D e r Sebastian Jutzi
Go rilla
Die letzten schwarzen
Riesen im Kongo –
ein dokumentarischer Thriller
D e r Sebastian Jutzi
Go rilla
Die letzten schwarzen
Riesen im Kongo –
ein dokumentarischer Thriller
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Satz: Leingärtner, Nabburg
ePub-ISBN: 978-3-641-08315-1
V002
Für Jasmin
Vorwort
In dem Moment, in dem ich hier in Frankfurt diese Zeilen schreibe, schlagen rund 6 000 Kilometer entfernt im Gorillawald Granaten ein. Zwischen den schweren Explosionen ertönen Maschinengewehrsalven. Der Krieg ist zurück im Ostkongo. Rebellengruppen haben sich in den Wäldern des Virunga-Nationalparks verschanzt und erwidern von dort den Beschuss der Regierungstruppen. Wieder flüchten die Menschen vor Mord und Totschlag, heraus aus ihren abgelegenen Dörfern, über die grüne Grenze in die Nachbarländer Ruanda und Uganda oder zumindest in die vermeintlich sichere Lage nahe der größeren Städte. Leid und Elend grassieren erneut entlang der großen Seen im Herzen Afrikas.
Wieder ist auch die Zukunft der Berggorillas ungewiss. Instinktiv werden sie vor den krachenden Einschlägen und dem Feuergeruch geflohen sein, tiefer in den Wald hinein. Doch viele Möglichkeiten bleiben ihnen nicht. Ihr Gebiet, ein Anhängsel des Parks, gerade einmal so groß wie Frankfurt, liegt wie eine Insel in einer dicht von Menschen besiedelten Landschaft, in der jeder Quadratmeter entweder Feld oder Siedlungsfläche ist. Und die Gipfellagen der Vulkanberge sind zu kalt und unwirtlich und die Vegetation dort oben zu schütter für Tiere, die mehr als 15 Kilo Pflanzen pro Tag fressen. Zudem gehen sich Gorillagruppen aus dem Weg, sodass es für die mächtigen Anführer, die Silberrücken, schwierig sein wird, überhaupt noch freie Waldstücke zu finden. Sie werden nicht verstehen, dass die Menschen, die sie in den letzten Jahren als zwar eigenartige, aber dennoch friedliche und freundlich distanzierte Besucher kennengelernt haben, nun nichts anderes als Verderben bringen.
Ihre Bodyguards, die täglich unter ihnen weilten, die Ranger der kongolesischen Naturschutzbehörde, sind längst aus dem Park geflohen, nachdem schon in den ersten Tagen der aufflammenden Kampfhandlungen einer ihrer Kollegen erschossen worden war. Ein weiterer von mehr als 120 Rangern, die im letzten Jahrzehnt im Dienst ihr Leben ließen. Diese Männer sind die wahren Helden des Naturschutzes, die sich aufopfern für eine der eindrucksvollsten Tierarten unseres Planeten, für unsere nächsten Verwandten, für die letzten Berggorillas.
Wie an kaum einen anderen Ort der Welt scheinen im Osten des Riesenlandes Kongo Paradies und Hölle miteinander zu verschmelzen. Die Ufer des Kivusees, mitunter von blühenden Gärten gesäumt, mit der Aussicht auf die Berge, erinnern ans Tessin. Der Reiseprospektslogan von der Schweiz Afrikas drängt sich geradezu auf. Große Flüsse, Savannen, Trocken-, Feucht- und Bergwälder, Seen und Sümpfe, all dies sind Bestandteile eines der reichhaltigsten Nationalparks der Welt. Aktive Vulkane, einer sogar mit einem ständig brodelnden Lavasee, ein Fenster quasi ins flüssige Innere unserer Erde, und dazu Berge, deren Gipfel in 5 000 Meter Höhe sogar von Gletschern überzogen sind. Ein Land aus Feuer und Eis, ein Weltnaturerbe par excellence. Dazu die fruchtbarsten Böden für die Landwirtschaft, bestens versorgt mit Wasser und Sonnenlicht, für einen ganzjährigen Anbau. Und darunter eine Schatzkammer mit Gold, Diamanten, seltenen Metallen, Öl und Gas.
Doch der Reichtum schafft Begehrlichkeiten und der Handel mit Bodenschätzen dient häufig dem Waffenkauf. Zur tödlichen Melange im Kongo kommen weitere Faktoren hinzu: Grenzen, die einst willkürlich von Kolonialherrschern geschaffen wurden, Stammesfehden und die Auswirkungen eines der grausamsten Genozide der Geschichte im Nachbarland Ruanda.
Bereits vor mehr als 40 Jahren hat der Grandseigneur des internationalen Naturschutzes, Professor Bernhard Grzimek, den unfassbaren Wert und die blanke Not des Ostkongos erkannt und erste Spendengelder der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt für die Berggorillas, für die Ranger und letztlich für die Menschen der Region eingesetzt. Damals wurde ein stilisiertes Porträt der charismatischen Tiere zum Logo der Organisation, und so ziert der schwarze Gorillakopf auf grünem Grund auch heute noch Landrover, Flugzeuge oder Expeditionskisten in aller Welt. Die Frankfurter Naturschützer sind ihrem Wappentier bis heute treu geblieben. Nur von schwersten Kriegswirren unterbrochen, reicht das Engagement bis in die heutige Zeit und ganz sicher auch darüber hinaus.
Zu wertvoll ist die Region, zu nah am Paradies, als dass man sie leichtfertig aufgeben dürfte.
Doch bisher laufen Krieg und Krisen im Osten des Kongos weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit ab. Nur ab und zu schaffen es Nachrichten in die Negativschlagzeilen der Weltpresse. Von einem echten, Frieden schaffenden Engagement der Staatengemeinschaft, das mehr ist als der Alibieinsatz der Blauhelme, scheint man Lichtjahre entfernt. Und darüber hinaus soll das Herzstück des ältesten Nationalparks Afrikas jetzt auch noch für die Ölförderung freigegeben werden.
So ist es das große Verdienst von Sebastian Jutzi, den Vorhang zu öffnen und die Welt teilhaben zu lassen an diesem Drama im Paradies. Sachkundig und ungemein spannend beschreibt er die komplexe Welt an den Vulkanbergen und bringt die Hauptdarsteller ins Rampenlicht. Die Gorillas, selbstverständlich, aber auch ihre Begleiter und Beschützer. So kann nur schreiben, wer viele Monate recherchiert hat und selbst ausgiebig vor Ort war, wer Gorillas in die Augen schauen konnte, wer Berggipfel erklommen hat und wer viele, viele Stunden den Rangern und Naturschützern gelauscht hat. Nur wer es vermag, die Faszination dieser Menschen aufzunehmen, wer ihren unbändigen Willen zum Schutz der Natur versteht, nur der kann dies auch an die Leser weitergeben.
