Rainer Dissars-Nygaard, Jahrgang 1949, studierte Betriebswirtschaft und war als Unternehmensberater tätig. Er lebt als freier Autor auf der Insel Nordstrand. Im Emons Verlag erschienen unter dem Pseudonym Hannes Nygaard die Hinterm Deich Krimis »Tod in der Marsch«, »Vom Himmel hoch«, »Mordlicht«, »Tod an der Förde«, »Todeshaus am Deich«, »Küstenfilz«, »Todesküste«, »Tod am Kanal«, »Der Inselkönig«, »Der Tote vom Kliff«, »Sturmtief« sowie die Niedersachsen Krimis »Mord an der Leine« und »Niedersachsen Mafia«. In der Emons-TATORT-Reihe erschienen »Erntedank« und »Borowski und die einsamen Herzen«.

Dieses Buch ist ein Roman. Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind rein zufällig.

© 2009 Hermann-Josef Emons Verlag
Alle Rechte vorbehalten
Umschlagzeichnung: Heribert Stragholz
Umschlaggestaltung: Tobias Doetsch, Berlin
eBook-Erstellung: CPI – Clausen & Bosse, Leck
ISBN 978-3-86358-039-1
Hinterm Deich Krimi 9
Originalausgabe

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Dieser Roman wurde vermittelt durch die Agentur EDITIO DIALOG,
Dr. Michael Wenzel, Lille, Frankreich (www.editio-dialog.com)

Diesen zehnten Roman aus meiner Feder
möchte ich meinen Leserinnen und Lesern widmen.

Ein reicher Mann ist
oft nur ein armer Mann
mit sehr viel Geld.

Aristoteles Onassis

EINS

Noch war die Sonne nicht zu sehen, aber der rote Schimmer im Osten ließ erahnen, dass sich der neue Tag mit Macht anbahnte. Am Himmel zeigte sich ein blaugrauer Dunstschleier, der in den nächsten Stunden einem tiefen Blau weichen würde, das durch die oft den Himmel verzierenden weißen Schäfchenwolken nicht getrübt werden würde. Es war ablaufendes Wasser, Ebbe, würde der unbefangene Besucher der Insel sagen und voller Faszination dem grandiosen Schauspiel der Natur an der Westküste folgen. Nur wenige richteten den Blick gen Osten über das Watt, wo sich in der Ferne als schmaler Streifen die dänische Küste abzeichnete. Davor schimmerten die ersten Sonnenstrahlen in den Prielen, die immer noch Wasser führten und nur langsam dem auftauchenden Watt wichen.

Für all das hatte Imke Feddersen keinen Blick. Sie war um sechs Uhr in Niebüll in den Zug gestiegen und hatte die knappe halbe Stunde, die die Nord-Ostsee-Bahn für die Passage des Hindenburgdamms zur Insel Sylt benötigt, mit Dösen verbracht. Während Urlauber die Fahrt durch das Wattenmeer genossen oder vom oberen Deck des Autoshuttles endlich durchatmeten, weil sie Wartezeit und Autoverladung überwunden hatten, sah kaum jemand der wenigen Fahrgäste des frühen Zuges aus dem Fenster. Es waren überwiegend Pendler, die auf Sylt arbeiteten und auf dem Festland wohnten. Imke Feddersen gehörte zu ihnen.

Am Bahnhof Westerland hatte sie ihr von der salzhaltigen Luft gezeichnetes Fahrrad bestiegen, das sie dort auf dem Bahnhofsvorplatz mangels anderer Abstellmöglichkeiten am Metallschutzgitter eines Baumes angeschlossen hatte, der von zwei Telefonsäulen eingerahmt wurde. Anschießend war sie sechs Kilometer nordwärts gestrampelt. Zu dieser frühen Stunde begegnete man wenigen Menschen auf Sylt. Sechs Uhr ist nicht die Zeit der Gäste oder Insulaner. Der Puls der Insel beginnt erst später zu schlagen.

