Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.
Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.
Copyright © 2015 by Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh,
in der Verlagsgruppe Random House GmbH,
Neumarkter Str. 28, 81673 München.
Umsetzung eBook: Greiner & Reichel, Köln
Umschlaggestaltung: Gute Botschafter GmbH, Haltern am See
Redaktionelle Mitarbeit: Bettina Burchardt und Stefan Weigand
ISBN 978-3-641-16617-5
V002
www.gtvh.de
Inhalt
Prolog
KAPITEL 1
ASAP
KAPITEL 2
Der Spiegel des Narziss
KAPITEL 3
Bitte erpress mich!
KAPITEL 4
Die Abschaffung des nächsten Jahres
KAPITEL 5
Love Machine
KAPITEL 6
»Ich war’s nicht!«
KAPITEL 7
Diktatur der Angst
KAPITEL 8
Erwachsen sein ist kein Alter
KAPITEL 9
Die Kunst des Schnürsenkelbindens
KAPITEL 10
»Was brauchst du wirklich?«
KAPITEL 11
Nein sagen heißt Ja sagen
KAPITEL 12
Der Bergführer
Prolog:
Schwache Nerven
Wenn ein Arzt Neurasthenie diagnostiziert – auf Deutsch: Nervenschwäche –, dann ist das ein Sammelbegriff unter anderem für:
Allgemeine psychogene Ermüdung,
Chronische Überlastungsbeschwerden,
Depressive Erschöpfung,
Depressives Erschöpfungssyndrom,
Ermüdungsneurose,
(...)
Psychovegetative Erschöpfung,
Überforderungssyndrom,
Überlastung,
Überlastungssyndrom.
Ich habe in der Mitte dieser alphabetischen Reihe, die aus der international gültigen Auflistung der bekannten Krankheiten stammt, 20 Diagnosen ausgelassen. Denn ganz gleich, wie man es nennt: Mehr oder weniger geht es immer um die gleichen Symptome: chronische Müdigkeit, ständiges Genervtsein, Schlafstörungen, das Gefühl der Sinnlosigkeit, Verlust der Kreativität, Reizbarkeit, Schlappheit, Leistungsminderung, Negativismus, Interesselosigkeit, Infektanfälligkeit, Vergesslichkeit, Depressivität, Rückzugstendenz, das Gefühl, unter dauerndem Druck zu stehen, unaufhörliches Gedankenkreisen, Hoffnungslosigkeit ...
Die Betroffenen würden das anders ausdrücken. Sie sagen: »Mein Akku ist leer« oder »Ich kann nicht mehr« oder »Das kann nicht so weitergehen, irgendwann kommt der große Knall« oder »Ich brauch dringend eine Auszeit«. Ihr diffuses Grundgefühl lässt sich auf einen Nenner bringen: Irgendwie läuft etwas furchtbar falsch.
All diese Symptome führen kein Nischendasein. Ich bin mir sicher, dass jeder Leser mehrere Menschen kennt, auf die diese Symptome in verschiedenen Stadien zutreffen. Der eine oder andere wird sich auch selbst ein wenig ertappt fühlen.
Als Auslöser für das, was da mit uns in Beruf, Partnerschaft und Familie passiert, gelten die herrschenden gesellschaftlichen Bedingungen: Wir sind überlastet, erschöpft und fertig, weil unser Umfeld es von uns verlangt. Wir können uns nicht in Ruhe auf eine Aufgabe konzentrieren (Spagat zwischen Job und Familie), sondern müssen auf vielen Hochzeiten gleichzeitig tanzen (Multitasking), uns werden keine Ruhepausen mehr zugestanden (ständige Erreichbarkeit), und all das sollen wir auch noch unter enormem Zeitdruck bewältigen (ewige Hetze). Ob Burn-out in der Arbeitswelt, schlechte Leistungen von Schülern, Scheitern von Beziehungen – überall, wo etwas schiefgeht, wird dieser Zusammenhang aus dem Hut gezaubert: Man treibt uns in die Überforderung, also geht es uns schlecht.
Ich nenne dieses universale Erklärungsmodell den Überforderungs-Mythos. Es wird nicht wahrer, je öfter es uns von den Medien vorgebetet wird. Es ist sogar grundfalsch und lenkt vom eigentlichen Problem ab.
Ich will es nicht hinnehmen, dass wir uns mit einer einfachen Erklärung zufriedengeben sollen. Denn Selbstbetrug macht uns nicht gesund. Das Problem sind nicht die anderen – das Problem liegt in uns selbst.
KAPITEL 1
ASAP
Ein Gericht weist die Klage eines schwer Gehbehinderten ab, der nicht einsehen will, dass es auf dem Gelände der Klinik, in der er arbeitet, zwar Frauenparkplätze, aber keinen Behindertenparkplatz gibt.
Die Piloten der Lufthansa streiken wieder einmal. Zum zehnten Mal in diesem Jahr. Kein Witz: zum zehnten Mal in einem Jahr!
Eine Frau will sich mit dem Ausdruck »zu unserer vollen Zufriedenheit« in ihrem Arbeitszeugnis nicht abfinden. Erst das Bundesarbeitsgericht stellt endgültig fest, dass sie auf das Wort »stets« keinen Rechtsanspruch hat.
Drei Vorkommnisse, auf die ich im November 2014 innerhalb weniger Tage stieß und die auf den ersten Blick keine andere Gemeinsamkeit aufweisen, als dass es sich um Geschichten vom Scheitern und Versagen handelt. Nummer eins: Der Behinderte, der sich einen kürzeren Weg von seinem Parkplatz zum Arbeitsplatz gewünscht hatte, muss sich weiter durch Schnee und Regen kämpfen. Nummer zwei: Einer der weltweit größten Luftfahrtgesellschaften wird über Monate hinweg in massivster Weise Schaden zugefügt, ohne dass ein – wie auch immer gearteter – Fortschritt zu verzeichnen ist. Nummer drei: Die 25-Jährige, die ein Jahr lang am Empfangstresen einer Zahnarztpraxis gearbeitet hatte, lieferte sich mit ihrem Arbeitgeber über längere Zeit und durch mehrere Instanzen ein erbittertes Gefecht, mit dem Ergebnis, dass ihr Arbeitszeugnis so blieb, wie es war.
