Texte aus vier Jahrzehnten
© 2007
HAYMON verlag
Innsbruck-Wien
www.haymonverlag.at
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ISBN 978-3-7099-7432-2
Umschlaggestaltung: Haymon Verlag/Stefan Rasberger unter Verwendung eines Bildes von www.photocase.com
Satz: Haymon Verlag/Thomas Auer
Vignetten: Eva Kellner
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Verkostungsnotizen
Zusammenleben
Wie bitte?
Dienstschluss
Stadtchronik
Landleben
Wer borgt mir, bitte, ein Gewehr?
Hallo Nachtmahr!
Still-Leben
Bestiarium
Banale Dämonen – die Banausen
Akt-Zeichner – die Beamten
Ordnungs-Wüter – die Chaoten
Vogelfänger – die Verleger
Austriaca
Autoritär
Weichgespült
Ein Fest, ein wahres Fest
Eine Reise zum Wein
Himmelwärts
Käufliche Unschuld
Wien, zukünftig
Vereint
Fortbewegt
Autonom
Radlos
Das zwischenmenschliche Auto. Ein erotischer Versuch
Der Schalt-Griff
Rost
Trau keinem über 50
Lustreisen
My home is my Leuchtturm
Husumer Nachrichten
Raimundsruh
Isle of Man
Die Hirten im Eissalon
Kashmir
Chelsea Hotel
Culinarium
Esslust
Einfach Wein
Man muss sich nicht genieren
Melodie exklusiv. Sentimentale Beispiele
Zum Beispiel: Burgen
Zum Beispiel: Ufer
Zum Beispiel: Türme
Zum Beispiel: Mode
Zum Beispiel: Schiffe
Zum Beispiel: Städte
Zum Beispiel: Reisen
Zum Beispiel: Kinder
Zum Beispiel: Zeit
Zum Beispiel: Bettler
Zum Beispiel: Traurigkeit
Zum Beispiel: Räuber
Geschichten vom Alfred
Punktum
Der Mohnfeldhase
Das letzte Gelächter des Harlekins
Gespräche mit einem dunklen Freund
Alltäglichkeiten
Nero, der Rummelplatzhund
Es war einmal …
Letzte Dinge
Neues vom Nussbaum
Auf Komareks Spuren von Michael Forcher
Quellenverzeichnis
Texte … viele Texte aus nahezu vier Jahrzehnten. Sie sind nach Inhalten zusammengefasst, damit es leichter ist, sich zurechtzufinden. Schlampereien und Flüchtigkeitsfehler habe ich ausgebessert, aber die Patina belassen. So kommt es, dass manches ein wenig von gestern ist. Nur ein paar Beispiele: In vielen unserer Postämter (sind sie überhaupt noch Ämter?) waltet längst nicht mehr distanzierte Autorität, sondern freundliche Dienstbereitschaft. Anrufbeantworter, frühere angsteinflößende Gegner technikunwilliger Telefonierer, sind stets schwätzwilligen Mailboxen gewichen. Prominente Namen von damals sind heute nur noch beiläufig bekannt, was die eine oder andere Anmerkung notwendig macht. Die Geschichten aus der „Autorevue“ haben ein wenig Rost angesetzt, aber das steht ihnen ganz gut. Die Reisegeschichten sind aus heutiger Sicht oft nicht ganz nachvollziehbar, Kashmir haben wir trotzdem aufgenommen, obwohl ich derzeit noch ärgeres Bauchweh hätte, als ich es damals ohnehin schon hatte. Andererseits staune ich darüber, wie aktuell die Texte im Wesentlichen geblieben sind.
Noch ein paar Worte zu den Quellen: Die Feuilletons des Kapitels „Austriaca“ und einige andere stammen aus dem schon lange vergriffenen Buch „Gott hab uns selig“, die Texte im Abschnitt „Bestiarium“ aus der Zeitschrift „Parnass“. Das „Diners Club Magazin“ war eine besonders ergiebige Fundstelle. Ja, und dann geht es um Texte fürs Radio – in Österreich und Deutschland. Natürlich gibt es im Kapitel „Melodie exklusiv – Sentimentale Beispiele“ einige Kostproben der gleichnamigen Sendung aus den Siebzigerjahren, aber auch vieles andere.
Leserinnen und Leser sind eingeladen, sich nach Lust, Laune und Interesse zu bedienen, zu naschen, da und dort, oder auch einmal dem Leserhunger in schöner Hemmungslosigkeit nachzugeben.
Viel Freude wünsche ich!
Wien, im November 2006 Alfred Komarek
Ein Gedicht, ein Gedicht, ein Gedicht!
Wie sag ich’s in zwei Zeilen?
Da muss ich mich beeilen!
Zu spät. Es ist die dritte.
Entschuldigen Sie bitte.
Man ist angepasst heutzutage, es bleibt einem ja kaum etwas anderes übrig, es sei denn, man ist asozial oder ein pragmatisiertes Genie. Sogar im lieben Schnitzelland denken immer mehr Leute bei Chips nicht nur an Erdäpfel, und es ist gut möglich, dass die nächste Generation der Omis den Lieblingsenkelinnen Disketten vererben wird, mit den guten alten Omi-Kochrezepten drauf. Umso weniger verständlich ist die konsequente Abneigung, der geradezu biblische Hass, der von vielen Menschen dem vergleichsweise harmlosen Anrufbeantworter entgegengebracht wird. Es muss sich um eine irrationale Abneigung handeln, denn das einzige Argument, „Ich spreche nicht mit einem Tonband“, klingt seltsam aus dem Munde jener, die schon vor Jahrzehnten bebend vor Begeisterung ihre wohltönenden Organe dem ersten Stuzzi (österreichisches Tonbandgerät der Sechzigerjahre, Anm. d. Hrsg.) anvertrauten. Aber auch die Scheu vor der kalten Technik wird wohl kaum eine Rolle spielen, beobachtet man, mit welch beredtem Finger die Anrufbeantworterhasser mit der Tastatur eines Bankomaten parlieren. Auch scheint es unwahrscheinlich, dass ihnen der Grimm über den nicht persönlich erreichbaren potenziellen Gesprächspartner die Rede verschlägt: Gäbe es das Maschinchen nicht, wäre nicht einmal diese reduzierte Form der Kommunikation möglich. Heutzutage ist auch die Sprechzeit so gut wie unbegrenzt, die panische Angst, sich in 45 Sekunden nicht in der gewünschten Ausführlichkeit äußern zu können, fällt weg. Bleibt die Angst davor, sich festzulegen, nichts mehr zurücknehmen zu können: Als ob je einer, mit der Tonbandkassette in der Hand, vor Gericht Klage erhoben hätte, weil einer so unverschämt war, um einen Rückruf zu bitten.
