Einführung in die Umweltethik

Über dieses Buch

Was ist Umweltethik? Nicht einfach dasselbe wie Umweltschutz: Umweltethik fragt nach den Gründen für Umweltschutz und was genau mit guten Gründen geschützt werden kann und soll.

Diese Einführung bietet einen Überblick über dieses relativ neue Gebiet der Philosophie, erläutert ihre wichtigsten Grundströmungen und Positionen, ist also eine gute Grundlage, um über den angemessenen Umgang mit der natürlichen Umwelt des Menschen und den Umwelten anderer Lebewesen nachzudenken. Der Band ist für Studierende und Lehrende, für Oberstufenschüler*innen sowie als methodische Hilfestellung für reflektierte gesellschaftliche Diskussionen und Entscheidungsprozesse besonders gut geeignet.

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Fußnoten

  1. Schäfer 1999, S. 23.

  2. Immer dann, wenn im Folgenden der Begriff ›Tier‹ ohne Zusatz oder Erläuterung verwendet wird, ist das ›nichtmenschliche Tier‹ gemeint. Dieser Hinweis ist wichtig, weil auch der Mensch ein Tier, nämlich ein Säugetier, ist.

  3. Siehe bspw. Wolf 2018.

  4. Siehe bspw. Kallhoff 2002.

  5. Jonas 2016, S. 165.

  6. Wittwer 2017, S. 283.

  7. Siehe hierzu bspw. Meyer 2019.

  8. Birnbacher 1980, S. 113.

  9. Der Biologe Ernst Haeckel (1834–1919) prägte den Begriff ›Ökologie‹ im 19. Jahrhundert. Laut Haeckel bedeutet er »die gesammte Wissenschaft von den Beziehungen des Organismus zur umgebenden Aussenwelt«. Laut einer jüngeren Definition bedeutet ›Ökologie‹ die »wissenschaftliche Untersuchung der Verbreitung und Abundanz [Häufigkeit] von Organismen, der Wechselbeziehungen, welche dieser Verbreitung und Abundanz zugrunde liegen, sowie der Wechselbeziehungen zwischen Organismen
    und der Umwandlung und dem Fluss von Energie und Stoffen«. Begon/Howarth/Townsend 2017, S. 4.

  10. Krebs 2016b, S. 340.

  11. Uexküll 2014, S. 22 f., 130 (Hervorh. C. W.).

  12. Ott 2010, S. 8.

  13. Frankena 2016, S. 271.

  14. Vgl. Braun/Baatz 2017, S. 856.

  15. Fraser Darling 1980, S. 14 f. (Hervorh. C. W.).

  16. Den Ausdruck »technologische Zivilisation« übernehme ich aus Jonas 2003.

  17. Williams 2016, S. 304.

  18. Sophokles 1998, S. 18 f.

  19. Jonas 2003, S. 19.

  20. Siehe zur Geschichte der Umweltethik auch Kawall 2019.

  21. Krebs 2016a, S. 10.

  22. Siehe Meyer-Abich 1984; Birnbacher 1988; Birnbacher 1997; Patzig 1983.

  23. Leopold 1986, S. 262: »A thing is right when it tends to preserve the integrity, stability, and beauty of the biotic community. It is wrong when it tends otherwise.«

  24. Siehe Carson 2000.

  25. Siehe Meadows [u. a.] 1972.

  26. Siehe Stone 2013.

  27. Siehe Routley 1973.

  28. Siehe Næss 2016; Passmore 1974; Taylor 1986; Rolston 1988.

  29. Vgl. Singer 2015.

  30. Vgl. Plutarch 2015.

  31. Auch der Philosoph Tom Regan (1938–2017) hat den Begriff ›Ökofaschismus‹ benutzt (vgl. Dierks 2016a, S. 172).

  32. Auf Routleys Last-Man-Gedankenexperiment verweist unter anderem auch Attfield 2018, S. 4 f.

  33. Die hier referierten Argumente sind vor allen anderen anthropozentrischen Argumenten zu berücksichtigen. Zudem können andere anthropozentrische Argumente unter sie subsumiert werden. Zu den anthropozentrischen Argumenten zählen Gesundheits- und Wohlbefindensargumente, das Heimatargument, das Menschenrecht-auf-Natur-Argument, das Designargument, das Argument vom Sinn des Lebens und das Argument der Pflichten gegenüber zukünftigen Generationen (vgl. Krebs 2016b, S. 364–377 und Ott 2010).

