Der Naturwissenschaftler Dipl.-Math. Klaus-Dieter Sedlacek, Jahrgang 1948, lebt seit seiner Kindheit in Süddeutschland. Er studierte neben Mathematik und Informatik auch Physik. Nach dem Studienabschluss 1975 und einigen Jahren Berufspraxis gründete er eine eigene Firma, die sich mit der Entwicklung von Anwendungssoftware beschäftigte. Diese führte er mehr als fünfundzwanzig Jahre lang. In seiner zweiten Lebenshälfte widmet er sich nun seinem privaten Forschungsvorhaben. Er hat sich die Aufgabe gestellt, die Physik von Information, Bedeutung und Bewusstsein näher zu erforschen und einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. Im Jahr 2008 veröffentlichte er ein aufsehenerregendes und allgemein verständliches Sachbuch mit dem Titel „Unsterbliches Bewusstsein – Raumzeit-Phänomene, Beweise und Visionen“. Er ist der Herausgeber der Reihe „Wissenschaftliche Bibliothek“.
Bibliographische Information Der Deutschen Bibliothek:
Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliographie; detaillierte bibliographische Daten sind im Internet über
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abrufbar.
Sonderauflage von
„Professor Allman und die verschwindende Realität“
© 2008, 2016 Klaus-Dieter Sedlacek
Cover: Sedlacek
Internet: http://klaus-sedlacek.de
Herstellung und Verlag:
Books on Demand GmbH, Norderstedt
ISBN 978-3-7412-1646-6
Hoffentlich müssen wir nicht zu lange auf das fahrerlose Taxi warten. – »Wie kommt unser Weltraumminister Flywell eigentlich auf mich? Verstehst du das, Dan?«, wundert sich ein etwa ein Meterachtzig großer, aufrecht und stolz dastehender Mann, dem man unschwer den Professor ansieht. Er steht am Straßenrand vor der Albert-Einstein-Universität von Quantum City zusammen mit seinem einen halben Kopf kleineren Begleiter, einem jungen Mann in Jeans und Safariweste.
»Wenn man das als Zeichen sieht, dass ich heute früh mit dem linken Fuß aufgestanden bin, dann lässt das Schlimmes fürchten.«
»Für uns oder für den Weltraumminister Flywell?«, lacht Professor Allman.
»War nur ein Scherz, Professor Allman«, lacht Daniel.
»Von so einem hochbegabten Ingenieur, wie dich, hätte ich auch keine abergläubischen Reden erwartet«, schmunzelt Professor Allman. »Aber schau, dort oben am Himmel ziehen ziemlich dunkle Wolken heran. Das muss doch irgendetwas bedeuten.«
»Ich dachte immer, dass Wolken von der Schöpfung eingerichtet wurden, um die Meteorologen zu widerlegen und nicht um meinem Physikprofessor als Orakel zu dienen.«
Professor Allman und Daniel Josten lachen beide ausgelassen. Seit Professor Allman mit Daniels tatkräftiger Hilfe den großen Forschungswettbewerb der Paul Gotham Stiftung für die Universität gewonnen hat, ist das Verhältnis zwischen Professor Allman und Dan, wie er kurz heißt, richtig herzlich geworden.
»Guten Tag, Professor Allman, Hallo Dan«, grüßt ein Student und eilt vorbei, hin zum Gebäude, in dem sich der große Hörsaal befindet. Professor Allman und Dan nicken freundlich, grüßen und beschäftigen sich wieder mit der Frage, was Flywell von ihnen möchte.
Dan, der sechzehnjährige Ingenieur und Assistent des Physikprofessors rekapituliert: »Flywell hat mir am Telefon gesagt, es sei eine Angelegenheit von nationaler Sicherheit, die keinen Aufschub duldet.«
»Was mag das wieder für Quatsch sein, Dan? Was habe ich als Physiker mit der nationalen Sicherheit zu tun?« Professor Allman rückt seinen breitrandigen dunklen Hut zurecht, prüft, ob sein Seidenschal sitzt, und streift sich Fussel von seinem braun karierten Jackett, während er hinzufügt: »Und dann diese Hektik, sofort soll es sein, noch nicht einmal Zeit zum Umziehen hatten wir.«
Dan, selbst Brillenträger, schaut in Professor Allmans leicht gerundetes offenes und sympathisches Gesicht mit Brille, das von einem auf wenige Zentimeter gestutzten Vollbart eingerahmt wird. Professor Allmans dunkle Haare mit den grauen Schläfen, fangen schon an ein wenig schütter zu werden. Das unterstreicht nur seine Haltung, die auf eine erfolgreiche, selbstbewusste, manchmal etwas eigenwillige Persönlichkeit schließen lässt.
»Nicht so bescheiden, Professor. Seit Sie bewiesen haben, dass Reisen ins Multiversum praktisch möglich sind, sind Sie eine Berühmtheit und ihre Erfindung, der Timeponder, lässt sich auch anderweitig nutzen, als nur für Reisen in parallele Universen.«
»Wahrscheinlich hast du Recht, Dan.« Professor Allman redet seinen jungen, hochbegabten Assistenten freundschaftlich mit 'du' an, während Dan beim respektvollen Sie geblieben ist. »Aber wir wollen deine eigene Rolle nicht vergessen, Dan, ohne dein technisches Genie hätten wir die Timeponder nicht zum Laufen gebracht.«
»Ich komme mir keineswegs wie ein Genie vor, Professor Allman. Mit zwölf, als ich anfing zu studieren, habe ich zwar schon Quantencomputer zusammengelötet, aber machen das nicht viele Jungen?« Dan, mit seinem ovalen Gesicht und den halblangen zurückgekämmten Haaren, nestelt verlegen in einer der vielen Taschen seiner ledernen Safarijacke, in der hauptsächlich Werkzeug und Ersatzteile stecken. Schließlich findet er, was er sucht, ein Pfefferminzbonbon. Er reißt das Einwickelpapier auf, steckt das Bonbon in seinem Mund und atmet sogleich erleichtert, während er beim ursprünglichen Thema weiterredet: »Ich hab das Gefühl, Flywell sitzt in den Nesseln und wir sollen ihm da irgendwie raushelfen«, murmelt er und sein Blick gleitet suchend die Uferpromenade des West River entlang.
Der West River fließt nur wenige Schritte von der Universität entfernt, von dieser durch die Uferstraße getrennt. Gegenüber auf der anderen Flussseite liegt das moderne Einkaufszentrum von Quantum City, aus Stahl und Glas gebaut. Dort ist auch der nächste Standplatz der fahrerlosen Elektrotaxis, die den Individualverkehr im Zentrum von Quantum City beherrschen.
In nur fünfzig Meter Entfernung verbindet eine glasgeschützte Fußgängerüberbrücke beide Flussseiten. Ein spitzgesichtiger Bursche in schwarzen Jeans und dunkelgrauem Pullover eilt über die Brücke, als im gleichen Augenblick vor Professor Allman und Dan das Taxi hält. Der Professor und sein Assistent setzen sich auf die beiden vorderen Sitze. Das Taxi besitzt weder ein Steuerrad noch irgendwelche Armaturen, außer einem kleinen Taxameter vor der Frontscheibe. Die beiden Fahrgäste wollen gerade die Türen schließen, als der spitzgesichtige Bursche die hintere Tür aufreißt und sich auf die Sitzbank im Rücken von Professor Allman und Dan fallen lässt.