Ich stolpere immer häufiger über solche Ereignisse, in denen es nur Verlierer gibt. In der Zeitung, beim Fernsehen, im Gespräch mit anderen, aus eigenem Erleben. Anfangs schüttelte ich nur den Kopf, so, wie es die meisten anderen Menschen wohl auch tun. Mehr als eine Reaktion, die zwischen Verwunderung und Verärgerung liegt, ist auch nicht zu erwarten. Es wird ja schon als normal wahrgenommen, wenn irgendwo trotz hohen Einsatzes nur Flickwerk herauskommt. Nur wenige dieser Nachrichten versetzen uns in echte Aufregung. Dazu braucht es schon einen dreistelligen Millionenbetrag, der in Berlin, Hamburg oder sonstwo in den Sand gesetzt wird, oder ein Kind, das zu Tode gekommen ist, weil diejenigen, die es schützen sollten, auf ganzer Linie versagt haben.
Und dann traf mich eines Tages der Schlag.
Ich war wieder einmal nach einem langen Arbeitstag aus meiner Praxis heimgekehrt, in der ich als Kinder- und Jugendpsychiater arbeite. Ich nahm die Zeitung, die am Frühstückstisch liegen geblieben war. Meine Augen streiften noch einmal die Seiten – und plötzlich fiel es mir wie Schuppen von den Augen: All diese Geschichten – egal, ob Titelthema mit Riesen-Schlagzeile oder kleine Randnotiz im »Vermischten« – kannte ich aus meiner Arbeit als Psychiater bis ins Detail!
Ich begann, die Stories zu sammeln, in denen ich Parallelen zu Störungsbildern aus der Entwicklungspsychologie erkannte. Und bald hatte ich einen ordentlichen Stapel von Zeitungsauschnitten in meiner Schublade. Vielleicht kennen Sie das: Sie sitzen mit Ihren Kindern im Auto und spielen etwas, um die Fahrzeit zu verkürzen. Wer sieht ein gelbes Auto? Gelbe Autos sind sehr selten. Wenn Sie aber erst einmal nach ihnen Ausschau halten, dann fallen sie Ihnen überall ins Auge. Ich begann, immer mehr gelbe Autos zu sehen.
Irgendwann wurde mir klar – um im Bild der Autofarben zu bleiben –, dass auch grüne, rote und blaue Autos dem Muster entsprachen. Ich war überrascht, als ich schließlich in allen möglichen Bereichen des öffentlichen Lebens Missstände fand, die exakt einem Verhalten entsprachen, das sich vor dem Hintergrund der Entwicklungspsychologie erklären lässt.
Die Steinchen begannen, sich zu einem Mosaik zusammenzusetzen. Eine Ahnung beschlich mich, dass all meine gesammelten Episoden vom Versagen und Scheitern einen gemeinsamen Nenner haben und ein ganz bestimmtes Syndrom erzeugen, das unsere Gesellschaft fest im Griff hat.
Dieses Buch öffnet uns die Augen und entlarvt den verhängnisvollen Mechanismus, der an vielen Missständen in unserer Gesellschaft und ebenso vielen gescheiterten Biografien schuld ist.
Immer weniger
Besorgte Eltern sitzen vor mir, ihren 14-jährigen Sohn schützend zwischen sich. Ich nenne ihn Lukas. Seine Wangen sind eingefallen, trotz des gefütterten Kapuzenshirts sehe ich deutlich, wie ausgemergelt sein Körper ist. Die Haut ist trocken, blass, seinen Augen fehlt der Glanz. Teilnahmslos und desinteressiert hockt er da, will lieber ganz woanders sein.
Anorexie ist eine gefährliche Krankheit, das wissen die meisten. Magersüchtige zählen jede Kalorie, die Angst vor Gewichtszunahme hat sie fest im Griff. Die Folge ist eine sogenannte Körperschemastörung: Selbst wenn der Kranke praktisch nur noch aus Haut und Knochen besteht, nimmt er sich als zu dick wahr. Die fortdauernde Mangelernährung führt zu schweren organischen Schäden und im Extremfall zum Tod.
Dass Magersucht auch bei Jungen vorkommt, lesen Lukas’ Eltern im Internet. Alles, was sie in Ratgebern über Anorexie lesen, erhärtet ihren Verdacht nur noch. Sie versuchen, ihren Sohn aus der gestörten Selbstwahrnehmung wieder herauszuholen: »Guck dich doch an! Du bist nicht zu dick. Du bist genau richtig.« Lukas schaut nur genervt und verzieht sich wieder in sein Zimmer.
Die Eltern sind verzweifelt. Deshalb sind sie zu mir gekommen. Sie erhoffen sich psychotherapeutische Hilfe, vielleicht sogar eine Einweisung in ein auf Magersucht spezialisiertes Krankenhaus.
Ich atme tief ein, schaue auf die spätsommerlichen Bäume vor meinem Fenster und überlege, wie ich den dreien meine Diagnose schonend mitteilen kann. Ich will ja nicht mit der Tür ins Haus fallen. Wie sagt man Eltern, dass das starke Abmagern ihres einzigen Sohnes nicht das Symptom einer Anorexie ist? Dass die Ursache ganz woanders liegt – weit weg von allem, was sie sich als Erklärung für das Krankheitsbild vorstellen können.
