Das Buch
Jake Epping lebt ein normales Leben, bis sein Freund Al ihm ein großes Geheimnis enthüllt: Er kennt ein Portal, das ins Jahr 1958 führt. Und Al gewinnt ihn für eine wahnsinnige Mission. Jake soll in die Vergangenheit zurückkehren und das Attentat auf John F. Kennedy vereiteln, um den Gang der Geschichte positiv zu korrigieren. Und so beginnt für Jake ein neues Leben in einer für ihn neuen Welt. Es ist die Welt von Elvis und JFK, von großen amerikanischen Autos und beschwingten Highschool-Tanzveranstaltungen. Es ist die Welt des gequälten Einzelgängers Lee Harvey Oswald, aber auch die der Bibliothekarin Sadie Dunhill, die Jakes große Liebe seines Lebens wird – eines Lebens, das gegen alle normalen Regeln der Zeit verstößt. Und je näher Jake seinem Ziel kommt, den Mord an Kennedy rückgängig zu machen, desto bizarrer wehrt sich die Vergangenheit dagegen – mit aller gnadenlosen Gewalt, die sich auch gegen Jakes neue Liebe richtet …
Stephen Kings großer Roman Der Anschlag ist eine Tour de Force, die ihresgleichen sucht – voller spannender Action, tiefer Einsichten und großer Gefühle.
Der Autor
Stephen King, geboren 1947, ist einer der erfolgreichsten amerikanischen Schriftsteller. Er hat weltweit über 400 Millionen Bücher in mehr als 40 Sprachen verkauft und erhielt den Sonderpreis der National Book Foundation für sein Lebenswerk.
STEPHEN KING
DER
ANSCHLAG
ROMAN
Aus dem Amerikanischen
von Wulf Bergner
WILHELM HEYNE VERLAG
MÜNCHEN
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Die Originalausgabe 11/22/63 erschien bei Scribner, New York
Copyright © 2011 by Stephen King
Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe
by Wilhelm Heyne Verlag, München,
in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,
Neumarkter Straße 28, 81673 München
Umschlaggestaltung und Motiv:
© Hauptmann und Kompanie Werbeagentur, Zürich
Satz: Schaber Datentechnik, Austria
ISBN 978-3-641-06440-2
V008
www.heyne.de
Für Zelda
He, Schatz, willkommen auf der Party.
Es ist unserer Vernunft einfach nicht vermittelbar, dass ein einzelner kleiner Mann einen Giganten inmitten seiner Limousinen, seiner Legionen, seines Gefolges und seiner Leibwächter niedergestreckt hat. Wenn solch eine Null den Führer der mächtigsten Nation der Erde vernichten konnte, verschlingt uns eine Welt der Unverhältnismäßigkeit, und wir leben in einem Universum, das absurd ist.
Norman Mailer
Wenn man liebt, sind Pockennarben so hübsch wie Grübchen.
Japanisches Sprichwort
Tanzen ist Leben.
Ich war nie das, was man eine Heulsuse nennt.
Meine Exfrau gab meinen »nicht vorhandenen emotionalen Gradienten« als Hauptgrund dafür an, dass sie mich verließ (als ob der Kerl, den sie bei den Anonymen Alkoholikern kennengelernt hatte, ganz nebensächlich wäre). Christy sagte, sie könne mir zur Not verzeihen, dass ich auf der Beerdigung ihres Vaters nicht geweint habe; ich hätte ihn nur sechs Jahre gekannt und könne daher nicht sehen, was für ein wundervoller, großzügiger Mensch er gewesen sei (was beispielsweise ein Mustang-Cabrio zum Highschool-Abschluss bewies). Aber als ich auch auf den Beerdigungen meiner Eltern nicht weinte – sie starben im Abstand von nur zwei Jahren, Dad an Magenkrebs, Mutter an einem Herzschlag bei einem Strandspaziergang in Florida –, begann sie die Sache mit dem nicht vorhandenen Gradienten zu verstehen. »Ich war unfähig, meine Gefühle zu fühlen«, wie es im AA-Sprech hieß.
»Ich habe dich niemals weinen sehen«, sagte sie in dem ausdruckslosen Tonfall, in dem einem in einer Beziehung der andere den ultimativen Trennungsgrund verkündete. »Nicht mal, als du mir erklärt hast, ich müsste eine Entziehungskur machen, sonst würdest du mich verlassen.« Dieses Gespräch hatte etwa sechs Wochen vor dem Tag stattgefunden, an dem sie ihre Sachen packte, sie quer durch die Stadt karrte und bei Mel Thompson einzog. »Mann trifft Frau auf dem AA-Campus« – das ist eine weitere Redensart, die sie bei diesen Meetings haben.
