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© 2021 Peter Erlenwein
Herstellung und Verlag:
BoD – Books on Demand GmbH, Norderstedt
ISBN: 978-3-7534-3102-4
7. März 1964
2. Dezember 2010
Das Kind heißt Paul. Die Großen heißen Erwachsene. Wenn sie über ihn sprechen, nennen sie ihn "das Kind".
Paul begriff rasch, daß damit er selbst gemeint war. Also dachte er von sich selbst auch als dem "Kind". Von dieser Zeit wird hier erzählt.
Paul wuchs und nahm zu an Jahren. Als er verstand, daß ein Langer nur selten auch ein Großer ist, war Paul ein Erwachsener. Von dieser Zeit wird später erzählt.
Frankfurt/Oder, 1944
Sehr steil war die Straße nicht.
Dennoch ging seine Mutter langsamer als sonst. Vorbei an großen, eingezäunten Vorgärten, die er längst kannte, auch die, meist von der Straße entfernt gebauten, Häuser. Seine Mutter war hier schon oft stehen geblieben, hatte mit anderen Frauen gesprochen.
Das Kind schaute dann auf die Gartentüren oder, falls man sie von der Straße aus sehen konnte, auf die Haustüren. Es hoffte, daß jemand mit einem Hund herauskäme, der seine Mutter anbellte. Dann würde sie sich schnell von der anderen Frau verabschieden und mit ihm weitergehen. Bisher war das nur einmal geschehen.
Am häufigsten blieb sie oben, gegenüber dem auf der anderen Straßenseite einmündenden Weg stehen. An dieser Ecke waren drei Häuser sehr nah nebeneinander gebaut. Sonst gab es auf dieser Straßenseite nur weite Wiesen.
Die Frauen wohnten in den drei Häusern. Aber weshalb kamen sie immer gerade dann heraus, wenn seine Mutter mit ihm hier vorbei ging?
Seine Mutter redete dann mit den Frauen und Paul langweilte sich an ihrer Hand. Er zog an ihrer Hand, wollte weiter. Seine Mutter schüttelte meist nur den Kopf. Schaute nicht einmal zu ihm herunter. "Paul, laß das!"
Also guckte er weiter auf langweilige Röcke oder lange Mäntel, die nicht einmal ein Muster hatten. Weshalb mußten die Großen immer so lange miteinander reden? Niemals spielten sie miteinander, redeten nur.
Heute waren sie an den drei Häusern fast vorbei. Er freute sich. Sie hatten niemand getroffen. Noch ein paar Schritte und sie würden in ihre eigene Straße abbiegen.
Paul hörte den hellen Ruf. Seine Mutter auch. Sofort blieb sie stehen, schaute sich um. "Ach, das ist Frau ...!" Den Namen hatte er nicht verstanden.
Die Frau, die gerade eine Gartentür auf ihrer Seite, genau gegenüber den drei Häusern, zuzog, kannte er nicht. Daß sie nicht einmal aus den Drei-Häusern kam, sondern auf ihrer eigenen Seite wohnte, fand Paul hinterlistig.
Die Frau streckte die Hand aus, als sie auf seine Mutter zukam, schaute dabei aber ihn an: "Das ist aber nett! Jetzt lerne ich auch endlich mal ihr Söhnchen kennen."
Sie beugte sich zu ihm hinab. "Du bist aber goldig! Wie heißt Du denn?" Sie streckte den Arm aus, wollte ihm über die Haare streichen. Rasch bog er den Kopf zur Seite und sagte: "Paullasdas!"
"Was ... aber wieso? Ich dachte ..."
Die Frau schaute seine Mutter an. Das tat er auch, denn er hatte ein mulmiges Gefühl im Bauch. Als er aber sah, daß seine Mutter die Unterlippe zwischen die Zähne gezogen hatte, war dieses Gefühl aber gleich wieder weg. Das mit der Lippe, das machte sie immer, wenn sie nicht lachen wollte, aber eigentlich doch lachen mußte.
Diesmal blieb seine Mutter auch nicht lange stehen, redete nur kurz mit der Frau. Als sie ein paar Schritte weiter gegangen waren, hielt sie gleich wieder an. Sie bückte sich und nahm ihn auf den Arm: "Du bist ja vielleicht ein Filou! Wenn ich das der Oma erzähle, wird sie's mir nicht glauben!
Sie lachte ihn an und gab ihm einen Kuß auf die Backe. Das tat sie nicht sehr oft. Sofort hatte er wieder so ein Gefühl im Bauch. Diesmal aber ein gutes.
Lindow, 1948
Die Flechter hingen hinter der Tür des Pferdestalls. Man durfte sie nicht anfassen und man durfte nicht "Peitsche" sagen. Jeder Flechter hatte seine eigene Geschichte. Opa Rintisch erzählte manchmal, welche Kunststücke er früher mit dem Flechter fertiggebracht hatte. "Jeht aber heut' nich' mehr, wejen die verdammte Gicht."
Manchmal, wenn Onkel Otto besonders gut gelaunt war, gab er dem Kind einen Flechter in die Hand: "Riech' mal das Leder! Und fühl', wie glatt die Riemchen geflochten sind. Hat noch der alte Gustav gemacht. Lebt ja nu' och schon lange nich' mehr."