Im Dämmerlicht
Wenn Familien mit ihren Kindern zu mir in die Praxis kommen, spreche ich zuerst mit dem Kind bzw. dem oder der Jugendlichen. Alleine. Ohne die Eltern. Wenn das Kind noch zu klein ist, um sich mit mir zu unterhalten, darf es in meinem Zimmer spielen. Ich beobachte es in seinem Spiel und mache mir ein erstes Bild. Erst dann bitte ich die Eltern dazu. Dieses Vorgehen dient dazu, dass sich die Kinder unbeeinflusst von den Eltern mitteilen können. Denn meistens »wissen« Eltern schon genau, was ihr Kind hat – Legasthenie, ADHS, eine Depression usw. Manchmal stimmt die Einschätzung der Eltern, manchmal aber auch nicht.
Ich musste mich nicht lange mit Lukas unterhalten, um die schockierende Wahrheit herauszufinden. Von Anorexie konnte keine Rede sein. Die Sommerferien waren gerade vorbei. Vor den Ferien war Lukas noch wie alle anderen aus seiner Klasse zur Schule gegangen. Viel lieber war er natürlich mit seinen Freunden zusammen, kommunizierte mit ihnen per WhatsApp und spielte am Computer »World of Warcraft« oder Ähnliches. Ein ganz normaler 14-Jähriger also. Doch in den Schulferien änderte sich sein Verhalten. Lukas verbrachte seine Zeit fast rund um die Uhr in seinem Zimmer. 18, 20 Stunden am Tag tauchte er bei zugezogenen Vorhängen völlig in die Welt eines PC-Spiels ab. Sechs Wochen lang. Anfangs hatte er sich noch nachts eine Pizza in den Ofen geschoben. Aber auch das hörte bald auf. Nur wenige Stunden am Tag schlief er; von seinem Spiel war er so absorbiert, dass er Essen und Trinken einfach vergaß.
Ich will jetzt nicht über das Suchtpotenzial von Computerspielen sprechen oder darüber, wie gefährlich es ist, wenn Jugendliche den Kontakt zur realen Welt verlieren. Dazu wird später noch Gelegenheit genug sein. Ich möchte hier das Augenmerk auf Lukas’ Eltern richten.
Sie haben bei den seltenen Gelegenheiten, zu denen ihr Sohn aus seinem Zimmer auftauchte – auf die Toilette muss schließlich jeder mal –, mitbekommen, wie der Körper ihres Sohnes weniger wurde, und sich mit dieser Beobachtung auseinandergesetzt. Sie hatten bereits von Anorexie gehört und recherchierten weitere Informationen über diese Krankheit. Sie haben versucht, ihren Sohn wieder »zurückzuholen«. Und nicht zuletzt: Sie haben sich, als dieser Versuch scheiterte, an mich als Kinderpsychiater gewendet, um sich Hilfe zu holen. Lukas’ Eltern sind also alles andere als nicht informiert oder desinteressiert.
Trotzdem haben sie nicht wahrgenommen, dass ihr Sohn die meisten für einen Anorektiker typischen Verhaltensweisen gar nicht aufwies: andauerndes Reden übers Essen, ständige Kontrolle seines Gewichts, Beschäftigung mit Diäten usw. Sie haben nicht wahrgenommen, dass Lukas sich exzessiv einem Computerspiel gewidmet hat. Und sie haben auch nicht wahrgenommen, dass er überhaupt keine Gelegenheit zum Essen hatte, weil er sechs Wochen lang praktisch rund um die Uhr vor dem Monitor hockte. Lukas’ Eltern haben gar nicht gemerkt, dass da etwas Grundlegendes völlig aus dem Ruder lief. Stattdessen fixierten sie sich auf die Vorstellung, Lukas sei an einer Magersucht erkrankt.
Mit anderen Worten: Sie haben das Offensichtliche nicht erkannt. Es ist doch völlig verrückt, wenn ein Junge 24 Stunden am Tag im abgedunkelten Raum hockt! Was sich direkt vor ihrer Nase abspielte, konnten sie nicht sehen! Die Folge war fatal.
So waren sie auch nicht in der Lage, ihrem Sohn zu helfen. Da wäre zum Beispiel die Möglichkeit gewesen, Lukas ein Glas Milch und einen Teller mit Butterbroten neben die Tastatur zu stellen. Das hätte umgehend die größte Not gewendet. Doch mit dem Lieferservice bis an die Tastatur hätten die Eltern ihren Sohn allerdings nicht aus der existenzbedrohenden Situation herausgeholt, sondern in seinem krankmachenden Tun unterstützt. Noch besser wäre es gewesen, sie hätten einfach den PC-Stecker gezogen, um Lukas quasi vom Computer abzuschneiden. Eine sehr einfache und sehr effektive Methode, um ihn wieder in ein normales Leben zu führen.
Heiße Füße
Wenn wir unter bestimmten Sachverhalten leiden, nehmen wir häufig nur den Schmerz wahr – und sind nicht in der Lage, auf die einfachsten Lösungsansätze zu kommen. Wie eine Ameise auf einer heißen Herdplatte laufen wir im Kreis. Dabei gibt es immer prinzipiell zwei Möglichkeiten. Erstens: wirres Hin- und Herlaufen, ohne dass man von der Herdplatte runterkommt. Zweitens: wirres Hin- und Herlaufen, das zusätzlich bewirkt, dass die Herdplatte noch heißer wird.
Beide Reaktionen helfen der Ameise nicht. Bei Ameise Nummer eins verpufft alle Energie, die in einen Lösungsversuch gesteckt wird, wirkungslos. Lukas’ Eltern zum Beispiel haben auf diese Weise reagiert. Sie haben sich nächtelang über Anorexie informiert – alles für die Katz. Mit ihrem gut gemeinten Einsatz haben sie die Situation, in der sie und ihr Sohn feststeckten, keinen Deut besser gemacht.
Ich erinnere an dieser Stelle an den eingangs erwähnten gehbehinderten Krankenpfleger, der vor Gericht um einen Parkplatz kämpfte. An der Klinik – immerhin ein Betrieb mit 2.500 Beschäftigten! – waren nahe des Haupteingangs einige Frauenparkplätze ausgewiesen. Der Mann durfte dort aber nicht parken. Der ihm zugewiesene Parkplatz befand sich 500 Meter vom Eingang entfernt. Die Klinikleitung kam seinem Wunsch nicht nach, weil der Betriebsrat andere Vergabekriterien hatte und sie sich da nicht einmischen wollte und konnte. Der Betriebsrat sah offenbar keinen Handlungsbedarf. Also wurde das Gericht bemüht, das feststellte, dass das Vergabekriterium »Frauen vor Männer« keine Diskriminierung sei.