Ich habe nicht geweint, als wir uns verabschiedeten. Ich habe auch nicht geweint, als ich wieder in das kleine Haus mit der großen Hypothek ging. In das Haus, in das nie ein Baby gekommen war und in das nun auch niemals eines kommen würde. Ich legte mich nur auf das Bett, das jetzt mir allein gehörte, und legte einen Arm über die Augen und trauerte.
Tränenlos.
Aber ich bin nicht emotional blockiert. In diesem Punkt hatte Christy unrecht. Als ich neun war, erwartete meine Mutter mich eines Tages an der Haustür, als ich aus der Schule kam. Sie erzählte mir, dass Rags, mein Collie, von einem Laster totgefahren worden sei und der Fahrer sich nicht einmal die Mühe gemacht habe anzuhalten. Später, als wir ihn begruben, habe ich nicht geweint, obwohl mein Dad mir versicherte, niemand werde deswegen schlecht von mir denken. Aber als sie mir erzählte, was passiert sei, da habe ich geweint. Teilweise, weil dies meine erste Erfahrung mit dem Tod war; hauptsächlich, weil es meine Aufgabe gewesen war, dafür zu sorgen, dass Rags immer sicher im Garten hinter unserem Haus eingesperrt war.
Und ich weinte, als Mutters Arzt anrief und mir mitteilte, was an jenem Tag am Strand geschehen sei. »Tut mir leid, aber sie hatte keine Chance«, sagte er. »Es passiert manchmal ganz plötzlich, aber wir Ärzte tendieren eher dazu, das als Segen zu betrachten.«
Christy war an diesem Tag nicht da – sie musste länger in der Schule bleiben und mit einer Mutter reden, die Fragen zum letzten Zeugnis ihres Sohnes hatte –, aber ich weinte tatsächlich. Ich ging in unseren kleinen Wäscheraum und zog ein gebrauchtes Bettlaken aus dem Korb und weinte hinein. Nicht lange, aber mir kamen wirklich Tränen. Ich hätte ihr später davon erzählen können, aber ich sah keinen Sinn darin, teils weil sie geglaubt hätte, ich wollte Mitleid schinden (das ist kein AA-Ausdruck, aber es sollte vielleicht einer sein), und teils weil ich nicht finde, dass die Fähigkeit, praktisch auf Kommando loszuheulen, zu den Voraussetzungen für eine gute Ehe gehören sollte.
Wenn ich’s mir recht überlege, habe ich meinen Vater niemals weinen sehen; in seinen emotionalsten Augenblicken seufzte er vielleicht schwer oder grunzte ein paar widerstrebende Lacher – für William Epping gab es kein Sich-an-die-Brust-Schlagen oder dröhnendes Lachen. Er war der starke, schweigsame Typ, und meine Mutter weitgehend ebenso. Vielleicht ist die Tatsache, dass ich nicht leicht weine, also genetisch bedingt. Aber blockiert? Unfähig, meine Gefühle zu fühlen? Nein, beides war ich nie.
Abgesehen von dem Tag, an dem ich vom Tod meiner Mutter erfuhr, kann ich mich an nur ein einziges Mal erinnern, dass ich als Erwachsener geweint habe, und das war, als ich die Geschichte von dem Vater des Hausmeisters las. Ich saß allein im Lehrerzimmer der Lisbon High School und arbeitete einen Stapel Aufsätze durch, die meine Klasse »Englisch für Erwachsene« geschrieben hatte. Vom Ende des Korridors her konnte ich das dumpfe Aufprallen von Basketbällen, das Plärren der Time-out-Hupe und das Geschrei der Menge hören, während die Sportbestien kämpften: Lisbon Greyhounds gegen Jay Tigers.
Wer kann wissen, wann das Leben auf der Kippe steht oder weshalb?
Das von mir gestellte Thema lautete: »Der Tag, der mein Leben veränderte«. Die meisten Antworten waren tief empfunden, aber schauderhaft: sentimentale Geschichten von einer lieben Tante, die eine schwangere Jugendliche aufgenommen hatte; ein Kamerad in der Army, der demonstriert hatte, was Tapferkeit wirklich bedeutete; eine zufällige Begegnung mit einer Berühmtheit (Jeopardy-Showmaster Alex Trebek, glaube ich, aber vielleicht war es auch Karl Malden). Die Lehrer unter Ihnen, die sich zusätzlich drei- bis viertausend Dollar pro Jahr verdienen, indem sie eine Klasse mit Erwachsenen übernommen haben, die aufs General Equivalency Diploma lernen, werden wissen, wie entmutigend es sein kann, solche Aufsätze zu lesen. Die Benotung spielt dabei kaum eine Rolle, zumindest nicht für mich: Ich ließ alle durchkommen, weil ich nie einen erwachsenen Schüler oder eine Schülerin hatte, der oder die sich nicht den Arsch aufgerissen hätte. Jeder, der ein beschriebenes Blatt Papier einreichte, bekam garantiert ein Häkchen von Jake Epping vom English Department der LHS, und wer das Geschriebene auch noch in Absätze unterteilt hatte, dem war wenigstens ein B minus sicher.