Dabei ist alles so einfach: Da hat zum Beispiel eine ältere Dame dem Gerät mit nobler Geste Persönlichkeit verliehen, und tönt die Tonbandstimme an ihr Ohr, grüßt sie höflich und sagt: Ach bitte, könnten Sie meinem Sohn ausrichten … Oder, wie aus dem Dorfe berichtet wird, da nehmen die schwieligen Kunden des dortigen Kohlenhändlers das Band ganz locker. Grüaß di. Sagen sie. Woaßt eh, wer i bin. Bringst mir, was d’ mir halt immer bringst.
Aber die Komplizierten machen sich’s kompliziert. Die einen legen auf und rufen dann doch ein paarmal an, um die Maschine durch abermaliges Auflegen zu demütigen, ein höchst kindisches Unterfangen, die anderen bekommen jenen Tonfall, in dem sie mit Kleinkindern und Gastarbeitern reden: Bitte – Rückruf – wieder zuhause – fünf. Danke. Andere wieder werden originell, pfeifen, singen, röcheln, spielen auch Musik aufs Band, und endlich gibt es die Gruppe der wirkungsvoll Leidenden, die, ohne sich zu äußern, erst nach einem Seufzer auflegen, der ohne Übertreibung als akustisches Spiegelbild eines sterbenden Schwans gelten kann. Seltsam, sogar Anrufer, die sich ganz normal äußern, sind hinterher stolz darauf, dass sie es geschafft haben, so zu sein wie immer.
Ein derartiges Publikum kann in der Heimat eines Moissi und eines Brandauer nicht ohne Auswirkungen auf die Betreiber von Anrufbeantwortern bleiben. Kaum einer sagt im Meldetext einfach, was es zu sagen gibt. Schon der Tonfall ist seltsam gestelzt; besonders beliebt ist die Mischung aus Pfarrer, Kreditverleiher und Winkelpsychiater. Meist zum Scheitern verurteilt sind die Versuche, witzig zu sein. Österreichs Jazzlegende Fatty George, Gott hab ihn selig, hat das allerdings ganz gut geschafft: „Hier spricht die Wohnung vom Fatty George. Das Gfrast ist natürlich wieder nicht zuhause. Aber ich kann ihm was ausrichten.“
Es gibt auch herzergreifende Meldetexte, Zeugen des Daseinskampfes, wie zum Beispiel der eines sehr begehrten Graphikers, der, statt sich zu melden, nur noch Grundsätzliches verlauten ließ: „Bitte! Ich tue, was ich kann! Wer mehr von mir verlangt, ist selbst schuld.“
Das Gespräch auf Umwegen ist in jedem Fall konfliktbeladen. Eine Entspannung ist erst denkbar, wenn der Dialog lautet: Hier spricht der Anrufbeantworter – hier auch. Kommunikation ist eben erst dann befriedigend automatisiert, wenn zwei Anrufbeantworter einander Witze erzählen können. Dieser Weg in die Zukunft wäre aber kein österreichischer Weg, was immer man unter einem solchen verstehen mag. Es ist eigentlich nicht einzusehen, warum die plaudersamen Tonbänder nicht einfach als weitere, gar nicht so reizlose Spielart der sprachlichen Verständigung zwischen Menschen genommen werden können, nicht sehr wichtig, aber oft nützlich und manchmal sogar vergnüglich. Immerhin hat es ja auch viel mit Technik zu tun, miteinander ohne Tonband zu telefonieren, und die Kunst, aus solchen Gesprächen diplomatische Meisterwerke zu formen, leitet sich direkt von der hochstehenden Kommunikationskultur altösterreichischer Hofräte her, von denen man fälschlich behauptet, sie hätte hauptsächlich der Beschwichtigung gedient. Der klassische Aufbau eines hofrätlichen Telefongespräches beginnt mit einer Platzierung der Kontrahenten, ähnlich wie bei einem Duell: Man geht auf Distanz und interessiert sich scheinbar für die schöne Umgebung. Der klare Unterschied zum Duell tritt schon Augenblicke später deutlich hervor: Kaum haben die Partner einander wahrgenommen, verschwenden sie keinen Gedanken daran, das Weiße im Auge des anderen zu erkennen, sondern schenken einander in überströmender Herzlichkeit je ein Ohr. Ein nicht enden wollendes Interesse an den gegenseitigen Lebensumständen webt ein sanftes, wärmendes Gespinst um die beiden, aus der unausgesprochenen, ursprünglich argwöhnischen Frage nach dem eigentlichen Anlass des Gespräches wird eine heiter gelassene Frage, natürlich noch immer nicht der Rede wert. Überstrahlt von der Sonne der Sympathie umtänzeln einander Rede und Gegenrede, nach einer köstlich ungemessenen Spanne Zeit wendet man sich leichthin, doch mit aller gebotenen Ausführlichkeit dem Abschied zu. Halb im Gehen zieht dann einer doch das Florett, gedankenschnell folgt die Parade, schon ist alles vorbei; man trägt einander nichts nach, im Gegenteil: Man hat es nobel ausgetragen und weiß, was man voneinander wollte, nun auch zu würdigen.
Ob bei einem derartigen Gespräch ein paar diensteifrige Elektronen eine Rolle spielen oder nicht, ist völlig gleichgültig. Schon eher lasse ich mir gewisse Wesensunterschiede zwischen handgeschriebenen und getippten Briefen einreden; immerhin, sagt man wohl zu Recht, spiegelt die Schrift die Persönlichkeit eines Menschen. Ich habe demnach eine unleserliche Persönlichkeit und bezweifle irgendwie, ob es, furchtlose Graphologen ausgenommen, viele Menschen gibt, die in ihr lesen wollen. Der wahre Wert von Briefen rührt ja doch vom Inhalt und seiner Sprache her. Mein Lieblingsbrief, wuchtig, zärtlich und von beeindruckender formaler Strenge, kommt vom Lande: „S. g. Herr Göd. Wir haben geschlachtet. Sie können sich das Fleisch abholen. Gruß Familie Haupt.“
Eine Steigerung ist nicht möglich, das Thema Brief somit erschöpft. Aber wir reden ja auch miteinander, sogar, wenn wir einander nichts zu sagen haben. Freudig bemüht, jede importierte Blödheit zu unserer eigenen zu machen, üben wir uns darin, beredtes Schweigen mit nichtssagendem Small Talk zuzudecken. Das trägt man heute so in Yuppie-Kreisen und es passt auch irgendwie ganz gut zur modischen Unverbindlichkeit von Beziehungen. Die Erkenntnis, dass es besser wäre, nichts zu machen statt Lärm, hat in einer vordergründigen Verblendungsstrategie keinen Platz. Aber das legt sich wieder. Auch werden sich jene Gespräche irgendwann gegenseitig ad absurdum führen, wie sie in Managementseminaren gelehrt werden. Ist die Technik einmal auf beiden Seiten ausgefeilt, entscheidet erst recht wieder die Substanz.
