Kenneth Oppel, geboren 1967, gilt als literarisches Phänomen. Von Roald Dahl ermutigt, veröffentlichte er sein erstes Kinderbuch mit 14 Jahren. Inzwischen hat er zahlreiche Romane und Drehbücher verfasst. Heute lebt er mit seiner Familie in Toronto. Bei Beltz & Gelberg ist u. a. seine weltweit erfolgreiche Fledermaus-Trilogie mit den Bänden Silberflügel, Sonnenflügel und Feuerflügel erschienen. Darüber hinaus der Roman Affenbruder sowie der zweite Band der Bloom-Trilogie Bloom. Sie schlüpfen auch in deiner Stadt.

Prolog

Luft wirbelte in den Hubschrauber, als der Soldat die Tür aufstieß. Anaya schaute auf die steinigen Abhänge der Insel hinab. Auf einem Felsen erspähte sie eine einzelne magere Ziege. Dann hatten sie den Wald erreicht, der Schatten des Hubschraubers huschte über die Baumwipfel hinweg.

Ängstlich suchte sie die dicht stehenden Bäume ab, nach einem Sumpfgebiet, einem See, irgendeinem Einschnitt – dort würden sie Dad finden.

Ihr Magen krampfte sich zusammen, als sie an seinen letzten Videoanruf dachte. Sein verstörtes, dreckverschmiertes Gesicht. Seine verzweifelten Worte.

Komme hier nicht weg …

Sie sind überall …

Über den Rotorenlärm hinweg rief der Soldat: »Hier ist kein See!«

Gehetzt spähte Anaya über den Wald. Auch sie konnte keinen entdecken.

»Ich dachte, du wüsstest, wo die Stelle ist!« Der Soldat klang gereizt.

»Weiß ich auch. Er ist länglich und bohnenförmig. Ich habe Fotos davon gesehen.«

»Du hast gesagt, du wärst dort gewesen.«

»Das ist schon lange her.« Sehr lange, um ehrlich zu sein. Sie war damals erst fünf Jahre alt gewesen. »Er liegt im Nordosten der Insel«, erklärte sie.

»Dann hätten wir ihn längst gesehen. So groß ist die Insel ja nicht.«

»Er muss hier aber irgendwo sein«, beharrte Anaya. »Er kann sich doch nicht einfach in Luft aufgelöst haben!«

»Noch eine Runde«, wies der Soldat die Piloten übers Headset an.

Frustriert schüttelte Anaya den Kopf. »Er müsste genau hier sein!«

»Ich sehe nichts als Bäume«, sagte der Soldat.

Anaya starrte weiter nach unten, bis ihr plötzlich ein kalter Schauer über den Rücken lief. »Das sind keine Bäume«, sagte sie.

Und dann sackte der Hubschrauber plötzlich ab, als würde er von irgendeiner Kraft nach unten gerissen.

Zwei Wochen zuvor

Kapitel 1: Anaya

Als Anaya aufwachte, konnte sie ihre Augen nicht mehr öffnen.

Seufzend befühlte sie ihre Augenlider. Total verklebt. Sie setzte sich auf und nieste sieben Mal hintereinander. Ihre Nasenlöcher waren trocken und verkrustet. Sie stieg aus dem Bett und tastete sich routiniert bis zum Badezimmer. Beim Waschbecken fand sie den Waschlappenstapel und drehte das heiße Wasser auf. Als sie die ersten Male so aufgewacht war, hatte sie noch Panik bekommen. Mittlerweile war sie daran gewöhnt, vor allem jetzt, da die Pollen Hochkonjunktur hatten. Geduldig presste sie den feuchten, warmen Lappen auf ihre Augenlider, um den verklebten Schleim aufzuweichen. Als sie ihre Augen endlich wieder öffnen konnte, starrte sie mit verschwommenem Blick in den Spiegel.

»Wo hast du dich nur so lange versteckt, du wunderschönes Geschöpf?«, fragte sie ihr Spiegelbild.

Ihre Augen, die sie eigentlich am liebsten an sich mochte, waren verquollen und erinnerten momentan eher an Schweinsäuglein. Vom ständigen Schnäuzen war ihre Nasenspitze wund und aufgesprungen. Um das Ganze noch ein wenig mehr aufzupeppen, spross eine ganze Kolonie neuer Pickel in ihrem Gesicht.

Die Nachwehen einer Kopfschmerzattacke pochten in ihrem Schädel und erinnerten sie an ihren Traum – einer von denen, die sie immer wieder hatte. Sie war unglaublich schnell gerannt und fühlte sich geradezu berauscht, auch wenn darauf meist Kopfschmerzen folgten.

Genervt öffnete sie das vollgestopfte Medizinschränkchen. Spezielle Waschlotionen und Salben gegen ihre Akne, Inhalationssprays gegen das Asthma, Monstertabletten gegen die Allergien, von denen sie gleich zwei auf einmal einwarf. Dies war definitiv ein Zwei-Tabletten-auf-einmal-Tag.

Anaya begann mit ihrer Waschroutine, unterbrach sich jedoch schnell. Was machte sie denn da? Sie wollte doch so mitgenommen aussehen wie möglich. Wenigstens ein Auge hätte sie verklebt lassen sollen.

Mit extra wankenden Schritten schlurfte sie in die Küche. Ihre Nase war zwar komplett verstopft – aber das Toastbrot roch sie dennoch. Sie konnte es förmlich vor sich sehen: eine knusprige, gebräunte Brotscheibe mit schmelzender Butter und Marmelade. Sie liebte Toast – zumindest hatte sie das, bevor sie praktisch gegen die Hälfte sämtlicher Nahrungsmittel allergisch geworden war.

Mom trug bereits ihre Uniform und stellte ihr Frühstücksgeschirr in die Spülmaschine.

»Ich kann heute nicht zur Schule gehen«, verkündete Anaya.

Ihre Mom drehte sich um. »Hör mal, mein Schatz …«

»Rufst du bitte im Sekretariat an?«

»Du durftest letzte Woche schon zwei Tage zu Hause bleiben. Und dabei bist du nicht einmal richtig krank.«

Anaya zeigte auf ihr Gesicht. »Im Krankenhaus würden sie mich in Sekundenschnelle auf die Intensivstation verfrachten.«

Mom lachte leise und strich Anayas langes, welliges Haar zurück. »Du bist wunderschön.«

»Meine Haut ist eine einzige Kraterlandschaft!«

»Die anderen sehen nicht deine Akne, sie sehen dich

»Nur wenn sie Röntgenaugen hätten.«

Mom konnte das nicht nachvollziehen. Sie war schon immer wunderschön gewesen, die glamouröseste Mom, die man sich vorstellen konnte. Groß und schlank, mit rabenschwarzem Haar, das sich über ihrer frisch gebügelten weißen Bluse mit dem gestärkten Kragen und den Epauletten wellte: vier Streifen, die einzige Pilotin, die für Island Air flog. Lilah Dara – selbst ihr Name war wunderschön. Wenn sie ihre Sonnenbrille aufsetzte und die Bomberjacke anzog, wirkte ihre Pilotenuniform wie ein elegantes Outfit aus einem Pariser Modestudio.

