ERNST JÜNGER – SÄMTLICHE WERKE
Tagebücher I-VIII
Band 1 Der Erste Weltkrieg
Band 2 Strahlungen I
Band 3 Strahlungen II
Band 4 Strahlungen III
Band 5 Strahlungen IV
Band 6 Strahlungen V
Band 7 Strahlungen VI, VII
Band 8 Reisetagebücher
Essays I-IX
Band 9 Betrachtungen zur Zeit
Band 10 Der Arbeiter
Band 11 Das Abenteuerliche Herz
Band 12 Subtile Jagden
Band 13 Annäherungen
Band 14 Fassungen I
Band 15 Fassungen II
Band 16 Fassungen III
Band 17 Ad hoc
Erzählende Schriften I-IV
Band 18 Erzählungen
Band 19 Heliopolis
Band 20 Eumeswil
Band 21 Die Zwille
Supplement
Band 22 Verstreutes – Aus dem Nachlaß
Strahlungen V
Klett-Cotta
Die 22 Bände der Sämtlichen Werke, die zwischen 1978 und 2003 bei Klett-Cotta erschienen sind (1–18: 1978–1983; Supplemente 19–22: 1999–2003), enthalten Ernst Jüngers Fassung letzter Hand. Ihr folgt diese Taschenbuchausgabe in Seiten- wie Zeilenumbruch. Offensichtliche Fehler wurden korrigiert, die posthum erschienenen Supplementbände integriert. Der vorliegende Band entspricht Band 20 der gebundenen Ausgabe.
Klett-Cotta
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Verwendung von Illustrationen von Niklas Sagebiel, Berlin
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Printausgabe: ISBN 978-3-608-96306-9
E-Book: ISBN 978-3-608-10906-1
Dieses E-Book basiert auf der aktuellen Auflage der Printausgabe.
ERSTAUSGABE 1993
Wilflingen, 1. Januar 1981
Blick aus dem oberen Fenster: das Land zeigt dunkle Konturen, wie oft, wenn es auf den Schnee geregnet hat.
Vor einigen Tagen hatten wir starken Nebel, den die Sonne nicht zu durchdringen vermochte, doch lösten sich ihre Strahlen zu einem rosigen Schimmer auf. Vielleicht hat es auf unserem oder anderen Planeten diese Stimmung im Großen gegeben: Helios kündigt sich durch Morgenröte an. Er wird, noch nicht gesehen, durch Jahrhunderte geahnt.
*
Ein neues Jahr beginnt. Persönlich könnte ich mit dem vergangenen zufrieden sein, indes beschattet der Mißstand der Welt und insbesondere des eigenen, zerrissenen Landes Tag und Nacht das Gemüt. Es ist ein Nachteil der historischen Erziehung, daß die Bindung nicht gelöst werden kann. Man irrt noch, wie Hannibal nach Zama, eine Zeitlang in der Fremde umher.
Der Wert des Menschen sinkt ständig; man darf sich nicht an die großen Worte halten, die billiger denn je geworden sind, sondern muß die Realitäten sehen. Zu ihnen zählt die Geiselnahme; von Banditen werden Millionen, von Staaten Milliarden als Kopfgeld verlangt. Der materielle Wert des Menschen wird maßlos übertrieben, das Geheimnis seiner Tugend nicht mehr gesehen.
Sodann die ungeheure und kurzlebige Verblendung der Massen – in diesen Tagen wieder am großen Vorsitzenden Mao dokumentiert. Das Prachtgewand des noch vor kurzem Vergöttlichten blättert wie Rauschgold ab.
*
Wunderlich berührt mich immer noch, daß man nach einst sagenhaften Orten, etwa nach Singapur, nicht nur telefonieren, sondern sogar »durchwählen« kann. Ich führte das erste Gespräch des Jahres dorthin mit Wolfram Dufner, den wir im Februar besuchen wollen, und erfuhr, daß soeben große Falter um das Schwimmbecken flatterten. Ich hoffe auf ein Wiedersehen auch mit den Mangrovesümpfen – die Stimmung dort, der Übergang von einem Element zum anderen, ähnelt unserer Weltlage.
*
Das erste Kalenderblatt zeigt das Porträt des englischen Poeten Davison, gemalt von Louise Breslau (1856–1927). Die Namen beider Künstler fand ich nicht in meiner Handbibliothek – trotzdem wundert es mich, daß ein so bedeutendes Werk mir bislang entgangen ist.
Der Impressionismus eignet sich besonders für das Porträt – vielleicht wäre hinzuzufügen: soweit es unserer Auffassung von der Person entspricht. Es genügt allerdings nicht, den Impressionismus zwischen dem Naturalismus und dem Expressionismus anzusiedeln – etwa zwischen Leibl und Beckmann; er gibt eine Stimmung, die sich im Wandel der Zeit wiederholt.
*
Über den Jahreswechsel hinweg beschäftigt mich Gregor von Nyssa mit seiner Erklärung der Auferstehung als der Rückkehr in die vollkommene Natur. Dem entspricht die ungemein kühne Ansicht des Origines, daß die Schöpfung nur ein Niederschlag aus dem Vollkommenen sei. Beide Meinungen fordern einander geradezu heraus.
In dieser Hinsicht läßt sich auch das Kunstwerk als Niederschlag bezeichnen: der Künstler erinnert sich im Tiefsten einer Vollkommenheit, die er nie erreicht.
Was ist die Rolle der Götter dabei? Vielleicht die von Türöffnern. Doch wenn ihr Äon endet, betreten sie als Letzte den Palast. Die Gebete verhallen an der Mauer; sie wirken nicht mehr.
Ludwigsburg, 3. Januar 1981
Zur Tagung der Südwestdeutschen Entomologen, wie alljährlich um diese Zeit.
Unterwegs im Radio Nachrichten. Dabei eine der jedem Autofahrer bekannten Störungen: der Ton fällt unter Brücken und Leitungen aus, oder er wird korrumpiert. Daß wir uns in einem Geflecht von Strahlungen bewegen, von dem wir nur einen Faden oder das wir überhaupt nicht wahrnehmen, wird uns erst durch ein solches Manko bewußt.
Wir dürfen wohl auch vermuten, daß diese Differenzen erheblich auf unser Befinden einwirken, ähnlich wie der Luftdruck bei Föhn. Doch fehlt uns ein spezielles Organ für elektrische Einflüsse, wie sie uns für das Licht oder den Schall gegeben sind. Die Natur hat darauf verzichtet wie vermutlich auf andere Möglichkeiten auch – etwa die unmittelbare Wahrnehmung der Kernstrahlung.
Daß die Elektrizität in den organischen Haushalt eingegliedert werden könnte, deutet sich in Geschöpfen wie den Rochen und den Zitteraalen an. Fähigkeiten, die wir erst spät durch Apparate entwickelt haben, würden uns auf natürliche Weise zu eigen sein. Ein großer Teil der Nachrichtentechnik wäre überflüssig – und davon abgesehen, ließe sich an ein kollektives Gehirn denken, also an eine völlig andere Welt.