Bleibt also das sozusagen naturbelassene Gespräch, wertvoll in jeder Gestalt. Wenn zwei beiläufig Bekannte einander über die Biergläser hinweg erzählen, was sie loswerden wollen, und jeder als Gegenleistung zuhört, wenn auch ohne besonderes Interesse, kommt die therapeutische Wirkung der einer Psychiatercouch schon recht nahe. Statt in den Chor jener einzustimmen, die da würdig orgeln, man dürfe es nicht verlernen miteinander zu reden, möchte ich den hemmungslosen Genuss am Gespräch propagieren, das uferlose Spiel mit unbegrenzten Möglichkeiten. Schön miteinander schweigen ist übrigens auch ein Gespräch.
Leistung ist ein passendes Leitmotiv für Galeerensträflinge. Daran hat sich heutzutage wenig geändert, im Gegenteil, wir rudern uns nicht nur die Hände wund, auch die Köpfe und die Seelen. Alles wird zur Leistung, wieder einmal sprechen Wörter Bände. Eines davon ist „Freizeitbewältigung“. Wer den Problemkreis Freizeit meistert, indem er seinen Body stylt und seinen Geist relaxt, damit er fit ist für den Job, ersetzt das tiefe Mysterium der Muße durch Leistung. Ein anderes seltsames Wort ist „Motivation“.
Weil es für die meisten Leistungen, die einem abverlangt werden oder die man glaubt, erbringen zu müssen, kein persönliches, unmittelbares und glaubwürdiges Motiv gibt, wird ein synthetischer Anreiz nachgeliefert. Hier Leistung, dort Zuwendung, natürlich auch wieder in Form von Leistung: Verschaffst du mir Gewinne, bekommst du eine Belohnung – das Prinzip von Zuckerbrot und Peitsche hat durch differenziertere und subtilere Anwendung eher an Schärfe zugenommen. Leistung allenthalben, Anstrengung, weil da ohne Anstrengung nichts wäre, keine erfüllte Zeit, keine sinnvolle Arbeit. Nicht einmal auf vielzitierte Feinde der Leistung ist Verlass. Das Finanzamt zum Beispiel sorgt mit teuflischer Akribie dafür, dass wir immer noch mehr leisten müssen, um uns die Leistung überhaupt leisten zu können.
Natürlich könnte man Leistung verweigern, das tun auch manche, aber gut erzogen, wie wir sind, macht uns ein asoziales Dasein ja doch nicht die rechte Freude. Nett vom Club of Rome, dass er an die Grenzen des Wachstums denkt, aber unser Götze vom Dienst ist noch immer die Steigerungsrate. Irgendwann, steht zu befürchten, wird auch hierzulande die Einordnung in allgemein gültige Leistungskategorien vollständig vollzogen sein, werden erst in den Unternehmen die letzten windstillen Ecken verschwinden, dann in den Ämtern. Es werden sich auch noch objektive Maßstäbe für kreative und künstlerische Leistung finden, vielleicht schafft man sogar ein Refugium für Verrückte, Querdenker und Träumer, wenn es gelingt, ihr krauses Schaffenspotenzial auf Umwegen ja doch der allgemeinen Leistungssteigerung zuzuführen. Ist dann alles perfekt, kippt das System womöglich um, und eine veränderte Gesellschaft bekommt ein neues Prinzip vorgesetzt, nicht weniger künstlich, nicht weniger gewalttätig als das vorhergegangene.
Leistung wäre an sich nichts Schlimmes, durchaus notwendig und wünschenswert, nur ihre Willkürherrschaft, stur und phantasielos, passt nicht in ein Land, in dem man über Politik so bitterlich weinen und so herzlich lachen kann, wo sogar die Gauner einen gewissen Unterhaltungswert besitzen. Weil die Formel Leben = Leistung nicht stimmt, ist auch die Formel Berufsleben = Leistung falsch, weil unvollständig. Das belegen zum Beispiel jene atemberaubend erfolgreichen Männer, die sich sehenden Auges ihrer herrlichen Gesellschaft, wenn auch meist mit beschränkter Haftung, in den Rachen werfen, sich kauen, verschlingen und verdauen lassen, bis sie endlich zufrieden als Endprodukt kommerziellen Stoffwechsels neben ihren frierenden Frauen liegen. Das belegen jene unermüdlichen, geduldigen, unendlich belastbaren nützlichen Idioten, für die es ein bedenkliches Indiz für mangelnde Einsatzfreude wäre, die Pensionsreife zu erleben, das belegen die vielen, die meinen, man könne auf eigene Ziele leichthin verzichten, wo es doch verbindliche Unternehmensziele gibt.
Man könnte dem kalten Leistungsprinzip vielleicht mit einer sehr individuellen Definition der eigenen Leistung beikommen, mit einer persönlichen Ordnung der Werte.
Sucht man deutliche Beispiele für eine solche Einstellung zum Berufsleben, darf man sich nicht vor Extremen fürchten, erst recht nicht vor Sonderlingen aller Art. In Zeiten der Nivellierung werden die Narren zu Propheten. Da wäre zum Beispiel jener Herr, der schon sehr früh anfing, querzudenken und querzuleben, und der heute, weit über achtzig, erst richtig loslegt. Erst studierte er Medizin, legte ein paar Prüfungen mit Auszeichnung ab, irgendwann wurde ihm das langweilig und er wandte sich der Physik zu, die ihn schon immer fasziniert hatte. Noch mehr faszinierte ihn allerdings seine zukünftige Frau, er brach das Studium ab, heiratete, ein Kind kam zur Welt. Nach dem Krieg zog es ihn wieder an die Universität, er studierte Philosophie, brach das Studium ab, weil die Familie Geld brauchte, und fing mit fünfzig noch einmal an zu studieren. Hatte es früher an Zeit und Geld für den Doktortitel gemangelt, fehlte es nun an Verbindlichkeit. Er fühlte sich einfach zu erwachsen dazu, alles zu glauben, was die Professoren lehren. Seine Laufbahn in etablierten Berufen beendete er ruhmlos als Fremdenführer. Seitdem lebt er bescheiden, doch ohne zu darben, als Privatgelehrter, beschäftigt sich mit rationaler Physik, mit Wärme und Einsteins Relativitätstheorie, mit Letzterer, um sie zu widerlegen. Er gibt eine wissenschaftliche Zeitschrift heraus, setzt und druckt sie eigenhändig, führt eine gute Ehe, und wenn ihm seine Gedanken Zeit lassen, sitzt er im verwilderten Garten seines Hauses und schaut der Natur beim Wachsen zu. Freizeitbewältigung? Motivation? Da lacht er schon sehr darüber.
