Informationen zum Buch

Was uns alles blüht

Wieso legen Menschen Gärten an? Für Barbara Frischmuth ist der Garten der Inbegriff von Leben überhaupt. Ihr eigener Garten hat sie gelehrt, die Vitalität der Lebensströme von Pflanzen, Tieren und Mensch, die dort zusammenfließen, zu bewundern.

Auch für eine hingebungsvolle Gärtnerin wie Barbara Frischmuth kommt der Tag, an dem sie beschließt, den Garten zu verkleinern. Während sie halbherzig Beete auflöst, denkt sie an Entdeckungen der modernen Neurobiologie, wie Pflanzen kommunizieren – untereinander und mit dem Menschen. Und trotz guter Vorsätze ertappt sie sich dabei, dass sie wieder Setzlinge kauft. Aber macht ein schmerzender Rücken manchmal nicht glücklicher, als es im Alter bequem zu haben? Der Mensch muss sich einer Sache widmen können, um glücklich zu sein, versteht sie. Dafür bietet der Garten einen perfekten Raum.

Wenn Barbara Frischmuth also über die Unwiderstehlichkeit eines Gartens erzählt, lenkt sie unseren Blick auf die Vielfalt des Lebens selbst.

Barbara Frischmuth

Der unwiderstehliche Garten

Eine Beziehungsgeschichte

Mit Illustrationen von
Melanie Gebker

Inhaltsübersicht

Informationen zum Buch

Der Grund

Der gegenwärtige Herbst, der im nächsten Kapitel schon wieder ein vergangener sein wird

Henne und Ei

Einsicht in die Notwendigkeit

Entspannung

Mach nur einen Plan

Gründerjahre

Korrekturen

Iris Special I

Kleine Unterbrechung

Iris Special II

Zwischenbetrachtung

Iris Special III

Die Macht der Pflanzen

Iris Special IV

Traumatisierte Bäume

Ménage-à-trois

Die Ambivalenz der Gefühle

Warum ein schmerzender Rücken manchmal glücklicher macht als die Idee, es sich im Alter immer bequemer machen zu müssen

Von Mäusen, Lenzrosen und Win-win-Situationen

Das menschliche Maß als Vorschlag zur Güte

Von der Macht der Pilze

Was es mit dem Sich-Kümmern auf sich hat

Erinnerungen, die auf Visionen des Zukünftigen übergreifen

Die Nutzung des nicht Nutzbaren

Dank

Über Barbara Frischmuth

Impressum

Wem dieses Buch gefallen hat, der liest auch gerne …

»Wir können sprechen«, belehrte sie die Tigerlilie, »wenn da jemand ist, mit dem zu sprechen sich lohnt.«

LEWIS CARROLL »ALICE IM WUNDERLAND«
TEIL II »HINTER DEM SPIEGEL«

Ich meine lumpige Sonne fällt EXAKT in Iris Allee nämlich was die Schwertlilien-Iris angeht wehten sie im Winterwind über die Schwelle des Vierkanters in D. usw.

FRIEDERIKE MAYRÖCKER »ÉTUDES«

Vielmehr will ich mich von Thema zu Thema tragen lassen, je nach Wetterlage und Unkrautstand, der mich bald in dieser, bald in jener Ecke des Gartens zur Pflicht ruft.

CHARLES DUDLEY WARNER
»MEIN SOMMER IN EINEM GARTEN«

Der Grund

Der Grund, warum ich dieses Buch schreiben kann, war ein Stück Grund, das mein Mann und ich 1987 erwarben, um ein Haus darauf zu bauen. Dieses Grundstück war bis dahin eine Wiese ohne Büsche und Bäume gewesen, die zweimal im Jahr gemäht wurde und auf der junge Ochsen nach dem Almabtrieb im Herbst, je nach Witterung, noch ein bis zwei Wochen grasten.

Ein Stück Hangwiese in den Alpen, auf ungefähr 800 Meter Seehöhe, bildete also den Grundstock für einen Garten, wie ich ihn mir seit langem erträumt hatte. Doch war es weder in Wien noch in dem Gestüt im Marchfeld, wo ich von 1970 bis 1977 lebte, je dazu gekommen. Aus verständlichen Gründen. Die Wiener Wohnung befand sich, das Mezzanin eingerechnet, im vierten Stock und hatte nicht einmal einen Balkon. Im Marchfeld lag es an den Pferden, die jeden meiner Pflanzversuche innerhalb kürzester Zeit zunichtemachten. Immer wieder gelang es einem oder einer ganzen Gruppe von ihnen, aus den Koppeln auszubrechen und sich über die bescheidenen Resultate meiner ziemlich dilettantischen Bemühungen herzumachen.

Das Einzige, was ich bis zur Essbarkeit über die Runden brachte, war eine äußerst bittere Radicchiosorte, Objekt meiner Schwangerschaftsgelüste, das selbst die Pferde verschmähten.

