Sammelband 5 Krimis - Killer ohne Reue und andere Krimis
Published by Alfred Bekker, 2018.
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Sammelband 5 Krimis – Killer ohne Reue und andere Krimis
RANOK – Der Killer
NIEMAND KOMMT SO LEICHT DAVON!
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MORD BEGINNT IM HERZEN
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Jesse Trevellian ermittelt
Killer ohne Namen
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Killer ohne Reue
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Further Reading: 11 Februar Krimis 2018 auf 1422 Seiten
Also By Alfred Bekker
Also By Horst Bieber
Also By Bernd Teuber
About the Author
About the Publisher
Krimis von Bernd Teuber, Horst Bieber und Alfred Bekker
Cover: Firuz Askin
Bernd Teuber: Ranok – der Killer
Horst Bieber: Niemand kommt so leicht davon
Horst Bieber: Mord beginnt im Herzen
Alfred Bekker: Killer ohne Namen
Alfred Bekker: Killer ohne Reue
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DER AUTOR PETER MARHOLT hat sich in dem spanischen Küstenstädtchen Laredo de la boca eingemietet, um einen Dokuroman über seinen früheren Schulkameraden „Hako“ zu schreiben, der kurz vor dem Abitur bis heute spurlos verschwunden ist.
Am Strand lernt er zufällig die deutsche Touristin Karin Demus kennen, für die sich auffällig viele Männer interessieren. Einheimische und Deutsche – sie haben aber alle etwas gemeinsam: Männer mit einer kriminellen Vergangenheit und den Hang zu eindeutiger Gewaltbereitschaft.
Marholt, vom „Autoren-Ekel“ vor den Schlusskapiteln gepackt, lässt sich nur zu gerne durch Karins Schicksal ablenken, das sich aber unmerklich immer mehr mit der früheren Geschichte des verschwundenen „Hako“ verknüpft.
Und dabei stören sie die Kreise der CADI , der „Nachfolge-Organisation“, einer vormals mächtigen und einflussreichen katholisch-konservativen Vereinigung.
Zurückgekehrt nach Deutschland muss Peter Marholt erkennen, dass er sich mit den Falschen angelegt hat. Dieser „Schuh“ ist tatsächlich eine Nummer zu groß für einen einzelnen Mann. Doch einfach aufgeben gilt nicht, oder?
COVER: FIRUZ ASKIN
von
Bernd Teuber
Krimi
IMPRESSUM
Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker
© Roman by Author/ Titelbild: Nach Motiven von Pixabay, 2018
© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.
www.AlfredBekker.de
postmaster@alfredbekker.de
Frank Colak ist der uneingeschränkte Herrscher über Hannover. Er kontrolliert das Glücksspiel, die Prostitution und den Drogenhandel. Als die Journalistin Alexandra Piehl seine schmutzigen Geschäfte aufdecken will, stirbt sie durch eine gewaltsam injizierte Überdosis Heroin.
Die Polizei geht davon aus, dass sie ein Junkie war, und die Droge selbst konsumierte. Schon nach kurzer Zeit stellt sie die Ermittlungen ein. Bald darauf taucht ein gewisser Herr Degenbach in Hannover auf. Als stoischer Racheengel beginnt er einen gnadenlosen Kampf gegen die Mörder und zieht sie eigenständig zur Rechenschaft ...
Alexandra Piehl war fast nackt.
Sie trug nur einen Slip und einen schweißnassen Büstenhalter. Ihre Handgelenke waren mit Handschellen an das Bettgestell gefesselt. Die junge Journalistin hatte Angst, entsetzliche Angst. Sie schwitzte. Ihre Augen huschten gehetzt umher. Das Zimmer, in dem sie gefangengehalten wurde, lag im zweiten Stock eines verlassenen Wohnblocks.
Es gab einen Tisch, zwei Stühle, ein Bett mit zerschlissener Matratze und einen Schrank, dessen Türen nicht mehr verschlossen werden konnten. An der Decke baumelte eine nackte Glühbirne. Von den Wänden bröckelte der Putz, und die Leitungsrohre lagen bloß. Der Raum hatte zwei Türen. Eine führte zur Küche. Dort stand ein Gasherd mit einem Topf Kaffee darauf.
Obwohl es in dem Raum warm war, fröstelte Alexandra. Vermutlich gab es hier Spinnen oder andere eklige Insekten. Auf dem Tisch stand eine Kerze. Daneben lagen eine Spritze und ein Gummischlauch. Alexandra wurde seit mindestens vier Stunden in diesem Raum gefangengehalten. Das vermutete sie zumindest. Sie hatte keine Ahnung, wie spät es war. Sie wusste nur, dass man sie kurz nach 22.00 Uhr vor ihrem Haus entführt hatte.
Sie stieg gerade aus ihrem Wagen, als sie von einem jungen Mann in einem dunklen Anzug angesprochen wurde. Er bat sie um ein Streichholz für seine Zigarette. Sie hielt ihm ihr Feuerzeug unter die Nase und er griff nach ihrem Handgelenk, um die Flamme an seine Zigarette zu führen.
„Sie sind eine sehr hübsche Frau“, sagte er beiläufig.
„Vielen Dank“, erwiderte Alexandra müde. Sie war es gewohnt, dass Männer auf alle möglichen Arten ihre Bekanntschaft suchten.
„Deshalb sollten Sie Ihre Nase auch nicht in Dinge stecken, die Sie nichts angehen“, flüsterte der Mann.
Alexandras Kopf fuhr hoch. Sie glaubte, sich verhört zu haben. Doch da war es schon zu spät. Der Mann packte sie fest am Handgelenk und drängte sie zur Straße. Ein weißer Kleintransporter schoss heran und stoppte mit quietschenden Reifen. Die Seitentür wurde von innen geöffnet und ein weiterer Mann sprang heraus. Gemeinsam zerrten sie die junge Frau in den Wagen.
Alexandra versuchte, um Hilfe zu rufen, aber eine große Hand verschloss ihr den Mund. Sie kratzte und biss, doch ihre Gegenwehr war vergeblich. Sekunden später schloss sich die Tür des weißen Wagens hinter ihr und sie fand sich eingeklemmt unter dem Mann auf dem Boden. Sein Komplize setzte sich hinter das Steuer und das Fahrzeug raste davon. Erst drei Straßen weiter begriff die junge Frau, dass sie entführt worden war. Und es dauerte drei weitere Straßen, bis sie den Grund dafür kannte.
Sie zitterte an ganzen Körper. An der nächsten Ampel versuchte sie, unter dem jungen Mann, der sie angesprochen hatte, hervorzukriechen, um an den Türgriff zu gelangen. Doch ihr Entführer riss sie zurück und verpasste ihr einen Faustschlag in den Magen. Der Schmerz war so stark, dass sie nicht einmal daran dachte, zu weinen.
Die Fahrt dauerte fast eine halbe Stunde. Dann wurde sie von den beiden Männern in dieses Zimmer gebracht. Sie hatte noch mehrmals versuchte, sich zur Wehr zusetzen. Doch sie war chancenlos. Der junge Mann fesselte sie mit Handschellen an das Bettgestell. Dann hatte er ihr die Kleider vom Leib gerissen, um sie zu vergewaltigen. Doch sein breitschultriger Komplize hinderte ihn daran. Alexandra wusste, dass er es nicht aus reiner Menschenfreundlichkeit getan hatte.