Aber darum geht es doch überhaupt nicht. Das ist die völlig falsche Baustelle! Es geht darum, dass ein stark gehbehinderter Mensch nicht gezwungen sein sollte, sich jeden Tag einen halben Kilometer von seinem geparkten Auto zur Arbeit kämpfen zu müssen. Schlimm genug, dass hier ein Mensch mit seinem Problem alleingelassen wurde. Aber das eigentliche Drama, von dem diese Geschichte zeugt, ist doch, dass hier Menschen nicht in der Lage sind, für eine simple Fragestellung, für ein einfaches Problem eine Lösung zu finden. Wohlgemerkt: Hier geht es um Parkplätze. Und um die Frage, wer wo parken darf. Mehr nicht. Es kann doch nicht so schwer sein, sich zusammenzusetzen, miteinander zu reden und die Angelegenheit aus der Welt zu schaffen. Stattdessen wird eine Wahnsinns-Energie verbrannt mit Stellungnahmen, Klageschriften etc., die am Ende das Problem noch nicht einmal lösen.
Nun zur Ameise Nummer zwei: So wie Ameise Nummer eins tut sie das Falsche – aber ihre Reaktion ist nicht nur ineffektiv, sie verstärkt auch noch mit ihrem Handeln das Ausgangsproblem.
Der Leidensweg von Markus und Elena, die ich in meiner Praxis kennenlernte, verdeutlicht, was ich meine.
Wenn Unterstützung kaputtmacht
Markus und Elena sind Ende 20, ihre Kinder mit dreieinhalb Jahren und 18 Monaten noch klein. Mit viel Enthusiasmus haben die beiden die Familiengründung in Angriff genommen. Die Kindererziehung mit allen Konsequenzen sollte so weit wie möglich gleich verteilt sein, weil die Voraussetzungen dafür nicht schlecht stehen: Markus ist selbstständig, hat ein eigenes Beratungsbüro. So kann er viele Telefonate mit Kunden auch von zu Hause aus erledigen und hat mehr Gelegenheit als viele andere berufstätige Väter, bei seiner Familie zu sein. Er sieht seine Kinder aufwachsen, kann ihnen ein anwesender Vater sein.
Weil Elena sich mehr als andere Mütter in ihrer Nachbarschaft auf ihren Mann stützen kann, kümmert sie sich entspannt um die Kinder, hat auch noch Zeit für sich selbst und für die Partnerschaft. So weit die Theorie. In der Praxis sieht das Lebensmodell von Markus und Elena leider ganz anders aus.
Die Kinder sind anstrengender, als die beiden sich das in ihren schlimmsten Träumen vorgestellt hatten. Der Große ist kaum zu bändigen, die Kleine schreit stundenlang und schläft schlecht. Beide Eltern sind völlig übermüdet. Elena leidet unter dem Gefühl, dass sie nichts schafft. Wenn sie beim Einkaufen war, steht der Korb nach Stunden immer noch unausgeräumt auf der Küchentheke; leicht tropfend, weil die Tiefkühlpackungen aufgetaut sind. Da die Kinder so viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen, fehlt die Zeit aufzuräumen und zu putzen. In der Wohnung sieht es so aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen. Markus kann das Chaos nicht auffangen. Er will die Familie ernähren und gleichzeitig seiner Frau beistehen. Doch es ist selten, dass er seine Kinder mal anders als schreiend erlebt. Das macht ihn fertig.
Den beiden geht es wie jedem anderen Menschen auch. Unter extremem Druck gelingt nur noch der Tunnelblick. Je größer die Überforderung, desto weniger nehmen wir um uns herum wahr. Und desto weniger können wir das Wesentliche vom Unwesentlichen unterscheiden, das Wirksame vom Unwirksamen, das, was wir heute erledigen müssen, und das, was bis morgen Zeit hat.
Markus und Elena verlieren den Überblick. Aus ihrer Sicht wäre alles in Ordnung, wenn nur »die Kinder nicht so wahnsinnig anstrengend wären«. Deswegen kommt die vierköpfige Familie von weit her zu mir nach Bonn gereist. Ein guter Teil meines Arbeitstages besteht darin, wie mit einer Machete das Dickicht zu lichten und den Weg frei zu machen, damit Eltern wieder zurück zum Offensichtlichen kommen. Um es kurz zu machen: Nicht die Kinder sind das Problem, es ist der Vater, der die Familie destabilisiert. Wie das?
Wenn Markus nach Hause kommt, ist er zwar körperlich anwesend, aber er ist permanent von seiner Arbeit besetzt. Oft ruft ein Kunde mitten beim Abendessen an. Dann müssen die Kinder sofort still sein, bis er mit dem Hörer in der Hand den Tisch verlassen und sich in eine ruhige Ecke zurückgezogen hat. Immer wieder wird die Familie aus den gemeinsamen Mahlzeiten herausgerissen, weil Markus aufspringen muss. Auch wenn er mit seinen Kindern spielt, ist jederzeit eine Unterbrechung möglich. Seine Anspannung überträgt sich auf die gesamte Familie. Sobald das Telefon klingelt, schlägt die Stimmung um.
Auch für die Ehefrau bedeutet dieses Hineintragen der Arbeit in die Familie Hektik pur. Ein geplanter Tagesablauf ist nicht möglich. Nie weiß Elena, wann ihr Mann nach Hause kommt. Manchmal steht er schon nachmittags um drei in der Tür, manchmal wird es spät nachts, weil eine Besprechung mit einem Kunden länger dauerte als geplant. Immer wieder geschieht es, dass sie gerade die Kinder glücklich ins Bett gebracht hat, wenn Markus nach Hause kommt und noch mal ins Kinderzimmer geht. Danach herrschen oft wieder Gebrüll und Geschrei, und das mühsame Ins-Bett-Bringen geht wieder von vorne los. Markus ist für Elena also keine Hilfe, sondern nur eine weitere Variable, die es unter den Hut zu bekommen gilt.
