RÜDIGER BERTRAM

Mit Comics von

Heribert Schulmeyer

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© 2017 cbj Kinder- und Jugendbuch Verlag

in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,

Neumarkter Straße 28, 81673 München.

Alle Rechte vorbehalten

Comiczeichnungen: Heribert Schulmeyer

Einbandgestaltung: Geviert Grafik & Typografie

unter Verwendung von Fotos von

© Shutterstock (rudall 30); © Gettyimages (cryingjune);

© Trevillion (Mark Owen)

AW · Herstellung: AJ

Satz: KompetenzCenter, Mönchengladbach

ISBN 978-3-641-16196-5
V004

www.cbj-verlag.de

Das Buch entstand mit Unterstützung eines

Arbeitsstipendiums des Landes NRW

Nach Hitlers Machtergreifung 1933 erklärten die Nazis viele Autoren zu Volksfeinden. Dabei waren sie keine Feinde des Volkes, sondern nur der Nazis selbst.

Ihre Bücher wurden verbrannt und viele flohen ins Ausland.

Die meisten dieser Frauen und Männer gingen nach Paris, wo sie die Entwicklung in ihrer Heimat abwarteten.

1940 überfiel Hitlers Wehrmacht Frankreich. Die deutschen Flüchtlinge galten plötzlich als Feinde und wurden in Lager gesperrt.

Als die Wehrmacht Paris besetzte, wurden die Lager aufgelöst und die Gefangenen flohen weiter Richtung Mittelmeer.

Kurz darauf teilte ein Waffenstillstand Frankreich in zwei Zonen. Eine von den Deutschen besetzte im Norden und eine unbesetzte im Süden.

Offiziell hatten die Nazis im Süden nichts zu sagen. Inoffiziell war Hitlers Geheimpolizei auch dort präsent.

Die Flüchtlinge trafen sich in den Cafés am Hafen von Marseille. Sie warteten auf die Papiere, die sie für ihre Ausreise in die USA oder nach Südamerika benötigten.

Es waren Tausende, die dort strandeten. Rolf und sein Vater waren zwei von ihnen.

Marseille 1941

Das Beste an Marseille war das Meer, dachte Rolf. Das hatte es in Paris nicht gegeben und das war auf jeden Fall schon mal eine kapitale Verbesserung. Paris hatte mit der Seine nur einen stinkenden Fluss zu bieten gehabt und nicht für eine Million hätte Rolf seinen kleinen Zeh dort hineingetaucht. Früher war er mit seinen Eltern in Berlin oft an den Wannsee gefahren. Damals war ihm das Gewässer am Rande der Stadt riesig vorgekommen. Nachdem er in Marseille das Mittelmeer gesehen hatte, erschien es ihm winzig.

Von ihrem Hotel liefen Rolf und sein Vater Ludwig eine Viertelstunde immer bergab bis zum Hafen und dann noch einmal dieselbe Strecke, um zu dem kleinen Sandstrand zu gelangen, den die Franzosen »Anse des Catalans« nannten. Links wurde der Strand von einem uralten Befestigungsturm begrenzt und im Meer direkt vor ihnen befand sich ein schmaler, aufgeschütteter Damm aus Steinen. Rolf hatte einmal versucht, bis dort hinaus zu schwimmen. Aber schon nach der Hälfte hatte er aufgegeben, weil es viel weiter war, als er gedacht hatte.

Um von der Straße zum Strand zu gelangen, mussten er und sein Vater ein paar ausgetretene Steinstufen hinuntersteigen. Neben der Treppe standen bunt gestrichene Umkleidekabinen, in denen sie ihre Badesachen anzogen. Adi, Rolfs weißer Foxterrier, wartete ungeduldig vor der Tür darauf, dass sein Herrchen endlich wieder ins Freie trat.

Ein paar ältere Damen saßen in ihren Liegestühlen und schauten plaudernd aufs Meer hinaus. Im Wasser konnte Rolf keine Schwimmer entdecken und genauso war es ihm am Liebsten. Er und sein Vater hatten das Mittelmeer ganz für sich alleine.

Rolf und Ludwig breiteten ihre Handtücher auf dem Sand aus und rannten ins Meer. Adi sprang hinter ihnen her, stoppte aber genau an der Wasserlinie. Vater und Sohn liefen weiter den Wellen entgegen. Es war Frühling, die Luft war warm und auch das Wasser nur in den ersten Sekunden frostig kühl.

