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Mein Name ist Jenny Taylor, aber jeder nennt mich Fanny. Ich gebe zu, es ist nicht ideal, Fanny genannt zu werden, aber es könnte schlimmer sein. »Es könnte schlimmer sein« ist mein Leitspruch. Ich brauche ihn oft. Mir lief das Glück nämlich nicht gerade nach. Nehmen wir zum Beispiel den Grund, wie ich zu dem Namen Fanny kam. Als ich noch zur Schule ging, entdeckten meine Mitschüler, dass mein richtiger Name, wenn man ihn sehr schnell hintereinander sagte, wie das englische Wort genitalia klang. Jahrelang bekam ich eine kreative Auswahl von Spitznamen verpasst, die sich von Genitalien ableiteten, aber Fanny war der Name, der schließlich hängen blieb – und er war nicht der schlimmste.
Also, mein Name ist Jenny Taylor oder Fanny, und sonst gibt es eigentlich nicht viel über mich zu sagen. Ich bin ein ziemlich unauffälliger Mensch. Würde ich an einer Wunderlampe reiben und ein lächelnder Dschinn würde erscheinen und mir einen Wunsch freistellen, würde meine Antwort nicht »Ruhm und Reichtum« lauten, nicht einmal »Weltfrieden«. Nein, ich würde sagen: »Hallo, Flaschengeist, könnte ich bitte einfach nur glücklich sein bis ans Ende meiner Tage?«
Diese Antwort zeugt nicht gerade von viel Ehrgeiz, oder? Aber Glücklichsein ist für mich wichtig. Und zwar deshalb, weil es einmal eine Zeit gab, in der ich ganz und gar nicht glücklich war.
Ich habe das, was man witzigerweise eine »depressive Vorgeschichte« nennt. So, jetzt ist es raus. Ich fühle mich immer ein bisschen wie eine Versagerin, wenn ich das zugebe. Obwohl ich mich bemühe, das Gefühl abzustellen. Statistisch gesehen ist jede vierte Frau von einer Depression betroffen. Ich frage mich, ob diese Frauen, wenn sie über ihre Krankheit sprechen, auch alle Panik davor haben, dass die Leute denken könnten: Boah! Die hat aber einen ziemlichen Dachschaden! Ich hoffe nicht. Philippa, meine beste Freundin, betrachtet meinen Vater als die Ursache für meine Depression, weil mein Vater mich HASST. Im Ernst, wann immer ich ihn sehe, sagt er mindestens ein Mal: Jenny, du bist so nutzlos. Im Prinzip hat er damit nicht unrecht, aber das ist wahrscheinlich nicht gerade der aufbauendste Kommentar, den man seiner Tochter gegenüber abgeben kann. Meine frühen Lebensjahre waren also kein Zuckerschlecken, und dann war auch noch meine erste Liebe ein ziemlich böser Reinfall. Ich war in diesen Typen, Steve, bis über beide Ohren verliebt, obwohl er auf mich geschissen hat, und das aus gewaltiger Höhe. Aber das liegt nun schon viele, viele Jahre zurück.
Heute dreht sich bei mir alles um das Glücklichsein. Das ist für mich so wichtig, dass ich sogar mein eigenes Glücksmanifest habe, das innen an meiner Zimmertür hängt. Es wurde von Philippa verfasst, kurz nachdem sie im Fernsehen eine Dokumentation über ein Glücksprojekt gesehen hatte. Sie hat im Prinzip die wesentlichen Punkte abgekupfert, die die Glücksforscher in der Sendung testeten.
Das Lächelnde-Fanny-Manifest
von Philippa Flemming
(Fanny, du musst UNBEDINGT jeden Tag diese Aufgaben
erfüllen, oder ich werde all deine Klamotten verbrennen!)
1) Telefoniere mit einem Freund/einer Freundin. Das kann ruhig immer ich sein. Sag einfach: »Ich rufe an, um den ersten Punkt auf meiner Liste abzuhaken.« Und dann können wir über das Übliche quatschen: wie wir später einmal unsere Kinder nennen werden, unsere fünf Lieblingsbeläge auf Sandwiches, was du zu Robbie Williams sagen würdest, wenn du ihm zufällig auf der Straße begegnen würdest …
2) Züchte etwas, also nicht jeden Tag etwas Neues, sondern lass einfach etwas gedeihen – zum Beispiel eine Pflanze! Alter Teesatz in einer Tasse zählt nicht!!!