*
Bei den Entomologen wurde eine »Rote Liste« verteilt – ein Verzeichnis von Tieren, die unter Naturschutz gestellt worden sind. Das scheint löblich, wenn man nicht näher hinsieht, ist aber im Grunde lächerlich. Als ich in Wilflingen einzog, fand ich Massen von Insekten, die dort inzwischen ausgestorben sind. Allein die Obstbäume auf den Wiesen werden an siebzehn Mal gespritzt. Ich präparierte damals zwei oder drei Exemplare und sicherte damit den Arten wenigstens die museale Existenz.
Als Kuriosum sei erwähnt, daß der Naturschutz dem Landwirtschaftsministerium untersteht, also gerade der Behörde, unter deren Ägide die milliardenfache Vernichtung geschieht. Dabei haben diese Geister ein so zartes Gewissen, daß sie einem Schüler das Schmetterlingsnetz mißgönnen, mit dem er einem Falter nachjagt, der ihrem Massenmord entkommen ist.
Ganz ähnlich wird den Kindern das Kriegsspielzeug verboten, während Mordwaffen in einem Umfang produziert werden wie nie zuvor. Erstaunlich ist der moralische Klimmzug, mit dem das zusammengedacht werden soll.
Wilflingen, 6. Januar 1981
Die Ironie setzt gute Gesellschaft voraus. Bei manchem Spiel sieht man weder das Netz noch den Ball; man hört nur die Aufschläge. Die geistige Leistung überwiegt. Dem guten Treffer applaudiert selbst jener, auf dessen Kosten er geht.
Das Hämische gedeiht in schlechter Gesellschaft, ist auf den Beifall der Menge und widriger Cliquen gestimmt. Daher verbreitet es sich im Maße, in dem die Ironie schwindet. Diese wird endlich zum Monolog: der Einzelne nimmt Abschied im sokratischen Selbstgespräch.
*
Am Südfenster klettert der Kaktus, von dem wir vor Jahren einen Ableger aus Taormina mitbrachten. Er hat die Decke erreicht, und wieder entzückt mich die Wendung, wie damals auf Malta, als ich mit Albert in einer Loggia saß: die Spitze hat sich abgewinkelt und sendet, um sich anzuklammern, Luftwurzeln aus. Die Stütze wird zum Haftorgan, der Fuß zur Hand. Ein Gleichnis wie in der Heiligen Schrift.
Paris, 18. Januar 1981
In »La Cage aux Folles«, einem Film, der hier großen Erfolg hat; er wird seit langem gespielt. Auch heut nachmittag war das Kino am Montparnasse, in das wir gingen, gut besucht.
Ein klassisches Verwandlungsstück auf sexueller Basis, doch ohne Pornographie. Die Verkleidungen durchlaufen mehrere Stadien – etwa ein Homosexueller und sein Freund, ein Transvestit, werden polizeilich verfolgt. Sie flüchten zur Mutter des Liebhabers nach Sardinien. Dieser präsentiert ihr den Freund als seine Frau. Auch hier geht die Verfolgung weiter; sie müssen zu den Banditen in die Berge gehen. Der Transvestit muß nun Männerkleidung anlegen. Dabei ergibt sich das Dilemma, daß er sich den Banditen gegenüber als Mann, der Mutter gegenüber aber als zum Mann verkleidete Frau verhalten muß, ohne in Wirklichkeit eins von beiden, sondern eben ein Transvestit zu sein.
Im Publikum alle Altersklassen; es waren auch Kinder dabei. Sie amüsierten sich. Offenbar ein Fortschritt im Allgemeinbewußtsein, der sich nicht einfach definieren läßt. Ein Thema, bislang tabu, wird öffentlich behandelt und ruft einerseits Applaus, andrerseits Entrüstung hervor. Dann wird es quasi eingemeindet und verliert das Anstößige. Der Phallus wird zum Motiv von Lampen und Türklinken oder, wie in Pompeji, von Prellsteinen.
Dabei braucht nicht die Komik verloren zu gehen. Léautaud fand als Kind im Schreibtisch seines Vaters obszöne Photos, die ihn amüsierten, ohne daß er sie verstand. Ein riesiges Glied kann, wie etwa eine groteske Nase, komisch wirken; an der Tür eines Lupanars gewinnt es eine spezielle Komik; eine Komik für sich. Der Trieb, obszöne Bilder und Verse an Mauern zu kritzeln oder auch, wenn man an Herkulaneum denkt, zu verewigen, deutet auf ein Bedürfnis und seine Befriedigung hin.
Einer kommt heimlich an die Mauer wie zu verbotenen Mysterien und schleicht sich dann fort. Ist es zu kühn, darin eine Kulthandlung zu sehen? Und zeugt es von schlechtem Geschmack, wenn man bedauert, daß diese Sgraffiti verschwinden? Doch das ist keine Geschmacksfrage.
Es wäre lohnend, zu untersuchen, wie sich das Lachen auffächert. Hier sind Annäherungen zu vermuten und Revolten ebenfalls. Der Verstoß gegen die Regel, die Ordnung, das Gesetz animiert. Wir sind in der Welt gefangen – der Gegenpol des Lachens ist Mathematik. Fünfe gerade sein lassen ist ein großes Motiv.
Das Obszöne erheitert, selbst auf Sarkophagen – es nähern sich Götter, freilich nicht in ihrer Größe; man mischt sich in das Gefolge des Dionysos. Anders das Grob-Pornographische, das eher erschreckt. Da ist brutaler Wille, animalisch; das Lachen hingegen folgt einer Berührung des Zwerchfells, des vegetativen Systems.
*
Ich bin erkältet; am Abend suchte ich mir, um noch ein wenig zu lesen, ein Buch aus Paul Ravoux’ Bibliothek: »Correspondance de Madame, Duchesse d’Orléans« (Paris 1869).
Erst nach einigen Seiten begriff ich, daß es sich um die Briefe der Elisabeth Charlotte, also der Liselotte von der Pfalz, handelt. Eine Lektüre, die mir in der Übersetzung besser behagte als im Original. Ich weiß, daß ich mich darüber mit Perpetua gestritten hätte, zu deren Lieblingsunterhaltung eben diese Korrespondenz zählte. Hier sind gestrichen die überflüssigen Reverenzen am Schluß und am Anfang, die Familienbagatellen deutscher Duodezhöfe, viel barocker Schwulst, die endlosen Wiederholungen. Die unermüdliche Herzogin schrieb oft an sechs verschiedene Freunde und Verwandte über das gleiche Thema an einem Nachmittag. Ihre deutsche Orthographie war ebenso skurril wie die französische.
Durch diese Redaktion ist ein Tagebuch entstanden, eine amüsante und originelle Ergänzung zum Saint-Simon. Davon abgesehen, ist die Übersetzung schlecht und äußerst prüde – siehe eine der zahllosen Stellen, an denen Liselotte sich über ihren Sohn beschwert:
»Leydt daß seine Eygene bedinten bey seinen maitressen liegen.«
Ist übersetzt: »… il souffre que ses propres serviteurs soient en rapport avec ses maitresses.«
Oder über den König von Spanien:
»Greulich erpicht auf den Beischlaf.«
Auf französisch: »… le bon sire est terriblement amateur des femmes.«
Immerhin würde sich eine ähnliche Edition auch bei uns lohnen.