Manchmal im Leben verschlägt es uns an Orte, die einen unweigerlich in den Bann ziehen und nie mehr loslassen. So ist es wohl auch Sebastian Jutzi ergangen, als er vor mehr als fünf Jahren zum ersten Mal den Ostkongo bereiste und mit den Rangern durch den Gorillawald zog. Manchmal gibt es Bücher, die einen fesseln und die man nicht mehr aus der Hand legt, bevor sie ausgelesen sind. Genau dies ist diesem Buch zu wünschen. Und Bernhard Grzimek würde anfügen: Und den Gorillas und Rangern ist zu wünschen, dass die Zoologische Gesellschaft Frankfurt sich weiter so stark für sie einsetzt und dass es Menschen gibt, die dies mit ihren Spenden ermöglichen.
Dr. Christof Schenck
Geschäftsführer Zoologische Gesellschaft Frankfurt
Mai 2012
Prolog
Jetzt gilt es. Mit aller Kraft und aller Entschlossenheit, die ein Gorillamann aufbringen kann, muss der Silberrücken diesen Kampf gewinnen – oder sterben.
Ungefähr 13 Jahre ist er alt, sein mit Muskeln bepackter Körper wiegt vielleicht 150 Kilogramm. Wenn er sich auf seinen Hinterbeinen aufrichtet, ist er etwa 180 Zentimeter groß. Die Haare an seinem Rücken und Bauch haben sich erst vor Kurzem grau verfärbt, als Zeichen seiner Manneswürde und seines Anspruchs, einmal eine eigene Familie zu gründen. Schwarz und lang hängen Zotteln von seinen Armen und Beinen.
Jetzt stehen dem prächtigen Tier mächtige Feinde gegenüber. Sie haben den Silberrücken, der noch unter der Herrschaft eines anderen Gorillas lebt, und seine Sippe in den dichten, dampfenden Bergregenwäldern des Visoke-Vulkans im Herzen Afrikas aufgespürt.
Um den Urwaldkoloss herum springen bellende, zähnefletschende Geschöpfe. Wenn er sie anschreit, dann kläffen und knurren sie nur um so lauter. Sie umkreisen ihn und springen vor, nur um seinen Attacken blitzschnell auszuweichen. Sie sind klein, viel kleiner als der gewaltige Affe, und haben seiner Kraft nichts entgegenzusetzen. Aber er bekommt sie einfach nicht zu fassen.
Hinter den Krawallmachern lauern viel größere Wesen. Sie gehen aufrecht und halten Stöcke in ihren Händen. Sie sind gefährlich, mehr als die bellenden Hunde, mehr noch als Schlangen, mehr noch als Leoparden in der Nacht. Sie stoßen dunkle Rufe aus.
Seit Generationen wissen die Gorillas, dass diese Wesen den Tod bringen. Und es kommen immer mehr, um die Affen zu töten.
Vor ihnen muss er seine Gruppe schützen. Der Anführer hingegen hat sich mit den Weibchen und Jungtieren davongemacht. Die Sippe ist das Wertvollste, das ein Gorillamännchen verteidigen kann. Das wird er nun tun, und wenn es ihn das Leben kostet. So einfach werden diese Wesen jedenfalls nicht an ihm vorbeikommen, um seine Verwandten zu töten.
Jetzt endlich hat der Silberrücken einen der Kläffer gepackt. Seine mächtige Faust greift nach dem kurzhaarigen Fell und schleudert den jaulenden Hund zu Boden. Dann stürzt sich der Gorillamann auf den Gegner, versetzt ihm einen betäubenden Schlag und löscht sein Leben mit einem weiteren Hieb auf den Schädel aus.
Ihm bleibt keine Zeit, seinen Triumph auszukosten, denn schon sind die Kumpane des Getöteten wieder an ihm, schnappen nach Armen und Beinen. Da trifft den Silberrücken ein Stoß in den Rücken. Brennender Schmerz flammt durch seine Schulter.
Rasend vor Wut wirbelt er herum und erblickt hinter einem der zähnefletschenden Hunde den Mann, der ihm einen Speer in den Rücken gerammt hat. Die Augen des Jägers sind weit aufgerissen. Schrecken und Furcht sprechen aus ihnen.
Mit einem zornigen Schrei will sich der Gorilla auf den Wilderer stürzen, doch weicht dieser zurück – zwischen dem Affen und seinem Häscher kläfft der Hund und fletscht die Zähne.
Da, erneut ein Stoß in den Rücken. Der Stich trifft den Gehetzten knapp unterhalb des gewaltigen Brustkorbes. Er schmerzt mindestens so sehr wie die erste Verwundung.
Wieder wirft der Silberrücken seinen Körper in Richtung des Angriffs. Auch hier bellt ein Hund, auch hier zieht sich ein Mann mit einem Speer zurück.
Blut strömt in breiten Bächen über den Rücken des Gorillas. Der Lärm, die Schmerzen, die wie toll herumspringenden Hunde, die Menschen – all das verwirrt den kampfbereiten Silberrücken. Er hält für einen kurzen Moment inne, um neue Kraft zu schöpfen.
Da fährt ihm ein Stich in die Seite. Wieder hat eines der Wesen zugestoßen.
In unbändigem Zorn auf seine Peiniger bäumt sich der Gorilla auf. Er wird sich jetzt auf die Feinde stürzen und sie unter sich begraben. Er muss eine Entscheidung herbeiführen, denn lange wird er sie nicht mehr aufhalten, das spürt er.
Noch während er seinen Oberkörper aufrichtet, fährt ihm ein weiterer Speer in den dadurch entblößten Unterleib. Der Gorillamann fühlt den Schmerz, spürt aber auch, wie seine Beine nachgeben und die Muskeln seiner Arme schwach werden. Die Welt beginnt, sich in einem merkwürdigen Kreisel zu drehen. Eine eigentümliche Dämmerung legt sich über seine Augen.
Langsam, wie in Zeitlupe, sackt der imposante Körper in sich zusammen, fallen Arme, Brustkorb und Kopf schwer zu Boden. Wie von ferne hört der Gorilla das Bellen der Hunde, die Rufe der Menschen. Kaum merkt er, wie sich Zähne in das dichte Fell seiner Arme und Beine schlagen. Kaum spürt er, wie ihm der letzte Speerstoß tödlich in die Brust fährt.
Dann ist er tot.
Hastig schneiden die Wilderer Kopf und Hände des Affen ab. Weiße leben in der Gegend oder kommen als Touristen hierher, ins Grenzgebiet zwischen Ruanda und Zaire, der heutigen Demokratischen Republik Kongo, mitten in Afrika. Sie kaufen diese Körperteile als Souvenirs. Ein Händler hat 20 Dollar für den Kopf eines Silberrückens geboten. Ein verlockender Lohn.
