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Gehring, Petra
Was ist Biomacht?
Vom zweifelhaften Mehrwert des Lebens
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E-Book ISBN: 978-3-593-40447-9
Die Probleme, um die es in diesem Buch geht, müssen nicht erst ins Licht gerückt werden. Unter Stichworten wie »Biotechnologie« oder »Bioethik« oder auch »Biopolitik« füllen sie Diskussionsveranstaltungen, TV-Magazine und Feuilletons. Gentechnische Verfahren in der Krankenbehandlung, sozialpolitische Verwendung biomedizinischer Daten, Fabrikation von Fortpflanzungssubstanzen im Labor: Solche Themen entzünden medienwirksame Debatten über Möglichkeiten und Grenzen der Techniken, über Risiken, über Verantwortung, über Zukunftsmärkte und über die Freiheit der Forschung.
Zugleich kennt man die Neuerungen, um die es geht, keineswegs nur aus den Medien. Biotechnologien sind längst im Alltag angekommen. Und sie werfen dort Fragen auf. Soll ich gentechnisch hergestellte Medikamente nutzen oder nicht? Wo genau beginnt bei vorgeburtlichen Qualitätstests während der Schwangerschaft die Zone bedenklicher Auswahlentscheidungen? Welcher Versichertengruppe werde ich aufgrund meiner biomedizinischen Daten zugeordnet werden? Vielleicht einer »Risikogruppe«? Oder einer besonders gesunden Gruppe, der dann Privilegien zustehen? Nehmen wir an, letzteres sei der Fall: Nutze ich diese Privilegien dann?
Biotechniken und Biomedizin provozieren moralische Ambivalenzen. Sie sorgen für »Dilemmata«, würde es in der halb-philosophischen Sprache der Bioethik heißen, die sich um solche Fragestellungen kümmert. Die Bioethik ist eine in den 1970er Jahren neu entstandene Mischdisziplin, in der öffentlich tätige Experten versuchen, moralische Schwierigkeiten im Feld der Anwendung von Biotechnologien zu präzisieren und nach Möglichkeit aufzulösen. Bioethik wird von Wissenschaftlern betrieben, aber sie arbeitet öffentlich – und in der Nähe der Politik.
Diejenige Politik, die bioethische Dilemmata entscheidet, heißt in den USA Biopolitics. Im deutschen Sprachgebrauch wird das Wort Biopolitik ebenfalls verwendet, es hat aber einen kritischen Beiklang. »Biopolitik« |8|meint hierzulande nicht einfach ein Politikfeld unter anderen, sondern eine fatale, sich »des Lebens« der Menschen bemächtigende Politik. So oder so: Durch den Hinweis auf eine gesonderte Politiksorte namens Biopolitik ist über die politische Dimension der biotechnischen und biomedizinischen Errungenschaften noch nicht viel gesagt. Ob man Biopolitik schlicht für die Konsequenz des Vorhandenseins von Biowissenschaften, Biotechniken und Bioethik hält oder aber sie kennzeichnen will als eine ungute Art von Politik: Dem Zusammenspiel von moralischer Ambivalenz und politischer Entscheidung wird eine unbestimmte Art von Notwendigkeit zugestanden. In der Tat, wer wollte es bestreiten? Alles, was Biotechniken möglich machen sollen –, vom genveränderten Medikament bis zum erbgutverbesserten Embryo – ist eng verflochten mit der Gesundheits- und Sozialpolitik des Wohlfahrtsstaates. Die neuen Möglichkeiten korrespondieren mit dem Innovationsbedarf von Wissenschaft und Wirtschaft wie auch mit Konsuminteressen der Individuen. Ist Biopolitik also unvermeidlich – einfach weil sie mit einer kompakten wissenschaftlich-technischen Entwicklung korrespondiert?
