Lust auf mehr?

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ICH WÜNSCHE MIR so sehr, dass das hier alles ein Scherz ist. Ist es aber nicht.

»Wie Sie sehen, sehen Sie nichts.« Die Maklerin steht wie eine Königin auf der Terrasse und deutet majestätisch auf die Weide vor dem Haus. »Ein anderer Schnack als Hamburg, was?«

Das ist ja das Problem. Ich will was sehen! Häuser, Geschäfte, Autos, Leben – und nicht diese Kuhweiden hier! Äcker, so weit das Auge blickt, und überall kahle Obstplantagen. Sogar eine einsame Insel ist spannender, dort gibt es wenigstens Strand und Palmen. Und vielleicht mal ein Schiff am Horizont, das einen mitnehmen könnte.

Ausgerechnet hier – Molkereistieg zwölf in Sauenstedt. Wie können Ma und Pa glauben, dass das mit dem Umzug aufs Land funktionieren soll? Warum wollen sie aus der Großstadt weg, und warum will Ma unbedingt in diesem Dorf unterrichten? Nur weil der Schulleiter angeblich besonders nett sein soll? Okay, sie hat mit dem an ihrer jetzigen Schule echte Probleme, aber das ist kein Grund, mich hierherzuschleppen. Ma betreut dann glücklich ihre Grundschüler, und ich sitze auf dem Land fest. Nee, nicht mit mir. Meine Eltern sind doch völlig durchgedreht.

»Wie gut, dass Sie den Termin möglich machen konnten, sonst wären Ihnen diese einzigartigen Aus- und Einblicke entgangen.« Die Stimme der Maklerin erinnert mich an die von Frau Susanna, unserer Biolehrerin. Die spricht auch immer in solch einem Säuselton.

»Möglich gemacht ja, aber wie?«, brummt Pa, der völlig geschafft ist von der Fahrt. Ma wirft ihm einen bösen Blick zu. Dabei hat er recht. Wären wir nicht über eine halbe Stunde eher losgefahren, wären wir viel zu spät zum Maklertermin gekommen. Und zwar, weil einen Großteil der Strecke auf der Landstraße ein Trecker mit Anhänger in aller Seelenruhe vor uns hergetuckert ist. Ein ebensolcher taucht gerade auf dem Hof gegenüber auf. Im gleichen Moment weht ein strenger Kuhstallgeruch zu uns rüber. Ist das hier noch zu toppen?

Die Maklerin hat wieder ihren Einsatz. »Vom Wohnzimmer aus dem Landgeschehen zusehen, ist schöner als Fernsehen gucken. Im Frühjahr und Sommer können Sie die Bauern bei der Feldarbeit beobachten. Und wenn Sie in der Sonne auf der Terrasse oder im Garten sitzen, werden Sie die gute Landluft einatmen. Ist das nicht ein Traum?«

Ich versuche weiterhin, so wenig wie möglich einzuatmen. »Wenn träumen bedeutet, dass einem die Nase abfällt, dann ja.«

Ma zieht die Stirn in zornige Falten. Der schreckliche Kuhduft muss doch aber mittlerweile auch bei ihr angekommen sein.

Die Maklerin tippelt von einem Fuß auf den anderen. »Ja, wissen Sie, das gehört eben zum Landleben dazu. Aber natürlich nicht oft. Die meiste Zeit riecht es hier frisch und nach Freiheit. Zudem ist die Apfelblüte im Mai ein wahres Fest für die Augen.«

Mein Onkel hat mal von einem seiner Verkaufsseminare erzählt. Bestimmt hat die Maklertante das auch besucht.

Ma jedenfalls ist leicht zu beeindrucken. »Seht nur, der schöne Garten mit all den Gemüse- und Rosenbeeten. So etwas haben wir uns doch seit Ewigkeiten gewünscht.«

»Wir« ist nicht ganz richtig. Besonders Ma hat sich das gewünscht. Die Großstadt war ihr eigentlich immer schon zu laut und zu hektisch, und manchmal hat sie mich richtig genervt mit ihren Visionen vom eigenen Gemüseanbau. Ma und Pa sollen einfach mal richtig hinsehen. Der Garten wirkt alles andere als romantisch. Eher trostlos und grau, genau wie die Obstplantagen, an denen wir vorhin vorbeigefahren sind. »Wir haben in Hamburg doch den Park vor der Tür!«, erinnere ich Ma.