Verblüfft dreht sich Professor Allman um und empört sich: »Das ist unser Taxi. Steigen Sie sofort aus.«
Jetzt erst schaut sich Professor Allman den Burschen näher an und wundert sich. »William Kidd? Sie hier?«
Professor Allman muss sich an die Stirn fassen, sein Atem geht schwer. Schmerzlich spürt er den Stich, den ihm die Erinnerung an Kidds perfide Rolle im Zusammenhang mit einem Forschungswettbewerb beschert.
Es ging um den großen Forschungspreis der Paul Gotham Stiftung und darum wer als Erster beweisen würde, dass Reisen im Multiversum praktisch möglich sind. Er, Professor Allman vertrat mit seiner Forschungsarbeit und dem Timeponder die Albert-Einstein-Universität. Es ist der Timeponder, den er zusammen mit Daniel Josten entwickelte und der es erlaubt ein ganzes Team in ein paralleles Universum hin und wieder zurückzutransponieren. Dr. Heroine Embassy, Pit Plonk und sein Assistent Daniel Josten, die zusammen mit ihm das X-Team bildeten, bestanden alle Prüfungen, die ihnen die Timeponder bescherten, obwohl die Geräte durch Sabotage beschädigt waren.
Wie er erst nach Abschluss des Forschungswettbewerbs erfuhr, war William Kidd der Assistent seiner schlimmsten Feindin, Physikprofessor Bella Blackbeard. Kidd war verantwortlich für die Sabotage an den Timepondergeräten. Dessen ist er sich sicher. Leider konnte er Kidd nichts nachweisen und so kam dieser ungeschoren davon.
Doch die Sabotage an den Timepondergeräten hätte ihm, Professor Allman und seinem X-Team beinahe das Leben gekostet und das kann er Kidd nicht vergessen.
Professor Allman fühlt, wie ihm die Galle überläuft. Ob Kidd schon wieder eine Untat im Schilde führt?
Die weibliche Stimme des Taxis schnurrt wie eine Katze und versucht Professor Allman aus seinen trüben Gedanken zu holen: »Bitte geben Sie ihr Fahrziel an und halten Sie anschließend ihren Kreditchip vor den Taxameter.«
Als Professor Allman zögert, wiederholt die Taxistimme: »Bitte geben Sie ihr Fahrziel an und ....«
»Machen Sie schon«, zischt William Kidd Professor Allman an.
»Bedaure, 'machen Sie schon' ist kein gültiges Ziel. Bitte geben Sie ihr Fahrziel an und ...«, antwortet das Taxi.
»Aber ich will Sie nicht dabei haben, Kidd«, protestiert Professor Allman.
»Das ist kein gültiges Ziel. Bitte geben Sie ihr Fahrziel an und ..«, antwortet das Taxi erneut.
Dan blickt auf das dicke schwarze, einem Wecker ähnelnde Gerät, das sein linkes Handgelenk ziert. Außer seiner Funktion als Kommunikationssystem, Quantencomputer, Video und Werkzeugkasten kann es auch die Uhrzeit anzeigen. Er sieht die Zeit davonrennen. Nachdem er zunächst schweigend dem kleinen Disput zugehört hat, ergreift er die Initiative: »Zum Raumfahrtministerium«, spricht er laut und deutlich aus. Anschließend hält er eine kleine Chipkarte vor den Taxameter.
»Danke. Ich wiederhole: Sie wollen zum Raumfahrtministerium. Das sind dann fünfundzwanzig Krediteinheiten, die von Ihrer Chipkarte abgebucht werden. Die Fahrt dauert ungefähr fünfzehn Minuten. Sie können sich jetzt unterhalten, wenn Sie wollen«, flötet das Taxi und fährt los.
Professor Allman ist ungehalten: »Kidd, ich hab mit Ihnen nichts zu tun. Insbesondere seit Ihrer zweifelhaften Rolle, die Sie im Zusammenhang mit dem Wettbewerb um den großen Forschungspreis gespielt haben. Was wollen Sie eigentlich in unserem Taxi?«
»Ein Stück mitfahren, Professor Allman«, antwortet Kidd kurz angebunden.
»Was soll das bringen? Können Sie sich selbst kein Taxi leisten?«, fragt Professor Allman ungläubig.
»Ich will in Ihrem Taxi mitfahren.« Kidd betont das Wort »Ihrem«.
Das Taxi biegt in die Bahnhofstraße ein und Professor Allman vermutet: »Sie wollen sicher zum Bahnhof. Ich werde Sie dort rauslassen.«
»Nein«, erwidert Kidd scharf. »Ich will Sie warnen.«
Professor Allman muss lachen: »Warnen? Vor wem oder was denn? Vor meiner Kollegin Professor Bella Blackbeard, von der Francis Drake Universität? Traut sich meine Kollegin nach ihrer Blamage im Forschungswettbewerb wieder an die Öffentlichkeit? Ich dachte mit ihrem Schwindel dem Multiversumtor, wie sie es nannte, hätte sie ihren Ruf verspielt und sei an ihrer Universität in Ungnade gefallen. Will sie sich jetzt ihr eigenes Grab schaufeln und das ihres Assistenten mit?«
Kidd verzieht seinen Mund zu einem höhnischen Grinsen: »Lachen Sie nicht Professor Allman. Nehmen Sie lieber meine Warnung ernst.«
»Ja, um Himmels willen, Kidd, wovor wollen Sie mich denn warnen? Mich einen Physiker, der nur nach Wissen strebt oder Formeln sucht, wie der Weltformel und sonst niemand etwas zuleide tut?«
»Genau das ist es, Professor Allman, lassen Sie die Suche nach der Weltformel sein und hören Sie auf, nach den diamantenen Pyramiden zu suchen, die Ihnen die Weltformel erschließen sollen.« Kidds Stimme hat einen schrillen und drohenden Ton angenommen.
Professor Allman wendet sich kurz von Kidd ab. Er erspäht, wie das Taxi am Bahnhof vorbei in Richtung Altstadtring abbiegt, bevor er sich wieder Kidd zuwendet: »Mir kommen die Tränen vor Lachen. Haben Sie mal was von Freiheit der Forschung gehört Kidd? Oder waren Sie krank, als es in der Schule um die Regeln unserer freiheitlich demokratischen Grundordnung ging?«
Kidds Gesicht verfinstert sich: »Ich habe Sie gewarnt, Professor Allman. Deshalb wasche ich meine Hände in Unschuld. Ich kann nichts für die Folgen, die Ihre Weigerung hat, von der Suche nach der Weltformel abzulassen.«
»Ich wusste gar nicht, dass Sie ihre Weisheit von Pontius Pilatus beziehen. Aber ein richtiger Physiker waren Sie wohl nie. Wie auch, als Assistent von Bella Blackbeard? – Und was denn für Folgen?«, fragt Professor Allman, aber Bella Blackbeards Mann fürs Grobe blickt nur finster schweigend vor sich hin.
Verstohlen holt Kidd ein silbernes Zigarettenetui aus seiner Hosentasche. Er zögert noch, es zu öffnen.
»Schluss mit lustig, Kidd.« Kidd zuckt zusammen, als ihm Professor Allman die Worte an den Kopf wirft. »Nicht nur dass Sie uns in unserem Taxi belästigen, jetzt wollen Sie uns obendrein die Luft verpesten. Ich werde Sie bei der nächsten Gelegenheit raus lassen.«
Professor Allman dreht seinen Kopf angewidert zur Seite. Dan schaut peinlich berührt unverwandt nach vorne auf die Straße.