Die Unruhe der Eltern überträgt sich. Weil sie überdreht, genervt, gereizt und überfordert sind, sind es die Kinder auch. Eine Spirale, die immer weiter ins Chaos führt, hat sich in Gang gesetzt.
Auch hier wird wieder das Muster sichtbar: Alle wollen das Beste, und alle leiden, weil sie das Naheliegende nicht sehen. Insoweit ähnelt das Beispiel der Geschichte vom spielsüchtigen Lukas. Markus und Elena waren nicht in der Lage zu erkennen, dass die Verflechtung von Kundentelefonaten und Kinderzeit eine Aufregung hervorruft, die alle an den Rand des Wahnsinns treibt. Statt zunächst einmal über sich selbst nachzudenken, wird das Problem bei den Kindern gesehen, mit denen etwas nicht stimmt.
Und hier haben wir es wieder: das Verhaltensmuster der Ameise, die hektisch auf der heißen Platte hin- und herläuft. Und jetzt kommt der Knackpunkt: Markus versuchte, Ordnung ins Chaos zu bringen, und knappste immer mehr Zeit im Büro ab, damit er noch mehr zu Hause sein und seine Frau unterstützen konnte. Mit dem Erfolg, dass noch mehr Telefongespräche von daheim aus geführt werden mussten und zwangsweise noch mehr Unruhe in die Familie kam. Statt die Situation zu deeskalieren, verschärfte sein Lösungsversuch das Problem weiter. Je mehr Markus sich einsetzte und je mehr Elena zu ihrer Unterstützung seine Anwesenheit einforderte, desto schlimmer wurde es.
Überforderung – Überreaktion – noch mehr Überforderung – noch extremere Überreaktion usw. Wenn Überforderung und Überreaktion Hand in Hand gehen und es immer schlimmer wird, dann ist das für Eltern ein fataler, krank machender Kreislauf.
Dieses Drama beobachte ich aber nicht nur in meiner Praxis, sondern auch überall in der Gesellschaft: eine Ansammlung von meist überlasteten, überforderten Menschen, die nicht mehr wissen, wo oben und unten ist.
Doppelpass ins Aus
Ein befreundeter Architekt erzählte mir, dass es für ihn ganz normal sei, wenn die Bewilligung eines eingereichten Bauantrags viele Wochen, manchmal sogar Monate dauere. Doch statt der erwarteten Genehmigung erreichen ihn nach Wochen des Wartens immer wieder Rückfragen. Ein Beispiel für eine solche Rückfrage: »Wird der Baum auf dem Grundstück dem Gebäude nicht zu viel Licht wegnehmen?« Der Architekt antwortete: »Wie Sie den Plänen entnehmen können, steht der Baum im Norden des Bauvorhabens. Sein Schatten kann also nicht auf das Haus fallen.«
Mit ein wenig Nachdenken hätte der Sachbearbeiter selbst darauf kommen können, die Rückfrage war unnötig. Eine Woche später hat der Architekt die nächste Rückfrage im Briefkasten. So geht das Spiel immer weiter: Rückfrage des Bauamts. Antwort des Architekten. Eine Woche warten. Rückfrage des Bauamts. Antwort des Architekten. Eine Woche warten ...
Der Architekt sagt es ganz offen: Er ist überzeugt, dass es sich um eine reine Verschleppungstaktik handelt. Es ist natürlich nicht die Rede davon, dass jemand im Amt ihm persönlich Böses will. Dem zuständigen Sachbearbeiter geht es allein darum, dass er den Vorgang möglichst schnell wieder vom Tisch hat. Eine abschließende Entscheidung ist ihm viel zu aufwendig. Also wird der Ball zurückgespielt, obwohl er auch im Tor versenkt werden könnte.
Kurzfristig gesehen, hat er sich die Arbeit erleichtert. Doch mit jedem Projekt, das er nicht endgültig abschließt, ist ein weiterer Ball mehr in der Luft. Die Überforderung ist bei solch einer Arbeitsweise vorprogrammiert. Statt 10, 20 Projekten hat er irgendwann 100 auf dem Tisch. Die kann er nur noch halbwegs unter Kontrolle halten, indem er sie sich so schnell wie möglich wieder vom Hals schafft. Also weiter das Rückfrage-Spiel spielen – möglichst über den Postweg, damit lassen sich weitere zwei, drei Tage rausschinden. So wird aus einem Bauamt ein Bauvermeidungsamt.
Man könnte jetzt sticheln: »Na, im Bauamt habe ich noch niemanden gesehen, der sich ein Bein ausgerissen hätte.« Von außen sieht das vielleicht auch so aus. Das, was der Sinn und Zweck des Amtes ist, findet nur in sehr begrenztem Rahmen statt. Aber der Sachbearbeiter wird jederzeit unterschreiben, dass er extrem belastet ist.
Nein, ich bin kein Bauamt-Hasser, ich bin da völlig leidenschaftslos, aber mir sehr sicher, dass auch Sie ein Dutzend Spielfelder kennen, in denen ähnlich verfahren wird. Von außen meint man, dass die »Akteure« eine ruhige Kugel schieben, aber in Wirklichkeit drehen die Leute am Rad und fühlen sich völlig überfordert.
