Abends gehen die Römer aus. Fast jede Trattoria der Stadt hat auf der Straße Tische und Stühle aufgestellt, und ab halb 9 sind alle Plätze besetzt, da wird unter freiem Himmel getafelt und geschmaust – den ganzen langen römischen Sommer über. Familiär geht es dabei zu. Mit sechs, acht Mann rücken sie an, die Kinder sind dabei, die Tante ist dabei, der kleine Professore von nebenan ist auch dabei, und dann wird bestellt und gegessen und die ganze Zeit geredet, als hätte man sich seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen. Erstaunlich gesittet geht es dabei zu, und trotzdem ungezwungen, trotzdem fröhlich und oft recht laut. Für mich ist es immer wieder ein Vergnügen, den Römern dabei zuzuschauen – Essen in Rom ist eben mehr als Nahrungsaufnahme, es ist ein Ereignis, ein kleines Fest.
Wenn man überlegt, wie viel Fleisch, wie viel Fisch, wie viel Gemüse nötig ist, um allein an einem einzigen Abend alle Mäuler dieser Großstadt zu stopfen ... Es müssen Berge sein. Berge von Fleisch, Berge von Fisch, Berge von Gemüse und Früchten und Gewürzen. Auch Berge von Trauben für den Wein, der überall auf den Tischen steht. Wo kommt das alles her? Aus den Gärten, von den Feldern, den Weiden und Weinbergen Italiens? Der Europäischen Union? Manches vielleicht sogar aus Ländern irgendwo auf der Welt, aus Australien, aus Argentinien, aus afrikanischen Ländern womöglich? Die Weltmeere nicht zu vergessen, die auch ihren Beitrag zu den allabendlichen römischen Schmausereien leisten. Unsere Erde scheint ein Garten Eden von unendlicher Fruchtbarkeit und Fülle zu sein, denn schließlich wird an jedem Abend in Hunderten, Tausenden anderer Städte von Tokio bis San Francisco genauso geschlemmt wie in Rom. Wir, die wir an einem dieser vielen gedeckten Tische ebenfalls sitzen dürfen, haben wirklich allen Grund, zufrieden zu sein. Glücklich zu sein. Dankbar zu sein.
Und dann lese ich: Die Hälfte aller Lebensmittel in der westlichen Welt wird gar nicht verzehrt. Die Hälfte davon landet als Abfall auf dem Müll. Das heißt: Jedes Rind, jeder Fisch, jedes Brot wird nur zur Hälfte gegessen – und zur anderen Hälfte weggeworfen. Ein Skandal. Aber können wir daran überhaupt etwas ändern? Ich glaube, ja. Indem wir zum Beispiel von unserem Bäcker nicht erwarten, dass er kurz vor Feierabend noch dieselbe Auswahl an Broten vorrätig hat wie am Vormittag. Indem wir uns einfach mit dem begnügen, was gerade da ist. Indem wir, mit anderen Worten, unsere hohen Ansprüche ein wenig herunterschrauben. Wir haben ja trotzdem allen Grund, so etwas wie das Erntedankfest mit wirklich dankbarem Herzen zu begehen. Aber wir können es dann mit besserem Gewissen feiern.
Darf ich mal kritisieren? Sie wissen, ich bin kein Miesepeter, ich habe mir meinen Blick für alles, was schön und liebenswert an unserer Welt ist, bewahrt, aber manchmal finde ich, sie könnte noch etwas schöner und liebenswerter sein, unsere Welt. So geht es mir zum Beispiel, wenn ich an unsere Einwanderer denke. Gastarbeiter hat man früher gesagt, Menschen mit Migrationshintergrund sagt man heute. Gemeint sind natürlich all die, die unter uns leben, aber nicht als Deutsche auf die Welt gekommen sind.
In diesen Tagen sorgt das Buch eines türkischen Autors für Gesprächsstoff. Er lebt in Deutschland, er kennt die Verhältnisse, und er behauptet, dass wir Deutschen seinen Landsleuten die Integration schwerer als nötig machen. Dass wir in Wirklichkeit unsere Türken nicht haben wollen, und wenn unsere Politiker noch so freundliche Worte für sie finden. Stimmt das? Sind wir unfreundlich zu Fremden?