Der junge Mann war in die Küche gegangen, um zu telefonieren, während der Breitschultrige bei Alexandra blieb und sie nicht aus den Augen ließ. Nach einigen Minuten kehrte der Jüngere zurück.
„Der Boss weiß Bescheid“, sagte er. „Wir haben grünes Licht.“
Er trat ans Bett und sah auf Alexandra Piehl herab.
„Weißt du, weswegen du hier bist?“
„Weil du endlich mal in deinem Leben eine nackte Frau sehen wolltest“, antwortete Alexandra.
„Deine Witze werden dir noch vergehen“, sagte der junge Mann. „Du bist hier, weil du deine Nase in Dinge gesteckt hast, die dich nichts angehen. Und so etwas hat unser Chef gar nicht gern. Deshalb wäre es klug, wenn du uns sagen würdest, wo sich die Unterlagen befinden.“
Alexandra schwieg.
„Na schön, wenn du es nicht freiwillig sagen willst, werden wir ein bisschen nachhelfen.“
Plötzlich wusste Alexandra, welchem Zweck die Kerze, die Spritze und der Gummischlauch auf dem Tisch dienten. Aber das konnten sie nicht tun. Sie würde die Drogen nie wieder aus ihrem Körper bekommen, sondern ein Leben lang süchtig bleiben, oder vielleicht sogar daran sterben.
„Ich gebe dir drei Minuten“, sagte der junge Mann, während er auf seine Armbanduhr blickte. „Hast du eine Vorstellung davon, was Heroin in deinem Körper anrichtet? Oder welche Qualen du bei einem Entzug durchmachst? Hast du schon einmal geschrien, weil du die schrecklichen Bilder in deinem Kopf nicht mehr ertragen konntest? Noch zwei Minuten.“
Alexandra schwieg.
„Oder möchtest du dein Leben in der Klapsmühle beenden? Keine rosige Zukunft, oder? Vierundzwanzig Stunden von Verrückten umgeben, Tag für Tag, Woche für Woche, Monat für Monat ... Noch eine Minute.“
„Sie lassen mir ja gar keine Zeit, etwas zu sagen. Wie soll ich Ihnen denn etwas erklären, wenn Sie nicht zuhören?“
Der junge Mann sah sie an. „Oh, wir hören zu. Sehr genau sogar. Also, was willst du uns sagen?“
„Nichts. Ich wollte nur darauf hinweisen, dass Sie nicht zuhören.“
„Die Schonzeit ist um“, stieß der junge Mann wütend hervor.
„Ich habe noch eine Minute“, antwortete Alexandra. Sie wusste, dass es jetzt ohnehin nicht mehr darauf ankam, ob sie etwas sagte, oder nicht. Die Männer trugen keine Masken. Sie hatten ihr auch nicht die Augen verbunden. Es wäre für die junge Frau also kein Problem, sie zu identifizieren. Und dieser Umstand war für Alexandra der Beweis, dass sie gar nicht vorhatten, sie wieder freizulassen. Ihr Todesurteil war längst gefällt.
„Soll ich anfangen?“ fragte der junge Mann.
Sein Komplize nickte. „Den Schlauch kannst du wegwerfen.“
Der junge Mann ging zum Tisch, holte ein Feuerzeug aus der Hosentasche und zündet die Kerze an. Dann zog er ein schmales Briefchen hervor. Er öffnete es und schüttete das darin enthaltene weiße Pulver auf den Löffel. Dann hielt er ihn über die Flamme. Vom Bett aus konnte Alexandra nur das fast wahnsinnige Funkeln in den Augen des Mannes sehen. Sie beobachtete, wie er den Löffel kreisend hin und her bewegte und gelegentlich hob und senkte.
„Wie lange noch?“ fragte sein Komplize.
„Zwei Minuten.“
Der Breitschultrige sah zu Alexandra hinüber, die zitternd vor Angst auf dem Bett lag. Auch ihm war der Widerspruch zwischen ihrer vorgetäuschten Selbstsicherheit und ihrem tatsächlichen Zustand aufgefallen.
„Das ist deine letzte Chance“, sagte er leise. „Wir wollen nur wissen, wo du die Unterlagen versteckt hast. Damit rettest du dein Leben. Denk mal an deine Zukunft. Du kannst noch eine Menge erreichen. Willst du das alles aufs Spiel setzen? Willst du das Leben einer Süchtigen führen oder für ein paar belanglose Fetzen Papier sterben?“
Das heftige Zucken seiner Oberlippe war ein sichtbares Zeichen dafür, dass er log. Alexandras Schönheit, die braunen Augen, das volle schwarze Haar, berührte ihn überhaupt nicht. Er war offenbar nie ein Mann großer Worte gewesen. Töten und Gehen – das war seine Devise. Und der blieb er treu.
Alexandra hatte ihm zwar zugehört, doch ihre Augen hingen an den Händen des jungen Mannes. Sie hatte Angst. In ihrer Kehle steckte ein Kloß, der zu groß war, als dass er auch nur das kleinste Wort durchgelassen hätte. Sie war schweißgebadet. Der junge Mann hatte den Löffel von der Flamme genommen und bewegte ihn langsam hin und her, als enthalte die kleine Rundung eine kostbare Flüssigkeit, von der nicht der geringste Tropfen überlaufen durfte.
„Es ist soweit“, sagte er.
Der Breitschultrige griff nach der Spritze, die neben der Kerze lag. Während der junge Mann den Löffel hielt, tauchte er die Nadel in die Flüssigkeit und zog den Kolben hoch. Nachdem die Spritze voll war, drückte er die Luftblasen heraus. Seine Handgriffe wirkten routiniert, wie die eines Arztes, der seinem Patienten eine Narkose verabreichte. Eine tödliche Narkose, dachte Alexandra. Aus der sie nie wieder erwachen würde. Oder zumindest nicht so, wie sie vorher gewesen war.
„Schnell“, sagte der Breitschultrige, aber er schien es nicht eilig zu haben. Vielmehr kostete er jede Sekunde genüsslich aus. Sie traten ans Bett. Der junge Mann packte Alexandras linken Arm und hielt ihn fest.
„Ich brauche eine Vene“, sagte der Breitschultrige und sein Komplize drückte auf die Armbeuge, bis die Ader als dicker blauer Strang hervortrat.
„Es wird ein bisschen weh tun“, meinte der Breitschultrige grinsend.
Das Licht der Glühbirne spiegelte sich in seinen Augen, während er die spitze Nadel auf Alexandras Ader zubewegte. Plötzlich riss sie ihren Arm weg und begann zu schreien.
„Nein, bitte nicht. Ich sage, was ich weiß.“
Der Breitschultrige hielt in seiner Bewegung inne, während der junge Mann den Zugriff seiner Hand lockerte. Aus der ersten Gefahr gerettet, brach Alexandra unvermittelt in Tränen aus. Ihr ganzer Körper zuckte.
„Von Heulen war nicht die Rede“, fuhr der Breitschultrige sie an und machte eine drohende Bewegung mit der Spritze.