Was meinen Job so hart machte, war die Tatsache, dass mein wichtigstes Lehrmittel nicht mein Mund war, sondern der Rotstift, den ich regelrecht abnutzte. Was den Job so entmutigend machte, war die Gewissheit, dass bei diesem Rotstiftunterricht nur sehr wenig hängen bleiben würde; wer das Alter von fünfundzwanzig oder dreißig Jahren erreicht, ohne zu wissen, wie man richtig schreibt (totally, nicht todilly), wann man großschreibt (White House, nicht whitehouse) oder wie man einen Satz schreibt, der sowohl ein Substantiv als auch ein Verb enthält, wird es vermutlich nicht mehr lernen. Trotzdem machen wir unermüdlich weiter, kringeln tapfer das falsch verwendete Wort ein, in Sätzen wie Mein Mann war immer zu flink dabei, mich zu verurteilen, oder streichen schwimmte in dem Satz Danach schwimmte ich oft zum Floß hinaus durch und ersetzen es durch schwamm.
Solch hoffnungsloser, mühseliger Arbeit widmete ich mich an jenem Abend, während sich nicht weit von mir entfernt ein weiteres Basketballspiel zweier Highschool-Teams auf eine weitere Schlusssirene zubewegte, Welt ohne Ende, amen. Das war, nicht lange nachdem Christy aus der Entziehungskur gekommen war, und falls ich überhaupt etwas dachte, dann vermutlich dass ich sie beim Heimkommen nüchtern antraf (was übrigens der Fall war; sie hat sich ihre Nüchternheit besser bewahrt als ihren Ehemann). Ich weiß noch, dass ich leichte Kopfschmerzen hatte und mir die Schläfen rieb, wie man es tut, um möglichst zu verhindern, dass aus einem kleinen Pochen ein großes Dröhnen wird. Ich weiß noch, wie ich dachte: Noch drei davon, nur noch drei, dann kann ich hier raus. Ich kann nach Hause fahren, mir einen großen Becher Instantkakao machen und mich in den neuen Roman von John Irving vergraben, ohne an diese aufrichtigen, aber schlecht geschriebenen Ergüsse denken zu müssen.
Es gab keine Geigenklänge oder Warnsignale, als ich den Aufsatz des Hausmeisters von dem Stapel nahm und vor mich hinlegte; keine Vorahnung davon, dass sich bald nicht nur mein eigenes kleines Leben, sondern das Leben aller Menschen auf der ganzen Welt ändern würde. Aber das wissen wir nie, nicht wahr? Das Leben schlägt oft unerwartete Kapriolen.
Er hatte mit einem billigen Kugelschreiber geschrieben, der auf den fünf Seiten mehrfach ausgelaufen war und offenbar Flecken an seinen Fingern zurückgelassen hatte. Seine Handschrift war ein verschlungenes, aber noch lesbares Gekritzel, und er musste stark aufgedrückt haben, weil die Wörter förmlich in das billige linierte Papier eingraviert waren; hätte ich die Augen geschlossen und meine Fingerkuppen über diese herausgerissenen Seiten gleiten lassen, wäre es gewesen, als läse ich Blindenschrift. Unter jedem g war wie zur Verzierung ein kleiner Schnörkel angefügt. Daran erinnere ich mich besonders deutlich.
Ich weiß auch noch, wie der Aufsatz begann. Ich kann mich an jedes einzelne Wort erinnern.
Es war kein Tag sondern ein Ahmd. Der Ahmd der mein Leben veränderte, war der Ahmd an dem mein Vater meine Mutter und meine zwei Brüder erschlagen und mich schwer verletzt hat. Er hat auch meine Schwester verletzt, so schwer dass sie in ein Komah fiel. Nach drei Jahren ist sie gestorm ohne nochmahl aufzuwachen. Ihr Name war Ellen und ich hatt sie sehr lieb. Sie hat gern Blumen geflüggt und in Wasen gestellt.