Anaya war kleiner und hatte Dads stabileren Körperbau geerbt. Das störte sie nicht – was sie störte, war ihre Akne und dass sie keinen Schultag ohne Asthmaattacken und Schwächeanfälle überstand.

»Hast du die Akne-Creme aufgetragen?«, wollte Mom wissen.

»Gestern Abend.«

»Du sollst sie auch tagsüber verwenden.«

»Sie stinkt so fürchterlich.«

»Der Arzt meinte, es wäre wichtig.«

»Damit ich hässlich aussehe und stinke wie ein Iltis!«

»Das stimmt doch gar nicht«, sagte Mom und umarmte sie.

»Wenn ich zu Hause bleibe, kann ich weiter an meinem Geschichtsreferat arbeiten.«

»Deine Zensuren könnten nicht besser sein, Anaya!«

Anaya hustete und röchelte jämmerlich. »Wir haben heute Sport«, startete sie einen letzten Versuch.

»Dafür schreibe ich dir eine Entschuldigung«, lenkte Mom ein.

Anaya seufzte und gab sich geschlagen. Mom würde ihr nicht erlauben, heute zu Hause zu bleiben. Aber Dad vielleicht schon.

»Ich muss los. Ich hab euch im Backofen ein paar Mung-Dal-Pfannkuchen warm gestellt«, sagte Mom. »Dad soll das Chutney nicht vergessen.«

»Danke!«

Mom aß am liebsten Rührei und Toast zum Frühstück, aber für Anaya machte sie oft Linsenküchlein, die sie mit Paneer-Frischkäse füllte. Linsen gingen klar, und Paneer gehörte zu den wenigen Käsesorten, die sie trotz ihrer Laktose-Intoleranz vertragen konnte. Außerdem schmeckten die Pfannkuchen köstlich.

Mom richtete den Knoten ihrer schwarzen Krawatte. »Zum Abendessen bin ich zurück.«

»Interessante Tour heute?«

Mom steuerte Wasserflugzeuge, sogenannte deHavilland Beavers. Sie flog meistens zwischen Victoria und Vancouver hin und her, doch es gab auch Charterflüge zu den Golf-Inseln und weiter in den Norden.

»Ich hole eine Sportanglergruppe aus Sonora ab. Heute Abend stinke ich bestimmt nach Lachs.«

Sie schrieb noch schnell eine Entschuldigung für den Sportunterricht und reichte sie Anaya. »Es wird irgendwann besser«, sagte sie und drückte ihr einen Kuss auf die Stirn. »Bis später, mein Liebes.«

Sie wollte ihrer Mutter glauben. Sie wollte glauben, dass sie eines Tages aufblühen würde. Sie stellte sich vor, wie ein unscheinbares Blümchen plötzlich seine prachtvollen Blütenblätter entfaltete. Alle würden von ihren Telefonen aufschauen, sich die Ohrstöpsel rausziehen, nach Luft schnappen und sagen: Wo kommt die denn so plötzlich her! So etwas Wunderschönes habe ich noch nie zuvor gesehen!

Mit verträumtem Lächeln nahm sie einen Apfel aus der Obstschale, schnitt ihn in der Mitte durch und steckte ihn für fünfundvierzig Sekunden in die Mikrowelle. Ihn roh zu essen, hätte zu Lippenbläschen und unerträglichem Juckreiz im Mundraum geführt.

Im Prinzip war sie gegen alles allergisch. Gluten, Eier, Milch. Rauch und Staub. Es gab ganze Monate, gegen die sie Allergien entwickelt hatte. Im April und Mai waren es die Pollen von Bäumen. Im Juni Gräser. Im Juli immer noch Gräser, aber auch noch Schimmelsporen. Im August und September kam dann Beifuß an die Reihe.

So schlimm war es nicht immer gewesen, erst in den letzten paar Jahren waren ihre Allergien richtig ausgeartet. Jetzt prangte quasi ein Steckbrief von ihr im Lehrerzimmer, der die Lehrer vor ihren Nahrungsmittelallergien warnte und sie darüber informierte, wo ihre EpiPens zu finden waren. Anaya hatte immer einen dabei.

Sie schaufelte sich ein paar Löffel Honig rein, denn jemand hatte ihr mal geraten, dass naturbelassener, lokaler Bienenhonig gegen die Allergien helfen würde, da man dadurch nach und nach in Kontakt mit sämtlichen Pollen seiner Gegend käme. Sie setzte den Wasserkessel auf, um sich grünen Tee zu kochen – weil noch jemand anderes ihr geraten hatte, dass es das Gesündeste sei, was man trinken könnte. Wenn man auf Salt Spring Island wohnte, erzählten die Leute einem ständig, was man am besten essen oder trinken sollte, um klug und gesund zu werden und ewig zu leben.

Dad kam in die Küche und brachte den Geruch nach Erde mit sich. Auch wenn er noch so oft duschte, er roch immer noch nach Laub und Tannennadeln und hatte Dreck unter den Fingernägeln. Tag für Tag trug er denselben grünen Wollpullover mit den aufgescheuerten Ellbogen. Meistens trug er einen ordentlichen Bart, doch manchmal geriet er genauso außer Kontrolle wie die wild wuchernden Pflanzen, die er studierte.

Dad war als Botaniker am Landwirtschaftsministerium beschäftigt und arbeitete auf der Versuchsfarm der Insel. Als Kind war Anaya die Versuchsfarm wie ein geheimnisvoller, cooler Ort erschienen. Sie hatte sich riesige Kühe vorgestellt und Hühner, die so groß waren wie Velociraptoren – doch in Wahrheit gab es auf der Farm nichts weiter als ein paar Gewächshäuser und struppige Beete mit langweiligen Pflanzen. Dads Spezialgebiet waren Gräser – was ihre Freunde natürlich unglaublich lustig fanden. »Hey, Anaya, kann dein Dad uns ein bisschen Gras besorgen? Wir haben gehört, er baut das beste Zeug an.« In Wahrheit erforschte er Möglichkeiten, Pflanzen am Wachstum zu hindern – zum Beispiel invasive Arten, die nicht hierhergehörten und dennoch prächtig gediehen und heimischen Pflanzen das Leben schwer machten.

