an ihre beiden Jungen geschmiegt, ein lebendes und ein totes, und die Nase in ihren Pelzen vergrub.
Er fragte sich, ob sie Zackiger Berg wohl jemals wieder weglassen würde.
Grauer Flug sah Schattiges Moos mit Wolkenhimmel und den anderen von ihrer Suche nach der Reiseroute aus den Bergen zurückkehren.
»Das hat sich gelohnt!« Wolkenhimmel schüttelte den schmelzenden Schnee aus seinem Pelz. »Wir wissen jetzt, welchen Weg wir nehmen müssen.«
»Er führt am Rand des Tals entlang«, miaute Schattiges Moos und hörte sich dabei etwas weniger optimistisch an. »Am Ende ist ein Spalt, der müsste uns aus den Bergen hinausführen. An einer Stelle müssen wir einen zugefrorenen Bach überqueren und da sollten wir vorsichtig sein.«
»Aber es ist der kürzeste Weg!«, warf Schildkrötenschwanz begeistert ein.
»Es sieht jedenfalls so aus«, stimmte Schattiges Moos zu. »Und mit ein bisschen Glück meiden wir so die Schneewehen weiter unten.«
Während die anderen Katzen Schattiges Moos umlagerten, trat Grauer Flug zu Wolkenhimmel und tippte ihm mit der Schwanzspitze an die Schulter. Wolkenhimmel blickte sich um, bis er Sanfter Regen mit den beiden Jungen in ihrer Schlafkuhle entdeckte. Seine Augen wurden groß.
»Was ist passiert?«, fragte er.
»Flatternder Vogel ist tot«, antwortete Grauer Flug.