Kidd öffnet sein Zigarettenetui. In diesem kommt ein speziell geformtes Fach zum Vorschein. Sechs Zigaretten liegen darin und neben einer besonders gestempelten Zigarette gibt es eine kleine Ausbuchtung. Wenn Dan oder Professor Allman nicht angewidert zur Seite geblickt hätten, wären ihnen die zwei ordentlich geparkten Roboterfliegen, ähnlich Stechmücken, aufgefallen, die in den Ausbuchtungen des Zigarettenetuis auf ihren Einsatz warten.
Kidd nimmt die gestempelte Zigarette, die ein Steuergerät enthält, aus dem Etui und startet damit die Stechmückenmotoren.
Von Professor Allman zunächst unbemerkt steigen die zwei winzigen Roboter auf bis kurz unters Taxidach und drehen Schleifen, um sich zu orientieren.
Die Stechmücken summen leise und suchen ihre Ziele hinter den rechten Ohren von Professor Allman und seinem Assistenten. Sie lösen unbewusste Reflexbewegungen aus. Professor Allman wedelt plötzlich wie wild mit seinen Armen. »Wo kommen auf einmal die Biester her? Es ist doch noch nicht die Jahreszeit dafür«, schimpft er.
»Achtung, Professor«, schreit Dan. »Mit den Stechmücken stimmt was nicht.«
Kidd drückt auf den Filter seiner Steuer-Zigarette. Pfeilschnell stürzen sich die blutgierigen Roboterfliegen hinter die rechten Ohrmuscheln der beiden Zielpersonen und krabbeln sofort tiefer. Drei Fingerbreit oberhalb der Kragen bleiben sie sitzen.
Professor Allman hebt seine Hand, um sich wegen des lästigen Juckens am Hals zu kratzen. Es ist zu spät. Ein Stich und das eingespritzte Gift hat ihn schläfrig gemacht. Mitten in der Bewegung nickt er ein, genauso Dan. Die beiden Stechmücken beginnen, ihr Werk zu vollenden. Sie brauchen keine zwei Minuten, um das Zeichen )x( in die Haut der beiden Opfer einzutätowieren.
Nach vollendeter Arbeit steigen die Robotermücken auf. Kidd fängt sie ein und legt sie sorgfältig in ihr Fach ins Zigarettenetui zurück.
»Zwischenhalt«, ruft Kidd und das Taxi sucht sich selbstständig die nächste Gelegenheit am Fahrbahnrand, eine Parklücke, an der es anhält.
Kidd steigt aus. Bevor er die Autotür zuschlägt, ruft er: »Das habt ihr jetzt davon. – Weiterfahren.«
Das Taxi setzt sich ohne ihn in Bewegung und nimmt die zwei Regungslosen, den Physiker Professor Allman und seinen jungen Assistenten Daniel Josten mit sich fort.
Zwei Monate vorher in der Marskolonie Eos:
»Hier ist ja scheußlich kalt, kannst du nicht die Heizung höher stellen, Sim?«, fragte Dr. Heroine Embassy den Fahrer ihres Marsrovers, mit dem sie einen Ausflug in das Noctis Labyrinthus, einem Gebiet der wüstenartigen Marslandschaft unternommen hatte.
»Marsrover haben keine Heizung, Miss«, erwiderte Sim, ein Android, auf seine sachliche Art. Sim ist Heroine von Skylla, dem Regenten der Kolonie, als Begleiter zugewiesen worden. Aufgrund von Skyllas Anordnung, dürfen sich Besucher von der Erde nicht ohne einen Ortskundigen außerhalb des wärmenden, transparenten Kuppeldachs der Marskolonie Eos bewegen.
»Was soll das, Sim? Willst du etwa, dass ich erfriere?« Sim kommt ohne Raumanzug aus, weil er als Android keine Sauerstoffversorgung benötigt. Menschen dagegen bekommen in der extrem dünnen Marsatmosphäre ohne Raumanzug nicht genügend Luft.
»Der Raumanzug hält Ihre Körpertemperatur auf konstante 36,7 Grad Celsius, Miss, auch an Tagen wie heute, an denen die Außentemperatur –28 Grad beträgt. Sie können Ihre Temperatur auf dem Anzeigeinstrument an ihrem linken Arm kontrollieren«, Sim ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Er steuerte den Rover mit seinen sechs walzenförmigen Rädern sicher um Felsen und Bodenspalten herum.
Heroine fing an zu schnattern vor Kälte: »Das Instrument zeigt gerade 35,8 Grad an, Sim. Das ist mir zu kalt.«
»Sie können mit dem Knopf unterhalb des Instruments die Temperatur erhöhen, Miss.« Sim hielt das Steuer fest und schaute stur geradeaus auf den mit Steinen durchsetzten und vom Eisenoxid geröteten staubigen Marsboden. Die Räder des Rovers hinterließen eine grätenförmige Spur und wirbelten eine weithin sichtbare Staubfahne auf.
»Da ist kein Knopf, Sim. Und habe ich dir nicht bereits hundertmal gesagt, dass du mich Heroine nennen kannst? Das Wort Miss ist mir zu ungewohnt.« Heroine wurde ungeduldig.
Sim zeigte keinerlei Reaktion.
»Sim, hat es dir die Sprache verschlagen?«
»Ich muss Sie korrigieren Miss, es waren keine hundert Mal, sondern genau fünf Mal.«
»Verdammt noch mal, Sim, du machst mich wahnsinnig, wenn du nicht auf das reagierst, was ich dir sage. Ich hab gesagt: Da ist kein Knopf.«
Sim drehte hörbar seinen Kopf und schaute auf ihren Arm: »Sie müssen jetzt stark sein, Miss.«
»Stark? Für was hältst du mich eigentlich Sim? Glaubst du, ich sei eine verwöhnte, zimperliche Zicke?«
»Ich halte Sie für einen Menschen, weiblichen Geschlechts, knapp über 30 Jahre, der in etwa zwei und ein halb Stunden, wenn seine Körpertemperatur weiter gesunken ist, bewusstlos wird und bald darauf an Unterkühlung stirbt.«
»Bist du noch bei Trost Sim? Was redest du da?«, fauchte Heroine.
»Die Klimaanlage ihres Raumanzugs ist defekt, Miss. Sie kühlt, anstatt zu wärmen. Sie werden unterkühlt sein, noch bevor wir zurück in der Kolonie sind.«
Heroine brauchte eine Weile, bis sie ihre Sprache wieder fand. Sie trommelte mit den Handschuhen ihres Raumanzugs auf das Armaturenbrett des Rovers ein und schnaubte, dass der in ihrem Helm eingebaute Lautsprecher zu pfeifen begann: »Du gemeiner Android. Willst du mich etwa umbringen, willst du Menschen umbringen.«
»Miss, bitte Miss, bitte beruhigen Sie sich, ich bin kein Mörder.«
»Das könnte dir so gefallen, mich erfrieren zu lassen. Aber ich bin zäh, mich bringst du nicht um die Ecke«, schimpfte Heroine weiter.