»Wie geht’s dir?«, fragte Dad.

»Ich hab mir überlegt, ob ich vielleicht in einer Luftblase leben sollte«, erwiderte Anaya.

»Eine Luftblase«, wiederholte Dad, indem er die Backofentür öffnete und die Pfannkuchen in Augenschein nahm. »Sind die alle für mich?«

»Nein, ich möchte auch welche! Verstehst du, wie eine riesige Hamsterkugel. Man nennt sie Blorbs oder so ähnlich. Nur dass meine Kugel alle allergenen Stoffe ausfiltern würde.«

Dad stellte den Teller mit den Linsenpfannkuchen auf den Tisch und setzte sich. »Dann würdest du den ganzen Tag in dem Ding durch die Gegend rollen?«

»Ja, so in etwa«, sagte Anaya und nahm sich zwei Pfannkuchen. »Ich könnte damit zur Schule rollen.«

»Der Hügel könnte knifflig werden«, wandte Dad ein.

»Ich müsste vorher ordentlich Schwung nehmen. Man bräuchte nur hinten im Klassenraum etwas Platz zu schaffen. Da würde ich dann einfach hin und her eiern.«

»Und die anderen könnten dir Anaya-freundliche Snacks durch die Luftschleuse schieben.«

Anaya musste grinsen. »Und eines Tages würde ich vielleicht einen Jungen treffen, der genauso ist wie ich, und wir würden zusammen in eine größere Kugel ziehen und eine Kugel-Familie mit Kugel-Babys gründen.«

Dad nickte nachdenklich. »Ich glaube, das ist eine sehr gute Idee.«

»Kannst du bitte in der Schule anrufen und sagen, dass ich krank bin?«

»Nein«, sagte Dad mitfühlend. »Aber ich kann dich hinfahren.«

*

In den vergangenen zwei Wochen hatte Anaya sich mittags mit Tereza in den kleinen Raum neben der Bibliothek zurückgezogen, wo sie zusammen am Jahrbuch arbeiteten. Es sollte in zehn Tagen in die Druckerei und sie mussten sich mit der Gestaltung des Layouts beeilen.

Anfang des Jahres hatten sich viele Schüler für die Mitarbeit am Jahrbuch angemeldet, doch dann wurden es immer weniger, bis schließlich nur noch sie und Tereza übrig blieben. Anaya fand das nicht schlimm. So hatte sie Tereza für sich allein. Tereza war ein paar Jahre älter als sie. Sie rauchte und trug die Hemden ihres Freundes, und es gab nichts, was sie nicht gelesen hatte. Ihre Eltern waren aus Europa, und sie sprach mit leicht schleppendem Akzent, wodurch alles, was sie sagte, irgendwie bedeutsam klang. Im Grunde träumte Anaya davon, wie Tereza zu sein.

Anaya mochte den Jahrbuch-Raum. Es war ein Rückzugsort von den überfüllten Fluren, den Stolperfallen, dem Lärm, den Toilettenschlangen, den Papierhandtüchern (die meist fehlten), dem Toilettenpapier (das immer fehlte), den Klobrillen (zu eklig zum Draufsetzen). Allein die Schultoiletten waren ein guter Grund, die Schule zu hassen.

Anaya nieste zum tausendsten Mal an diesem Tag.

»Klingt schlimm«, sagte Tereza.

Anaya zog die Schultern hoch. Sie redete nicht gern über ihre Allergien. Dadurch fühlte sie sich langweilig und noch ein bisschen mehr wie eine unscheinbare Motte neben Tereza, dem bunt schillernden Schmetterling.

»Meine Tante hat richtig fiese Allergien«, sagte Tereza. »Und weißt du, was bei ihr angeblich geholfen hat?«

»Muss man sich dafür eine Zwiebel ans Ohr hängen?«

Tereza lächelte vielsagend, klopfte eine Zigarette aus ihrem Päckchen, zündete sie mit ihrem Zippo-Feuerzeug an (auf dem ein Schädel aus Glitzersteinchen prangte), lehnte sich aus dem Fenster und blies den Rauch nach draußen, bevor sie sich umdrehte und Anaya die Zigarette anbot.

»Soll das ein Witz sein?«

»Ich weiß, es klingt verrückt«, gab Tereza zu. »Aber meine Tante behauptet, es täte ihrem Hals gut – wirkt beruhigend oder so.«

»Das ergibt keinen Sinn.«

»Nö.«

Anaya hatte noch nie geraucht. Alle sagten, es wäre eine der schlimmsten Sachen, die man seinem Körper antun könnte; außerdem hasste sie den Geruch. Aber als Tereza herausfordernd die Augenbrauen hochzog, griff sie nach der Zigarette.

Sie lehnte sich weit aus dem Fenster, nieste dreimal hintereinander und vergewisserte sich, dass niemand sie beobachtete. Am Himmel hingen dunkle Wolken. Es würde garantiert bald regnen. Hastig schob sie die Zigarette zwischen die Lippen und nahm einen tiefen, kräftigen Zug …

… und bekam augenblicklich einen Hustenanfall. Tereza nahm ihr die Zigarette ab und drückte sie an der Hauswand aus. Mit tränenden Augen ließ Anaya sich auf ihren Stuhl fallen.

»Okay, tut mir leid, das war eine blöde Idee«, sagte Tereza.

Anaya wischte sich die Augen, holte tief Luft und atmete geräuschvoll aus.

Der Regen kam plötzlich, schlug gegen die Fensterscheibe und trommelte aufs Schuldach.

»Verdammt«, sagte Tereza und schloss das Fenster.

Anaya war froh. Der Regen spülte sämtliche Pollen weg und machte ihr das Leben leichter. Sie schaute in ihren Laptop und ging die Klassenfotos durch, um sicherzugehen, dass sie niemanden vergessen hatten.

»Ich hab auf all das hier keinen Bock mehr!«, motzte Tereza.

Mit all das meinte Tereza nicht nur das Jahrbuch, sondern die ganze Schule, die ganze Insel. Im Herbst würde sie zum Studium nach Toronto gehen. Anaya mochte gar nicht daran denken und fragte sich, ob Tereza sie ebenfalls vermissen würde. Sie würde neue Freunde finden und interessante Leute aus allen Teilen der Welt kennenlernen.

Gelangweilt schaute Tereza die Klassenfotos an. »Diese Jungs! Jungs! Nein, einfach, nein

»Was ist mit Fleetwood?«, fragte Anaya. Tereza war ihre einzige Freundin, die einen festen Freund hatte.