Imke Feddersen war es gewohnt, gegen den Wind zu strampeln, von dem Besucher der Küste zu berichten wussten, dass er Radfahrern grundsätzlich entgegenbläst, gleich welche Himmelsrichtung man fährt. Sie war hinter der Polizeiwache abgebogen, hatte ein Siedlungsgebiet umrundet und war dann der Hauptstraße gefolgt, war an Wenningstedt und dem Kampener Zentrum vorbeigeradelt und schließlich in die Kurhausstraße eingebogen, die als Sackgasse direkt vor den Dünen endete. Ihre Wangen glühten vom Radfahren, obwohl es an diesem Aprilmorgen nur wenig über null Grad war, als sie ihr Ziel erreichte. Am Ende der Straße gab es einen kleinen Wendehammer. Links versperrte eine Schranke die Zufahrt zu einem Parkplatz. Drei große, mit vier Seitenflügeln und einem Innenhof gestaltete Reetdachhäuser direkt an der Dünenkette blockierten hier den Zugang zum Wasser. Spaziergänger mussten entweder rechts einem Wanderpfad folgen, der sie in Richtung des Restaurants Sturmhaube führte, oder zur Linken den auch als Reitweg ausgeschilderten Weg nutzen, der am Fuß der Uwe-Düne endete, die mit über fünfzig Metern die höchste Erhebung Sylts ist.

Direkt neben der Tiefgarage, die in dieser Region zweifelsfrei einen Luxus darstellte, verkündete ein Schild, dass es sich um Privatbesitz handelte und der Zutritt verboten sei. Gleichwohl stand die windschiefe Friesenpforte aus weißem Holz sperrangelweit offen. Während die beiden seitlichen Häuser jeweils mehrere Appartements unter ihrem Reetdach beherbergten, unterschied sich das mittlere im Äußeren nicht von den Nachbarn, obgleich es innen komplett umgebaut und nach den Wünschen seines Besitzers neu gestaltet worden war. Der Steinwall und die dicht gepflanzten Heckenrosen bildeten einen natürlichen Schutz vor neugierigen Besuchern. Die stacheligen Pflanzen waren nicht nur zur Blütezeit eine Augenweide, sondern zogen auch mit ihren roten Hagebutten im Herbst die Blicke an. Imke Feddersen erinnerten sie an ihre Kindheit, in der die Hagebutte gemeinhin nur »Juckpulver« hieß.

An der Haustür fehlte das Namensschild. Kaum eines der Anwesen in dieser Gegend war mit dem Namen des Eigentümers gekennzeichnet. Die Eingeweihten wussten, wer in den prachtvollen Häusern residierte, wer dort zu Gast war oder sich Eigner nennen durfte.

Imke Feddersen öffnete die verschlossene Pforte, schob ihr Rad durch die Öffnung im rustikalen Friesenwall und umrundete das Gebäude. Der Eingang für das Personal befand sich ein wenig versteckt an der Querseite. Sie lehnte ihr Rad gegen die Wand, nahm ihren Leinenbeutel aus dem angerosteten Drahtkorb und suchte am Bund nach dem passenden Schlüssel. Mit Erstaunen bemerkte sie, dass die rote Leuchtdiode, die die scharf geschaltete Alarmanlage signalisierte, aus war. Entweder war jemand im Haus, oder einer der Gäste, dem das Gebäude großzügig vom Hausherrn überlassen worden war, hatte vergessen, das System anzuschalten. Kopfschüttelnd öffnete sie die schwere Bohlentür und trat in den kleinen Flur, von dem die Hauswirtschaftsräume abgingen. Sie suchte die Waschküche auf, zog sich um und betrat die großzügige Küche aus naturbelassenem gewachstem Eichenholz. Irgendjemand hatte die Kaffeemaschine in Betrieb gesetzt und vergessen, sie auszuschalten. Die Kaffeedose aus Keramik stand geöffnet daneben.

Imke Feddersen reinigte das Gerät, setzte eine neue Maschine auf, um gewohnheitsmäßig ihren Morgenkaffee zu kochen, knotete sich im Weitergehen ihre Schürze zu und betrat den kleinen Flur, der in die große Diele führte. Sie wollte sich zunächst vergewissern, ob nicht doch jemand im Haus war, den sie mit ihrer Hausarbeit hätte stören können. Sie durchquerte die Diele, bemerkte mit einem Seitenblick die Fußabdrücke, die von der schweren Eingangstür zum Wohnbereich führten, und öffnete die Tür zum Garderobenzimmer.

Aha!, dachte sie, als sie den dunklen Herrenmantel und ein weißes Damenpelzcape sah. Der Hausbesitzer konnte es nicht sein. Dafür war der Mantel zu klein. Es wunderte sie nicht. Oft waren Fremde hier zu Gast, ohne dass der Eigentümer zugegen war.