Noch am selben Tag, dem 31. Dezember 1977, finden Helfer der amerikanischen Biologin Dian Fossey die Leiche und bringen sie in ihre Forschungsstation. Die Zoologin hatte den Affen Jahre zuvor »Digit« getauft – nach digitus, dem lateinischen Wort für Finger. Ihr war aufgefallen, dass er seinen einen durch eine Wunde entzündeten Mittelfinger in einer absonderlichen Position hielt.
Indem sie lernte, wie sie sich den Tieren am besten näherte, ohne sie zu verscheuchen, konnte sie sich schließlich inmitten eines Familienverbandes aufhalten. Fossey schloss Freundschaft mit den Affen, sie saß zwischen den schwarzfelligen Tieren, kraulte sie, raufte mit ihnen. Besonders Digit hatte sie wegen seiner freundlichen, neugierigen und fürsorglichen Art ins Herz geschlossen.
Digits Tod war das vielleicht traurigste Ereignis für Fossey, wie sie selbst schrieb. Zugleich brachte ihr dieser Verlust aber auch einen seltenen Erfolg im Kampf gegen Wilderer. Kurz nach Digits Tod stellte sie einen der Männer, die den Gorilla getötet hatten, und verhörte ihn. Er verriet fünf weitere Jagdgesellen, die an der Hatz auf den Silberrücken beteiligt gewesen waren. Einige, nicht alle, wurden verhaftet und bestraft.
Fossey hatte ihre Forschungen bereits 1966 in der damaligen Demokratischen Republik Kongo begonnen. Sie schlug ihr Zelt, das gerade einmal zwei auf drei Meter maß, mit zwei Helfern zunächst bei Kabara im Schatten des Mikeno-Vulkans im Virunga-Nationalpark auf. Diese provisorische Unterkunft diente ihr als Arbeits-, Schlaf- und Wohnraum. Fossey, die mit großer Hartnäckigkeit und enormem Enthusiasmus zu Werke ging, schien am Ziel ihrer Wünsche.
Doch im Juli 1967 kamen bewaffnete Soldaten, um sie abzuholen. Der damalige Parkdirektor hatte die Männer angewiesen, die fremde Weiße nach Rumangabo, dem Hauptquartier der Wildhüter im Nationalpark, zu bringen, weil er ihre Sicherheit nicht mehr garantieren konnte. Kämpfer des kongolesischen Separatisten Moïse Kapenda Tshombé lagen in schweren Gefechten mit der Regierungsarmee. Fossey flüchtete zunächst ins Nachbarland Uganda, weil sie fürchtete, dass die kongolesischen Soldaten sie nicht beschützen würden. Wegen der anhaltend unsicheren Lage im Osten des Kongos errichtete sie ihr neues Forschungscamp dann auf ruandischem Boden.
Die Biologin mit dem herben Charme erkannte früh die Macht der Bilder und nutzte sie für ihre Zwecke. Sie ließ sich zwischen den Affen fotografieren und filmen. Eine Weiße unter den als Urwaldmonster und Frauen raubende Bestien verschrienen Menschenaffen erregte Aufmerksamkeit. Fossey wurde mit ihrem Buch »Gorillas im Nebel« berühmt und organisierte den Kampf gegen die Wilderei in den Gorillawäldern – mit teilweise mehr als zweifelhaften Methoden, da sie Hütten vermeintlicher Wilderer niederbrannte, Vieh erschoss und Gerüchte streute, sie besitze magische Kräfte, mit deren Hilfe sie Menschen verfluchen könne.
Fast genau acht Jahre nach Digit wurde auch Fossey im Alter von 53 Jahren Opfer eines Gewaltaktes. Sie starb am 24. Dezember 1985 nach einem heftigen Kampf in ihrer Hütte im Schatten der Virunga-Vulkane, bei dem zwei Machetenhiebe ihren Schädel spalteten. Man fand Fossey neben ihrem Bett, mit ihren eigenen, ausgerissenen Haaren in der Hand. An ihrer Seite lag ihre Pistole. Sie hatte wohl noch versucht, die Waffe zu laden, im Gewühl aber nach der falschen Munition gegriffen.
Der Mörder nahm keine Wertsachen an sich, obwohl sich viel Bargeld in der Hütte befand. Wer Fossey tötete, ist bis heute ein Rätsel, und umso heftiger blühen die Spekulationen rund um ihren gewaltsamen Tod. Manche vermuten den Racheakt eines Wilderers, manche die Revanche eines Bauern, dessen Vieh Fossey getötet hatte, oder die Verzweiflungstat eines Hexengläubigen. Andere mutmaßen, sie sei selbst der ruandischen Regierung lästig geworden, weil sie sich dagegen wehrte, die Gorillas als touristische Attraktion zu nutzen und Geld mit organisierten Touren zu den Affen zu verdienen. Fossey fürchtete unter anderem – und das nicht zu Unrecht –, dass Besucher auch gefährliche Krankheitserreger einschleppen und dadurch den Fortbestand der Berggorillas gefährden könnten.
Wer nun tatsächlich hinter dem Mord steckt, wird wohl für immer ein Geheimnis bleiben. Der Stein auf Fosseys Grab, das man im ruandischen Karisoke Research Center direkt neben der letzten Ruhestätte des Gorillas Digit findet, trägt die Inschrift »Niemand liebte Gorillas mehr«.
I
Kongo. Kein Wort hätte Robert Muir besser davon überzeugen können, dass er die richtige Wahl getroffen hatte.
In einem Landrover rumpelt er über die Pisten Afrikas. Zahlreiche Bodenwellen schütteln den Wagen und seine Ladung durch. Die Vibrationen des Gefährts und das Röhren des Motors breiten sich im Körper aus, durchdringen jede Faser, bis er das Gefühl hat, selbst nur noch aus Vibration und Dröhnen zu bestehen. Die Reifen des Fahrzeugs wirbeln Staub auf, der sich durch die kleinste Ritze zwängt und alles, inklusive der dichten Haare des 27-Jährigen, mehlig bedeckt.
Was hatte der Offizier an dem Militärposten noch gesagt? Der Soldat hatte ihm eine Eskorte mitgeben wollen. Das vor ihm liegende, von Banditen gebeutelte Land sei viel zu unsicher, um ihn alleine fahren zu lassen. Er wäre ein zu leichtes Opfer.
Robert hatte davon gehört. Auch hatten ihm alle empfohlen, von der Serengeti aus nördlich um den Viktoriasee herumzufahren, um in die Demokratische Republik Kongo zu gelangen. Aber die ihm eigene Zuversicht und ein Blick auf die Landkarte hatten ihn die wesentlich kürzere Route wählen lassen, direkt aus dem Herzen der Serengeti durch den Westen Tansanias und Ruanda bis zu seinem Einsatzgebiet, den Virunga-Vulkanen im Osten des Kongos.