Tereza winkte genervt ab. »Ach, Fleetwood …«

»Er scheint ganz nett zu sein«, sagte Anaya, obwohl er ein bisschen verpeilt wirkte und nach einer Band aus den Siebzigern benannt worden war. »Ich meine, wie ist es, wenn man jemanden hat, der einen … so anschaut?«

Tereza seufzte. »Ich weiß, ich weiß. Schrecklich, dieser jämmerliche Hundeblick.«

In dem Moment klopfte es an der Tür und Fleetwood kam hereingestürmt. Mit seinen Zottelhaaren und den großen Händen und Füßen erinnerte er Anaya immer an einen übergroßen Hundewelpen.

»Das müsst ihr euch ansehen!«, rief er.

»Nein, Fleetwood«, sagte Tereza. »Wir haben das doch besprochen. Jetzt ist Jahrbuch-Zeit.«

»Kann es nicht mal kurz Fleetwood-Zeit sein?« Er hielt ihnen sein Handy unter die Nase. »Känguru-Boxkampf!«

»Och, Fleetwood«, stöhnte Tereza genervt.

Anaya musste zugeben, dass die Kängurus ziemlich eindrucksvoll waren. Mit ihrer aufrechten Haltung, den kräftigen Schultern, den muskulösen Oberarmen und der breiten Brust wirkten sie verblüffend menschlich. Es war fast ein bisschen unheimlich. Dann fiel ihr Blick auf ihre Füße. Anscheinend hatten sie nur drei Zehen. Die Mittelzehe war viel länger als die anderen und hatte eine mörderisch spitze Kralle.

»Seht sie euch an!«, rief Fleetwood. »Sie sind total aufgepumpt! Guckt euch diese Bizepse an! Okay, warte … jetzt geht’s los!«

Das größere Känguru sprang hoch und verharrte in der Luft – es sah aus, als würde es sich auf seinem Schwanz abstützen! Dann trat es mit beiden Füßen zu und rammte sie dem anderen Känguru in den Bauch. Anaya zuckte zusammen. Zumindest floss noch kein Blut.

»Irre, was?«, schrie Fleetwood.

»Ja, sehr schön«, sagte Tereza. »Aber Anaya und ich haben zu tun. Geh spielen, Fleetwood. Such nach deinem Freund mit der Baseballkappe.«

»Na gut, dann bis später!« Fleetwood küsste sie auf den Mund.

Als er fort war, blickte Anaya wieder auf den Bildschirm. Auf einem der Klassenfoto-Layouts war ein freies Feld.

Tereza tippte auf den Bildschirm. »Wir brauchen ein Bild von dem neuen Jungen. Er hat den Fototermin verpasst.«

Seth Robertson. Er war erst vor ein paar Monaten hergezogen. Keiner wusste viel über ihn, nur dass er ein bisschen seltsam aussah und immer Longsleeves und ein Kapuzenshirt trug, selbst im Sportunterricht. Er lebte als Pflegekind bei Mr. und Mrs. Antos, die einen Biohof betrieben.

Tereza schaute Anaya an. »Könntest du ein Foto von diesem Jungen machen?«

Nun stöhnte Anaya genervt. Sie hasste es, durch die Flure zu marschieren, vor allem, wenn sie aussah, als wäre sie einem Horrorfilm entsprungen.

»Bitte zwing mich nicht, da rauszugehen«, bettelte sie.

»Ich will dir mal was verraten«, sagte Tereza und blickte nach rechts und links, als wolle sie ihre Freundin in ein großes Geheimnis einweihen. »Du bist viel cooler, als du glaubst«, flüsterte sie.

»Quatsch«, widersprach Anaya, obwohl sie ihrer Freundin nur allzu gern geglaubt hätte. »Meinst du echt?«

»Ja! Und jetzt raus mit dir! Du kannst besser fotografieren als ich.«

Anaya fühlte sich trotz allem von Terezas Kompliment geschmeichelt und griff nach ihrer Kamera.

Nachdem sie die Bibliothek verlassen hatte, nahm sie die Schultern zurück, als müsste sie sich bei Sturm und Wind durch die tosende See kämpfen, bevor sie sich den Weg durch das Gewimmel auf dem Flur bahnte. Todd Salter und einer seiner Kumpels alberten am Trinkbrunnen herum und bespritzten sich gegenseitig mit Wasser. Sie machte einen großen Bogen um die beiden, doch dann hörte sie hinter sich einen leisen Schrei. Als sie sich umschaute, wischte sich Petra Sumner gerade ein paar Wassertropfen vom Hals.

»Oh. Mein. Goooott!«, sagte Rachel, Petras beste Freundin und ihr Schatten. »Alles okay, Petra? Hat jemand ein Taschentuch? Petra braucht ein Taschentuch!«

Schon hatten sich zahlreiche überbesorgte Mitschüler um Petra geschart und hielten ihr Papiertaschentücher unter die Nase.

»Toll gemacht, Todd!«, sagte Rachel, die jeden Namen so aussprechen konnte, als wäre er das grauenvollste Schimpfwort unter der Sonne. »Du weißt doch, dass sie allergisch ist?!«

»Oh Mann«, stöhnte Todd. »Hab ich sie getroffen?«

Todd sah aus wie ein Hündchen, das dabei erwischt wird, wie es sein Geschäft unterm Couchtisch erledigt.

»Keine Sorge, mir geht’s gut«, sagte Petra und zog ihren typischen Schmollmund, den die Jungs so unwiderstehlich fanden.

Sie war sehr hübsch und trug einen kurzen blonden Pixie-Cut. Anaya hatte gelesen, dass man für diese Frisur ein sehr hübsches Gesicht haben musste, und das hatte Petra Sumner definitiv.

Jetzt entdeckte Anaya zwei feuerrote Flecken an ihrem Hals. Petra war tatsächlich allergisch gegen Wasser. Das war eine unglaublich seltene Allergie mit einem lateinischen Namen, und auf der ganzen Welt gab es höchstens hundert Leute, die darunter litten.

Petra schaute in Anayas Richtung. Als sich ihre Blicke trafen, drehte sie sich weg und ging weiter, obwohl sie wusste, dass ihr Verhalten wahrscheinlich herzlos wirkte. Doch sie hatte das alles schon so oft erlebt. Das ständige Theater um Petra ging ihr gehörig auf die Nerven.

Anaya war dabei gewesen, als die Allergie begonnen hatte. Als Kinder waren sie und Petra die besten Freundinnen gewesen und hatten den halben Sommer im Freibad verbracht. Doch eines Tages bekam Petra beim Verlassen des Becken seinen schrecklichen Ausschlag und eine heisere Stimme, worauf man sie schleunigst ins Krankenhaus brachte.

