Vollständige E-Book-Ausgabe der im Rosenheimer Verlagshaus erschienenen Originalausgabe 2002
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Titelfoto: Michael Wolf, München
eISBN 978-3-475-54689-1 (epub)
Paul Friedl
Daheim scheint die Sonne anders
Durch einen Unfall bei der Heuernte verliert die kleine Vevi eine Hand. Weil sie nun auf dem elterlichen Bauernhof nicht mehr mithelfen kann, wird sie auf eine höhere Schule in die Stadt geschickt. Dort entfremdet sie sich den Menschen ihrer Heimat mehr und mehr. Doch das Leben in der Stadt hält manche Enttäuschungen bereit, und so kehrt sie in das stille Walddorf ihrer Kindheit zurück. Wird sie hier endlich ihr Glück finden?
Die Sonne brütete verschleiert über der gleißenden Dunstglocke des schwülen Hochsommernachmittags. Wie gelbgrüne, schäbige Teppiche lagen die Hangwiesen im kleinen Waldtal hingebreitet, und in der Hitze des Tages war das Rauschen des Bächleins im Grund leiser geworden, das Vogellied verstummt.
Die zwei Bauersleute vom Martinerhof taten ihre Heuarbeit müde und gebeugt, die brennenden Gesichter unter Kopftuch und Strohhut, den beizenden Schweiß immer wieder mit dem Handrücken aus den Augen wischend. Das dürre Heu raschelte wie der hauchende Wind in den Herbsttagen. Träge huschten und tanzten die Fliegen und Bremsen durch die Schweißwolke, die das Ochsengespann, die Martinerleute und die halbgeladene Heufuhre einhüllte und aus den sauren Perlen harter Arbeit dampfte.
Wortlos stapelte die Martinerin die Schübel Heu zur Fuhre, die der Mann ihr aufgabelte, bückte sich und richtete sich, leise ächzend, wieder auf, wischte sich schnell die brennenden Augen und zog das Kopftuch tiefer in die Stirne. Braun und ledern war das Gesicht des Martiner. Helle Blauaugen folgten der Arbeit und sahen nach den Ochsen, die unter den Stichen des wütenden Geschmeißes unruhig wurden und an den Strängen zerrten.
„Brr!“
Drüben auf der anderen Seite des kleinen Baches rechten die Süßbauern ihr Heu zusammen, stumm und in gleichmäßigen Bewegungen, und kein Laut klang herüber. Wenn nicht das Heurauschen und das Fliegengesumm um sie gewesen wären, hätten die Martiner meinen müssen, daß die Welt keinen Laut mehr hätte.
„Ein Tag ist das, Lenz, so was Totes und Armes, zum Fürchten! Grad, als müßt heut noch ein Wetter kommen und alles zusammenschlagen, oder sonst ein Unglück.“
Nur für den Augenblick, um das zu sagen und sich schnell mit dem Arm über das Gesicht zu wischen, hatte die Martinerin innegehalten.
„Mhm“, brummte der Bauer nur und gabelte weiter. Er wußte, was sein Weib meinte. Die Schwüle und Lautlosigkeit und die glastende Sonnenscheibe über dem dampfenden Talwinkel waren trächtig von Mühseligkeit und bösem Ahnen. In solchen Stunden spürten sie das Unheil, als hinge es in der Luft, und sie fürchteten sich. So ein Tag mochte es gewesen sein, als damals drüben auf der Dorfseite die Pferde durchgingen und den Saller, den Vater der Martinerin, zu Tode schleiften.
Wird aber nichts anderes sein, als daß man vor dem Abend noch ein Gewitter haben wird. Bis dahin mußte das Heu im Stadel sein.
Er wußte, wie die Anna, seine brave und tüchtige Bäuerin, jetzt die sorgenden Gedanken weiterspinnen würde, während sie ihm die Heuschauben von der Gabel nahm. So ein unheilschwangerer Nachmittag war es auch, als vor fünf Jahren auf der anderen Seite des Baches die Süßbäuerin mit einem gellenden Schrei von der schwankenden Heufuhre stürzte und mit gebrochenem Genick auf der Wiese liegenblieb. Das war für den Nachbarn ein bitterer Tag und ein harter Sommer.
„He, brr!“
Wie heute die Bremsen wieder anhielten!
Drüben, auf seiner Bachwiese, schalt der Süß mit seinem zweiten Weib. So gut wie mit seiner ersten tat er sich in seiner zweiten Ehe nicht. Und ein Jähzorniger war er auch. Die Erste hatte das hingenommen, aber seine Jetzige keifte zurück.
Mit einem erleichterten Seufzer gabelte der Martiner den letzten Schauben auf, ging zu den Ochsen, fuhr ihnen mit der Hand über die gepeinigten Rücken und holte dann den in der Wiese liegenden Wiesbaum. Sich aufrichtend verschnaufte indes die Martinerin, hielt schattend die Hand über die Augen und sah über die Wiesen hinauf, wo neben dem Weg nach Heimbach der alte Martinerhof mit seinen weißgekalkten Wänden und dem großen wetterbraunen Stadel stand. Wie ein weitoffenes Riesenmaul spreizten sich die Tore zur Tenne, und auf dem Wiesenflecken davor tanzten zwei Mädchen und drei Buben Ringelreihen. Ihr Lachen und der monotone Kinderreim klangen ganz fern.
Alles klang heute so weitab und so stumpf.
Der Martiner schob ihr den Wiesbaum auf das Fuder, und sie richtete ihn in die Mitte und schlang das zugeworfene Seil um den Baum.
„Eine Unruhe hab ich heut in mir, daß ich es gar net sagen kann“, meinte sie.
„Wird halt doch ein Wetter kommen.“
Ehe sie sich von der Fuhre rutschen ließ und der Martiner sie mit starken Armen auffing, sah sie noch einmal hinauf zum Hof. Die Kinder waren im Dunkel der Stadeltenne verschwunden.