»Miss, bitte, bitte beruhigen Sie sich, ich kann keine Menschen umbringen.«
»Du abgefeimter Lügner, beinahe hätte ich dir vertraut. Aber selbst wenn es dir gelingt, mich um die Ecke zu bringen, ich verfolge dich im Schlaf. Für den Rest Deines Lebens wirst du Albträume haben.«
»Miss, ich bin ein Android. Ich kann nicht träumen. Ich kann auch keine Menschen umbringen. Im Gegenteil, Miss, ich bin so programmiert, dass ich Menschen in Not retten muss. Wenn ich Menschen versehentlich etwas zuleide tue, verschmoren meine Speicherchips.«
»So?« Heroine beruhigte sich ein wenig. »Wie weit ist es noch bis Eos?«
»Wir sind 50 Km entfernt. Unsere Maximalgeschwindigkeit beträgt 25 Stundenkilometer, Miss«, antwortete Sim präzise und fügte hinzu: »Ich werde jetzt Konversation treiben, Miss, damit Sie nicht einschlafen. Ich muss Sie retten Miss, so bin ich programmiert.«
Heroines Vertrauen in den Roboter kehrte langsam zurück. Dafür saß nun der Schreck über die Lebensgefahr in ihren Gliedern: »Menschenskind, Sim, das wird knapp. Drück aufs Gas.«
Der Rover machte einen Satz nach vorne, holperte über Steine, hob vom Boden ab, fiel wieder zurück, wurde aber nicht schneller als fünfundzwanzig Stundenkilometer.
»Ich muss Sie korrigieren, Miss: Ich bin kein Menschenskind, sondern ein Android. Was ich sie fragen wollte: Was ist der Grund ihres Aufenthalts auf dem Mars?«
Abgelenkt durch die Frage, ließ sich Heroine auf die begonnene Konversation ein: »Es kam das Gerücht auf, in noch unerforschten sauerstoffhaltigen Marshöhlen würden sich Ungeheuer tummeln. Deshalb schickte man mich auf den Mars, um zu untersuchen, was an den Gerüchten Wahres dran ist.«
»Und wer hat Sie geschickt, Miss?«
»Mein Arbeitgeber, das Tropeninstitut der Francis Drake Universität in Quantum City. Als Kryptozoologin habe ich die Aufgabe, unbekannte Tierarten aufzuspüren und zu erforschen. Ich rechne es mir als große Ehre an, dass man mich bei den knappen Forschungsgeldern hierher geschickt hat.«
»Was mag der Grund sein, dass man Sie ausgewählt hat, auf dem Mars zu kommen, Miss?«
»Der Grund ist wahrscheinlich, dass ich von einer früheren Forschungsreise mit Professor Allman in ein paralleles Universum, eine eigentlich ausgestorbene lebende Riesenlibelle mitgebracht hatte.« Heroine stockte in der Erzählung. Ihr kam wieder ihre aktuelle Situation in den Sinn: »Wo hast du eigentlich meinen Raumanzug hergehabt, Sim? Ich friere wirklich fürchterlich.«
»Ich hab ihn aus dem Depot für einsatzfähige Raumanzüge abgeholt. – Hatten Sie heute in der Nähe des erloschenen Vulkans Ascraeus Mons, Erfolg, Miss? Ich sah nur Trümmer aus dem Lava Feld herausschauen.«
»Genau das ist der Erfolg, Sim. Die Trümmer sind die Reste einer uralten Tempelanlage. Als ich durch das Trümmerfeld ging, stieß ich auf eine über zehn Meter tiefe Bodenspalte, die in einer Höhle mündete. Am Eingang der Höhle konnte ich Spuren entdecken, die aussahen, wie die eines Sphenodons, ein lebendes Fossil. Der Mars muss vor langer Zeit wärmer gewesen sein und mehr Wasser und Sauerstoff gehabt haben.« Heroines Gedanken kehren immer wieder zu ihrem Raumanzug zurück: »Sag mal Sim, hast du den Anzug nicht kontrolliert?«
»Anzugkontrolle ist nicht meine Aufgabe, Miss, das erledigen die Mitarbeiter im Anzugdepot. Was ist mit dem Sphenodon, Miss?«
»Leider konnte ich die Spuren nur aus rund zehn Meter Entfernung betrachten, weil wir keine Strickleiter oder Ähnliches dabei hatten, um in die Bodenspalte herabzusteigen. Aber morgen, Sim, werden wir mit geeignetem Werkzeug zurückzukehren, um den Spuren auf den Grund zu gehen.« Ein Zitteranfall schüttelte Heroines Körper. Ihre Temperatur war auf 34,5 Grad abgesunken. Ihre Beine fingen an, gefühllos zu werden. »Sim, drückst du wirklich fest aufs Gas? Ich glaube, ich halte nicht mehr lange durch.«
»Miss, liebe Miss, halten Sie durch. Ich drücke, so fest es geht, aufs Gas. Aber schneller fährt der Rover nicht.«
Nachdem Heroine eine Weile stumm war, fing der Android erneut an zu reden, um sie wach zu halten: »Was werden Sie als Erstes tun, wenn wir zurück sind?«
Heroine schnatterte: »Ich nehme mir ein schönes, warmes Schaumbad mit duftenden Badeölen. – Danach ziehe ich Jeans, einen warmen Pullover und meine geliebten rosa Turnschuhen an. – Und dann, und dann ...« Heroines Stimme wurde schwächer. »Dann trinke ich eine ganze Kanne aromatischen, heißen Kaffee.« Nach einer Pause: »Sim, wer kann ein Interesse daran haben, mich umzubringen? Für wen bin ich ein Risiko?«
»Dazu gibt es keine Antwort in meinem Wissensspeicher, Miss.«
Der Rover erklomm eine Anhöhe. In der Ferne konnte man die große transparente Kuppel der Marskolonie erkennen.
»Was ist das rechts von der Kuppel, Sim? Gehört das zum Raumflughafen, auf dem ich angekommen bin?« Heroine wunderte sich über die beiden kuppelförmigen Druckbehälter aus Beton, ein größerer und ein kleinerer, die dort in den Himmel ragen.
»Der Raumflughafen ist von hier aus nicht zu sehen, Miss. Er liegt auf der anderen Seite des Kuppeldachs. Was Sie sehen, sind Atomreaktoren.«
»Was, Atomreaktoren?«, empörte sich Heroine und der dadurch gestiegene Adrenalinspiegel ließ sie ein klein bisschen wärmer werden. »Ich dachte, wir Menschen seien schon längst aus der Atomtechnik ausgestiegen.«
»Auf dem Mars könnten Menschen ohne Atomtechnik nicht überleben. Sehen Sie die Kunststoffdächer, die ringförmig und kilometerweit das Kuppeldach umgeben, Miss?«
»Ja, was ist damit?« Heroine schüttelte sich heftig vor Kälte.
»Das sind alles Gewächshäuser, in denen die von den Kolonisten benötigten Lebensmittel produziert werden. Das Atomkraftwerk versorgt die Anlagen mit ausreichend Wärme für das Pflanzenwachstum.«
»Und warum sind die Betonmäntel der zwei Reaktoren in weißen Wasserdampf gehüllt? Dort an mehreren Stellen der Gewächshäuser steigt ebenfalls weißer Wasserdampf auf.« Mühselig hob Heroine ihren rechten Arm, um nach vorne zu zeigen. Sie spürte ihn nicht mehr und konnte ihn nur noch unter größter Anstrengung bewegen.