3) Denke vor dem Einschlafen an das, was an diesem Tag gut war und wofür du dankbar bist. Ein Beispiel dafür, das mir zufällig und spontan einfällt, könnte »meine beste Freundin Philippa« sein!!!
4) Unterhalte dich mit jemandem von Angesicht zu Angesicht. Skype gilt nicht, du musst dafür schon das Haus verlassen. Ein simples »Schönes Wetter heute, nicht? Wissen Sie, was die für morgen vorhergesagt haben?« zu dem Mann im Eckladen reicht bereits.
5) Belohne dich selbst (das muss nicht zwingend Geld kosten – ein wohltuendes Bad in der Wanne, ein Abstecher in den Charity Shop, um diverse Sachen anzuprobieren, so was in der Art).
6) Lache – mein Favorit – siehe beiliegendes Geschenk!!!
7) Bewege dich (kann auch nur ein zehnminütiger Spaziergang um den Block sein).
8) Schenke einem Fremden ein Lächeln oder ein Hallo (es muss eine andere Person sein als in Punkt 4).
9) Vollbringe eine gute Tat – indem du entweder jemandem hilfst oder keine Mühen scheust, um zu jemandem nett zu sein.
10) Sieh nie mehr als zwei Stunden am Tag fern.
Es gibt zwei Dinge, die diese Liste über Philippa verrät: erstens, dass sie sich sklavisch an das Motto hält »Wozu einen Punkt setzen, wenn man stattdessen sechstausend Ausrufezeichen verwenden kann?«, und zweitens, dass sie die beste Freundin ist, die frau sich jemals, jemals, jemals (und so weiter) im Leben wünschen kann. Bei dem Geschenk, das sie erwähnt, handelte es sich um je eine Live-DVD meiner drei Lieblingscomedians.
Also, ich bin von dem Glücksmanifest begeistert. Es hält nicht nur die dunklen Tage in Schach, auch habe ich dadurch einige wunderbare/schreckliche/magische/höchst eigenwillige Menschen kennengelernt und bei zahlreichen Gelegenheiten wunderbare/schreckliche/magische/höchst eigenwillige Abenteuer erlebt. Der einzige Haken an dem Glücksmanifest ist, dass man jeden Tag zehn Dinge erledigen muss, was ziemlich anstrengend sein kann. Aus diesem Grund kann man mich regelmäßig dabei beobachten, dass ich um zwei Uhr morgens (nach sorgfältiger Überlegung haben Philippa und ich beschlossen, dass für das Glücksmanifest der Tag erst dann endet, wenn ich ins Bett gehe, statt um Mitternacht) wahllos fremde Leute angrinse und versuche, sie in ein Gespräch zu verwickeln, oder sie anflehe: »Bitte, kann ich Ihnen irgendwie helfen? Damit meine ich allerdings keine sexuellen Gefälligkeiten!«
Auf diese Weise habe ich Al, meinen Mitbewohner, kennengelernt. Das war am Posh Nosh, einem Imbisswagen, der immer vor dem Tiddlies steht, Tiddlesburys einzigem Nachtklub. Arty, der Chef vom Posh Nosh, machte mir gerade Cheesy Chips and Beans, während ich ein Auge auf ihn hatte. Es ist nämlich sehr wichtig, dass zuerst das Salz und der Essig auf die Pommes kommen, dann die Bohnen und zu guter Letzt die Käsesoße. Jede andere Variante funktioniert nicht. Ich verhinderte also in aller Ruhe ein Cheesy-Chips-and-Beans-Desaster, als ich diesen seltsam aussehenden Typen wahrnahm, der plötzlich neben mir auftauchte. Er war ungefähr zwei Meter groß und hatte längere leuchtend rote Wuschelhaare, studierte die Speisekarte und rieb sich das Kinn.
»Kann ich dir bei deiner Entscheidung behilflich sein?«, fragte ich ihn vergnügt.
Ich klinge recht oft vergnügt, wenn ich andere frage, ob sie Hilfe benötigen, besonders in den frühen Morgenstunden. Das ist etwas, an dem ich arbeiten muss.
»Äh …«, murmelte er.
»Hilfe, Arty, stopp, bitte zuerst die Bohnen«, keuchte ich erschrocken.
»Äh …«, murmelte der seltsam aussehende Typ wieder.