Anfang Juli 1988 konnten wir schließlich einziehen. Das Haus war zwar noch nicht fertig, aber einigermaßen bewohnbar. Eigentlich war es als Ferienhaus gedacht. Mein Sohn war fünfzehn und ging noch in Wien zur Schule, mein Mann arbeitete in München. Es war also keine Rede von dauerhafter Bleibe, was sich mit den Jahren, zumindest für mich, ändern sollte.

Während ich noch auf die Möglichkeit eines eigenen Gartens wartete, hatte ich jede Menge Bücher zu Rate gezogen. Das Grundstück fiel an der Ostseite des Hauses steil ab, an der Südseite neigte es sich eher gemächlich, im Westen verlief die Grenze zu nahe am Haus, und die einzige einigermaßen gerade Fläche befand sich an der Nordseite. Als es dann tatsächlich darum ging, einen Garten anzulegen, wäre ich auf Praxis angewiesen gewesen, die mir aber rundum fehlte.

Ich war zwar in einem großen Garten, der sogar von einem eigenen Gärtner betreut wurde, und in dieser Gegend aufgewachsen, aber das half mir nicht wirklich weiter. Es blieb nur die Methode von trial and error, die ich auch gehörig nutzte, indem ich meiner Phantasie entsprechend Raum ließ. Dabei verliefen die trials der vielen errors wegen (Überschätzung, Unterschätzung, schlichte Unwissenheit und unerfüllte Erwartungen) bei weitem nicht immer so, wie ich es mir gedacht hatte.

Es war die Zeit des aufkommenden Biogärtnerns, das in Büchern wie »Der Biogarten« von Marie-Luise Kreuter und der Zeitschrift »Kraut und Rüben« propagiert wurde. Dazu versorgte einen der damals noch als Geheimtipp für Eingeweihte geltende Wolf-Dieter Storl (meine Initiation erfolgte über sein bereits 1982 erschienenes Buch »Der Garten als Mikrokosmos«) mit der notwendigen Mythologie zu den notwendigen Kenntnissen.

Als promovierter Ethnologe, der auch einige Semester Botanik studiert hat, versucht Storl seinen Lesern das Verhältnis zwischen Mensch und Pflanze anhand von Sagen, Mythen, Überlieferungen von Naturvölkern, aber auch von Sehern wie Rudolf Steiner oder Dorothy Maclean aus Findhorn näherzubringen, wie er auch noch in der Einleitung zu seinem 1997 erschienenen Buch »Pflanzendevas – Die Göttin und ihre Pflanzenengel. Heilkunde, Kulturgeschichte, Mythologie und Religion der Völker« erklärt. Nämlich einerseits als Märchen für Erwachsene und andererseits mit seiner Erfahrung als Pflanzenkenner und Gärtner. Dabei nähert sich seine Erzählhaltung immer mehr der eines Schamanen an. Man kann das mögen oder nicht, jedenfalls stellt Storl eine große Anzahl an Querverbindungen zwischen den einzelnen Kulturen und der Rolle, die Pflanzen in ihnen spielten und spielen, her.

Wenn ich ihn recht verstanden habe, geht es ihm in Wirklichkeit darum, die Koevolution von Pflanze und Mensch mit all ihren Wechselwirkungen, gegenseitigen Zugeständnissen und Abhängigkeiten in einer Sprache zur Debatte zu stellen, die es schon lange gibt und auf deren Emotionalität man setzen kann. Während die Wissenschaft erst eine finden musste, um den harschen anthropozentrischen Ton loszuwerden, in dem die monotheistischen Religionen, Philosophie und Aufklärung Tiere in Nutz- und Wildtiere und Pflanzen in Nutz- und Unkräuter einteilten. Wobei der Mensch den anderen Lebewesen ihre Entwicklung vorgab, während er selbst sich über jede Form von Manipulation durch sie erhaben glaubte.

Was die Notwendigkeit einer Veränderung dieses Blickwinkels angeht, habe ich viel von Storl gelernt, auch wenn die geballte Kraft der mythischen und spirituellen Erhöhungen sich für meinen Geschmack gelegentlich zu sehr der Grenze zur Esoterik nähert und sich dabei im Übersinnlichen verliert. Was er jedoch aus seiner eigenen Praxis als Gärtner, seiner Erfahrung mit Heilkräutern und wilden Gemüsepflanzen erzählt, hat mich auf der Ebene des Praktischen überzeugt.

Im Besonderen wenn ich allein zu Hause bin, greife ich gerne auf Brennnessel, Giersch, Löwenzahn, Schafgarbe, Wegerich, Schlangenknöterich, Melde, Sauerampfer, Gundelrebe, vor allem Gundelrebe, Glechoma hederacea (Gund heißt im Altgermanischen Eiter, Beule, faulige Flüssigkeit oder Gift, was die Gundelrebe bekämpfen soll), Malve, Gänseblümchen, Bärlauch und Kresse zurück, wenn ich vitaminreiches frisches Grünzeug essen will, ohne mir deshalb gleich als Ziege vorzukommen. Im Gegenteil, manchmal fühle ich mich dabei geradezu privilegiert, nicht nur der Frische halber, auch wegen des exklusiven Geschmacks. Und Wildgemüse von der Wiese zu holen dauert auch nicht länger, als ins Dorf hinunterzugehen und Gemüse, das womöglich tagealt und schlapp ist, einzukaufen.