Sie sieht allmählich ziemlich genervt aus. »Feli, ich verstehe dich ja, trotzdem könntest du wenigstens ein bisschen versuchen, es hier zu mögen. Du gibst dem Projekt Landleben nicht die kleinste Chance.«

Tja, Ma, das könnte daran liegen, dass es nicht meins ist. Mein Projekt würde »Shoppen nach Taschengelderhöhung« oder »Mit meinem Schatz Ben in den Urlaub fahren« heißen, aber garantiert nicht Landleben.

Die Maklerin spürt, dass das Ganze aus dem Ruder läuft. Sie baut sich vor uns dreien auf. »Und jetzt präsentiere ich Ihnen das Highlight des Objekts.«

Was wird das wohl sein? Ein VIP-Eingang zum Kuhstall des Nachbarn? Wir stiefeln hinter ihr her, wobei stiefeln nicht übertrieben ist. Um das Haus herum prangen derart große Matschpfützen, dass Frau Traumverkäuferin uns für die Hausführung Gummistiefel besorgt hat. Meine sind übrigens viel zu klein, und außerdem haben sich meine Füße darin bei der Kälte inzwischen in Eisklumpen verwandelt. Aber wenn es nur das wäre. Eine Pfütze habe ich übersehen, als ich kurz abgelenkt war, und nun ist meine Jeans mit fiesen braunen Punkten übersät.

Wir werden in den Keller geführt. Ich finde, das ist kein gutes Zeichen. Die schmale Treppe sieht nicht sehr vertrauenerweckend aus.

Die Maklerin macht eine einladende Handbewegung. »Und hier befindet sich das gemütliche Herzstück des Hauses.«

Wir landen in einem Raum, ausgekleidet in Eiche rustikal, der wie eine Mischung aus der Lieblingskneipe meines Opas und dem Hinterzimmer eines Stalles wirkt.

Die Maklerin lässt den Blick von einem zum anderen schweifen. »Damit hätten Sie nicht gerechnet, oder?«, wirft sie triumphierend in den dunklen Raum.

Pa lässt sich auf einen Barhocker plumpsen. »Da könnte man was draus machen.«

Auch wenn Ma und Pa hier anscheinend überall etwas entdecken, das ihnen gefällt – ich kann mir nicht vorstellen, dass wir uns in diesem großen, alten Backsteingemäuer mit Reetdach jemals wohlfühlen könnten. Wenn meine Eltern zur Vernunft kommen und das Ganze überdenken, werden sie das hoffentlich genauso sehen.

»Die vorherigen Bewohner haben das Zimmer als Familienzimmer genutzt, für Partys, Spieleabende und dergleichen«, schwärmt die Maklerin.

Ich sehe Ma, Pa und mich an dem großen Eichentisch sitzen und Mensch ärgere Dich nicht spielen. Mir wird ein bisschen übel. »Ich muss mal eben zum Klo.« Ein guter Vorwand, um kurz zu verschwinden.

Ich husche, so schnell ich kann, die knarzende Treppe hoch und gelange vom Flur direkt ins Wohnzimmer. Ich starre auf mein Handy. Hier ist einfach kein Empfang. Und das bedeutet, dass ich vorläufig völlig vom Rest der Welt abgeschnitten bin. Wer weiß, ob es überhaupt Internet gibt. Wie soll ich denn unter solchen fiesen Hinterwäldler-Umständen mit meinem Freund Ben kommunizieren, mit meiner besten Freundin Lisa und den anderen aus der Clique? Was soll ich den anderen sagen, wenn meine Eltern tatsächlich Ernst machen? Hey, ich ziehe zum neuen Schulhalbjahr nach Sauenstedt, das liegt zwischen lauter Apfelplantagen, und es gibt dort viele Kühe! Vielleicht auch Säue. Ist echt cool auf dem Land! Oder was? Die machen sich ohnehin schon gerne mal über »Bauernhof & Co.« lustig.