„Gleich“, schluchzte Alexandra. „Ich sage alles.“
„Wir warten.“
Die Stimme des Breitschultrigen war kalt und dennoch voller Spannung.
„Die Unterlagen sind bei mir zuhause.“
„Und wo?“
Alexandra kämpfte mit sich selbst. Bisher hatte sie noch nichts Wichtiges verraten. Aber was würde passieren, wenn die beiden das Versteck erst einmal kannten?
„Ich weiß nicht“, sagte sie leise.
Kalte Wut stand in den Augen des Breitschultrigen. Die junge Frau wusste, dass er sie umbringen würde, wenn sie nicht alles sagte.
„Im Schlafzimmer. Unter der Matratze“, stieß sie hervor.
„Na also“, sagte der Breitschultrige und legte die Nadel wieder auf den Tisch. „Dann kann der Boss ja mit uns zufrieden sein.“
„Und was geschieht mit ihr?“ wollte der junge Mann wissen. Kaum hatte er die Frage ausgesprochen, bereute er sie schon wieder. Alles ging in letzter Zeit schief. Die Ereignisse überrollten ihn einfach. Seit wann musste er eigentlich seinen Komplizen wegen allem und jedem fragen?
„Mach sie kalt“, befahl der Angesprochene. „Verpasse ihr am besten eine Überdosis. Dann sieht‘s wie ein Unfall aus.“
Er verließ den Raum und schloss die Tür hinter sich.
„Nein“, flüsterte Alexandra. Ihre Stimme steigerte sich zu einem hysterischen Crescendo. „Nein, nein, nein!“
„Doch“, sagte der junge Mann triumphierend. Das war etwas nach seinem Geschmack. Jemanden umbringen, der sich nicht wehren konnte. Die menschliche Regung des Mitleids war ihm genauso fremd wie seinem Komplizen. Er ging zum Tisch und griff nach dem dünnen Gummischlauch. Er war etwa siebzig Zentimeter lang und flexibel genug, um einen Knoten hineinzumachen. Der junge Mann ließ ihn durch die Luft sausen und in die linke Handfläche klatschen – wie eine Reitgerte. Langsam kam er auf das Bett zu. Sein sein Atem ging stoßweise.
„Bitte nicht“, flehte Alexandra. „Bitte nicht.“
Aber der Mann hatte nur Verachtung für ihre Todesangst. Ihre großen, weit aufgerissenen Augen gaben ihm das Gefühl ungeheurer Macht.
„Bitte bringen Sie mich nicht um“, flüsterte Alexandra. „Sie können mit mir machen, was Sie wollen, nur bringen Sie mich bitte nicht um. Ich gebe Ihnen alles, was ich habe.“
„Was hast du denn?“ fragte er und blieb am Fußende des Bettes stehen. In seine Augen trat ein lüsterner Ausdruck.
Die Verzweiflung gab Alexandra die Kraft, selbst im Angesicht des Todes noch verführerisch auszusehen. Die Tatsache, dass man ihr fast alle Kleider vom Leib gerissen hatte, erwies sich jetzt als Vorteil. Ganz deutlich spürte sie seine Erregung. Vielleicht konnte sie die Sache solange hinauszögern, bis Rettung kam.
Wenn Rettung kam!
Aber es war ihre einzige Hoffnung. Der Mann stand am Bett und blickte sie mit glitzernden Augen an. Der Schlauch wippte drohend in seiner Hand auf und ab. Alexandra schob ihre Beine auseinander und bog den Rücken durch, damit ihre Brüste voll zur Geltung kamen. Gleichzeitig bewegte sie ihr Becken auf der schäbigen Matratze hin und her.
„Wenn Sie mir die Handschellen abnehmen, werde ich es Ihnen zeigen“, flüsterte sie mit rauer Stimme.
Der junge Mann schien mit sich selbst zu kämpfen. Dann trat ein verschlagener Ausdruck in sein Gesicht. Er griff in die Tasche seiner Jacke und holte einen kleinen Schlüssel hervor. Er beugte sich hinab und befreite Alexandra von ihren Fesseln. Sie rieb sich ihre Handgelenke. Dieser erste Schritt zur Freiheit schien ihr wie ein Ausblick in das Paradies. Das Blut drang ungehindert in die Hände, und das taube Gefühl in den Fingern verschwand. Tränen der Dankbarkeit stiegen ihr in die Augen. Langsam richtete sie sich auf.
Erwartungsvoll trat der junge Mann einen Schritt zurück. Der Gummischlauch hing schlaff in seiner Hand. Alexandra erhob sich aufreizend. Sie griff hinter sich, löste den Haken ihres Büstenhalters. Mit zwei Schritten näherte sie sich dem Mann und schlang ihre Arme um seinen Hals. Ihren Unterleib presste sie gegen seine Hose.
„Küss mich“, forderte sie ihn auf. Es fiel ihr schwer, Erregung zu heucheln. Am liebsten hätte sie sich übergeben.
Abwartend und bewegungslos stand der junge Mann vor ihr. Doch plötzlich veränderte sich sein Verhalten.
„Du Nutte!“ schrie er. „Glaubst du wirklich, ich lasse mich von dir verarschen?“
Er packte sie an den Schultern und stieß sie zurück aufs Bett. Sofort stürzte er sich auf sein Opfer. Die junge Frau stieß einen entsetzten Schrei aus und rollte sich auf die andere Seite des Bettes. Keine Sekunde zu früh. Keuchend sprang der Mann über das Gestell, doch Alexandra gelang es, sich seinem Zugriff zu entziehen. Sie rannte in Richtung Tür.
Plötzlich trat sie mit dem Fuß in eine herumliegende Glasscherbe. Sie schrie auf, humpelte aber trotzdem weiter. Doch der Schmerz war unerträglich. Sie stützte sich an der Wand ab und versuchte, die Scherbe herauszuziehen. Der junge Mann sprang auf sie zu. Er packte sie an den Haaren und zerrte sie zurück aufs Bett. Dort kniete er sich auf ihren Bauch. Mit einer schnellen Bewegung griff er nach den Handschellen und fesselte die junge Frau wieder ans Bett.
Alexandra wimmerte, doch ihr Gegner kannte kein Mitleid. Er ging zum Tisch und holte die Spritze.
„Nein, bitte nicht ...“ schrie sie.
Der Mann warf sich auf sie, griff ihren linken Arm und drückte zu, bis die Adern unterhalb des Ellbogens anschwollen. In die dickste stach er die Injektionsnadel. Alexandra zuckte zusammen, während das konzentrierte Heroin durch ihren Körper floss. Sie schwitzte und keuchte. Die Wände um sie schienen zu schwanken. Ihr Mund war trocken. Sie zitterte wie ein frierender Hund. Doch dann überkam sie dieses Gefühl von Geborgenheit. Zuerst wehrte sich ihr Verstand dagegen, aber dann wurde sie von Euphorie durchflutet, und alle irritierenden Gedanken verblassten. Mit offenem Mund sank sie zurück.
Plötzlich bäumte sie sich auf. Ihre Augen starrten ziellos zur Decke empor. Sie wollte sich aufrichten, doch es gelang ihr nicht. Sie fiel zurück auf die Matratze. Reglos blieb sie liegen. Alexandra Piehl war tot, und nichts konnte sie wieder zum Leben erwecken.