Oder nehmen wir Herrn Leopold, den ungeschlachten Kerl, und seine zarte Liebe zur Oper. Um dem Objekt seiner Zuneigung näher sein zu können, wurde er Hausmeister in einem Opernhaus. Fragte man ihn nach einer Leistung, auf die er besonders stolz sei, er würde vom großen Sänger C. erzählen, dessen Freundschaft er doch wahrhaftig erringen konnte und mit dem er eines späten Abends im Wirtshause im Duett gesungen hat.
Oder ich denke an einen mehrfach preisgekrönten Dichter, Lyriker und Spezialisten für unverkäufliche Werke, der als Hotelportier – nicht sehr – tätig ist. So hat er sein Auskommen, hat Ruhe zum Schreiben und kommt auch im Sitzen unter die Leute, ein Umstand, der seinem statischen Genie in geradezu idealer Weise entspricht. Oder mir fällt jene Dame ein, die als Alternative zu akademischer Arbeitslosigkeit den Doktorhut absetzte und eine Tischlerlehre anfing, weil sie Holz mag und weil es ihr Spaß macht, etwas zu bauen.
Diese munteren Beispiele beruflichen Wildwuchses werden jene wenig trösten, die schon froh sein müssen, irgendeine Arbeit tun zu dürfen, denen Leistungsdruck und Angst die Phantasie abschnüren und die Träume totschlagen. Zwar sind ihre Vorgesetzten keine Sklaventreiber, sondern selbst Getriebene, und wenn sie Schicksal spielen und das diskret mit „unpopulären Maßnahmen“ umschreiben, tun sie das ja auch nur, weil sie Sachzwängen zu gehorchen haben. Eine klare Sache, aber nicht sehr sympathisch.
Von Lebensfreude ist da und dort noch die Rede, speziell wenn sie als Verkaufsargument dienstbar ist. Berufslebensfreude ist offenbar keine Größe, die zu kalkulieren sich lohnt.
Aber es gibt ja schon wieder einen neuen Trend. Was früher grüne Sonderlinge predigten, singen heute Industrie und Werbung wohltönend im Chor: Ab sofort lebe und leiste man „bewusst“. Was war eigentlich vorher? Bewusstlos? Wie auch immer, jetzt wird alles besser. Die Galeerensträflinge tragen keine Fesseln mehr und der Antreiber legt die Peitsche beiseite, weil er jetzt ein Animateur ist. Ab sofort wird bewusst gerudert. Wir wüssten halt auch noch gern, wohin.
Wer meint, das wahre Leben ginge an unseren Kleinstädten vorbei, ist bisher offensichtlich am wahren Leben vorbeigegangen. Die kleine Stadt genügt sich einfach selbst. Das war nicht immer so. Doch mit den Jahren ist aus trotzigem Sich-Fügen weises Sich-Bescheiden gewachsen. Die kleine Stadt schaut nicht mehr neidvoll nach der großen, gar nicht weit entfernt, sie lebt behaglich in den Tag hinein, nicht sehr bedeutend, nicht sehr reich und nicht sehr laut. Ein durchaus bemerkenswertes Leben, wie etwa der Redakteur des Lokalblattes Woche für Woche mit einer geballten Fülle von Neuigkeiten beweist, auch wenn diese nie sehr überraschend kommen. Tiefe Beachtung verdient vor allem der Leitartikel, erfüllt von mürber Weisheit und wundersamer Weitsicht. Es macht sich immer gut, zuerst, wenn auch nur beiläufig, die Weltlage zu streifen. Dabei genügt es ja darauf hinzuweisen, dass die Armut nach wie vor ihr hohlwangiges Antlitz dem satten Reichtum zeigt. Dem Bürger der kleinen Stadt tut das nicht weh, er existiert irgendwo dazwischen. Dann spannt der Redakteur einen wahrlich kühn zu nennenden Bogen zu den Geschicken der Stadt: Auch hier, merkt er an, stehe nicht immer alles zum Besten, auch hierzulande seien Probleme zu meistern. Und weil es sich um einen Leitartikel handelt, der kleinliche Details großzügig negieren darf, nimmt der Autor die Gelegenheit wahr, auf die bescheidene, doch wahrlich nicht geringe Bedeutung seiner wöchentlich spaltenfüllenden Tätigkeit hinzuweisen, die er doch schließlich ganz konkret solchen Problemen widmet. So gegen Schluss sei dann noch ein persönliches Wort angefügt: Auch er, der Journalist, stehe nicht jenseits von Streit und Hader, auch er blicke zuweilen schaudernd in die Abgründe der eigenen Seele, auch wenn letztlich das Gute im Lichte der Erkenntnis zu siegen pflege.
Bleibt ein bedeutender Rest, über den es zu berichten gilt.
Verkehrsunfälle aller Art („Crash“ nennt sie der Redakteur neuerdings beinhart und schnoddrig), der seit Monaten glosende Sittenskandal – die Turnlehrerin hat in einem Amateurfilm knapp bekleidet agiert – wird mit einer kühnen Betrachtung über die an sich ja nicht verwerfliche Schönheit junger Körper geschürt, und ein Jubilar wird geehrt, ein wackerer Ämterkumulierer: Mitglied im Volksfestausschuss, stellvertretender Sparvereinsobmann und profilierter Exponent des Kameradschaftsbundes. Der Bürgermeister hat den Sitzungssaal verlassen, weil er von der Opposition beflegelt wurde, ein kleiner Kaufmann sperrt zu (traurig, traurig, Anmerkungen zur Infrastruktur) und ein Supermarkt sperrt auf (verhaltener Jubel: er inseriert). Außerdem hat ein neues Lokal eröffnet, eine Pizzeria, bei deren Schilderung der Autor mit „Flair“ wieder einmal seinen Mut zu kühner Wortwahl beweisen darf. In guten Wochen kann es durchaus geschehen, dass der Redakteur triumphierend anmerkt, die Fülle der Ereignisse habe den Umfang seines Blattes gesprengt. Mehr also nächste Woche: Die Zukunft scheint gesichert.