Werden halt wieder im Heustock herumkriechen, dachte sie. Waren halt wie alle Kinder, froh und unbekümmert. Wenn sie nur nichts anstellten! Nun wußte sie auch, was sie seit dem Mittag so bedrückte. Immer waren die Kinder mit dabei auf der Wiese, und heute hatte sie nachgegeben; war damit einverstanden gewesen, daß sie um das Haus herum spielten, weil die Vevi, die ältere, zehnjährige Tochter, die Sonne nicht vertragen konnte.
„Hoffentlich stellen die Kinder nix an“, sagte sie, und die Unruhe zitterte in ihrer Stimme.
„Sind doch schon alt genug“, beruhigte der Martiner sie, „und ist ja die Vevi dabei.“
„Die Süßbuben fürcht ich, das sind Umtreiber und lassen sich net viel sagen“, meinte sie besorgt, und während der Mann zum Gespann ging, hob sie die Rechen auf und steckte sie in die Fuhre. Gerade um die Vevi machte sie sich Sorgen. Das eigenwillige Dirndl hörte nicht leicht auf andere. Ihr Schwesterl, das um zwei Jahre jüngere Marei, war scheu und ruhig, und auch der Zaunerbub war ein gescheites Bürschl. Er war der Einzige des Drechslers im kleinen Häusl am Dorfrand von Heimbach und ungefährt so alt wie die Vevi.
„Eine Unruh hab ich in mir, daß mich das Herz sticht.“
„Mußt doch einmal zum Doktor gehen, wegen deinem Herzen.“ Er zog die Peitsche aus dem Halter. „Wüah, Scheck!“
Die Ochsen zogen an.
Da gellte ein entsetzter Kinderschrei auf, droben im Hofstadel, und zerriß die schwüle Stille des Nachmittags, und weinend und rufend stoben die Kinder aus dem Stadeltor.
„Jesus und Maria!“ Starr vor Schreck stand die Martinerin. Der heißdunstende Tag, in dem sie unter Schweiß ihre Arbeit getan hatte, war plötzlich verschwunden; kalt und nüchtern war plötzlich alles, die Fuhre und die Ochsen und droben der Hof mit dem gähnenden Tor. „Mein Gott, ich hab es ja gewußt!“ rief die Bäuerin und hetzte dem Hofe zu.
Die beiden Süßbuben rannten, ihr ausweichend, über die Wiese und sprangen über das Bächlein, standen dort und sahen zum Hof hinauf. Weinend stolperte ihr das kleine Marei entgegen:
„Mutter! Die Vevi — die Vevi!“ Das kleine Dirndl kauerte auf dem Steig nieder und zog die Schürze über den Kopf. Der Martinerin wollte das Herz stillstehen. Was war passiert?
Außer Atem erreichte sie das Stadeltor und schrak zurück. Aus dem Dämmer der Tenne leuchtete ihr das schreckweiße Gesicht der Vevi entgegen, mit weit aufgerissenen Augen und zusammengepreßten Lippen. Neben ihr stand blutüberströmt der Zaunerbub und hielt den Arm des Mädels mit beiden Händen umklammert. Ihre linke Hand war zerfetzt. Die Bäuerin taumelte und mußte sich am Heustock anlehnen.
„Was — ist denn —?“
„In die Gsottmaschin“ — stammelte der Zauner Konrad und drückte mit der ganzen Kraft seiner kleinen Finger den Blutstrom ab.
„Konrad, renn um den Doktor“, ächzte die Martinerin.
„Ich darf net auslassen“ — jammerte der Konrad.
Da riß die Bäuerin das Tuch vom Kopf und schnürte es um den Arm der Vevi, die sie nur wortlos und mit schmerzlich fragenden Augen ansah, steif und still stand und keine Tränen und keinen Wehlaut hatte. Der Martiner stampfte mit seinen schweren Schuhen auf die Tenne und brauchte eine Weile, bis er erfaßt hatte, was hier geschehen war.
„Schnell einen Doktor“, keuchte er entsetzt und rannte ratlos wieder ins Freie. Der Drechsler Konrad radelte schon wie ein Verrückter davon, und der Martiner drohte mit der geballten Faust hinter ihm her:
„Erschlagen tu ich die Saububen noch!“
Da verdrückten sich drüben auf der Bachwiese des Süßbauern dessen Buben, der Hansl und der Toni, und versteckten sich hinterm Stadel des elterlichen Hofes.
„Ich hab dir’s gesagt, du sollst aufhören mit dem Umdrehen an der Gsottmaschin“, wimmerte der Hansl angstzitternd.
Unberührt und unter den zusammengewachsenen Augenbrauen den kleineren Bruder böse anstarrend, zischte der Toni: „Halt dein Maul! Wenn du jemanden sagst, daß ich die Werfel gedreht hab, dann schlag ich dich maustot!“
„Das wissen ja die andern auch, das Marei und der Zauner Konrad, und die werden es schon sagen.“
„Und wir zwei sagen, daß der Konrad umgedreht hat.“
„Das kann ich net sagen, weil es net wahr ist.“
Da fiel der Toni über den kleinen Bruder her und verprügelte ihn.
„Umbringen tu ich dich, wenn du nur einen Schnaufer tust. Der Konrad ist es gewesen, hörst? Der Konrad, und wenn du anders sagst, dann —“
„Ich sag nix“, weinte der Hansl.
„Sagen sollst, daß der Konrad umgedreht hat“, keuchte der Toni und schlug auf den Kleinen ein.
„Ja, ja, hör auf!“
Der Süß war von der Wiese zum Haus gerannt und rief nach seinen Buben. Finster und verstockt ging der Toni ihm entgegen, und auf die Frage, was drüben beim Nachbarn passiert sei, sagte der Bub ungerührt, daß die Vevi mit der Hand in die Häckselmaschine gekommen sei.
Der Süß wurde bleich: „Da bist natürlich du wieder dabeigewesen, dann kann ich mir schon denken, wie es zugegangen hat.“
„Der Zauner Konrad ist es gewesen, frag den Hansl“, brauste der Toni auf, aber eine kräftige Ohrfeige des Vaters warf ihn auf die Wiese.
„Was ist los gewesen, Hansl?“
Der Kleine weinte laut auf, drückte die Handrücken vor die Augen und wimmerte nur: „Ich bin’s net gewesen, ich net —“
Der Süß drehte sich um und stapfte aus dem Hof, den Weg hinab, der zum Martiner führte.