»Komm schon, Paps! Wenn man sich erst mal getraut hat, ist es gar nicht mehr so schlimm.« Rolf stand bereits bis zur Brust im Meer, während seinem Vater das Wasser gerade bis zu den Knien reichte.

»Das ist glatt gelogen!« Ludwig schlang sich fröstelnd die Arme um seinen dicken Bauch. »Würde mich gar nicht wundern, wenn hier gleich ein Eisberg vorbeigeschwommen kommt.«

»Und ich dachte immer, Fett wärmt«, rief Rolf und grinste.

»Na, warte! Wenn ich dich kriege!« Ludwig tat ein paar Schritte auf seinen Sohn zu, hielt aber erneut inne, als das Wasser seine Oberschenkel erreichte.

»Pass auf, ich helfe dir!« Rolf schlug mit der flachen Hand in eine der anrollenden Wellen. Das Wasser spritzte bis zu seinem Vater, der aufschrie. Dann rannte er lachend auf Rolf zu. Adi lief kläffend am Strand auf und ab, während die beiden miteinander rangen. Plötzlich entzog sich Rolf dem Griff seines Vaters und verschwand unter der nächsten Welle.

Ludwig sah sich suchend um, konnte seinen Sohn aber nirgendwo entdecken. Besorgt drehte er sich im Kreis und rief: »Wo bist du? Das ist nicht mehr lustig!«

Rolf tauchte in einem weiten Bogen um seinen Vater herum und sprang ihm von hinten auf den Rücken. Ludwig versuchte, sich zu befreien, aber es gelang ihm nicht, seinen Sohn abzuschütteln. Rolf hatte seine Arme fest um den Hals seines Vaters geschlungen und ließ erst los, als Ludwig den Halt unter den Füßen verlor und sie kreischend im Wasser versanken.

Rolf liebte es, mit seinem Vater ausgelassen im Meer herumzutoben. In Europa herrschte Krieg. Täglich starben Menschen und noch viel mehr waren auf der Flucht. In diesem Augenblick aber, hier im Meer, konnte er das alles für einen Moment vergessen.

Als sich die beiden erschöpft zurück an den Strand schleppten, waren die alten Damen mit ihren Liegestühlen verschwunden. Nur Adi erwartete sie schon sehnsüchtig und sprang aufgeregt an seinem Herrchen hoch, während Rolf und Ludwig sich mit einem der Handtücher abtrockneten. Dann wechselten Vater und Sohn in den Umkleidekabinen ihre Badesachen und liefen mit noch feuchten Haaren zurück zum Alten Hafen.

Ludwig sprach Französisch und auch Rolf hatte in Paris genug aufgeschnappt, um sich in der fremden Sprache verständigen zu können. Was er nicht konnte war Englisch. Aber das würde er brauchen, wenn sie schon bald mit dem Schiff von Lissabon nach New York reisten. Sein Vater nutzte ihre Spaziergänge, um Rolf die paar Brocken beizubringen, die er selbst mehr schlecht als recht beherrschte.

»Sprich mir nach«, forderte Ludwig seinen Sohn auf. »Gud Murning.«

»Good Morning«, murmelte Rolf gelangweilt. »Das hatten wir doch alles schon.«

»Wir wiederholen ja auch nur. Sag Tank Ju.«

»Wofür soll ich dir denn Danke sagen? Dafür, dass ich bei dem schönen Wetter lernen muss?«

»Sehr komisch«, erwiderte Ludwig. »Mach schon, sprich mir nach. Du willst dich doch mit Mama unterhalten können, wenn wir sie wiedersehen.«

»Glaubst du, sie versteht kein Deutsch mehr?«, fragte Rolf besorgt.

»Natürlich versteht sie dich noch«, beruhigte ihn Ludwig. »Aber wenn wir alle zusammen in Amerika sind, sollten wir auch die Sprache sprechen.«

»Mama konnte auch kein Englisch, als sie gefahren ist.«

»Sie ist Tänzerin, da ist das nicht ganz so wichtig. Bei mir ist das etwas ganz anderes. Ich bin Journalist, ich schreibe, und wenn ich das auf Deutsch mache, wird das in Amerika keiner lesen können. Und du solltest das auch lernen. Du willst da drüben doch Freunde finden, oder?«

»Meinst du, Mama geht es gut?«

»Klar, geht es ihr gut. Was glaubst du denn?«

»Warum schreibt sie dann nicht?«

»Dass keine Briefe von ihr hier ankommen, heißt nicht, dass sie keine schreibt.« Ludwig legte seinem Sohn einen Arm um die Schulter. »Du kennst doch die Lage.«

Rolf nickte. Natürlich kannte er die Lage.