Schon auf der ersten Seite begannen mir auf halber Strecke die Augen zu brennen, und ich legte meinen treuen Rotstift weg. Und als ich zu dem Teil kam, wo er unters Bett kroch, während ihm Blut in die Augen lief (es lief mir auch in den Mund und schmeckte gräslich), begann ich zu weinen – Christy wäre so stolz auf mich gewesen. Ich las alles bis zum Ende, ohne irgendwas rot anzustreichen, und wischte mir die Augen, damit keine Tränen auf die Seiten fielen, die ihn offensichtlich so viel Mühe gekostet hatten. Hatte ich geglaubt, er wäre langsamer als die anderen, vielleicht bloß einen halben Schritt über dem, was man früher »bildungsfähiger Minderbegabter« genannt hat? Nun, das hatte weiß Gott einen Grund, nicht wahr? Genau wie sein Hinken. Es war ein Wunder, dass er überhaupt noch lebte. Aber er war am Leben. Ein netter Mann, der immer lächelte und die Kinder niemals anschrie. Ein netter Mann, der die Hölle durchlitten hatte und jetzt daran arbeitete – bescheiden und hoffnungsvoll wie die meisten –, seinen Highschool-Abschluss zu machen. Auch wenn er für den Rest seines Lebens Hausmeister bleiben würde: nur ein Kerl in einer grünen oder braunen Arbeitskluft, der mit einem Besen unterwegs war oder mit dem Kittmesser, das er immer in der Gesäßtasche hatte, Kaugummis vom Boden kratzte. Vielleicht hätte er früher einmal etwas anderes werden können, aber eines Abends hatte sein Leben Kapriolen geschlagen, und so war er heute nur ein Kerl in Carhartt-Overalls, den die Kids als »Hoptoad Harry« verspotteten, weil er hinkte.
Ich habe also geweint. Nicht lange, aber die Tränen waren echt, solche, die tief von innen kommen. Vom Ende des Korridors her war zu hören, wie die Lisbon-Band ihren Siegesmarsch anstimmte – also hatte die Heimmannschaft gewonnen, was ich ihr gönnte. Später würden Harry und einige seiner Kollegen wahrscheinlich die Tribünen zusammenschieben und das Zeug aufkehren, das zwischen den Stufen durchgefallen war.
Ich malte ein großes rotes A aufs erste Blatt. Betrachtete es einen Augenblick und setzte dann ein großes rotes + daneben. Weil der Aufsatz gut war und Harrys Schmerz in mir, seinem Leser, eine emotionale Reaktion hervorgerufen hatte. Und ist es nicht das, was ein mit A plus benoteter Aufsatz tun sollte? Eine Reaktion hervorrufen?
Was mich betrifft, wünsche ich mir nur, die ehemalige Christy Epping hätte recht behalten. Ich wünschte, ich wäre doch emotional blockiert gewesen. Denn alles, was danach folgte – inklusive all der schrecklichen Dinge –, entstand aus diesen Tränen.
TEIL 1
EIN ENTSCHEIDENDER AUGENBLICK
KAPITEL 1
1
Harry Dunning bestand mit Bravour. Auf seine Einladung hin ging ich zu der kleinen Zeremonie in der LHS-Turnhalle. Er hatte wirklich sonst niemanden, und ich tat ihm diesen Gefallen gern.
Nach dem Segen (von Pater Bandy gesprochen, der kaum eine LHS-Veranstaltung ausließ) arbeitete ich mich durch das Gedränge aus Freunden und Verwandten zu der Ecke vor, in der Harry in seinem wallenden, schwarzen Talar allein dastand – mit seinem Diplom in der einen und dem geliehenen quadratischen Barett in der anderen Hand. Ich nahm ihm das Barett ab, damit ich ihm die Hand schütteln konnte. Er grinste und ließ dabei ein Gebiss mit Lücken und mehreren schiefen Zähnen sehen. Aber es war trotzdem ein sonniges, gewinnendes Grinsen.
»Danke fürs Kommen, Mr. Epping. Vielen Dank!«
»War mir ein Vergnügen. Und Sie können ruhig Jake zu mir sagen. Das ist eine kleine Vergünstigung, die ich Schülern gewähre, die alt genug sind, um mein Vater zu sein.«
Harry verstand nicht gleich, aber dann lachte er. »Das bin ich wohl, stimmt’s? Schiet!« Ich lachte ebenfalls. Um uns herum lachten viele Leute. Und es gab natürlich Tränen. Was mir so schwerfällt, ist für sehr viele Menschen ganz leicht.