»Ich weiß nicht Miss, was der Wasserdampf zu bedeuten hat, in meinem Wissensspeicher sind keine Informationen darüber. Der Wasserdampf ist nicht normal.«
Von der Ferne hörte Heroine Sirenengeheul, gerade so laut, dass sie es trotz des Fahrgeräuschs ihres Rovers wahrnehmen konnte. »Und die altertümliche Sirene, was hat die zu bedeuten?«
»Ein Sonnensturm kommt. Eine mächtige Plasmawolke aus Protonen, Elektronen und Heliumkernen bewegt sich auf den Planeten zu. Auf dem Mars, der praktisch kein Magnetfeld besitzt, ist der Sonnensturm lebensgefährlich. Weil er auch den Funkverkehr stört, werden die Kolonisten durch Sirenen gewarnt. Sie müssen sich jetzt vor den Strahlen schützen, Miss, und in die Schutzkammer hinter den Fahrersitzen hineinkauern.«
»Du bist lustig, Sim«, hauchte Heroine schwach. »Wie soll ich mich dort hineinkauern, wenn ich weder Arme noch Beine spüre und mich praktisch nicht mehr bewegen kann? – Bis die Sonnensturmgefahr vorüber ist, bin ich sowieso erfroren.« Heroines Stimme wurde immer schwächer und ihr lief ein Schauer den Rücken herunter. »Wenn kein Wunder geschieht, kann ich es mir aussuchen: Tod durch Unterkühlung oder Verstrahlung. – Glaubst du an Wunder, Sim?
»Ich glaube an gar nichts, Miss. Auch nicht an Wunder.«
»Zu dumm, dass ich jetzt darauf warte.« Und nach einer Pause: »Wie weit ist es noch, Sim? Meine Körpertemperatur ist unter 33 Grad gefallen.«
»Halten Sie durch, Miss. Schlafen Sie nicht ein, sonst geht alles ganz schnell.«
Heroines Stimme war kaum noch zu hören und sie fing an wirr zu reden: »Bei mir geht nichts mehr schnell, Sim. Mir ist alles egal. Mein Körper läuft auf Sparflamme. – Aber mach du schneller Sim. Gib Gas, bevor ich bewusstlos werde, und ich es nicht erlebe, wenn alles ganz schnell geht.«
Plötzlich rumpelte es, der Rover schüttelte sich, legte sich schräg. Metall schrammte über Felsen, kreischte, der Boden des Fahrzeugs wurde aufgeschlitzt. Dann stoppte der Rover, als sei er gegen eine Mauer gefahren.
Das Letzte, was Heroine wahrnahm, bevor ihr Helm gegen das Armaturenbrett knallte und sie bewusstlos wurde, war die große Felsspalte im Weg, die Sim übersehen hatte, weil er in ihr Gesicht schaute.
»Ist der Himmel in mir oder bin ich in ihm?«, murmelte Heroine. Und nach einer Weile: »Lieber hätte ich nur zu ihm aufgeschaut, als in ihm zu leben.«
»Keine Sorge«, kam die beruhigende Antwort. »Es stimmt nicht, was viele behaupten, dass man durch uns in den Himmel kommt. Man kommt höchstens in den Marsboden. Aber noch ist es nicht so weit. Sie liegen im Krankenhaus der Kolonie.«
Erschrocken schlug Heroine die Augen auf: »Wo, wo bin ich?« Sie schaute sich um und sah ein weiß gestrichenes Zimmer mit ihrem Krankenbett, einem Nachtschränkchen und einem freundlich dreinblickenden älteren Herrn im weißen Arztkittel, der auf die Instrumententafel über ihrem Kopf blickte.
»Ich bin Dr. Paz. Sie haben noch mal Glück gehabt. Die Unterkühlung hätte Sie umbringen können.«
»Wie komme ich hierher?«, wollte Heroine wissen und richtete sich dabei auf.
»Langsam, junge Dame!« Dr. Paz drückte Heroine sanft wieder zurück ins Kopfkissen. »Erst muss ich noch ein paar Untersuchungen durchführen.«
»Ich bin Dr. Heroine Embassy und habe unter anderem Weltraummedizin studiert. Ich weiß selbst, was für mich gut ist«, protestierte Heroine.
»Das bezweifle ich gar nicht Dr. Embassy, aber im Augenblick sollten Sie ruhig ein wenig Verantwortung delegieren«, antwortete Dr. Paz in ruhigem Ton und drückte verschiedene Knöpfe, um auf dem Monitor über ihrem Kopf ein neues Bild zu erhalten.
Heroine beruhigte sich und die Neugier drängte sie: »Wie hat man mich gerettet, Dr. Paz?«
»Möchten Sie etwa meinen medizinischen Bericht hören?«, schmunzelte Dr. Paz.
»Sagen Sie mir einfach, was passiert ist.«
Dr. Paz berichtete: »Eine gute Dreiviertelstunde nach dem Katastrophenalarm hat eine Polizei Patrouille Sie in bewusstlosem Zustand hier ins Krankenhaus eingeliefert. Die Polizisten sagten, sie hätten die Staubwolke Ihres Rovers schon von Weitem gesehen. Als Sie in das äußere Sperrgebiet eindrangen und ihre Staubwolke darin endete, fuhr die Patrouille zu der Stelle und entdeckte Sie selbst in bewusstlosem Zustand sowie ihren beschädigten Androiden. Man kann sagen, die Katastrophe hat ihr Leben gerettet. Denn ohne Katastrophe hätte es keine überwachte Sperrzone gegeben.«
Heroine erinnerte sich wieder, was geschah, bevor sie bewusstlos wurde: »Wo ist mein Raumanzug, Dr. Paz?«
»Ich weiß von keinem Raumanzug, Dr. Embassy. Die Polizei lieferte Sie ohne Anzug ein.«
»Und von welcher Katastrophe reden Sie? Ich hab geglaubt, es wäre nur der übliche Sonnensturm«, bohrte Heroine weiter.
»Ach so, ja, das können Sie natürlich nicht wissen. Es kam zu einem Störfall im großen Reaktor, der die Gewächshäuser beheizt. Radioaktiver Dampf trat aus, vernichtete die gesamte Ernte. Radioaktives Kondensat verstrahlte alle Böden in den Gewächshäusern. Die Böden müssen nun ausgetauscht werden. Wir werden für mindestens ein Jahr keine eigenen Lebensmittel mehr erzeugen können und sind auf Importe angewiesen. Bei den Transportkosten pro Kilo Lebensmittel durch den Weltraum bis hierher können Sie sich vorstellen, dass einige Kolonisten aufgrund steigender Preise verarmen werden. Schon allein das kann zu Unruhen führen.« Dr. Paz machte ein besorgtes Gesicht. »Aber als Erdling kann Ihnen das ja egal sein.«
Leicht aggressiv antwortete Heroine: »Auch wenn ich nur ein Erdling bin, so ist mir Mitgefühl und Sorge keineswegs fremd. Aber können Sie mir sagen, wer ein Interesse daran haben kann, mich, einen Erdling umzubringen?«
Das Gesicht von Dr. Paz verfinsterte sich. Er drehte sich weg und verließ den Raum. Nach zehn Minuten kam er lächelnd wieder zurück und schaute auf die Instrumente: »Schön, dass Ihr Adrenalinspiegel sich wieder normalisiert. Ich wollte Sie übrigens nicht beleidigen.«
Es klopfte an die Tür zum Krankenzimmer und ohne eine Aufforderung abzuwarten, trat ein junger Uniformierter ein. Sichtlich verlegen überreichte er Heroine ein Flugblatt: »Tut mir leid, aber es gehört zu meinen Aufgaben, dass ich Ihnen das hier überreichen muss.« Dann verschwand er so schnell, wie er gekommen war.