  34. Allerdings können auch einige Wesen, die zur Spezies Mensch gehören, etwa Kleinkinder und komatöse Patienten, zurzeit keinen moralischen Pflichten nachkommen. Dennoch würden die wenigsten auf den Gedanken kommen, ihnen moralische Rechte abzusprechen.

  35. Wolf 2018, S. 174.

  36. Cohen 2018, S. 54.

  37. Vgl. Ott 2010, S. 18.

  38. Krebs 2016b, S. 364.

  39. Ebd., S. 370.

  40. Ebd.

  41. Ebd., S. 369.

  42. Unter der Voraussetzung, dass man keine Pflicht gegenüber sich selbst hat oder haben kann, lässt sich das pädagogische Argument in dieser Fassung nicht halten und müsste zumindest abgeändert werden.

  43. Kant 2011, 1. Teil, 1. Buch, 2. Hauptstück, § 17, S. 329 f.

  44. Schmitz 2017, S. 39.

  45. Vgl. Leopold 1986, S. 240.

  46. Vgl. Fraser Darling 1980.

  47. Krebs 2016b, S. 343.

  48. Es kann Fälle geben, in denen das Zufügen von Schmerz aus pathozentrischer Perspektive moralisch nicht verwerflich sein muss. Um nur ein Beispiel zu nennen: Wenn ein Patient wegen eines wichtigen medizinischen Eingriffs kurzzeitig Schmerzen erleidet, um nicht langfristig leiden zu müssen, dann ist der Eingriff gemäß dem Pathozentrismus nicht bereits als solcher moralisch falsch.

  49. Tatsächlich ist ein Argument, in dem mehr Lebewesen moralisch beachtet werden als in einem anderen, nicht allein aus diesem Grund bereits ein besseres Argument. Denn sowohl Nichtbeachtung als auch Beachtung sind rechtfertigungsbedürftig. Das Motto »Je inklusiver, desto moralisch besser!« muss nicht immer richtig sein.

  50. Siehe hierzu Gorke 2018.

  51. Die folgenden Ausführungen lehnen sich an Paul W. Taylors biozentrische Konzeption an. Es gibt jedoch weitere biozentrische Varianten. Siehe hierzu Engels 2016.

  52. Vgl. Nagel 2018.

  53. Formuliert man die Frage um, sieht man jedoch schnell, dass hier moralisch Problematisches lauert oder lauern könnte: Was genau macht es moralisch aus, wenn mein Verhalten einem komatösen Patienten merklich nichts ausmacht? Darf er dann wie eine Sache behandelt werden?

  54. Krebs 2016b, S. 354.

  55. Dierks 2016a, S. 174.

  56. Siehe zu der Frage, ob der Ökozentrismus menschenfeindlich ist, Dierks 2016a, S. 171 f.

  57. Dierks 2016b, S. 178. In dem Artikel von Dierks finden sich genaue Hinweise zum Abgrenzungsproblem von Ökozentrismus und Holismus, der in zwei Varianten, einer monistischen und einer pluralistischen, auftreten kann. In der vorliegenden Einführung wird der Holismus ausschließlich entsprechend der zitierten Definition verstanden.