Robert hatte sich nichts dabei gedacht, als er den Offizier, der ihm die Eskorte anbot, fragte, ob sie ihn nur bis zur ruandischen Grenze oder bis zur Grenze des Kongos begleiten würde. Das schlug wie ein Blitz ein. Noch nie hatte er erlebt, dass ein Wort einen Menschen so überraschen, ja entsetzen konnte. Spöttisch hatte ihn der Posten durchgewunken. Die Gedanken des Soldaten waren deutlich von seinem Gesicht abzulesen: »Du armer Irrer, du brauchst keine Eskorte.«
Immer weiter westwärts fahrend grübelt Robert, was er von dieser Reaktion halten soll. Doch ehe sich Zweifel oder Ängstlichkeit breitmachen, hebt ihn ein gewaltiger Schlag aus dem Sitz. Gedankenverloren hat er eine tückische Bodenwelle übersehen. Der Landrover fliegt mehrere Meter weit, und Robert hat Mühe, das Lenkrad im Griff zu behalten. Geschickt fängt er den Wagen ab, der hart auf der Piste landet. Der Aufprall ist so heftig, dass er seine Wirbelsäule staucht. Dem wagemutigen Briten wird klar, dass er sich besser konzentrieren muss. Einen Überfall von Kriminellen könnte er quasi als höhere Gewalt noch akzeptieren. Aber aus eigener Unachtsamkeit auf der Strecke zu bleiben, wäre eine unverzeihliche Dummheit.
Die Landschaft verändert sich. Aus der Ebene der Savanne erheben sich immer mehr Hügel, das Terrain steigt an und formt sich zu Bergen. Das Braun der Erde und die Beige- und Gelbtöne des vertrockneten Grases werden von immer satter werdendem Grün abgelöst.
Als er auf die tansanisch-ruandische Grenze zufährt, atmet Robert auf. Er hat es geschafft und noch nicht einmal einen Banditen von ferne gesehen. Glück gehabt.
Es ist ein merkwürdiges Gefühl, das Land zu betreten, in dem zehn Jahre zuvor ein Völkermord stattgefunden hat. Wenn man weiß, dass man durch Dörfer fährt, in denen Menschen ihre Nachbarn mit Macheten abschlachteten, ganze Familien in einem Blutrausch ausgelöscht wurden, dann raubt einem das die Sicherheit und das Vertrauen in die eigene Unverletzlichkeit. Die Normalität des Alltagslebens verkommt zur Kulisse, hinter allem wähnt man Gefahr.
Ruanda ist ein fruchtbares Land, an dessen Berghängen Felder mit Bohnen, Mais, Kohl oder Bananen wie große Grassoden kleben. Passanten säumen die Straßen und zeugen von der hohen Bevölkerungsdichte von mehr als 300 Einwohnern pro Quadratkilometer. Sobald man sich einer Ortschaft nähert, werden die Menschentrauben dichter und dichter. Kinder und Jugendliche winken den Vorbeifahrenden zu, Alte jedoch sieht man kaum. Ihre hohlwangigen Gesichter starren hinter den Karossen her, die über die asphaltierte Straße brausen. Am Wegrand tummeln sich wenige Tiere, meist Ziegen oder Hühner, einige magere Hunde – und vielleicht eine Kuh.
Das Hotel in Kigali wirkt wie vieles in Afrika so, als sei es nie neu gewesen. Reist man in Länder mit begrenztem Wohlstand, sind verfallene Gebäude oder heruntergekommene Städte ein normaler Anblick. Aber man ahnt noch ihren ehemaligen Glanz, erkennt den Stolz ihrer Erbauer. In Afrika wirkt vieles hingegen, als ob es irgendwo auf der Erde eine Fabrik gäbe, die abgewetzte Möbel, lädierte Waschbecken und Badewannen, durchgelegene Matratzen, verklebte Klimaanlagen, ausgeblichene Landschaftsgemälde und eingerissene Tapeten produzieren und den Kontinent damit überschwemmen würde.
Nach einer Dusche liegt Robert auf dem Bett und denkt nach. Morgen wird er in den Kongo fahren. Wow! Er hat einen Auftrag, den er gewählt hat, obwohl er eine Alternative gehabt hätte. Im Osten des Kongos, aus dem man nur schlechte Nachrichten hört, soll er sich für die Zoologische Gesellschaft Frankfurt um den Schutz des Virunga-Nationalparks kümmern. Das Weltnaturerbe ist ein Juwel des Artenschutzes und beherbergt unter anderem die berühmten Berggorillas.
Ein Bekannter hatte ihm erzählt, dass die ZGF diesen Job zu vergeben hätte. Weshalb sie sich für ihn entschieden hat, weiß er nicht genau, aber er geht die Argumente, die aus seiner Sicht für ihn sprechen, noch einmal durch.
Sein Vater war Soldat gewesen. Also waren sie spätestens alle zwei Jahre an einen neuen Einsatzort versetzt worden. Robert kam in Münster zur Welt, wuchs in Hongkong auf und lernte als erste Sprache Kantonesisch von einem alten chinesischen Kindermädchen. Daher musste die liebe Frau die Fragen seiner Eltern, wie es ihm gehe, vom Englischen ins Chinesische übersetzen und Robs Antworten dann ebenso dolmetschen. Später zog die Familie, jetzt um eine Schwester reicher, nach Zypern. Dort trieb sich der Sechsjährige jede freie Minute in der Natur herum und sammelte alle Tiere ein, die er fangen konnte.
Das nomadenhafte Leben einer Soldatenfamilie schulte ihn darin, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. In einem sich ständig wandelnden Umfeld war die Familie die Konstante, auf die es ankam. Sie trotzte allen Widrigkeiten und verlieh Sicherheit.
Die Fähigkeit, gestützt auf eine kleine Gruppe in vielleicht unfreundlicher Umwelt agieren zu können, ist, so dämmert ihm gerade, sicher eine gute Voraussetzung für das, was ihn erwartet. Sein Studium in Naturschutz ist als fachliche Qualifikation eine Selbstverständlichkeit. Außerdem beherrscht er Französisch, eine der Verkehrssprachen im Kongo. Manche sagen, er höre sich wie ein alter Freibeuter aus der Karibik an, der sich die Fremdsprache mühsam abringt. Aber das stört ihn nicht.
Wahrscheinlich hatte die spezielle Kombination seiner Fähigkeiten und seines Charakters den Ausschlag dafür gegeben, dass er den Job bekam, den er unbedingt haben wollte.
