Peter Levin, 1963 in Ulm geboren, lebt und arbeitet in Hamburg. Studium der Soziologie und Religionswissenschaften in Freiburg, Berlin und London. Ausbildung zum Osteopathen, seit 1993 in eigener Praxis tätig. Internationale Dozententätigkeit, Veröffentlichungen von Fach- und Sachbüchern. Mit Valbona Ava Levin und Volker Bussmann gründete er 2019 die Fakultät für Kindesentwicklung und Kindeserziehung (KiKi).
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie, detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über www.dnb.de abrufbar.
© Peter Levin und Valbona Ava Levin
1. Auflage 2020
Umschlaggestaltung: Anja Thams
Lektorat: Silja von Rauchhaupt
Verlag: BoD, Books on Demand GmbH, Norderstedt
ISBN: 9783752676594
Mütter können nicht nur Kinder in ihrem eigenen Körper wachsen lassen und sie zur Welt bringen, sie können Kinder auch noch ins Leben tragen. Ein Grund, Mütter zu feiern und zu wertschätzen? Das Gegenteil ist der Fall. Ihre schöpferische und erschaffende – also geniale – Fähigkeit wird neidisch beäugt. Und mehr als das: Ständig wird versucht, die Genialität der Mütter zu stehlen oder ohne Lizenz nachzubauen – eigentlich ein Fall für den Staatsanwalt. Bisher waren die Versuche, die Mütter zu enteignen, nur mäßig erfolgreich. Dennoch steht die Drohung im Raum: Mütter können ersetzt werden! Es gibt mächtige Institutionen und Gruppen, die glauben machen wollen, dass sie es besser können als die Mütter. Oder wie ist es sonst möglich, dass Mutterschaft wie ein Spiel der Fußballnationalmannschaft verläuft? Achtzig Millionen Nationaltrainerinnen und Nationaltrainer an den Bildschirmen wissen genau, wie das Spiel zu gewinnen ist. Nur die eine, die zufälligerweise diesen Posten innehat, scheint keine Ahnung zu haben.
Solange die Mutter-Nachahmungen – zumindest für die Kinder – so kläglich scheitern, bleibt denen, die sich die mütterlichen Fähigkeiten aneignen wollen, nur eines: sie schlecht zu reden und ihnen Vorschriften zu machen. Das gelingt heute mit den modernen Mitteln der Kommunikation unter staatlicher Regulation zunehmend effektiver.
Mütter werden auf allen Kanälen und Plattformen demontiert. Haben Sie sich schon mal gefragt, wie es dazu kommen konnte, dass der Schutzgott (Genius) und Schutzengel der Kinder so misstrauisch beäugt wird? Was immer Sie als Mutter oder Nicht-Mutter im Folgenden lesen, Sie sollten niemals das Leuchtschild übersehen, das über allem prangt und blinkt: „Mütter sind gut, was sie können ist genial, Vorwürfe gegen sie sind unberechtigt, wir sollten sie unterstützen und ihre Leistung würdigen“.
Geniale Menschen sind oft naiv und gutgläubig. Ein gefundenes Fressen für jene, die sie missbrauchen oder entmündigen wollen, um sich ihre Fähigkeiten anzueignen. Falls eine direkte Funktionalisierung nicht gelingt, gibt es erprobte Mittel und Wege, eine begabte Gruppe von Menschen zumindest durch unsinnige Beschäftigung ruhigzustellen. Das passiert heute in manchen Bereichen der Wissenschaft. Dann werden viele Talente mit viel Geld an unlösbare Fragen und aussichtslose Forschungsprojekte gebunden, nur damit sie nicht auf „dumme“ Ideen kommen.
Ähnliches passiert in den letzten Jahrzehnten mit den Müttern. Sie werden mit unlösbaren Themen beschäftigt und belagert, bis ihr Selbstvertrauen schwach wird und sie sich wie behindert fühlen. Der kluge Rat des englischen Kinderarztes Donald Winnicott, dass gut genug („good enough“) mehr als genug ist, erreicht die meisten Mütter kaum noch. Heute ist die Selbstgeißelung der nach Perfektion strebenden Mutter schon normal geworden. Es gibt noch Frauen, die sich ihrer Mutterschaft so sicher sind, dass jede Ideologie und jeder unerbetene Rat an ihnen vorbeigeht. Aber auch ihr Spielraum wird enger und enger. Die meisten haben kaum noch Luft zum Atmen zwischen öffentlicher Infragestellung ihrer mütterlichen Fähigkeiten und der bodenlosen Selbstkritik.
Mütter werden massiv behindert. Wenn sie dann nicht mehr weiter wissen und das ihnen zugedachte Schicksal annehmen, sind sie tatsächlich wie behindert. Wer sowieso entmündigt wird, kann auch gleich auf Nachteilsausgleich klagen. Das ist eine schlaue Strategie, um sich in einer ausweglosen Situation zumindest einige Sonderrechte und Narrenfreiheiten zu erkämpfen.
Wenn Sie als Mutter lesen, dass Sie behindert sein sollen, klingt das für Sie wahrscheinlich wie ein Angriff. Wenn Sie als Behinderte oder Behinderter lesen, dass Mütter behindert sein sollen, klingt das für Sie womöglich wie eine Verharmlosung Ihrer Behinderung. Falls Sie die Kraft haben, über den ersten Eindruck hinweg zu lesen, möchte ich Ihnen die Frage stellen: Müssen wir die Mütter heute nicht in besonderer Weise schützen? Und wäre ein solcher Schutzschirm nicht durch das Attest einer Behinderung mit Stempel und Plakette möglich? Damit wäre nur gesagt, dass sie es schwerer haben als andere und wir ihnen daher einen steuerlichen Freiraum und eine Chance auf einen freien Parkplatz gewähren. Wir würden damit offiziell anerkennen, dass wir bei ihnen nicht die gleichen Maßstäbe anlegen dürfen, die für alle gelten. Da ihnen ständig Stolpersteine in den Weg gelegt werden, gewähren wir ihnen zum Ausgleich eine entsprechende Alltagserschwernis- und Stolpersteinzulage. Hier also der Vorschlag, Mütter unter eine liebevolle Generalamnestie zu stellen. Eine Amnestie würde die Mütter, die sich sowieso immer angegriffen fühlen und auch angegriffen werden, prinzipiell erst einmal freisprechen. Damit würden wir die Mütter entlasten und beruhigen,
Auch begabte und geniale Kinder brauchen den Schutz als Kind. Warum sollen wir der begabten Mutter nicht eine Schutzzone einräumen, wenn sie besonderen Angriffen und Belastungen ausgesetzt ist? Anstatt des herrschenden Misstrauens ein flächendeckendes Wohlwollen: Egal was Mütter machen, sie tun es nicht, um ihrem Kind zu schaden, sondern aus dem Bedürfnis es zu schützen und ins Leben zu bringen. Wir erlauben Müttern, das zu sein, was sie sind: starke und selbstbewusste Höchstleistende.