  58. Gorke 2018, S. 9.

  59. Ebd., S. 111.

  60. Horster 2013, S. 12.

  61. Siehe Birnbacher 2016.

  62. Nolt 2011, S. 9, zit. nach Langer 2020, S. 161.

Einleitung

Die Frage nach dem angemessenen Umgang des Menschen mit seiner Umwelt und der Natur insgesamt steht seit einiger Zeit im Zentrum des öffentlichen Interesses. Sie wird inzwischen nicht nur von Spezialisten in Naturschutzverbänden und Umweltbehörden oder von Philosophinnen und Romanschriftstellern, sondern von sehr vielen Menschen gestellt. Schwere Umweltkatastrophen, mess- und spürbare Effekte der Umweltverschmutzung und eine wissenschaftlich belegte globale Umweltkrise zeigen die Dringlichkeit des Problems auf. Diese Krise wird mehrheitlich, wie es der Philosoph Lothar Schäfer (1934–2020) formuliert, nicht »als ein Ereignis der Naturgeschichte, sondern als ein Effekt der modernen Zivilisation«1 angesehen. Wir haben ein zum Teil menschengemachtes Umweltproblem, ein Problem, das politische Entscheidungen, technische Entwicklungen, ökonomische Prozesse und Lebensweisen infrage stellt. Es verunsichert. Seien wir aber optimistisch: Es ist ein Problem. Und wir tun gut daran, ein Problem erst einmal für etwas zu halten, das wir lösen können.

Das Umweltproblem ist nicht schicksalhaft über die Menschheit hereingebrochen. Es muss nicht tatenlos hingenommen werden. Wir wissen, dass wir die Umwelt beeinflussen können. Diese Einsicht führte unter anderem zur Entstehung der Umweltethik. Die Umweltkrise rief somit auch die Philosophie auf den Plan. Die Frage nach dem angemessenen Umgang des Menschen mit seiner Umwelt und der Natur ist nämlich eine philosophische Frage.

Diese Feststellung könnte den einen oder die andere überraschen: Handelt es sich nicht um eine naturwissenschaftliche Frage? Warum sollte es sich um eine philosophische handeln? Weil es eine Frage ist, die nicht ausschließlich mit naturwissenschaftlichem Fachwissen beantwortet werden kann. Die Antwort auf die Frage nach dem angemessenen Umgang mit etwas erfordert die Berücksichtigung und Begründung von Normen, Zwecksetzungen und moralischen Werten. Wir versuchen, Antworten auf die Fragen zu finden, wie man mit Blick auf die Natur handeln soll und warum man so handeln soll. Jedes Mal, wenn man solche Fragen stellt, begibt man sich, ob beabsichtigt oder nicht, ob gewünscht oder nicht, auf philosophisches Terrain.

Ein Beispiel: Eine Ökologin kann aufgrund ihrer Fachkenntnis einschätzen, dass eine bestimmte Entscheidung E1 das Aussterben der Spezies S zur Folge haben wird und dass mit der entgegengesetzten Entscheidung E2 das Aussterben verhindert werden kann. Sind wir der Meinung, dass die Spezies S aussterben soll, dann sollten wir E1 wählen. Denken wir, dass sie erhalten werden soll, dann sollten wir E2 wählen. Die Frage, ob wir die Entscheidung E1 oder E2 treffen sollen, kann uns die Ökologin in ihrer Funktion als Naturwissenschaftlerin aber nicht beantworten. Sie muss hierfür die Ethik heranziehen.

Ohne Berücksichtigung normativer Annahmen und Urteilskriterien, die dem philosophischen Denken entspringen, kann keine reflektierte Antwort auf die Frage gegeben werden. Das Aussterben einer Spezies ist ein Prozess. Die Existenz oder Nichtexistenz von Angehörigen einer Spezies ist eine empirisch überprüfbare Tatsache. Ob wir uns so entscheiden sollen, dass wir zum Aussterben der Spezies beitragen, ist nicht die Frage nach einem Prozess und nicht die nach einer empirisch überprüfbaren Tatsache. Hierbei handelt es sich um eine praktisch-philosophische Frage. Sie lautet: Was sollen wir tun?