Ein reicher Scheich aus Dubai hatte ihn auch anwerben wollen. Er sollte helfen, die Arabische Oryxantilope vor dem Aussterben zu bewahren. Mit diesem Engagement wären großartige Vergünstigungen verbunden gewesen. Ein fürstliches Gehalt, Ausrüstung vom Feinsten und Freiflüge in die ganze Welt. Doch all diese Verlockungen verblassten vor dem einen, entscheidenden Wort: Kongo.
Nüchtern betrachtet benennt dieses Wort nur einen Fluss und gibt zwei Staaten ihren Namen. Doch zwischen seinen fünf Buchstaben öffnet sich der Raum für Sehnsüchte und Emotionen, die mit Abenteuer, Exotik, Herausforderung, Heldenmut, Gier, Hoffnung und Verzweiflung nur unzureichend beschrieben sind.
Am nächsten Morgen nimmt der Diesel des Landrovers seinen Dienst nur widerwillig auf und spuckt eine Rußwolke in die Luft von Kigali. Robert dagegen fühlt sich ausgeruht und freut sich auf den neuen Tag. Schnell ein- und gut durchzuschlafen, fällt ihm selten schwer.
Die Fahrt in Richtung Grenze der Demokratischen Republik Kongo birgt keine Überraschungen. Sattes, grünes Land und Menschenmengen entlang der Straße.
Einer Autofahrt durch Ruanda haftet etwas Surreales an. Man erwartet das Schreckliche, sucht nach dem Grauenhaften, aber es stellt sich nicht ein. Die Geschichte von 800 000 Toten haftet zwar im Kopf des kundigen Besuchers, aber nicht an irgendeiner Plakatwand. Kein Hinweisschild klagt an: Hier starben zehn Kinder, hier ein alter Mann, hier zwei Frauen, deren einzige Schuld es war, zur falschen Zeit als Angehörige einer falschen Gruppe am falschen Ort gewesen zu sein.
Keine Leuchtreklame blinkt und verkündet, dass die Vereinten Nationen (UN) und damit die viel beschworene Weltgemeinschaft sich nicht darum scherten, dass und wie viele Menschen Opfer eines Massakers wurden. Von all dem sieht man nichts, während man unter Palmen dahinfährt und zur Grenze des Kongos vorrückt.
Robert stoppt in Gisenyi. Dieser Grenzort am Kivusee hat einen schönen Strand. Gepflegte Straßen führen zu Häusern und Hotels mit europäischem Standard, und man sieht Autos in tadellosem Zustand und viele geschäftige Männer in Anzügen. Ließe man sich davon blenden, verströmte das Städtchen die Atmosphäre einer Feriensiedlung am Gardasee.
Robert parkt seinen Wagen in der Nähe des Ufers und nimmt ein kühlendes Bad. Das Klima in der Region ist gemäßigt, neigt nicht zu Extremen, weder der Hitze noch der Kälte. Aber die stundenlange Fahrt hat seinen Körper ermüdet.
Mittlerweile hat sich ein milchiger Schleier über den Himmel gelegt. Robert faltet seine khakifarbene Tropenbekleidung sorgfältig zusammen und spürt trotz der Bewölkung die Kraft der Äquatorsonne auf seiner hellen Haut. Der See liegt grau vor ihm, sanft rauschend berühren die Wellen den Strand. Der feine Kies knirscht unter den Füßen, in der Ferne sieht man die Schatten von Bergrücken im Dunst. Das Wasser hat eine angenehme Temperatur und erfrischt.
Als sich Robert abtrocknet, sieht er zwei Jungs in abgetragener Kleidung, die sich um eine Blechdose streiten. Ihm ist nicht klar, weshalb sie einen Wert für die beiden darstellt, ist sie doch nur ein blankes Stück Blech. Schließlich holt einer der beiden aus und verpasst seinem Kontrahenten eine kräftige Ohrfeige. Der Geschlagene ist so verblüfft, dass er in einer Schrecksekunde die Dose, die er eben noch so fest umklammert hat, loslässt und der andere triumphierend mit seiner Beute davonläuft. Der Verlierer reibt sich enttäuscht die Wange, setzt sich an den Straßenrand und weint.
Etwas entfernt entdeckt Robert einen weiteren Jungen am Ufer. Er steht auf einem Felsen und hält eine dünne Holzstange über das Wasser, an deren Spitze ein feiner Faden geknotet ist. Er hängt senkrecht herab, und ein Korkstück zeigt an, wo er die Wasseroberfläche durchschneidet. Hinter den Füßen des Anglers steht eine Dose, sehr ähnlich derjenigen, um die die beiden Streithähne gerade eben gekämpft haben.
Jetzt zieht der Angler die Schnur aus dem Wasser. Kein Fang. Der Junge hält die Stange fast senkrecht und lässt das Ende der Schnur mit Korken und Haken auf sich zu pendeln. Dann legt er die Angel auf dem Felsen ab und greift in die Dose. Hockend hantiert er kurz herum, dann wirft er sie wieder aus.
An dem Haken windet sich ein Wurm, so viel kann Robert erkennen. In der Dose befinden sich also die Köder. Ah, darum war es also bei der Rangelei gegangen, deshalb war die leere Konserve zum Zankapfel geworden. Selbst sie stellte schon einen Wert dar, um den es sich zu balgen lohnt.
Robert zögert, ob er dem weinenden Jungen etwas geben soll. Er überlegt, was er ihm aus seinem Gepäck überlassen mag. Doch da springt der Junge bereits auf und läuft mit wehendem Hemd, das über den abgewetzten Bund seiner Hose flattert, davon.
Robert fährt durch eine Allee Richtung Grenze. Noch vor dem Schlagbaum wird der Zustand der Straße schlechter, lauern vermehrt Löcher im Asphalt. Der ruandische Posten selbst besteht im Wesentlichen aus einem Backsteinhaus mit dünnen, in altem Holz gefassten Fenstern. Die Spiegelungen in den Scheiben verraten, dass ihr Glas wellig, folglich von minderer Qualität und billig ist.
Um das Gebäude herum herrscht reges Treiben, Zivilisten mischen sich unter Uniformierte. Dort wird Tee getrunken, hier werden Hände geschüttelt. Man redet laut und lacht. Ein dürrer Hund schleicht auf der Suche nach Fressbarem zwischen den Beinen der Herumstehenden hindurch und achtet darauf, nicht getreten zu werden.
Rostige Fahrräder, beladen mit Säcken, Bananenstauden oder Bündeln von Mais werden hin und her geschoben. Frauen balancieren Pakete oder große Schüsseln auf ihrem Kopf und schreiten mit wiegenden Hüften über die Straße. Dabei schmiegen sich bunte Tücher um ihre drallen, aber geschmeidigen Körper.