Mit ihm kam der Posthaltersepp vom Dorf Heimbach auf dem Rad vor der Haustüre des Martinerhofes an. In die Stube stürmend rief der Sepp, daß der Doktor sofort komme. Er selber verstand sich auf eine Erste Hilfeleistung bei Unfällen, prüfte den abgeschnürten Unterarm der Vevi und hob das verblutete Tüchlein von der verstümmelten Hand. Das sah böse aus. Bis zur Handwurzel hatten die scharfen Häckselmesser Finger und Handteller abgeschnitten.
„Nachbar, was ist passiert?“ fragte der Süß, wortlos aber stand der Martiner und stierte auf die Vevi, die von der Mutter und dem Posthaltersepp von der Tenne ins Haus geführt wurde.
Schweigend folgten der Süß und der Martiner.
Die kleinen Fenster ließen wenig von dem sonnigen Nachmittag in die niedere Stube, die, sauber aufgeräumt, erkennen ließ, daß hier kein Reichtum war, sondern nur das karge Dasein eines kleinen Waldbauern hauste.
„Dirndl, tut es recht weh? Warum sagst denn nix“, jammerte die Mutter und starrte entsetzt in das Gesicht der Vevi. In die bleichen Wangen des Kindes kehrte die Farbe zurück, aber der Mund öffnete sich nicht und war wie von einem Krampf geschlossen. Die braunen Augen sahen über alle hinweg und suchten den schönen Sommertag draußen vor dem Haus.
„Dirndl, red was!“
Die Vevi schien auch die angstvollen Worte der Mutter nicht zu hören und auch nicht zu bemerken, was um sie herum vorging. Ratlosigkeit und fassungsloser Schreck, Trotz und Auflehnung zuckten in ihrem Blick. Die sorglose Kindheit versank in einer nebelgrauen Gegenwart, und in dem kleinen Herzen wurde es still vor unbegreiflichem Entsetzen und unlösbarem Kummer.
Ihre Stirne zog sich zusammen, und die Gedanken dahinter suchten vergeblich und angestrengt nach einem Ausweg, der den schönen und fröhlichen Sonnentag wiederherstellen könnte, flatterten ängstlich und scheuten die Wirklichkeit.
Und die Mutter stammelte immer wieder: „Dirndl, sag was! Tut es recht weh?“
Unbeholfen stand der Martiner und starrte vornübergebeugt auf das Kind, hatte ein Gespür, als blicke er in einen tiefen Brunnen, der sich urplötzlich aufgetan hatte, und dessen Grund er nicht sehen konnte.
„So was, so was“, brummelte der Süß an der Türe und wünschte sich weit weg. Wenn man dreinschlagen könnte, und damit das Unglück aus dem Weg zu räumen wär, ging es ihm durch den Kopf.
Und alle hörten sie dankbar auf den Posthaltersepp, der zwischen guten Ratschlägen und der Versicherung, daß es wahrscheinlich gar nicht so schlimm sei, wie es nun für das erste hersehe, sich immer wieder an die Vevi wandte: „Halt dich nur ruhig, Dirndl, ist alles net so schlimm. Ist grad, wie man’s nimmt, und wenn’s einmal geheilt ist, kannst wieder lachen. Gleich wird der Doktor dasein.“
Unter den dunklen Deckenbalken der Stube staute sich die Angst.
„Ist alles nur ein Zufall“, redete der Posthalter sinnlos weiter, „hätten die Kinder net an der Gsottmaschin gespielt, dann wär überhaupt nix passiert.“
Sie nahmen ihm sogar diesen Unsinn dankbar ab und nickten dazu.
Das Marei kauerte in der Tischecke und war todblaß. Niemand kümmerte sich um sie. Als der Kanarienvogel im Käfig am Fenster zu rollen anfing und sein Triller durch die Stube klingelte, zuckte die Vevi zusammen, und ihr Blick wurde unruhig und wanderte hinüber zum Vogelhaus. Eine Träne kollerte über ihre Wange, und der Mund zuckte leicht. Da fing die Martinerin zu weinen an, und der Süß ging fort.
Vor seinem kleinen Hof erwartete ihn sein Weib.
„Bin ich froh, daß die Unserigen nix damit zu tun haben“, berichtete der Süß, „die Hand ist futsch, und da wird der Zauner Kosten kriegen, daß er sich nicht mehr auskennen wird.“
„Ist das so gewiß, daß unser Toni und der Hansl net dabei gewesen sind?“ zweifelte die Bäuerin. „Das wär das erstemal, und da bin ich net ganz sicher —“
Drüben beim Martiner hielt das Auto des Doktors, und es dauerte nicht lange, bis der Arzt mit der Vevi und der Martinerin wieder in den Wagen stieg. Der weiße Verband am Arm der Vevi leuchtete. Keine Rede drang herüber, und es war still wie bei der Ausfahrt eines Verstorbenen.
„Die Martinerleut erbarmen mich. So ein Unglück“, seufzte der Süß.
„Die Martiner? Kein bissel erbarmen die mich! Hätten besser auf ihre Kinder achtgeben sollen! Die Vevi erbarmt mich, die hat es erwischt. Ein Mädel und nur eine Hand noch —“ Die Süßbäuerin schüttelte sich. „Was soll das Dirndl einmal anfangen, und wer mag ein Dirndl heiraten, wenn es ein Einhändel ist?“
„Müssen das Heu noch abladen“, knurrte der Süß und ging voran in den Stadel.
Der späte Nachmittag verriet nichts mehr von dem Kummer, der über den Martinerhof gekommen war. Die Heufuhre stand vor dem offenen Scheunentor, die Haustüre war geschlossen, und die kleinen Fenster blinzelten in der schrägen Sonne. In der Stubenecke saß der Martiner neben dem Marei und redete, um das kleine Dirndl zu trösten und abzulenken, von vielen Dingen, während seine Gedanken sich schwerfällig mühten, sich im gestörten Ablauf seines einfachen Bauernlebens zurechtzufinden.