Kurz danach begannen auch Anayas Allergien, wie irgendein seltsamer Fluch, mit dem sie belegt wurde. Nur, dass Petra immer noch hübsch aussah und Anaya nicht, mit ihrer verstopften Nase und einem Gesicht voller Akne. Es dauerte nicht lange, bis Petra sie fallen ließ.

Immer wenn Petra einen Fleck bekam, stürmten alle zu ihr und fragten, ob es ihr gut ginge. Anaya hätte zu einer riesigen Zimtschnecke anschwellen können und die Leute hätten nur igitt gesagt und einen Bogen um sie gemacht.

Petras Allergie war liebenswert und herzzerreißend; Anayas Allergie war einfach nur eklig.

*

Anaya entdeckte Seth Robertson bei der Nordtreppe. Über eine Zeichenmappe gebeugt saß er auf der untersten Stufe und nagte an einem Sandwich.

Es war komisch, ihn hier zu finden, weil sie selbst auch manchmal hier saß, trotz des zerknüllten gelben Taschentuchs, das schon seit Jahren auf dem Boden lag. Auch jetzt lugte es wieder aus seiner schattigen Ecke hervor. Dies war der verlassenste Ort der Schule. Es gefiel ihr, dass Seth sich offensichtlich auch gern versteckte. Dadurch war es ihr weniger peinlich, ihn anzusprechen. Außerdem hatte sie noch Terezas wohlklingende Worte im Ohr: Du bist viel cooler, als du glaubst.

Seth hatte ein fast-hübsches Gesicht, aber sein Körper wirkte irgendwie unproportioniert. Vielleicht lag es nur an dem Hoody und dem Flanellhemd, dass seine Brust so fassförmig aussah, während alles andere eher schmächtig wirkte. Der magere, gebeugte Hals, die langen, dünne Beine. Die knochigen Hände, die aus zu kurzen Ärmeln ragten.

Anaya erhaschte einen kurzen Blick auf eine kleine Narbe an den Innenseiten beider Handgelenke. Sie fragte sich, ob er sich manchmal ritzte, aber die runden, glänzenden Flecken sahen eher aus wie Narben von brennenden Zigaretten. Hatte jemand ihm das angetan oder hatte er sich selbst verletzt? Beide Vorstellungen lösten ein trauriges, bedrückendes Gefühl in ihr aus.

Er hatte noch immer nicht von seinem Blatt aufgeschaut. Von der Seite konnte Anaya nicht viel sehen, aber sie erkannte einen Flügel, und so, wie er ihn gezeichnet hatte, sah er aus, als würde er im Wind davonsegeln. Die Zeichnung vermittelte den Eindruck einer unglaublich schnellen Bewegung. Wie hatte er das mit so wenigen Linien geschafft?

»Wow, das ist echt gut«, sagte sie.

Erschrocken schaute er auf, klappte die Mappe zu und beugte sich nach vorn, als wolle er sie schützen. Hastig zog er die Ärmel über die Handgelenke. Es wirkte wie eine automatisierte Geste. Anaya fand seinen Blick verstörend. Wie der Blick eines erschrockenen Tieres, das ängstlich abwartet, was sein Gegenüber als Nächstes tun wird.

»Ich bin Anaya Riggs«, sagte sie. »Ich glaube, wir sind im selben …«

»Mathekurs, ja.«

Sie war überrascht und erfreut, dass ihm das aufgefallen war. Schon wieder kitzelte es in ihrer Nase, doch sie schaffte es, das Niesen zu unterdrücken. »Zeichnest du viel?«

Er zuckte die Achseln. »Ist nichts Besonderes, nur ein paar Skizzen.«

»Na ja, ich arbeite am Jahrbuch und wir könnten ein paar gute Illustrationen gebrauchen.«

Er sah sie an, ohne zu blinzeln. Es machte sie nervös, wenn Leute sie zu intensiv anschauten; sie fragte sich dann immer, was sie dachten, ob sie fanden, sie wäre hässlich.

»Das Layout wird dadurch interessanter.« Sie nieste und musste sich schnäuzen. »Wir haben viele Sachen von Melanie Drake, aber ihre Einhörner sind auf die Dauer ein bisschen langweilig, wenn du verstehst, was ich meine. Deine Sachen wirken ein bisschen anspruchsvoller und edgy.«

»Ja, vielleicht«, erwiderte er, und Anaya wusste, dass es ein Nein war.

»Na ja, jedenfalls arbeite ich am Jahrbuch und wir brauchen dafür ein Foto von dir.«

Er starrte auf ihre Kamera. »Muss das sein?«

Anaya lachte überrascht. So hatte noch keiner reagiert. »Nein, es muss nicht sein …«

»Was passiert, wenn du kein Foto machst?«

Er legte den Kopf zur Seite, als wäre es eine ernst gemeinte Frage. Sie lächelte über seine merkwürdige Art und fand ihn ein ganz klein wenig süß. Vielleicht.

»Passieren tut nichts. Dein Name steht dann nur unter einem leeren Feld. Und man hält dich für einen durchgeknallten Einzelgänger.«

Das entlockte ihm ein Lächeln. »Okay, lass uns das Foto machen.«

»Könnten wir rausgehen? Da haben wir besseres Licht.«

Er stand auf und trat näher, sodass sie seinen Geruch in die Nase bekam. Nicht direkt unangenehm. Ein bisschen wie Sellerie.

»Soll ich lächeln?«, wollte er wissen.

»Tu einfach, wonach dir ist«, sagte sie und schaute durch den Sucher.

Er sah sie direkt an, ohne zu lächeln. Seine Augen waren ein bisschen zu dicht beieinander, aber er wirkte dadurch nicht vertrottelt, sondern ungeheuer konzentriert – so wie ein Raubvogel.

*

Es regnete noch immer, als Anaya nach der Schule nach Hause ging. Sie holte tief Luft. Die Luft roch wundervoll. Beim Einatmen schien sich ihre ganze Brust mit Sauerstoff zu füllen – was ungewöhnlich war. Niesen musste sie so gut wie gar nicht.

Sie ging die Auffahrt hinauf. Einen Botaniker als Vater zu haben, bedeutete nicht, dass ihr Vorgarten ein Paradies aus sorgfältig geschnittenen Büschen, exotischen Blumen und Zierbäumchen war. Eher das genaue Gegenteil. Dad schenkte dem Garten keinerlei Aufmerksamkeit. Er war schließlich eher ein Experte für Unkraut und davon gab’s hier jede Menge. Ihr Garten war definitiv der unkrautigste.