»Die ganzen Kosten für meinen Forschungsaufenthalt auf dem Mars in die rote Erde gesetzt«, schimpfte Heroine, während sie las:
Notstandsmaßnahme
Aufgrund der zu erwartenden Lebensmittelknappheit werden alle Erdlinge,
die keine dauerhafte Aufenthaltsberechtigung für den Mars besitzen, aufgefordert
binnen 24 Stunden die Marskolonie Eos zu verlassen.
Verstöße können mit Gefängnis geahndet werden.
Der Regent der Marskolonie Eos
Skylla
Auf der Erde rollt ein Taxi langsam vor das Eingangsportal des Raumfahrtministeriums und bleibt in Höhe einer Plastikfigur stehen, die eine Raumstation darstellt.
»Sie haben Ihr Ziel erreicht. – Bitte steigen Sie aus.« Die sanfte Stimme des Steuerungscomputers fordert die zwei Fahrgäste auf, das Taxi zu verlassen, doch diese rühren sich nicht.
»Sie haben Ihr Ziel erreicht. – Bitte steigen Sie aus.« Die Stimme wird energischer und die Fahrzeugtüren springen knackend von selbst auf.
Ministeriumsbesucher eilen in Richtung des Eingangsportals und drehen kurz ihre Köpfe zum Taxi um. Verwundert sehen sie zwei regungslose nach vorne gebeugte Menschen, die auf der vorderen Sitzbank verharren.
Die Taxistimme meldet sich erneut, diesmal kräftig und tief. Es ist keine freundliche Frauenstimme mehr, sondern eine achtungseinflößende Männerstimme: »Ich fordere Sie hiermit zum letzten Mal auf, das Taxi zu verlassen.«
Der größere der beiden Männer, dem der breitrandige dunkle Hut nach vorne ins Gesicht gerutscht ist, regt sich ein wenig.
Plötzlich beginnt das Taxi, Alarm zu schlagen. Seine Hupe heult einer Sirene gleich. Erschrocken drehen sich die Passanten um. Sekunden später stürzt aus dem Eingangsportal des Ministeriums ein Trupp von vier silbern gekleideten Wachmännern, ihre Strahlengewehre im Anschlag. Die Integralhelme des Trupps mit ihren heruntergelassenen Visieren lassen das Gefühl eines Kriegs zwischen Sternenkriegern aufkommen. Die Passanten springen verstört in Deckung. Unmittelbar darauf umstellt der Trupp das Taxi.
»Raus da, aber mit erhobenen Händen«, befiehlt der Anführer der vermeintlichen Sternenkrieger kurz und harsch. Jetzt bewegt sich auch der kleinere der beiden Taxipassagiere, ein Junge von vielleicht sechzehn Jahren, bekleidet mit Safariweste und Jeans.
Einer der Wachmänner, wendet sich an seinen Anführer: »Ich glaube, das sind keine Terroristen. Die sind nur nicht richtig bei Sinnen, Commander.«
»Sanitäter«, brüllt der so Angesprochene. »Sanitäter, hierher zum Taxi.«
Er hätte gar nicht zu brüllen brauchen, denn das in seinem Integralhelm eingebaute Mikrofon überträgt selbst leise Gespräche zum Leitstand der Wachmänner im Inneren des Ministeriums.
Kurz darauf laufen zwei weiß gekleidete Sanitäter mit Rettungskoffern aus dem Eingangsportal und auf das Taxi zu. Die zunächst ängstlichen Passanten wagen sich hinter den Säulen oder Plastiken hervor, die ihnen als Deckung dienten, und schauen neugierig zu.
Während der eine der Weiß Gekleideten die Analysegeräte bedient, die er den Fahrgästen wie Hüte aufgesetzt hat, schießt ihnen der andere mit seiner Impfpistole ein Kreislaufmittel in die Blutbahn.
Die beiden Fahrgäste fangen an zu blinzeln und zu gähnen.
»Wer sind Sie?«, brüllt der Commander die beiden zu sich Kommenden an.
Der ältere Fahrgast reibt sich den Nacken und gibt ein »Ääh« zur Antwort.
»Ausweis, aber zack«, befiehlt der Commander.
Der jüngere der beiden Fahrgäste hat inzwischen sein Bewusstsein wieder erlangt. Mit weit aufgerissenen Augen blickt er verwirrt um sich und stottert: »Mein Prof, äh, dieser Herr neben mir, äh, ist doch der bekannte Professor Allman.« Als er keine Regung hinter den Visieren erkennt, redet er schneller weiter: »Mein Name ist Daniel Josten. – Wir haben einen wichtigen Termin beim Minister Flywell persönlich.«
Eine Viertelstunde später sitzen Professor Allman und Dan, immer noch leicht benommen in der Besucherecke des Amtszimmers von Flywell.
Flywell, ein sympathischer Politiker, Mitte vierzig und von kräftiger Gestalt, fragt besorgt nach: »Sind sie wirklich sicher, dass Sie nicht überfallen wurden? – Unser Sanitätsdienst hatte einige Mühe, Sie wach zu bekommen.«
Professor Allman macht ein bedenkliches Gesicht: »Komisch ist das schon, dass wir beide, ich und mein Assistent zur gleichen Zeit eingeschlafen sind, aber ich kann mich nicht einmal mehr daran erinnern, dass ich überhaupt ins Taxi gestiegen bin.«
»Mir geht es wie Professor Allman«, bestätigt Dan. »Ich hab genauso noch mein Geld und meine Papiere. Das schließt wohl einen Raubüberfall aus. – Aber warum sind wir überhaupt eingeschlafen? – Und warum kann ich mich nicht mehr an die Taxifahrt erinnern?«
Flywells Gesicht wird besorgter als es schon war: »Vielleicht hat das ja alles die gleiche Ursache, warum bei mir und meinen Kollegen in den Ministerien immer mehr Daten verloren gehen. – Immer mehr Wissen der Zeit verschwindet.« Mit ängstlichem Unterton fügt er hinzu: »Ich glaube, die Realität verschwindet.«
»Herr Minister?« Professor Allman schaut Flywell ungläubig an. »Ich will ja nicht unhöflich sein, aber die Bevölkerung hat schon immer den Eindruck gehabt, dass die Regierung nicht mit Weisheit geschlagen ist.«
Trotz des Ernstes der Situation entspannen sich Flywells Gesichtszüge ein wenig: »Danke für Ihre Offenheit, Professor Allman, aber das meine ich nicht.«
»Was dann?«
»Geduld, Herr Professor Allman. – Fühlen Sie und Ihr Assistent sich überhaupt frisch genug eine sehr ernste Angelegenheit zu besprechen?«
»Irgendwie habe ich fürchterlichen Durst. Aber wenn wir etwas zu Trinken bekommen, wird es schon gehen«, bestätigt Professor Allman und wendet sich dann an seinen Assistenten: »Was meinst du, Dan?«
»Ich glaube, ich bin weniger mitgenommen als Sie, Professor. Und die Frage, warum das Wissen der Zeit und die Realität verschwinden, interessiert mich sehr. – Aber gegen etwas zu trinken habe ich natürlich nichts einzuwenden.«
Flywell langt sich an den Kopf. »Wo hab ich bloß meine Gedanken? – Verzeihen Sie meine Unaufmerksamkeit«, entschuldigt er sich und geht zu seinem Bildschirm-Kommunikationsgerät an seinem Schreibtisch. Er gibt die mündliche Order, für Professor Allman einen auf traditionelle Art zubereiteten Matetee zu bringen und für sich und Dan einen Saborear, das erfrischend nach Pfefferminz schmeckende Getränk, dessen Rezept Professor Allman von seiner Reise in ein paralleles Universum mitgebracht hat.