Sorry, aber dieser Plan wird nicht aufgehen. Ich muss Ma und Pa auf jeden Fall davon überzeugen, dass wir hier nicht hingehören. Wir müssen in Hamburg bleiben, denn da ist unser Zuhause.

DAS WAR JA WIEDER KLAR. Wer hört schon auf mich? Was habe ich nicht alles versucht, um meine Eltern davon zu überzeugen, dass Sauenstedt und wir alles andere als ein Dream-Team sind. Leider haben sie meine Einwände nicht umstimmen können, dabei hatte ich so viele. Zum Beispiel, dass ich vereinsamen werde, wenn ich meine Freunde – vor allem Ben – kaum noch treffen kann und wenn ich auch Oma nicht mehr so oft sehe, obwohl sie doch schon ziemlich alt ist. Außerdem habe ich die schrecklichen Gerüche erwähnt, die der Gesundheit nicht guttun, sowie die Nachteile eines Schulwechsels. Wie kann es sein, dass das niemanden interessiert hat? Wir wohnen jetzt tatsächlich im Sauenstedter »Traumhaus«, und morgen geht das neue Schulhalbjahr los.

Über dem Bett in meinem Zimmer hängt eine Liste. Auf der stehen fünfzehn Minuspunkte, die das Landleben betreffen. Punkt eins bis sechs – Erstens: Ich bin weit, weit weg von allen Menschen, die ich gernhabe. Zweitens: Es stinkt! Drittens: Es ist so still, nachts hört man nicht ein Geräusch. Das macht mich ganz wahnsinnig. Viertens: Dem Wetter ist es egal, dass ich hier auf mein altes Klapperfahrrad angewiesen bin. Und ich hasse Fahrradfahren, vor allem bei schlechtem Wetter. Fünftens: Gibt es noch andere Gesprächsthemen als Maisernte oder Dorfgemeinschaftstreffen? Der Bürgermeister, der uns vorgestern persönlich willkommen geheißen hat, scheint jedenfalls nichts anderes zu kennen. Sechstens: Wo bitte ist der nächste Handymast??? In Timbuktu?

Ich muss mir schnellstens etwas überlegen. Zwischen Ben und mir herrscht seit drei Tagen im wahrsten Sinne des Wortes Funkstille. Vielleicht wurden Handymasten hier ja bisher nicht erfunden – jedenfalls gibt es nur an wenigen Orten Empfang –, und dann hat auch noch unser Funktelefon den Umzug nicht überlebt. Der einzige Kontakt zu meinem alten Leben findet über unser altes Telefon statt, das an einem kurzen Kabel im Flur hängt, von wo aus jeder mithören kann. Das ist nicht gerade der komfortabelste Ort, um zu telefonieren – wie auf dem Präsentierteller.

Trotzdem habe ich heute schon mehrmals versucht, Ben zu erreichen. Doch leider hat er nie abgenommen, sondern es ist nur seine Mailbox rangegangen. Internet haben wir nach wie vor keins, warum das so lange dauern kann, ist mir ein Rätsel. Wenn das so weitergeht, werde ich womöglich vor Schreck Mitglied im Landfrauenverein – laut den Aussagen meiner Mutter ist da immer eine Menge los.

Jetzt kann eigentlich nur Lisa helfen, meine Hamburg-Verbündete, Stütze und allerbeste Freundin. Sie hat mir auch beim Umzug die ganze Zeit über zur Seite gestanden. Die Süße hat meine wichtigsten Dinge zusammen mit mir in Kisten verpackt und in Schönschrift »Felis Schatzkiste« und den jeweiligen Inhalt daraufgeschrieben.

Ich gehe runter in den Flur und setze mich auf die Treppe, denn bis dahin reicht das Kabel gerade eben so aus.