Das Walten der entscheidend wirksamen Kräfte bleibt freilich auch dem scharfen Auge des erfahrenen Journalisten verborgen. Die gewöhnlichen Bürger der Kleinstadt stehen solchen Geheimnissen mit resignierender Ehrfurcht gegenüber, gehobene, gewöhnlich gut informierte Kreise munkeln ahnungsvoll, die Prominenz – Politiker, Lehrer, Apotheker, Pfarrer, Arzt und so weiter – hüllt sich wissend lächelnd in Schweigen, und jener innere Kreis, in dem harmlos wirkende Bürger als männliche Nornen die Geschicke der Stadt spinnen, bleibt vielsagend verhüllt. Auch die Art der Zusammenkünfte täuscht virtuos über ihre wahre Bedeutung hinweg: ein sonntäglicher Stammtisch, eine Weinverkostung, ein zufälliges Zusammentreffen bei gesellschaftlichen Ereignissen. Natürlich stellt sich die Frage nach dem Rang des Bürgermeisters: Darf er in diesem Kreise wenigstens Erster unter Gleichen sein oder ist er nur ausführendes Organ, eine erbärmliche Marionette?
Es tut nicht gut, in den eisigen Höhen der Macht an ihre Geheimnisse zu rühren, also wenden wir uns einem Nebenschauplatz von bedeutender Unverbindlichkeit zu. Der Theaterverein zieht seit vielen Jahren unverdrossen den Thespiskarren hinter sich her und präsentiert sich einmal im Jahr unerschrocken einem nicht minder tapferen Publikum. Hehre Mimen sind in dieser Runde nicht zu finden, wohl aber angesehene Leute, der Apotheker, immer noch recht jugendlich, als Held, der Tierarzt, feinsinnig und lebensprall, im Charakterfach, der Lehrer als vielseitig einsetzbarer Alleskönner (ohne besondere Note, wie er zu scherzen pflegt), seine Frau, als alternde Laszive geradezu unschlagbar, und die Tochter des Bürgermeisters, ein reines, klares Gretchen, dem auch ein Dr. Faustus nicht an die Unschuld kommt, es sei denn, er hieße Peter und ginge in die 8. Klasse Gymnasium. Der Theaterverein hat sich in diesem Jahr ins kriminalistische Fach gewagt. Jeder ist so verdächtig wie möglich, selbst hinter dem findigen Detektiv lauert ein Schatten und das Ende ist höchst zeitgemäß: Das Schicksal war’s, dieser Schlingel, und jeder Akteur geht mit der bangen Frage in sich, ob er nicht doch auch ein Quäntchen Schuld zu verdauen habe. Nun hat es sich erwiesen, dass eine Erwähnung der Premiere in der Sonntagspredigt eine unbezahlbare Werbewirkung hat, und so verfiel der Dramaturg auf einen genial zu nennenden Kunstgriff, indem er auch den Pfarrer in die Handlung einbaute. Schließlich zeigt der Mann Gottes Sonntag für Sonntag, wozu er imstande ist, wenn er mit einer einzigen Handbewegung Scharen von Sündern niedermäht und mit einer zweiten die Reumütigen wieder auf die Beine stellt. Nun sitzt er, einem biblischen Raben gleich, auf der Bühnenkante, um das Geschehen kommentierend zu vertiefen und zu erläutern. Ein glänzender Einfall, merkt der Redakteur in der Besprechung des Stückes lobend an, aber es seien ja doch gewisse künstlerische Mängel bei allem Wohlwollen nicht gänzlich zu übersehen, was nicht unbedingt damit zusammenhängen müsse, dass man auf die Mitwirkung des Redakteurs schon seit Jahren glaube verzichten zu können.
Auf der Bühne des Alltags ist das dramatische Geschehen leiser, die Pointen werden beiläufig gesetzt, es gibt ja auch weniger Zuschauer. Die aus der großen Stadt freuen sich über die vielen Parkplätze und nehmen leichthin Abschied von der urbanen Welt, bevor sie kühne Vorstöße ins Bauernland wagen. Für die Leute aus den Dörfern ist die kleine Stadt vor allem nützlich, hier gibt es größere Geschäfte, Schulen, Ämter und Krankenhäuser. Es gibt auch ein Kino, aus dessen Programm lüstern das Laster züngelt, das sollte man schon auch einmal gesehen haben, aber auf die Dauer geht einem die Stadt, groß oder klein, doch ziemlich auf die Nerven.
Schließlich ist auch die Beziehung der Stadt zu ihren Besuchern eine pragmatische, eher unverbindliche; das Gemeinwesen genügt sich selbst und lebt ganz gerne privat für sich. Es kann ja auch nicht für jedermanns Augen und Ohren bestimmt sein, wenn etwa jene kleinstädtischen Wunder geschehen, die das Bürgerherz so sehr beflügeln. Da trafen im besseren Speiselokal Zum Adler vor ein paar Tagen die Gattinnen zweier Kaufleute aufeinander, zwischen denen seit undenklichen Zeiten die schwarzen Flammen mörderisch schweigender Verachtung loderten: Hatte doch der kleine Sohn der einen dereinst der kleinen Tochter der anderen im Kindergarten ein Büschel Haare ausgerissen. Nun, es ist sieben Jahre her. Grüß dich! Brach da plötzlich eine Dame lächelnd das Schweigen. Grüß dich! Erwiderte die andere lächelnd, und die beiden tranken viele Gläser Likör miteinander und brachten noch am gleichen Abend ihre Ehegatten mit seltsam schwereloser Heiterkeit in Verlegenheit.
Der Geizkragen der kleinen Stadt, ein säuerlich verkniffener Krösus, erschien an einem Donnerstag in der Redaktion der Lokalzeitung, um dort eine geradezu horrende Summe zu hinterlegen, für Arme und anderes Gesindel, wie er sich ausdrückte. Dann bat er noch, seinen Namen nicht zu erwähnen, er wolle sich den mühsam erknauserten Ruf nicht verderben. Außerdem hat das Fräulein N. geheiratet. Fräulein N. ist an die fünfzig, nicht eben heiteren Gemüts, nicht eben gesprächig. Herr P., der sie zur Frau P. machte, ist ein eher steifer Knabe, ernst und wortkarg. Jetzt gehen sie nebeneinander durch die kleine Stadt. Nicht zu sehr nebeneinander, aber doch. So manches Wunder tut eben gut daran, nicht allzu groß zu werden.