Sie ging zur großen geschnitzten Doppelflügeltür, die in den Wohnbereich führte, klopfte und öffnete, als sie keine Antwort vernahm. Vermutlich hätte man sie bei dem massiven Holz auch nicht wahrgenommen.

Irgendjemand hatte hier gefeiert. Die Leute, die sich in diesem Anwesen bewegten und sich großzügig aus den Vorräten des Hausherrn bedienten, hielten es nicht für nötig, ihre Hinterlassenschaften wegzuräumen. Auf einem der niedrigen Glastische, die nahe beim wuchtigen offenen Kamin standen, fand Imke Feddersen einen Sektkühler, in dem noch eine offene Flasche steckte. Eine zweite, leer getrunkene stand achtlos daneben. Eine Mineralwasserflasche, ein nicht ausgetrunkenes Whiskyglas, ein voller Aschenbecher sowie ein Tablett mit kleinen Leckereien, die nur zum Teil gegessen worden waren und deren Reste angelaufen auf die Entsorgung warteten, zeugten von einer kleinen Party, die hier stattgefunden hatte. Imke kehrte in die Küche zurück, besorgte sich ein Tablett und räumte alles zusammen. Sie holte sich einen Eimer mit Wasser und Spülmittel und wischte gründlich den Tisch ab. Sie wunderte sich schon lange nicht mehr über das Verhalten der sogenannten feinen Leute, zu denen ihr Arbeitgeber und seine Gäste gehörten. In ihrem Freundeskreis war es nicht üblich, mit fettigen Fingern Abdrücke auf der Glasplatte zu hinterlassen. Intensiv schrubbte sie den Tisch und beugte sich zwischendurch immer wieder hinab, um im Gegenlicht zu prüfen, ob alle Spuren beseitigt waren. Zufrieden kehrte sie in die Küche zurück, spülte die Gläser aus, roch prüfend am Whiskyrest und verzog dabei das Gesicht, bevor sie ihn in den Ausguss kippte. Sie leerte den stinkenden Aschenbecher in die Mülltonne, die auf der Rückseite der Garage stand, spülte alles unter fließendem Wasser ab und stopfte es in den Geschirrspüler. Inzwischen war ihr Kaffee durchgelaufen. Sie trug die Kanne in die Waschküche, in der sie sich umgezogen hatte, entnahm einem Schrank einen Becher mit dem Aufdruck »Mamas«, ein Geburtstagsgeschenk ihrer Tochter Berit, und setzte sich auf einen Klappstuhl. Genüsslich ließ sie das duftende schwarze Gebräu die Kehle hinabrinnen. Doch nach zwei Schlucken sprang sie wieder auf. Es wartete noch viel Arbeit auf sie. Auch wenn sie fünf Tage die Woche, bei Bedarf auch am Wochenende, acht Stunden mit der Hauspflege beschäftigt war, ließ allein die Größe des Hauses wenig Zeit für Pausen.

Seit drei Jahren war Imke Feddersen hier beschäftigt. Sie war froh, in dieser strukturschwachen Region, die keine große Auswahl an Arbeitsplätzen bot, diesen Job erhalten zu haben. In der Saison bot Sylt jede Menge Arbeit, aber in den Monaten, in denen weniger Gäste auf der Insel weilten, war das Jobangebot entsprechend reduziert.

Sie überlegte einen Moment, womit sie beginnen könnte, ohne die vermutlich im hinteren Trakt noch schlafenden Hausgäste zu stören. So suchte sie noch einmal den großen Wohnraum auf, der bestimmt über achtzig Quadratmeter maß. Mehr als das bereits von ihr abgeräumte Geschirr war nicht zu entdecken. Sie warf einen Blick durch die große Scheibe, die in den Atriumhof führte. Der gesamte Gebäudekomplex bestand aus vier Flügeln. Und im überdachten Innenhof befand sich der Swimmingpool, zu dem nicht nur vom Wohnsalon, sondern auch von den Schlafräumen des Seitenflügels aus Zugang bestand. Unter den Palmen in der gegenüberliegenden Ecke entdeckte sie neben den beiden Liegen weitere Gläser.