Offen gesagt: Ich kann den Autor verstehen. Ich habe den Eindruck: Wir sind durchaus freundlich zu Gästen, wenn sie wieder fahren – die letzte Fußballweltmeisterschaft hat das gezeigt. Aber wir sind nicht sonderlich erbaut von Gästen, die bleiben. Nicht, dass wir regelrecht grob wären, wenn sie plötzlich Tür an Tür mit uns leben. Aber wir lassen sie spüren, dass sie Fremdkörper sind – und bleiben. Kann es sein, dass wir unfreundlich aus Unsicherheit sind? Dass uns das Fremdartige im tiefsten Grund einfach nicht geheuer ist?
Wie wir es anders machen könnten, dazu eine kleine Geschichte, die mir ein Freund erzählte: Eine Iranerin besteigt mit ihren beiden Kindern eine vollbesetzte Straßenbahn, holt eine Pizza heraus und gibt jedem ihrer Kinder ein Stück. Pizzaduft erfüllt den Wagen, nicht jeder mag das, Nasen werden gerümpft. Da bricht die Frau weitere Stücke von ihrer Pizza ab und bietet sie den umstehenden deutschen Fahrgästen an. Ja, die haben sie genommen und sogar gelächelt.
Das verstehe ich unter Integration: den anderen aus der Reserve locken, zum Beispiel durch eine großzügige – und kluge! – Geste. Wir können von dieser Iranerin lernen. Mein Vorschlag: Knausern Sie unseren Einwanderern gegenüber nicht mit Gefühlen. Verströmen Sie statt dessen etwas Herzlichkeit.
Da gab es im Radio eine Sendung über die zunehmende Unhöflichkeit in Deutschland. Hörer riefen an und sagten: Ja, das könnten sie bestätigen. Vor allem junge Leute seien unhöflich. Würden sich in der Straßenbahn breitmachen und ihre langen Beine ausstrecken und gar nicht daran denken, für ältere Leute aufzustehen. Schlimme Zeiten also, und die Hörer, die sich so zahlreich beschwerten, klangen verärgert. Nur einer klang nicht verärgert. Der sagte: Er habe gute Erfahrungen gemacht. Man müsse nämlich mit den jungen Leuten, die ihre langen Beine so unhöflich weit von sich strecken, nur freundlich reden, und schon würden sich dieselben jungen Leute in bereitwillige, nette Mitmenschen verwandeln. Und was soll ich Ihnen sagen? Dieser Beitrag wurde in der Sendung einfach übergangen. Er passte nicht ins Konzept. Dies war eine Sendung für Menschen, die sich ärgern wollten, da störte der gutgelaunte Anrufer nur. Dabei hatte er recht. Ich habe es selbst ausprobiert.
In der Ankunftshalle des Wiener Flughafens stand nämlich eine kleine Chinesin mit einem Packen Werbeprospekte im Arm, aber sie hatte kein Glück. Die meisten gingen achtlos an ihr vorüber, einige schüttelten mürrisch den Kopf, alle fühlten sich belästigt. Na los, sagte ich zu mir selbst, mach ihr eine kleine Freude. Ich ging also auf sie zu, und siehe da: Sie strahlte, als sie mich kommen sah. Lächelnd hielt sie mir ein Heft entgegen. Ich nahm dies, lächelte ebenfalls und zog mit meinem Handgepäck davon. Nach einem kurzen Moment war alles vorüber, aber ich denke mir: Ihr Eindruck von den Menschen auf diesem Flughafen war danach ein anderer. Wenigstens einer war aus der Front der gleichgültigen, unhöflichen Gestalten um sie her ausgebrochen.
Wir haben es doch in der Hand, Begegnungen so oder so zu gestalten. Warum ärgern wir uns lieber, als mit einem freundlichen Wort, einer kleinen Aufmerksamkeit allem Ärger den Boden zu entziehen? Selbst Hunde beschnuppern sich, wenn sich ihre Wege kreuzen, und wir zeigen die kalte Schulter? Nein, der gutgelaunte Anrufer hatte recht: So schlimm sind die Zeiten gar nicht. Vorausgesetzt, wir selbst sind nicht zu feige, auf andere mit ausgestreckter Hand zuzugehen.
Am Gesicht des Abtprimas Notker Wolf, also an meinem Gesicht, gäbe es einiges zu verbessern. Nein? O doch. Schauen Sie sich mein Gesicht auf dem Umschlag dieses Buches an – perfekt ist es nicht. Oder mein Bauch! Er zeichnet sich als gut sichtbare Wölbung unter meinem schwarzen Habit ab. Auch nicht perfekt. Ich befürchte: Mit diesem Gesicht und diesem Bauch zieht man keine Blicke auf sich.