»Das haut mich um«, staunt Professor Allman. »Woher wissen Sie, was ich am liebsten trinke?«
»Und woher kennen Sie den Saborear?«, möchte Dan wissen. »Ich glaube mit dem Verschwinden von Wissen und Realität kann es wohl nicht so schlimm sein.«
»Ich hab meine Quellen«, grinst Flywell und wird sofort wieder ernst. »Dennoch ist das Verschwinden von Wissen und Realität eine Bedrohung für unsere Regierung, unser Land, ja, für die ganze Welt.«
»Sie machen mich immer neugieriger, Herr Minister.« Professor Allman schaut ihn mit immer lebhafteren Augen an.
Es klopft an der Tür und ohne das 'Herein' abzuwarten, öffnet sich diese. Ein Mensch ist nicht zu sehen. Dafür rollt ein Servierwagen in den Raum. Aber was für ein Servierwagen? Es ist einer an dessen Seiten links und rechts Greifarme, mit Händen ähnlich denen eines Menschen angebracht sind.
Der Servierwagen bleibt vor Professor Allmans Besuchersessel stehen, grapscht mit den Fingern seines rechten Greifarms nach der Kalebasse, die den Matetee enthält, schwenkt und drückt sie Professor Allman in die Hände.
Professor Allman schießt es durch den Kopf: »Sogar die Bombilla, das originale Trinkröhrchen steckt in der Kalebasse. – Ob ich wohl später heißes Wasser für einen zweiten Aufguss bekommen werde?«
Er hat seinen Gedanken nicht fertig gedacht, als der Servierwagen mit einer Automatenstimme bereits antwortet: »Selbstverständlich, Herr Professor Allman.«
»Ääh, danke. Ich hab doch noch gar nicht gefragt«, murmelt Professor Allman verblüfft, dann rollt der Servierwagen zu Dan und stellt vor ihm einen Saborear auf den Besuchertisch. Als Dan das Getränk kritisch betrachtet, antwortet ihm der Servierwagen: »Ja, es ist nach dem Rezept bereitet, das Sie im Kopf haben.« Dan pfeift nur durch die Zähne.
Als Letztes bedient der Servierwagen den Minister ohne weiteren Kommentar.
Professor Allman lässt die Vermutung, der Servierwagen habe seine Gedanken gelesen, keine Ruhe. »Wie hat der Servierwagen meine Gedanken lesen können? Oder war es nur ein Zufall, dass seine Antwort zu meiner gedachten Frage gepasst hat?«, möchte er von Flywell wissen.
»Sie wissen doch, dass das aktive menschliche Gehirn elektromagnetische Muster erzeugt und aussendet?«, fragt Flywell.
»Ja, schon«, zögert Professor Allman. »Aber bisher hat man die Muster nur im medizinischen Bereich zur Steuerung ersetzter Gliedmaßen verwenden können.«
»Schön, dass ich Sie noch verblüffen kann, Professor Allman«, schmunzelt Flywell. »Ich will es Ihnen erklären. Die Programme zur Interpretation von Gedankenmustern sind in letzter Zeit erheblich verbessert worden und der Servierwagen steht in Kommunikationsverbindung zum Zentralcomputer, in dem ihre Gesundheitsdaten und ihr komplettes biometrisches Profil gespeichert sind. Er vergleicht ihre elektromagnetische Ausstrahlung mit den gespeicherten Daten und schon kann er ihre Gedanken ziemlich genau interpretieren.«
»Uff«, stöhnt Dan. »Da bin ich wirklich froh, dass wir in keinem totalitären Staat leben. Man stelle sich mal vor, man geht harmlos spazieren oder einkaufen oder fährt Taxi und denkt sich, 'was hat die Regierung bloß wieder für einen Mist gemacht, die gehört wirklich abgewählt.' und Minuten später wird man von einem Trupp Wachleuten wegen zersetzender Gedanken festgenommen.«
In Flywells Gesicht zeigen sich Sorgenfalten, als er Dan antwortet: »Sie haben es auf den Punkt gebracht, junger Mann. Das ist der Grund, warum ich Sie beide ins Ministerium gebeten habe.«
Professor Allman erkennt nicht, worauf Flywell hinaus will. »Ich denke, unser Staat ist der freiheitlich demokratischen Grundordnung verpflichtet und was haben wir als Naturwissenschaftler und Ingenieure mit der Politik zu tun? Wir haben da keinerlei Einfluss.«
»Verstehen Sie mich recht, Professor Allman, weder ich noch die Regierung, der ich angehöre, möchte unser Land in ein Gefängnis verwandeln. Aber Freiheit und Demokratie muss ständig verteidigt werden, nicht nur durch die Politiker. Jeder Mitbürger trägt auf seine Weise einen Teil der Verantwortung, mag dieser bedeutend sein oder klein. Ihr Teil der Verantwortung, Professor Allman und Dan, ist es bestimmte Gefahren, die der physikalischen Welt drohen, zu erkennen und zu bannen«, betont Flywell eindringlich.
Dans Stimme klingt beklommen: »Sie machen uns Angst, Herr Minister. Wollen Sie andeuten, dass unser Land in Gefahr ist, ein großes Gefängnis zu werden, wenn ein kleiner Ingenieur wie ich und ein Physikprofessor wie mein verehrter Chef Allman nicht helfen?«
Professor Allman rutscht unruhig auf seinem Sessel hin und her: »Jetzt heraus mit der Sprache, Herr Minister. – Wir haben uns genügend gestärkt durch den Matetee und den Saborear. – Bitte reden Sie Klartext.«
Flywell antwortet mit einer Gegenfrage: »Haben Sie schon mal von Kuboto gehört?«
»Doch nicht etwa der Kuboto, von der kleinen, aber extremen Hüterpartei, der am liebsten die Gedankenkontrolle einführen möchte, der Wissenschaft, freies Denken, freie Meinungsäußerung alles unter die Kontrolle eines starken Mannes stellen will, nämlich unter seine Kontrolle?«
Flywell nickt und verzieht sein Gesicht: »Ja, genau der.«
Professor Allman schöpft vernehmlich Luft: »Und was ist mit diesem Kuboto?«
»Unsere Regierung wird erpresst. Kuboto hängt da drin, aber wir haben ihm noch nichts nachweisen können. Sehen Sie selbst.« Flywell schaltet einen Bildwerfer ein, der dreidimensionale bewegte Bilder in den Raum projiziert.