Imke Feddersen stöhnte ein wenig, als sie das große gläserne Schiebeelement, das Wohnraum und Pool trennte, zur Seite schob. Feuchtwarme Luft schlug ihr entgegen. Sie wunderte sich stets, wie warm es der Hausherr liebte. Während die Familie Feddersen fortwährend Überlegungen anstellte, wie man den hohen Energiekosten Einhalt gebieten konnte, schienen solche Fragen hier keine Bedeutung zu haben.

Leise Musik drang aus unsichtbaren Lautsprechern. Überhaupt schienen die Gäste sehr sorglos gewirtschaftet zu haben. Auch die Unterwasserbeleuchtung war noch eingeschaltet.

Sie umrundete das Becken. Ihre Spuren auf dem weißen Carraramarmor würde sie bei der Reinigung des Atriums beseitigen. Sie überlegte, wie es wohl wäre, in einem solchen Bad zu schwimmen, unbehelligt von anderen Badegästen. Im Unterbewusstsein nahm sie das Paket wahr, das auf dem Boden des Beckens schwamm. Sie sah genau hin – und erschrak. Instinktiv hielt sie beide Hände vor den weit geöffneten Mund und starrte auf die unbewegte Wasserfläche, von der ein leichter Chlorgeruch ausging. Dann rieb sie sich die Augen, fuhr sich mit den gespreizten Fingern der linken Hand durchs Haar, um anschließend die Hände an die Wangen zu legen. Dabei sah sie wie gebannt in den Pool. Nein! Es war keine Täuschung. Auf dem Grund schwamm ein Mensch. Ein merkwürdiger Frieden ging von ihm aus. Unbeweglich, durch das Wasser verzerrt und vergrößert, ruhte der Mann auf dem Grund. Imke Feddersen hatte ihn noch nie gesehen. Sie sah noch einmal hin. Während der Kopf des Mannes auf dem Grund des Beckens lag, streckte sich sein Oberkörper schräg zur Wasseroberfläche. Das Gesäß bildete den höchsten Punkt, während die Beine wieder ein wenig nach unten sackten.

Es dauerte ein paar Sekunden, die Imke Feddersen wie eine Ewigkeit erschienen. Dann drehte sie sich um und ging mit raschen Schritten ins Wohnzimmer. Mit zittrigen Fingern griff sie zum Telefon und wählte die ihr bekannte Kurzwahl. Es ertönte nur das Freizeichen. Niemand hob am anderen Ende der Leitung ab. Nervös trommelte sie mit den Fingern auf der Sessellehne und sah dabei immer wieder ängstlich über die Schulter Richtung Swimmingpool. Doch nichts rührte sich im Haus. Bis auf die leise Musik war es totenstill.

Nun mach schon, sagte sie zu sich selbst und sah auf die Armbanduhr. Wahrscheinlich war es noch zu früh. Zu dieser Stunde, um halb acht, war noch niemand im Frankfurter Büro, der einzigen Kontaktadresse ihres Arbeitgebers. Sie legte auf und versuchte es erneut. Aber auch dieses Mal nahm niemand ab.

»Was tu ich nur?«, sagte sie halblaut und wiederholte diesen Satz mehrfach. Sie war aufgestanden und unruhig im Zimmer auf und ab gelaufen. Schließlich ließ sie sich wieder in den Sessel fallen und wählte die Eins-Eins-Zwei.

»Rettungsleitstelle«, meldete sich eine beruhigend klingende Männerstimme.

Sie erinnerte sich, davon gehört zu haben, dass man im Norden die »Feuerwehr«, wie der Laie es auszudrücken pflegte, zusammengelegt und in Flensburg konzentriert hatte.

»Ja – hier – also … im Schwimmbecken, da liegt ein Toter.«

»Nennen Sie mir bitte Name und Anschrift«, bat der Mann aus der Leitstelle.

»Feddersen. Kurhausstraße in Kampen.«

»Auf Sylt?«

»Ja. Wo sonst?«

»Sie sind die Hausbesitzerin?«

»Nein, die Putzfrau.«

»Wie lautet der Name des Eigentümers?«

»Der steht nicht dran. Nur die Nummer.«

»Ist noch jemand bei Ihnen?«

»Nee, ich bin allein.«

»Ist der Verunglückte eben ins Wasser gestürzt?«

»Nee. Keine Ahnung. Der ist tot. Was weiß ich, wann der ertrunken ist.«

»Warten Sie bitte. Ich schicke Ihnen Hilfe.«

Sie warf noch einen scheuen Blick in Richtung Atrium, dann sprang sie plötzlich auf, lief zur Waschküche, riss ihre Jacke vom Haken und stürzte aus dem Haus.