„Das ist so, Marei. Da kommt auf einmal etwas daher, und man weiß gar net wie, und alles ist dann auf einmal anders. Getroffen hat’s die Vevi, und hast gesehen, wie sie das ertragen hat? Net einmal geweint hat sie. Das ist ein gescheites Dirndl, und sie will auch net, daß du deswegen weinst. Oh, es ist schon viel Unglück über die Leut gekommen, und diesmal ist es halt bei uns. Wirst sehen, bis du einmal groß bist, kommt noch allerhand daher —“
„Die Vevi braucht gar nix mehr zu arbeiten, Vater, das werde alles ich tun. Auch wenn sie einmal aus der Schul ist, tu ich alles für sie“, schluckte das Marei, „aber gell, schimpfen darfst du sie net! Sie kann nix dafür. Sie hat geschrien, und der Toni hat doch weitergedreht und dann —“
In dieser Stunde fraß sich in den Martiner ein tiefer Groll hinein, und er sah vor sich den älteren Süßbuben mit dem herrischen Gesicht und den häßlich zusammengewachsenen Augenbrauen wie einen Teufel, der sein Haus bedrohte.
„Der Toni hat aber das auch net gemeint“, wollte das Marei gutreden, doch der Vater hörte es nicht mehr.
„Je, Marei, ist ja noch das Heu net abgeladen!“ An der Hand führte er das Kind aus der Stube und nahm es mit in den Stadel. Er vermied es, dorthin zu sehen, wo in der Ecke die Häckselmaschine stand.
Wenn das gut vorüberging, dann wollte er der Hofmutter, droben in der Kapelle, den kleinen heiligen Raum neu herrichten lassen.
Dieses Geloben erleichterte ihn.
Indes er das Heu vom Wagen gabelte, redete er mit der Kleinen, die auf der Tenne saß und ihn verwundert und unverwandt ansah, weil der sonst wortkarge Vater nun so viel zu sagen wußte.
„Wenn ich fertig bin, gehen wir zur Kapellen hinauf, gell, Marei? Zur Hofmutter. Die hat alleweil geholfen, wenn etwas über uns gekommen ist, und wir haben das viel zu wenig geachtet. Seit dem Frühjahr bin ich nimmer hinaufgegangen, ist eine wahre Schande. Ja, ja, Dirndl, erst wenn es einen erwischt hat, dann kommen die rechten Gedanken wieder. Wird alles voll Spinnweben sein, da oben, und voll Staub. Da müssen wir wieder einmal saubermachen. Unsere heilige Hofmutter, ja! Der Vater, gottselig, und die Mutter haben sie recht in Ehren gehalten. Glauben muß man, hat der alte Martiner alleweil gesagt, dann kann man alles ertragen. Das mußt dir merken, Marei.“
Über die Wiesen hinter dem Hof hatte der Toni des Süßbauern seinen kleinen Bruder mit sich gezogen, hinter den Rainstauden vorbei, hinüber zum Birkenwald über dem Martinerhaus, und dort hatten sie, hinter einer Haselstaude kauernd, mit angesehen, wie der Doktor gekommen war und die Vevi mitgenommen hatte.
„Ich trau mich nimmer heim“, jammerte der Hansl, doch ungerührt meinte der Toni:
„Ach was! Wir kriegen unsere Hiebe, und erschlagen darf uns der Vater auch net.“
„Aber die Vevi!“ schluchzte der Hansl.
„Die hat selber schuld! Hätt sie sich net so dumm angestellt! So was Dummes, steckt die Finger in die Walzen! Und wir kriegen dafür die Prügel.“
„Sie ist net schuld gewesen.“
Wütend pachte der Toni den Kleinen: „Wer sonst? Wenn du was anders sagst, dann bring ich dich um.“
Vom Dorf her kam zögernd der Zauner Konrad und blieb in einiger Entfernung vom Martinerhof auf dem Feldweg stehen. Der Toni stand auf und pfiff durch die Finger. Langsam kam der Konrad zu ihnen.
„Wir müssen uns das alles noch genau ausmachen“, tat der Toni wichtig. „Wenn wir zusammenhalten, dann können sie uns nix machen.“
Mißtrauisch sah der Konrad ihn an: „Was willst denn ausmachen? So und so ist es gewesen, und nix anderes können wir net sagen.“
„Wie ist es überhaupt gewesen? Ich weiß gar nix“, tat der Süßbub hinterhältig.
„Du hast den Bauern gespielt und hast die Werfel gedreht, und die Vevi ist die Bäuerin gewesen und —“
„Ich hab die Werfel net gedreht, gell, Hansl? Ich meine, das bist du gewesen!“
Verächtlich musterte der Konrad den Buben: „So einer bist du? Möchtest dich drücken?“
„Hörst, Konrad, wenn du es auf dich nimmst, schenk ich dir meine Firmuhr. Dein Vater haut net so stark zu wie der meinige, und nach einer Weil können wir es ja sagen, wie es wirklich gewesen ist.“
Zornrot wurde der Konrad: „Du bist ein Schuft und ein Feigling! Net wenn du mir den ganzen Süßhof geben könntest, tät ich anders sagen, als es gewesen ist. Dem Vater sag ich’s und dem Lehrer und auch der Polizei, wenn sie mich fragen!“ Dann schlug ihm die Stimme um: „Und an die Vevi denkst gar net? Die hat keine Hand mehr, und du — du bist so feig?“
„Das wird jetzt auch nimmer anders“, brauste der Toni auf.
„Ich trau mich nimmer heim“, weinte der Hansl, und der Zaunerbub versuchte ihn zu trösten:
„Du hast ja nix angestellt, und Prügel haben wir verdient, damit wir uns das merken. Mich wird mein Vater mehr schlagen als euch der eurige.“
Spott und Verachtung loderten in seinem offenen Blick, und die Hände in die Taschen der abgewetzten Hose steckend, wandte er sich ab und ging.