Der Herzog von Orléans hatte bei seiner Veranlagung Glück, daß er diese virile Frau bekam. Nach der Geburt ihres letzten Kindes schlug er vor, die Schlafzimmer zu trennen, womit die Gattin mehr als einverstanden war, denn »das Metier, Kinder zu fabrizieren, hat mir nie behagt«. Außerdem war der Herzog ein schlechter Mitschläfer, der sie an den Rand des Bettes drängte, aus dem sie dann »wie ein Sack« hinabstürzte.
Der Reiz liegt im Detail. Die Prinzessin Soubise, die eine Intrige mit dem König hatte, legte jedes Mal ihre Smaragdohrringe an, wenn der Gatte nach Paris gefahren war. Das war das Signal – und es zeugt für das wachsame Auge der Montespan, daß es ihr nicht entging.
*
Codein ist gut bei Erkältungen und zudem ein leichtes Schlafmittel. Im Parterre schläft einer behaglich und darüber noch einer, der es genießt.
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Zur Antithesis: Dank auch den Peinigern – den preußischen Korporalen, den hämischen Lehrern, den Treulosen und Eifersüchtigen.
Paris, 20. Januar 1981
Die Bewegung durch die Stadt erinnert an die eines Römers durch das Athen der sullanischen Zeit. So der Morgengang durch die Rue du Bac, dann am Quai entlang und zurück durch die Rue des Saints-Pères. In den Schaufenstern stapeln sich Schätze wie in einem großen Museum: Bücher, Antiquitäten, Silber, Porzellan. In einer Papierhandlung ein Kalender mit der Maxime: »Dieu nous donne les noix, mais il ne nous les casse pas.« Ein Beitrag zum Problem von Willensfreiheit und Determination.
Zwischendurch ein Bistro; schon liegen Streichhölzer und Zigarettenstummel auf dem Fußboden. Ich versenke eine Kriegsflotte. Beim zweiten oder dritten Besuch deutet sich bereits eine familiäre Stimmung an. Man kommt ins Gespräch.
Eine Medizinstudentin wird von einem hartnäckigen Liebhaber verfolgt. Wie kann sie ihn los werden? Sie gibt ihm auf einer Bank an der Seine ein Rendezvous. Zuvor hat sie in der Anatomie zu tun und nimmt im Taschentuch einen Daumen mit. Während sie bedrängt wird, wickelt sie ihn aus. Der Liebhaber stößt einen Schrei aus und verschwindet auf Nimmerwiedersehen. Das ist, was man eine Roßkur nennt.
*
Am Rond-Point schnappte ich ein gutes Wort auf – es schien ein Empfang oder eine Demonstration bevorzustehen. Jedenfalls tauchten Polizisten in Menge auf. Ein junges Mädchen: »Ils sont là comme les asperges.«
Wilflingen, 28. Januar 1981
Strenger Frost. Auch der Schnee deutet die Kälte an. So durch die feinen Fahnen, die der Wind über die Straße bläst, und durch sekundäre Muster, die sich auf seiner Fläche abkrusten. Er knirscht unter den Sohlen und härtet sich auf den Feldern zu einer Decke, in die sich die Fährten nicht mehr eindrücken.
Manch einem scheint wohl der Gedanke an einen langen Winterschlaf verlockend, an eine Puppenruhe im Eis der Pole, bis dann die Sonne wiederkehrt. Das Jahr teilte sich in einen Tag und eine Nacht.
In der Dämmerung zeichneten sich vor einem blaßgrünen Himmel Ränge bestrahlter Wölkchen ab: schmale Kupferbarren, von denen Glut abtropfte. Binnen einer Viertelstunde verblaßten sie zu Grau.
*
Vorm Einschlafen blätterte ich in den Büchern, die sich auf dem Nachttisch gehäuft haben. Es wird wieder Zeit, im Herodot zu lesen; das paßt zur Nebelwelt. Die Geschichte der Menschheit beginnt bei ihm mit Frauenentführungen. Io wird von den Phönikern aus Argos, Europa von den Griechen aus Tyros geraubt. Dem folgen mythische Händel: die Entführung der Medea aus Kolchis und jene der Helena aus dem Palast des Menelaos – der Anlaß zum Trojanischen Krieg.
Die Inseln, Kontinente, Gestirne sind bei Herodot noch belebt. Wir Heutigen betrachten sie von außen bis hin zu den Satellitenbildern, sehen nur ihre Kruste, ihre Haut. Herodot kennt ihre innere, ausstrahlende Kraft. Daher wird er jetzt, wo Erdgeschichte die Weltgeschichte abzulösen beginnt, wieder besonders anziehend.
Die Kenntnis, ob die Erde sich um die Sonne drehe oder die Sonne um die Erde, ist weniger wichtig als ein System, in dem die Menschen sich wohl fühlen. Auch das kopernikanische wurde inzwischen relativ. Der Widerstand, den es fand, wird verständlicher.
*
Ferner eine Sammlung englischer Kriminalfälle von Captain Alexander Smith; sie spielen um das Jahr 1700 herum. Meist Straßenräuber – man unterschied eine gemeine und eine noble Sorte – die eine griff zu Fuß an, die andere zu Pferd, wie Shakespeare es in Falstaffs mißglückter Partie schildert.
Alle endeten unweigerlich am Galgen; der Captain beschließt ihre Biographien mit einer Reihe von Floskeln, die damals vermutlich populär waren. Dem Sünder wird der Brotsack zugebunden, seinem Hals wird ein Geschmeide angelegt, er muß durch das hänfene Fenster blicken, er spaziert am Seil aus dieser Welt in eine andere. Werden mehrere zugleich gehenkt, so feiern sie die hänfene Hochzeit selband.
London hatte damals schon fast eine Million Einwohner und starke Zuwanderung vom Land. In der Stadt und den Vorstädten verbarg sich eine Unterwelt, der die Polizei kaum gewachsen war. Das Verbrechen war bereits gegliedert – von den Highwaymen und Hochstaplern bis zu den Hunde- und Katzenfängern; es gab auch schon Kidnappers, die Gimpel betrunken machten und dann als Rekruten an die Ostindische Kompanie lieferten.
Die Folter war abgeschafft, und ohne zwingende Beweise konnte man einen Verdächtigen nicht länger als einen Tag in Haft halten. Hingegen waren die Strafen drakonisch; schon ein geringer Diebstahl genügte zum Todesurteil, selbst über Minderjährige.
Der Tod wurde einerseits nicht so wichtig genommen, andererseits umgab ihn eine Art von literarischer Glorie. Die Schließer hatten das Recht, den Verurteilten in seiner Zelle besuchen zu lassen; seine Biographie wurde schon vor der Hinrichtung gedruckt und verkauft. Viele davon gingen in die Literatur ein – in Bücher von Defoe, Fielding, Smollett und anderen. Bierbaum brachte eine Reihe davon in seiner »Abtei Thelem« heraus. Es nimmt nicht wunder, daß auch das Theater sich des Stoffes bemächtigte. Die »Bettleroper« des John Gay (1685–1732) wurde jahrzehntelang auf den Londoner Bühnen gespielt.
Der »hanging day« zählte zu den Volksfesten. Man sprach geradezu vom »Jahrmarkt zu Tyburn«. Das Eintrittsbillett für die Gerichtssitzung kostete einen Schilling, womit zugleich das Recht auf die Reservierung eines Tribünenplatzes an der Hinrichtungsstätte verbunden war, falls ein Todesurteil verhängt wurde.