Struppige Lebensbaumsträucher säumten die Auffahrt, abgesehen von der kahlen Stelle, auf der nichts wachsen wollte. Der tote Fleck war eine Art Familiensaga. Von Zeit zu Zeit versuchte Mom, dort etwas anzupflanzen, doch nach ein paar Wochen war es verdorrt. Ein weiterer Lebensbaum, ein Farn, eine Hortensie, dürreresistenter Bodendecker – alles ging ein. Dad hatte schon vorgeschlagen, dort einfach einen Gartenzwerg hinzustellen und es ein für alle Mal gut sein zu lassen.

Als Anaya an der kahlen Stelle vorbeikam, blieb sie unvermittelt stehen.

Regenwasser tröpfelte von ihrem Schirm.

Zuerst dachte sie, jemand hätte einfach einen Stock in die Erde gerammt. Doch als sie näher trat, sah sie, dass ein etwa dreißig Zentimeter großer schwarzer Schössling aus dem matschigen Boden gewachsen war.

Er sah kräftig aus und aus seinem Schaft sprossen feine Härchen. Das Ende des Schösslings war spitz.

Dieses Ding war am Morgen noch nicht da gewesen. Es wäre ihr bestimmt aufgefallen.

Was bedeutete, dass es innerhalb weniger Stunden um die dreißig Zentimeter gewachsen war.

Auf der toten Stelle, wo sonst nichts wuchs.

Kapitel 2: Petra

Petra war auf dem Weg in die Stadt, in der Hoffnung, dass die neue Ärztin sie heilen konnte.

Zu Fuß brauchte man nur fünf Minuten von der Schule bis ins Stadtzentrum – wenn man es überhaupt so nennen konnte. Es gab einen Supermarkt, zwei Bäckereien, einen Baumarkt und einige Buchhandlungen – die Inselbewohner lasen gern. Die Gebäude gruppierten sich um den kleinen Hafen mit ein paar Restaurants und der Strandpromenade. Es gab nur wenige coole Orte, an denen man sich aufhalten konnte. Im Royal Cinema liefen die Filme immer ein paar Wochen später als woanders. Dann waren da noch die Pizzeria, der Laden mit den ekligen Donuts und der mit den guten Donuts und die Bowlingbahn, auf der es immer ein bisschen nach Katzenpisse stank. Bei gutem Wetter konnte man abends auf dem Spielplatz abhängen.

Alle meinten, es sei ein hübsches Städtchen. Im Sommer waren sämtliche Häuser der Hauptstraße mit Blumenkörben geschmückt. Jeden Samstag fand unten am Hafen ein Wochenmarkt statt und Tagesausflügler aus Vancouver und Victoria kamen mit der Fähre angereist und kauften Bioobst und -gemüse, Bienenwachskerzen und bizarre Dekoteile aus Tauen, Treibholz und glatt gespülten, bunten Glasscherben.

Der Regen prasselte auf Petras Schirm, als sie die Hauptstraße entlangging. Glücklicherweise besaß sie einen der besten Regenschirme der Welt. Einen größeren gab es nicht zu kaufen. Das wusste sie, weil sie online gesucht hatte. Er sah aus wie ein Torpedo aus Plastik, der ihren Körper bis zur Taille trocken hielt, und bot perfekten Nässeschutz, vorausgesetzt, sie trug eine lange Hose und Gummistiefel, was sie fast immer tat, da sie ständig die Wettervorhersagen studierte. Wenn man in einer regenreichen Küstenregion lebte und unter einer Wasserallergie litt, brauchte man einen solchen Regenschirm und jede Menge wasserdichte Kleidung.

Mom und Dad redeten ständig davon, in eine trockenere Gegend zu ziehen – es hieß, dass kein Ort in Kanada eine geringere Regenrate aufwies als Saskatoon, in den USA gab es sogar noch trockenere Orte –, aber sie hatten ihr ganzes Leben auf der Insel gelebt, und ein Umzug, vor allem in ein anderes Land, war eine Riesensache.

Neben der Scotia-Bank stand ein kleineres Bürogebäude. Petra betrat die Lobby und klappte vorsichtig den Regenschirm zu, damit sie keine Spritzer abbekam. Dann ging sie den Flur entlang bis zu einer Tür mit der Aufschrift ALICIA DUMONT ND.

Sie griff nach dem Türknauf, zögerte jedoch.

Ihre Eltern ahnten nicht, dass sie heimlich einen Termin bei einer Ärztin für Naturheilkunde vereinbart hatte. Vor allem Dad würde ausrasten. Er arbeitete im Inselkrankenhaus und bildete Pflegekräfte aus. Seiner Meinung nach hatten naturheilkundliche Ärzte nicht das Recht, sich Ärzte zu nennen: Ihre Medizin war in seinen Augen nicht wissenschaftlich, half nicht gegen Krankheiten und hielt Leute nur davon ab, sich richtig behandeln zu lassen.

Doch Petra hatte den Eindruck, dass niemand wusste, was die richtige Behandlung für sie war, nicht einmal die Spezialisten in Vancouver. Die Krankheit war unglaublich selten und hieß aquagene Urtikaria.

Petra hatte gesehen, wie Anaya gestern im Flur die Augen verdreht hatte. Anaya hielt sich für eine wahre Märtyrerin, weil sie ständig schniefen musste und obendrein noch Pickel hatte, aber zumindest waren Anayas Allergien nicht degenerativ. Petra bekam schon Angst, wenn sie nur an das Wort dachte. Degenerativ. Das bedeutete, eine Krankheit verschlimmerte sich und war nicht aufzuhalten.

Vielleicht würde ihre Haut irgendwann permanent gerötet sein und fürchterlich jucken; und vielleicht wäre sie eines Tages nicht einmal mehr imstande, Wasser zu trinken! Sie hatte von einer Frau gehört, die nur noch Mineralwasser trinken konnte. Normales Leitungswasser verätzte ihre Speiseröhre. Aber Mineralwasser bestand doch auch aus Wasser, oder etwa nicht? Das war doch totaler Quatsch, oder!? Ohne Wasser konnte man nicht leben. Was wäre, wenn es so schlimm würde, dass sie gar nichts mehr trinken könnte? Wenn sie ständig Infusionen mit Flüssigkeit brauchte? Wenn sie eine Allergie gegen ihren eigenen Speichel entwickelte und nicht mehr schlucken könnte? Sie würde zu einem grauenerregenden Monster und keiner würde sie mehr lieben und sie würde sterben.