Mehrere Fahrzeuge halten vor dem Schlagbaum, der das Ende von Ruanda und den Beginn des schmalen Niemandslandes markiert. Vor der Station sitzen Männer in Zivil auf einer klapprigen Bank, rauchen Zigaretten oder bewegen die Perlen kleiner Ketten zwischen ihren Fingern. Neben ihnen sitzt ein Uniformierter. Schwer auszumachen, ob und wer hier etwas zu sagen hat.
In das Grenzgebäude führen wenige Stufen. An seiner Tür hängt ein Schild mit der Aufschrift »Office«. Drinnen sitzt der Diensthabende an einem Holztisch, vor ihm flimmert ein ältlicher Computerbildschirm. Gelangweilt nimmt er Roberts Reisepapiere, blättert in seinem Pass, prüft eingehend einen der Stempel, um schließlich selbst seinen Eintrag auf einem der Blätter zu hinterlassen. Als ihm der ruandische Beamte die Dokumente zurückgibt, schaut er Robert mit seinen dunklen Augen forschend ins Gesicht.
»Gute Reise, Monsieur«, murmelt er mit teilnahmsloser Stimme.
Wie schon bei dem Militärposten in Tansania beschleicht Robert das Gefühl, dass jeder, der sein Ziel kennt, wohl nicht erwartet, ihn jemals wiederzusehen. Wer weiß, dass er nach Goma in der Demokratischen Republik Kongo fährt, schreibt ihn alleine schon deswegen ab.
Nach kurzer Fahrt kommt die kongolesische Grenzstation. Ein großes, weit geöffnetes Fenster bildet eine Art Tresen. Dahinter sitzt eine wohlgenährte kongolesische Zollbeamtin, die Robert mit breitem Grinsen empfängt. Auch auf ihrem Schreibtisch steht ein altersschwacher Computer. Sie tippt etwas in eine Tabelle und wünscht, nach allerlei Formalitäten, Robert ein herzliches Willkommen im Kongo.
Dienstfertig öffnet ein Soldat den Schlagbaum, und eine kleine Rußwolke ausstoßend fährt der Landrover über die Grenze. Gleich dahinter sieht Robert einen Mann in grüner, militärisch wirkender Uniform. Er steht neben einem weißen Geländewagen, dessen Türaufdruck verrät, dass er der kongolesischen Naturschutzbehörde Institut Congolais pour la Conservation de la Nature (ICCN) gehört. Der Uniformierte ist Maurice, ein Ranger, der hier auf Robert gewartet hat.
Lachend schüttelt er seine Hand, klopft ihm auf die Schulter und sagt: »Lassen Sie uns nach Goma fahren.«
Die Straße in die Stadt, deren Namen mit Katastrophen und Unglücken verbunden ist, überrascht Robert. Sie ist besser, als er erwartet hat. Überall, wie in Afrika üblich, säumen Massen von Menschen die Verkehrswege. Man erkennt sofort, dass die meisten ärmlich gekleidet sind. Manchen sieht man förmlich an, dass die Lumpen, die sie auf dem Leib tragen, nahezu ihr gesamter Besitz sind. Sich ein Auto zu leisten, ist für diese Menschen ein fernerer Traum als ein Weltraumurlaub für einen Westeuropäer.
Den Verkehr beherrschen einige Geländewagen und Militärlaster. Immer wieder sieht man Soldatentrupps, deren Uniformen wahllos kombiniert sind. Die Funktion, optische Einheitlichkeit herzustellen, erfüllen sie ganz und gar nicht. Die Hälfte der Kämpfer hat nicht einmal Stiefel. Vielmehr marschieren viele in Sandalen oder Flipflops. Auch ihre Bewaffnung wirkt wild zusammengewürfelt. Neben beinahe harmlos aussehenden deutschen G3-Gewehren dominiert die weltweite Waffe Nummer eins, die AK47, besser bekannt als Kalaschnikow.
Die Straße führt zwischen verfallenen Gebäuden hindurch. Fenster ohne Scheiben gähnen dem Betrachter entgegen. Überall wuseln Menschen zwischen Unrat und abgerissenen Reklameschildern. Ab und zu quält sich ein Moped durch die von Schlaglochkratern übersäte Straße und überholt Gefährte, die wie evolutionäre Ahnen der motorisierten Zweiräder wirken. Diese Chukudus sind das wichtigste Transportmittel im Osten des Kongos. Mit den überdimensionierten Rollern aus Holz transportieren die Einheimischen bis zu einer Tonne, sei es Baumaterial oder der Ertrag einer Ernte.
Der Besitzer eines Chukudus ist auch gleichzeitig sein Antrieb. So quälen sie sich mühsam mit ihren beladenen Fahrzeugen bergauf. Hinunter geht es dann in rasender Fahrt.
Ein Chukudu besteht im Wesentlichen aus zwei Rädern, einer Lenkergabel und einer Längsachse – alles aus Holz gezimmert.
Die Todesverachtung der Chukudufahrer wird spätestens dann deutlich, wenn man vergeblich nach einer Bremse an dem Roller sucht. Gestoppt wird mit dem Fuß, den man mit einer aus einem alten Autoreifen hergestellen Gummisohle schützt. Wer sich mit so einem Fahrzeug die Hänge hinabstürzt, muss lebensmüde oder zumindest waghalsig sein.
Flüchtig sind die Eindrücke, die Robert von Goma erhascht. Er hat alle Hände voll damit zu tun, Maurice in seinem Wagen hinterherzuholpern und dabei keinen Unfall zu verursachen. Bald erreichen sie das Hotel Karibu. Der Name der Herberge bedeutet in Suaheli »willkommen«. Roberts vorläufige Unterkunft liegt idyllisch am Ufer des Kivusees. Maurice verabschiedet sich. Er sagt noch, dass der Direktor des Nationalparks später kommen wird, dann fährt er in seinem weißen, mit Rostpusteln gesprenkelten Geländewagen davon.
Die säuberlich gepflasterte Einfahrt des Hotels schützt ein mit Stacheldraht gekröntes Metalltor. Nachdem Robert geparkt hat, schließt ein Angestellter in blauem Overall und Gummistiefeln die Barriere. Den Platz vor dem Hauptgebäude schmücken Zierpflanzen, die in großen Tonkrügen wachsen. Über der Rezeption liegt afrikanische Patina.
Es gibt gerade keinen Strom, Wasser auch nicht, erfährt Robert vom Portier. Aber heute Abend ab 19 Uhr kann es mit der Energieversorgung wieder klappen. Wenn er die Toilette benutzt, dann soll er mit einem Eimer spülen. Neues Wasser bekommt er aus dem Schlauch, der in der Badewanne hängt und den eine eigene Pumpe mit Seewasser speist. Auf keinen Fall soll er dieses Wasser trinken. Dafür gibt es die Plastikflaschen. Der Portier deutet auf einen Kühlschrank, dessen Glastür den Blick auf den gestapelten Wasservorrat freigibt. Vier Dollar die Flasche. Bezahlung in bar, Kreditkarten werden nicht akzeptiert.