Auch der Delinquent spielte mit. Von ihm wurde eine entschlossene Haltung erwartet; man sah gern, daß er sorgfältig gekleidet erschien – entweder im Trauerkostüm oder in dem eines Bräutigams. Mancher hielt unter dem Galgen eine Rede, die er einstudiert hatte und die dann gedruckt wurde. Die Hauptsorge galt dem ehrlichen Begräbnis, für das, falls die Hinterlassenschaft nicht genügte, auch die Zunft einsprang. Mehr noch als der Tod war die Anatomie gefürchtet – wie es dort zuging, zeigt Hogarth in einer seiner Zeichnungen, die an eine Hexenküche gemahnt.
Wilflingen, 1. Februar 1981
Nachmittags zum alemannischen Narrentreffen nach Riedlingen. Zu den alten Masken sind viele neue hinzugekommen, doch man spürt, wie wenig die Erfindung vermag. Das Groteske reicht nicht an das Magische, ja nicht einmal an das Komische heran. Immerhin schmolz noch etwas mehr als der Schnee.
Nachher Vesper im »Mohren«, oberschwäbische Gemütlichkeit. Anekdoten. Der Büttel kommt am Morgen zum Bürgermeister:
»I muß dir melde, daß heut nacht einer vo de Gmoindrät gschtorbe isch.«
»Und was gibts sonscht?«
»Schultes, es isch a Gmoindrat gschtorbe, und du hascht mi net amol nach em Nome gfrogt.«
»Ha, mir isch einer so liab wie der andre.«
Wilflingen, 9. Februar 1981
Ein schöner Februartag. Ich nahm in der Kiesgrube das erste Sonnenbad. Auch die Bienen hatten das besondere Wetter gespürt; sie wimmelten um den Stand, der dort überwintert hat. Noch liegt der Schnee auf den Feldern; es blühen weder Haseln noch Anemonen, doch die Immen schwärmten wie im Mai. Es mußte sich um das Treiben handeln, das der Imker den »allgemeinen Reinigungsflug« nennt. Das Bild ließ ahnen, wie festlich er begangen wird.
Wilflingen, 10. Februar 1981
Nachts wieder einmal im Pariser »Majestic«. Oben herrschte die alte Geschäftigkeit; ich fand mich mit den Türen nicht zurecht. Unten wurde der Empfangssaal umgebaut. Der Gang erinnerte an eine in sich perfekte Ordnung, die im ganzen unsinnig ist.
*
Dem Begriff der Kerntechnik sollte man sowohl die Tätigkeit der Physiker wie jene der Biologen unterordnen – beide entspringen der gleichen Wurzel als prometheischer Trieb. Gut oder böse? Die Schlange des Asklep.
Wilflingen, 11. Februar 1981
Am Vogelherd ein neuer Gast. War es der Girlitz oder der Erlenzeisig? – Ich legte die Blätter aus dem Heinrothschen Atlas aufs Fensterbrett und wartete. Vergebens – das Tierchen kam nicht zurück.
Leider kenne ich zu wenig Arten – auch hier fehlt der Bruder, der mir schon in der Kindheit die Augen öffnete. Er zeigte mir im Felde die erste Rebhuhnfeder, im Garten das erste Zaunkönigsnest. Die blaßgrüne Schale eines Stareneies unter der Eiche – das war ein beglückender Fund.
Ich wartete vergebens, doch versäumte Zeit ist die fruchtbarste – Brachland der Wahrnehmung. In Menge flogen Dompfaffen ein. Sie brüsteten sich im Schneegestöber drüben auf der Linde – das war, als würden den kahlen Zweigen glühende Lichter aufgesteckt.
Wenige, und vor allem nicht die Kinder, werden das Gimpelweibchen für schöner halten – wenn doch, darf man auf einen entwickelten Geschmack schließen. Heinroth: »Beim Weibchen sind die roten Teile des Männchens grau gefärbt.« Ja, aber durch die Asche schimmert die Glut. Die Brache läßt ahnen, was der Acker vermag.
*
Ein grober Exzeß kann zur Heilung führen – das läßt sich unter verschiedenen Bildern vorstellen. Etwa: ein hartnäckiger Stau wird durch eine Sturzwelle fortgeschwemmt. Oder: eine Mißform, ein Fehlguß wird in die Schmelze gebracht. Hierzu Wagner von Jaureggs Heilfieber durch Impfmalaria.
Ähnlich im Geistigen. Ein Tieftrunk kann Pforten der Wahrnehmung öffnen und in mythische Welten hinabführen. Eine Beobachtung, kein Rezept.
Wilflingen, 12. Februar 1981
Seit Tagen Tauwetter, doch liegt der Schnee im Garten noch hoch. Trotzdem ist zu spüren, daß in den Säften etwas geschieht. Schon regen sich unter der Decke die Schneeglöckchen.
Die Passionsblume am Fenster hat eine neue Girlande angesetzt. Durch ihr grünes Gitter fällt der erste Blick auf ein Dompfaffenpärchen – es pickt einige Körnchen und fliegt zur Linde davon. Dem ausgeruhten Auge erscheint das Wesen wie eben erst erfunden und aus der Schmelze herausgehoben; die Schönheit trifft und macht betroffen als eine Probe aus unerhörten Abgründen, als Prüfung auch.
Denn unter mir lags noch bergetief
In purpurner Finsternis da.
Ein solcher Vers ist nicht nur schön und in jeder Silbe gelungen, sondern enthüllt auch eine Schicksalsfigur. Das wurde früher, und sei es naiv, gefühlt, begriffen – nun scheint der Sinn dafür verloren zu gehen.
Der König am Rande der Charybdis: der Mensch, der das Geheimnis des Todes in seiner Pracht und seinen Schrecken ergründen will. Er erhält Antwort, doch nur aus den Vorhöfen. Die Neugier treibt ihn, die Frage zu wiederholen; der Bote bringt keine Nachricht mehr. Man kann ihn auch als den Priester auffassen.
*
Bei der Post ein Brief von Walter Patt. Daraus zu notieren:
»In einer Publikation der neo-marxistischen Studentenverbindung ›Marxistische Gruppe‹, die sich von unmittelbaren Aktionen freihält und bloß ›Bewußtseinsarbeit‹ leistet, finde ich folgende treffende Kritik am Selbstmord:
›Der Selbstmordkandidat befindet sein höchstpersönliches moralisches Lebensprogramm, in dem allein er sich selbst gefallen will, für gescheitert und fortan undurchführbar – aber ohne auch nur im geringsten an den Kriterien irre zu werden, als deren Charaktermaske er einzig und allein sich selbst gelten lassen und sogar überhaupt leben will …‹«
Ein stilistisch nicht eben geglücktes, doch zu unterstreichendes Urteil; es entspricht der Verfügungsgewalt, die ich dem Anarchen zubillige. Merkwürdig ist die Quelle, da der Marxismus den Selbstmord notwendig als Fahnenflucht aus der Gesellschaft verurteilen muß. Das gilt für alle Parteien und Gemeinden; das unehrliche Begräbnis an der Mauer ohne Kreuz und Namen scheint für den Selbstmörder fast noch zu gut. So wurde es auch auf dem Pariser Soldatenfriedhof gehalten; mich erstaunte die Mißachtung, die in den Vorschriften zum Ausdruck kam. Es ist zu billig, den Selbstmord entweder als Feigheit oder als Verbrechen zu verabscheuen, denn er setzt sowohl Mut wie ein starkes Bewußtsein des eigenen Rechtes voraus.