Parallel zu dem Stapel von Büchern, mit denen ich die Zeit, die der Garten mir ließ, verbrachte, wuchsen sich meine Zuneigung, mein Respekt und meine Sensibilität gegenüber Pflanzen zu einer handfesten Besessenheit aus.

Mann, Sohn und Freunde der Familie wollten meinen Missionierungsversuchen entgehen, indem sie sie entweder ignorierten oder sich der Mitarbeit verweigerten. Mein Mann mit gutem, das heißt mit dem schlechtem Grund eines chronischen Rückenleidens, mein Sohn mit der Begründung, dass Kinderarbeit verboten sei. Der Garten war und blieb mir überlassen, was den Vorteil hatte, dass mir niemand dreinredete.

Ich hatte immer schon die Nähe von Pflanzen und Tieren gesucht und ging an das Projekt eigener Garten mit der für Anfänger typischen Idealisierung sowie Emotionalisierung heran. Und wünschte mir nichts sehnlicher, als dem Geist oder den Geistern der Pflanzen, wie Storl sie zu erkennen glaubte, zumindest im Traum zu begegnen. Was mich nicht daran hinderte, mich auch des Öfteren an Jacques Monod und sein Buch über »Zufall und Notwendigkeit« zu erinnern (heißer Stoff in den Siebzigern), der die individuellen Ursachen jedes einzelnen Schrittes der Evolution für einen Übersetzungsfehler, eine Störung des normalen Ablaufs hielt. Im O-Ton: »Das ganze Konzert der belebten Natur ist aus störenden Geräuschen hervorgegangen.« Eine Lehrmeinung, von der die heutige Wissenschaft, darunter einer ihrer neueren Zweige, nämlich die Pflanzenneurobiologie, nicht mehr so ganz überzeugt ist.

Mir persönlich sind animistische Vorstellungen nicht fremd. Wahrscheinlich war ich schon immer davon ausgegangen, dass wir alle (Pflanzen, Tiere, Menschen) aus demselben Stoff gemacht sind und es daher selbstverständlich wäre, auf Ähnlichkeiten und Gemeinsamkeiten zu stoßen. Dass diese immer vom Menschen her bestimmt wurden (Anthropomorphismus), erschien mir unlogisch, vor allem dann, wenn sich nachweisen ließ, dass die Arten, die mit dem Menschen verglichen wurden, bereits vor ihm existiert hatten. Andersrum hätte es mir eher eingeleuchtet.

Dennoch nahm ich die Pflanzen, wie ich sie sah und so weit ich diese erkennen konnte, nach ihren Bedürfnissen. Fügte Vokabeln wie Wüchsigkeit, Blühfreudigkeit, Widerstandsfähigkeit, winterhart, trockenheitsresistent und feuchtigkeitsliebend in meinen Wortschatz ein, sprach von Pfeilwurzlern, Rhizombildern, Zwiebelgewächsen, von Pflanzen, die sauren oder kalkhaltigen Boden bevorzugten, sich in sandiger oder lehmiger Erde wohler fühlten, die in voller Sonne, im Halbschatten oder lieber ganz im Schatten leben wollten.

Kurz gesagt, ich klinkte mich in den Bestimmungs- und Pflegejargon ein, der Wachstum und Gedeihen versprach. Und das, ohne groß darüber nachzudenken, warum Pflanzen überhaupt wuchsen und dermaßen dominierten oder ob und wie sie das Geschehen um sich herum, einschließlich meiner Betriebsamkeit, wahrnahmen.

Anfang der sechziger Jahre hatte ich drei Semester an der Universität von Debrecen Finnougristik studiert und bei dieser Gelegenheit für einen ostdeutschen Professor schamanistische Gedichte (eher Gesänge) der Wogulen aus dem Ungarischen ins Deutsche übersetzt. Dabei hatte ich vieles über Schamanismus erfahren (weltweit verbreitete archaische Ekstasetechniken, die auch zu Heilzwecken angewendet werden). Das erleichterte es, mir unter einer spirituellen oder rituellen Grenzüberschreitung zwischen Tier und Mensch, wie sie zum Beispiel im Bärenkult der Wogulen praktiziert wurde, etwas vorstellen zu können. Ebenso wie der zwischen Mensch via Geistwesen und Pflanze, wie sie in den Büchern Storls oder denen des Anthropologen Jeremy Narby beschrieben sind. Dennoch blieb ich im üblichen Sinn wissenschaftsgläubig.