Nachdrücklich weist ihn der Portier darauf hin, dass in einem Teil der Bungalowanlage ein General wohnt und auf der gegenüberliegenden Seite, in einem Gebäudekomplex gleich neben dem Hotelgelände, ein weiterer Befehlshaber sein Quartier aufgeschlagen hat. Er rät deshalb, unbedingt aufs Fotografieren zu verzichten.
Roberts Appartement ist zweckmäßig eingerichtet. Ein Moskitonetz hängt über dem Himmelbett, auf dessen Matratze schon viele Körper gelegen haben. Der Tisch mit seiner geblümten Decke sowie der Stuhl haben ihre besten Tage bereits lange hinter sich. Die Gepäckablage aus geflochtenem Sisal wirkt gebrechlich. Von einer kleinen Terrasse blickt Robert auf eine von üppiger Vegetation umrahmte, akkurat gemähte Rasenfläche sowie die Wellen des ans Ufer plätschernden Kivusees.
Die weißen Kacheln im Bad durchziehen Sprünge, die an dicke schwarze Haare erinnern. Wie der Portier gesagt hat, hängt ein Schlauch in der Badewanne. Wie eine Schlange quetscht er sich durch den Spalt des gekippten Badezimmerfensters und schlängelt sich die Wand hinab. An der Rezeption hat niemand erwähnt, dass man diesen Schlauch nicht auch als Dusche benutzen dürfe. Daher wird Robert das gleich einmal ausprobieren.
Am Abend besucht ihn, wie angekündigt, Kajuga Binyeri Deo, der Direktor des Nationalparks. Robert sitzt auf der Restaurantterrasse des Hotels, wo er ein zähes Steak mit Pommes frites gegessen hat. Am Nachbartisch sitzen drei Männer in Anzügen und starren auf den Bildschirm eines Laptops. Sie sprechen mit gesenkten Stimmen. Robert versteht ihre Sprache nicht. Es geht um Geld, so viel bekommt er mit, denn immer wieder hört er in der Flut der unbekannten Worte »Dollar« heraus.
Der Direktor ist ein stattlicher Mann, der die 1,90 Meter, die Robert misst, sogar noch etwas übertrifft. Sie kennen sich nicht, aber Robert hat sich per Funk angekündigt, und als einziger Weißer kann nur er derjenige sein, den der Direktor treffen will.
Der Parkmanager trägt einen dunklen Anzug und geht lächelnd auf Robert zu. Der erhebt sich und streckt seine Hand aus. Energisch packt der Direktor die Hand, zieht sie an sich heran und beugt seinen Kopf nach vorne.
Wie auch in Südeuropa gebräuchlich, will er wohl Wangenküsse austauschen, denkt Robert und neigt seinen Kopf ebenfalls ein wenig nach vorne. Da hämmert auch schon die Stirn des anderen in sein Gesicht. Was war denn das? Robert zuckt zurück. Beschwichtigend und mit erstauntem Gesichtsausdruck legt der Direktor seine Hand auf Roberts Schulter. Der fasst sich an Mund und Nase. Offenbar blutet nichts. Beide schauen sich an. Der Direktor entschuldigt sich, denn offensichtlich kennt Robert die typische Begrüßung zwischen zwei kongolesischen Männern nicht. Der Direktor packt ihn am Arm und zieht ihn an sich.
Hierzulande berührt man sich gegenseitig mit der Stirn. Dreimal. Zuerst nach links, dann nach rechts versetzt. Beim letzten Mal frontal, Stirnseite gegen Stirnseite. Dabei blickt man sich in die Augen. Robert wundert sich, aber der Direktor versichert ihm, dass das absolut kein aggressiver Akt ist, sondern vielmehr die Offenheit symbolisiert, mit der man sich begegnen soll. Gesprächspartner demonstrieren auf diese Weise, dass sie nichts zu verbergen haben.
Der Direktor fordert Robert auf, das Ritual noch einmal zu versuchen. Vorsichtig drücken sie Stirn gegen Stirn. Mehrere Sekunden blicken sie sich tief in die Augen, dann setzen sie sich. Erst jetzt bemerkt Robert die Blicke der Männer am Nachbartisch. Ihre Mienen wirken teilnahmslos. Sollte sie der Vorfall erheitert haben, zeigen sie das nicht.
Der Direktor breitet eine Karte aus, die keine gewöhnliche Übersicht mit topografischen Merkmalen, Höhenlinien, Längen- und Breitengraden bietet. Vielmehr ist es eine handgezeichnete, einfache Karte der Parkgrenzen. Seen sind blau, das Gelände des Parks grün markiert und der Rest des Landes bleibt weiß. Dünne, offensichtlich mit Tinte gezeichnete Linien symbolisieren Grenzen und Straßen. An manchen Stellen hat Feuchtigkeit die Tinte zu kleinen Flecken auf dem zerknitterten Papier auseinandergetrieben.
Robert erkennt die Umrisse des Virunga-Nationalparks, die er sich genau eingeprägt hat. Im Süden liegt der Kivusee, an dessen Ufer sie gerade sitzen. Hier beginnt auch der Park. Seine Fläche gleicht zunächst dem Umriss einer großen Kartoffel, von dem Richtung Osten ein schmaler Korridor abzweigt und sich bis nach Ruanda erstreckt. Nach Norden hin verengt sich der Park ebenfalls, nur um Richtung des Edwardsees wieder breiter zu werden. Das Schutzgebiet umschließt beinahe den gesamten See und verzweigt sich im Norden des Gewässers, wo ausgedehnte Savannen liegen.
An diesem Abend erfährt Robert Ernüchterndes: Der Nationalpark ist in einem erbärmlichen Zustand, und die 480 Ranger, die das Reservat schützen sollen, sind hoffnungslos überfordert. Ihnen fehlt selbst die primitivste Ausrüstung. Rebellen, Armee und Einheimische bedienen sich an den Ressourcen des Parks nach Belieben und sehen die Ranger als ihre Feinde an. Mehr als 100 Parkwächter sind bereits getötet worden. Noch mehr wurden verletzt.
Antilopen werden wegen ihres Fleisches gejagt, Elefanten wegen ihres Elfenbeins und Flusspferde wegen beidem. Deren Fleisch ist 300 Dollar wert, in einem Land mit einem durchschnittlichen Monatseinkommen von 30 Dollar pro Kopf ein kleines Vermögen. So haben alleine die Mai-Mai-Rebellen mehr als 20 000 dieser Dickhäuter im Edwardsee abgeschlachtet.