Betrachtet man die öffentliche Debatte aus Abstand, so fällt zweierlei auf. Erstens eine Monopolstellung der Ethik. Wenn über Biotechniken wie auch über Biopolitik nachgedacht wird, so geschieht dies im Zeichen der Ethik oder auch der Werte. Biodebatten, auch biokritische Debatten, sind Ethikdebatten. Besorgt fragt man lediglich nach dem richtigen, also nach dem »ethisch« vertretbaren Umgang mit einer biotechnologischen Neuerung. Innerhalb wie außerhalb der Wissenschaft verengt dies den Blick. Wer sich auf Ethik fixiert, namentlich auf die so genannte angewandte Ethik, die in der Politikberatung und in Ethikkommissionen Entscheidungshilfen gibt, beantwortet gleichsam nur noch eine gegebene Problemstellung. Was wegfällt, sind Fragen, die Distanz suchen. Reflektierende Fragen. Und vor allem: Vorüberlegungen zum Problem selbst. Gefragt wird nicht mehr beispielsweise: »Was geschieht hier?«, »Wissen wir bereits, wo genau das Problem liegt?« oder gar: »Woher kommt das Problem?«. Ethik leistet keine analytische Beschreibungsarbeit. Sie überspringt wichtige Vorfragen. Sie reduziert Probleme der Beschaffenheit und der Macht des Gegebenen auf die Frage: »Was sollen wir tun?«
Die zweite Beobachtung betrifft die Positionierung der Argumente in der öffentlichen Diskussion. Das Muster der Auseinandersetzung gehorcht dem Schema der Kontroverse. Aussagen zu Biotechnologie und Biomedizin gruppieren sich ›pro‹ oder ›kontra‹. Ist dies nicht von selbst der Fall, dann |9|werden sie so gruppiert – durch die Filter der Medien und der Zitatwahl. Es ist, als werde nur wahrgenommen, was der einfachen Polarisierung dient: Das Für und Wider. Dritte, vierte, fünfte oder ›ganz andere‹ Sichtweisen finden keinen Platz – es sei denn um den Preis der Zuordnung zu einem der beiden Lager. Es ist leicht zu sehen, dass das Schema der Kontroverse gerade nicht zur Problementfaltung führt, sondern einseitig der schnellen Entscheidungsfindung dient.
Tatsächlich stehen bioethische Kontroversen stets im Zeichen der Dringlichkeit: Eine neue, spektakuläre technologische Option – sagen wir: die Stammzellforschung – soll sofort realisiert werden oder aber sofort verhindert. Die Politik wiederum will ebenfalls zügig den volkswirtschaftlich vorteilhaften gesetzgeberischen Kompromiss. Zeitdruck und Ethik gehören zusammen wie Sonne und Schatten.
Schließlich wundert nicht, dass im Schema der Kontroverse selten Zusammenhänge diskutiert werden. Es steht vielmehr stets ein eng begrenzter Verhandlungsgegenstand zur Debatte: eine technische Neuerung, eine bestimmte, aktuell beunruhigende und möglicherweise regelungsbedürftige Technologie. Das Schema der Kontroverse steht auf diese Weise sowohl der Ethik als auch der Politik sehr nahe: Was zählt, ist der durch Machbarkeit bemessene Handlungsbedarf. Im deutschsprachigen Raum erlebten wir in den vergangenen vier Jahren auf diese Weise ›portioniert‹ eine Genomdebatte, eine Klonierungs- und Stammzell-Debatte, eine Gen-Nahrungsmittel-Debatte. Derzeit sind eine Nano-, eine Neuro-, eine Gentest- und eine Euthanasie-Debatte im Gang. Solche Debatten überlappen sich. Sie konkurrieren miteinander, nicht nur um die öffentliche, sondern auch um die wissenschaftliche Aufmerksamkeit. Grundsatzfragen werden immer wieder berührt, aber bleiben merkwürdig unverbunden.
Die elf Kapitel dieses Buches weisen den Denkrahmen der Ethik wie auch das enge Schema von Pro und Kontra zurück. Unter dem Titelbegriff »Biomacht« geht es gerade nicht um die ethische Therapie, sondern darum, gleichsam über die Diagnose, also über Vorfragen, das Wie und Warum der Problematisierungen selbst nachzudenken. Dies sind Fragen philosophisch-politischer und auch historischer Art. Sie drehen sich um die Herkunft, die Gestalt und die eigentümliche Macht der Gegenstände sowie der Argumentationsformen von Bioethik und Biopolitik.