Mir ist klar, dass Pflanzen in einer anderen Welt leben als wir und die anderen Tiere, in einer Welt, die jedoch in vielfältigem Kontakt mit der unseren steht. Und dass diese Welten einander nicht nur berühren, sondern auch durchdringen (wir essen Pflanzen, sie holen sich die Reste von uns wieder aus dem Boden). Obwohl diese verschiedenen Welten unter dem Einfluss eines massiven Verständigungsproblems auch in sich gefangen zu sein scheinen, hat das weder Pflanze noch Mensch, von den Tieren gar nicht zu reden, je daran gehindert, sich gegenseitig zu manipulieren. Die Pflanzen uns, indem sie durch Nahrung, die sie für uns produzieren, aber auch durch Drogen, die sie für ihre Abwehrkraft brauchen (vielleicht auch für ihr Vergnügen), jedoch auch für uns zur Verfügung halten, unser Leben und unsere Kultur beeinflussen, uns von Jägern zu Bauern, von Bauern zu Händlern werden ließen. Während wir durch bewusste Züchtung und forcierte Steigerung der Erträge ihre Form nach unserem Gutdünken und wesentlich schneller, als die Evolution je im Sinn gehabt haben mag, verändern.

Genauer betrachtet, leben die Pflanzen in einer viel umfangreicheren Welt als wir. 90 Prozent der Lebendmasse unseres Planeten besteht aus Pflanzen. Und nicht nur ihr Übergewicht, sondern auch ihre Übermacht dokumentiert sich vor allem in der Tatsache, dass ihnen ohne uns nicht viel fehlen würde, wir jedoch ohne sie und den Sauerstoff, den sie produzieren, nicht einmal lebensfähig wären.

Dies bedenkend, fällt es mir schwer, in Pflanzen noch immer jene passive, von Reflexen gesteuerte Biomasse zu sehen, deren einziger Sinn und Gebrauchswert es sein soll, gefressen oder gelegentlich zu Dekorationszwecken ausgestellt zu werden.

Hatte Descartes selbst die Tiere noch für rein reflexbedingte Wesen gehalten und ihnen jede Art von Empfindung, selbst die des Schmerzes, abgesprochen, zerbricht sich die neue wissenschaftliche Disziplin der Pflanzenneurobiologie heute den Kopf darüber, ob nicht sogar Pflanzen Schmerz empfinden können, wodurch die alte Position von »no brain, no pain« nicht mehr so ganz den Status eines Dogmas behält.

Immer öfter stellt sich die Frage, ob man Pflanzen rudimentäre Formen von Intelligenz oder bloß intelligentes Verhalten zugestehen soll. Dass ihre Wahrnehmung über Sehen, Tasten, Schmecken, Riechen und Hören (wie beim Menschen üblich) hinausgeht, ist inzwischen ausgewiesen, auch wenn sie anders sehen, tasten, schmecken, riechen und hören als wir. Aber doch nicht so anders, dass man es anders benennen müsste. Und dass sie infrarotes und ultraviolettes Licht wahrnehmen können, haben sie uns in jedem Fall voraus.

Inzwischen möchte man bereits wissen, ob Pflanzen lernfähig und zu zielgerichteten Handlungen imstande sind, wie sie sich miteinander verständigen und auf welche Weise und in welchem Umfang sie miteinander vernetzt sind.

Michael Pollan, der Autor eines ungewöhnlichen Buches über die gegenseitige Beeinflussung von Pflanze und Mensch mit dem Titel »Botanik der Begierde«, schreibt am Ende seiner letzten großangelegten Reportage in »The New Yorker« vom 23. Dezember 2013, deren Überschrift »Die intelligente Pflanze« lautet (Subtitel: Wissenschaftler debattieren über eine neue Art, die Flora zu betrachten): »Während ich Mancuso zuhörte, wie er die Wunder beschrieb, die sich unter unseren Füßen entfalten, schien mir, dass Pflanzen tatsächlich ein geheimes Leben führen, das sogar seltsamer und wunderbarer ist als jenes, das Tompkins und Bird beschrieben.«1 (Peter Tompkins und Christopher Bird waren die Autoren des 1973 erschienenen Buches »Das geheime Leben der Pflanzen«, das weltweit zum Bestseller wurde, jedoch in wissenschaftlichen Kreisen wegen der teils nicht nachvollziehbaren Experimente sowie des esoterischen Touchs derart verpönt war, dass kaum mehr ein Wissenschaftler, der einen Ruf zu verlieren hatte, sich des Themas annehmen wollte. Die Intelligenzforschung an Pflanzen war dadurch über Jahre hin blockiert.)

Auch ich hatte dieses Buch damals gelesen, um ehrlich zu sein, verschlungen, doch während ich schlang, regte sich immer mehr Skepsis. Da schien mir die Ethnobotanik eines Wolf-Dieter Storl vertrauenswürdiger, die das Mythische als solches erkennbar beließ. Abgesehen davon, dass Storl kein ehemaliger CIA-Mann ist wie Cleve Backster (Fachmann für Lügendetektoren, der ein Galvanometer an das Blatt seiner Dracaena hängte und dabei Reaktionen der Pflanze feststellte, die er auf seine Weise interpretierte), lebt er selbst in einem großen Garten auf der Schwäbischen Alb.

Jeremy Narby bringt es in »Die kosmische Schlange« insofern auf den Punkt, als er meint: »Unter dem Einfluß der Ashaninca hatte ich begriffen, daß Praxis die höchstentwickelte Form von Theorie ist.« Wobei Praxis im Zusammenhang mit Pflanzen mehr ist, als Apparate an sie anzuschließen. Narby hatte Mitte der Achtziger zwei Jahre beim Stamm der Ashaninca-Indianer in Peru zur Feldforschung für seine Dissertation verbracht, aus der sich später das obengenannte Buch ergab.