Wenn im Märzen der Bauer seine offenen Traktor-Raten einspannt, das Discogeschäft des Totengräbers wieder anzieht und einer aus der Stadt im Wirtshaus sitzt und alles besser weiß, laufen nur die Tapfersten nicht davon. Aber manchmal kommt Besuch. Dann gehen die Städter mit denen auf dem Lande immer ein wenig so um, als wären sie kleine Kinder oder Gastarbeiter. Sie versuchen, simpel zu denken, um die guten Leute nicht zu überfordern, und wenn sie mit ihnen reden, gebrauchen sie eine seltsame Sprache: karg, bieder und erdig; so reden Schauspieler in Werbespots für Düngemittel. Unkompliziert und gelassen nehmen sie zwischen den einfachen, aber ehrlichen Leuten Platz, nicht ohne zuvor imaginäre Papiertaschentücher unter die Hinterteile gebreitet zu haben, reden von ihren profitablen Berufen, berauschenden Reisen und prallen Terminkalendern, dann fahren sie heim in die Stadt und erzählen, was sie erfahren haben, hinter der Welt.
Andere stellen sich einen repräsentativen Zweitwohnsitz neben das Dorf, bringen aus der Stadt mit, was sie so brauchen für ein Wochenende, und glotzen wie Fische aus dem Aquarium auf die fremde Welt da draußen, im Inneren des Hauses durch eine alte Stalllaterne im Vorzimmer hinreichend repräsentiert. Ganz besonders heimtückisch sind jene, die der Stadt vollends entsagen, erdigen Schrittes aussteigen und mit unbestreitbarem Stilgefühl, Sachverstand und herzerwärmender Volksnähe den Bauern zeigen, wie es wirklich geht. Irgendwann wird das dann fad, die Propheten dörflicher Glückseligkeit ziehen zurück in die Stadt und schreiben dort womöglich auch noch schlechte Bücher über die Zeit ihres grünen Exils. Natürlich gibt es auch Ausnahmen, Städter, die das Land brauchen, um den Leuten und der Stille zuzuhören, die ihr Schnitzel noch als Schwein gekannt haben und spüren möchten, wie ein gepflügter Acker riecht, eine gemähte Wiese oder ein geleertes Fass. Auch solche Gäste ziehen ihren Vorteil aus dem Land und geben wenig dafür her, aber das nimmt ihnen keiner krumm.
Gibt sich einer vom Land mit der Stadt ab, dann meist, weil ihm nichts anderes übrigbleibt. Ein beklagenswert banales Motiv, nicht zu vergleichen mit Management-gestylten Sachzwängen. Außerdem ist es immer ein wenig peinlich, wenn einer resigniert, dann bleiben leere Häuser zurück, geschlossene Geschäfte, und daneben hängt vielleicht noch ein alter Zuckerlautomat mit der hämischen Aufschrift: „Wähle selbst.“ Als ob das so einfach wäre.
Mein Dorf, in dem ich ein wenig leben darf, als Fremder zwar, von dem keiner so recht weiß, womit er wirklich sein Geld verdient, mit dem Schreiben, wie er immer sagt, bestimmt nicht, ist gottlob weit davon entfernt, sich aufzugeben. Es hat sogar zwei Wirtshäuser – ein vitaler Beweis für unverdrossenes Zusammenleben. Beide haben die Resopal-Epidemie und die Plastikseuche ziemlich gesund überstanden, und auch die neueste Heimsuchung einer hinterhältig uniformen Scheinindividualität konnte nicht recht Fuß fassen, weil sie zu teuer käme. Natürlich tragen auch anderswo im Dorf Geldmangel oder sogar Armut dazu bei, dass die Dinge beim Alten bleiben, entspricht Schlichtheit nicht dem schlichten Gemüt, sondern dem Mangel an Möglichkeiten. Das schwärmerische Gefühl für das Althergebrachte wächst nicht auf solchen Böden, das kultivieren jene Besucher, die das Dorf zu einem bukolischen Tapetenwechsel benutzen, um dann gerührt in ihre zentralgeheizte Welt zurückzukehren. Der Alltag sieht anders aus. Vor wenigen Jahren hat es noch drei Geschäfte im Dorf gegeben, jetzt sind es zwei und sie halten offen, weil sich genügend Kunden finden und der Kaufmann nicht schlechter lebt als die anderen. Kein heroischer Abwehrkampf gegen Supermärkte, kein aufopfernder Dienst im Sinne der Nahversorgung, aber geduldige, zähe, freundliche Arbeit und vorsichtige Zufriedenheit, weil sich davon leben lässt. Von beschaulicher Idylle war im Dorf nie die Rede, auch früher nicht, als es noch leichter war durchzukommen. Schon eher berührt die angemessene Dimension, das Dorf als Spiegelbild der Lebensumstände seiner Bewohner. Sind die Umstände zwiespältig, sind es auch die Häuser: die schönen Zimmer der lauten Straße zu, weil dort ja früher ein Anger war und man nur ein Fenster zu öffnen brauchte für Geselligkeit und die neuesten Nachrichten. Hintaus, im grünen, stillen Paradies, wohnen die Alten und das liebe Vieh, weil in leiseren Zeiten Abgeschiedenheit nichts Schönes war. So ist das eben, und die Vertreter für schalldichte Fenster haben ihre Freude daran.
Mein Dorf war nie so wohlhabend, dass Optik wichtiger hätte sein dürfen als Zweckmäßigkeit. Zweckmäßigkeit hat die klare Form alter Häuser bestimmt: die Türen so groß, dass sie der Mensch bequem durchschreiten kann, in der Stube berührt die ausgestreckte Hand die Decke, wer am Tisch sitzt, kann seinen Ellenbogen in die Fensternischen legen. Adolf Loos schreibt über ein solches Haus: „Genau so schön ist es, wie die rose oder die distel, das pferd oder die kuh.“ Bleiben wir bei der Zweckmäßigkeit als Formgeberin, dann wäre es einem Bauernhaus unserer Zeit nicht zu verübeln, sähe es aus wie Monokultur oder Kunstdünger, Mähdrescher und Stromlinienschwein. Nicht einmal der Hof eines verbrieften Bio-Bauern könnte heute romantischen Bilderbuchträumen gerecht werden. Auch bäuerliches Imponiergehabe hat es schon immer gegeben, nur war das Ergebnis in einer Zeit überlieferter Bauweise und ohne schlechte Vorbilder eindrucksvoll, vielleicht auch protzig; heute kränken eben riesige Blechtore, öde Betonflächen und unechte Fassaden. Die Naivität ist längst beim Teufel, daran sind nicht die Bauern schuld, und unverbildetes Formempfinden ist längst unter die Räder des Fortschritts gekommen.