»Und dieses A plus! Schiet! Ich hab mein Leben lang noch kein A plus gekriegt! Hab auch keins erwartet!«
»Sie hatten es verdient, Harry. Was haben Sie als Highschool-Absolvent als Erstes vor?«
Sein Lächeln verblasste kurz – das war etwas, worüber er noch nicht nachgedacht hatte. »Ach, ich glaube, ich fahre heim. Ich wohne in der Goddard Street in einem gemieteten Häuschen.« Er hielt das Diplom vorsichtig zwischen den Fingerspitzen hoch, als hätte er Angst, die Tinte zu verwischen. »Das hier werde ich mir einrahmen und an die Wand hängen. Dann hole ich mir ein Glas Wein oder so und setze mich auf die Couch und bewundere es, bis es Zeit fürs Bett ist.«
»Klingt nach einem Plan«, sagte ich. »Aber wie wär’s, wenn Sie vorher einen Burger mit Fritten mit mir essen würden? Wir könnten zu Al’s fahren.«
Ich erwartete, dass er zusammenzucken würde, aber damit warf ich Harry natürlich fälschlicherweise in einen Topf mit meinen Kollegen. Ganz zu schweigen von den meisten unserer Schüler: Sie mieden das Al’s wie die Pest und bevorzugten das Dairy Queen gegenüber der Schule oder das Hi-Hat draußen an der 196, wo früher das Lisbon Drive-in gestanden hatte.
»Das wäre großartig, Mr. Epping. Danke!«
»Jake, okay?«
»Jake, klar doch.«
Also nahm ich Harry mit zu Al’s, wo ich als einziger Lehrer Stammgast war, und obwohl Al in diesem Sommer doch tatsächlich eine Kellnerin beschäftigte, bediente er uns selbst. Wie üblich hatte er eine Zigarette (in Esslokalen illegal, aber das hatte Al noch nie gekümmert) im linken Mundwinkel und kniff das Auge darüber wegen des Rauchs halb zu. Als er den zusammengelegten Talar sah und erkannte, aus welchem Anlass wir hier waren, bestand er darauf, uns einzuladen (für ihn kein großes Verlustgeschäft; die Mahlzeiten im Al’s waren immer erstaunlich billig, was zu Gerüchten über das Schicksal bestimmter streunender Tiere in der Nachbarschaft geführt hatte). Er machte auch ein Foto von uns, das er später an seine Wand mit Lokalprominenz pinnte. Zur sonstigen »Prominenz« gehörten der verstorbene Albert Dunton, Gründer von Dunton Jewelry; Earl Higgins, ein ehemaliger LHS-Direktor; John Crafts, Gründer von John Crafts Auto Sales, und natürlich Pater Bandy von St. Cyril’s. (Der Pater hing neben Papst Johannes XXIII., der kein Einheimischer war, aber von Al Templeton verehrt wurde, der sich rühmte, ein »guter Kattelick« zu sein.) Das Foto, das Al an jenem Tag machte, zeigt Harry Dunning mit breitem Grinsen im Gesicht. Ich stand neben ihm, und wir hielten beide sein Diplom hoch. Seine Krawatte saß ein bisschen schief. Daran erinnere ich mich, weil es mich an den kleinen Schnörkel erinnerte, den er unter jedes g setzte. Ich erinnere mich an alles. Ich erinnere mich sehr gut.
2
Zwei Jahre später, am letzten Tag des Schuljahres, saß ich in genau demselben Lehrerzimmer und arbeitete einen Stapel Abschlussaufsätze ab, die mein Leistungskurs Amerikanische Lyrik geschrieben hatte. Die Kids selbst waren bereits fort, entlassen in einen weiteren Sommer, und bald würde auch ich gehen. Aber vorläufig war ich hier ganz zufrieden, weil ich die ungewohnte Stille genoss. Ich dachte sogar daran, den Schrank mit den Snacks auszuräumen, bevor ich ging. Irgendjemand sollte das tun, fand ich.
Früher an diesem Tag war Harry Dunning nach der ersten Stunde (in der es, wie am letzten Schultag in fast allen ersten Stunden und Freistunden, besonders laut zugegangen war) zu mir gehinkt gekommen und hatte mir die Hand hingestreckt.
»Ich möchte Ihnen nur für alles danken«, sagte er.
Ich grinste. »Soweit ich mich erinnere, haben Sie das bereits getan.«
»Ja schon, aber heute ist mein letzter Tag. Ich gehe in den Ruhestand. Darum wollte ich nicht vergessen, Ihnen nochmals zu danken.«
Als ich ihm die Hand schüttelte, kam ein Junge vorbei – höchstens ein Zehntklässler, seinen frischen Pickeln und dem ernsthaft-komischen Gestrüpp an seinem Kinn, das ein Spitzbart sein wollte, nach zu urteilen – und murmelte spöttisch: »Hoptoad Harry, hoppin’ down the av-a-new.«
Ich wollte ihn mir schnappen und dafür sorgen, dass er sich entschuldigte, aber Harry hielt mich zurück. Sein Lächeln war ungezwungen, nicht gekränkt. »Schon gut, lassen Sie nur. Das bin ich gewohnt. Jungs sind eben so.«
»Richtig«, sagte ich. »Und es ist unser Job, ihnen etwas beizubringen.«
»Ich weiß, und Sie sind gut darin. Aber es ist nicht mein Job, jedermanns Dingsbums, wieheißtdasnochmal … lernfähiger Augenblick zu sein. Vor allem heute nicht. Ich hoffe, Sie passen gut auf sich auf, Mr. Epping.« Er mochte dem Alter nach mein Vater sein, aber zu Jake würde er sich wohl nie durchringen.