Was heißt nun »Biomacht«? Der Begriff bio-pouvoir, Biomacht, stammt von dem Wissenshistoriker Michel Foucault, der ihn allerdings eher heuristisch|10|, das heißt: als Suchbegriff verwendet. Entsprechend offen hat Foucault Biomacht definiert, nämlich als »die sorgfältige Verwaltung der Körper und die rechnerische Planung des Lebens.« (Foucault 1976, S. 166 f.), als eine Macht, »die den Körper und das Leben vereinnahmt oder die das Leben im allgemeinen […] mit den Polen des Körpers auf der einen und der Bevölkerung auf der anderen Seite in Beschlag genommen hat.« (Foucault 1975 f./1999, S. 293), wobei die Biomacht – jedenfalls primär – eine »Macht zur Erhaltung des Lebens ist« (ebd.). Es wäre für die politische Machtform namens Biomacht also charakteristisch, dass sie gerade nicht in der Weise traditioneller staatlicher Herrschaft das physische Leben von Untertanen oder Bürgern einfach nur aufs Spiel setzt. Sie beschränkt sich gerade nicht darauf, die Körper der Menschen gleichsam bloß zu verschleißen oder zu ›verbrauchen‹ – klassisch: in der Arbeit oder im Krieg. Biomacht geht vielmehr auf eine spezifisch moderne Weise über dieses bloß ›verbrauchende‹ Verhältnis des politischen Souveräns zu seinen Untertanen hinaus. Am Leitfaden der Wissenschaften Ökonomie und Biologie entdeckt diese neue Machtform, dass das physische Leben der Individuen einer Gesellschaft eine nicht nur verwendbare, sondern eine steigerbare Ressource ist, die im Medium der Fruchtbarkeit und der biologischen Fortpflanzung verbessert und vermehrt werden kann. Anders gesagt: Die Biomacht entdeckt die Bevölkerungspolitik, die sozialhygienische Gattungsverbesserung, die genetische Qualität des Einzelnen und der Art. Sie erfindet den biologischen Mehrwert.
Foucaults Begriff ist plakativ. Irritieren mag auch, dass hier ein Theoretiker von einer Machtform in einer Weise spricht, als würde da eine bloße Struktur aktiv etwas tun: etwas »vereinnahmen«, »entdecken«, »erfinden«. Auf dieser Linie ist Foucaults Machtbegriff in der philosophischen Diskussion kritisiert worden (exemplarisch: Habermas 1985). Zu Foucaults Machttheorie im Allgemeinen wäre viel zu sagen, was solche Einwände entkräften könnte. Hinter der Redeweise Foucaults jedenfalls steckt nicht einfach ein Universalismus der Macht, sondern ein komplizierteres Projekt: ein Verfahren zur Untersuchung von Machtprozessen in ihrer historischen Immanenz, also ohne der Macht so etwas wie einen ›Machthaber‹, eine ›Quelle‹ oder ähnliches zuzuschreiben (vgl. Deleuze 1980, zur Auseinandersetzung Gehring 2004 a). Der zusammengesetzte Begriff »Bio-Macht« wiederum zeichnet sich dadurch aus, dass er – im Unterschied zur diskussionsüblichen ethischen Begrifflichkeit, im Unterschied aber auch zur Kategorie der »Biopolitik« – gerade nicht einfach als Erklärungsgröße oder als |11|Wert-Wort gesetzt wird, sondern eine historische These beinhaltet. Biomacht soll kein diabolischer Akteur sein, keine dunkle Größe, die im Gewand der Biologie den Raum der Politik usurpiert. Sie ist eine bestimmte, wirklichkeitsorganisierende Form, deren Herausbildung man im Rahmen einer historischen Typologie ermitteln, lokalisieren und datieren kann – also nicht einfach für sich genommen, sondern durch den Vergleich mit anderen Machtformen. Andere Machtformen finden sich im Werk Foucaults ebenfalls beschrieben. Da wäre etwa die Pastoralmacht, die Menschenführungstechniken der mittelalterlichen Kirche (Foucault 1981, 1978/2004). Oder der juridische Machttyp des klassischen absolutistischen Souveräns (Foucault 1975). Oder die »Disziplinarmacht« im Verwaltungsstaat des 18. und beginnenden 19. Jahrhunderts (ebd.). Oder eine moderne »Normalisierungsmacht«, die sich weder auf Untertanen, noch auf Bürger, sondern auf eine sozialwissenschaftlich zu erschließende »Gesellschaft« richtet (Foucault 1966, 1976).