Abgehakt und archiviert
Ich kann der Beobachtung meines Architekten-Freundes nur zustimmen. Vor zehn, 15 Jahren noch war es in meiner Praxis gang und gäbe, dass das Jugendamt auf direktem Weg mit mir kommunizierte. Wenn es zum Beispiel um die Frage ging, ob ein Kind aus dem Heim zurück in seine Familie kommen sollte, nahm der zuständige Bearbeiter kurz den Hörer in die Hand, und gemeinsam überlegten wir, was das Beste für das Kind sei. Heute erreichen mich Anfragen von Krankenversicherungen, Jugendämtern, Schulen, Kollegen praktisch nur noch per Post: »Bitte schicken Sie doch mal einen Arztbrief.«
Ich stelle mit Entsetzen fest, dass es nur darum geht, Unterlagen komplett zu haben, um diese abzuheften und dann erst den »Fall« abzuschließen. Meine Mitarbeit als Kinderpsychiater soll nun nur noch darin bestehen, dass ich dazu beitrage, Akten zu vervollständigen, statt Kindern zu helfen. Denn diesen erbetenen Arztbrief liest niemand. Wie gesagt, er wird lediglich zur Vervollständigung der Unterlagen abgeheftet. Das macht mich fassungslos!
Die Spitze der Perversion: Sind die Unterlagen des Sachbearbeiters vervollständigt, hat er tatsächlich das Gefühl, dass seine Arbeit erledigt ist. Das ist ungeheuerlich! Seine Arbeit ist nämlich genau dann getan, wenn das Kind bestmöglich versorgt und untergebracht ist. Nicht, wenn die Akte vollständig ist.
Könnte das, was Sie hier lesen, etwa die kleinliche und nachtragende Reaktion eines Kinderpsychiaters sein, dem irgendwann einmal ein Mitarbeiter des Jugendamtes auf den Schlips getreten ist? Ich kann Ihnen versichern, dass dem nicht so ist. Genauso, wie mir die Leidensgeschichten von Eltern, die sich in meiner Praxis ratsuchend an mich wenden, an die Nieren gehen, sehe ich auch den Stress der Mitarbeiter beim Jugendamt. Häufig sind es gerade die Jugendämter, die so viele Fälle auf dem Tisch haben, dass ihnen die Übersicht schon lange abhandengekommen ist. Das sieht man ja immer wieder an den entsetzlichen Fällen, in denen Kinder aus Familien, die vom Jugendamt betreut werden, zu Schaden oder sogar zu Tode kommen.
Ich stellte ja eingangs in den Raum, dass wir uns immer in Situationen wiederfinden, die nur Verlierer kennen. Nun haben wir die Antwort, woran das liegt: Es kann keinen Gewinner geben, wenn niemand mehr weiß, wozu wir bestimmte Dinge überhaupt machen.
Im Beispiel mit dem Bauamt sind die Verlierer: ein Architekt, der seine Zeit mit sinnloser Korrespondenz verplempert, ein Beamter, der nur noch ein Notprogramm fährt und dessen Schreibtisch nicht leer wird, sowie ein Bauherr, dessen Einzugstermin sich Monat für Monat verzögert. Und warum das alles? Weil das »Wozu« verloren ging: ein Hausbau, der für alle Beteiligten reibungslos ablaufen kann.
Ich möchte hier herausstellen, dass der Mechanismus, der uns Dinge ineffektiv im Fluss halten und das eigentliche »Wozu« aus den Augen verlieren lässt, uns überall in der Gesellschaft begegnet. Es geht nicht nur um Ämter (auf denen herumzuhacken, ist ja geradezu Volkssport), auch in Politik und Wirtschaft ist das »Wozu« oft in Vergessenheit geraten. Insbesondere die Schulen kann ich aus leidvoller eigener Erfahrung in den Kreis der Institutionen aufnehmen, die in erschreckender Weise hohldrehen.
Ein Dauerbrenner an Bildungseinrichtungen ist zum Beispiel das Beantragen von Einzelfallhelfern. Seit ein paar Jahren ist Inklusion ein Schlüsselbegriff, der bestimmt, wie Schule zu sein hat. Er bedeutet, dass auch dann, wenn eine psychische Behinderung droht oder vorliegt, Kinder in eine normale Schule geschickt werden. Damit mit verhaltensauffälligen Kindern in der Klasse überhaupt ein Unterricht möglich ist, werden von der Schule Einzelfallhelfer beantragt. Diese sitzen dann während des Unterrichts neben dem Kind und sorgen dafür, dass das Kind möglichst ruhig und eine Störung der anderen in Grenzen bleibt. Wenn ich zu einem solchen Fall hinzugezogen werde, geht es allein darum, dass ich dazu beitrage, die für die Beantragung des Einzelfallhelfers benötigten Unterlagen heranzuschaffen. Kein einziges Mal in den letzten Jahren wurde ich gefragt: Herr Winterhoff, wie bekommen wir es denn hin, dass der Schüler XY nicht mehr verhaltensauffällig ist?
Auch hier wieder: In meinen Augen ein völlig falscher Fokus! Es wird sichergestellt, dass der Unterricht möglichst störungsfrei stattfinden kann, und nicht, dass das Kind selbst aus der Störung herauskommt. So etwas ärgert mich richtig.
Auch die Eltern selbst erliegen der Versuchung, einfach nur einen Deckel auf den überkochenden Milchtopf drücken zu wollen. Ich denke da an die vielen Bescheinigungen für Legastheniker, die ich ausfüllen soll. Mit einem solchen Attest werden die Kinder aus dem Benotungssystem der Schule herausgenommen – und so mit ihrer Lese- und Rechtschreibschwäche seitens der Institution alleingelassen. Sie werden zwangsläufig zu Erwachsenen, die kaum eine Chance auf dem Arbeitsmarkt haben. Ich fürchte, vielen Eltern ist leider gar nicht klar, dass Legasthenie keine anerkannte Behinderung ist.
Es gibt keinen Beruf, in dem man jederzeit aufstehen und andere stören kann. Was wird also aus all den Kindern und Jugendlichen, die heute nur deshalb am Unterricht teilnehmen dürfen, weil sie eine Bescheinigung vorweisen können, dass sie in Therapie sind? Da rollt eine Welle auf uns zu, deren Zerstörungskraft wir nicht im Entferntesten abschätzen können. Wie sollen diese Kinder denn um Gottes willen später einmal klarkommen?