»Gleichfalls, Harry.«
»Dieses A plus werde ich nie vergessen. Das hab ich auch eingerahmt. Hängt jetzt gleich neben meinem Diplom.«
»Das freut mich.«
Und das war es. Alles war gut. Sein Aufsatz war naive Kunst gewesen – aber genauso kraftvoll und authentisch wie jedes Gemälde von Grandma Moses. Jedenfalls sehr viel besser als das Zeug, das ich jetzt gerade las. In Leistungskursaufsätzen war die Rechtschreibung größtenteils richtig, und der Ausdruck war klar (auch wenn meine vorsichtigen Geh-bloß-kein-Risiko-ein-Universitätsanwärter auf irritierende Weise dazu neigten, ins Passiv zu verfallen), aber der Stil war blass. Langweilig. Meine Schüler im Leistungskurs waren im vorletzten Jahr – die im letzten Jahr behielt Mac Steadman, der den Fachbereich leitete, für sich –, aber sie schrieben wie kleine alte Männer und kleine alte Damen, immer mit gespitzten Lippen und ohhh, rutsch nicht auf dieser Glatteisstelle aus, Mildred. Dagegen hatte Harry Dunning trotz aller Rechtschreibfehler und seiner mühsamen Schreibweise wie ein Held geschrieben. Zumindest dieses eine Mal.
Während ich über den Unterschied zwischen offensivem und defensivem Schreiben nachdachte, räusperte sich die Gegensprechanlage an der Wand. »Ist Mr. Epping im Lehrerzimmer im Westflügel? Sind Sie zufällig noch da, Jake?«
Ich stand auf, drückte die Sprechtaste und sagte: »Noch da, Gloria. Als Buße für meine Sünden. Was kann ich für Sie tun?«
»Sie haben einen Anruf. Ein gewisser Al Templeton. Wenn Sie wollen, kann ich ihn durchstellen. Oder ich kann sagen, dass Sie für heute gegangen sind.«
Al Templeton, Eigentümer und Betreiber von Al’s Diner, in dem sich außer mir niemals jemand aus dem LHS-Lehrkörper blicken ließ. Sogar mein geschätzter Fachleiter – der wie ein Cambridge-Dozent zu reden versuchte und selbst kurz vor der Pensionierung stand – hatte Al’s Famous Fatburger, die Spezialität des Hauses, schon einmal als Al’s Famous Catburger bezeichnet.
Nun, natürlich ist das nicht wirklich Katze, pflegten die Leute zu sagen, oder wahrscheinlich nicht Katze, aber es kann kein Rind sein, nicht für einen Dollar neunzehn.
»Jake? Sind Sie mir eingeschlafen?«
»Nein, bin hellwach.« Außerdem war ich neugierig, warum Al mich in der Schule anrief. Oder warum er mich überhaupt anrief. Unsere Beziehung war stets nur ein Koch-und-Gast-Verhältnis gewesen. Ich schätzte sein Essen, und er schätzte meine Kundschaft. »Schön, stellen Sie ihn durch.«
»Warum sind Sie überhaupt noch da?«
»Ich geißele mich.«
»Oooh!«, sagte Gloria, und ich konnte mir vorstellen, wie sie mit ihren langen Wimpern klimperte. »Ich liebe es, wenn Sie schmutzige Sachen sagen. Bleiben Sie dran, und warten Sie auf das Klingelzeichen.«
Die Sprechanlage knackte. Dann klingelte das Telefon der Nebenstelle, und ich nahm den Hörer ab.
»Jake? Bist du das, Kumpel?«
Im ersten Augenblick dachte ich, dass Gloria den Namen falsch verstanden haben musste. Diese Stimme konnte unmöglich Al gehören. Nicht einmal die schwerste Erkältung der Welt hätte ein solches Krächzen hervorbringen können.
»Wer sind Sie?«
»Al Templeton, hat sie dir das nicht gesagt? Himmel, diese Warteschleifenmusik ist echt Scheiße. Was ist nur aus Connie Francis geworden?« Er begann so bellend laut zu husten, dass ich den Hörer ein wenig vom Ohr weghalten musste.