Mitten im Amtsraum taucht das flimmernde, virtuelle Bild von sechs schwarz gekleideten vermummten Gestalten auf. Auf ihren Pullovern prangt in gelben Lettern die Aufschrift: ‚Hüter der absoluten Wahrheit’. Einer von ihnen tritt hervor und verliest seine Botschaft: » ... wir die Hüter unterstützen unseren Favoriten Kuboto bei den nächsten Wahlen zum Premierminister. Nur Kuboto kann unser Land und die Welt erretten und von dem Geschmeiß der Freidenker, Intellektuellen und Wissenschaftler befreien ...«
Dan läuft rot an und springt von seinem Sessel hoch: »Wenn ich schon deren Vokabular höre, dann läuft mir die Galle über.«
Professor Allman legt beruhigend seine breite Hand auf Dans Arm. »Lass erst mal fertig hören, Dan.«
Der selbst ernannte Hüter fährt drohend fort: » ... wenn Sie Kuboto nicht innerhalb eines Monats zum Premierminister machen, dann ist es mit der Realität Ihres unwerten Staates vorbei. Es wird dann keine Regierung mehr geben, kein Volk, keine Häuser, kein Land. Nichts wird mehr in der Realität existieren. Die Realität wird einfach verschwinden.«
»Die sind ja völlig irre«, lacht Dan erleichtert. »Und so unendlich dumm, wenn die glauben eine Terrorgruppe könnte bestimmen, wer Premierminister wird. Wir müssen uns keine Sorgen machen.«
»Warten Sie mit Ihrem Urteil, junger Mann, bis Sie alles wissen«, bremst Flywell die emotionalen Äußerungen Dans. »Es mögen Irre sein, aber es sind sehr gefährliche Irre.«
Der Sprecher der Terrorgruppe fährt in seiner Rede fort: »... zum Beweis, dass wir, die Hüter der absoluten Wahrheit, nicht spaßen, lassen wir von heute an jeden Tag etwas aus der Realität verschwinden, solange bis Kuboto Premierminister geworden ist. Wir fangen mit dem Wissen der Zeit an. Alles Wissen verschwindet nach und nach. Unsere Gegner werden dumm und dümmer werden. ...«
Flywell schaltet die dreidimensionale Projektion aus. Augenblicklich verschwinden die virtuellen Bilder. »Die nun folgenden unflätigen Äußerungen über unser Land können wir uns ersparen, die bringen im Augenblick keine weiteren Erkenntnisse.«
»Das gibt für mich keinen Sinn«, meint Professor Allman gelassen. »Niemand kann die Realität oder das Wissen der Zeit verschwinden lassen.«
»Meinen Sie?« Flywell scheint es besser zu wissen. »Folgen Sie mir bitte, ich möchte Ihnen etwas zeigen.« Er steht auf und geht zur Tür.
Professor Allman und Dan folgen Flywell durch die Flure des Raumfahrtministeriums. In den Gängen begegnen sie ständig Beamten, die in ihrer blauen Dienstkleidung mit dicken Ordnern unterm Arm, wie aufgescheuchte Hühner ein fluchtartiges Ziel zu verfolgen scheinen. Die beiden Wissenschaftler spüren, dass das nicht der normale Alltag im Raumfahrtministerium sein kann.
Schließlich hält Flywell vor der Tür mit der Aufschrift ‚Raumfahrtbibliothek’. Er gibt den mündlichen Befehl ‚Öffnen.’ und die in die in den Türöffner eingebaute Stimmerkennung reagiert sofort. Die Flügeltür zum Lesesaal der Bibliothek springt auf. Sie treten ein in einen großen, dreifach unterteilten Saal. In der Mitte stehen die Lesegeräte und die Tische der Lesesaalbesucher. Auf der linken Seite erstrecken sich die Regale mit den modernen Speichermedien und auf der rechten die Bücherregale.
»Ist das nicht toll?«, fragt Flywell. »Trotz der modernen Speichermedien werden immer weiter Bücher gedruckt.«
»Das verstehe ich gut. Mir sind Bücher auch lieber als Speicherkristalle«, wirft Dan ein. »Man kann sie so unkompliziert ohne Lesegerät nutzen.«
»Dann wollen wir mal zuerst zu den Büchern rübergehen«, schlägt Flywell vor und geht voran.
Dan bleibt staunend vor den Bücherrücken der seltenen und teuren Exemplare seines eigenen Fachgebiets stehen. »Auf die hätte ich während meines Studiums Zugriff haben sollen. Dann hätte ich meinen Ingenieurabschluss bestimmt noch ein Jahr früher schaffen können.«
»Bedienen Sie sich, Dan«, fordert ihn Flywell auf.
Freudig greift sich Dan als Erstes ein Buch mit der Aufschrift »Konstruktion von kalten Fusionsreaktoren« und blättert darin. Sein Gesicht wird lang und länger. Dann greift er nach einem Exemplar mit der Aufschrift »Grundlagen der Quantenphysik«. Er blättert und stopft das Buch enttäuscht zurück ins Regal.
»Dan, was ist denn?«, hakt Professor Allman nach.
Dan antwortet nicht, sondern reißt ein drittes Buch aus dem Regal: »Optimierung von Plasmatriebwerken«. Er blättert darin, knautscht sein Gesicht und herrscht dann Flywell erbost an: »Was soll das? Wir haben weder ersten April noch Karneval?«
Professor Allman nimmt Dan das Buch aus der Hand und blättert selbst. »Kein einziger Buchstabe?«, fragt er befremdet. »Nur winzige, zufällig angeordnete graue Punkte.«
Flywell schnaubt: »Gestern waren sie noch nicht grau und leer.«
Professor Allman betrachtet einige der grauen, leeren Seiten genauer. Ihm scheint es, als würden sich, ganz blass, die grauen Pünktchen wieder zu Buchstaben zusammenfügen. Je länger er eine Stelle fixiert, desto besser kann er den Inhalt lesen und desto schärfer treten die Buchstaben hervor. Nach einiger Zeit ist die komplette Buchseite wieder ordentlich bedruckt. Er versucht das Gleiche noch mal mit einer zweiten und dritten Seite. Jedes Mal bekommt er das gleiche Ergebnis. Die Seiten erscheinen wieder vollständig bedruckt mit Buchstaben.
»Haben Sie das bemerkt, Herr Minister? Die Seiten erscheinen nach und nach, wenn man versucht sie zu lesen.«
»Ja, das ist uns bekannt. Haben Sie nicht die Ministeriumsbeamten in den Fluren mit Ordnern unterm Arm gesehen?«
»Was ist mit den Beamten, mir ist nur die untypische Geschäftigkeit aufgefallen, Herr Minister.«
»Nun, meine Beamten haben die Anweisung, die wichtigsten Dokumente aus dem Archiv zu holen und so zu tun, als würden sie die Vorgänge lesen. Die Beobachtung macht sie nach einiger Zeit wieder lesbar. Leider ist das ein sehr aufwendiger Vorgang. Die normale Arbeit im Ministerium ist zum Erliegen gekommen und jeden Tag verschwindet dennoch erneut ein Stück unseres Wissens.«
Dan glaubt einen Lösungsvorschlag zu haben: »Und wenn man alles einscannt, bevor es verschwunden ist und auf Datenkristalle speichert?«
»Das haben wir versucht, Dan, doch zwischenzeitlich sind große Teile des Datenarchivs leer. Der Inhalt der Datenkristalle verschwindet genauso nach und nach. Die Informationen sind verschwunden und zu einer Menge an zufällig verteilten Bits und Bytes geworden. Das Problem ist hier größer als bei den Büchern und Dokumenten, denn bisher ist es uns nicht gelungen, die verschwundenen Daten wieder zu rekonstruieren.«
Dan schüttelt sich: »Schrecklich. Das ist das reinste Grauen.«