Aber auch Storl hatte zu Anfang seines Studiums Kontakt zu einem nordamerikanischen Medizinmann, der ihn im Gebrauch von Heilpflanzen unterwies.

Das Wissen, das sowohl Narby als auch Storl unmittelbar aus der Praxis bezogen, arbeitet, wie ich meine, der neuen Pflanzenneurobiologie zu, auch wenn es sich einer anderen Sprache bedient. Es sieht so aus, als hätte jeder der beiden damals eine allgemein verständlichere Übersetzung für die Sprache der Pflanzen gefunden als die der Chemie, die sich nur nach und nach mit Hilfe einschlägiger Forschung entschlüsseln lässt.

Interessant ist, dass die Ergebnisse sowohl der ethnobotanisch-anthropologischen wie der neurobiologischen Forschungen im gegenwärtigen Stadium gar nicht so weit auseinanderzuliegen scheinen.

Jedenfalls ist in letzter Zeit viel Bewegung in die Methoden zur Ergründung des Wesens der Pflanzen gekommen. Und das bedeutet, dass die Beschäftigung mit ihnen, jetzt einmal abgesehen von der unmittelbaren Gartenarbeit, immer interessanter wird. Eine Beschäftigung, der ich mich ohne Rücksicht auf Rücken, Knie und arthritische Finger mit all der Neugier, die Pflanzen und ihr geheimes Leben noch immer in mir auslösen, widme. Was mich auch in der Hoffnung bestärkt, die Erinnerung an all das, was ich in den letzten 25 Jahren mit Pflanzen erlebt, von ihnen gelernt und über sie erfahren habe, noch lange wachhalten zu können. Schließlich würde ich all diese Erfahrungen noch gerne mit den Ergebnissen der gegenwärtigen Forschung vergleichen und sie vielleicht sogar damit in Einklang bringen.

Wozu ich allerdings weder die Erkenntnisse der Ethnobotanik und der Anthropologie noch die der Pflanzenneurobiologie brauche, ist die Einsicht, dass der Garten zu groß, für mich zu groß geworden ist. Es bleibt also gar nichts anderes übrig, als ihn Jahr für Jahr behutsam zurückzutrainieren. Die Betonung liegt auf behutsam, schließlich soll er ja noch als Garten erkennbar bleiben.

Angeblich kommt es nicht auf die Menge an, sondern … worauf eigentlich? Was macht überhaupt die Ansammlung von Pflanzen zu einem Garten? Ihre Prächtigkeit, ihr Wuchs, ihre Farben? Oder doch das Zusammenspiel? Die Anmut, die von Selbstaussäern und Keimlingen aus unverhofft zugeflogenen Samen sowie in den Töpfen der Gekauften als blinde Passagiere zugereisten Sämlingen ausgeht? Eine Anmut, die ein Beet jenem unverzichtbaren Hauch von Wildwuchs verdankt, der es erst zu einem gelungenen Beet macht?

Oder die dazugehörenden Insekten, ob Nützlinge oder Schädlinge, die Pflanzen ihre Abwehr in Stellung bringen lassen? All die Milliarden von Bakterien, Mikroben und sonstigen Bodenbereitern, die die Erde erst für die Pflanzen zuträglich machen? Von Bienen und Hummeln gar nicht zu reden. Oder den Ameisen, die all das anfallende Aas der Klein- und Kleinstlebewesen (alles ist sterblich in dieser Welt), aber auch der toten Vögel, die von keiner Katze gefressen wurden, beseitigen? Ebenso die Überreste von Spinnen, die mit ihren eingezogenen acht Beinen plötzlich daliegen wie ein Knopf mit Schlaufen.

Das alles gehört zum Garten. Die Kröten, die abends manchmal bis zum Haus kommen, angezogen von den vielen Insekten, die sich wiederum von der Gartenbeleuchtung anlocken lassen. Auch die Schnecken, die einen immer wieder zum Fluchen bringen, sowie all die sechsfüßigen Fressfeinde aus der Familie der Käfer. Die ich zu überlisten versuche, während sie mich meist gnadenlos austricksen.

Mag sein, dass erst das alles zusammen den Garten ausmacht, eine Ansammlung von Leben, in der Pflanze, Tier und Mensch ihren Platz finden. Oder ist der Garten doch nur ein Zoo für Pflanzen, die sich wie gefangene Wildtiere nicht mehr selbst erhalten können, sondern auf Menschenhand angewiesen sind? Auch das ist Garten. Wir alle hüten Gewächse in unseren Gärten, die wir zumindest gießen und mit ihnen entsprechender Erde versorgen, weil sie ansonsten in unserem Klima, bei unserer Bodenbeschaffenheit, in dieser Seehöhe nicht überleben würden.

Was also ist ein Garten?