Am nächsten Tag fand man die Leiche der jungen Frau auf einer öffentlichen Toilette. Neben ihr lag ein Fixerbesteck. Die polizeilichen Ermittlungen verliefen nur schleppend und wurden nach zwei Wochen eingestellt. Für die Beamten stand fest, dass Alexandra Piehl durch eigenes Verschulden an einer Überdosis gestorben war.
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„DANN SIEHST DU EBEN noch mal nach“, befahl der Mann mit den eiskalten Augen. Seine Stimme klang sanft und erbarmungslos. Er war groß, hatte dunkle, nach hinten gekämmte Haare und breite Schultern.
„Dann siehst du eben noch mal nach“ wiederholte er beharrlich. „Und diesmal gründlich.“
Es war Mitternacht, und die Rouletteräder und Spielautomaten ratterten und klingelten munter im „El Dorado“, aber nicht alles stand zum Besten. Frank Colak, der Besitzer des Spielsalons und etlicher weiterer Betriebe in Hannover, hatte schlechte Laune. Er trug einen Dreitausend-Euro-Anzug und lächelte glatt, aber in seinen Augen stand deutlich der Ärger über eine ganz bestimmte Angelegenheit.
„Ich und meine Leute haben die Wohnung vielleicht mehr als zehnmal von oben bis unten durchsucht. Wir haben praktisch alles und jedes in seine Einzelheiten zerlegt“, entgegnete Nicolaj Javenko nervös.
Der vierzig Jahre alte Mann stand mit einem unguten Gefühl im Bauch auf dem blauen Teppich und schwitzte. Javenko hatte Angst vor Frank Colak und die Gründe dafür lagen weniger in einer Art männlicher Wechseljahrpsychose, als vielmehr in ganz realen Fakten. Nur ein Vollidiot oder ein Ahnungsloser konnte hier in Hannover Rede und Antwort stehen, ohne Angst vor Colak zu bekommen. Er war die Nummer eins, wenn es um Schutzgelderpressung, Drogenhandel, Glücksspiel, Geldverleih und Prostitution ging. Aus armen Verhältnissen stammend hatte er sich rücksichtslos bis zu dieser Position emporgearbeitet.
Frank Colak wuchs in Bukarest auf. Die Familie lebte in bitterer Armut. Als der Vater starb, war Colak elf Jahre alt und von heute auf morgen am Ende seiner Kindheit angelangt. Um sich durchzuschlagen, nahm er jeden noch so miesen Job an. Doch er wusste auch, dass er in Bukarest keine Zukunft hatte. Mittellos landete er schließlich in Hannover. Mit einem einzigen Wunsch: Er wollte reich werden.
Schon bald schlug er eine kriminelle Laufbahn ein, beging mit einigen Komplizen kleine Überfälle und handelte mit Pornofilmen. Geradezu prädestiniert für seine Verbrechen war der Flughafen Langenhagen, dessen Zulieferer und Lagerhäuser immer wieder ausgeraubt und bestohlen wurden, wobei oft korrupte Wachleute behilflich waren. Im Alter von 24 Jahren wurde Colak erstmals für einen Überfall inhaftiert. Er verriet seine Komplizen nicht und saß alleine eine Haftstrafe von acht Monaten ab, was seine Reputation in seinem kriminellen Umfeld erheblich steigerte.
Kaum aus der Haft entlassen, startete er seine Unternehmungen von Neuem, raffte Geld zusammen und stieg schließlich zum namhaften Gangsterboss auf. Schutzgelderpressung, Bordelle, Glücksspiel und andere Geschäftsfelder brachten ihm dreckiges, aber auch sauberes Geld. Zudem kaufte er Geschäftsräume und kleine Läden. Diese Immobilien baute er zu Unternehmen und Mietshäusern aus.
Bald galt Frank Colak als unantastbar, weil er jeden kaufte – den kleinen Streifenpolizisten ebenso wie dessen Vorgesetzten. Auch Staatsanwälte und Politiker standen auf seiner Lohnliste. Er kontrollierte diese Stadt. Doch obwohl er jetzt eine Villa voller Kostbarkeiten bewohnte, dachte er immer noch so gradlinig wie ein Mann, der sich mit den bloßen Fäusten verteidigen muss.
„Dann siehst du eben noch mal nach – und noch mal und noch mal!“ befahl Colak. „Und gib nicht eher auf, bis du gefunden hast, was diese kleine verfluchte Schlampe versteckt hat. Wir haben ihr zwar das Maul gestopft, trotzdem müssen wir das Material in die Hände bekommen.“
„Vielleicht existiert es überhaupt nicht. Vielleicht war die Information falsch.“
Colak betrachtete ihn einige Sekunden lang und fragte sich, ob es möglich war, dass ein derart skrupelloser Mensch wie Javenko zugleich so naiv denken konnte.
„Lass es mich mal in einfachen und klaren Worten ausdrücken, und hör mir gut zu – verstanden?“
Seine Stimme wurde rau.
„Vor zwanzig Jahren habe ich diese Stadt übernommen und eine Organisation aufgebaut. Ich beherrsche diese Stadt und bin dabei reich geworden. Genau wie meine Geschäftspartner. Um reich zu bleiben und nicht in den Knast wandern zu müssen, brechen wir Gesetze und manchmal auch Knochen. Ja, wir müssen sogar hin und wieder jemanden umlegen. Trotz Polizei, trotz zahlreicher Untersuchungen, Schreiberlingen und ihren verdammten Berichten, konnten wir uns in diesem Geschäft behaupten. Aber wenn wir die Unterlagen dieser Journalistin nicht finden, dann ist jeder von uns in Gefahr. Vielleicht sogar erledigt. Denk daran, es geht hier nicht nur um meinen Kopf.“
Er machte eine kurze Pause, bevor er fortfuhr.
„Außerdem wäre es klüger gewesen, ihre Leiche unauffällig zu entsorgen. So musste ich wieder einen Haufen Bestechungsgelder zahlen, damit die Bullen die Sache unter den Teppich kehren.“
Javenko brummte etwas Unverständliches und überlegte, was er darauf antworten sollte. Dabei fiel ihm ein, dass derjenige, der dieses Material in Händen hielt, damit auch ganz Hannover in der Hand hatte. In ihm kämpfte Zorn verbunden mit dem Gefühl, alles wieder in Ordnung zu bringen. Er würde es Frank Colak schon zeigen. Er würde diesen ärgerlichen Zwischenfall mit so viel krimineller Brillanz aus der Welt schaffen, dass sein Chef auf ihn stolz sein konnte.
„Okay“, sagte er schließlich. „Wir werden die Unterlagen schon finden. Und zwar noch vor den Bullen.“
„Wegen der Provinzbullen mache ich mir keine Sorgen“, entgegnete Colak. „So lange die ihre monatlichen Bonuszahlungen kriegen, mischen sie sich nicht in meine Geschäfte ein. Aber was passiert, wenn die Unterlagen in die falschen Hände geraten? Wenn wieder ein Journalist herumschnüffelt? Oder das LKA? Die werden sich nicht so einfach kaufen lassen.“
„Ich kümmere mich persönlich darum“, versicherte Javenko. „Wir werden die Unterlagen finden.“
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EINE WOCHE SPÄTER TRAF ein Mann mit dem ICE aus Berlin in Hannover ein. Er war groß, schlank und hatte schwarze, nach hinten gekämmte Haare. Er trug eine italienische Sonnenbrille und einen eleganten grauen Maßanzug. Seine Sonnenbräune passte gut zu dem blauen Hemd und der Seidenkrawatte.