»Du bestellst sowieso einen Lamm-Döner.«
»Bitte?«
»Männer nehmen immer den Lamm-Döner.«
»Was?«
»Zuerst starren sie eine Ewigkeit auf die Karte und bestellen dann immer den Lamm-Döner mit extra Knoblauchsoße.«
Arty, der gerade Käsesoße über meine Pommes träufelte, lächelte.
»Habe ich nicht recht?«
»Sie hat recht.«
»Kann ich bitte einen kleinen Klecks Barbecuesoße an der Seite haben zum Dippen?«, bat ich. Die Soße enttäuscht einen nie.
»Ich nehme einen Lamm-Döner.«
»Siehst du?«
»Ich glaube, den wollte ich eigentlich gar nicht. Du hast mir das eingeflüstert.«
»Das machen wir hier in Tiddlesbury öfter.«
»Bist du von hier?«
»Na ja, ich bin hier zur Schule gegangen. Aufgewachsen bin ich ein paar Kilometer weiter. Ich bin erst später hierhergezogen, als ich achtzehn war. Ich hatte die Wahl zwischen London, Edinburgh und Tiddlesbury. Und du?«
»Ich wohne seit heute hier.«
»Herzlich willkommen. Hast du vor, morgen die Sightseeing-Tour in dem offenen Doppeldeckerbus zu machen?«
»Es gibt hier eine …?«
»Nein, das war ein Scherz.«
»Oh.«
»Aber meine Freundin Philippa und ich können dir die Stadt zeigen, falls du Lust hast.«
»Oh … äh … super, wirklich, wow, danke.«
Damit war die gute Tat für den kommenden Tag schon geklärt. Sauber.
»Ich würde dir Philippa ja gerne vorstellen, aber …« Ich drehte den Kopf nach rechts, zu den Müllcontainern des Nachtklubs, hinter denen Philippa gerade mit dem Typen knutschte, der an der Heißtheke im Supermarkt arbeitete. Philippa beendet den Abend gern mit einem kleinen Flirt. »… sie ist gerade beschäftigt.«
»Und du bist dir sicher, es macht euch nichts aus, mich herumzuführen?«
»Nein, ganz und gar nicht. Wir treffen uns morgen hier um fünf. Zieh dir bequeme Schuhe an und steck ein bisschen Geld ein. Wie heißt du eigentlich?«
»Al. Und du?«
»Jenny. Aber alle nennen mich Fanny. Willkommen in Tiddlesbury.«
»Danke.«
Und damit überließ ich ihn seinem Lamm-Döner. Ohne zu ahnen, dass ich fünf Tage später von Philippas Elternhaus zu Al ziehen würde, wo ich immer noch wohne. Genau in diesem Moment liege ich in meinem Bett und lausche dem Klappern und Scheppern von Al in der Küche. Er nennt das kochen. Er steht morgens recht häufig früher auf, um vor der Arbeit in der Küche herumzuwerkeln. Heute Morgen backt er einen Kuchen. Ich glaube, irgendeine extravagante Schokoladenkreation. Ein süßer Duft weht zu mir herüber, sodass mein Magen gurgelt und mein Mund sich mit Speichel füllt. Etwas, das nicht passiert, wenn Al am frühen Morgen Entenragout kocht.
Das Glücksmanifest prägt also bis heute zu einem großen Teil mein Leben. Tatsächlich fürchte ich mich vor dem Gedanken, wo ich ohne es wäre.
»Fan! Fanny, Fanny!« Al klopft an meine Tür.
»Komm rein«, rufe ich.
Al stößt die Tür weit auf und stürmt auf mein Bett zu. Er trägt seine Boxershorts mit den Acid-House-Smileys und seinen Frotteebademantel, an dem der Gürtel fehlt und der ihm knapp bis zu den Knien reicht, und er ist voller Mehlstaub. In der Hand hält er einen kleinen Teller, auf dem ein riesiges Stück Schokoladenkuchen liegt.
»Fanny, ich hab sie klargemacht.«
»Wen hast du klargemacht?«
»Nigellas Schokoladentorte«, informiert er mich stolz.
»Ach so, das war gerade missverständlich.«
»Iss!«, befiehlt er und legt den Teller auf meine Bettdecke.