Offen gesagt, ich staune über mich selbst. Ich staune, dass ich mich mit diesem Gesicht seit 72 Jahren sehen lasse. Ich staune noch mehr, dass es mich nie gestört hat. Und muss einsehen: Ich war rücksichtslos. Ja, ich war rücksichtslos gegen meine Mitmenschen. Denn die erwarten Perfektion. Und wie leicht würde sich Perfektion selbst in meinem Fall herstellen lassen! Hier das Messer angesetzt, dort etwas abgesaugt, und ich wäre schön. Ich würde Blicke auf mich ziehen. Ich würde Bewunderung ernten ...
Spätestens jetzt werden Sie sich fragen: Hat Notker Wolf sie noch alle? Vielleicht sagen Sie auch (ich hoffe das wenigstens): Der Mann sieht doch gar nicht schlecht aus! Jedenfalls habe ich natürlich nie ernsthaft erwogen, mich einer Schönheitsoperation zu unterziehen. Aus zwei Gründen: Erstens laufen wir Mönche außer Konkurrenz. Und zweitens bin ich auch mit meinem alten Gesicht glücklich geworden. Mit demselben Gesicht, mit dem ich auf die Welt kam. Obwohl es nicht perfekt ist.
Es ist also möglich. Und wenn es möglich ist, mit meinem Gesicht und meinem Bauch glücklich zu werden, dann sollte es auch mit Ihrem Gesicht und Ihrem Bauch (usw.) möglich sein. Aber immer mehr Menschen sind felsenfest davon überzeugt, hässlich zu sein – und sich deshalb nicht sehen lassen zu können. Wenn Sie dazugehören, wenn Sie sich also partout nicht ausreden lassen wollen, unansehnlich zu sein, schlage ich Ihnen vor: Ergreifen Sie die glänzende Gelegenheit, sich von der Meinung anderer unabhängig zu machen. Setzen Sie sich zum Ziel, auf das ästhetische Urteil ihrer Mitmenschen zu pfeifen. Schaffen Sie das, werden Sie feststellen: Solche Unabhängigkeit verleiht Ihnen eine Freiheit und eine Kraft, die auf Ihre Mitmenschen viel stärker wirkt als ein perfektes Gesicht. Darauf haben Sie mein Wort.
Auf der griechischen Insel Kos gab es im Altertum einen Tempel, in dem Krankheiten durch Schlaf geheilt wurden. Schlaftherapie würde man das heute nennen, und ich stelle mir vor, dass in diesem Heiltempel ein beständiges Halbdunkel und völlige Stille herrschte. Sinn der Sache war zweifellos, die Kranken dazu zu bringen, in der Weltabgeschiedenheit des Tempels den ganzen Ballast ihrer Sorgen zu vergessen. Mehr war auch gar nicht nötig. Man war ja überzeugt, dass zwischen Körper und Seele eine enge Verbindung besteht und dass der Körper genesen wird, wenn die Seele wieder ins Gleichgewicht kommt. Alle alten Völker waren davon überzeugt – und erklärten sich körperliche Krankheiten deshalb durch dämonische Angriffe auf die Seele.
Dämonen – das ist gewiss ein sehr altertümliches Wort. Aber es hat eine moderne Bedeutung. Es sind zerstörerische Kräfte, die wir anziehen, wenn wir aus dem inneren Gleichgewicht geraten. Dämonen sind Sorgen, Verbitterung, Angst und Groll – eben alles, was sich in einen Menschen hineinfressen kann. Auch ein schlechtes Gewissen gehört dazu, mit seinen Begleiterscheinungen wie Selbstvorwürfe und quälende Erinnerungen. Fürsten und Könige wussten, was sie taten, wenn sie sich ein Lustschlösschen im Grünen bauten und es »Sans Soucis« nannten, zu deutsch: »Sorglos«. Hier ließen sie alles hinter sich, hier schalteten sie ein paar sorglose, unbekümmerte Tage ein – auch das war Gesundheitsfürsorge.