Zum Glück ist Lisa sofort dran. »Hey, Feli, wie schön, dass du anrufst! Wie war denn noch der restliche Umzug?«

»Ach, eigentlich gibt es gar nicht viel zu erzählen. Wie Ma so schön sagt, haben wir das Wochenende und den Ferienmontag dazu genutzt, uns hier ›einzurichten‹. Zum Spieleabend in dem schrecklichen Rustikalkeller ist es zum Glück nicht gekommen, aber Ma wollte gemeinsam mit Pa und mir alles im Dorf entdecken. Dabei gibt es hier wirklich nichts zu entdecken. Und im Haus zwischen den unausgepackten Kisten kommt auch nicht gerade Gemütlichkeit auf. Mein Zimmer ist zwar größer als vorher, aber es fühlt sich einfach nicht wie meins an.«

»Oh. Das klingt echt nicht prickelnd. Tut mir so leid, Feli!«

»Erzähl mal von deinem Wochenende. So bleibe ich wenigstens auf dem Laufenden«, hake ich nach.

»Na ja, von Shoppen und Kino am Samstag weißt du ja schon. Vorhin haben wir uns im Café getroffen und danach ein bisschen bei Malcolm gechillt. Außer Finja sind alle mitgekommen.«

»Und Ben?«, frage ich mit klopfendem Herzen.

»Der war total nachdenklich und mies drauf. Ich glaube, es macht ihm ganz schön zu schaffen, dass du nicht dabei warst. Er ist vorhin noch mit den Jungs und Jolina losgezogen, ich hab nicht mitbekommen, wo die hinwollten.«

Jolina? Ausgerechnet mit der – super aussehend und gut Freund mit jedem Typen. Außerdem stand sie auf Ben, bevor ich mit ihm zusammengekommen bin. Na toll. Wieso ist die denn eigentlich dabei gewesen? Aber dass Ben mich vermisst hat, ist natürlich süß. Verdammt, wie gerne würde ich mich jetzt an ihn schmiegen und ihm sagen, wie sehr ich ihn vermisse. »Mann, Lisa, ich kann hier einfach nicht bleiben. Wenn ich doch etwas älter wäre …, dann würde ich mir ein Zimmer in deiner Nähe mieten.«

Lisa lacht. »Und wie würdest du das bezahlen?«

»Keine Ahnung. Sind ja eh nur Träumereien. Wir sind erst zwei Tage in Sauenstedt, und ich hab es schon satt«, entgegne ich traurig.

»Hach, Süße, was kann ich bloß tun, um dich aufzuheitern? Nächstes Wochenende wird alles besser. Da kommst du zu Besuch nach Hamburg, und wir machen uns eine richtig schöne Zeit, okay? Und bis dahin musst du nur die erste Woche in der neuen Schule durchhalten.«

Ich seufze. »Nur? Ich wünschte, du könntest dabei sein.«

»Ich auch. Dann könnten wir gemeinsam die neue Schule erkunden. Wart’s mal ab, bestimmt sind ganz nette Leute in deiner Klasse, und du rufst mich hinterher begeistert an.« Lisa klingt zuversichtlich.

Ich hingegen mag gar nicht an morgen denken. Okay, vielleicht hat Lisa ja recht, und es wird gar nicht so schlimm. Aber so toll wie mit meinen Hamburgern könnte es sonst sowieso mit niemandem werden. »Na ja, wir werden sehen.«

»Ach, Feli, deine traurige Stimme ist kaum zu ertragen. Lass den Kopf nicht hängen. Ich denk an dich, ja?«

»Danke. Was würde ich nur ohne dich tun? Ich versuch jetzt noch mal, Ben zu erreichen.«

»Gut, viel Glück! Ich vermiss dich«, sagt Lisa.

»Ich dich auch. Bis dann.«

Bevor ich Bens Nummer wähle, muss ich tief durchatmen, ganze sieben Mal. Dann fängt mein Herz plötzlich an zu rasen. Mit zitternden Händen wähle ich Bens Nummer, während in der Küche dieses Lied von George Ezra im Radio läuft: Budapest. Immerhin wurde ich nicht dorthin verschleppt, obwohl Sauenstedt sich genauso weit weg anfühlt. Wenigstens die miese Laune haben Ben und ich dieses Wochenende gemeinsam.

Wieder nimmt keiner ab. Vermutlich ist Ben die ganze Zeit unterwegs, um sich abzulenken. Für ihn ist es ja sicher genauso schwer. Trotzdem hätte ich mich gefreut, wenn er auf einen meiner Anrufe geantwortet hätte. Aber wahrscheinlich hat er sein Handyklingeln gar nicht gehört, das ist typisch für ihn.