Es macht sich im Kreise gebildeter Ästheten immer gut, den Gesichtsverlust der Dörfer zu beklagen, aber nicht zuletzt waren es die üblen Vorbilder der Reichen und Gebildeten, die das neue Bild auch auf dem Lande prägten, waren es die Ämter und Banken, die mit Bauten von umfassender Abscheulichkeit den neuen Weg vorzeichneten. Seit den Siebzigerjahren gehen „Dorferneuerer“ um, kluge, ehrliche, auch sensible Leute, aber es ist eben wieder eine Revolution von oben. Hätten die Menschen in meinem Dorf weniger drückende Sorgen, hätten sie mehr Freiheit und mehr Freude daran, über das Gesicht ihrer Landschaft und ihrer Häuser nachzudenken; hätten sie ein wenig mehr Anlass dazu, auf ihre Arbeit stolz zu sein, wären sie auch selbstbewusst genug, nicht jedem, der da kommt und etwas vormacht, zu glauben.
Lebensfreude ist auch eine Dimension der Ästhetik, und es gibt nicht sehr viel Lebensfreude in meinem Dorf. Für junge Menschen ist ein ruhiges Leben in festgefügten Bahnen und mit einer verlässlich trüben Zukunft schlichtweg frustrierend, und die Betäubung in der Disco, der Tritt aufs Gaspedal und das aggressive Spiel mit dem Risiko ist eine böse Mischung aus greller Euphorie und latenter Verzweiflung. Die Erwachsenen müssen sich oft genug damit abfinden, dass ihre Art zu leben für die Kinder uninteressant geworden ist, dass die vielen Jahre als Bauer auf eigenem Boden mit dem Verkauf enden, mit dem Verzicht auf tradiertes Selbstverständnis, und die Alten haben längst nicht mehr ihre verlässlich vorgeschriebene Rolle in der Familie und in der Dorfgemeinschaft. Einsame Krankheit und einsamer Tod, vordem städtische Errungenschaften, sind längst auch auf dem Land zuhause.
Als immerhin verdächtiger Lustgewinn wird das Trinken im Dorf wohl noch nicht so beiläufig wie anderswo geübt, hat noch ein wenig rituelle Feierlichkeit. Aber viele saufen ja doch ganz einfach, um nicht nachdenken zu müssen.
Ein anderer Aspekt stimmt auch nüchtern heiter: Manche, die in die Stadt gegangen sind, um zu verdienen, kommen zurück, weil sie aus der Distanz ihr Dorf neu zu sehen gelernt haben, nie beachtete Werte für sich entdeckten. Viele, die in der Stadt arbeiten, bleiben im Dorf, obwohl der tägliche Weg weit ist, aber so ganz wollen sie die Wurzeln nicht aus der Erde ziehen. Offensichtlich hat ein Leben am Rande der Einsamkeit doch mehr Farben als grau und grün.
Der Zaungast macht es sich natürlich besonders leicht, lebt ein wenig mit, in einer vertrauten, doch nicht alltäglichen Welt, liest penibel in der Lokalzeitung nach, welcher Jubilar geehrt, welcher Vortrag gehalten, welches Fest begangen wurde, schaut in Gesichter, hört zu und redet nicht zu viel. Es ist schon so, dass diese Welt auch heute noch imstande ist, Dimensionen richtigzustellen, Wertigkeiten neu zu ordnen, dem Schweigen Inhalt zu geben. Zum Teufel mit dem Terminkalender. Doch irgendwann verschwindet das Dorf im Rückspiegel, die Rückkehr in die Stadt geschieht zögernd, ziemlich unwillig. Es liegen ja noch ein paar Dörfer am Wege, es gibt ja noch eine Wirtin, bei der man Kaffee trinken muss, weil sie so unglaublich blond ist, und einen Wirt, so nebenbei auch Kaufmann und Postoberoffizial, bei dem man unbedingt ein Paar Würstel essen sollte, weil dann ein Orkan an Service loszubrechen pflegt, mit Serviettenständer und zwei Sorten Senf. Die kleine Stadt am Wege ist immer noch besser als die große Stadt am Ziel, die Bundesstraße immer noch freundlicher als die Autobahn.
Eine Stunde später liegt das Dorf unendlich weit weg, winzige Metropole einer noch nicht verlorenen Welt. Was suchst du nur immer da draußen? Fragen die Freunde. Zum Beispiel mich.
An einem wunderschönen Oktobermorgen eines Jahres, das nicht genannt werden will, stand der Jüngling K., nicht mehr von den Jüngsten einer, vor den Toren einer Kaserne, die dereinst kaisertreue Rösser und Soldaten beherbergt hatte. Da es in einer aufrechten Demokratie nichts mehr zu wiehern gab, verlegte man später die Heeresküche in den Stall.
Der noch zivile Jüngling K. hatte nicht einmal eine Zahnbürste bei sich, war er doch wild entschlossen, seine körperliche und geistige Hinfälligkeit dermaßen eindrucksvoll zu beweisen, dass das Heer geradezu Wert darauf legen musste, sich von derlei Elementen freizuhalten. Das Schicksal meinte es nicht gut mit diesen ruchlosen Absichten: Irgendein fürwitziger Keim abdominaler Herkunft hatte die Kaserne zum Krankenhaus gemacht, die Tore blieben geschlossen, und schon hatte der Jüngling K., was er partout nicht haben wollte: einen Marschbefehl. Und wenig später war er, wo’s ihm so gar nicht recht behagen wollte: hinter den Mauern einer anderen Kaserne, umgeben von verstörten Leidensgenossen. Man hatte, heeresamts auch nicht gerade auf den Kopf gefallen, zu einem hinterhältigen Schlag gegen wehrwiderspenstige Knaben reiferen Alters ausgeholt: Da waren sie nun, Akademiker, Familienväter, manche sogar beides, Karrieremacher, Prominentensöhne und eben K., der sich sein Brot schon damals mit dem Bereiten von Pegasusen und dem Küssen von Musen – oder war es umgekehrt? – verdiente. Ein höchst suspektes Element jedenfalls.