Er hieß Thomas Degenbach, stammte aus Duisburg, besaß die deutsche Staatsangehörigkeit und war achtunddreißig Jahre alt. Das stand jedenfalls in seinem Personalausweis und seinem Führerschein.
Natürlich war nichts davon wahr.
Weder kam er aus Duisburg noch war er Deutscher. In seiner linken Hand trug er einen braunen, ledernen Koffer, der an seinen Außenseiten keine besonderen Merkmale aufwies. Es war jedoch gegen das Gesetz, den Inhalt so ohne Weiteres in der Bundesrepublik Deutschland mitzuführen. Das scherte den Mann jedoch nicht im Geringsten. Er hatte in seinem Leben schon so viele Gesetze verletzt, dass es auf ein paar mehr auch nicht ankam.
Im doppelten Boden befanden sich fünf Messer mit beidseitig geschliffener Klinge, zwei Pistolen, Modell „Beretta 92FS“, ein extrem leichtes Maschinengewehr vom Typ „Ultimax 100 Mark 30“ inklusive Munition sowie ein Dutzend Hand- und Gasgranaten, ein Richtmikrofon und C4-Plastiksprengstoff.
Und natürlich lautete sein Name nicht Thomas Degenbach.
Er durchquerte die lange Bahnhofshalle, kaufte eine örtliche Tageszeitung und einen Stadtplan. Dann suchte er das Büro der Autovermietung auf, das sich unübersehbar in der Nähe des Ausgangs befand. Er legte seine Kreditkarte vor und mietete einen VW-Golf, der zu den Modellen mit der niedrigsten Tagesgebühr gehörte. Die Formalitäten waren schnell erledigt. Auf dem Parkplatz schloss er den Wagen auf und legte seinen Koffer und die Zeitung auf den Rücksitz.
Er fuhr los und fädelte sich in den fließenden Verkehr ein. Die Fahrt dauerte etwa fünfzehn Minuten. Unterwegs passierte der Wagen ein riesiges Gebäude aus Beton und Glas. Hier befand sich eine der vielen Firmen, die Frank Colak den äußeren ehrbaren Anstrich gaben, und die genau die Gewinne abwarf, die er im voraus bestimmt hatte.
Aufgrund seiner Recherchen wusste Degenbach, dass Colak dreimal verhaftet, aber nur einmal verurteilt worden war und leidenschaftlich Poker spielte. Sein Einkommen konnte man jedoch nur schätzen. Es musste sich zwischen zehn und zwanzig Millionen Euro im Jahr bewegen.
Der Wagen verlangsamte seine Fahrt und hielt fast unbemerkt auf dem Parkplatz neben dem Hotel „Sonnenblick“, einem vierstöckigen Gebäude, dessen falsche Fassade etwas Gediegenes aber auch etwas Verstaubtes ausstrahlte. Degenbach betrat die Hotelhalle. Am Empfang trug er sich mit seinem falschen Namen ein und zahlte achtzig Euro pro Tag für ein Einzelzimmer mit Bad.
Bevor er sich eine Flasche Carlsberg-Bier bestellte, wusch er sich die Hände. Dann setzte er sich aufs Bett und überlegte. Diesem Talent hatte er es in erster Linie zu verdanken, dass er überhaupt noch am Leben war. Erst in zweiter Linie folgte seine Geschicklichkeit mit Stich- und Feuerwaffen. Nachdem das Bier gebracht worden war, öffnete Degenbach den Koffer und prüfte die Waffen, die er mitgebracht hatte. Sein Feldzug konnte beginnen.
Er duschte, zog sich frische Sachen an, stieg in seinen Wagen und fuhr in die Innenstadt. In einer Seitenstraße parkte er das Fahrzeug. Dann machte er einen Bummel durch die Fußgängerzone. Junge Frauen studierten die neuen Bademoden in den Schaufenstern der Boutiquen, Mütter in zu engen Hosen zerrten plärrende Kinder hinter sich her und die dazugehörigen Väter schleppten prall gefüllte Einkaufstüten.
Sein Ziel war die Stadtbibliothek in der Hildesheimer Straße. Wenn man dem Internet Glauben schenken durfte – und Degenbach hoffte sehr, dass das der Fall war -, verfügte sie über 600.000 Romane, Ratgeber, Filme, Noten und ein umfangreiches Zeitungsarchiv. Und genau darauf hatte er es abgesehen.
Degenbach blätterte sich durch die vergangenen sechs Monate der Tageszeitungen von Hannover. Dabei befasste er sich ausschließlich mit regionalen Artikeln, die von Alexandra Piehl geschrieben worden waren. Vielleicht gab es hier einen Hinweis auf das Mordmotiv. Degenbach las Artikel für Artikel und kam bis zu denen, die einen Monat vor dem Anschlag veröffentlicht wurden, aber nichts deutete darauf hin, wodurch sie sich den Zorn des allmächtigen Frank Colak zugezogen hatte. Nach vier Stunden verließ Degenbach die Bibliothek. Draußen wurde es allmählich dunkel.
Er ging zu seinem Wagen und fuhr in die Scholvinstraße. Dort parkte er das Fahrzeug in der Hoffnung, dass er es bei seiner Rückkehr noch vollständig vorfinden würde. Degenbach bog in die Reitwallstraße ein. Sie gehörte zum Vergnügungsbereich des Rotlichtviertels mit den Bordellen, Stripteasebars, Clubs, Kneipen und Tattoo-Shops. Darüber hinaus war die Gegend ein Rückzugsgebiet für Drogendealer, Schläger und andere kriminelle Elemente. Sein Blick wanderte über die Neonreklame und die Schilder über den Geschäften. Er passierte einen Laden für Sex-Spielzeug, zwei Bordelle, eine kleine Snack-Bar und einen Tattoo-Shop.
Er prägte sich alles ein, jede Straße und sämtliche Durchgänge, die im Zweifelsfall eine Fluchtmöglichkeit boten. Eine mühselige, aber notwendige Kleinarbeit. An einer Ecke stieß er mit einer Prostituierten zusammen, die ihn wütend beschimpfte. Er blieb nur kurz stehen, und setzte seinen Weg dann fort. Das Gekeife der Frau verfolgte ihn fast hundert Meter weit. Aber niemand kümmerte sich darum.
Degenbach benutzte einen der Durchgänge, die rechts und links von Häuserwänden begrenzt wurden. Er sah sich um. Instinktiv spürte er die Gefahr. Dort, wo er den Durchgang betreten hatte, huschte ein Schatten ins Dunkel. Oder spielten ihm seine Augen einen Streich? Degenbach wusste nicht, ob er den Schatten wirklich gesehen hatte. Er drehte sich noch zwei Mal um, während er den Durchgang passierte.
Wenn da wirklich ein Schatten gewesen war, so gab es ihn jetzt jedenfalls nicht mehr. Reglos blieb Degenbach stehen. Der Durchgang führte zu einer Straße. Er hätte nach rechts oder links gehen können, doch sein Instinkt veranlasste ihn dazu, noch einmal umzukehren. Gleich darauf sah er einen Mann aus den Schatten auftauchen.
