Über dieses Buch

Ein gewaltiger, unerhörter Plan ist es, den der junge amerikanische Ingenieur Mac Allan in den ersten Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts schmiedet: Einen Tunnel zu bauen, der das Europäische Festland mit Nordamerika verbindet, hunderte Meter unter dem Meeresgrund, tausende unter dem Meeresspiegel. Schnellzüge sollen dann rasen, um in nie gekannter Geschwindigkeit die Kontinente zu wechseln. Dank großer Überzeugungskraft findet er Geldgeber, Börsenspekulanten, Politiker, die auf ihn setzen. Das im Überfluss vorhandene Geld sucht seinen Weg – nicht anders als heute. In fünfzehn Jahren, so das kühne Versprechen, wird das kolossale Projekt geschafft sein, ein geradezu apokalyptisches Vorhaben, gegen das alle sieben Weltwunder verblassen. Armeen von Arbeitern graben sich von beiden Seiten des Atlantiks aufeinander zu. Rückschläge gibt es bei diesem Kampf gegen den Planeten viele: Mächtige Maschinen explodieren, Wände stürzen ein, Arbeiter werden von Trümmern erschlagen, zerquetscht, zerrissen, ertrinken bei Überflutungen, hunderte, ja tausende Opfer sind zu beklagen. Mac Allens Familie leidet, er selbst beginnt zu zweifeln, doch das Projekt schreitet, getrieben von Kräften, die kein einzelner Mensch mehr zu bändigen vermag, voran ...

Der Roman ›Der Tunnel‹ erscheint 1913 und wird ein Bestseller: Nach vier Wochen sind 10.000 Exemplare verkauft, nach sechs Monaten schon 100.000. In den kommenden Jahrzehnten werden es viele Millionen. In rund 25 Sprachen wird der Roman übersetzt. Manche etablierte zeitgenössische Schriftstellerkollegen sehen Kellermann geringschätzig als Kommerz-Schreiber. Doch an seine Auflagen reicht bei weitem kein anderer heran.

Viel später findet das Buch Einzug in den Reigen der großen »Romane von gestern – heute gelesen«, herausgegeben von Marcel Reich-Ranicki, zählt also seiner Einschätzung nach zu den »wichtigsten deutschsprachigen Publikationen« des 20. Jahrhunderts. Zu Recht: Die expressionistische Kraft des ›Tunnel‹ ist gewaltig.

Bernhard Kellermann, 1879 als Sohn eines Beamten in Fürth geboren, verbringt seine Jugend in Nürnberg und Ansbach. In München studiert er zunächst an der Technischen Hochschule, wechselt dann zu Germanistik und Malerei. Dann reist er durch Europa, Amerika und Asien, lebt eine Weile in Rom und lässt sich schließlich 1909 als freier Schriftsteller in Berlin nieder. ›Der Tunnel‹ wird Kellermanns großer Durchbruch.

Die Nazis schließen den Autor 1933 aus der Sektion für Dichtkunst der Preußischen Akademie der Künste aus, doch er bleibt im Lande und überlebt die schlimme Zeit unpolitisch in ›Innerer Emigration‹, publiziert dabei unauffällig weiter. Nach dem Krieg unterstützt er die Ideologie der neu gegründeten DDR und erhält dort 1949 den wichtigsten Literaturpreis. Im Westen vergaß man den Bestsellerautor fast völlig. – Das Buch hingegen führte ein Eigenleben, und es gab seit der Erstpublikation 1913 wohl kein Jahr, in dem es nicht im Buchhandel präsent war.

© Pallas Publishing et al., 2022