Biomacht ist also eine beschreibende Kategorie. Als epochenspezifische Form der Ordnung der Wirklichkeit, des Einsatzes von Wissen, der Menschenregierung datiert Foucault ihr Heraufkommen auf das 19. Jahrhundert. Bereits im 18. Jahrhundert finden sich allerdings Neuerungen, auf die sich das, was später als qualitativ andere Machtform erscheint, stützen kann. Bestimmte wohlfahrtliche Maßnahmen einer Politik des Lebens beginnen sich in Europa und Nordamerika flächendeckend zu verbreiten: Man betrachtet das, was vormals einfach Untertanen waren, in seiner physischen Substanz, und man beginnt, das physische Leben nicht nur einzelner Menschen, sondern der ganzen »Bevölkerung«, als Bedingung für das Wohl des Staates und somit Ziel von Politik zu erkennen und zum Gegenstand von politischen Maßnahmen zu machen. Physisches Leben – das sind Gesundheit, aber auch Ernährungszustand, Arbeitskraft, Fruchtbarkeit. Die zu diesem neuen ›Realismus‹, oder besser: zu diesem neuen Naturalismus gehörenden Maßnahmen sind sozialstaatlicher sowie fortpflanzungsmedizinischer Art und sie verdichten sich im 19. Jahrhundert zu einem kompakten Geflecht, in dem neben Medizin und Ökonomie nicht zuletzt die neuen empirischen Wissenschaften des Sozialen eine wichtige Rolle spielen.
Hervorstechendes Anzeichen für das, was Foucault Biomacht nennt, ist die neue Brisanz der Sexualität in der Medizin, in der Erziehung, in der Familienpolitik und in der Straftäterbehandlung des 19. Jahrhunderts. »Vier große strategische Komplexe« einer Konzentration auf Geschlechts- und Sexualfragen hat der bürgerliche Sozialstaat in dieser Zeit hervorgebracht: |12|Die »Hysterisierung des weiblichen Körpers«, die »Pädagogisierung der kindlichen Sexualität«, die »Sozialisierung des Fortpflanzungsverhaltens« der Paare und die »Psychiatrisierung der perversen Lust« (vgl. Foucault 1976, S. 125 ff.). Die Sexualität ist ein »Dispositiv«, so nennt Foucault den beherrschungspolitisch-operationalen Charakter dieses eigentümlichen neuen Elements, welches die Individuen, die Familien und auch das Bevölkerungsganze gleichsam in ein neues Kraftfeld von Anreizen und Zwängen versetzt.
Biomacht und Sexualität, Biomacht und Fortpflanzungspolitik, aber auch Biomacht und Leben überhaupt gehören für Foucault zusammen. Das Wort Biomacht kann sozusagen gar nicht wörtlich genug genommen werden. Was mit dem 18. Jahrhundert beginnt und seit dem 19. Jahrhundert unsere Moderne prägt, ist »nichts geringeres als der Eintritt des Lebens in die Geschichte […], in die Ordnung des Wissens und der Macht, in das Feld der politischen Techniken.« (Foucault 1976, S. 169) Gemeint ist hier nicht einfach das erzählbare Leben, das Leben, das man erinnert und erlebt. Gemeint ist »Leben« in einem physisch-naturwissenschaftlichen Sinn: biologische Sachverhalte, »Phänomene, die dem Leben der menschlichen Gattung eigen sind« (ebd.). Der eigentliche historische Einschnitt liegt also darin, dass sich die neuen politischen Techniken des Sozialstaats nicht allein auf die Fügsamkeit oder auf die Arbeitskraft der Menschen richten, sondern auf deren biologische, »lebensstoffliche« Qualitäten, und genauer dann: auf die Ernährung und den Schutz vor schädigenden Stoffen, auf die biologische Vermehrungsfähigkeit, auf die gesunde Kinderproduktion, auf die vererbte Gesundheit und die vererbten Eigenschaften des Einzelnen sowie auf die erbbiologische Verbesserbarkeit in der Generationenfolge. »Zum ersten Mal in der Geschichte reflektiert sich das Biologische im Politischen.