Das Buch

Die deutsche Landwirtschaft hat in den letzten Jahrzehnten einen Strukturwandel nach industriellen Prinzipen durchlaufen: Intensivierung, Technisierung, Spezialisierung und Standardisierung. Ein Ergebnis dieser Entwicklung ist das Höfesterben. Nur noch große landwirtschliche Betriebe sind noch konkurrenzfähig. In der Tierhaltung führt dieser Prozess zu teils schockierenden Zuständen – die Bilder von Legebatterien, in denen bis zu vierzigtausend Hühner in einer Einheit dahinvegetieren, von überzähligen Ferkeln, die einfach totgeschlagen werden, von Schweinen, die unter der Last ihres Gewichtes zusammenbrechen, sind aus dem deutschen Fernsehen gar nicht mehr wegzudenken. Die Empörung über solche Kollateralschäden der Massentierhaltung ist laut, aber sie zerschellt an einem zentralen Argument, dem man sich kaum entziehen kann, weil es plausibel wirkt: Die moderne Industrie Landwirtschaft sei überaus effizient, schaffe sie es doch große Mengen von Fleisch und Eier für vergleichsweise niedrige Preise bereitzustellen. Das System wirkt brutal, aber alternativlos, zumal wenn man den Blick auf ferne Ländern wirft, wo noch Hunger herrscht.

Aber wie effizient ist dieses System wirklich?

Die Autorin

Tanja Busse wurde 1970 geboren, studierte Journalistik und Philosophie in Dortmund, Bochum und Pisa. Sie promovierte 2000 mit einer Arbeit über die Massenmedien (Weltuntergang als Erlebnis). Sie schrieb wichtige Artikel über Verbraucherschutz und Landwirtschaft in der ZEIT, für das Greenpeace-Magazin und für utopia.de. Ihr Buch Die Einkaufsrevolution (Blessing, 2006) wurde ein Longseller. Auch Die Ernährungsdiktatur (Blessing 2010) erreichte hohe Resonanz.

Tanja Busse

Die W egwerfkuh

Wie unsere Landwirtschaft Tiere verheizt,

Bauern ruiniert, Ressourcen verschwendet

und was wir dagegen tun können

Blessing

1. Auflage 2015

Copyright 2015 Karl Blessing Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München

Umschlaggestaltung: Geviert Grafik & Typografie, München

Satz: Leingärtner, Nabburg

e-ISBN: 978-3-641-15641-1
V002

www.blessing-verlag.de

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.

Für L., der so gerne Kühe mag

Inhalt

Einleitung

Ein Wort an die Landwirtinnen und Landwirte

Ein Wort zur Wortwahl

Kapitel 1      Das Wegwerfkalb

Kapitel 2      Die Wegwerfkuh

Kapitel 3      Der Kuhzauberer

Kapitel 4      Der Risikolandwirt

Kapitel 5      Die Effizienzweltmeister

Kapitel 6      Verschwendungslandwirtschaft

Kapitel 7      Die Dialektik der Effizienz

Kapitel 8      Alternativlosigkeit ist keine Alternative

Kapitel 9      Die Farben der Zukunft

Dank

Literatur

Anmerkungen

Namensregister

Einleitung

In den letzten Jahrzehnten hat sich die Art, wie in Europa Milch, Fleisch, Eier, Getreide und Gemüse erzeugt werden, fundamental verändert. Das neue landwirtschaftliche System – moderne Landwirtschaft nennen es die einen, Agroindustrie die anderen – beruht auf den Prinzipien der Industrie: Intensivierung und Technisierung 1 , Spezialisierung und Standardisierung. Immer geht es dabei um Leistungssteigerung durch Effizienz.

Dieses neue System hat beinahe überall in Europa die kleinen Bauernhöfe verdrängt – Strukturwandel nennen das die einen, unvermeidlich und unumkehrbar, Höfesterben nen nen es die anderen. Es ist die Einlösung des Versprechens: Nie wieder Hunger! Wir bekommen euch satt! Dafür hat die Landwirtschaft den Turbo eingelegt.