Als wäre das alles nicht genug, ruft Ma auch noch mit lieblicher Stimme »Feli, kommst du mal bitte?« aus dem Wohnzimmer.

Privatsphäre Fehlanzeige. »Nee, ich kann gerade nicht.« Ich will mich lieber allein ärgern.

»Doch, bitte, es ist wichtig!«

Was kann hier schon wichtig sein? Na ja, was soll’s. Ich schlurfe den Flur entlang und höre, wie Ma sich im Wohnzimmer mit einer Frau unterhält.

»Guten Tag, ich bin Gisela von nebenan.« Die Frau strahlt wie ein Honigkuchenpferd. Über ihrer Jeans trägt sie ein grün kariertes Hemd, die Ärmel sind hochgekrempelt. Sie muss durch unseren zweiten Eingang im Hauswirtschaftsraum reingekommen sein. »Ich würde euch gerne auf ein Stück selbst gebackenen Apfelkuchen einladen, wo wir doch jetzt Nachbarn sind!«

»Sehr gerne.« Ma wippt ein paarmal auf und ab. »Nicht wahr, Feli? Wie nett!«

Ich reagiere nicht. Es passt mir im Augenblick einfach so überhaupt nicht, obwohl ich Apfelkuchen eigentlich total gerne mag. Vielleicht ruft ausgerechnet in diesem Moment Ben zurück.

Gisela strahlt unvermindert weiter. »Ich habe auch eine Tochter in deinem Alter. Kommt doch gleich mit rüber. Im Haus duftet es gerade noch so schön nach dem frischen Kuchen.«

»Prima! Bist du so weit, Feli?«, fragt Ma.

Und wirklich – das Telefon klingelt. Mein Herz macht einen Hüpfer. »Moment, ich geh eben schnell ran!«

Ma verdreht die Augen.

»Kein Problem, Feli kann doch gerne telefonieren«, höre ich Gisela noch sagen, während ich zum Telefon rase.

Ich hebe den Hörer so schwungvoll ab, dass das Unterteil des Telefons abstürzt. Ich kann es im letzten Moment auffangen. »Hallo?«

»Hallo, Feli. Ich hab gerade gesehen, dass du schon mehrfach angerufen hast. Sorry, ich hab das Klingeln erst gar nicht gehört.«

Wusste ich’s doch – es ist Ben! »Endlich! Ich hab es schon so oft probiert!«

Stille.

»Bist du noch dran?«, frage ich.

»Ja, wo soll ich denn hin?«

Das ist nicht gerade die Art von Telefonat, die ich mir gewünscht habe. »Und, wie läuft es?«, versuche ich das Gespräch in Gang zu halten.

»Ganz gut. Ich nehme mir viel vor, um nicht die ganze Zeit an dich denken zu müssen. Und wie geht es dir, wie war der Umzug?«

Ich hatte also recht. Ben versucht sich mit vielen Unternehmungen über Wasser zu halten. »Mit dem Umzug hat alles geklappt. Aber … ich vermisse dich.«

Ben räuspert sich. »Ich dich auch.« Dann erzählt er vom Wochenende. »Übrigens, als ich vorhin mit den anderen zu Malcolm gelaufen bin, haben wir wieder diesen Typen in der Fußgängerzone gesehen, der alles Mögliche jongliert. Er hat sogar Fahrradschlösser in die Luft geschleudert, total verrückt, echt. Jolina hatte richtig Schiss, dass ihm eines der massiven Dinger auf den Kopf fällt.«

»Aha, na, so was.« Ich kann meine Enttäuschung nicht verbergen. Warum erzählt er jetzt von dieser blöden Jolina, anstatt sich weiter nach mir zu erkundigen? Das gibt es doch nicht. »Und sonst?«

»In der Mönckebergstraße hat ein neues Coffeehaus aufgemacht, das haben wir ausprobiert. Es ist allerdings nicht dasselbe wie Coffee and More. Nur halb so gemütlich, und außerdem ist es viel teurer.«

Ich würde gerne noch länger mit Ben quatschen, aber leider guckt Ma um die Ecke und macht hektische Zeichen, was wohl bedeutet, dass ich mich beeilen soll. »Du, ich muss gleich zu unserer Nachbarin, die hat uns eingeladen.«

»Ach so, alles klar, viel Spaß. Wir können ja morgen wieder telefonieren. Hoffentlich habt ihr bald endlich Internet, dann können wir auch mal skypen oder chatten. Also, bis dann! Schlaf schön«, verabschiedet sich Ben.