« (Ebd., S. 170) Diesen Satz kann man einerseits als eine Aussage über den expliziten Biologismus des 19. Jahrhunderts lesen: Tatsächlich entsteht im Gefolge Darwins eine Biologie, die das Soziale einschließlich des gesamten Feldes der Politik in den Begriffen einer biologischen Wissenschaft rekonstruiert, und es entsteht auch das Programm einer »biologischen Politik« (Schallmayer 1903). Man kann den Satz von der Reflexion des Biologischen im Politischen andererseits aber auch gewissermaßen ›substantieller‹ lesen, und dann gewinnt er die abgründige Dimension eines tatsächlichen Kurzschlusses von Politik und Biologie: Die Gattung als solche – als Lebenskontinuum, als Gesamtheit von Erbeigenschaften, als Biomasse, als Genpool – wäre zum Politikfeld geworden und |13|die politische Selbstreflexion der Moderne könnte gar nicht umhin, diejenige eines »lebenspolitischen« Politikverständnisses zu sein. Einfach weil das Wesen des Politischen sich verschoben hat.
Der Hinweis auf die technische Seite der »Macht zum Leben« durchzieht alle einschlägigen Schriften Foucaults: Das 19. Jahrhundert konstruiert mittels neuer Rechentechniken neue Entitäten. Entscheidend für die neuen Kollektivgrößen »Bevölkerung«, »Gesellschaft«, »Population« oder »Gattung« im biologischen Sinn sind sozialstatistische Darstellungstechniken, die den Einzelnen auf neue Weise mit der Generationenfolge und dem Ganzen verknüpfen. Gerade die Vererbung des »Lebens« wird populationsweit gedacht – und auch populationsbezogen behandelt. Im Einzelnen verschlechtert oder verbessert sich das Ganze. So hängen auch Biomacht und der Entartungsgedanke, Biomacht und Eugenik, Biomacht und der Staatsrassismus des 20. Jahrhunderts eng zusammen.
Fassen wir es schließlich abstrakt, so bricht Biomacht auch mit den traditionellen logischen Mustern der Herrschaftsausübung. Nicht eine Verbotslogik, auch keine bloße Sicherungs- oder Stabilisierungslogik, sondern eine Lebens-Steigerungslogik zeichnet sie aus. Anstelle fester Gesetze spielen Ökonomien eines »Normalen« eine zentrale Rolle, dessen flexible Randbedingungen Politik verändern kann. Graduelle Qualitäten und Verbesserungsoptionen überlagern die binären Alternativen wie richtig oder falsch.
Wo es nach diesem neuen Muster gilt, das biologische Sosein des Einzelnen wie des Ganzen zu verbessern und zu vermehren, da fungieren Machtprozesse zwar weiterhin in vielem repräsentativ oder disziplinierend. Vor allem aber sind sie regulatorischer Natur, sie müssen Dynamiken nicht nur kanalisieren, sondern auch anreizen können und Veränderungen forcieren. »Anstelle der Drohung mit dem Mord«, schreibt Foucault, und zielt damit auf den Souverän alten Typs, der vor allem über den Tod seiner Untertanen verfügte, »ist es nun die Verantwortung für das Leben, die der Macht Zugang zum Körper verschafft. Kann man als ›Bio-Geschichte‹ jene Pressionen bezeichnen, unter denen sich die Bewegungen des Lebens und die Prozesse der Geschichte überlagern, so müßte man von ›Bio-Politik‹ sprechen, um den Eintritt des Lebens und seiner Mechanismen in den Bereich der bewußten Kalküle und die Verwandlung des Macht-Wissens in einen Transformationsagenten des menschlichen Lebens zu bezeichnen.« (Foucault 1976, S. 170).
Wie das letzte Zitat zeigt, verwendet auch Foucault nicht nur den Begriff der Biomacht, er spricht von Biopolitik als Epochensignatur der Moderne|14|. Bis heute ist Biopolitik bei Autoren, die Foucaults Überlegungen fortsetzen wollen, sogar der prominentere Begriff (vgl. etwa Agamben 1995). Wie also stehen die beiden Begriffe zueinander und warum wähle ich für die Zwecke dieses Buches die Bezugsgröße nicht der Biopolitik, sondern der Biomacht?