Die Profiteure dieser Entwicklung erzählen die Agrargeschichte der letzten Jahrzehnte gerne als beispiellose Erfolgs story. Sie halten eine Laudatio auf den technischen Fortschritt und preisen die wundersame Produktivitätssteigerung der Landwirte. Das System gilt ihnen als alternativlos, weil wir Konsumenten unsere Lebensmittel so billig wie möglich haben wollen. Weil es die deutschen Landwirte weltmarktfähig macht. Und weil bald acht, neun oder sogar zehn Milliarden Menschen auf der Erde leben werden, die ernährt werden müssen.

Wenn Tierfreunde und Naturschützer gegen Intensivtier haltung demonstrieren und eine Agrarwende fordern, lächeln sie mitleidig. »Das ist ja süß, was ihr da fordert! Aber damit kann man die Welt nicht ernähren! Wenn alle Bio machen würden, gäbe es nicht mal in Deutschland genug zu essen.« Und dann zücken die Agrarindustriellen ihre größte Waffe: die Effizienz.

Sie behaupten: Die moderne weltmarktfähige Landwirtschaft sei so effizient, dass wir nicht auf sie verzichten können. Mit Methoden, die sich an der Industrie orientieren, produziere sie immer mehr Milch, Fleisch und Eier in immer weniger Zeit.

1950 ernährte ein Landwirt noch zehn Menschen, heute sind es einhundertvierzig. 2 1950 gaben gute Milchkühe 4 000 Kilogramm Milch pro Jahr, heute sind es im Durchschnitt über 8 000. 3 Das ist ein gewaltiger Fortschritt, der nur durch beeindruckende Effizienzsteigerungen erreicht wurde. Und die Landwirte sind stolz darauf: Sie produzieren mehr als jemals zuvor und sind gleichzeitig der harten körperlichen Arbeit, die die Landwirtschaft über Jahrhunderte prägte, entkommen. Keine Schwielen mehr an den Händen, keine Rückenschmerzen mehr. Das ist die Faszination der Effizienz: das Versprechen, der Maloche zu entgehen und trotzdem erfolgreich zu sein.

Dass diese Art von Landwirtschaft nicht der Erhöhung der Biodiversität dient und dass Tiere darin nicht gehalten werden wie im Streichelzoo, versteht sich von selbst. Das aber scheint der Preis dafür zu sein, dass die moderne Landwirtschaft Millionen Menschen mit günstigen und sicheren Lebensmitteln versorgen kann. Dazu muss es wohl nicht idyllisch, sondern effizient zugehen.

Die Geschichte hat nur einen Haken. Sie stimmt nicht.

Die Effizienz ist das Ergebnis einer falschen Rechnung. Die Hochleistungslandwirtschaft, die seit Jahrzehnten von einflussreichen Lobbyisten propagiert und politisch gefördert wird, ist gleichzeitig eine Verschwendungswirtschaft, die mehr Ressourcen verbraucht, als sie an Werten schafft.

Sie erzeugt Milchkühe, um sie zu töten, bevor sie ihre beste Zeit erreicht haben, weil sie nicht schnell genug wieder tra gend werden. Sie brütet jährlich rund vierzig Millionen Küken aus, um sie sofort nach dem Schlüpfen zu töten, weil sie als Brüder der Legehennen keinen ökonomischen Nutzen bringen. Sie züchtet Sauen, die mehr Ferkel gebären, als sie aufziehen können. Die Tiere, die sie produziert, gleichen gedopten Hoch leistungssportlern. In ihrer natürlichen Umgebung sind sie oft nicht mehr lebensfähig. Eine Art Evolution rückwärts. Survival of the unfittest . (Darunter leiden vor allem die Biobauern: Es fehlt ihnen an leistungsfähigen und robusten Rassen.)

Aber diese Art der Hightechtierproduktion hat sich durch gesetzt: Seit Jahrzehnten hält das Höfesterben an. Die meisten kleinen Höfe, die gegen den Trend zur Industrialisierung weiter gewirtschaftet haben, sind ruiniert. Mit ihrem Untergang geht wertvolles traditionelles Wissen verloren. Alte widerstandsfähige Nutzviehrassen sterben aus, sortenfeste Ge müse sorten – also solche, die man nach der Ernte neu aussähen kann, über Zehntausende von Jahren der natürlichste Vor gang der Welt – gehen verloren. Und die Agrarunternehmer, die weitermachen, bauen immer größere Ställe mit immer mehr Tieren, die immer schneller fett und immer früher geschlachtet werden.