Vielleicht werde ich bis zum Ende dieses Buches eine fundiertere Antwort auf diese Frage gefunden haben als die hier angedeuteten Ansätze.

Der gegenwärtige Herbst, der im nächsten Kapitel schon wieder ein vergangener sein wird

Ein Blatt im Wind. Es ist das letzte. Ein scharlachroter Stern, der noch an seinem Stängel hängt, schaukelt am korkigen Ast des Amberbaums. Mit scharfer Kontur unter dem Nebelweiß des Himmels, das selbst die Berge weggewischt hat. Dicker Dunst liegt über den Dächern, die vor Nässe glänzen, obwohl es nicht geregnet hat.

Es ist Herbst, später Herbst. Die Farben der vorhandenen Blüten sind am Verglühen. Auf den Beeten liegt das zerkleinerte, noch vor kurzem leuchtende Laub der Bäume und Sträucher und verbräunt zu einer matten Rehfarbe. Im Frühjahr wird es nach all dem zu erwartenden Schnee so schwarz geworden sein, dass man es für Humus halten kann.

Dennoch fände ich jede Menge zu tun, würde mir die Kälte nicht die Finger steif machen und die Nase rinnen lassen.

Die Föhnperioden dauerten diesmal ungewohnt lange, all den angesagten Wintereinbrüchen zum Trotz. Die beinah durchgängig anhaltende Milde hat manchen Pflanzen viele weitere Blüten abverlangt. So als wäre der Frost aufgeschoben bis zum nächsten Jahr.

Veilchen, die ich der Schnecken wegen in einen ausrangierten Römertopf übersiedelte, hatten sich im Produzieren einzelner Blätter erschöpft. Jetzt, im November, öffnen sich plötzlich die für den Frühling gedachten blauvioletten Blüten, die sogar einen Hauch Duft übrig haben.

Auch brechen an ein paar Japananemonen (›Honorine Jobert‹ und ›Königin Charlotte‹) erneut kugelförmige Knospen mit purpurner Unterseite auf. Und da ich das meiste rundum schon abgeschnitten habe, wippen die Blüten weithin sichtbar in der warmen Brise.

Weißblauer kräftiger Eisenhut ist schon die längste Zeit stramm gestanden. Auch er kommt jetzt besser zur Geltung. Sind doch die Phloxe samt Kugeldisteln, Wolfsmilchen, Schafgarben und Fingerhüten bereits dabei, sich in Kompost zu verwandeln.

Eine kleine Chrysantheme vom Wochenmarkt mit großen ochsenblutfarbenen Blüten, die die ersten Nächte draußen vor der Tür schlecht vertrug (wurde wohl im Gewächshaus großgezogen), hat von da an geschmollt. Plötzlich entsinnt sie sich ihrer verbliebenen, seit Wochen meist von Blättern verdeckten harten Kugelknöpfe und verausgabt sich von einem Tag auf den anderen noch einmal wie im Rausch. In einer lodernden Farbe, der nur mit Staunen zu begegnen ist.

Als es dann ernst wird mit der Kälte, schneide ich ihre sieben Blüten ab und stecke sie in eine kleine grüne Unicum-Flasche (die Unterwegsration dieses Kräuterbitters), in der sie unerwartet lange halten.

Ein ständiges Abschiednehmen, das als Gefühl in der Bewunderung ertrinkt. Was in Pflanzen wie diesen auf molekularer Ebene wohl passieren muss, um ihr Blatt- und Blütenleben in solchem Überschwang enden zu lassen? Gedanken für den Winter, wenn ich die biologischen Prozesse nachlesen kann.

Jetzt schwingt alles, vibriert, zeugt von Üppigkeit und Verschwendung, von einem Sterben im Überfluss, das noch voller Begehren scheint und weiterhin wilde Bienen und Hummeln anlockt. Sex in old age.

Es ist die Zeit der ausgefallenen Sträuße auf dem Terrassentisch, damit ich sie vom Küchenfenster aus sehe. Der blendenden Herbstsonne ausgesetzt, werden die Farben immer klarer. Von der nachts zunehmenden Kühle erfrischt, halten sie der Auswaschung und dem Verbleichen über Wochen hin stand. Im Haus verwelken sie rasch, ohne den nächtlichen Kälteschock.

Krapprote Astern mit den letzten Bonica-Rosen um einen rotvioletten Hortensienkopf mit Grünstich drapiert, in einem gemusterten breitbauchigen Keramikkrug. Von Rosa nach Gelb changierende Blüten der Rose ›Cornelia‹ in einem kobaltblauen Glasbecher. Weiße Herbstanemonen mit tiefblauen Ziersalbeirispen und dem noch blühenden Stängel eines pinkfarbenen Phloxes in einer schlanken hohen Glasvase.

Ein vom Sturm geknickter Ast der Rose ›Hero‹, voller von der Kälte geröteter Knospen, mit den letzten weißen Cosmeen in einer blau-weißen chinesischen Miniamphore. Ein weiß und zart violett blühender Akanthusstängel mit den struppigen Samenständen der mandschurischen Strauchclematis in einem bernsteinfarbenen Flaschenhalsgefäß mit Krempe am Ausguss. Ein Schimmern, das auch noch im frühen Dämmerlicht wahrnehmbar ist.