„Wir gehen nimmer heim“, entschied der Toni und zog den kleinen Bruder mit in den Wald hinauf. „Beim großen Stein droben ist eine Höhl, und da richten wir uns ein.“
„Und wenn uns hungert?“
„Red net so dumm daher! Früher haben die ersten Leut, die dagewesen sind, auch bloß von den Wurzeln und Kräuteln gelebt. Heidelbeeren gibt es auch.“
„Und die Schule?“
„In die Schul gehen wir nimmer.“
Die Sonne schwamm in einem rötlichen Dunstmeer und gab einen düsteren Schein über die Waldberge und das Tal beim Martiner. Seitlich über dem Hof stand unter einer alten Linde die Hofkapelle, klein und niedrig. Das Holztürmchen war vor Jahren schon morsch geworden und in einem Winter vom Schindeldach gefallen. Der Raum vor dem Altärchen reichte nur für den schiefen, uralten Betstuhl aus. Die Türe hing nur noch in einer Angel, und die zwei kleinen Fenster waren trüb von Staub und Spinnweben. Unansehnliche Papierblumen, verschmutzt und ausgebleicht und in Holzklötzchen gesteckt, standen unter der verfärbten Figur der Muttergottes. Das Innere der Kapelle war fleckig und abgebröckelt.
Das Kreischen der Türangel ließ den Martiner zusammenschauern.
„Das Kapellerl laß ich wieder zusammenrichten, gell, Marei? Und jetzt tun wir einmal den Staub ausräumen.“
Mit großen Augen folgte das Marei dem hastigen Hantieren ihres Vaters, saß, die Hände in ihre Schürze gewickelt, auf dem Betstuhl und wunderte sich. So ganz anders war der Vater, und kein Wort redete er mehr von der Vevi. Räumte in der alten Kapelle um, wischte mit der groben Hand Staub und Spinnweben weg, warf die alten Papierblumen vor die Türe und hob die Muttergottes vom Brett, auf dem sie immer so unbeachtet gestanden hatte.
„Siehst du, das ist unsere Hofmutter“, sagte er, wollte dazu sagen, daß sich die Martiner in ihren Sorgen immer an sie gewandt hatten, und schwieg, weil er sich vor dem Kinde schämte. Er stellte die Figur zurück.
„Wir hätten halt die Hofmutter bitten sollen, dann wär das net passiert“, sagte das Marei kleinlaut.
Dem Martiner gab es einen Ruck.
„Du bist ein gescheites Dirndl.“
Unschlüssig stand er und wandte sich dann heftig zum Gehen.
Mit langen Schritten, so daß die Kleine neben ihm herlaufen mußte, ging er zum Hof zurück. Arbeiten wollte er, um nicht so viel denken zu müssen. Die Stallarbeit war zu tun. Die Unruhe mußte er niederhalten, bis die Martinerin wieder dasein würde und sagen konnte, wie es um die Vevi stand.
„Geh derweilen in die Stube“, sagte er zum Marei und strich ihr über das blonde Haar, „die Mutter wird bald wieder dasein.“
Als er aus dem Stall kam, ging die Sonne unter, und vom kleinen Bach wanderte der Schatten. Die Ruhe im Tal bedrückte ihn. Er schritt um den Hof, sah hinüber auf die andere Talseite, wo der Süßhof abweisend und eingeschattet lag, als hätten sich die Inwohner versteckt und lauerten aus den Fenstern herüber auf den Martiner, wo an diesem Nachmittag das Unglück wie ein Blitz eingeschlagen hatte. Um das Tal stand der Wald, fremd und horchend, und alles war anders, fast unheimlich.
Aus dem eigenen Haus kam kein Laut, und er öffnete bedächtig die Haustüre, daß sie nicht knarrte, schob leise die Holzschuhe von den Füßen und machte zögernd die Stubentüre auf. Im Tischeck saß das Marei, das Köpfchen auf die Arme gelegt und schlief. Er hob das Kind sachte auf und trug es in die Kammer. Dann schob er sich auf die Bank und sah sich ratlos in der Stube um.
Der Herd war kalt, und der leere Raum war, als wäre erst vor kurzem das Leben aus ihm davongegangen. Keine Bäuerin am Herd, keine Kinder am Tisch, und die Stubenwärme schwand mit dem Licht des Tages.
Müde und unsicher suchten seine Gedanken den vergangenen Tag ab und trachteten, dem Unguten auszuweichen.
Wird irgendwie schon wieder recht werden. Da geht ein Tag wie der andere, und man ist froh, daß man viel Arbeit hat und etwas, worum man sich sorgen muß. Das vermeint man halt nicht, daß dann einmal ein Tag kommt, der anfängt wie alle anderen und dann doch in einem Augenblick die Not über das Hausdach hinauswachsen läßt. Daß ein Schreck kommt, der einem nicht einmal das Denken mehr möglich macht und die Sonne nicht mehr sehen läßt.
Und die Vevi? Betroffen hat es ja das Kind!
Das auszudenken, hatte er sich nur gefürchtet und deswegen geglaubt, den Alltag weiterführen zu müssen mit der Arbeit und dem gewohnten Leben.
Nun aber, in der dämmernden Stube und allein mit sich selber, trat alles andere in den Hintergrund, und die Not stand vor ihm auf. Er wischte sich die Augen.
Die Haustüre ging, und die Martinerin schob sich in die Stube und drehte das Licht an.
„Was ist?“ fragte er.
„Die Hand — ist weg.“ Sie konnte nicht weiterreden und machte sich am Herd zu schaffen.
„Und die Vevi? Was hat sie gesagt?“
„Nix, gar nix! Net geweint und nix geredet. Net einmal behüt dich Gott hat sie zu mir gesagt. Aber geschaut hat sie — mir ist ganz ängstlich geworden.“
„Wird ein schönes Stück Geld kosten“, murmelte er.
„Wenn das die geringste Sorg wär! Meinetwegen könnt es die ganze Sach, den Hof und alles kosten, wenn man der Vevi damit wieder eine Hand geben könnte.“
Die Sach?
Der Martiner hörte schon nicht mehr hin, was sein Weib noch sagte. Acker und Wiese hatte er vor sich und den Wald, Hof und Stadel und das Vieh, und er sah es nicht leer und abgeerntet, nicht tot im Winter, sondern fruchttragend und sonnengefärbt, und seine Hände zuckten, als hätte er die Feldhaue oder die Sense.
Das ist ein ander Ding, die Sach!
Sterben tun die Leut, und das ist ein größeres Unglück — und die Sach bleibt!