Ihr Herz raste und sie konzentrierte sich auf langsame, tiefe Atemzüge, wie ihre Therapeutin es ihr gezeigt hatte. Sie wusste, dass sie versuchen musste, all ihre Horrorvorstellungen mit Gelassenheit zu betrachten und auf rationale Weise infrage zu stellen. So.

Möglicherweise war ihre Allergie nicht degenerativ. Bis jetzt hatte sie sich ja noch nicht verschlimmert. Petra konnte immer noch Wasser trinken. Selbst wenn sich der Zustand ihrer Haut verschlechterte, bedeutete das nicht, dass sie sich in ein scheußliches Monster verwandelte. Und wenn sie tatsächlich hässlich würde … da mochte sie gar nicht drüber nachdenken.

Die Übung sollte ihr helfen, sich besser zu fühlen. Sie war sich nicht sicher, ob es diesmal funktionierte. Nach einem letzten tiefen Atemzug drehte sie den Türknauf um.

Sie wusste nicht viel über Naturheilkundler, außer dass sie verschiedene Arzneien verwendeten, die dem Körper helfen sollten, sich selbst zu heilen. Das klang doch gut. Geheilt zu werden. Sie schob die Tür auf und trat in die Praxis.

Petra hatte sich eine Naturheilkundepraxis wie die Arbeitsstube eines mittelalterlichen Alchimisten vorgestellt, mit getrockneten Kräutern und merkwürdig riechenden Elixieren in den Regalen. Doch es war nur ein ganz normales Wartezimmer mit unansehnlichen Stühlen und alten Zeitschriften, die sie nicht lesen wollte. Am Empfang stand ein Arzthelfer und lächelte sie an.

Er sah aus wie eine ältere Ausgabe des Highschool-Rektors aus der TV-Serie, in der dieser Junge als Topmodel jobbt und ständig die Schule schwänzt, weswegen der Rektor immer wieder vergeblich versucht, ihm einen Verweis zu erteilen.

»Hallo, Petra«, sagte der Arzthelfer fröhlich.

Na toll, dachte Petra und zuckte beim Klang ihres Namens zusammen. Diese Insel war einfach viel zu klein. Bei zehntausend Bewohnern kannte praktisch jeder jeden, zumindest vom Sehen.

Auf dem Namensschild des Arzthelfers stand TOM THRESHER, und Petra nahm an, dass er der Vater von Marlene Thresher sein musste, die eine Klasse über ihr war. Verstohlen nahm sie die beiden anderen Leute in Augenschein, die im Wartezimmer saßen. Sie wollte nicht, dass jemand ihren Eltern von ihrem Besuch in der Praxis erzählte.

Sie lehnte ihren tropfnassen Schirm an die Wand.

»Gießt es immer noch, Petra?«

Petra wünschte, er würde sie nicht ständig mit Namen ansprechen. Sie trat an die Empfangstheke und reichte ihm ihre Karte. »Jepp.«

»Sind deine Eltern mit dir hergekommen?«

»Sie hatten keine Zeit.«

Mr. Threshers Lächeln gefror.

»Oh. In unserer Praxis behandeln wir Minderjährige grundsätzlich nur, wenn sie in Begleitung eines Elternteils herkommen.«

Auf diesen Einwand war Petra vorbereitet. »Ich habe eine Nachricht von meiner Mom.« Sie zog einen Zettel aus der Tasche und legte ihn auf die Theke.

Sie bemühte sich, möglichst unbekümmert zu wirken, während Mr. Thresher die Mitteilung las. Sie hatte sie mit ihrer schönsten Handschrift geschrieben, ihren besten Ältere-Leute-Wortschatz hervorgekramt und so lange geübt, bis die Unterschrift ihrer Mutter echt aussah.

»Ich glaube, ich rufe sie schnell an.«

Petras Mut sank. »Muss das sein?«

»Könntest du mir bitte ihre Nummer geben?«

»Sie ist im Dienst«, wandte Petra hastig ein. »Sie erreichen nur die Mailbox. Reicht die Nachricht denn nicht?«

Mr. Thresher beugte sich vor und senkte seine Stimme. »Petra, in dem Text sind zwei Rechtschreibfehler. Ich bin mit deiner Mutter zur Schule gegangen und sie wurde immer wegen ihrer perfekten Rechtschreibung gelobt.«

Lautlos fluchend versuchte Petra, sich nicht unterkriegen zu lassen. Natürlich waren sie zusammen zur Schule gegangen. Und natürlich beherrschte ihre Mutter sämtliche Rechtschreibregeln. Mom liebte Regeln! Je mehr, desto besser!

»Sie war in Eile, als sie das geschrieben hat.«

»Deine Eltern wissen nicht, dass du hier bist, stimmt’s?«

Sie entschied sich für eine andere Strategie: die Mitleidstour.

»Ich habe eine ganz, ganz schlimme Allergie …«, begann sie und sah ihn mit großen Augen an.

Mr. Thresher machte ein mitfühlendes Gesicht. »Ich weiß, Petra. Ich hab davon gehört und –«

»Und es tut mir leid, dass ich die Nachricht gefälscht habe – das war nicht richtig –, aber meine Eltern würden mir niemals erlauben, hierherzukommen«, hauchte sie. »Sie halten das alles hier für Schwindel oder Hexenwerk.«

Der Arzthelfer seufzte bedauernd.

»Also bin ich ganz allein hierhergekommen. Durch den strömenden Regen. Ich hätte sterben können!«

Die letzte Bemerkung war völlig übertrieben, aber Petra hielt es für angebracht, alle Register zu ziehen.

»Arme Kleine«, sagte Mr. Thresher. »Aber du brauchst nun mal die Erlaubnis deiner Eltern. Wenn sie diese Broschüre lesen, werden sie vielleicht –«

»Das wird nichts bringen«, widersprach Petra. Sie hatte gerade eine oscarreife Vorstellung geliefert; was war nur los mit diesem Typen? »Kann ich nicht wenigstens mit der Ärztin reden

Ein weiteres trauriges Kopfschütteln.

Petras Enttäuschung verwandelte sich in Wut. »Kommen Sie schon, ich will doch keine Gehirnoperation oder so. Operieren könnte sie ja auch gar nicht. Ich meine, sie ist doch nicht mal eine richtige Ärztin, oder irre ich mich?«

»Wer ist keine richtige Ärztin?«, fragte eine Frau im weißen Kittel, die mit einem Ordner unterm Arm ins Wartezimmer kam.