Versucht uns jemand dazu zu bringen, dieses und nicht jenes zu tun, dann fragen wir ihn, weswegen wir dies tun, seine Ansicht teilen und entsprechend handeln sollen. Wir fragen nach Gründen, die uns überzeugen könnten, eine bestimmte Entscheidung zu fällen und ihr entsprechend zu handeln. Für uns könnte es etwa erstrebenswert sein, eine möglichst große Artenvielfalt zu bewahren.

Doch warum sollten wir dies für erstrebenswert halten? Der Wert der Artenvielfalt lässt sich nicht in der Natur finden, nicht mit dem Mikroskop, nicht mit dem Fernglas. Er lässt sich auch nicht mit ökologischen Modellen ermitteln. Aus der Tatsache, dass es in der Natur Artenvielfalt gibt, ergibt sich nicht ohne zusätzliche Wertzuschreibung der Wert von Artenvielfalt. Man kann behaupten, dass Artenvielfalt allein für sich genommen wertlos ist. Oder man kann behaupten, dass genau die Artenvielfalt wertvoll ist, die benötigt wird, damit ein bestimmtes Ökosystem funktioniert. Oder man kann behaupten, dass jede Art an sich wertvoll ist und deswegen geschützt werden soll. Welcher Behauptung sollen wir zustimmen?

Dies gilt es, umweltethisch zu prüfen. Und das Ergebnis der Prüfung hat praktische Konsequenzen. Je nachdem, welcher dieser Behauptungen zum Wert der Artenvielfalt man zustimmt, wird die Praxis, also der konkrete Umgang mit der Artenvielfalt, eine bestimmte sein. Ist man der Meinung, dass die Artenvielfalt wertlos ist, ist der Artenschutz obsolet. Kommt man zu dem Schluss, dass nur bestimmte Arten erhalten werden sollen, wird man sich für deren Erhalt einsetzen, während man andere aussterben lässt oder gar vernichtet. Argumentiert man dafür, dass jede Art an sich wertvoll ist, muss man einen umfänglichen Artenschutz anstreben. Die Umweltethik ist also praktisch relevant.

Das vorliegende Buch ist eine Einführung in die Umweltethik. Mit ihr verfolge ich dieses Hauptziel: Sie soll denen, die an der Frage nach dem angemessenen Umgang des Menschen mit seiner Umwelt und der Natur interessiert sind, sich aber noch nicht mit ihr auseinandergesetzt haben, eine erste Orientierung geben. Sie soll leicht verständlich sein. Sie soll zum Nachdenken anregen. Und hoffentlich hilft sie dabei, sich im Anschluss intensiver mit der Umweltethik beschäftigen zu können.

In den beiden ersten Kapiteln werde ich zeigen, was die Umweltethik ist und welchen Gegenstand sie hat. Worüber genau spricht jemand, der über die Umweltethik spricht? Um die Bedeutung des Kompositums ›Umweltethik‹ zu erfassen, müssen sowohl der Begriff ›Umwelt‹ als auch der Begriff ›Ethik‹ einzeln analysiert und definiert werden. Das Ziel der beiden ersten Kapitel ist es, die für uns wichtigen Grundbegriffe zu klären und den Gegenstandsbereich zu bestimmen. Denn täten wir dies nicht, würden wir uns schnell im Ungefähren verlieren. Wir sollten aber nicht unbestimmt und vage über die Umweltethik und ihren Gegenstand sprechen, sondern genau verstehen, worum es geht.