„Wird schon wieder recht werden“, brummte er und wollte damit mehr sich selber aufrichten als sein Weib trösten.
Es war schon finster, und die Süßbuben waren weder im Haus noch auf dem Hof zu finden.
„Der Wildling, der Toni, könnt ausbleiben“, keifte die Süßin böse, „aber der Hans ist ein guter Bub. Mußt eh erst warten, was uns die ganze Geschichte noch kosten wird. Dabei sind die Unsrigen gewesen, und wenn einer mit dem Unglück was zu tun hat, dann kannst du zahlen! Und eh kein Geld im Haus und die Fretterei hint und vorn! Das wenn ich gewußt hätt, mich hättest net mit zehn Roß herbracht!“
„Halt dein Maul! Wenn’s auch net deine Buben sind, die meinigen sind es, und dafür steh ich auch ein“, fuhr er sie grob an.
Sie machten sich aber doch gemeinsam auf, die Kinder zu suchen, gingen mit der Laterne in den Wald hinauf, und weil der Süß sich denken konnte, wo der Toni sich versteckte, hatten sie die Buben beim großen Stein bald gefunden. Gereizt durch den Streit mit seinem Weib, übermannte den Süß der Zorn, und er schlug seinen Ältesten, daß dieser kaum mehr zu gehen vermochte. Als er sich auch den zitternden Hansl greifen wollte, fiel ihn die Süßin an und entriß ihm den Stecken.
„Ist zwar net mein Bub, aber anrühren wenn du ihn tust, kratz ich dir die Augen aus“, schrie sie ihn an, und er schreckte zurück, weil er sie noch nie so zornig und entschlossen gesehen hatte.
Als die Buben in ihrer Kammer lagen, stöhnte der Toni in die Kissen und drohte: „Der hat mich net umsonst so geschlagen! Wenn ich einmal groß bin, dann bring ich ihm das herein.“ Er biß in die Zudecke.
Sich vor dem Bruder fürchtend, hielt der Hansl den Atem an, und er spürte einen dunklen Abgrund, in dem alles versank: das frohe Spiel, die frohen Tage.
Am anderen Tag war der kleine Bach im Grund zur feindlichen Grenze zwischen dem Martiner und dem Süßhof geworden, und der Süß kündigte seinen Buben das Erschlagen an, wenn sie sich jemals wieder auf der anderen Seite erblicken ließen.
Die bissigen Bemerkungen der Süßbäuerin hatten es fertiggebracht, daß ihr Mann über Nacht diese Grenze zwischen den Höfen gezogen hatte. Sie sollten ihm nur kommen und etwa einen Schadenersatz oder ein Schmerzensgeld verlangen, weil seine Buben auch dabei waren, als es passierte! Ihn ging das gar nichts an! Der Martiner soll auf seine Kinder achtgeben! Hätte er seine Vevi anders erzogen, dann wär es vielleicht gar nicht zu so einem Unfall gekommen. Aber das Dirndl war von je herrisch gewesen und hatte die Buben kommandiert, und alles hatte nach ihrem Kopf gehen müssen.
Und die Martinerleute würden es schon so haben wollen, daß man sich auseinanderhielt, weil sich keines sehen ließ.
Das waren genau die Reden der Süßbäuerin, jedoch der Süß glaubte schon, es wären seine eigenen gescheiten Gedanken.
In Heimbach erzählte sich das Unglück beim Martiner schnell herum und fand viel Mitleid. Man war im Dorf nicht so, daß man solches Geschehen über den eigenen Sorgen gleich wieder vergaß oder sich freute, daß es einen nicht selber getroffen hatte. Hier kerbten sich die Nöte der Mitmenschen, die Unglücke und die bösen Dinge so tief ein, daß man noch nach vielen Jahren darauf zurückkam.
Dem Martiner seine Vevi also?
Das frische Dirndl kannten sie alle gut, das so aufrecht daherkam, so klug reden konnte wie ein Erwachsenes und doch nie frech und aufdringlich war. Auch in der Schule soll sie recht gescheit sein, und eine Bäuerin wäre das einmal geworden, wie keine zweite. Und was sagte man? Nicht einmal geweint sollte das Dirndl haben?
„So was hab ich überhaupt noch net erlebt“, erzählte der Posthaltersepp, „keinen Muckser hat sie gemacht — und die Augen. Ich hab sie nimmer anschauen können.“ Er hatte sich in seine Dienststube einen Schalter und eine Bretterwand einbauen lassen, die ihn von den Postkunden trennte, und der verbliebene kleine Vorraum wurde an diesem Tag nicht leer.
In der Morgenfrühe, noch eine ganze Weile vor der Schulzeit, hatten sich die Süßbuben vor dem Haus des Drechslers Zauner herumgetrieben und auf den Konrad gewartet.
„Was hat dein Vater gesagt?“ empfing der Toni den Zauner Konrad, als dieser zum Schulgang aus dem Haus kam.
„Net viel, aber er hat gesagt: Wennst dabeigewesen bist, dann kannst dich kümmern, wie du das wiedergutmachst.“
„Das ist ein Blödsinn“, fuhr der Toni ihn an, „und die Prügel?“
„Mehr hat der Vater net gesagt, und getan hat er mir auch nix.“
„Weil ihm halt noch niemand gesagt hat, daß du die ganze Schuld hast“, meinte der Toni vorsichtig und etwas hämisch. Der Konrad fuhr ihm an den Hals, und sie rauften sich, auf dem Dorfweg kugelnd, bis sie sich schweratmend trennten, und jeder für sich der Schule zustrebte.
In Heimbach sah man an diesem Tag hinauf, wo der Fahrweg sich durch die Felder wand und hinter einem Hügel verschwand, hineinführend ins Hochtal beim Martiner. Man glaubte, das Unglück müsse dort über dem Hügel, wo der Weg verschwand, sichtbar sein wie eine unheilgraue Wolke.
Aber der Tag blaute rein und friedlich, und die Sonne strahlte heller als am Vortag. Irgendwo mußte ihr ein nächtliches Gewitter den Himmel geräumt und gewaschen haben.