»Und was machen wir jetzt, Paps?«, fragte Rolf, als sie den Hafen erreicht hatten.

»Was wir immer machen«, antwortete Ludwig. »Wir gehen ins Café.«

»Und dann redet ihr und redet und redet. Das ist so kapital langweilig. Krieg ich wenigstens ein Croissant?«, fragte Rolf.

»Wenn es im Café welche gibt und sie nicht so teuer sind«, antwortete Ludwig, der unauffällig die Münzen in seiner Jackentasche zählte. »Gestern gab es keine.«

»Und vorgestern auch nicht«, bemerkte Rolf. »Und davor auch nicht.«

Rolf überlegte, wann er im Café das letzte Mal ein Croissant nicht nur bestellt, sondern auch bekommen hatte. Er war so in Gedanken versunken, dass er den Mann nicht bemerkte, der ihnen auf der Hafenstraße entgegenkam. Er trug einen grauen Anzug, der schon reichlich abgetragen wirkte. Die meisten der Frauen und Männer, die hier in Marseille in den Cafés rund um den Hafen saßen, hatten ihre Hemden, Jacken und Hosen noch in Berlin oder Paris gekauft. Bei dem dunkelblauen Anzug seines Vaters war es genauso und das sah man der Hose und dem Jackett auch an.

»Ludwig?! Bist du das?!« Der Fremde war vor Rolfs Vater stehengeblieben.

»Hans? Hans!«, rief Ludwig und umarmte den Mann lachend, dann wandte er sich an Rolf. »Das ist Hans. Ein Kollege aus Berlin. Wir haben für dieselben Zeitungen geschrieben.«

»Dein Sohn?«, fragte Hans und zeigte dabei auf Rolf. »Als ich ihn das letzte Mal in Berlin gesehen habe, konnte er noch gar nicht laufen. Da war der so!«

Hans hielt seine Hand einen knappen Meter über den Boden. Rolf lächelte gequält, weil es nicht stimmte. Er war sieben gewesen, als sie vor fünf Jahren aus Deutschland geflohen waren und natürlich hatte er da schon laufen können.

Rolf schaute den Fischern zu, die ihren Fang aus den Booten luden. Es war nicht das erste Mal, dass sein Vater auf ihrer Flucht alte Bekannte traf, und es würde auch nicht das letzte Mal sein. So viele Wege von Europa nach Amerika gab es nicht. Da war es nur logisch, dass man sich unterwegs begegnete. Zumindest – und auch das wusste Rolf – galt das für diejenigen, die es noch rechtzeitig aus Deutschland herausgeschafft hatten.

Die Männer umarmten sich ein zweites Mal, dann sahen sie sich lange an.

»Ich befürchtete schon, du wärst …« Ludwig beendete seinen Satz nicht.

»Ach was, Unkraut vergeht nicht. Ich bin gestern hier angekommen«, erwiderte Hans. »Und was machst du hier?«

»Urlaub!« Ludwig lachte, als er Hans’ verdutztes Gesicht sah. »Quatsch, ich mach das, was alle machen. Ich versuche, die nötigen Papiere zusammenzukriegen, um mit Rolf nach Amerika zu kommen.«

»Ist es gefährlich hier in Marseille?«

»Nicht mehr als anderswo, allerdings tauchen in letzter Zeit immer mehr braune Katzen auf.« Rolfs Vater deutete mit seinem Kinn auf einen schwarzen Wagen, der die Hafenstraße entlangrollte. Auf dem Rücksitz saß ein Mann in einer deutschen Uniform. Das Auto fuhr so dicht an ihnen vorbei, dass Ludwig und Hans die Hakenkreuze an der Jacke erkennen konnten. Schnell drehten sich die beiden weg, damit der Mann im Wagen ihre Gesichter nicht sehen konnte.

»Echt? Wo sind Katzen?«, fragte Rolf neugierig

Ludwig strubbelte seinem Sohn beruhigend durch die Haare und wechselte gleichzeitig einen besorgten Blick mit Hans.