„Willst du was von mir?“ fragte er scheinbar gleichgültig.
Das Individuum, das vor Schmutz starrte, verzog den Mund und grinste ihn aus farblosen Augen an. Der junge Mann war ein Junkie, das erkannte Degenbach sofort.
„Wie wäre es mit einer kleinen Spende?“ nuschelte er. „War gerade hier unterwegs und dachte, du könntest mir vielleicht was geben.“
„Und wenn nicht?“
Der junge Mann hatte plötzlich ein Messer in der Hand.
„Dann hol ich‘s mir.“
Degenbach pfiff durch die Zähne. Er hatte sich scheinbar zufällig umgedreht und ging langsam in Richtung Straße. Wie er es erwartet hatte, folgte ihm der Junkie. Die farblosen Augen registrierten jede Bewegung. Ihr Besitzer war bereit, beim geringsten Anzeichen von Gefahr, zuzustechen.
„Wie viel willst du denn?“ fragte Degenbach.
„Alles, was du bei dir hast.“
„Das ist aber ‘ne Menge.“
„Billiger geht‘s nicht“, sagte der junge Mann. „Und weniger ist es auch nicht wert.“
„Was?“ fragte Degenbach. Er blieb stehen und wandte sich um.
Der andere wich zwei Schritte zurück. „Dein Leben.“
„Mein Leben?“
„Klar, du bezahlst dafür, damit dir hier nichts passiert.“
Degenbach seufzte. Seine ganze Haltung deutete an, dass er sich geschlagen gab.
„Alles, was ich bei mir habe“, murmelte er. „Na gut ... hier!“
Gierig kam der Junkie näher. Degenbach schlug die Hand mit der Waffe zur Seite. Dann riss er das Messer aus der Scheide unter seinem linken Arm. Die Klinge drang zwischen zwei Rippen hindurch ins Herz. Ein leises Kratzen ertönte, als es an einem der Knochen entlang schabte. Es geschah so schnell, dass der Junkie keine Gelegenheit mehr hatte, einen Schrei auszustoßen.
Degenbach zog die Klinge aus dem Körper, während dieser zusammensackte. Er wischte das Messer an der schmutzigen Kleidung ab und schob es wieder in die Scheide. Degenbach überzeugte sich davon, dass ihn niemand beobachtet hatte. Dann ging er zur Straße und setzte seinen Rundgang fort. Vor einem fensterlosen Gebäude in grellen Farben blieb er stehen. Die bunten Plakate neben dem Eingang kündigten Tänzerinnen, Büfett und Cocktails an.
Degenbach bezahlte bei einer müde aussehenden Frau an der Tür und ging hinein. Hinter dem kleinen Flur lag der Club sehr dunkel vor ihm. Degenbach brauchte einen Moment, um seine Augen an die schummrige Beleuchtung zu gewöhnen. Es gab nicht viel zu sehen. Ein paar Männer saßen am Tresen neben dem Laufsteg. Eine schlanke Blondine wand sich mit erstaunlicher Beweglichkeit zu einem rhythmischen Beat um eine Stange. Degenbach ging zu einem der Tische nahe der Bühne und setzte sich auf einen Stuhl. Eine Serviererin in Hotpants und einem glänzenden roten Trägertop eilte zu ihm. Degenbach bestellte ein Glas Cola.
„Wollen Sie etwas Alkoholisches dazu?“ erkundigte sie sich.
„Nein danke, nur Cola.“
Die Serviererin nickte und verschwand. Degenbach richtete seine Aufmerksamkeit auf die Bühne, wo die Blondine sich inzwischen bis auf ihren String-Tanga ausgezogen hatte. Die Show wirkte nicht gerade wie eine Hollywood-Choreografie, aber das konnte man in einem Laden wie diesem auch nicht erwarten. Die Blondine kniete sich vor eine Gruppe junger Männer, die ihr mehrere Zehn-Euro-Noten in den Slip steckten.
Kurz darauf kam das Getränk. Die Rechnung betrug vier Euro. Degenbach gab ihr einen Zehner. Die Serviererin zeigte ein geschäftsmäßiges Lächeln und ging mit wiegenden Hüften davon. Degenbach schaute zur Bühne. Die Blonde war fertig und sammelte auf dem Rückweg über den Laufsteg ihre herumliegenden Kleidungsstücke ein. Er winkte die Tänzerin zu sich. Sie streifte ein durchsichtiges, bauchfreies T-Shirt über und kam schlecht gelaunt an den Tisch.
„Mein Name ist Uwe. Ich würde mich gerne mit dir unterhalten.“
Die Frau zuckte mit den Schultern und setzte sich.
„Wenn ich mit Ihnen rede, müssen Sie mir einen Drink spendieren.“
„Okay.“
Er winkte der Serviererin. Die Frau, deren Name laut ihrer Auskunft Debbie war, bestellte eine Flasche Champagner.
„Ein Glas“, korrigierte Degenbach. „So lange werde ich nicht bleiben.“
Nachdem die Serviererin gegangen war, wandte er sich wieder an die Tänzerin. Sie war hübsch, obwohl man ihr Alter wegen des dicken Make-ups schwer schätzen konnte.
„Wie lange tanzen Sie hier schon?“
„Ungefähr ein Jahr.“ Debbie betrachtete ihre Fingernägel.
„Gefällt es Ihnen?“
Sie machte ein gelangweiltes Gesicht. „Klar. Es ist ganz okay.“
„Ich habe mich gefragt, weshalb sich eine Frau vor Fremden auszieht.“
Debbie lachte. „Wieso nicht?“ Sie setzte sich gerade hin, sodass ihre Brüste zur Geltung kamen. „Ich habe einen tollen Körper. Warum sollte ich ihn nicht zeigen? Und wo sonst kann ich so viel Geld verdienen? Dafür muss ich weder Gesetze brechen noch mit jemandem schlafen.“
Degenbach drehte sein Glas. „Ist es nicht gefährlich? Immerhin ist es eine raue Gegend.“
„Ich bin vorsichtig. Alle, die hier arbeiten, passen gegenseitig auf sich auf.“
„Dann ist das Geld das Risiko also wert?“
„Das Geld und ...“
„Und was? Was gefällt Ihnen am Strippen so?“
Debbie blickte sich um. „Hier drinnen haben Frauen die ganze Macht. Männer sehen mir zu und warten darauf, dass ich den letzten Fetzen Kleidung fallen lasse. Ich kann ihnen das bieten. Ich nehme das Trinkgeld und verschwinde. Die Männer bleiben frustriert und pleite zurück.“
„Aha“, sagte er.
Debbie grinste. „Für manche Frauen ist es sogar eine Art Rache.“
Degenbach grinste. Gleichzeitig ließ er seine Blicke unauffällig umherschweifen. Nichts, was in dem Club passierte, sollte seiner Aufmerksamkeit entgehen.
„Wie sind Sie eigentlich auf die Idee gekommen, Striptease-Tänzerin zu werden?“ fragte er beiläufig.