Der Glanz färbt auf die eigenen Erwartungen ab.

Henne und Ei

Ich muss mich nicht fragen, wie es ist, alt zu werden. Ich altere täglich um 24 Stunden. Und nehme das herbstliche Farbenspektakel als Belohnung, als beschertes Glück, als Lust des Schauens und füge mich an jedem noch trockenen Tag erneut in die Fron.

Garten heißt Veränderung. Pflanzen tauchen auf und verschwinden wieder. Sie können zwar nicht gehen, jedoch fliegen. Anfangs im Pollen-, später im Samenstadium. Sie fliegen mit dem Wind, den Insekten und ihre Samen sogar im Leib von Vögeln.

»A hen is only an egg’s way of making another egg«, meinte Samuel Butler, ein an der Evolutionstheorie interessierter Romancier und Essayist des 19. Jahrhunderts. So originell hat die seit jeher bewegende Frage, wer zuerst da war, die Henne oder das Ei, noch keiner beantwortet. Nämlich dass die Henne bloß eine Verfahrensweise des Eis sei, ein anderes Ei herzustellen.

Ein Gedanke, der zum Lachen reizt, was keineswegs gegen ihn spricht.

Auf Pflanzen bezogen, löst sich das Lachen genauso leicht aus der Kehle, bis es sich angesichts der im Rasterelektronenmikroskop mehrtausendfach vergrößerten Pollen der Molekularbiologin Maria Anna Pabst im Hals verklemmt. Sie hat die Bilder der Pollen auf Leinwand gedruckt, die mit farbiger Tusche ausgemalt wird. Tusche ist transparent, und man erkennt die raffinierten Strukturen dieser männlichen Geschlechtszellen der Pflanzen auf den großen Bildern sehr genau.

Aus dem Buch dazu, »Die Wunderwelt der Pollen«, erfährt man von den eingebauten Luftsäcken, die die Landung der Windreisenden sanfter machen sollen, bis hin zum erforderlichen Code, ohne den der auf der Narbe einer Blüte gelandete Pollen nicht akzeptiert und der auswachsende Pollenschlauch nicht durch die Röhre zu den Samenanlagen durchgewinkt wird.

Pflanzensexualität soll der menschlichen gar nicht so unähnlich sein. Beeindruckt von der Schönheit dieser Pollen, der Eleganz und Vielfalt ihrer äußeren Form, begreife ich, dass es auch hiebei um Gefallen, Begehren und Stimulation geht. Übrigens soll Maiglöckchenduft sowohl auf menschliche wie auch auf pflanzliche Spermien anziehend wirken.

Wäre also die Pflanze auch nur eine Verfahrensweise der Pollen, anderen Pollen herzustellen?

Oder nehmen wir die Samen, da die Pollen als Sündenböcke unserer zunehmenden Überempfindlichkeit (wahrscheinlich hervorgerufen durch übertriebene Hygiene und erhöhte Antibiotikamedikation) immer mehr in Verruf geraten. Wäre also die Pflanze nur eine Vorgehensweise der Samen, zu frischem Samen zu kommen?

Eine leichte Blickwinkelverschiebung, der sich auch der englische Pflanzenbiologe Nicholas Harberd in seinem Buch »Seed to Seed« bedient.

Harberd (jetzt in Oxford) war Leiter einer Forschungsgruppe am John Innes Centre in Norwich, East Anglia, die sich weniger mit den shoots als den roots der Ackerschmalwand (der Fruchtfliege der Botaniker) befasste und die Prozesse, die notwendig sind, um das Wachstum einer Pflanze zu ermöglichen, analysierte.

Die Versuchspflanzen wuchsen zu Hunderten in Harberds Labor, aber das genügte ihm eines Tages nicht mehr. Als er auf einem Friedhof in der Umgebung eine frisch gekeimte Ackerschmalwand entdeckte, beschloss er, sie in kurzen Abständen zu besuchen, um zu sehen, wie diese Pflanze außerhalb der Laborbedingungen, sozusagen in freier Wildbahn, zurechtkommt und wie sie sich insgesamt in einer ihr mehr oder weniger adäquaten Umgebung verhält. Auch er maß die Vegetationsperiode nicht an der Blüte und ihrem Entstehen und Vergehen, wie wir das meist tun, sondern von der Keimung des Samens bis zu seiner vollendeten Reproduktion.

»Seed to Seed« ist im wahrsten Sinne des Wortes eine tiefgründige Arbeit, die sich mit den Molekülen der Pflanzen, ihren Zellen und Proteinen, mit wachstumsauslösenden und wachstumshemmenden Vorgängen befasst und vielfach Einblick in die dunkle Seite der Pflanzen, nämlich ihr Leben unter der Erde, gewährt, aber die Pflanze als Ganzes nicht aus den Augen verlieren möchte. Das Ganze bedeutet in diesem Zusammenhang nicht nur die Ackerschmalwand als solche, sondern das Leben überhaupt.

