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REINER ENGELMANN

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Für meine Enkelkinder

Paul, Lior, Lionid

1. Auflage 2017

© 2017 cbj Kinder- und Jugendbuchverlag

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Straße 28, 81673 München

Alle Rechte vorbehalten

Umschlaggestaltung: Geviert Grafik & Typographie

Umschlagmotiv: Shutterstock (Ansis Klucis, Neil Lang, Thomas Jasinskis)

kg · Herstellung: AJ

Satz: KompetenzCenter, Mönchengladbach

ISBN: 978-3-641-20689-5
V001

www.cbj-verlag.de

Gewalt bedroht unser Menschsein.

Arno Gruen

Ich weigere mich, ohne Hoffnung zu sein.

Nadine Gordimer

Inhalt

Vorab

Prolog

Vorboten

Teil 1 – Flucht aus …

… Afghanistan

… Somalia

… Syrien

… Pakistan

… Simbabwe

Teil 2 – Die Tat

Der Anschlag

Sicherheit

Der Tag danach

Untersuchungshaft

Entschuldigung

Hinweise – Robert Mühlhaus

Hinweise – Matthias Schmitt

Hinweise – Beate Burg

Hinweise II – Robert Mühlhaus

Mütter

Teil 3 – Im Namen des Volkes

Pressemitteilung

Der Prozess

Das Urteil

Epilog

Nachwort

Glossar

Literatur- und Quellenverzeichnis

Vorab

Dieses Buch beruht auf einer wahren Begebenheit. Die Tat, die hier beschrieben wird, wurde so tatsächlich verübt. Taten wie diese gab und gibt es viele in Deutschland.

Die betroffenen Geflüchteten habe ich in langen Gesprächen befragt, jedoch habe ich ihre Namen und auch Teile ihrer Geschichten leicht verändert, um sie zu schützen.

Der Kern von dem, was sie mir anvertraut haben, wird hier jedoch wiedergegeben.

Durch meine Recherchen zu dem Fall habe ich auch tiefe Einblicke in die Psychologie der Täter und ihrer Familienangehörigen gewonnen. Die im Buch beschriebenen Innensichten beruhen auf meinen Beobachtungen bei den Gerichtsverhandlungen sowie auf Analysen der Täteraussagen. Sie kommen der Realität also nah, können dieser aber nicht vollständig entsprechen, da ich leider keine Möglichkeit hatte, mit den Tätern und den Familienangehörigen zu reden. Ihre Anwälte haben eine Kontaktsperre verhängt. Die Namen habe ich ebenfalls geändert.

Reine Fiktion sind die Anwälte, deren Handeln ich mit sachkundiger Unterstützung auf der Grundlage immer neuer Erkenntnisse zum Tathergang konstruiert habe.

Fiktion und Realität greifen ineinander über, geben einen tiefen Einblick in die Gedankenwelt von Tätern und vermitteln Ursachen dafür, warum Menschen ihre Heimat verlassen, um in einem anderen Land, in diesem Fall Deutschland, Schutz für das eigene Leben und das der Familie zu suchen.

Prolog

Für den 18. Januar hatten sie zur traditionellen Grünkohlwanderung eingeladen. Das Datum war bewusst gewählt, wird es in ihren Kreisen doch nach wie vor als Gedenktag zur deutschen Reichsgründung gefeiert.

Sie trafen sich außerhalb des Ortes auf einem Wanderparkplatz. Von dort liefen sie über einen Höhenzug, auf dessen Gipfel ein Turm scheinbar bis in den Himmel ragte. Sie bestiegen ihn und genossen nach der einen Seite den Blick über die Wälder, die sich bis zum Horizont erstreckten, und in der anderen Richtung sahen sie hinunter ins Tal. Natur pur. Rundum.

Nach einer Teepause führte ihr Weg sie weiter, vorbei an bizarren Felsgruppen, an heidnischen Kultstätten aus vorchristlicher Zeit bis hin zum nächsten Etappenziel, dem Thingplatz, der zwischen 1933 und 1936 von den Nationalsozialisten als Freilichttheater und für Aufmärsche errichtet wurde, aber nie deren Vorstellungen nach ausreichend genutzt wurde. Einige Teilnehmer hegten den Wunsch, diesem Ort nun endlich die Bedeutung zukommen zu lassen, für den er einmal von den großartigen Vorbildern jener Zeit vorgesehen war.