„Ach, das hat sich so ergeben. Wir wohnten früher in einem kleinen Ort, etwa zwanzig Kilometer von hier entfernt. Meine Eltern ließen sich scheiden, als ich vierzehn war. Meine Mutter hatte bald einen anderen Mann aufgegabelt und reiste mit ihm in der Weltgeschichte herum. Deshalb lernte ich, für mich selbst zu sorgen. Na ja, und hier in Hannover suchten sie Tänzerinnen. Ich bewarb mich um den Job. Ich war immer schon ziemlich groß und entwickelt, wenn Sie verstehen, was ich meine.“
„Ich verstehe, was Sie meinen“, entgegnete Degenbach.
„Ich habe ein falsches Alter angegeben. Sie nahmen mich, und danach war es leicht. Zuerst war ich in einer Tanzgruppe, dann habe ich als Statistin beim Fernsehen und in Nachtclubs gearbeitet. Einmal hatte ich auch einen Lehrer, der war in mich verliebt und wir arbeiteten eine Solonummer für mich aus. So ging es immer im Kreis herum.“
„Und niemand hat Sie jemals groß herausgebracht?“
„Nein.“
„Warten Sie darauf?“
„Sie meinen, mal ‘ne große Nummer zu werden?“
„Ja.“
„Nein, tu ich nicht. Ich mache mir nicht viel vor. Ich bin Tänzerin und damit basta. Ich habe die Figur, mein Aussehen, meine Jugend, und anscheinend habe ich etwas, das ankommt. Aber Talent, nein.“
Sie trank einen Schluck Champagner.
„Und was ist Ihr Lebensziel?“ fragte Degenbach.
Debbie lachte laut auf.
„Was gibt es denn dabei zu lachen?“
„Das Wort Lebensziel. Das habe ich so oft von meinem Vater zu hören bekommen, dass es mit irgendwie albern erscheint.“
„Aber trotzdem müssen Sie doch ein Ziel haben.“
„Ich werde wohl heiraten.“
„Und warum ist das bisher nicht eingetroffen?“
„Warum? Glauben Sie denn, ich wäre dazu schon im richtigen Alter? Was meinen Sie wohl, wie alt ich bin?“
„Fünfundzwanzig.“
„Schmeichelhaft sind Sie aber nicht. Ich bin vierundzwanzig. Trotzdem habe ich schon eine Menge hinter mir. Ich werde Ihnen mal erzählen, was ich mir von einer Ehe wünsche.“ Die roten Lippen verzogen sich zu einem Lächeln und die weißen Zähne schimmerten hindurch. „Geld. Und zwar einen Haufen davon. Ohne geht es nicht.“
„Nun, ich könnte mir vorstellen, dass man Ihnen schon viel Geld angeboten hat.“
„Merkwürdigerweise nicht. Die Reichen, die ich nehmen würde, wollen nicht heiraten, und die Armen, die heiraten wollen, die nehme ich nicht. Arme Männer hätte ich an jedem Finger einen haben können. Aber das wäre nichts für mich. Höchstwahrscheinlich habe ich denen eine Menge Ärger erspart. Wer mich nimmt, geht ein ganz schönes Risiko ein.“
„Ach, Sie tun ja nur so.“
„Wollen wir es ausprobieren? Sie sind ganz mein Typ – das heißt, wenn Sie reich genug sind.“
„Bin ich nicht.“
„Dann lassen wir es so, wie es ist. Wir könnten uns eine schöne Zeit miteinander machen. Mal sehen, wer als erster abspringt.“
„Ich glaube, es macht Ihnen einfach Spaß, hier die unartige Frau zu spielen.“
„Finden Sie mich denn unartig?“
„Das kann ich nicht sagen.“
„Es ist noch viel schlimmer.“
„Bitte, nun aber Schluss damit.“
„Ich bin durch und durch schlecht.“ Sie trank ihr Glas leer und füllte es wieder auf. „Sagen Sie nicht, dass ich Sie nicht gewarnt habe. Ich sage es Ihnen jetzt zum ersten und zum letzten Mal. Schlecht. Punkt. Und jetzt reden wir von etwas anderem.“
Trotzdem würde ich es riskieren. Wenn Sie es mit mir probieren wollen?“
„Furchtbar gern. Ich sagte Ihnen ja, Sie sind genau mein Typ.“
„Und wie ist Ihr Typ?“
„Nun, erst einmal muss er gut aussehen. Aber das allein genügt nicht. Er muss etwas mehr haben, etwas Aufregendes. Und das haben Sie. Vielleicht reden Sie ja manchmal wie ein Schuljunge, aber aussehen tun Sie bestimmt nicht wie einer. Sie haben so etwas Gefährliches an sich.“
„Ich? Gefährlich? Schauen Sie noch mal hin.“
„Das schwarze Haar und die brennenden braunen Augen, dieses finstere Gesicht, das Sie machen, und dieser Blick, wenn Sie sich umschauen. Manchmal sehen Sie verärgert aus – ich weiß nicht, aber ich sage Ihnen ehrlich, dass ich mich ein bisschen vor Ihnen fürchte.“
Sie trank abermals einen Schluck und fuhr dann langsam fort: „Ich mag das alles.“ Debbie schüttelte den Kopf. „Nein, eigentlich habe ich doch keine Angst vor Ihnen.“
Die Serviererin erkundigte sich, ob sie noch etwas trinken wollten. Degenbach schob sein Glas von sich. Aus den Augenwinkeln hatte er beobachtet, wie ein stämmiger Mann den Club betreten und in einem der hinteren Räume verschwunden war. Genau auf diesen Mann hatte Degenbach gewartet.
„Nein, danke. Ich gehe lieber.“
Er gab Debbie einen Zwanzig-Euro-Schein, den sie in ihren Slip steckte.
„Bleiben Sie noch die nächste Stunde. Da kostet ein privater Strip nur die Hälfte.“
„Ein anderes Mal vielleicht.“
Sie lächelte und verschwand. Degenbach schaute ihr einen Moment nach, dann wandte er seine Aufmerksamkeit wieder der Tür im Hintergrund zu, durch die der Mann verschwunden und bis jetzt nicht wieder aufgetaucht war. Musik ertönte. Eine brünette Frau erschien auf der Bühne und begann mit ihrer Darbietung.
Degenbach warf ihr nur einen kurzen Blick zu. Dann verließ er den Club, ging zu seinem Wagen, setzte sich hinein und fuhr ihn zum Seitenausgang. Dort wartete er. Seine Geduld wurde auf eine harte Probe gestellt. Erst nach rund einer Stunde verließ der stämmige Mann das Etablissement durch den Seitenausgang. In der linken Hand trug er eine schwarze Sporttasche.
Degenbach hatte genug Erfahrung, um diesen Mann mit dem Babygesicht und den verschlagenen Augen als gefährlich einzuschätzen. Und er brauchte auch kein Hellseher zu sein, um zu wissen, dass sich in der Sporttasche Geld befand. Der Mann blickte sich nach allen Seiten um, stieg in seinen schwarzen BMW und steuerte den nächsten Laden an. Degenbach folgte ihm in größerem Abstand. Der Verkehr war mäßig, sodass er sein Wild nicht aus den Augen verlor.