Beim Martiner gingen Bauer und Bäuerin der Arbeit wie im Traum nach. Schwerfälliger als sonst, lustloser als an anderen Tagen, und die wenigen Worte, die sie zusammen redeten, blieben als halbe Sätze in der Luft und wurden zu Ende gedacht.
„Wie wird es der Vevi gehen“, seufzte die Martinerin, die hinter ihrem mähenden Mann die Grasschwaden auseinanderriß. Sie wußte, daß sie darauf keine Antwort bekam, und als eine lange Weile später der Martiner innehielt, um die Sense zu wetzen, und meinte: „Übermorgen ist Sonntag, da —“ da blieb auch sie ihm die Antwort schuldig, aber sie wußte doch, was er hatte sagen wollen.
Da war Sonntag, und sie würden sich auf den Weg machen nach Viechtach und die Vevi im Krankenhaus besuchen.
„Hoffentlich ist derweil das Marei —“
Er nickte nur und setzte wieder zur Mahd an. Ja, hoffentlich wurde jetzt nicht das Marei auch noch krank. Es lag daheim und fieberte. Der Schreck halt. Seine Gedanken gingen im Takt des Sensenstriches.
Wie das oft so sein konnte. Heute wieder der schönste Tag und die reinste Sonne und gestern so traurig verhangen, diesig und stumpf der Himmel. Heute sangen die Vögel wieder, und er konnte sich nicht erinnern, gestern auch nur einen Laut gehört zu haben.
Er mußte sich wundern. Da mußte er in der Mahd gehen, und sein Weib hinter ihm mußte rechen, als wäre überhaupt nichts gewesen. So also war es: die Arbeit, die Saat und die Ernte gingen über die Menschen hinweg und rissen den Bauern mit.
Aber sie waren ihm ein guter Trost.
„Das Marei wird net so weit laufen können —“
Darauf würde sie von ihm keinen Bescheid erhalten, das wußte sie, und deshalb sagte sie nur: „Ich geh jetzt“, und ging, den Rechen schulternd, zum Hof zurück, um das Mittagessen zu kochen. Der Gram hatte über Nacht ihr Gesicht schmal gemacht und die Falten um den Mund tiefer gezogen. Sie kannte ihren Mann, der wortkarg und verschlossen alles in sich verbergen mußte, weil jeder Verdruß und jeder Kummer ihn stumm machten, unbeholfen und arm wie ein hilfloses Kind. Da war der Nachbar, der Süß, ein anderer. Der konnte jeden, auch den geringsten Zorn und Ärger, auch die Not und die Sorge mit einem gotteslästerlichen Fluchen angehen, wenngleich ihm dabei wahrscheinlich nicht leichter wurde.
Aber es mußte hart sein, wenn man kein Wort und nicht einmal eine Geste fand, um das auszudrücken oder loszuwerden, was am Herzen fraß.
Mit den Jahren hatte sie sich ihrem Mann angepaßt und vieles für sich behalten, war auch schweigsam geworden. Nur wenn sie mit den Kindern allein war, dann hatte sie sich manches von der Brust geredet, was sie eigentlich ihrem Mann hätte sagen wollen. Wenn sie nicht die Vevi gehabt hätte, mit der man schier über alles reden konnte, dann hätte es ihr vielleicht längst das Herz abgedrückt.
Die vergangenen Stunden hatten ihr ohnedies wieder das heftige Stechen am Herzen gebracht. Wenn alles so geblieben wäre, wie es war, dann wäre wohl jetzt die Vevi auf dem Weg vom Dorf dahergekommen, den Schulranzen auf dem Rücken und hätte schon von weitem gefragt, ob sie beim Kochen helfen dürfe.
Mit dem Kopftuch wischte sie sich die Augen.
Das Marei sah ihr mit brennenden Wangen und schwimmenden Augen entgegen.
„Am Sonntag richten wir der Muttergottes die Kapelle wieder her, hat der Vater gesagt“, hauchte das Kind mit heißer Stimme.
Die Martinerin stand betroffen.
„So? Ja, gell, das wollen wir tun. Vielleicht schon am Samstag, und am Sonntag gehen wir zu der Vevi. Mußt aber derweil wieder gesund werden.“
„O ja.“
So war er, der Martiner!
Trug seine inwendige Not zur Hofmutter. Kein Wort hatte er zu ihr davon verlauten lassen, daß er die Kapelle wiederherrichten wollte. Es war nicht gut gewesen, daß sie die Hofkapelle so vergessen hatten. Hatte etwas über sie kommen müssen, damit sie daran erinnert wurden?
„Ist ja alles lauter Arbeit und Kümmern bei uns“, flüsterte sie vor sich hin, während sie das Geschirr auf den Herd stellte, „ist ja schier keine Zeit mehr, daß man an etwas anderes denkt. Aber es ist net schön, wenn man erst in der Not zum Herrgott und zur Muttergottes geht.“
Sie hatte sich das leise Reden mit sich selbst angewöhnt und sich damit oft die Stunden leichter gemacht.
„Der Mensch braucht eben doch einen Halt.“
So spann sie ihre Gedanken weiter, die immer wieder zur Vevi zurückkehrten. Was sollte nun mit dem Mädel werden? Mit keinem Wort hatten sie noch davon gesprochen, weil schon jede kleine Andeutung den Martiner nur in abwehrendes Schweigen und dumpfes Brüten versetzte. War doch ein schweres Leben mit dem Mann, der alles mit sich allein ausmachen wollte.
„So ein seltsames Kind haben wir noch nie bei uns gehabt“, begrüßte die Schwester im Krankenhaus die Martinerleute, „so brav und still. Sie redet nichts und weint nicht. Vielleicht hat sie den Schock noch nicht überwunden, die kleine Genoveva. Da wird sie sich sicher jetzt über den Besuch freuen, und das wird ihr guttun.“
Auch der Arzt kam hinzu und sah die Eltern nachdenklich an, die ihm versicherten, daß die Vevi ein gewecktes und kluges Kind gewesen sei und gern und viel geredet und gelacht habe.