*
Singapur rückt näher; ich studiere schon in Prospekten, was die Stadt zu bieten hat. Gusti Zimmermann rief an; er gedenkt uns dort zu besuchen, damit wir gemeinsam die Exkursion nach Johore wiederholen, die vor Jahren ein Wolkenbruch beendete, noch bevor wir den Waldrand erreicht hatten. Dr. Diehl lädt zu Lichtfängen auf Sumatra ein. Vielleicht wird sich dort ein alter Wunsch erfüllen: die Rafflesia in ihrer Blüte zu sehen.
In indischen und malaiischen Restaurants wird noch mit der bloßen Hand gegessen; will man sich der Sitte anpassen, so ist darauf zu achten, daß man sich nur der Rechten bedient.
Wilflingen, 14. Februar 1981
Beendet: Oskar Bloch, »Vom Tode«, ein zweibändiges Werk, Anfang des Jahrhunderts gedruckt. Der erste Band bringt ein ausführliches Verzeichnis der Todesarten durch innere und äußere Ursachen, von Krebs und Schwindsucht bis zu Erdbeben, Bränden und Hinrichtungen. Im zweiten schließen sich Berichte über einige hundert Todesfälle an, die alphabetisch, von Adam bis Zwingli, gegliedert sind.
Alexander Adam war der Lehrer Walter Scotts. In seinen letzten Stunden lag er ganz still und schien in seiner Klasse zu sein. »Der Horaz war sehr gut aufgesagt.« Und: »Du machtest es nicht so gut.« Endlich: »Es wird dunkel, ganz dunkel – die Knaben müssen nach Hause gehn.«
Bloch war Professor der Chirurgie in Kopenhagen. Er pfuscht den Theologen nicht ins Handwerk; sich mit dem Jenseits zu beschäftigen, war nicht seine Aufgabe. Allerdings will er Trost spenden. Er sucht zu belegen, daß die Schrecken des Todes und besonders der letzten Stunden mehr in der Einbildung der Lebenden bestehen. Meist wisse der Sterbende weniger als die Umstehenden, was vor sich geht.
»In der Regel wird das Bewußtsein des Sterbenden umnebelt; er liegt still und merkt nicht einmal seine eigenen Bewegungen. Wenn er überhaupt sein Dasein empfindet, so ist es wie eine unüberwindliche Müdigkeit – eine Müdigkeit, von der nur ein tiefer, ewiger Schlaf ihn befreien kann. ›Ich bin so müde und fühle mich so schwach, wie es sein muß, wenn Leute meinen, sie müßten sterben‹, sagte ein Arzt, der kalt und ohne Puls war und ohne Bewußtsein einige Stunden darauf starb.«
Offenbar hat jeder, der Zeit und den Umständen, auch dem Charakter entsprechend, seinen eigenen Tod. Dennoch lehrt das Studium einer großen Zahl von Todesfällen, daß im wesentlichen dasselbe geschieht. Die Schicksale gleichen sich an; sie gleiten wie die Kugeln eines Rosenkranzes durch die Hand. Alte Priester und Ärzte gewinnen zum Tode ein pragmatisches Verhältnis; das gilt auch für den Soldaten: der Tod gehört zum Dienst und zum Amt. Die Kameraden, die am Ende des Ersten Weltkrieges zum Regiment kamen, wurden verwundet oder fielen jenseits von Glanz und Elend des Sterbens, als vom Heldentod längst nicht mehr die Rede war. Das schien in Ordnung oder wurde so aufgefaßt.
Ich erwarb das Buch vor Jahren, als ich mich mit den Letzten Worten beschäftigte. Der Herzog von Berry, vor dem Opernhaus von einem Dolchstoß ins Herz getroffen, wurde in seine Loge zurückgetragen; dort sog ihm sein Arzt die Wunde aus.
»Was tun Sie da, Doktor? Der Dolch könnte vergiftet gewesen sein.«
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Ein Symptom unserer Zeit: der Sterbende segnet nicht mehr.
Zürich, 21. Februar 1981
Mit Albert Weideli, der uns abholte, zum Flugplatz Kloten. Während der Fahrt Gespräch über Nostradamus und seine Voraussagen. Es heißt, daß er, um die Menschheit nicht zu sehr zu ängstigen, die Daten verkehrt habe. Dann müßte man die Prophezeiungen auf Grund von Ereignissen berichtigen. So halten es die Astrologen bei zweifelhaften Geburtsdaten. Sie stellen die Nativität ein. Das ließe sich auf die persönliche Geschichte übertragen – etwa um eine Periodik zu ermitteln; man ginge dann an Unglückstagen nicht aus.
Ich entsinne mich, gelesen zu haben, daß die »Quatrains« auf den Index kamen, weil darin auch der Untergang des Papsttums verkündet wird.
Im Flugzeug, 22. Februar 1981
Zu den neuen Visionen zählt die des Sonnenaufgangs nach einer in großen Höhen verbrachten Nacht. So hier im Anflug auf Bombay: am Horizont erscheint ein Purpurstreif, über dem sich der Himmel zu einem blaßgrünen Band aufhellt. Das Gewölbe darüber noch mitternachtsblau.
Singapur, 23. Februar 1981
Wir landeten gestern nachmittag in Singapur; Wolfram Dufner holte uns vom Flughafen ab. Schon während der Fahrt war die Verwandlung unverkennbar, die seit unserm letzten Aufenthalt hier vor sich gegangen ist. Die Chinastadt ist fast ganz verschwunden; in einigen Straßen lärmten Maschinen, die den Rest abrissen.
Immerhin hat sich ein Hauch von Tradition erhalten, von Dankbarkeit für die Vorgänger, denen die Stadt ihr Entstehen verdankt. Sie werden ihrer Geschichte einverleibt. So kamen wir am Denkmal für Sir Raffles vorbei. Er stand noch, während wir damals bei der Einfahrt in den Suezkanal Lesseps zu Boden gestürzt sahen.
Ich mache diese Notizen auf der Terrasse des Dufnerschen Hauses; es ist sehr warm. Vorgestern fuhren wir aus Wilflingen bei starker Kälte ab. Ich spüre die Hitze selbst an Kleinigkeiten, wie daran, daß ich eine Armbanduhr trage, was mir sonst nicht zum Bewußtsein kommt.
Der Garten ist kaum größer als ein Tanzsaal, mit einem Schwimmbecken darin. Bäume und blühende Sträucher umschließen ihn zu einer Oase am Rande der Stadt. Es gibt noch Tiere; das ist eine der ersten Wahrnehmungen, die zu meinem Behagen unerläßlich sind. Ein Adler hockt auf einem kahlen Ast, ein großer Falter flattert über das Bassin. Aus dem Laub ruft ein Vogel – es klingt, als ob er sich in Stimmung bringen müßte: zunächst durch einige Takte, denen ein immer schnelleres Gezwitscher folgt. Der chinesische Gärtner bringt eine Rattenfalle, die er über Nacht aufgestellt hat und in die ein graues Eichhörnchen gegangen ist. Es knabbert am Köder, dem Schnitzel einer Papayafrucht.