»Hast du die am Hafen nicht gesehen? Die sitzen doch immer bei den Fischerbooten und hoffen auf ein paar Sardinen«, sagte Ludwig.

»Ach, die meinst du«, entgegnete Rolf und hielt nach Adi Ausschau, der Katzen nicht leiden konnte und schon mehr als eine davon rund um das Hafenbecken gejagt hatte.

»Und die Mäuse werden auch immer mehr. Die kommen von überall her. Und wenn die Mäuse die falschen oder gar keine Papiere haben, landen sie ganz schnell in einer Mausefalle. Die französischen Katzen arbeiten dabei mit den deutschen zusammen, auch wenn sie das nicht offiziell zugeben. Es wird eng«, sprach Ludwig leise, fast flüsternd, dann fragte er laut. »Seit wann bist du in Marseille?«

»Erst seit gestern. Wo ist Katja? Ist sie auch hier?«, erkundigte sich Hans.

»Nein, Katja war mit uns zusammen in Paris und ist von da aus nach New York gereist. Sie wollte dort alles für uns vorbereiten und uns dann nachholen, aber dann hat Herr Hitler unsere Reisepläne leider ein klein wenig durchkreuzt. Wir hatten die Koffer schon gepackt, da ist er mit seinen Soldaten in Frankreich einmarschiert und wir mussten deswegen ein ganz klein bisschen … umplanen«, erwiderte Ludwig.

Beim Namen seiner Mutter hatte Rolf erneut aufgehorcht. Aber nur kurz, er hatte die Geschichte schon zu oft gehört. Außerdem hatte er Adi entdeckt. Der Terrier schnüffelte an einem toten Tintenfisch, den ein Fischer von seinem Boot auf die Kaimauer geworfen hatte. Der Franzose hatte Adi bereits einen warnenden Blick zugeworfen und Rolf wusste, dass der Mann nicht zögern würde, den Hund mit einem Tritt ins Wasser zu befördern, wenn er ihn nicht schnell da wegholte.

»Lass das Adi! Komm sofort her!«, brüllte Rolf.

Der Terrier zuckte zusammen, ließ von dem Tintenfisch ab, und rannte zurück zu seinem Herrchen.

»Dein Hund heißt Adi?«, fragte Hans erstaunt. »So wie die Kurzform von Adolf? Adolf Hitler? Findest du das nicht ein bisschen … unpassend?!«

»Wieso?«, fragte Rolf zurück und kniete sich neben seinen Terrier auf den Boden. »Mach Männchen, Adi! Na komm, mach schon.«

Adi setzte sich auf seine Hinterbeine und strampelte mit den Vorderpfoten in der Luft. Rolf griff nach der rechten Pfote und schüttelte sie feierlich.

»Sehr gut, Adi«, lobte Rolf. »Und jetzt toter Hund!«

Der Terrier legte sich auf die Seite und streckte alle Beine von sich. Völlig regungslos blieb er auf dem Boden liegen.

»Wenn das mit dem echten Adolf auch so leicht ginge. War das deine Idee?«, fragte Hans lachend.

»Nein, Adi gehört meiner Mutter«, antwortete Rolf.

»Katja hat ihn hiergelassen, damit Rolf was zum Schmusen hat, wenn sie nicht da ist. Rolf hat ihm ein paar Kunststücke beigebracht und versprochen, dass er ihr Adi in New York zurückgibt«, erklärte Ludwig.

»Und das Versprechen halte ich auch«, bestätigte Rolf feierlich.

Er gab Adi einen sanften Klaps. Sofort sprang der weiße Foxterrier auf alle viere und fing laut an zu kläffen, als wollte er allen Umstehenden beweisen, dass er den toten Hund nur gespielt hatte.

Das Café

»Bonjour! Gibt’s heute Croissants?«, begrüßte Rolf den Wirt auf Französisch, als er und sein Vater ihr Stammcafé betraten.

Rund um den Hafen gab es unzählige davon und weder Rolf noch sein Vater hätten sagen können, warum ausgerechnet dieses ihr bevorzugtes Café geworden war. Es war fast zu jeder Tageszeit brechend voll, aber das galt für die anderen Lokale auch. Die Betreiber der Cafés und Bistros gehörten zu denen, die an dem Flüchtlingsstrom verdienten, obwohl sich die meisten ihrer Gäste stundenlang mit einer einzige Tasse Kaffee oder einem Glas Wein begnügten.