»Bis morgen.« Ihm entgeht anscheinend der enttäuschte Ton in meiner Stimme. Kein »Hey, viel Glück für den ersten Tag in der neuen Schule, ich denke an dich« oder Ähnliches. Solch ein komisches Telefonat gab es noch nie zwischen uns. Bestimmt ist es sehr schwer für ihn, seine Gefühle am Telefon rüberzubringen.

Am liebsten würde ich sofort zu Ben fahren und das Ganze klären und nicht nur seine Stimme hören, sondern auch sein Gesicht dabei sehen. Oder mich in meinem Zimmer verkriechen und heulen.

Trotzdem bewege ich mich zusammen mit Ma und Gisela rüber ins Nachbarhaus. Vielleicht werde ich dort wenigstens ein bisschen abgelenkt.

»Willkommen!« Gisela öffnet uns freudestrahlend.

Brav ziehe ich an der Tür meine Schuhe aus. Die Wohnküche sieht ähnlich aus wie unser »Spielekeller«, allerdings in gemütlicher Ausgabe. Es duftet tatsächlich wunderbar. Ein gut aussehendes, braunhaariges Mädchen in meinem Alter sitzt am Küchentisch. Kaum hat sie mich erspäht, scannt sie mich von oben bis unten ab.

Gisela deutet auf sie. »Das ist Sara, meine Tochter. Ihr werdet euch morgen auch in der Schule sehen. Du wirst sicher auch in die 8b kommen, oder, Feli?«

»Ja, genau, hallo.« Mehr fällt mir nicht ein.

Sara ist sogar noch wortkarger als ich. »Hi.« Sie klebt weiterhin mit ihren Blicken an mir, als wäre ich eine Außerirdische, aber dann lächelt sie mich an.

Ich tue es ihr gleich. Weil ich nicht weiß, was ich sonst machen soll, setze ich mich zu ihr an den Tisch. Irgendwie wäre es schon nett, wenn ich hier Freunde finden würde. Und eine Freundin, die direkt nebenan wohnt, wäre natürlich praktisch. Sara sieht nett aus, und ich wünschte, Lisa hätte recht mit ihren positiven Gedanken. Aber selbst wenn ich hier schneller als gedacht Leute kennenlerne …, so wie mit meiner Clique in Hamburg kann es eh nicht werden.

Gisela hat den Kuchen im Ofen warm gehalten und will ihn gerade mit ihren Backhandschuhen und einem breiten Lächeln auf den Tisch stellen, da entfährt mir ein spitzer Schrei. Es fühlt sich an, als hätte mir jemand in den Zeh gezwickt. Gisela zuckt so heftig zusammen, dass ihr der Kuchen aus den Händen rutscht und mit einem lauten »Plumps« auf dem Boden landet. Oh nein!

Erst tut Gisela nichts, als auf das vermatschte Etwas auf dem Boden zu starren, dann guckt sie mich mit einem Riesenfragezeichen im Gesicht an. Die anderen folgen ihrem Beispiel. In der Zwischenzeit stürzt sich ein winziges, braun geflecktes Schwein auf den Kuchen.

Ich zeige auf das Borstenvieh. »Tut mir leid! Aber …, aber … das da hat mich angefallen!«

Immer noch stieren mich alle an. Das Schmatzen des Schweins und Mas hektischer Atem sind die einzig hörbaren Geräusche im Raum. Es ist mir total peinlich, dass Gisela wegen meines Schreis den Kuchen fallen gelassen hat. Aber ich habe mich nun mal so erschrocken!

»Angefallen?« Sara sieht irritiert aus. Sie beugt sich runter und hebt die Minisau auf ihren Schoß. »Das würde Schwartine niemals tun! Sie hat bestimmt nur an deinem Fuß geschnüffelt, um dich kennenzulernen.« Sara streichelt dem Schwein über die Borsten.

»Schwartine?«