Dieser Gärtner ist einarmig, und trotzdem taugt er für den Beruf. Zu bewundern ist die Gewandtheit, mit der er die welken Blüten kappt, das Laub zusammenkehrt, die Stauden gießt. Allerdings verlor er den Arm schon als Kind. Nach dem Dienst fährt er mit dem Rade zu seiner Familie durch das Gewimmel der Stadt. Dann kommt der pool-boy, der das Schwimmbecken betreut.
*
Der Botanische Garten liegt in der Nähe; ihm galt unser erster Besuch – es wird nicht der einzige sein. Ich fand hier viel verändert – so sind die Affen verschwunden; sie haben Kinder angefallen und des Frühstücks beraubt. Die Wege sind betoniert worden, doch erhielt sich ein Dschungelgebiet. Die Erinnerung an den ersten Eindruck erzeugt ein Suchen, als ob man eine Pause auf das Original legte und sie hin- und herschöbe, ohne daß die Deckung gelingt.
Singapur, 24. Februar 1981
Wir fuhren in die Mandaigärten, eine Plantage, in der Orchideen für den Export in alle Welt kultiviert werden. Eine ziemlich steile Mulde ist eng mit ihnen bepflanzt. Man könnte an Kornfelder denken; die Halme haben statt der Ähren bunte Fahnen aufgesteckt. Einige Gattungen werden bevorzugt, wie Vanda und Dendrobium. Andere fehlen – so die Frauenschuhartigen. Besonders beliebt ist »The dancing lady«; die Blüten werden auch vergoldet und als Schmuck verkauft.
Das Auge ruht auf einer milden Fläche, einem impressionistischen Tableau von Rosa, Blaßgelb und Lila, in das auch die starken Töne wie jener des »Feuerbrandes von Hawaii« einschmelzen.
Einen Halt inmitten des Ansturms der tausend und abertausend Blüten gibt die organische Konstruktion, der Schöpfungsgedanke, der durch die Individuen wandelt, doch sie unverkennbar prägt. Konstant ist die geflügelte Bildung, während die Lippe, auf der sich die Insekten niederlassen, am stärksten variiert.
Die Palmen gelten als die Fürsten unter den Pflanzen; die Orchideen lassen sich der Aphrodite zuordnen. Der Geist fliegt, wohin er will; und der Liebestrieb schafft sich die Organe, wo und wie immer er ihrer bedarf.
Beim Obergärtner, einem Chinesen, dessen Labor an eine Alchimistenküche gemahnt. Die winzigen Samen werden auf eine gelatinöse Masse gestreut; und je nach Art werden Tropfen verschiedener Säfte, etwa von Zitrone, Ananas, Mango, der Gallerte zugesetzt. Die Keimung kündet sich grünlich an; dann wandern die Embryonen von Phiole zu Phiole, bis sie Wurzeln treiben und in Töpfe verpflanzt werden. Die Gärtnerei als Kunst und Wissenschaft hat hier einen Gipfel erreicht.
Der Hauptteil des Schnittes wird nach Frankfurt geflogen und von dort an die Blumenhändler verteilt. Die Orchideen sind empfindlich auch hinsichtlich der Konjunktur; so ließen in diesem Jahr die Aufträge aus Deutschland fühlbar nach.
Singapur, 25. Februar 1981
Vormittags ein Tropengewitter – kurz, heftig, violett.
Zeitungen. In Spanien ist eine Revolte von Militärs gescheitert, denen es für einige Stunden gelang, das Parlament zu besetzen; dieses Land sorgt immer für Überraschungen. Die Umstände erinnern an den Kapp-Putsch von 1920 als an ein Modell für physisch wie geistig beschränkte Aufwallungen, die das Gegenteil von dem erreichen, was ihnen vorschwebte. Das Wort Putsch trifft lautsymbolisch gut die Solfataren, die um die Geysire der Revolutionen herum sprudeln.
Die kommunistische Partei Polens erklärt sich grundsätzlich mit einer russischen Militärhilfe einverstanden; das sieht gefährlicher aus. Der Botschafter meinte allerdings, die Nachricht sei nicht so ernst zu nehmen, denn hier in Singapur, einem Ort von seismographischer Empfindlichkeit, sei man darüber nicht beunruhigt. Immerhin beginnt das Jahr mit beachtlichen Auftakten.
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Mercedes, das Zimmermädchen, mit dem ich von Wilflingen aus telefonierte oder eher radebrechte, stammt aus Manila; unverkennbar ist die chinesische Blutmischung. Das Alter der Chinesinnen ist schwer zu bestimmen – das liegt nicht nur daran, daß man bei einer fremden Rasse überhaupt schwer differenzieren kann, sondern auch an der anderen, etwas wächsernen Haut. Mercedes hielt ich für ein junges Mädchen, erfuhr aber, daß sie Mutter von vier Kindern sei. Das älteste ist ein vierzehnjähriger Sohn. Sie schickt ihren Lohn nach Manila, war jahrelang nicht daheim.
Der Koch, Lawrence, siebzigjährig, unterstützt seine Söhne in Indien, außer dem ältesten, der Hippie geworden ist. Lawrence hat noch unter den Kolonialherren gedient, auch die Eroberung Singapurs durch die Japaner miterlebt. Eine Figur, die in einen Conradschen Roman paßte.
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Nachmittags kam Professor Murphy, der Entomolog, den ich nach den sechzehn Jahren, die seit unserer Begegnung verflossen sind, kaum verändert fand. Er begleitete uns in den Botanischen Garten und erfreute uns dort durch einige der kleinen Vorweisungen, die unter Kollegen üblich sind. So brach er das Ästchen eines bambusartigen Strauches auf, der winzigen Ameisen zur Wohnung dient. Sie pulsieren im Gezweig wie Blutkörperchen in einem Aderngeflecht.
Unter den Verkehrszeichen fiel mir eine durchstrichene Zwille auf. Wir verabredeten die Wiederholung des Ausflugs nach Johore, den damals ein Gewitter unterbrach, auch eine Bootsfahrt in den Mangrovenwald.
Singapur, 27. Februar 1981
Ein Regentag. Die Laubmassen beginnen aufzuleben, die Bäume zu fluten wie am Grunde eines großen Aquariums. Die Stimmung wird schläfrig, angenehm. Die Vögel lärmen – »they are happy«, sagt der Koch.
Am Abend begleiteten wir den Botschafter und seine Gattin zu einem Empfang auf den französischen Flugzeugträger »Jeanne d’Arc«, der zugleich als Schulschiff dient. Matrosen, Kadetten, Offiziere bewegten sich mit der gelockerten Geschäftigkeit der Seeleute im Hafen, deren Vitalität sich während der langen Fahrt gespeichert hat. Das Deck war geebnet, die Luken waren geschlossen, die Flugzeuge mit ihren Bomben tief darunter; die Bordkapelle spielte zum Tanz auf dem Vulkan. Allmählich verschwanden die Damen; elegante Chinesinnen wurden vom Kai heraufgeführt.