Dort, vor dem Friesenwall, der das Grundstück begrenzte, fanden sie die beiden Rettungsassistenten des alarmierten Rettungswagens. Kurz darauf traf der blau-silberne Streifenwagen der Polizei-Zentralstation Westerland ein.

* * *

Langsam rollte der silberne Mercedes A-Klasse die Kurhausstraße entlang.

»Da vorn ist es«, sagte Erster Hauptkommissar Christoph Johannes und schob sich mit dem Zeigefinger den Mittelsteg seiner Brille die Nase aufwärts.

»Da wäre ich nicht drauf gekommen«, brummte Oberkommissar Große Jäger, der am Steuer saß. »Wie hast du das geraten?« Er sah Christoph Johannes von der Seite an und griente. Das Aufgebot an Einsatzfahrzeugen war unübersehbar, abgesehen vom Flatterband mit dem Aufdruck »Polizeiabsperrung«. Die beiden Beamten der Kriminalpolizeistelle in der Polizeidirektion Husum waren mit dem Autoshuttle über den Hindenburgdamm auf die Insel gekommen.

Große Jäger parkte den Mercedes hinter dem älteren VW LT. Es war das Fahrzeug der Spurensicherung von der Bezirkskriminalinspektion aus Flensburg.

»Da ist ja die ganze Familie wieder versammelt«, sagte Große Jäger und steckte sich eine Zigarette an, die er aus einer zerknautschten Packung fingerte. Er schlug mit der flachen Hand gegen die Taschen der schmuddeligen Jeans, fluchte, als er dabei eine zweite angebrochene Zigarettenpackung erwischte, grummelte: »Ach – hier«, und zog ein Feuerzeug aus der Tasche. Deutlich vernehmbar sog er den Rauch in seine Lungen. Er verzog das Gesicht zu einem erneuten Grinsen, als er Christoph Johannes’ missbilligendes Kopfschütteln gewahrte.

Sie gingen auf die Pforte im Friesenwall zu, die auf das Grundstück führte und an der ein uniformierter Beamter Wache hielt.

Der Polizist nickte und grüßte freundlich. »Moin. Auch mal wieder auf Sylt?«

Große Jäger drehte sich zu Christoph Johannes um. »Sylt? Da müssen wir uns verfahren haben. Ich dachte, hier ist der Tegernsee.«

Christoph Johannes winkte ab. »Das müssen Sie nicht ernst nehmen«, sagte er zu dem Beamten.

Der lächelte zurück. »Wer kennt Große Jäger nicht.«

Der Oberkommissar hatte inzwischen den Nebeneingang entdeckt. Er zog noch zwei Mal an seiner Zigarette, bevor er sich umsah, zwei Schritte in Richtung Garten machte und die Kippe in den Rasen stecke. Er kehrte zum Eingang zurück und rief in das Haus hinein.

»Hallo?«

»Nein!«, kam einem Echo gleich ein gellender Schrei aus dem Dunkeln. »Das darf nicht wahr sein. Womit habe ich das verdient, dass dieser Typ hier auftaucht.« Den Worten folgte ein kleiner, fast glatzköpfiger Mann, der in einen nahezu durchsichtigen Schutzanzug der Spurensicherer gekleidet war.

»Hallo«, begrüßte Hauptkommissar Klaus Jürgensen Christoph Johannes und Große Jäger. Dann räusperte er sich.

»Moin, Klaus«, erwiderte Christoph Johannes, während Große Jäger vorsichtig am Schutzanzug zupfte.

»Nun kommst du schon aus Flensburg, der Stadt Beate Uhses. Gab es das Ganzkörperkondom nicht eine Nummer kleiner?«

»Da müssen zur Not auch solche Leute wie du hineinpassen«, spielte Jürgensen auf Große Jägers Schmerbauch an, der über der schmutzigen Jeans hing und die Gürtelschnalle nahezu verdeckte.