»Was ist jetzt mit den Croissants?«, wiederholte Rolf, weil der Wirt ihn wegen des lauten Stimmengewirrs nicht verstanden hatte.

»Habt ihr gehört?! Der Kleine will wissen, ob ich Croissants habe! In der Küche liegen so viele, dass du Tage brauchst, um die alle zu futtern. Und danach hast du garantiert Bauchweh und kommst eine Woche nicht mehr vom Klo runter«, erwiderte der Wirt und zwinkerte Rolfs Vater zu.

Die beiden Männer hatten sich vom ersten Tag an gut verstanden. Rolf vermutete, das lag daran, dass sein Vater ebenso gerne lachte und genauso dick war wie der Wirt. Die meisten der anderen Gäste waren hagere, ernste Gestalten mit ausgezehrten Gesichtern. Ludwig hatte sich seinen Humor bewahren können, genau wie die überzähligen Kilos, die er seit Berlin mit sich herumschleppte.

»Echt wahr?«, fragte Rolf, der das Zwinkern der beiden Männer nicht bemerkte hatte.

»Genauso wahr wie die Nachricht, dass Hitler gestern freiwillig zurückgetreten ist und sich bei allen entschuldigt hat, die seinetwegen in den letzten Jahren ein paar Unannehmlichkeiten hatten«, erwiderte der Wirt lachend.

»Kapital komisch«, brummte Rolf enttäuscht.

»Hey, das war doch nicht böse gemeint. Er hat nur einen Witz gemacht«, versuchte sein Vater zu beschwichtigen. »Hier wird sowieso viel zu wenig gelacht.«

»Gibt ja auch keinen Grund dazu«, mischte sich ein Mann ein, der neben ihnen an der Theke stand. »Marseille ist eine elende Falle. Wir zappeln hier wie die Fische im Netz. Die Nazis brauchen es nur noch einzuholen, dann sind wir alle geliefert.«

»Noch haben sie uns nicht, Horst«, erwiderte Ludwig. »Und solange wir lachen können, sind wir auch nicht verloren. Das solltest du auch mal ausprobieren, statt hier mit einem Gesicht wie sieben Tage Regenwetter rumzusitzen.«

Der Mann, den Ludwig Horst genannt hatte, schnaufte verächtlich und drehte sich weg, um ein Gespräch mit dem Mann rechts von ihm zu beginnen. Rolf verstand nur Fetzen von dem, was die beiden besprachen. Doch wenn er sich nicht irrte, ging es auch zwischen ihnen nur um das eine Thema, das hier alle bewegte: Was war der beste Weg, Frankreich zu verlassen, und wie schaffte man es, in den USA oder Südamerika aufgenommen zu werden? Es kursierten immer wieder Gerüchte von Flüchtlingen, die an der Grenze zurückgeschickt wurden, weil ihre Papiere nicht in Ordnung waren oder weil sie nicht genügend Geld hatten, um die Zöllner zu bestechen. Das ganze Café war ein brummender Raum, in dem die Gerüchte ein- und ausflogen wie Bienen in einem Bienenstock.

»Entschuldige, war wirklich nicht böse gemeint. Du weißt doch, dass Mehl und Butter knapp sind in diesen Zeiten. Und ohne Butter und Mehl gibt es nun mal leider keine Croissants«, sagte der Wirt beschwichtigend und schob Rolf eine Limonade über die Theke. »Hier, die ist für dich. Geht aufs Haus.«

»Danke«, murmelte Rolf und nahm einen Schluck, weil er nach dem Schwimmen tatsächlich durstig war.

Ludwig grüßte ein Pärchen, das an einem der hinteren Tische saß und gemeinsam in einer Zeitung las. Die Frau trug einen Hut und ein geblümtes Kleid, dessen Farben so vergilbt waren, dass die Blumen auf dem Stoff verblüht aussahen. Rolfs Vater kannte die meisten Menschen, die hier ihren Kaffee tranken, und wusste zu fast jedem eine Geschichte zu erzählen. Horst, der trübsinnige Mann an der Theke, war ein Theaterautor. In Berlin prophezeite man ihm eine große Karriere, aber dann kamen die Nazis an die Macht und verboten die Aufführung seiner Stücke. Die beiden Schachspieler, die an einem Tisch an der Wand schweigend über ihren nächsten Zügen brüteten, waren in Wien Professoren gewesen, und die Frau mit dem Hut und dem ausgebleichten Sommerkleid war eine berühmte Filmschauspielerin, die seit ihrer Flucht aus Deutschland vor keiner Kamera mehr gestanden hatte.