„Oh, sie hat recht viel auf sich gehalten, schier stolz ist sie gewesen. Mit jedem Stückl neuem Gewand hat sie eine närrische Freud haben können“, berichtete die Martinerin, und der Arzt nickte wie bestätigend vor sich hin und wechselte mit der Schwester einen vielsagenden Blick, als wollte er ihr andeuten, daß er nun mehr wisse und besser begreife.
„Und wenn wir halt das Dirndl bald wieder mitnehmen dürften —“ meinte die Martinerin schüchtern, während der Bauer unbeholfen und etwas gebückt dabeistand und nur von einem zum andern sah.
Der Doktor lächelte: „Lassen Sie das Kind nur da, bis es ausgeheilt ist und sich abgefunden hat mit seinem Malheur.“
Da meldete sich auch der Martiner und meinte rauh:
„Sind halt bloß kleine Leut und die Kosten —“
Er schrak förmlich zusammen, als die Schwester ihn am Arm nahm und den langen Gang an den Krankenzimmern vorbei fortzog.
„Das wird so schlimm nicht werden, Herr Martiner, und auf einmal brauchen Sie das ja auch nicht zu zahlen. Versichert sind Sie nirgends?“
„Es geht net viel ein das ganze Jahr in so einer Wirtschaft“, brummte er.
Die Schwester schob ihn in eine offene Tür, nahm das schüchterne Marei an der Hand und führte es an ein blühweißes Krankenbett.
„Genoveva, für dich ist Besuch da. Schau her, das kleine Schwesterl und Vater und Mutter.“
Es dauerte eine ganze Weile, bis die Martinerleute etwas zu sagen wußten, und erst als das kleine Marei schüchtern fragte, ob es der Vevi noch recht viel weh tue, tat auch die Mutter die gleiche Frage.
Vor dem Kind, das da unbeweglich und ohne ein Zeichen der Wiedersehensfreude in den weißen Kissen lag und stumm blieb, wußten sie selbst auch keine Rede.
„Der Kroneder, der Metzger, hat uns mit dem Auto hergefahren“, fing die Martinerin an, „und das Marei hat sich so gefreut, gell, Marei?“
Der Martiner stand, drehte den Hut, und seine Blicke wanderten von der Fiebertafel am Kopfende des Bettes zum Fenster und zur Wand, um nur ganz kurz und schnell auf diesem Wege auf dem Gesicht der Vevi zu verweilen. Unbehaglich zog er die Schultern hoch und räusperte sich, als wollte auch er etwas sagen.
„Mit dem Heuen werden wir morgen fertig“, sagte die Mutter und lächelte, als hätte sie der Vevi damit etwas recht Erfreuliches berichtet.
„Wenn das Wetter net noch einen Pfusch dreinmacht“, schnaufte der Vater erleichtert auf.
Klar und ruhig sahen die braunen Augen aus dem blassen Gesicht sie an. Ob die Vevi das überhaupt hört, was sie da redeten, mußte sich die Martinerin denken, weil das Kind die weiße Stirn so in Falten zog, als müßte es über etwas nachsinnen, was es den Eltern sagen wollte.
„Wie geht es dir denn? Ist alles so schön sauber da herinnen, Hunger wirst du auch nicht leiden müssen.“
Die Vevi folgte mit den Augen der Schwester, die still aus dem Zimmer ging, und dann sah sie unter halbgeschlossenen Lidern die Mutter an.
„Daß ich keine Hand mehr habe, weißt du ja?“ Ruhig und tonlos klang es, und die Martinerin schrak zusammen.
„Da mußt dir jetzt kein Kopfzerbrechen machen, Dirndl, die Hauptsache ist, daß du keine Schmerzen hast.“
Unruhig blitzten die braunen Augen auf, und der Kindermund wurde schmal. Hatte sie etwas Falsches gesagt, fragte sich die Martinerin und sah ratlos ihren Mann an.
„Ist oft schon ein größeres Unglück —“ knurrte dieser seinen halben Satz und zuckte hilflos mit der Schulter.
Das Schweigen bedrückte sie alle, und in ihrer Not unterhielt sich die Martinerin mit dem Marei, um der Vevi wenigstens über ihre kleine Schwester hinweg etwas zu sagen.
„Gell, Marei, wir zwei werden auch allein fertig mit der Arbeit, und die Vevi braucht nix zu tun. Da wird das Marei der Mutter helfen.“
Mit einem kräftigen Nicken bestätigte das Marei die Worte der Mutter.
„Ist ja das Marei schon groß genug und recht gescheit. Da braucht die Vevi nimmer zugreifen“, spann die Martinerin die Rede fort und kam damit doch nicht weiter. Wieder war das drückende Schweigen im Zimmer, bis nach einer Weile die Vevi bitter meinte:
„Und wenn ich einmal aus der Schule bin — und erwachsen bin?“
Da wurde die Martinerin völlig unsicher, und sie fing hastig und nervös vom baldigen Gesundwerden und Heimkommen zu reden an, und daß man jetzt wieder gehen müsse, weil man den Kroneder auch nicht zu lange aufhalten wolle. Da wandte sich der Bauer auch schon zum Gehen, als hätte er nur auf diese Gelegenheit eines schnellen Abschiedes gewartet.
„Wird halt noch acht Tag dauern, dann bist ja eh wieder daheim“, meinte er und ging zur Türe.
Das Marei machte Miene, die gesunde Hand ihrer Schwester zum Abschied zu drücken, zog aber ihr Händchen, mit einem scheuen Blick auf den dicken Verband am linken Arm, wieder zurück. Der Martinerin kamen die Tränen, und sie ging mit einem leisen „Behüt Gott“.
„Grad ist mir, als wär ein Fremdes in dem Bett gelegen“, seufzte die Bäuerin auf dem Gang, und der Martiner nickte bedächtig.
„Werden es net leicht haben mit ihr, die ist ja ganz durcheinander.“
„Ist halt doch ein Schrecken gewesen für das Kind.“
Sie verabschiedeten sich von der Schwester und baten, sofort benachrichtigt zu werden, wenn sie die Vevi abholen dürften.
Auf der Heimfahrt erzählte die Martinerin dem Metzger Kroneder, daß das Dirndl so seltsam sei und nur danach gefragt habe, was mit ihm sein solle, wenn es einmal erwachsen wäre.