Große Jäger schüttelte den Kopf. »Bist du krank? Normalerweise höre ich dich immer fluchen, wenn du an die Westküste kommst. Das Wetter ist zu ungemütlich, die Leichen liegen im Dreck und sind fürchterlich zugerichtet, oder der Fundort ist zu kalt und zu nass. Wieso höre ich nicht das gewohnte Hohelied der Klage?«

»Nichts trifft hier zu«, antwortete Jürgensen, während Christoph Johannes dem ihm wohlbekannten Dialog amüsiert lauschte. »Wir haben hier eine Wasserleiche, die in einem sauberen und gechlorten Swimmingpool aufgefunden wurde. Und in der Schwimmhalle ist es wunderbar geheizt. Und sauber gemacht hat auch jemand. Sogar die zuletzt benutzten Gläser sind hygienisch sauber im Geschirrspüler abgewaschen worden.«

»Vom vermutlichen Täter?«, fragte Große Jäger, während sie langsam durch das Haus gingen.

»Wenn du der Überzeugung bist, dass die Putzfrau es war, dann ja. Sie hat übrigens den Toten entdeckt.«

»Wieso sprechen wir vom Täter?«, fragte Christoph Johannes. »Ein Toter in einem Schwimmbecken – das könnte auch ein Unfall sein.«

»In diesem Fall nicht«, erwiderte Jürgensen. Inzwischen hatten sie den Zugang zum Atrium mit dem Schwimmbecken erreicht. Dort waren mehrere Leute aus Jürgensens Team mit der Spurensicherung beschäftigt.

Am Beckenrand lag der Tote.

»Donnerwetter«, entfuhr es Große Jäger. »Ich bin zwar oft geneigt, dir zu widersprechen, Klaus, aber in diesem Fall hast du recht. Das sieht nicht wie ein Unfall aus.«

Der Mann vor ihren Füßen mochte schon über sechzig sein. Er hatte eingefallene Gesichtszüge, die durch die bläulich blasse Haut noch unterstrichen wurden.

Jürgensen erklärte: »Der Arzt aus der Nordseeklinik ist schon wieder weg. Seine Meinung deckt sich mit meiner. Der Tod ist durch Ertrinken eingetreten. Hier.«

Jürgensen hielt Große Jäger ein paar Latexhandschuhe hin, die der Oberkommissar überstreifte. Dann berührte er die Haut des Toten. Sie sah schrumpelig aus, so als hätte jemand zu lange gebadet. »Es fühlt sich feucht und kalt an«, berichtete Große Jäger und wandte sich Christoph Johannes zu.

»Wir haben die Umgebungs- und Wassertemperatur sowie die Körpertemperatur gemessen. Aus diesen Parametern wird die Kieler Rechtsmedizin den Todeszeitpunkt bestimmen können. Derzeit gibt es nur eine sehr grobe Schätzung: gestern Abend.«

Das Opfer trug einen dunklen Anzug, eine korrekt geknöpfte Weste, unter der ein weißes Hemd und eine Krawatte erkennbar waren. Sogar die Schuhe waren noch an den Füßen.

»Raubmord scheint ausgeschlossen«, sagte Jürgensen, nachdem er eine Weile den beiden Husumer Beamten zugesehen hatte. »Wir haben die Brieftasche gefunden. Pass, mehrere Kreditkarten, siebentausend Dollar und fast viertausend Euro.«

»Es soll ja Millionäre geben, die haben immer ein paar tausend Euro ›Klimpergeld‹ in der Tasche«, stellte Große Jäger fest und warf einen Seitenblick auf Christoph Johannes. »Du sagst ja gar nichts.«

»Du redest wie ein Wasserfall. Da bleibt doch nichts mehr anzufügen.«

»Wir Norddeutschen sind eben nicht solche Sabbeltaschen wie ihr.« Jürgensen grinste den Oberkommissar an, der zwar aus Westfalen stammte, aber seit ewigen Zeiten an Deutschlands Nordspitze lebte.

Große Jäger zeigte auf Christoph Johannes. »Er hat auch einen Geburtsmakel. Er kommt aus Kiel.«

Jürgensen räusperte sich.

»Na endlich«, stellte Große Jäger fest. »Das habe ich schon richtig vermisst. Nun aber weiter.«

»Der Tote trug noch seine Uhr, ein teures Schweizer Stück.«

»Die berühmte Marke?«

Jürgensen schüttelte den Kopf. »Nee. Der Mann war kein Zuhälter. Eine IWC, wenn du es genau wissen möchtest.«

»Wie heißt denn unser teurer Verblichener überhaupt? Und wie kommt es, dass er Dollar bei sich trug?«

Christoph Johannes stieß Große Jäger kameradschaftlich in die Seite.