Petra spürte, wie ihr vor Scham das Blut in die Wangen schoss. »Vergessen Sie’s.« Damit drehte sie sich um und marschierte auf direktem Wege aus der Praxis. Sie hatte gelogen, sie war unverschämt gewesen und sie hatte ihre Mission in den Sand gesetzt. Keine Hoffnung auf Heilung an diesem Tag. Heiße Tränen stiegen ihr in die Augen.

Aber sie würde nicht weinen. Das hatte sie sich abgewöhnt, weil sie allergisch gegen ihre eigenen verdammten Tränen war und davon nur rote, juckende Flecken im Gesicht bekommen würde. Sie stellte sich vor, durchs falsche Ende eines Fernglases zu schauen und alles aus weiter Ferne zu beobachten – sogar ihre eigenen Gefühle. Nichts war von Bedeutung. Das half ihr über Traurigkeit, Nervosität und Panik hinweg. Zumindest für eine kleine Weile.

Das war nichts weiter als eine notwendige Strategie, aber in der Schule hielten einige sie deswegen für eine tragische, unnahbare Heldin, und genau das gefiel ihnen und deswegen suchten sie ihre Nähe. Wie ihre Freundin Rachel, die zwar ganz nett war, von der sie sich aber nicht wirklich verstanden fühlte, nicht so wie von Anaya. Doch Petra hatte viele Freunde, und es war schön, beliebt zu sein und, ja, auch hübsch. Es war kein Verbrechen.

Zum letzten Mal hatte sie geweint, als Anaya sie verraten hatte. Seitdem: keine einzige Träne mehr.

In der Lobby zog sie den Reißverschluss ihrer Jacke zu und setzte die Kapuze auf, da bemerkte sie, dass sie ihren Schirm in der Praxis vergessen hatte. Nach der Szene, die sie dort gemacht hatte, konnte sie unmöglich zurückgehen. Konnte den Leuten nicht noch einmal gegenübertreten.

Sie spähte nach draußen. Im Moment regnete es nicht mehr ganz so stark. Im Westen schien es ein klein wenig aufzuklaren. Wenn sie sich beeilte, konnte sie es in einer Viertelstunde nach Hause schaffen. Außerdem hatte sie wie immer einen Notfallregenschirm dabei. Gut organisiert zu sein, gehörte zu den Top-Ten ihrer Stärken. Alles sauber und ordentlich. Und trocken. Sie hasste feuchte Sachen.

Sie zog den Taschenschirm aus dem Rucksack, der bei der erstbesten Windböe hinüber sein würde. Sie hielt ihn sich ganz dicht über den Kopf, schob die freie Hand in die Jackentasche und machte sich auf den Weg nach draußen.

Das Ironische daran war, dass Petra eigentlich gern durch den Regen lief. Selbst nachdem sie gegen Wasser allergisch geworden war, liebte sie noch immer das Geräusch des Regens und den Geruch, wenn der nasse Asphalt in der Sonne trocknete.

Und sie träumte noch oft vom Schwimmen, so wie letzte Nacht. Die Träume waren sehr intensiv: das Gefühl unterzutauchen, das Wasser auf ihrem Gesicht, während sie hindurchglitt … Wenn sie aus diesen Träumen erwachte, war sie immer glücklich und gleichzeitig traurig, denn das Schwimmen war etwas, das ihr genommen worden war. Genau wie ihre Pläne, Meeresbiologin zu werden. Es klang wie ein schlechter Scherz, aber als Kind war dies wirklich ihr Traumberuf gewesen.

Der Regen wurde wieder stärker und fiel in dicken Tropfen. Sie hörte ein Auto – nein, etwas Größeres, einen Lastwagen. Er näherte sich von hinten und fuhr sehr dicht am Straßenrand. Als sie den Schirm ein wenig tiefer hielt, um das aufspritzende Wasser abzuhalten, stolperte sie über eine dusselige schwarze Pflanze, die zwischen den Steinen des Gehsteigs emporgewachsen war. Der Schirm wurde nach hinten gerissen und ein ganzer Schwall von Regenwasser klatschte ihr ins Gesicht.

Nein …

Sie richtete den Schirm und wischte sich mit dem Ärmel übers Gesicht, wobei sie das Wasser nur noch mehr verteilte und ihre Hand ebenfalls nass wurde. Sie ging schneller, wartete darauf, dass der Juckreiz einsetzen würde, und verfluchte Mr. Thresher, weil er sie nicht zu der Ärztin gelassen hatte – und die Ärztin verfluchte sie gleich mit. Wegen der beiden würde sie Nesselausschlag bekommen.

Mittlerweile hatte sie fast die Tankstelle erreicht, in der sie sich wenigstens das Gesicht abtrocknen konnte. Auch wenn das nicht viel nutzen würde. Sie stellte sich vor, wie das Wasser in ihre Poren sickerte und zu einem Hexengebräu aufschäumte.

Und dann ging es los: die vertraute aufsteigende Hitze, der wahnsinnige Juckreiz. An Wangen und Stirn, um den Mund. Es war schrecklich; dieses Mal würde es richtig schlimm.

Mit klopfendem Herzen eilte sie zur Tankstelle. Hinter ihr hupte ein Auto, und als sie sich umdrehte, erkannte sie das Wappen der Royal Canadian Mounted Police an der Tür.

»Das hat mir gerade noch gefehlt«, knurrte Petra. Der Polizeiwagen fuhr rechts ran und jagte eine Wassersalve auf ihre Stiefel. Das Seitenfenster glitt nach unten und Sgt. Diane Sumner lehnte sich heraus.

»Was machst du denn hier draußen? Steig ein!«

»Alles gut«, sagte sie und ging weiter.

»Petra! Steig sofort ein!«

Sie schaute sich um und hoffte, dass niemand sie beobachtete. Ihre Mutter hatte die Angewohnheit, im unpassendsten Moment mit ihrem Streifenwagen aufzutauchen. Wie damals, beim Schuleschwänzen mit Rachel, oder als sie nach der Tanzstunde mit Marco Gasparini (der haargenau so aussah wie der ältere Bruder in diesem Film über die jungen Leute, die in Wahrheit Roboter waren) geknutscht hatte. Nein war das Lieblingswort ihrer Mutter. Nein zum Benutzen des Smartphones nach zwanzig Uhr, wodurch es äußerst schwierig war, ihre Social Media Accounts zu managen – Nein zu Verabredungen mit Jungs, bevor sie achtzehn war, Nein zu einem Body-Piercing.

Der Regen wurde stärker. Petra stieg in den Wagen. Schirm und Rucksack verstaute sie zu ihren Füßen.

»Du bist nass!«, sagte Mom.

Gut beobachtet, Sherlock.

»Im Handschuhfach sind Taschentücher.«