Auch in der Stadt herrschte das erotisierte Leben, das die Landung eines Kriegsschiffes mit sich bringt. Die Tempel waren noch grell erleuchtet; wir traten in einen von ihnen ein. Das Tor bewachte ein riesiger Hahn, das Tier des Jahres, mit geöffnetem Schnabel, rot und gelb. Die Mädchen, die unter seinem Zeichen geboren werden, haben geringe Aussicht, einen Mann zu bekommen; sie haben eine zu laute Stimme, sind unbotmäßig, aggressiv. Das erinnert an den ungalanten Ratschlag:
Mädchen, die pfeifen,
Und Hennen, die krähn,
Soll man beizeiten
Die Hälse umdrehn.
Im Innern erfuhren wir, daß der Tempel einem Gotte Lu gewidmet ist. Auf den Altären glommen Weihrauchbüschel, junge Chinesen knieten davor. Zwei andere waren an einem Tisch beschäftigt; jeder von ihnen hielt den Ast einer Zwille in der Hand. Zuweilen klopften sie mit dem Stiel auf den Tisch, dann wieder schien es, als wollte ein Partner den anderen darauf hinabzwingen.
Ich konnte mir den Sinn der Übung nicht erklären: sie schien kein Spiel zu sein, eher ein magischer Vorgang – dieser Eindruck ging von ihr aus. Ähnliches berichten die Brüder Huc von ihrer Reise durch Tibet und die Mongolei. Ein junger Mann, den wir fragten, war schwer zu verstehen. Er sagte, daß es sich um ein Gebet handle. Ich will mich danach erkundigen.
Singapur, 28. Februar 1981
Zu Mittag in »Raffles’ Hotel«. Die Fassade ist vom Baum der Reisenden gesäumt. Das imponiert, als paradierten Pfauen mit aufgeschlagenem Rad. Vorm Eingang der indische Portier mit langem rotem Rock und Tropenhelm.
Auch dieses viktorianische Prunkstück sollte einem Hochhaus zum Opfer fallen; das fand jedoch zu starken Widerspruch. Es war der Lieblingsort dem Fernen Osten verfallener Autoren wie Rudyard Kipling, Joseph Conrad, Somerset Maugham, die hier gut lebten und auch arbeiteten. Ihre Bilder mit dankbaren Widmungen geben Zeugnis dafür. Conrad hat noch ein »Jim« unter seinen Namen gesetzt und Maugham: »›Raffles’‹ stands for the fables of the exotic East.«
Nur wenig Europäer – dafür Chinesen, Inder, Malayen; neben uns ein japanisches Ehepaar. Das Gesicht der Frau, zart geschminkt, hat einen rosa Schimmer, die Augen sind bis auf einen Schlitz geschlossen wie in einem Traum am hohen Mittag bei gedämpftem Licht. Neben ihr zwei Kinder, Mädchen, Porzellanfigürchen, auf die das schwarze, gestrählte Haar wie eine Kappe ausgegossen ist. Das ältere kann schon mit Stäbchen essen, während das Schwesterchen gefüttert wird.
Die Stimmung wirkt wie in der besten Kolonialzeit, doch so, als würde sie durch einen vorzüglichen Film reproduziert. Ein Genuß weniger, und ein Genuß mehr.
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Der erotische Zauber der Orchideen erweist sich auch daran, daß die Farbe, besonders der violetten Arten, nicht nur leuchtet, sondern auch, ähnlich den Düften, abwallt, leicht stimulierend wie ein beginnender Rausch.
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Auf der Terrasse. Der Schatten einer großen Vase gewinnt allmählich mit ihr die gleiche Mitte und umschließt sie als konzentrischer Kreis.
Singapur, 1. März 1981
Wir fuhren am Abend zur Küste, die ein schmaler Meeresarm von der malaysischen trennt. Am Stadtrand noch Dschungel, aus dem Hochhäuser wie Pilze hervorschießen. Auf diesen Fahrten wird uns die Größe des Bodensees bewußt, da die Insel den gleichen Umfang besitzt wie das Schwäbische Meer.
Im »Ponggol-Seafood-Restaurant«. Es grenzt ans Ufer; davor verrottet ein von den Japanern zerstörtes Kanonenboot. Die Gäste speisen zwischen Aquarien, aus denen die Kellner mit Netzen verschiedene Meerestiere herausfischen. Beliebt ist die »Steamboat«-Fondue. Ein Schornstein, aus dem eine Holzkohlenflamme lodert, erhebt sich aus einer runden Schüssel; sie ist mit wallendem Wasser gefüllt. So ähnlich muß der »Rolf Kracke« ausgesehen haben, der kreisrunde Panzer, den die Dänen 1864 gegen die Preußen einsetzten.
In dieser Schüssel werden nach Belieben Fleisch- und Fischstücke, Krabben, Sojaschnitten, Kräuter und anderes mehr gesotten und dann verzehrt. So verstärkt sich allmählich eine köstliche Brühe, halb Bouillon, halb Fischsuppe.
Als es dunkelte, flackerten auf allen Tischen die Flämmchen um exotische Gruppen, Motive bald für Renoir, bald für Gauguin.
Singapur, 2. März 1981
Einer der ersten Gänge gilt den Friedhöfen. So gestern einem der zahlreichen chinesischen. Er liegt inmitten einer hügeligen Wiesenfläche, die locker mit Palmen, Flamboyants und riesigen Schirmbäumen bestanden ist. Die Grabstätten sind entweder hufeisenförmig oder als kleine Altäre angelegt. Sie sind weithin zerstreut, manche seit langem eingesunken und überwuchert vom Gras. Die meisten werden von zwei flankierenden Löwen bewacht. Auf den Grabsteinen chinesische Texte, auf den neueren darunter auch eine englische Inschrift in römischen Lettern, darüber auf einem ovalen Porzellanschild das Lichtbild des Verstorbenen.
Das Gelände ist von wenigen Straßen durchschnitten; zu den einzelnen Gräbern führt kein Weg. An einen der alten Bäume war ein Buch geheftet, das Regen und Hitze zu einem Holzblock zusammengeschweißt hatten. In der Nähe staken zwei Kerzen im Boden, daneben lagen Weihrauchstäbchen und ein Päckchen Tabak – vermutlich, wie Dr. Adam, der uns führte, sagte, weil dort der Geist eines Toten erschienen sei.
Das Feld war menschenleer. Der Chinese meidet die Friedhöfe. Die Geisterfurcht ist trotz aller Technik nicht geschwunden, und ebenso wenig die Witterung, die ihr zugrunde liegt. Auch Reichenbach meint, daß auf den Friedhöfen ein besonderes Od verdichtet und den Sensitiven spürbar sei. Das kann sich auf das Allgemeinbewußtsein ausdehnen. So findet die schwedische Botschaft, deren Garten an diesen Friedhof grenzt, nur schwer chinesisches Personal.
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Am Abend hatte der Botschafter Gäste; ich saß neben einer charmanten Chinesin namens Tan. Sie hatte das Aussehen einer Studentin im ersten Semester, konnte auch noch als Primanerin durchgehen, war aber, wie ich erfuhr, Professorin der Jurisprudenz, Präsidentin der Rechtsanwaltskammer, Mutter erwachsener Söhne, Gattin des obersten Staatsanwalts. Zu solchen Phänomenen muß ein Geheimnis der Haut beitragen; sie erinnert in ihrer faltenlosen Glätte an belebtes Elfenbein.