Für das Kind waren die Flechter schwer zu halten. Den langen dicken Griff konnte es nur mit beiden Händen umfassen. Wenn er versuchte, das dreifach verflochtene Lederband über die Schulter zu schwingen, fiel er fast auf den Rücken. Onkel Otto lachte: "Na, na. Nu' mal nich' so hastig mit de' jungen Pferde. Dazu mußte schon noch 'n bißchen wachsen."
Lindow, 1947
Onkel Otto mußte ins Friedland'sche, in's "Frillandsche". Die Großen hatten am Morgen darüber gesprochen. Es war Zeit zum Drillen. Die Kinder durften dorthin nur selten mit. Es sei zu weit, sagten die Großen.
Das Frillandsche hatte etwas mit Verreisen zu tun, weil es direkt an der Chaussee lag. Die Chaussee war die einzige geteerte Straße in der Nähe des Dorfes. Dort fuhr der Bus nach Beeskow und zum Bahnhof nach Weichensdorf. Es gab dort einen kleinen Unterstand mit Wellblechdach. Wenn es regnete, konnte man im Trockenen auf den Bus warten und dabei den Regentrommeln zuhören.
Dieser Platz hieß "Weißer Stein".
Das Feld lag in einem Grund, war oft feucht, naß sogar. Nach starkem Regen stand das Wasser manchmal als kleiner See über dem Feld, und die Großen hatten deswegen Sorgen. Die Sträucher am Feldrain, am Graben, waren nur stachlig. Es gab keine Brombeeren, wie an anderen Lindower Feldern. Nur Sauerampfer. Gut gegen den Durst.
Das Kind mochte das Frillandsche nicht. Aber die Telegraphenmasten an der Chaussee mochte es sehr. Es umarmte den warmen, glatten Mast, legte das Ohr an das feinrissige Holz und hörte den Stimmen zu. Sogar Stimmen aus Amerika konnte man hören, aber natürlich nicht verstehen. Überhaupt waren diese Stimmen nur ein Summen. Manchmal, selten, war auch ein helles Zwitschern zu hören.
Ganz besonders aber mochte das Kind die Drille. Die Drille war ein langer, blauer Kasten auf zwei Rädern. Oben drauf war ein Deckel. Dort schüttete man das Korn hinein. Unten gab es viele dünne Rohre, die in kleinen Blechpfeifen endeten. Die Blechpfeifen ritzten schmale, nicht sehr tiefe Furchen in den Boden. Dort hinein rieselte dann das Korn.
Wo die Drille gefahren war, hatte sie die das Feld mit langen Linien überzogen. Das sah schön aus.
Das Kind wußte auch, wie es später aussehen würde. Wenn die ersten grünen Hälmchen aus dem Boden kamen. Und wie dann, noch später die hohen gelben Halme auf dem Feld standen und sich unter dem Wind bogen.
Selbst wenn nach der Ernte nur noch die kurzen Stoppeln standen, konnte man noch immer die Linien erkennen, die die Drille vor so langer Zeit gemacht hatte.
Nach dem Frühstück spannte Onkel Otto an. Er nahm den kurzen Leiterwagen, die Drille wurde hinten angeschirrt. Ein Pferd reichte. Die Drille war nicht schwer zu ziehen.
Das Kind hatte nicht gefragt, ob es mitfahren dürfe. Es war rechtzeitig vom Hof gelaufen, so daß ihm keiner sagen konnte, es solle zu Hause bleiben. Dann hätte es sich nicht getraut, mitzulaufen.
Onkel Otto nahm den Weg am letzten Hof vorbei zur Chaussee. Kurz dahinter holte das Kind ihn ein.
Es lief hinter der Drille her. Der Onkel saß sehr hoch auf einem der beiden Säcke Korn, die er zum Säen mitgenommen hatte. Weil das Kind aber klein war und sich hinter der Drille hielt, konnte er es vom Wagen aus nicht sehen.
Das Pferd ging Schritt. Es fiel nicht schwer, mit ihm mitzuhalten. Auf dem Sandweg lief es sich gut. Alle Steine waren weggeräumt, weil sie die Leiterwagen zum Holpern brachten. Von vorne rechts kam der Fichtenwald auf den Weg zu. Er war nur ein grüner Vorsprung, dahinter wieder Felder. Das Kind kannte diesen Wald nicht. Es wußte nicht, ob es dort auch so viele "Pfefferlinge" oder Steinpilze gab, wie in dem Wald bei Kuhleihe.
Es trottete hinter dem Wagen her, schaute auf die Speichen der Räder, fand den Rhythmus. Jede zweite Speiche war ein Schritt. Bei zwei Pferden wären es vielleicht zwei Schritte bei jeder Speiche gewesen, das hätte das Kind nicht lange geschafft.
Dann hörte es das Brummen. Ein lautes, böses Brummen. Das waren keine Fliegen, keine Bienen. Der Braune schüttelte unruhig die Mähne, schnaubte. "Hohh", brummte Onkel Otto beruhigend.
Das Kind war etwas zu Seite gegangen, damit es besser sehen konnte. Die Bremsen flogen dicht neben den steil aufgestellten, nach vorn gedrehten Ohren des Braunen.
Onkel Otto sagte etwas. Was er sagte, konnte das Kind nicht verstehen. Es klang nicht freundlich.
Der Onkel hielt jetzt beide Zügel mit der linken Hand. Er hielt sie straff. Mit der anderen Hand nahm er den Flechter auf, der neben dem Sack auf der Pritsche lag. Er faßte ihn unten an, an seinem dicken Ende.