Besagtes Element und alle anderen waren nicht gerade heiter. Hatten doch die meisten geplant, nach heeresärztlicher Bestätigung ihrer Leiden diese Nacht, wenn sich nicht noch Besseres fand, wenigstens in Morpheus’ Armen – und das in Zivil – zu verbringen. Nichts da. Die neue Kaserne war nur Zufluchtsort, bis die alte wieder ihren Dienst tun konnte, und an einem Zufluchtsort wurde nicht amtsgehandelt, also auch nicht untersucht. Und die verdutzten neuen Soldaten waren mit dem Bewusstsein, dass dieser Berufsstand vorerst ein Provisorium bleiben sollte, nur halb getröstet. Anklagend trugen sie ihre Leiden vor sich her und wurden mit der Zusicherung in die neuen Gemächer abgeschoben, dass man die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit nicht beanspruchen werde, solange man diese nicht kenne. Damit begann der feldgraue Alltag. Man belud die Herren mit Uniformen, mit der Heeresbutterdose und anderem nützlichen Gerät, überließ ihnen den Helm als Haupteszier und stattete sie mit Trainingsanzügen aus, die sie dank bauschiger Hosen und enger Oberteile mit der wilden Grazie tanzender Derwische umgaben. Man lernte widerwillig, das harte Lager nach militärischer Geometrie auszurichten, legte sich schaudernd ins rechteckig disziplinierte Linnen und versuchte zu schlafen.
Der Soldat K. überlegte mit offenen Augen, wie er in die Falle getappt war. Da lag er nun, dem fürwitzigen Stande der Pioniere zugerechnet, und verstand die Welt nicht mehr. Es roch nach Staub. Es roch nach Seife. Und nach Mensch roch es auch. Hierorts zählte man Musen sicher zum Ungeziefer. Und morgen würde einer kommen und mit sehr lauter Stimme bekanntgeben, dass man strammzustehen habe, die Arschbacken zusammengekniffen: Jawoll. Pionier K. brach in unmotiviertes Gelächter aus. Pssst! Tönte es von allen Seiten. Es war eine Freude zu leben.
Die nächsten Tage brachten nicht viel Neues. Nichts jedenfalls, was K. und die anderen nicht befürchtet hätten. Alle warteten auf den Tag X, an dem sie endlich in die angestammte Kaserne zurückkehren durften, um dort einen weißbekittelten Herrn beim Hippokrateseid zu nehmen. Aber dann! Von dieser Hoffnung genährt, überlebte jeder auf seine Weise. Der Pionier K. suchte sein Heil in der Heeresküche, wo er durch extensive Ausnützung der Kartoffelschälmaschine aus riesigen Knollen zierliche Pommes de Paris raspelte, Gurken zu Tode schälte und gewaltige Mengen von Karotten aß, in der Hoffnung, auch noch ein ansehnliches Magenleiden zu erwirtschaften.
Ein anderer, höchst sensibel und von altem Adel, ergab sich der Trunksucht. Seinem Stande gemäß verfiel er allerdings nicht in plebejisches Lallen, sondern verwandelte sich trunkenen Gemüts in hochgeachtete Lebensformen. So hetzte er eines Abends in wilden Sprüngen als Lipizzaner durch die Kaserne, verhielt vor seinem Bette, auf nervösem Hufe tänzelnd, um dieses endlich per Levade zu bespringen. Wenig später trat der Diensthabende ein, die letzte Meldung des Tages entgegenzunehmen. Der Lipizzaner, nicht faul, ergriff die Gelegenheit zu einer plötzlichen Metamorphose und meldete, sich im Bette zackig erhebend: Oberst Podhajsky meldet Zimmer 9, besetzt mit 8 Lipizzanern, zur Nachtruhe ab. Es sei hier wohl gestattet, von wieherndem Gelächter zu sprechen.
Dann, nach zwei Wochen, war der Tag X gekommen. Ein neuer Marschbefehl. Und einer in die Freiheit, wie alle hofften. Besagte Freiheit war beinah perfekt, sah man von den Mauern ab, die sie umgaben, von den bewachten Toren, die sie versperrten. Aber es sollte ja nicht mehr lange dauern. Der Heeresarzt war schon eingetroffen, sein Wartezimmer entpuppte sich als langer Gang, dunkelgrün gestrichen und säuerlich riechend. Da saßen sie nun, die Leidenden, Hinfälligen. Der erste mit einem Liter feinstem italienischem Espresso im Leibe, der sein Herz zu einem beeindruckenden Stakkato veranlassen sollte, der zweite bleich und blass, wie es seinem hinkenden Kreislauf entsprach, das eine Bein gefühllos, das andere kribbelnd, die Hände leichig-kalt, der dritte trug ein verbürgtes Zwölffingerdarmgeschwür im Leibe, der vierte war dermaßen siech, dass er das dicke Bündel Bestätigungen und Expertisen führender Medizinmänner kaum noch tragen konnte, und dann war auch schon K. an der Reihe, ein geheimnisvolles Leiden in den Höhlen seines Kopfes tragend, das ihn glücklich über die Jahre vorher gerettet hatte und ihn auch diesmal wohl nicht im Stich lassen würde.
Eines musste man dem Heeresweißkittel lassen: Er nahm sich Zeit. Eine gute halbe Stunde dauerte es, bis der erste wieder hervorkam, der mit dem rasenden Herzen, ein weißes Papiersäcklein mit ebenso weißem Pülverchen in der Hand und – höchst tauglich. Abermals währte es an die dreißig Minuten, bis der Kreislaufgestörte sich aus dem Untersuchungsraum schleppte, in blutleeren Fingern ein weißes Säcklein mit ebenso weißem Pülverchen darin. Und wieder öffnete sich die Tür, der Soldat mit dem verbürgten Zwölffingerdarmgeschwür tänzelte hervor. Ohne Säcklein und sichtlich zufrieden. Frei? Tönte der Chor der Gefangenen. Gottlob tauglich, sagte dieser, und Diät bekomme ich auch. Kopfschüttelnd griff der nächste nach seinem nicht nur medizinisch gewichtigen Bündel, verschwand und kam wieder. Links das Bündel, rechts ein weißes Säcklein, ach, Sie wissen schon. Dem Pionier K. ward es seltsam im Gemüte. Er trat ein, stand wenig später da, in rosiger Nacktheit, wurde gewogen, abgemessen und prüfend beäugt. Naja, hörte er, naja. Adonis ist er keiner. K. deutete anklagend auf seinen Kopf, den mit den Höhlen. Schlimm. Sehr schlimm, hörte er menschlich mitfühlende Worte. Was tun wir wohl dagegen? Und wenig später umkrampfte die nunmehr endgültig soldatische Rechte ein weißes Säcklein – und die anderen fanden das auch noch lustig.