Ein kollektiver Wettlauf in die falsche Richtung.

Das alles ist nur der Anfang einer Produktionskette, deren Prinzip das Wegwerfen bleibt: Alles, was nicht in die Han delsklassen passt, sortieren Verarbeiter und Händler aus. Und am Ende der Kette stehen die Konsumenten, die jedes achte gekaufte Lebensmittel in den Müll werfen.

Die moderne Land- und Ernährungswirtschaft gibt sich den Anschein, ökonomisch sinnvoll zu handeln – und ist dabei eine gigantische Ressourcenvernichtungsmaschine.

»Der Wirkungsgrad der sogenannten modernen Landwirtschaft ist ähnlich schlecht wie der eines Kohlekraftwerks«, sagt Dr. Thomas Griese, grüner Staatssekretär im rheinland-pfälzischen Agrarministerium.

»Über Jahrtausende hinweg kannte die Landwirtschaft keinen Abfall«, sagt Onno Poppinga, ehemals Professor für ökologische Agrarwissenschaft an der Uni Kassel-Witzenhausen und Rinderzüchter. Die alte Landwirtschaft kannte Stoffkreisläufe. Es gab Mist, aber keinen Müll. Das ist ein Unterschied.

Etwa zehntausend Jahre lang haben die Menschen eine solare Landwirtschaft betrieben, die weder Energieinput von außen brauchte noch Abfälle produzierte.

Dann fanden die Chemiker Haber und Bosch heraus, wie man Stickstoff aus der Luft gewinnen und zu Kunstdünger verarbeiten kann. Damit begann die große Energieverschwendung der Landwirtschaft, die bis zum heutigen Tag anhält. Längst sind die Böden so überdüngt, dass überall dort, wo zu viele Tiere gehalten werden, Stickstoff ins Grundwasser sickert.

Die Agrarindustrie hat sich ihre ungeheuren Produktivitätssteigerungen durch einen ineffizienten Umgang mit Ressourcen erschlichen – dort, wo keiner hinguckt.

Heute ist die Agrar- und Ernährungswirtschaft ebenso globalisiert wie der Rest der Wirtschaft. Ihre Transportketten schlingen sich – klimaschädlich und ressourcenfressend – um den Globus: Wir kaufen Futter aus Südamerika für Schweine im Emsland, deren Schinken nach Asien exportiert werden, während Hühner aus Thailand in Europa zu Fertiggerichten verarbeitet werden. Und so weiter, hin und her. Dieses System senkt bizarrerweise die Preise für Lebensmittel im Supermarkt, während es gleichzeitig Energie und Ressourcen verschleudert.

Dieses Buch handelt von jungen Kühen, die ausrangiert werden, von Kälbern, Küken und Ferkeln, die erzeugt werden, obwohl sie keiner braucht. Es erzählt, wie ein kleines Bullenkalb aus dem System gerettet wird und wie es für alle besser gehen könnte.

Ein Wort an die Landwirtinnen und Landwirte

»Wegwerfkuh« als Titel, das klingt provokant. Und das soll es auch. Aber dieses Buch ist kein Bauern-Bashing. Im Gegenteil, ich habe großen Respekt vor den Landwirten, mit denen ich gesprochen habe.

Ich bin auf einem Bauernhof aufgewachsen, und ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn Leute, die keine Ahnung von Landwirtschaft haben, alles besser wissen. »Das Pony friert doch im Schnee«, habe ich immer zu hören bekommen. Wenn aber unsere Kühe unter der Hitze litten, sagten dieselben Leute: »Denen geht’s ja gut, den ganzen Tag können sie sich sonnen!«

Aber: Nur weil es Leute gibt, die über Dinge, von denen sie wenig verstehen, Unsinn reden, heißt das nicht, dass die Entwicklung der Landwirtschaft nicht kritisiert werden darf!