Und die Gorillas? Robert wundert sich, dass der Direktor bislang noch nicht von den Affen gesprochen hat. Ja, ja, die Gorillas. Der Direktor tippt mit dem Zeigefinger auf den kartoffelförmigen Südteil des Parks und den Korridor in Richtung Ruanda. Dort sind auch mehrere kegelförmige Berge eingezeichnet – die Virunga-Vulkane. An ihren Hängen leben die Berggorillas, deren Lebensraum vor allem Abholzung bedroht. Denn Köhler fällen die Bäume des Parks, um ihre Meiler zu betreiben. Holzkohle ist hier der wesentliche Energieträger zum Kochen. Und wo Hunderttausende leben, wird viel gekocht.
Die Ranger sind in einer verzweifelten Position. Gegen die schwer bewaffneten Rebellen oder gar gegen die Soldaten haben sie mit ihren wenigen Kalaschnikows keine Chance. Im Gegenteil, immer wieder werden ihre Lager überfallen. Die Angreifer umzingeln die Camps und ballern dann wahllos drauflos. Sie wollen nicht unbedingt töten, aber sie wollen das Wenige haben, das die Ranger noch besitzen – Uniformen, Schuhe, Rucksäcke, Moskitonetze, Pfannen, Töpfe. Wo sonst nichts ist, bekommen auch vermeintliche Allerweltsgegenstände einen größeren Wert als beispielsweise in Europa. Die Lage ist äußerst prekär.
Robert hört zu und betrachtet den Direktor. Er versteht, dass dieser Mann ein schweres Leben gehabt hat. Sein Gesicht wirkt müde, aber er spricht ohne Zorn oder Verzweiflung. Er kennt die Gefahren, die das Leben im Kongo mit sich bringt, und ist froh, dass er sie bisher alle überstanden hat. Ihn spornt kein Kampfgeist mehr an. Er hat überlebt und will weiter überleben. So viel versteht Robert an diesem Abend.
Als sie sich verabschieden, ist es längst dunkel. Glühbirnen erhellen die Terrasse mit hartem Licht, da kein Lampenschirm ihre Strahlen mildert. Die anderen Gäste sind fort, der einzige Kellner des Lokals hat längst Feierabend gemacht. Mit kräftigem Zug leert Robert seine Bierdose und macht sich auf den Weg in sein Zimmer.
Vor stechenden Plagegeistern durch das Moskitonetz geschützt, liegt er auf dem Bett. Entgegen seiner sonstigen Gewohnheit schläft er nicht sofort ein, sondern lauscht der Brise, die durch das geöffnete Fenster weht. Er hört das Plätschern des Sees und beobachtet, wie sich die Maschen des Moskitonetzes im schwachen Schein des Mondlichts, das von draußen hereinfällt, bewegen. Der Himmel hat aufgeklart, und im Licht des Erdtrabanten zeichnet sich die Welt in zarten Konturen ab.
Da zerreißt ein Böllern die Stille. Was war das? Es hat sich angehört wie eine Explosion. Robert schält sich aus dem Moskitonetz und tritt auf die kleine Terrasse vor seinem Zimmer. Unten liegt dunkel der Rasen. Linker Hand muss der Hotelteil liegen, in dem der eine General logiert. Irgendwo rechts, hinter dem Hotelgelände, so hatte er jedenfalls die Ausführungen des Portiers verstanden, wohnt der andere General.
Alles ist still.
Robert will sich gerade wieder zurückziehen, da ertönen Schüsse. Jedenfalls glaubt Robert, dass es Schüsse sind. Er hat weder Erfahrungen als Soldat noch sonst je Umgang mit Schusswaffen gehabt. Mit der berechtigten Unsicherheit eines Laien gesteht er sich eine mögliche Fehlinterpretation zu. Drei, vier Mal schallt ein einzelner lauter Knall herüber. Dann folgt eine Pause. Doch nicht lange danach krachen erneut Schüsse, diesmal, so scheint es, von der anderen Seite. In schnellem Stakkato rattert die Salve mehrere Sekunden. Nur wenige Augenblicke später folgt die Reaktion. Diesmal antwortet ebenfalls eine automatische Waffe.
Tacktacktacktack. Dieser Schütze verwendet offensichtlich Leuchtspurmunition, denn Robert kann nun die Flugbahn der Salve genau bestimmen. Die Kugeln fliegen in die Luft, hinaus ins Dunkel über dem Kivusee.
Jetzt lärmt es wieder von der anderen Seite. Diesmal feuert auch dort ein Maschinengewehr. Robert meint, nun geselle sich eine zweite Waffe zu diesem. Aber auch diesmal traut er sich kein endgültiges Urteil zu.
Noch ehe die Salven verhallen, antworten mehrere Gewehre aus dem Hotelteil, in dem Robert den General vermutet. Das bleibt bei den anderen nicht unbemerkt, und auch dort rotten sich offenbar mehrere Schützen zusammen. Ein wahrer Leuchtspurregen prasselt nun Richtung See. Ohrenbetäubendes Ballern lärmt durch die Nacht. Einige Mal kracht es so laut, dass selbst Robert erkennt, dass es sich dabei nicht um einen Gewehrschuss gehandelt haben kann. Handgranaten vielleicht. Schließlich erhellen Leuchtraketen den Nachthimmel und tauchen die Szenerie in gespenstisch kaltes Licht.
Anscheinend findet hier eine Art Wettstreit statt, dämmert Robert. Die Wachtrupps der beiden Generäle stacheln sich gegenseitig zu immer heftigeren Drohgebärden an – wie zwei Kettenhunde, die sich in überschlagender Wut anbellen, weil sie sich wegen der zu kurzen Leinen nicht ineinander verbeißen können.
Ob es dabei bleiben wird? Oder wird das Hotelgelände nun zum Schauplatz eines Gefechtes? Robert überlegt, was er tun soll. Im Zimmer verkriechen oder aus dem Gebäude flüchten? Was soll er machen, wenn sich auf dem Rasen dort unten wild gewordene Soldaten erschießen? Kann er sich wehren? Womit?
Erstaunt betrachtet Robert die wie rasende Glühwürmchen in die schwarze Nacht schießende Munition. Eigenartigerweise hat er keine Angst. Der Tumult eskaliert, als eine gewaltige Explosion alles übertönt und ein Blitz den Nachthimmel erhellt. Robert meint, eine Druckwelle zu spüren. Der gewaltige Schlag beendet das Spektakel abrupt. Nach Minuten der sinnlosen Ballerei kehrt wieder Ruhe ein.
Robert wartet. Er riecht Pulverdampf. Seine Ohren sind vom Lärm der Schießerei dermaßen betäubt, dass er das Rauschen der Wellen kaum mehr wahrnimmt. Es bleibt ruhig. Nachdem er lange auf den See hinausgeblickt und den Mond angestarrt hat, legt er sich wieder unter das Moskitonetz seines Bettes. Das ist also die erste Nacht im Kongo.