Von dort traten sie, nach wilden Schneeballschlachten, ihren vorerst letzten Weg an: zu einem Gasthaus in der Region, in dem sie angemeldet waren. Bei Grünkohl und Korn freuten sie sich über diesen Tag.

»Deutsches Land, deutsche Natur, durchwandert von deutschen Männern.« Mit diesen Worten begann einer der Teilnehmer nach dem Essen eine kurze Rede. »Wir wollen dieses Land sauber halten. Erinnert euch an diese Natur, an die klare Luft! Noch nicht verpestet von jenen, die nicht hierhergehören. Hier ist die Natur noch rein und so soll sie auch bleiben, Kameraden!«

Lauter Beifall.

»Ich freue mich, ein paar neue Gesichter zu sehen. Das ist gut! Auf euch kommt es an! Jeder, der bei uns im Aktionsbündnis Hermannsland mitmacht, ist mehr Wert als ein vertrottelter Wähler, der alle vier Jahre bei irgendeiner Partei sein Kreuz macht!«

Wieder tosender Beifall.

»Und deswegen, Kameraden, soll jeder von euch entscheiden, welchen Beitrag er zur Reinhaltung Deutschlands leisten wird. Wir müssen aktiv werden, es ist an der Zeit!«

In Tischgruppen saßen sie noch lange zusammen, tranken Bier und Korn und planten die nächsten Aktionen. Einer der Neuen hatte eine Idee, die er vortrug. Man nickte, klopfte ihm zustimmend auf die Schulter und prostete ihm zu. So viel Zuspruch hatte er nicht erwartet. Nun stand er im Wort. Er wurde gebraucht.

Vorboten

Es war eine kalte Frühlingsnacht. Regen hatte eingesetzt, der von einem heftigen Wind durch die Straßen gepeitscht wurde.

Er zog sich die Kapuze seiner Jacke weit über den Kopf, sodass sie auch Teile seines Gesichtes verdeckte, als er hinaus auf die Straße trat. Das half. Gegen den Wind. Er wollte auch nicht erkannt werden.

Seinen Plan hätte er verschieben können. Auf eine laue Frühlingsnacht. Aber er war niemand, der Vorsätze so leicht aufgab. Außerdem stand er im Wort. Den Kameraden hatte er beim Grünkohlessen versprochen, es zu tun. Nun war es so weit.

Er befühlte noch einmal seine Jackentasche. Es war alles da, was er brauchte.

Für den Weg bis zum Zielort brauchte er fünf Minuten. Diesen Ort fand er für sein Vorhaben strategisch wichtig. Das hatten auch die Kameraden gesagt. Von diesem Ort, der Bushaltestelle, fuhren täglich viele Menschen zur Arbeit oder zur Schule in die Kreisstadt oder zu anderen Orten in der Region. Außerdem lag sie direkt neben dem Haus, in dem die Gemeinde Asylbewerber untergebracht hatte. Diesen Ort hatte er ausgewählt, um seine Botschaft anzubringen. Einzig der starke Wind könnte seinen Plan noch durchkreuzen. Das Wartehäuschen hatte jedoch neben einer Rückwand auch zwei Seitenwände, die ihn schützen würden.

Nachdem er angekommen war, schaute er sich kurz um. Zu dieser Zeit war niemand mehr auf der Straße.

Er zog die Sprayflasche aus der Jackentasche und führte aus, was er zu Hause viele Male geübt hatte. Als er fertig war, trat er ein paar Schritte zurück. Das diffuse Licht der Straßenlampe reichte aus, um sein Werk zu begutachten. Es war ihm perfekt gelungen. Groß, rot und zentral hatte er seine Botschaft auf die Innenseite der Rückwand der Bushaltestelle gesprüht.

Am kommenden Morgen war er einer der ersten am Ort. Nicht zufällig. Auch er musste, wie viele andere, mit dem Bus in die Kreisstadt. Bislang kam er immer gleichzeitig mit dem Bus an der Haltestelle an. Er mochte es nicht zu warten. Anders an diesem Morgen. Er wollte beobachten, Reaktionen einfangen.