Die Fahrt führte noch zu drei weiteren Strip-Clubs, dann fuhr der BMW nach Osten und hielt vor einem großen alten Backsteinhaus. Der Mann mit der Sporttasche stieg aus. Wieder der sichernde Blick. Er betrat aber keines der Häuser, sondern ging langsam weiter, von Zeit zu Zeit hinter sich schauend. Schließlich verschwand er im Schatten eines Hauseingangs.
Degenbach wartete einige Zeit, dann stieg er aus und schlich geduckt zu dem Gebäude hinüber. Es war dreistöckig. In den unteren Räumen brannte kein Licht. Nur ein Fenster im oberen Stockwerk war erleuchtet. Degenbach presste sich gegen die Hauswand. Zentimeterweise schob er sich an die Eingangstür heran. Auf der Straße fuhr ein Wagen vorbei. Sekundenlang tauchten die Scheinwerfer das Gebäude in geisterhaftes Licht, dann war es wieder dunkel.
Degenbach drückte die Tür auf und betrat das Haus. In der Eingangshalle war es dunkel. Er holte seine Taschenlampe hervor und ließ den Lichtstrahl umherschweifen. Auf der linken Seite führte eine Treppe in die oberen Stockwerke. An der rückwärtigen Wand gab es einen Fahrstuhl. Degenbach wollte sich noch weiter umsehen, doch dazu hatte er keine Gelegenheit. In der oberen Etage wurde eine Tür geöffnet. Sofort schaltete er die Lampe aus, verließ das Gebäude und kehrte zu seinem Wagen zurück.
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AUCH IN DER NÄCHSTEN Nacht startete Mark Kressing seine Tour durch mehrere Strip-Clubs, um die Einnahmen abzuholen. Um 4.10 Uhr betrat er das unscheinbare Gebäude in der Körnerstraße und fuhr mit dem Lift in den dritten Stock. Er war der letzte der drei Boten, die das Geld zum Buchmacher brachten. Degenbach beobachtete das Gebäude von der anderen Straßenseite aus, schaute die Fensterfront hinauf, zog an seiner Zigarette und blieb in einem dunklen Hauseingang stehen.
Das Fenster im dritten Stock war hell erleuchtet. In den dahinterliegenden Räumen beendete ein kleiner, schusseliger Mann mit Goldrandbrille sein fast rituell anmutendes Geldzählen. Er arbeitete schon seit mehr als zehn Jahren für Frank Colak. Seine Aufgabe war es, die Geldströme in gewinnbringende Kanäle zu lenken und ebenso sicher wie profitabel anzulegen.
„Zweihunderttausend ... dreihunderttausend ... vierhunderttausend. Hat sich mal wieder gelohnt“, sagte er zufrieden.
Kressing nickte.
„Was macht die Familie?“ erkundigte sich der Buchhalter beiläufig.
„Ich habe keine.“
Der kleine Mann schlug sich mit der flachen Hand gegen die Stirn. „Zu blöd, das hatte ich ganz vergessen. Aber du hast eine Freundin, nicht wahr?“
„Ja“, erwiderte Kressing grinsend.
„Grüß sie von mir, unbekannterweise“, sagte der Buchhalter höflich. Gleichzeitig wusste er, wie unnötig und grotesk seine Worte waren. Er packte die Geldbündel in die Sporttasche und überreichte sie Kressing.
„Pack alles in den Safe.“
„Okay.“
„Eines verstehe ich nicht“, sagte der kleine Mann, während er die Tür öffnete. „Warum kommt ihr immer allein?“
„Das ist weniger auffällig“, sagte Kressing.
„Aber auch gefährlich. Schließlich trägst du ein kleines Vermögen bei dir. Eher schon ein großes“, korrigierte er sich.
Kressing grinste. „Niemand weiß etwas davon. Es sei denn, du hättest darüber geplaudert.“
„Ich bin doch nicht verrückt.“
„Wir sind es auch nicht“, sagte Kressing.
Er trat auf den Gang hinaus und näherte sich dem Lift. Die Sporttasche trug er in der linken Hand. Als sich die Kabinentür öffnete, erhaschte er einen sehr kurzen Blick auf einen Mann mit einer Schirmmütze auf dem Kopf.
Degenbach hielt ihm eine Dose Tränengas vor das Gesicht und betätigte den Sprühknopf. Sofort ließ Kressing die Sporttasche fallen. Er hob die Hände vor die Augen, als seien sie mit Salzsäure verätzt. Er wollte schreien, doch ihm blieb die Luft weg. Er konnte kaum atmen. Trotzdem gelang es ihm, sich auf sein Gegenüber zu stürzen. Beide gingen zu Boden.
Kressings Hände fuhren zu Degenbachs Hals und legten sich darum wie Eisenbänder. Ein durchschnittlicher Mann hätte jetzt keine Chance mehr gehabt.
„Was willst du von mir?“ rief Kressing. „Raus mit der Sprache, oder ich dreh dir die Luft ab.“
Degenbach wurde plötzlich schlaff, scheinbar bewusstlos. Unwillkürlich lockerte Kressing den Griff. Im gleichen Moment spürte er einen grausamen Schmerz, der ihm die Luft nahm und dafür sorgte, dass sein Körper sich verkrampfte. Degenbach nutzte die Chance, beide Beine anzuziehen und Kressing in den Unterleib zu treten. Das Stöhnen des Mannes war fast unhörbar. Es klang ungefähr so, wie wenn Luft aus einer vorübergehend stillgelegten Wasserleitung entweicht.
Taumelnd kam Kressing wieder auf die Füße. In seiner Hand hielt er ein Messer. Eine kurze, kräftige Waffe, ziemlich plump, aber wirksam. Keines der handgeschliffenen, fein ausbalancierten Kunstwerke, wie Degenbach sie hin und wieder verwendete. Und er bezweifelte auch, dass Kressing mit dem Messer so gut umzugehen verstand wie er selbst. Zudem sorgte das Tränengas dafür, dass er seinen Gegner nur undeutlich erkennen konnte. Die beiden Männer gingen im Kreis, wobei Kressing sich seinem Feind mehr und mehr näherte.
Degenbach machte einen Ausfall nach rechts. Für den Bruchteil einer Sekunde ließ sich Kressing ablenken. Das genügte. Degenbach brach den Arm, der das Messer hielt. Sogar der Schmerzenslaut war nicht mehr als ein heiseres Stöhnen. Degenbach fing das fallende Messer geschickt auf und stieß Kressing die Spitze in die Seite. Der kalte Stahl drang etwa fünf Zentimeter tief ein.
„Damit du dich keinen Illusionen hingibst“, sagte Degenbach kalt. „Eine falsche Bewegung, und ich ramme dir das Ding bis zum Heft in den Körper.“
„Was zum Teufel willst du?“ fragte Kressing stöhnend.
„Wirst du schon merken.“
„Wer hat dich geschickt?“
Keine Antwort. Das Messer bohrte sich durch Sakko und Hemd und ein Stück in die oberste Fettschicht der Taille. Kressing begriff, dass er zu viel gefragt hatte, und biss die Zähne zusammen. Im Moment war seine Lage alles andere als rosig und er machte sich keine großen Illusionen. Er gab aber auch die Hoffnung nicht auf. Er vertraute auf seine Erfahrung. Irgendwann, hoffte er, machte dieser Kerl einen Fehler.