»Warte bitte hier, ich muss kurz mit den beiden da vorne was besprechen.« Ludwigs Vater drängelte sich zwischen den Stühlen und Tischen zu dem Zeitung lesenden Pärchen durch.

Rolf blieb mit Adi auf dem Arm an der Theke stehen und trank seine Limonade, als er an einem der anderen Tische eine blonde Frau entdeckte. Sie drehte ihm den Rücken zu und erinnerte ihn aus der Ferne an seine Mutter. Doch als er neugierig näher kam, verlor sich die Ähnlichkeit. Mit einem feinen Pinsel malte die Frau einen Stempel auf einem Ausweis nach. Als sie spürte, dass Rolf hinter ihrem Rücken stand, drehte sie sich um und lächelt ihn an.

»Hallo! Ich bin Anna und wer bist du?«

»Ich heiße Rolf. Aber ist das nicht verboten?«, fragte Rolf und zeigte auf den gefälschten Stempel.

»Sogar strengstens verboten«, antwortete die Frau und grinste frech.

»Haben Sie keine Angst, dass man Sie erwischt?«

»Hier?« Die Frau lachte. »Die Hälfte der Leute hier hat selbst gefälschte Pässe und die andere Hälfte hat sie ihnen verkauft. Nein, ich habe keine Angst. Aber warte! Bleib so stehen! Dreh dich nicht um!«

»Wieso?« Rolf sah erschrocken über seine Schulter zum Eingang. »Ist da Polizei?«

»Keine Sorge, ich will dich nur malen!« Die Frau schob den Pass zur Seite und griff nach einem weißen Blatt, das auf dem Tisch lag.

Rolf verdrehte den Hals, um zu sehen, was sie zeichnete. Aber die Frau zischte nur streng, wenn er sich bewegte, und hielt das Papier so, dass Rolf keinen Blick auf das Bild werfen konnte.

Ludwig hatte sein Gespräch beendet und kam zu ihnen herüber. Er beugte sich über das Blatt und nickte zufrieden.

»Sehr gut getroffen, Anna«, lobte Rolfs Vater.

»Kann ich es jetzt auch endlich mal sehen«, bat Rolf.

Anna legte die Zeichnung so auf den Tisch, dass Rolf sein Porträt betrachten konnte. Es war nicht ganz klar zu erkennen, wer auf dem Bild der Junge und wer der Hund war. Anna hatte sie beide ähnlich gemalt, beide mit viel zu großen Nasen und Ohren.

»Aber so sehe ich doch gar nicht aus! Und Adi auch nicht!«, rief Rolf.

»Deiner?«, fragte Anna.

»Mein ganzer Stolz«, erwiderte Ludwig.

»Der Hund oder der Junge?« Anna lächelte spöttisch.

Ludwig erwiderte das Lächeln und wandte sich an Rolf. »Die Dame, die dieses umwerfende Porträt von dir und Adi verbrochen hat, war in Berlin eine berühmte Künstlerin. Jetzt hockt sie wie wir in Marseille und fälscht Pässe.«

»Das ist auch eine große Kunst!«, bemerkte Anna.

»Dann wollen wir deine große Kunst nicht weiter stören, man sieht sich in Amerika«, verabschiedete sich Ludwig.

»Na, hoffen wir’s«, erwiderte Anna und reichte Rolf das Bild mit der Karikatur.

»Danke.« Rolf faltete das Blatt, steckte es in seine Jackentasche, und verließ mit seinem Vater das Café. An der Tür drehte er sich noch einmal zu Anna um. Sie winkte, dann widmete sie sich wieder ihren Fälschungen.

»Und? Wann fahren wir jetzt endlich zu Mama?«, fragte Rolf, als sie den Hügel zu ihrem Hotel hinaufstiegen.

»Schon bald«, antwortete sein Vater ausweichend.