Will man präzisieren, was Biopolitik und Biomacht unterscheidet, so muss man die konzeptionellen Ebenen auseinanderdefinieren, auf denen die Begriffe gelagert sind. Biopolitik betrifft den Bereich des politischen Handelns. Nimmt man die oben zitierte Passage mit ihrer Begriffsbestimmung wörtlich, so wäre sogar das absichtsvolle politische Handeln gemeint, der »Bereich der bewußten Kalküle«, also wohl in einem etwas lockeren Sinne: die Politikerpolitik. Biomacht wäre demgegenüber der Name eines Abstraktums, einer bis zu einem gewissen Grade generalisierbaren Form, die erst durch die Beschreibungs- und durch die Vergleichsarbeit des Historikers Gestalt gewinnt. Zweifellos kann Biopolitik in der Ära der Biomacht im politischen Feld beobachtet werden. Biopolitik ist mit großer Wahrscheinlichkeit auch immer im Hinblick auf Biomacht interpretierbar. Weniger sicher ist jedoch, ob ich primär im Feld der Biopolitik (oder gar nur dort) Spuren der Biomacht finde. Methodisch gesehen ist Biopolitik also der phänomenologischere, aber auch der engere und der weniger gut differenzierbare Begriff.
Foucault hat allerdings den Biomacht-Begriff für den Zweck historischer Untersuchungen geprägt. Er hat ihn im Blick auf das 18. und 19. Jahrhundert gewonnen, allgemeiner angesetzt, aber nicht auf die Gegenwart angewandt. Nicht nur aus diesem Grund betone ich, dass ich die Frage nach der Biomacht zwar aufgreife, in den nachfolgenden Kapiteln aber trotzdem etwas anderes unternehme als Foucault. Im Unterschied zu Foucault charakterisiere ich nicht vor allem eine – und sei es die fortwirkende – Vergangenheit. Die Blickrichtung ist wahrscheinlich eine verfänglichere, denn sie verspricht weniger Distanz: Ich setze bei aktuellen Phänomenen ein und versuche, das, was die Gegenwart verändert, im Wege von Rückfragen zu begreifen – und zwar in seiner historischen Neuheit. Es geht also weniger um die Geschichte der Gegenwart als um eine Gegenwart der Geschichte und die Gegenwart in der Geschichte.
Die Verschiebung beinhaltet einen Perspektivenwechsel: Es ist nicht so, dass ich den Biomacht-Begriff einfach auf die aktuellen Verhältnisse anwenden will. Zwar ragt die Geschichte des 19. und des 20. Jahrhunderts unverkennbar ins 21. Jahrhundert hinein. Sie ist in einem gewissen Sinne |15|nicht vergangen. Man betrachte nur die vielen fortwirkenden Verschränkungen der im 19. Jahrhundert entstandenen Lebenswissenschaft Biologie mit den ebenfalls in dieser Zeit sich formierenden Sozialwissenschaften. Wir leben eben daher heute beispielsweise in einer Wirklichkeit der Statistik und der Population (Ewald 1986, Desrosières 1993). Dennoch gibt es zwischen der historischen Analyse und der Aktualität einer Gegenwart kein Kontinuum, das es erlauben würde, eine aus der Arbeit am 19. Jahrhunderts gewonnene Kategorie wie »Biomacht« einfach auf das Heute zu übertragen. Man kann Geschichte nicht »anwenden«, genauso wenig wie man von der Gegenwart her Geschichte »verstehen« kann. Gleichwohl plädiere ich dafür, von der Aktualität die Finger nicht ganz zu lassen und – wenn man so will: gegen Foucault – nicht nur von der Geschichte, sondern auch von der Gegenwart zu sprechen und dabei Phänomenologie und Genealogie zu verbinden. Ausdrücklich geht es aber um Machtformen, und das flaggt der Begriff Biomacht aus. Nicht über »Politik« im engeren Sinne gilt es zu reden, sondern eben über absichtslose, historisch kontingente »Formen« von Wirksamkeit im Foucaultschen Sinn.