Gespräch mit dem Präsidenten des Gewerkschaftsbundes NTUC (National Trade Unions Congress), einem Inder: Devan Nair. Löhne und Gehälter werden zwischen dem Gewerkschaftsführer und dem Staatspräsidenten, also von zwei Köpfen, ausgehandelt, man könnte auch sagen: verabredet, und sich vorstellen, daß dazu eine Rechenmaschine genügt. Das Verfahren scheint bei einem gewissen allgemeinen Wohlstand pragmatisch; eine Einheitsgewerkschaft nach deutschem Muster wird angestrebt.
Devan Nairs Lieblingsautor ist Goethe; er hatte mir ein diesem gewidmetes Gedicht des mir unbekannten Inders Sri Aurobindo mitgebracht. Sollte man einem gebildeten Fremdling, der selbst den Namen Goethes nie gehört hat, dessen Bedeutung vermitteln, so wären die Verse dieses 1950 gestorbenen Dichters der beste Weg dazu.
Singapur, 3. März 1981
Eine geglückte Wiederholung nach sechzehn Jahren: die Fahrt zu den Wasserfällen von Ayer Tarjun, die damals ein Tropengewitter unterbrach. Heute glich sie der einstigen bis zum Frühstück in Kota Tinggi, und der versäumte Teil rundete sie ab. Wir begleiteten Professor Murphy, der an den Fällen Material für eine Prüfung sammelte und dazu kaum sichtbare Lebewesen aus dem Uferschlamm herausfischte. Für uns gab es wenig zu tun. Einige Netzschläge auf Cicindelen mißglückten; das prägt sich besonders der Erinnerung ein. Erwähnenswert ist ein kleiner Hirschkäfer, den das Stierlein aus einem morschen Stamm herausgrub, und Nepenthes, die Kannenpflanze, die ich hier zum ersten Male außerhalb der Treibhäuser sah. Die Blattstiele entwickeln bauchige Kannen mit Nektardrüsen, die durch ihren Duft Insekten anlocken. Diese gleiten über den glatten Rand in die Falle, deren Deckel zuklappt, und werden im Inneren verdaut. Die platonische Idee des Magens ist hier von der Flora realisiert.
Schon seinerzeit fiel mir auf, daß Murphy auf solche Absonderlichkeiten immer noch einen Trumpf zu setzen weiß. Hier beschäftigten ihn nicht die gefangenen Opfer, sondern winzige Fliegen, die, um sich an jenen zu delektieren, gewissermaßen als Geier im Reiche der Insekten herbeischweben.
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Es wurde spät, da wir am Vormittag einen Aufenthalt gehabt hatten. Der Botschafter hatte uns zu einem kurzen Besuch beim Sultan von Johore angemeldet und begleitete uns bis dorthin. Der Sultan war plötzlich erkrankt; freundlicherweise erwartete uns sein Hofmarschall Dato Haci Mohammed Said und führte uns durch einige Räume des Istane Besar, des »Großen Palasts«.
Die Verzögerung ergab sich daraus, daß wir zunächst vor einen anderen Palast gefahren waren – mancher auf dieser Welt verfügt über Schlösser, wie ein anderer Häuser besitzt. Diese Residenz ist 1866 in europäischem Stil mit orientalischen Anklängen erbaut worden. Von hier aus beobachtete der japanische Marschall Yamashita das Gegenufer vor dem Angriff auf Singapur. Das riesige Doppelfernrohr, mit dem er observierte, steht noch an seinem Platz. Daß der Sitz erhalten blieb und seine Schätze nicht geplündert wurden, erklärt sich daraus, daß der japanische Kaiser seinen Truppen einen »Protector« mitgab; so wohnte der Sultan mit seiner Familie von 1942 bis 1945 hier ungeschoren, bis die Alliierten kamen und Singapur zurückeroberten.
Die Schätze sahen wir nur zum Teil, und auch davon blieb mir nicht viel in Erinnerung. Die Masse erdrückt. Zunächst die Ordenskammer. Darin in Vitrinen die Dekorationen des eigenen Hauses und fremder Potentaten – europäischer und asiatischer. Das Glanzstück war der Großorden des letzten Mandschu-Kaisers: eine Goldplatte in Form und Größe einer Spielkarte mit grauer Perle, dazu das Zeremonialkostüm. Raffiniert der seidenbezogene Hut, eher eine Kappe, mit Schnüren verziert. In einem Glasschrank die Hochzeitskostüme der Damen – Seidengewänder, schwerster goldener Schmuck. Es ist vorgekommen, daß die Braut unter der Last in Ohnmacht fiel.
Anschließend die Kleiderkammer; dort unter anderem Pelze für den Besuch kälterer Länder, insbesondere zu Krönungen. Das englische Haus spielt eine hervorragende Rolle, vor allem Queen Victoria.
Die Silberkammer mit Gedecken für fünfhundert Gäste: Bestecken, Tellern, Schüsseln, Aufsätzen, Blumenvasen, Fruchtschalen. Gesondert die Goldkammer mit der Ausstattung für die fürstliche Tafel, dazu Schüsseln und große Platten – drei aus Platin, Geschenke der englischen Königin mit prunkvoller Wappengravur. Der Dato sagte, daß der Sultan das Geschirr selten aufdecken lasse – das versteht sich, denn wir sahen Teller mit Schnittspuren.
Die Jagdkammer enthält Trophäen von Tieren, die in den Wäldern und Dschungeln erlegt wurden. Zwei ausgestopfte Tiger; der stärkere wurde auf dem Grund geschossen, der jetzt den Palast trägt. Der Tiger ist das Wappentier von Johore, wo er noch heute auf freier Wildbahn lebt. Er wird von Reisbauern gefürchtet, die auf entlegenen Plantagen im Morgengrauen zur Arbeit gehen. Auch kommt er in Reservaten vor.
Ein Nashorn, Gaviale, Büffelköpfe, Elefantenschädel mit Stoßzähnen. Nicht eben geschmackvoll: Tigerschädel als Aschenbecher, Elefantenfüße als Schirmständer und Papierkörbe. Verblaßte Photos von Jagdpartien mit englischen Offizieren aus Kiplings Zeit. Eine Sammlung von Silberkapseln in Form großer Marschallstäbe; sie enthielten Glückwunschadressen, die bei hohen Geburtstagen oder besonderen Festen von Botschaftern verlesen und dann überreicht wurden. Überhaupt gewinnt man hier einen Einblick in den Umgang von Fürsten untereinander – eine Wissenschaft für sich.
Endlich der Thronsaal. Die Wände sind mit gelber Seide bezogen; der Boden ist mit Teppichen bedeckt. Sie konnten aufgerollt werden, wenn ein Ball gegeben wurde, was aber, wie der Dato sagte, nur vorkam, wenn die Gesellschaft europäisch war.
Zwei Throne; der höhere für den Sultan, der bescheidenere für die Gemahlin; die Sessel ruhen auf Tigerfüßen, die Lehnen laufen in Tigerköpfe aus. Über dem Rückenpolster eine arabische Inschrift: »Allah allein hat die Macht.«
Die Schau ermüdete, auch der despotische Glanz wie in Aladins Reich. Dazu eine Stimmung, wie ich sie schon in europäischen Schlössern, so in Versailles oder Linderhof, empfand: Die armen Fürsten, gottlob, daß man so nicht zu leben braucht.
Die Natur rief; wir brachen zu den Wäldern auf.
Singapur, 4. März 1981