»Warum erst bald? Warum nicht gleich, Paps?«

»Weil es nicht geht. Noch nicht.«

»Wollen uns die Amerikaner denn nicht?«

Ludwig blieb stehen, um sich ein wenig auszuruhen. Wegen seines dicken Bauchs geriet er auf dem steilen Rückweg immer wieder außer Atem.

»Doch, die wollen uns schon«, antwortete Ludwig, als er wieder genügend Luft bekam. »Die haben uns sogar eingeladen, zu ihnen zu kommen. Aber die Franzosen wollen uns auch. Die lassen uns nämlich nicht raus. Die geben Deutschen keine Ausreisegenehmigung mehr, das habe ich grad erfahren.«

»Brauchen wir die denn?«

»Ohne den richtigen Stempel im Pass kommen wir nicht über die Grenze. Und wenn wir nicht über die Grenze kommen, kommen wir auch nicht raus aus dem hübschen Frankreich.«

»Und jetzt?«, fragte Rolf besorgt.

»Alles halb so schlimm, mach dir keine Sorgen«, antwortete Ludwig. »Müssen wir uns halt etwas anderes ausdenken.«

Ihr Hotelzimmer lag im zweiten Stock. Darin gab es ein Bett, einen Schreibtisch, auf dem Ludwigs Reiseschreibmaschine stand, einen Schrank, ein Sofa und ein Waschbecken. Am meisten aber liebte Rolf den kleinen Balkon. Er war gerade groß genug, um dort zwei Stühle hinzustellen und im Freien zu sitzen. Von dort aus konnte Rolf auf den breiten Boulevard hinunterschauen. Blickte er nach links, sah er die große Treppe, die zum Bahnhof hinaufführte, schaute er nach rechts, verlor sich der Blick in den Wipfeln der Bäume, die vor dem Fenster wuchsen. Wenn Rolf die Hand ausstreckte, konnte er die Blätter der Platanen berühren.

»Ohne gültige Ausreisegenehmigung gibt es zwei Wege, Frankreich zu verlassen.« Ludwig saß auf dem Stuhl neben Rolf, während es sich Adi zu ihren Füßen bequem gemacht hatte.

»Wir klauen uns einen Flieger oder schnappen uns ein U-Boot«, schlug Rolf vor.

»Damit wären es sogar vier.«

»Was sind denn die anderen?

»Wir warten auf ein Schiff, das uns heimlich übers Mittelmeer nach Afrika bringt«, antwortete Ludwig.

»Wieso brauchen wir ein Schiff? Wir können doch auch schwimmen«, schlug Rolf vor.

»Das wäre ein bisschen zu weit.«

»Und welchen Weg gibt es noch?«

»Wir gehen über die Berge nach Spanien.«

»Ist das auch so weit wie nach Afrika?«

»Nein, viel kürzer. Und danach fahren wir mit dem Zug nach Lissabon und nehmen von dort ein Schiff nach New York.«

»Ich bin für die Berge«, erklärte Rolf.

»Ich auch«, erwiderte Ludwig. »Es gibt nämlich zurzeit gar keine Schiffe, die aus Marseille auslaufen. Genauso wenig wie U-Boote oder Flugzeuge, die uns hier herausbringen könnten.«

Die beiden sahen auf die Straße hinunter, wo sich die Menschen in der einbrechenden Dämmerung über den Bürgersteig schoben.

»Müssen wir klettern?«, fragte Rolf nach einer Weile.

»Ach was, das ist nur ein längerer Spaziergang«, erwiderte Ludwig. »Siehst du den Mann da unten mit dem Hut?«

»Die haben fast alle Hüte! Welchen meinst du?«, wollte Rolf wissen.

»Den großen in dem grauen Anzug. Gut oder böse?«

Gut oder böse war ihr Lieblingsspiel. Rolf und sein Vater wählten sich wahllos Menschen auf der Straße aus und überlegten, ob sie zu den Guten oder zu den Bösen gehörten. Ob sie für oder gegen Hitler waren.

»Kapital gut«, sagte Rolf. »Er hat ein dickes Buch unterm Arm.«

»Glaube ich auch«, bemerkte Ludwig. »Du bist dran, suche dir jemanden aus.«

»Die Frau da vorne. Die den Eingang zu ihrem Haus fegt.«

»Böse«, erwiderte Ludwig ohne lange nachzudenken.

»Warum?«, wollte Rolf wissen.