»Ich dachte schon, das fragst du nie.«

Jürgensen zeigte auf die Leiche zu ihren Füßen. »Wir haben einen amerikanischen Pass gefunden.«

»Name!«, knurrte der Oberkommissar.

Jürgensen zögerte noch ein wenig mit der Antwort, bis er schließlich leise sagte: »Lew Gruenzweig, achtundfünfzig, aus New York.«

»Der sieht aber älter aus«, murmelte Große Jäger, während Christoph Johannes ein »Donnerlüttchen« entfuhr.

»Eben«, merkte Jürgensen an.

Große Jäger sah hintereinander Christoph Johannes und den Leiter der Spurensicherung an. »Ist der bekannt? Muss man den kennen?«

»Sicher«, erwiderte Christoph Johannes. »Der geistert allenthalben durch die Medien.«

»Für einen Weltklassesprinter ist er zu alt«, überlegte der Oberkommissar laut. »Vielleicht Schauspieler? Gangsterboss in amerikanischen Räuberpistolen?«

»Gruenzweig ist einer der bekanntesten Männer der Weltwirtschaft«, half Jürgensen aus.

»Und einer der meistgefürchteten und -gehassten«, ergänzte Christoph Johannes.

»Hmh«, brummte Große Jäger und drehte sich zu Christoph Johannes um. »Wer ist Lew Gruenzweig?«

»Das ist der Präsident der Rumsberg Grow Up International Foundation – ein Hedgefonds. Die gelten als eine der schlimmsten der internationalen Heuschrecken und investieren rund um den Globus. Sie sind berüchtigt dafür, dass sie gesunde Unternehmen aufkaufen, ausschlachten und ohne Rücksicht auf die dort beschäftigten Menschen und deren Familien nur noch rauchende Trümmer hinterlassen.«

»Bei den bescheidenen Dienstbezügen, die mir Peter Harry überweist, kenne ich nur Bent Hansen.«

»Wer ist das?«

»Der Kreditsachbearbeiter bei der Nord-Ostsee Sparkasse in Husum. Der genehmigt mir immer die Überziehung meines Dispos.«

Christoph Johannes lachte. »Da gibt es sicher ein paar Unterschiede in der Geldmenge, die du bewegst und er da.« Er zeigte auf den Toten.

Große Jäger kratzte sich hörbar über die Stoppeln des unrasierten Kinns. »Und warum lässt er sich hier ermorden? Mit seinem Geld kann man doch an den schönsten Plätzen der Welt leben.«

»Hat er doch gemacht. Er war doch hier – auf Sylt.«

»Doch nicht zu seinem persönlichen Vergnügen? Viele würden ihr Leben dafür geben, zu den Reichen und Mächtigen zu gehören, die in Kampen zwischen Rotem Kliff und Buhne 16 residieren dürfen. Der da hat es geschafft. Er durfte hier leben. Und sein Leben lassen.«

»Ich fürchte, das werdet ihr herausfinden müssen – warum er hier sterben wollte«, sagte Jürgensen. »Können wir nun weitermachen?«

»Moment«, unterbrach ihn Christoph Johannes und beugte sich nieder. »Das ist ja eine außergewöhnliche Mordmethode.«

»Superreiche sind selbst im Sterben extravagant«, sagte Große Jäger und beugte sich ebenfalls hinab.

Gemeinsam nahmen sie die sechs Champagnerflaschen in Augenschein, die mit einem Strick verknotet um den Hals des Toten geknüpft waren und als Gewicht dienten, um den Kopf unter Wasser zu ziehen.

»Champagne Charles Monthibault – Brut Millésimé – 2000« las der Oberkommissar stammelnd vor.

»Das ist ein ganz edles Gewächs. Jahrgangschampagner«, kommentierte Christoph Johannes.

»Das kann man sich nur mit den Bezügen eines Ersten Hauptkommissars leisten«, entgegnete Große Jäger. »Für Oberkommissare bleibt nur der Zapfhahn in der Bierkneipe. Aber zugegeben – das hat Stil. Zweitausend. Ist das der Jahrgang?«

Christoph Johannes nickte.