Das dritte Kapitel führt in die Geschichte der Umweltethik ein, identifiziert ihren Ursprung, weist auf Meilensteine dieser speziellen Ethik hin und leitet dann zu einer Darstellung ihrer beiden Grundströmungen, nämlich des Anthropozentrismus und des Physiozentrismus, über, auf die im vierten Kapitel ausführlich eingegangen wird. Dabei wird schnell deutlich, dass in der Umweltethik kontrovers diskutiert wird, und zwar nicht nur über Details, sondern auch über Grundsätzliches. Es ist nicht so, dass sich Umweltethiker einig sind, wie die Frage nach dem angemessenen Umgang des Menschen mit seiner Umwelt und der Natur zu beantworten ist. Es bestehen grundsätzliche Differenzen und es gibt unterschiedliche Ansichten, und zwar je nachdem, welchen Ausgangspunkt man wählt, um über das Umweltproblem nachzudenken. Einige Umweltethikerinnen denken, dass die Umweltethik allein den Menschen, seine Ansprüche, Bedürfnisse und Interessen im Blick haben sollte. Nur der Mensch sei moralisch relevant. Andere Umweltethikerinnen gehen davon aus, dass nicht nur der Mensch, sondern auch andere Tiere2, vielleicht sogar Ökosysteme oder die gesamte Natur moralisch relevant sind. Warum gibt es diese unterschiedlichen Ausgangspunkte? Und was bedeutet es für die Praxis, die eine oder die andere Antwort auf die Frage nach dem angemessenen Umgang zu geben?

Im fünften Kapitel werde ich darauf eingehen, ob einzelne Individuen oder Kollektivsubjekte wie politische Gemeinschaften in die umweltethische Pflicht zu nehmen sind und ob einzelne Individuen oder Gemeinschaften gut daran tun, zu reflektieren und Verhaltensweisen, die einen Umwelteinfluss haben, beizubehalten oder zu ändern. Soll die Einzelne, wenn sie der Meinung ist, dass dies an sich richtig ist, auf Inlandsflüge verzichten, auch wenn das allein wenig zur Eindämmung des Klimawandels beiträgt? Soll der Einzelne, der die Umwelt schonen möchte, nicht mehr mit dem eigenen Auto zur Arbeit fahren, auch wenn ihm dies gesetzlich nicht verboten ist? Soll der einzelne Mensch aufhören, gekochtes, gebratenes oder gegrilltes Fleisch zu verzehren, das aus der Massentierhaltung stammt? Oder ist es eine gemeinschaftliche Aufgabe, Inlandsflüge, die Nutzung privater Autos und die Massentierhaltung zu verbieten? Ist es, solange es kein gesetzliches Verbot gibt, kein moralischer Fehler der Einzelnen, wenn sie Inlandsflüge buchen, das eigene Auto steuern und das Fleisch verzehren? Kurz: Wer oder was ist der Adressat umweltethischer Forderungen?

Mit dieser Einführung werden also mehrere Ziele verfolgt:

Die Leserinnen und Leser des Buches werden nach seiner Lektüre erstens wissen, was die Umweltethik ist und wovon sie zu unterscheiden ist.

Sie werden zweitens besser verstehen, was der Begriff ›Umwelt‹ bedeutet und von welchen anderen Begriffen er abgegrenzt werden sollte.

Sie werden drittens näher kennenlernen, welche Geschichte die Umweltethik hat und warum es sie gibt.

Sie werden viertens erfahren, welche Grundströmungen und unterschiedlichen Positionen in der Umweltethik vertreten und warum sie vertreten werden.

Und sie werden fünftens hoffentlich dazu angeregt worden sein, über ihre eigene, individuelle Rolle und diejenige von politischen Gemeinschaften in der Umweltkrise nachzudenken. Um sich über die Bedeutung von Begriffen, die in der Umweltethik wichtig sind, einen schnellen Überblick verschaffen zu können, enthält der Anhang ein Glossar.

1 Was die Umweltethik ist

Was ist die Umweltethik, die in der deutschsprachigen Fachliteratur auch als ›Naturethik‹, ›Ökologie-Ethik‹, ›Ökoethik‹ oder ›Ökologische Ethik‹ bezeichnet wird? Welchen Begriff sollten wir uns von ihr machen? Mein Definitionsversuch, den ich erläutern werde, ist dieser: Die Umweltethik ist eine Bereichsethik, in der man erstens herausfinden möchte, wie Menschen angesichts moralischer Ansprüche von Menschen mit ihrer Umwelt und der Natur insgesamt umgehen sollen; in der man zweitens untersucht, ob anderes in der Natur neben dem Menschen als moralisches Objekt anzuerkennen ist, also als etwas, das moralisch geachtet werden soll; und in der man drittens diskutiert, wie sich moralische Subjekte, die moralisch entscheiden und handeln können, nichtmenschlichen moralischen Objekten gegenüber verhalten sollen.