»Du klingst, als hättest du die Grippe.«
Er lachte. Und er hustete weiter. Die Kombination aus beidem war ziemlich gruselig. »Ich hab was, das stimmt.«
»Es muss dich von jetzt auf nachher erwischt haben.« Ich war erst gestern zu einem frühen Abendessen im Al’s gewesen. Ein Fatburger, Fritten und eine Erdbeermilch. Ich halte es für wichtig, dass man als Alleinstehender alle Hauptnahrungsgruppen berücksichtigt.
»Könnte man so sagen. Oder man könnte sagen, dass es eine Zeit lang gedauert hat. Beides wäre richtig.«
Ich wusste nicht, was ich darauf antworten sollte. In den sechs oder sieben Jahren, die ich nun bei ihm aß, hatte ich mich oft mit Al unterhalten, und er konnte seltsam sein – zum Beispiel bestand er darauf, die New England Patriots als Boston Patriots zu bezeichnen, und sprach über Ted Williams, als hätte er ihn wie einen alten Kumpel gekannt –, aber ein so verrücktes Gespräch hatte ich mit ihm noch nie geführt.
»Jake, ich muss dich sprechen. Die Sache ist wichtig.«
»Darf ich fragen …«
»Ich rechne damit, dass du viel fragen wirst, und ich werde alles beantworten, aber nicht am Telefon.«
Ich wusste nicht, wie viele Antworten er würde geben können, bevor seine Stimme versagte, aber ich versprach ihm, in ungefähr einer Stunde vorbeizukommen.
»Danke. Lieber schon früher, wenn’s irgendwie geht. Die Zeit drängt, wie man so sagt.« Und damit legte er einfach auf, ohne sich auch nur zu verabschieden.
Ich arbeitete zwei weitere Leistungskursaufsätze durch, danach waren nur noch vier übrig, aber es war zwecklos. Ich war aus dem Takt gekommen. Also packte ich den zusammengeschrumpften Stapel in meine Aktentasche und ging. Ich überlegte, ob ich ins Büro hinaufgehen und Gloria einen schönen Sommer wünschen sollte, ließ es aber doch bleiben. Sie würde noch die ganze kommende Woche da sein, um das Schuljahr abzuschließen, und ich würde noch einmal vorbeischauen und den Schrank mit den Snacks ausräumen – das hatte ich mir selbst versprochen. Sonst würden die Ferienkurslehrer, die das Lehrerzimmer im Westflügel benutzten, ihn von Käfern wimmelnd vorfinden.
Hätte ich gewusst, was die Zukunft für mich bereithielt, wäre ich bestimmt zu ihr hinaufgegangen. Ich hätte ihr vielleicht sogar den Kuss gegeben, der in den letzten paar Monaten zwischen uns in der Luft hing. Aber das wusste ich natürlich nicht. Das Leben schlägt gern Kapriolen.
3
Der silbrige Trailer von Al’s Diner stand abseits der Main Street und jenseits der Bahngleise im Schatten der alten Worumbo-Weberei. Solche Lokale wirkten oft schäbig, aber Al hatte die Hohlblocksteine, auf denen sein Etablissement ruhte, mit hübschen Blumenbeeten getarnt. Es gab sogar ein ordentliches Rasenquadrat, das er persönlich mit einem altmodischen Handrasenmäher trimmte. Der Rasenmäher war so gut gepflegt wie die Blumen; seine leuchtend farbig lackierten surrenden Messer hatten keinen einzigen Rostfleck. Er hätte erst vor einer Woche in der benachbarten Western-Auto-Filiale gekauft worden sein können … das heißt, wenn es in The Falls noch eine Western-Auto-Filiale gegeben hätte. Die einzige in der Gegend war um die Jahrhundertwende ein Opfer der riesigen Einkaufskästen geworden.
Ich folgte dem gepflasterten Weg, stieg die wenigen Stufen hinauf und blieb stirnrunzelnd stehen. Das Schild WILLKOMMEN IN AL’S DINER, HEIMAT DES FATBURGERS! war verschwunden. An seiner Stelle hing ein Pappquadrat mit dem Text: WEGEN KRANKHEIT ENDGÜLTIG GESCHLOSSEN. DANKE FÜR EURE LANGJÄHRIGE KUNDSCHAFT & GOTT SEGNE EUCH.
Ich steckte noch nicht in dem Nebel des Irrealen, der mich bald verschlingen würde, aber seine ersten Ausläufer griffen nach mir, und ich spürte sie. An der Heiserkeit, die ich in Als Stimme gehört hatte, oder dem bellenden Husten war keine Sommergrippe schuld. Auch keine Erkältung. Diesem Schild nach musste es etwas Ernsteres sein. Aber welche schwere Krankheit brach in nur vierundzwanzig Stunden aus? Genau genommen sogar weniger. Jetzt war es halb drei. Als ich das Lokal gestern Abend um Viertel vor sechs verlassen hatte, war Al noch gesund und munter gewesen. Sogar fast hyperaktiv. Ich erinnerte mich, ihn gefragt zu haben, ob er zu viel von seinem eigenen Kaffee getrunken habe, und er hatte geantwortet, nein, er denke nur daran, Urlaub zu machen. Redeten Leute, die gerade krank wurden – und zwar schwer genug, um ein Lokal zu schließen, das sie über zwanzig Jahre lang allein geführt hatten –, von Urlaubsplänen? Manche vielleicht, aber vermutlich nicht viele.