Mit dem Reizwort Absichtslosigkeit schließt sich der Kreis. Macht wird nicht von Menschen geschaffen, sondern tut sich als Ermöglichungsbedingung von Sinnprozessen absichtslos auf. Auch an diesem Punkt kann man den Konzeptbegriff Biomacht von der »Biopolitik« klar unterscheiden: Biomacht wird nicht eigens ›ausgeübt‹. Sie kennt keine Machthaber – allenfalls Profiteure. Sie steckt nicht erst in den Handlungen, sondern bereits in der Wahrnehmung, in der Kommunikation, im erfahrbaren Sinn. In letzter Instanz sollten Machtprozesse daher strikt täterlos gedacht werden, sonst verkennt man ihre Wucht und wirklichkeitsbildende Kraft. Auch aus diesem Grund ziehe ich die abstraktere Hypothese der Biomacht dem handlungstheoretisch unterlegten Begriff der Biopolitik vor.
Die nachfolgenden Kapitel haben nicht Antworten, sondern sie suchen Antworten auf die Frage Was ist Biomacht? Sie sind in einer ersten Fassung in den vergangenen Jahren jeweils zu unterschiedlichen Anlässen geschrieben worden. Die Überlegungen knüpften sich jedoch zunehmend ineinander. Heute bilden sie einen Zusammenhang, der nun auch zusammenhängend zu lesen sein soll.
Die Zugänge sind verschieden, aber sie ergänzen sich. Idealerweise ergibt sich also in der Lektüre so etwas wie ein Facettenblick. Das Kapitel über Neue Ökonomien setzt bei handfesten Verfahrensweisen ein: Bluttransfusion|16|, Organverpflanzung, Mutterpass, Datenbanken, Biometrie. Das Kapitel über Eigentum am Körper führt in die Geschichte der Rechtstheorie und diskutiert den Status des menschlichen Körpers. Wessen Stoffe, wessen Proben, wessen Daten? besichtigt die heutige institutionelle Alltagspraxis in diesem Feld. Im Kapitel über die Stammzelle geht es um die bioethische und biorechtliche Karriere eines Laborprodukts, im Kapitel über die Bio-Vaterschaft um die geschlechterpolitischen Implikationen eines Biotestverfahrens. Die nachfolgenden beiden Kapitel setzen sich mit der Bioethik auseinander. Dasjenige über die Zukunftspolitik der Bioethik untersucht einen diskursiven Sachverhalt: Ethiker argumentieren suggestiv mit Zeit und Zukunft. Dasjenige, das sich anschließt, fragt: Ist die Bioethik ein »Diskurs«? und dreht die Perspektive auf Bioethik um. Zuerst wurde die Bioethik selbst betrachtet, nun dient sie gleichsam als Testfall für den strengen Diskursbegriff Foucaults. Probehalber wird das Foucaultsche Schema auf die Bioethik angewandt. Dieses Übertragungsexperiment ist ergiebig in zwei Richtungen: Es lehrt etwas über die Bioethik und es lehrt etwas über die Anwendungsbedingungen des Theorems »Diskurs«. Zwischen Menschenpark und soft eugenics steht für eine weitere Facette: Die philosophische Begriffsgeschichte kann zeigen, wie lang und doch auch kurz die geschichtliche Linie ist, die zur heutigen Gestalt des Motivs der Menschenzüchtung führt. Mit der Hirnforschung als Aspekt von Biomacht beschäftigt sich das neunte Kapitel. Es beleuchtet nicht nur den wissenschaftstheoretischen Status neurophysiologischer Determinismus-Thesen, sondern vor allem den Zusammenhang zwischen Hirnforschung und Strafrechtspolitik. Das zehnte Kapitel verfolgt die Frage nach der Sterbehilfe. Im Zeitalter der Biomacht wird auch der Tod zu einem Aktivposten für das Leben.
Einigen Kapiteln liegen aktuelle Vorträge, einigen anderen Aufsätze zugrunde, die an verstreuter Stelle erschienen sind. Alle Texte sind für die Zwecke des Buches noch einmal deutlich verändert worden.