»Hast du nicht gesehen, wie sie den armen Kerl zusammengestaucht hat, der versehentlich in ihren Kehrhaufen getreten ist«, erklärte Ludwig, dann sah er auf seine Armbanduhr. »Höchste Zeit für dich, schlafen zu gehen.«

»Und du?«

»Ich muss noch mal los und was erledigen.«

»Fremde Frauen ansprechen? Das sage ich Mama, wenn wir in New York sind.« Rolf grinste.

»Petze«, antwortete Ludwig und grinste zurück.

»Was willst du dann? Uns ein paar Wanderstöcke besorgen?«

»Warm, ganz warm.« Ludwig stand auf, beugte sich zu Adi hinunter und kraulte den Terrier sanft hinter den Ohren.

»Pass auf den frechen Kerl auf, hörst du?!«

»Der sollte besser auf dich aufpassen«, sagte Rolf.

»Das mach ich schon allein.« Ludwig küsste seinen Sohn auf die Stirn. »Bin bald wieder da. Schlaf gut.«

Als er das Zimmer schon fast verlassen hatte, drehte sich Ludwig noch einmal um. »Und der Hund kommt mir nicht ins Bett! Verstanden?«

»Weiß ich doch, Paps«, erwiderte Rolf.

»Dann ist ja gut. Bis später.«

Rolf wartete noch ein paar Minuten, nachdem die Tür ins Schloss gefallen war. Dann stand er auf, nahm Adi hoch und legt sich mit dem Terrier aufs Bett.

»Bald sehen wir Mama wieder. Nur ein bisschen spazieren gehen und dann mit dem Schiff über den Atlantik. Keine Sorge, das schaffen wir schon. Ich bin ja bei dir.« Rolf gab Adi einen Kuss, kuschelte sich eng an seinen Hund und las in Erich Kästners Der 35. Mai.

In Berlin hatte er Kästner einige Male getroffen. Wenn Rolf seinen Vater ins Kaffeehaus begleitete, waren die Chancen hoch, auch dem berühmten Schriftsteller zu begegnen, der dort seine Bücher schrieb, mit Freunden plauderte oder seiner Sekretärin Briefe diktierte. Damals war Rolf noch zu klein gewesen, um zu verstehen, mit wem sein Vater da sprach. Er erinnerte sich nur noch vage an den freundlichen Mann, der bei einem ihrer Treffen ein Exemplar des 35. Mai aus der Tasche gezogen, seinen Stift gezückt und eine Widmung hinein geschrieben hatte:

»Für den kleinen Rolf!

Schau immer voran

und denke daran:

Was hinter dir liegt,

nur halb so viel wiegt.

Dein Erich Kästner«

Rolf hatte sich damals über das »klein« geärgert, war aber gleichzeitig fürchterlich stolz gewesen, obwohl er nicht verstand, was die Widmung bedeuten sollte. Er hatte seinen Vater gefragt, aber der hatte nur lächelnd geantwortet: »Es ist deine Widmung, nicht meine. Du wirst schon noch herausfinden, was Erich damit meint.«

Das signierte Exemplar war das einzige seiner vielen Bücher, das Rolf von Berlin über Paris bis nach Marseille hatte retten können. Früher hatte seine Mutter ihm daraus vorgelesen. Jetzt las Rolf es selbst und dass er Kästners 35. Mai fast auswendig kannte, störte ihn überhaupt nicht, im Gegenteil: Seit sie Berlin hatten verlassen müssen, hatte sich alles verändert. Die Wörter in seinem Buch aber waren immer noch dieselben.

Bevor er das Buch weglegte, betrachtete Rolf das zerknitterte Foto seiner Mutter, das er als Lesezeichen benutzte. Es war nach einem ihrer Auftritte entstanden. Sie trug ein weißes Kostüm und strahlte ihn an. Rolf strich über ihr Gesicht, dann legte er das Foto zurück ins Buch und machte das Licht aus.

Als Ludwig spät in der Nacht nach Hause kam, lag Adi immer noch neben seinem Herrchen im Bett. Rolf hatte die Decke weggestrampelt und schlief quer, sodass für seinen Vater kein Platz mehr auf der Matratze war. Ludwig strich erst seinem Sohn und danach dem Terrier sanft über den Kopf. Dann deckte er Rolf zu, holte eine Wolldecke aus dem Schrank und legte sich auf dem viel zu kleinen Sofa zum Schlafen nieder.