Den Eltern und Lehrern eines heranwachsenden Legasthenikers bringt so ein Freifahrtschein allerdings eine ganze Menge: Ruhe und ein gutes Gewissen. Die haben wieder ein Formular, das sie abheften können, und freuen sich, dass sie die Sache abhaken können. – Auf das Stichwort Ritalin möchte ich an dieser Stelle ganz bewusst nicht eingehen.
Mein Fazit: Da wird in der Gesellschaft auf breiter Front das Wesentliche nicht gesehen, werden wichtige Entscheidungen – wenn überhaupt – nur mit großer Verzögerung getroffen. Stattdessen werden Akten hin- und hergeschoben und die Symptome statt der Ursachen behandelt. Das alles zusammen hat eine enorme Bremswirkung, die wir uns gar nicht leisten können.
Das alles geschieht still und leise, fast unsichtbar. Man hat sich schon längst daran gewöhnt, findet es normal. Es gibt aber auch die lautstarke Variante des Das-Wesentliche-nicht-Sehens. Aber auch wenn publikumswirksam die Ärmel hochgekrempelt und markige Ansagen gemacht werden, ist der Effekt doch derselbe: Es kommt wenig dabei heraus, bzw. der Karren wird immer tiefer in den Dreck gefahren.
Beachte mich!
Es hat einen Grund, warum ich am Anfang dieses Kapitels auch das Beispiel der Lufthansa-Streiks anführte. Wie bei Markus und Elena ist das Grundprinzip erkennbar: das Wesentliche aus den Augen verlieren – das Falsche tun – die Situation nur noch verschlimmern.
Es geht ja nicht darum, dass Arbeitnehmer möglichst viel Geld mit nach Hause nehmen dürfen (ich unterstelle jetzt mal, dass das die Sicht der Gewerkschaft ist). Oder dass die Bilanz durch Personalausgaben möglichst wenig belastet wird (die Sicht der Arbeitgeber). Das Wesentliche ist doch, dass das Unternehmen erfolgreich bleibt. Nur wenn das Unternehmen Rendite macht, kann auch verteilt werden. Fakt ist: Während man sich um Gehälter und Vorruhestandsregelungen streitet, sorgen die Beteiligten dafür, dass ihr Unternehmen geschwächt wird. Mit ihrem Verhalten schneiden sie sich ins eigene Fleisch. Allein durch die vier Streiktage Ende September fielen 4.300 Flüge aus; betroffen waren Hunderttausende Fluggäste. So etwas spielt in einem hart umkämpften Markt nur der Konkurrenz in die Hand. Nicht nur andere Fluglinien profitieren, auch Fernbuslinien, Bahn und Autoverleiher. Dazu kommt, dass Tausende Menschen aufwendig umbuchen müssen oder sogar auf Flughäfen stranden. Egal, wer in dieser Auseinandersetzung siegt, es wird ein teuer erkaufter Erfolg sein. Kay Kratky, Vorstand im Lufthansa-Passagiergeschäft, schätzte die Kosten der Streiks auf knapp 200 Millionen Euro. Der Schaden für die Gesamtwirtschaft zum Beispiel durch Fracht, die nicht transportiert wird, liegt sogar noch deutlich höher! Alexander Schumann, der DIHK-Chefvolkswirt, nennt eine Zahl von bis zu 25 Millionen Euro. Für jeden einzelnen Streiktag!
Da wird nicht mit ruhiger Hand an einer Lösung gearbeitet, mit der alle Beteiligten leben können. Sondern es geht nur noch darum, die andere Partei in die Knie zu zwingen, fertigzumachen.
Egal, ob die Verantwortung auf die leise Weise im Kreis herumgeschoben wird oder ob das mit dem Holzhammer gemacht wird – wir haben es überall mit blindem Aktionismus zu tun. Blind, weil das Wesentliche nicht gesehen wird, Aktionismus, weil gehandelt wird, ohne dass ein Resultat dabei herauskommt.
Ein weiteres Beispiel: Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, dass auf vielen Mails, die Sie bekommen, im Betreff Kürzel wie ASAP stehen? ASAP bedeutet: As soon as possible. Da kann aber auch stehen: Höchste Prio! Oder: Unbedingt sofort bearbeiten! Warum ist das so?
Wenn wir in einer Umgebung, in der ohnehin ständig Aktionismus herrscht, die Aufmerksamkeit haben wollen, dann müssen wir lauter als die anderen schreien. Auf und ab hüpfen, mit den Armen wedeln und rufen: Hier! Beachte mich! Denn Aktionismus bedeutet auch: Übererregung, ständiger Alarmmodus.
Was aber passiert, wenn es 100 super-mega-wichtige ASAP-Mails am Tag sind, die uns die Ohren vollbrüllen? Oder Anrufe, Meetings oder was auch immer, die um unsere unausgesetzte Aufmerksamkeit buhlen? Wenn alles super-wichtig ist, dann ist alles gleich wichtig – und letzten Endes egal.
An dieser Stelle ist es mir wichtig, Folgendes zu betonen: Es scheint mir die herrschende Belanglosigkeit, die neben der Ineffektivität das Ergebnis der permanenten Überforderung ist. Das letzte der drei eingangs erwähnten Beispiele nehme ich hierfür als Kronzeugen.
Fünf Buchstaben
Eine Zahnarzthelferin kündigt ihre Stelle und bekommt ein Zeugnis, in dem steht: »zur vollen Zufriedenheit«. Das klingt doch zunächst einmal schön. Besser wäre es gewesen, wenn dort gestanden hätte: »stets zur vollen Zufriedenheit«. Nun haben Angestellte einen Anspruch auf ein wohlwollendes, positives Zeugnis. Die Zahnarzthelferin war unzufrieden mit der Einschätzung ihrer ehemaligen Arbeitgeberin und klagte. Durch drei Instanzen. Am Ende blieb das »stets« draußen.