Ich weiß, dass es heftig ist, unter Dauerbeschuss einer oft naiv tierfreundlichen und inkonsequenten Öffentlichkeit zu stehen. Und gleichzeitig unter enormem Arbeits- und Innovationsdruck, und dies alles bei stark schwankenden, fast immer zu niedrigen Preisen. Und auch wenn mein Herz für Tierrechte schlägt, weiß ich, wie es sich anfühlt, wenn sich die Kinder eines Hähnchenmästers nicht mehr in die Schule trauen, weil nachts die Tierschutzaktivisten in den Stall eingestiegen sind und fiese Bilder gemacht haben. Ziemlich mies nämlich.

Trotzdem kritisiere ich die Entwicklung der modernen Landwirtschaft unter dem Diktat der Anpassung an den Weltmarkt und behaupte, dass die viel gelobte Effizienz dieser modernen Landwirtschaft das Ergebnis einer Rechnung ist, bei der viele Variablen vergessen wurden.

Um das jedoch gleich am Anfang klarzustellen: Nein, ich plädiere weder dafür, die Schlepper zu verbieten, noch dafür, die Technik aus den Ställen zu verbannen. Und nein, ich möchte nicht, dass die Bauern morgens in den Stall gehen, um erst mit ihren Tieren zu kuscheln, um anschließend bis tief in die Nacht mit der Forke in der Hand auszumisten. Ich will auch nicht zurück in die Vergangenheit, zu Milchkühen in Anbindehaltung, und erst recht nicht noch weiter zurück zum Vieh, das im Winter im Stall beinahe verhungert wäre! Das sind nicht meine Forderungen, und ich weiß, es klingt albern, das zu betonen. Doch genau solche Unterstellungen habe ich oft gehört – von Landwirten, die mit solchen Vorwürfen jegliche Kritik – unsinnige genauso wie fundierte – reflexartig zurückweisen.

Für Landwirte ist es eine relativ neue und oft traumatisierende Erfahrung, vor einer empörten Öffentlichkeit und unter dem Dauerbeschuss von Tier- und Umweltschützern zu stehen. Über Jahrzehnte hinweg waren die Bauern hochgeschätzte Lieferanten begehrter Waren. Sie waren es, die den Hunger der Nachkriegsjahre stillten. Ohne sie hätten die Leute nicht genug zu essen gehabt. Und noch etwas ist wichtig, um die Landwirte zu verstehen: Jahrhundertelang wirtschafteten die Bauern, ohne dass sich jemand von außen in ihre Arbeit eingemischt hätte. Sie waren die Fachleute, die den Stallbesuchern erklärten, wie man eine Kuh melkt, und die Städter standen und staunten. Und auch heute arbeiten sie im eigenen Stall und können die Tore schließen, wie es ihnen passt. Landwirte sind es schlicht nicht gewohnt, unter ständiger Beobachtung zu arbeiten wie zum Beispiel Lehrer, Busfahrer oder Verkäufer.

Aber es gibt noch einen anderen Grund, weshalb viele Landwirte sich zu Unrecht kritisiert fühlen: Ihnen werden Dinge vorgeworfen, die ihre Kritiker nicht besser machen. Die intensive Fleischproduktion ist für einen großen Teil der Klimagase verantwortlich, sie schadet der Umwelt – das stimmt. Doch gilt das für Autofahren nicht? Und was ist mit den Flugreisen wohlhabender Biokonsumenten? Gerade Bauernfamilien, die Mühe haben, einmal im Jahr ein paar Tage wegzufahren, empfinden es zu Recht als zynisch, wenn sie von Leuten kritisiert werden, die selbst kein konsequenteres Leben führen.