Diese Definition ist lang und scheint kompliziert zu sein. Schauen wir uns daher ihre Elemente genauer an. Das in der Definition unter erstens Genannte ist noch eingängig und kann leicht in Beispiele übersetzt werden: Dürfen Menschen in einer bestimmten Region der Welt, wie etwa in Nordeuropa, Weltmeere mit ihrem Müll verschmutzen, wenn sie wissen, dass die Verschmutzung Menschen in anderen Regionen, wie etwa in Südostasien, negativ, vielleicht sogar existenzbedrohend betreffen wird? Sind wir Menschen es uns einander schuldig, die gesamte Natur zu bewahren? Sind wir, mit Blick auf uns selbst und andere Menschen, für die Natur verantwortlich und moralisch verpflichtet, sie zu schützen? Und sind wir das auch gegenüber jenen Menschen, die erst in Jahrhunderten leben werden? Sind wir zu ihrem Schutz verpflichtet, weil sich Menschen an der Natur erfreuen und sie intakt sein muss, damit Menschen ein gutes Leben haben können? Ihre Umwelt ist für Menschen wichtig, ja lebenswichtig. Weil dies so ist: Wie dürfen und sollen Menschen dann, wenn sie an sich selbst und andere Menschen denken, mit ihr umgehen?

Das in der Definition unter zweitens und drittens Genannte ist nicht so eingängig. Laut unserer Definition wird in der Umweltethik (s. zweitens) untersucht, was in der Natur abseits des Menschen moralisch zu achten, also moralisches Objekt ist. Zudem wird in ihr (s. drittens) diskutiert, welche normativen Schlussfolgerungen aus dem Ergebnis der zuvor genannten Untersuchung zu ziehen sind. Um dies mit Beispielen zu veranschaulichen: Es wird untersucht, ob ein Bach oder Weiher, ein Zebrafink oder Smaragdsittich, ein Stiefmütterchen oder eine Orchidee moralisch geachtet werden sollen. Wenn sie zu achten wären, dann dürften Menschen nicht achtlos oder nur eigene Bedürfnisse berücksichtigend mit ihnen umgehen. Anschließend wird diskutiert, was genau es für die moralische Praxis bedeuten würde, wenn etwa ein Weiher als moralisches Objekt anzuerkennen wäre. Wie dürften oder sollten wir uns dann ihm gegenüber verhalten?

Bevor wir uns dem Gegenstand der Umweltethik zuwenden, sollten wir uns vergewissern, ob wir jedes Element des Definitionsversuchs verstanden haben. Denn wenn wir nicht jedes Element verstehen, dann verstehen wir auch die Definition und den Gegenstand dieses Buches nicht. Was müssen wir noch aufklären?

Die Umweltethik ist eine besondere Ethik. Doch was bedeutet seinerseits der Begriff ›Ethik‹? Zudem soll geklärt werden, was es mit dem für die Ethik wichtigen Begriff des ›moralischen Subjekts‹ und dem des ›moralischen Objekts‹ auf sich hat. Schließlich muss geklärt werden, was unter dem Begriff ›Bereichsethik‹ zu verstehen ist, weil die Umweltethik als eine solche bezeichnet wird. Die Umweltethik ist eine Bereichsethik, weil sie einen bestimmten Bereich im Blick hat, nämlich den der Umwelt. Anschließend werden wir uns dann ausführlich mit dem Begriff ›Umwelt‹ und dem Gegenstand dieser besonderen Ethik auseinandersetzen.