Auf einer seiner vielen Radtouren stach Harberd das von Regentropfen beperlte Blatt eines Brombeerbusches ins Auge, und er begann langsam zu erkennen: »Dass das Leben des Blattes, seiner Zellen, seiner Gefäße und Härchen, mit meinem verbunden war. Wohl kaum eine große Entdeckung. Bestimmt ist jedem klar, dass alles Leben miteinander in Beziehung steht? Aber diese kurze Erkenntnis war von einer besonderen Klarheit. Für einen Moment die Gewissheit, dass das Brombeerblatt und ich zu ein und derselben Natur gehörten. Und in diesem Augenblick beschloss ich, nach einer Ackerschmalwand zu suchen.«2

Zu diesem verwandten Leben gehört auch das Altern, das Schlaffwerden, das etappenweise Vertrocknen. Während ich sie mit dünnem Strahl befeuchte, halte ich meine Hand an das verknitternde, von braunen Flecken gezeichnete Blatt einer meiner Riesenpelargonien, die mir vorzeiten jemand aus Mallorca mitgebracht hat. So viel anders greift es sich auch nicht an als mein Handrücken. Beide lasch, sich verfärbend, mit einem deutlichen Hervortreten der Venen.

Und dennoch ist das Winterquartier der nicht Winterharten von einem Blühen erfüllt, das der Jahreszeit gar nicht angemessen erscheint. Die sich häufenden Sonnentage in diesem Herbst haben eine Milde erzeugt, die in den teils aus Treibhäusern, teils aus wärmeren Gegenden stammenden Pelargonien, Zyklamen, Schönmalven, Salvesien und einer gelben Topfrose Jugenderinnerungen wachruft, die sie nun, im geschützten Bereich, zu üppigem Blühen stimuliert. Gleichzeitig sehe ich es als einen Hinweis darauf, was die meisten von ihnen, vor allem jene riesigen rosa Pelargonien mit zartrotem Schlund und ebensolchen Rändern, aber auch die beiden normalwüchsigen mit den pinkfarbenen Blüten und dem mehrfärbigen Laub (olivgrün und schwefelgelb, manchmal auch eierschalenweiß mit angedeuteten Rottönen im Stängelbereich), den Sommer über draußen im Freien von Wind und Wetter, praller Sonne, Hagel oder schwergewichtigen Regentropfen erdulden mussten.

So sieht es aus, wenn wir tun, was wir können. Etwas in dieser Art vermittelt mir ihr entspanntes Umsichgreifen. Und das Milchweiß der viel zu großen Zyklamenblüten erklärt mir mit zur Schau gestellter Makellosigkeit, dass, wer aus einem Glashaus stammt, gerne in ein solches zurückkommt. Selbst wenn es sich nur um eine unbeheizte Veranda handelt.

Auch der Rosmarin blüht. Normalerweise tut er das erst im Jänner oder Februar. Und der Zieroregano mit den wie mit Reispuder bestäubten runden Blättchen, die sich nonchalant über den Topfrand lehnen, hat sich ein paar lilafarbene Blütchen aufgehoben, wie um mithalten zu können. (Die Phantasie geht immer mit einem durch.) Während die Stinkende Nieswurz einfach ihre gezackten Blattfinger glänzen lässt.

Dennoch wird die Pracht sich demnächst erschöpfen und in einfaches Überleben zurückfallen.

Wann weiß eine Pflanze, dass sie altert? Wenn sie nicht mehr so viel Saft in ihre Blätter pumpt. Darin unterscheiden sich die Einjährigen, die zwischen Samen und Samen nur einen Sommer haben, von den Mehrjährigen, die bloß eine Schlafpause einlegen. Und kaum dass die Tage länger werden, wieder austreiben. Sich verjüngen und Blüten ansetzen, in denen erneut Samen reifen. Manchen von ihnen gelingt es, sich, so sie nicht zu stark zusammengeschnitten wurden, über die Jahreszeiten hinwegzuschwindeln und durchzublühen. Sie werden nur zwischenzeitlich etwas mickriger, um dann erneut zu erstarken, wenn die Umstände günstiger sind.

Irgendwann kommt auch ihre Zeit, je nach Art früher oder später. Manche Rosenstöcke schaffen es sogar über mehrere menschliche Generationen hinweg. Unsereins altert kontinuierlicher, wenn auch nicht unbedingt innerhalb einer Vegetationsperiode.

Einsicht in die Notwendigkeit

Ich werde langsamer. Oder vergehen die Tage schneller? Was ich früher mit links gemacht habe, dazu brauche ich längst beide Hände. Bevor ich einen Topf aufhebe, drehe ich ihn dreimal herum, um herauszufinden, ob er nicht doch zu schwer ist. Und lasse ihn dann stehen, bis jemand Kräftigeres vorbeikommt.

Natürlich mache ich noch das meiste selbst. (Was ist daran natürlich?) Und werde es wohl noch eine Weile machen. (Wunschtraum, Fiktion, falsche Selbsteinschätzung?) Aber der Gedanke, es nicht mehr zu können, beschäftigt mich.