Ich strahle. Falls es überhaupt ein frühes Anzeichen dafür gibt, dass der Tag ein Knaller wird, dann ist das Schokoladenkuchen zum Frühstück – und dann noch einer nach einem Rezept von Nigella Lawson, der berühmten Fernsehköchin. Ooh, ich muss es noch mal sagen. Schokolade. Ich liebe das Zeug.
Ich haue gierig rein. Al beobachtet mich, ein zufriedenes Lächeln auf den Lippen. Er mustert mich sehr genau. Ich höre auf zu kauen und sehe ihn misstrauisch an.
»Starrst du auf meinen Damenbart?«, frage ich.
»Deinen was?«
»Meinen Damenbart«, wiederhole ich und streiche betrübt über den pelzigen Flaum über meiner Oberlippe. Ich sehe zurzeit nichts anderes mehr, wenn ich in den Spiegel schaue.
»Fan, du hast keinen Damenbart.«
Gott, ich liebe Al. Er ist absolut und total süß. Obwohl er ziemlich riesig ist und unheimlich aussieht. Ernsthaft! Würde er einen nach Hause verfolgen, würde man sich vor Angst in die Hose machen. Ich muss in jener Nacht von allen guten Geistern verlassen gewesen sein, als ich ihn vor dem Imbisswagen ansprach. Abgesehen davon, dass Al der größte Mensch ist, dem ich jemals begegnet bin, und dass seine Haare an feuerrote Zuckerwatte erinnern, ist das einzig Auffällige an ihm ein bleibender Bluterguss auf der Stirn, weil er ständig mit dem Kopf gegen Deckenlampen und Türrahmen stößt. Er ist liebenswürdig, aufmerksam und treu wie ein Hündchen, aber er arbeitet in der Stadtverwaltung und neigt daher zum Jammern. Oh, und er ist übrigens bemerkenswert gut im Bett für jemanden, der so tollpatschig ist. Das weiß ich aus erster Hand, weil ich einmal mit ihm geschlafen habe. Na schön, elfmal. Okay, vielleicht war es auch fünfzehnmal. Aber das war letztes Jahr während dieses unglaublichen Kälteeinbruchs, als unsere Heizung den Geist aufgab und ich seit einer Million Jahren keinen Sex mehr gehabt hatte, also kann man mir das kaum vorwerfen. Aber haltet mich jetzt bitte nicht für ein Flittchen. Ich habe nur mit drei Männern geschlafen, und ich bin siebenundzwanzig. Das ist eine Quelle der endlosen Enttäuschung.
»O Gott, der Kuchen ist der Hammer«, stöhne ich.
»Ich hätte nie gedacht, dass ich die Schokoladentorte klarmache«, säuselt Al.
»Bitte, ich krieg sonst dieses Bild nicht mehr aus dem Kopf.«
»Ich hätte nichts dagegen …«
»Themawechsel«, sage ich mit erhobener Hand. »Okay, Al, also, ich brauche deine ehrliche Meinung. Siehst du, ich habe ihn blond gefärbt …«
Al blickt mich verständnislos an.
»Meinen Damenbart«, fauche ich. »Findest du nicht, dass er jetzt noch übler aussieht? Wie ein goldenes Meerschweinchen? Ich kann ihn aus dem Augenwinkel sehen.« Ich kneife ein Auge zu, während ich mit dem anderen nach unten schiele, und stülpe die Oberlippe vor, um mein Argument zu untermauern. »Ich weiß nicht, ob ich Enthaarungscreme oder Wachs benutzen soll oder was anderes. Das ist ein …« Ich werde in meinen Überlegungen von meinem Handy unterbrochen, das auf dem Nachttisch liegt und klingelt. »Wohl ein Frühaufsteher«, sage ich und greife danach. Ich sehe die Nummer von zu Hause. »O nein, das ist mein Dad«, flüstere ich. In meiner Brust bildet sich auf der Stelle ein vertrauter harter Knoten.
Wow, mein frühmorgendliches Schokoladenhoch ist bereits zu Fall gebracht. Ich habe seit Wochen nicht mehr mit meinen Eltern gesprochen. Es kann sein, dass es schon über einen Monat her ist. Wir haben nicht gerade das beste Verhältnis. Es ist kompliziert, wie es so schön heißt.
»Hallo?«
»Jenny! Oh, oh, Liebes. Jenny, ich muss los, aber wir sehen uns später!«
Die Verbindung wird gekappt.
Es war gar nicht mein Vater. Es war meine Mutter. Und das wiederum ist sehr, sehr eigenartig.