Empörung, Kopfschütteln, damit hatte er gerechnet. So kam es auch. An diesem Morgen. Bei seiner nächsten Fahrt drei Tage später kamen noch ähnliche Reaktionen. Nicht mehr so heftig. Drei Monate später war das Hakenkreuz so etwas wie ein Bestandteil der Bushaltestelle geworden. Niemand mehr machte eine Bemerkung, niemand schüttelte mehr den Kopf, niemand ließ es entfernen.

Er freute sich über diesen Erfolg.

Wenige Wochen nach jener verregneten Frühlingsnacht machte sich ein weiterer junger Mann im Schutze der Dunkelheit auf den Weg. Auch er hatte eine Mission zu erfüllen. Auf verschlungenen Wegen hatte er Kontakt zu dem Mitglied einer Partei bekommen, von der er schon gehört hatte, aber bislang niemanden daraus kannte. Bis jemand von dieser Partei herausgefunden hatte, dass er an seinem Heimatort den »Club 18« betrieb. Das Parteimitglied hatte zwar keine Vorstellung davon, was sich hinter diesem Klub verbarg, allein die »18« war für ihn ein Zeichen. Sie trafen sich, tauschten ein paar Informationen aus, und er ließ sich darauf ein, für diese Partei Flugblätter zu verteilen, in denen ausdrücklich gegen die »Asylantenflut« Stellung bezogen wurde. Sie sollten in P. verteilt werden, weil es dort schon Asylanten gab und wahrscheinlich noch mehr aufgenommen werden sollten. Vereinzelter Protest war schon laut geworden.

An jenem Morgen fanden viele Bürger in P. diese Flugblätter in ihrem Briefkasten. In den nächsten Tagen und Wochen hielt er sich öfter in Geschäften und Gaststätten in P. auf. Er wollte herausfinden, ob und wie man über die Flugblätter redete. Aber er konnte nichts feststellen. Auch dann nicht, als er zum zweiten und dritten Mal die Briefkästen mit diesen Informationen versah. Es gab keinerlei Aufschrei in der Bevölkerung, niemand hatte die Presse informiert. Weder der Bürgermeister noch der Pfarrer.

Er war zufrieden.

Was diese beiden jungen Männer nicht wussten:

Zur gleichen Zeit machten sich Menschen aus verschiedenen Ländern auf die Flucht. Sie verkauften, sofern sie noch Zeit dazu hatten, ihr gesamtes Hab und Gut, vertrauten ihr Schicksal Schlepperorganisationen an und hofften, sie würden von ihnen in sichere Länder gebracht werden. Denn dort, wo sie lebten, war ihr Leben in Gefahr. Um sie herum herrschte Krieg, Terror bedrohte sie, oder sie waren in ihrer Heimat nicht sicher, weil sie sich für Freiheitsrechte einsetzten.

Niemand von ihnen wusste, ob sie jemals lebend ein sicheres Land erreichen würden, das ihnen ein Leben ohne Angst ermöglichte. Weder die vierköpfige Familie aus Afghanistan noch die aus Pakistan, weder die Eltern mit ihren drei Kindern aus Syrien noch der Jugendliche, der vor dem Krieg aus Somalia flüchtete, noch die Mutter mit ihren drei Kindern aus Simbabwe, deren Mann Opfer staatlicher Gewalt wurde, weil er sich für freie Wahlen eingesetzt hatte.

Dass sie nach Deutschland kamen, war mehr dem Zufall geschuldet. Am Anfang ihrer Flucht wussten sie oft nicht, wohin der Weg sie führen würde und ob sie an dem Ort, den sie erreichten, auch bleiben könnten. Sie wollten nur einfach weg aus ihrem Land, weg von der täglichen Bedrohung, irgendwo hin, wo sie sicher leben konnten.

Über viele Stationen kamen sie schließlich nach P. Sie hatten ein Ziel erreicht. Sie waren in Sicherheit. Doch wie würde ihr Leben weitergehen? Das konnte niemand von ihnen voraussagen. Sie freuten sich über die Unterstützung durch die einheimische Bevölkerung und auch mit vielen Behörden machten sie bessere Erfahrungen als mit denen in ihren Heimatländern.

Konnten sie es schaffen, an diesem neuen Ort anzukommen?

TEIL 1

Flucht aus …

»Wenn ihr den Krieg

beenden wollt,

sendet Bücher statt Waffen.

Sendet Stifte statt Panzer.

Sendet Lehrer statt Soldaten!«

Malala Yousafzai