Hier erkenne ich wieder das Grundmuster: Das »Wozu« ist verloren gegangen. Sind Zeugnisse dazu da, um der Form Genüge zu tun? Oder dass ein Arbeitnehmer sinnvolles Feedback zu seiner Arbeit und der Arbeitgeber in spe eine aufrichtige Beurteilung der Leistungen bekommt? Kann sein, dass der Ex-Chef ein ungerechter, nachtragender Mensch ist. Soll ja vorkommen. Kann aber auch sein, dass die Zahnarzthelferin sich bei der Arbeit nicht gerade ein Bein ausgerissen hat ...
Es ist ja schon absurd, dass die Arbeitgeber faktisch gezwungen sind, die Zeugnisse nach einem Schlüssel zu schreiben. Wenn ein »stets« einklagbar wäre – und so weit wird es noch kommen, davon bin ich überzeugt –, dann würde das Prinzip Arbeitszeugnis endgültig ad absurdum geführt. Dann könnte sich genauso gut jeder sein Einheits-Arbeitszeugnis aus dem Internet runterladen.
Wenn wir nicht mehr für die entscheidenden Dinge einstehen, sondern für alle, dann ist das ein Drama für den Einzelnen – und für die Gesellschaft.
Höllensturz
Ich bringe es abschließend noch einmal auf den Punkt: Wir nehmen unser Leiden wahr, aber wir können die einfachsten Ursachen nicht abstellen. Weil wir nicht mehr selbst das tun können, was getan werden muss, drehen wir uns im Kreis. Auch wenn wir uns Hilfe von außen in Form von Psychologen, Juristen, Coaches, Mediatoren usw. holen, haben wir – ich drücke es mal milde aus – keine Erfolgsgarantie. Denn oft verschlimmert das, was wir in die Wege leiten, das Problem nur noch. Wir haben keinen Spielraum, Dinge zu durchdenken, und reagieren nur noch, statt zu handeln. Weil wir das Wesentliche nicht vom Unwesentlichen unterscheiden können, ist uns am Ende alles egal.
Wenn eine Einzelperson mit diesen Verhaltensauffälligkeiten zu mir in die Praxis käme, wäre meine Diagnose klar: Dieser Mensch ist hochgradig überfordert und verfügt nicht über die Mittel und die Fähigkeiten, sein Leben eigenständig leben zu können. Sein Tun ist wirr und ineffektiv. Dadurch reitet er sich immer tiefer in die Überforderung hinein. Ich müsste umgehend Therapiemaßnahmen einleiten und dafür sorgen, dass er massiv unterstützt wird. Zum Beispiel mit einer Einweisung in einen Ort betreuten Wohnens.
Das Problem ist nur, dass es sich nicht um einzelne Personen handelt, die diese Auffälligkeiten aufweisen, sondern dass ich mit meiner Diagnose eine ganze Gesellschaft porträtiert habe. Eine Gesellschaft, in der wichtige Entscheidungen nicht gefällt, Probleme nicht gelöst, sondern verschoben und wegdelegiert werden. Eine Gesellschaft, in der oft das, was getan wird, die Ausgangslage nicht verbessert, sondern nur noch verschlimmert. Das Fatale ist: Wir nehmen das alles gar nicht mehr als Defizit wahr. Wie ein schleichendes Gift hat sich in allen Lebensbereichen die durch Überforderung ausgelöste Ineffektivität breitgemacht.
Noch nie in unserer Geschichte haben wir die Möglichkeit gehabt, so gut zu sein wie jetzt. Transparenz, Wissensvernetzung, Kommunikationsmöglichkeiten, Bildung ... Den meisten Menschen geht es gut, sie verfügen über eine sehr gute Grundversorgung. Und trotzdem sind sie unzufrieden, gehetzt, fühlen sich gestresst, wirken genervt und überfordert, kommen nicht mehr zur Ruhe. Es fehlen Freude und Spaß am Leben, Gelassenheit, Entspannung.
Schaut man Menschen an, die einem zum Beispiel in einer Fußgängerzone entgegenkommen, blickt man viel zu oft in Gesichter, die arm an Mimik sind, leer. Menschen, die strahlen, sind die Ausnahme. Meine Wahrnehmung ist: Diese Menschen haben keinen Blick für den anderen, sie sehen primär sich und die eigenen Bedürfnisse.
Psychiater nennen das autistoid. Diese Menschen überleben nur noch, empfinden alles, was auf sie einprasselt, als zu viel, fühlen sich nicht gesehen oder verstanden, fühlen sich ungerecht behandelt, zu kurz gekommen. Alles fällt ihnen schwer. Arbeiten, einkaufen, den Haushalt bewältigen, Kinder versorgen und erziehen, Freunde haben und treffen – alles wird als Belastung wahrgenommen. Immer mehr Erwachsene haben das Gefühl, ausgebrannt zu sein, sind depressiv, leiden unter Burn-out. Wir verzeichnen eine dramatische Zunahme an psychosomatischen Störungen wie zum Beispiel Schlafstörungen, Essstörungen, Kopfschmerzen – und das bereits im Kindesalter.
Eine solche Ansammlung von Störungen könnte man fast ein Polytrauma nennen. Die Generation unserer Eltern hatte diese Probleme nicht. Egal, ob Nachkriegs-Generation oder 68er – sie hatten gewiss ihre eigenen Probleme, aber Lebensuntüchtigkeit und Überforderung haben sicherlich nicht dazugehört. Obwohl es uns materiell so gut geht wie nie zuvor, hat keine Gesellschaft vor uns die Themen Stress und Überforderung so deutlich und häufig formuliert wie unsere. Wir träumen uns aus dem Leben, machen müde Fluchtversuche in Wellness-Oasen und ferne Länder – raus aus einem Leben, dem wir uns nicht mehr gewachsen fühlen. Warum sind wir nicht mehr fähig, die Herausforderungen des Lebens zu meistern?
Was ist mit uns los?