Bloß hilft es nicht weiter, den Kritikern entgegenzuwerfen: »Ja, aber ihr! Ihr seid viel schlimmer!« Besser wäre es zu sagen: Die moderne industrialisierte Landwirtschaft ist Teil einer Gesellschaft, die als Ganzes einer falschen Wachstumserwartung verfallen ist. Die einer kurzsichtigen Effizienzlogik folgt und die – unter dem Strich einer komplexeren Rechnung – bei aller Effizienz und Leistungssteigerung mehr Ressourcen verbraucht, als sie an Werten schafft. Deshalb muss die Landwirtschaft ebenso wie die Wirtschaft insgesamt einen neuen Wachstums- und Wertbegriff finden – und das auf eine Weise, die auch ökonomisch nachhaltig ist. Und damit kommen die Bürger ins Spiel, die als nachhaltige, verantwortungsvolle Konsumenten ihren Teil zu dieser Wende beitragen und als Wähler Rahmenbedingungen für diesen Wandel von der Politik einfordern müssen. In diesem Spannungsfeld muss die Debatte über die Zukunft unserer Landwirtschaft angesiedelt werden, nicht vor den Hoftoren eines einzelnen Landwirts.

In meiner Kindheit kannte ich viele Bauernfamilien, die nur für die Landwirtschaft lebten. Ich habe Betriebe groß werden und andere sterben sehen, ich habe stolze Bauern erlebt und gebrochene. Seit ich als Journalistin über Ökologie und Landwirtschaft schreibe, haben sich viele Landwirte an mich gewandt, die die Nase vollhatten von der Abhängigkeit vom Preisdiktat der großen Konzerne, vom Dauerdruck des ewigen Wachsen- und Investierenmüssens. Oder die durch eine unerkannte Seuche ihren gesamten Tierbestand verloren haben. Oder durch falsch verordnete Medikamente in den Ruin getrieben wurden. Wieder andere kommen wirtschaftlich gut über die Runden und fragen sich trotzdem, wohin diese Entwicklung führen mag, wie groß ihre Betriebe noch werden müssen, wie viele Nachbarhöfe sie noch pachten und wie sehr sie ihre Effizienz noch steigern müssen, um mithalten zu können beim großen, nie endenden Strukturwandel.

Ihnen allen ist dieses Buch gewidmet.

Ein Wort zur Wortwahl

Massentierhaltung ist ein Kampfbegriff: Tier- und Umweltschützer benutzen das Wort, um all das zusammenzufassen, was sie an der gegenwärtigen Tierhaltung kritisieren: viele Tiere auf engem Raum, ihrer Rechte beraubt, gehalten nicht als Individuen, sondern als Produktionsmittel unter dem Diktat der ökonomischen Kostenoptimierung. Wann immer die Verfechter dieses Systems aber dieses Wort hören, kontern sie: Es hängt nicht von der Anzahl der Tiere ab, ob sie artgerecht gehalten werden. Milchkühe in einem modernen Boxenlaufstall mit fünfhundert Plätzen haben mehr Freiheit als ihre zehn bis zwanzig Artgenossen im alten Anbindestall. Damit haben sie recht. Nicht die Zahl der Tiere ist entscheidend, sondern wie sie leben oder gehalten werden. Als die nordamerikanischen Bisons noch in Herden von Hunderttausenden über die Prärie zogen, war das zwar eine Masse Tiere, jedoch kein Problem für die Büffel und ihr Ökosystem. Zum Problem wird die Masse, wenn die Tiere in Massen auf engem Raum gehalten werden. Das aber in den modernen Ställen fast immer der Fall ist. Deshalb müsste man von Dichttierhaltung sprechen, was aber sehr sperrig klingt. Ich verwende deshalb den neutralen Begriff Intensivtierhaltung.

Der Ausdruck konventionelle Landwirtschaft wird oft zur Abgrenzung von der Biolandwirtschaft benutzt. Doch das führt in die Irre, denn das Adjektiv konventionell suggeriert, dass es sich dabei um herkömmliche oder hergebrachte Weisen der Tierhaltung und des Landbaus handelt. Das aber ist nicht der Fall: Die Art und Weise, wie moderne, nicht ökologische Landwirte arbeiten, hat sich in den letzten Jahren fundamental verändert, von der Genetik der Tiere über die Größe der Betriebe bis zum Einsatz der Technik. Ich spreche deshalb, wie die Branche selbst, von moderner Landwirtschaft.