Die Tür ging auf, bevor meine Hand die Klinke berührte, und Al stand vor mir. Er sah mich an, ohne zu lächeln. Ich erwiderte seinen Blick und spürte, wie der Nebel des Irrealen um mich herum dichter wurde. Der Tag war warm, aber der Nebel war kalt. An dieser Stelle hätte ich noch kehrtmachen und weggehen können, zurück in die Junisonne, und irgendwie wollte ich das auch. Hauptsächlich war ich jedoch durch Staunen und Bestürzung gelähmt. Auch durch Entsetzen, das kann ich gleich zugeben. Eine schwere Krankheit entsetzt uns nämlich immer, und Al war schwer krank. Das konnte ich auf den ersten Blick sehen. Und todkrank traf es vermutlich noch besser.
Es waren nicht nur seine sonst so rosigen Wangen, die jetzt schlaff und fahl geworden waren. Nicht die wässrige Schicht auf seinen blauen Augen, die jetzt verwaschen aussahen und wie kurzsichtig blinzelten. Es waren nicht einmal seine zuvor fast schwarzen Haare, die jetzt fast weiß waren – schließlich konnte er sie sich aus Eitelkeit gefärbt und nun plötzlich beschlossen haben, die Farbe herauszuwaschen und die Haare wieder natürlich zu tragen.
Das Unmögliche daran war, dass Al Templeton in den zweiundzwanzig Stunden, seit ich ihn zuletzt gesehen hatte, mindestens fünfzehn Kilo abgenommen zu haben schien. Vielleicht sogar zwanzig, was ein Fünftel seines früheren Körpergewichts gewesen wäre. Niemand verlor fünfzehn oder zwanzig Kilo in weniger als einem Tag, niemand. Aber ich sah Al direkt vor mir. Und das war der Augenblick, glaube ich, in dem der Nebel des Irrealen mich komplett verschluckte.
Al lächelte, und ich stellte fest, dass er nicht nur Gewicht, sondern auch viele Zähne verloren hatte. Sein Zahnfleisch sah blass und ungesund aus. »Wie gefällt dir mein neues Ich, Jake?« Und er begann zu husten – mit dumpf rasselnden Lauten, die tief aus seinem Inneren kamen.
Ich öffnete den Mund. Brachte kein Wort heraus. Irgendein feiger, angewiderter Teil meines Verstandes dachte noch einmal an Flucht, aber selbst wenn dieser Teil das Kommando gehabt hätte, wäre ich nicht dazu imstande gewesen. Ich stand wie angewurzelt da.
Al bekam den Husten unter Kontrolle und zog ein Taschentuch aus der Gesäßtasche. Damit wischte er sich erst den Mund, dann die Handfläche ab. Bevor er es wieder einsteckte, sah ich, dass es Blutflecken hatte.
»Komm rein«, sagte er. »Ich muss über vieles reden und glaube, dass du der Einzige bist, der mir vielleicht zuhört. Wirst du mir zuhören?«
»Al«, sagte ich. Meine Stimme war so leise und kraftlos, dass ich sie selbst kaum hören konnte. »Was ist mit dir passiert?«
»Wirst du zuhören?«
»Natürlich.«
»Du wirst Fragen haben, und ich werde dir so viele beantworten, wie ich kann, aber versuch sie auf ein Minimum zu beschränken. Ich habe nicht mehr viel Stimme. Teufel, ich habe nicht mehr viel Kraft. Komm rein.«
Ich kam rein. Der Diner war dunkel und kühl und leer. Die Theke glänzte fleckenlos sauber; die verchromten Hockerbeine blitzten; die Kaffeemaschine war auf Hochglanz poliert; das Schild WENN IHNEN UNSERE STADT NICHT GEFÄLLT, SEHEN SIE SICH NACH EINEM FAHRPLAN UM lehnte wie immer an der Sweda-Registrierkasse. Das Einzige, was hier fehlte, waren Gäste.
Und natürlich auch der kochende Besitzer. Al Templeton war durch ein gealtertes, dahinsiechendes Gespenst ersetzt worden. Als er die Tür von innen verriegelte, sodass wir eingesperrt waren, klang das Geräusch dabei sehr laut.