Wir modernen Menschen kennen den Zusammenhang zwischen Körper und Seele ja ebenfalls. Das macht mich krank, sagen wir, und leiden seelisch, bevor der Körper rebelliert. Warum schenken wir dem Körper dann mehr Beachtung als der Seele? Warum jagen wir nicht die eingebildeten Probleme, die unerfüllbaren Wünsche, den ganzen sinnlosen Stress davon, und reduzieren unsere Sorgen auf die allernötigsten? Die echten? Mit diesen Sorgen können wir nämlich zu Gott kommen und darauf vertrauen, dass er uns beisteht, stärkt und hilft. Mag sein, dass Ärzte und Gesundheitspolitiker mich für verrückt erklären, aber ich bin sicher: Nichts hält so gesund wie ein glückliches Leben, und Gottvertrauen ist die beste Gesundheitsvorsorge.
Jan ist 7 Jahre alt und darf alles. Für alles wird er von seinen Eltern gelobt, und noch jeder dumme Streich des Kleinen erscheint ihnen als Ausdruck höchster Originalität. Seine große Schwester Clara aber, 9 Jahre alt, kann es ihren Eltern nicht recht machen. Für alles wird sie gerüffelt: »Clara, was soll das? Jetzt aber mal schnell. Hast du etwa immer noch nicht ...« – in diesem Stil geht es den ganzen Tag. Jan ist der King, Clara das Aschenputtel, obwohl Jan nur Blödsinn im Kopf hat und Clara ein ruhiges, fleißiges, zuverlässiges Mädchen ist. Solche Kinder gibt es, solche Eltern gibt es, und wahrscheinlich fallen Ihnen selbst Beispiele aus Ihrem eigenen Bekanntenkreis ein. Und womöglich können Sie die Eltern sogar bis zu einem gewissen Grad verstehen: Der kleine Jan hat Charme, er ist ein Herzensbrecher, während Clara mit ihrer zurückhaltenden Art immer im Hintergrund bleibt. Und jetzt schauen wir uns das Gleichnis vom Verlorenen Sohn mal aus der Sicht von Clara an.
Da gibt es den jüngeren Sohn – ein Schlawiner, ein Abenteurer, ein Hallodri. Als dieser nach vielen Jahren Abwesenheit mit gesenktem Kopf wieder zu Hause auftaucht, hat er sein ganzes Vermögen verprasst und verspielt. Und da gibt es den älteren Sohn – ernst, fleißig, zuverlässig. Arbeitet seit Jahr und Tag im Betrieb des Vaters und käme nie auf die Idee, über die Stränge zu schlagen. Für wen aber bestellt der Vater die Musik, schlachtet das beste Kalb und veranstaltet ein Riesenfest? Für den Hallodri. Wundert es uns, dass der ältere Sohn stocksauer ist?
Er ist es jedenfalls, und Clara würde sagen: Kann ich verstehen. Warum wird es von Eltern nie honoriert, wenn du keine Probleme machst? Sicher, wir verstehen auch den Vater, der sich von einer Welle von Freude und Liebe zu seinem missratenen Sohn mitreißen lässt – so viel überschwängliche Großherzigkeit geht unter die Haut, und das Gleichnis vom Verlorenen Sohn ist gewiss eines der schönsten. Aber im wahren Leben sollten wir auch einmal in die Haut von Clara schlüpfen: Dem kleinen Jan sei die hemmungslose Vergötterung durch seine Eltern gegönnt, aber auch Claras sympathische Unauffälligkeit hat hin und wieder Musikanten und Kalbsbraten verdient.
Neulich hat man eine Umfrage unter Jugendlichen zum Thema Kirche und Gottesdienst durchgeführt. Das Ergebnis hat mich erstaunt. Es kam nämlich heraus: Kirche darf ruhig alt sein. Die jungen Leute stören sich demnach nicht an dem altehrwürdigen Ambiente eines Kirchenraums. Sie lassen sich nicht von der traditionellen Form der Messe abschrecken. Sie finden es auch nicht unzumutbar, einer 2000 Jahre alten Botschaft zu lauschen. Im Gegenteil: Sie erwarten von der Kirche, dass diese den schnellen Wechsel der Moden und Meinungen nicht mitmacht. Dass sie allem Kurzatmigen und Kurzlebigen Widerstand leistet. Dass sie die Kraft aufbringt, Altes zu bewahren. Offenbar haben viele Jugendliche durchaus ein Gespür für den Wert des Alten.