»Dann haben wir das Motiv. Das Zeug muss weg. Und da man das nicht alles trinken kann, hängt man es solchen Leuten wie ihm da um den Hals.«

»Die haben das aber nicht gern.« Christoph Johannes zeigte auf die Handschellen, mit denen Gruenzweig auf dem Rücken gefesselt war.

»Hast du deine noch?«, stichelte der Oberkommissar und grinste Christoph Johannes an. »Ich meine – wegen des Alibis.«

»Du bist der Einzige in der ganzen Polizeidirektion, der noch die Metallhandschellen benutzt. Alle anderen verwenden Einmalfesseln aus Plastik.«

Der Oberkommissar musterte die Handschellen. »Das sieht nicht so aus, als hätte sich der Tote gewehrt. Es gibt kaum Spuren, die darauf hindeuten, dass er daran gezerrt hätte, um sich zu befreien.«

»Das deutet auf zwei Möglichkeiten hin«, erklärte Christoph Johannes. »Entweder ist Gruenzweig vorher betäubt worden, oder er hat sich freiwillig fesseln lassen. Solche Handschellen sind in einschlägigen Sexshops als Spielzeug zu erwerben.«

Große Jäger zog eine Augenbraue in die Höhe. »Der Pelzmantel in der Garderobe.«

»Richtig. Obwohl ich eher Cape dazu sagen würde.«

Der Oberkommissar zeigte auf Klaus Jürgensen. »Der Täter muss aus Flensburg kommen. Dort residiert schließlich der Sex-Großversand.«

»Habt ihr etwas von der Frau entdeckt, die hier gewesen sein muss?«, wandte sich Christoph Johannes an den Kriminaltechniker.

Jürgensen schüttelte den Kopf. »Nur den Pelzumhang. Sonst nichts.«

»Und die Gläser sind gespült«, stellte Christoph Johannes fest. »Wissen wir, wem das Anwesen gehört?«

»Ja«, erschallte eine Bassstimme in ihrem Rücken.

Sie drehten sich um.

»Moin, Herr Paulsen«, begrüßte Christoph Johannes den Leiter der Westerländer Kriminalpolizeiaußenstelle, wie die Dienststelle etwas umständlich im Amtsdeutsch hieß.

Sie gaben sich die Hand.

Hauptkommissar Momme Paulsen war eine große, stattliche Erscheinung. Der dichte Vollbart, die ebenfalls mit grauen Strähnen durchzogenen Haare und das wettergegerbte Gesicht ließen eher einen Seebären vermuten als einen Kriminalbeamten.

Paulsen steckte beide Hände in die Hosentaschen.

»Zunächst einmal: Wir haben außer der Nerzjacke keine Hinweise auf weitere Besucher im Haus gefunden.« Er sah Jürgensen an. »Die Spurensicherung wird da mehr finden. Nachbarn haben auch nichts bemerkt, sofern man hier von solchen überhaupt reden kann. Jetzt, im April, sind längst nicht alle Häuser bewohnt. So wie dieses hier. Der Besitzer kommt nur sporadisch her. Dann dürfte er mit dem Flieger aus Frankfurt herüberrutschen.«

»Frankfurt – Finanzzentrum«, dachte Große Jäger laut. »Er da scheint auch in dieser Branche mitgespielt zu haben. Nun spann uns nicht auf die Folter. Wer ist der Eigentümer?«

»Dr. Friedemann Ambrosius Laipple.«

»Den kenne sogar ich«, staunte Große Jäger. »Heißt der wirklich Ambrosius?«

»Ja – Remigius«, sagte Christoph Johannes betont und spielte damit auf Große Jägers zweiten Vornamen an, den dieser genauso wenig liebte wie seinen ersten – Wilderich Remigius Große Jäger.

»Friedemann Laipple – Vorstandssprecher der großen Bank, die einer der wenigen deutschen Global Player rund um den Erdball ist«, erklärte Christoph Johannes.

»Wenn das wahr ist, was in der Zeitung stand, dann verdient der Mann etwa siebentausend Euro«, überlegte Große Jäger laut.

»Da kommen wir Beamten nicht hin«, mischte sich Jürgensen ein, um in ein heftiges Niesen zu verfallen.

Christoph Johannes lachte. »Ich habe nicht nachgerechnet. Da dürften aber noch ein paar Euro durch Bonuszahlungen, Aktienoptionen und Einkünfte aus anderen Tätigkeiten dazukommen, wie beispielsweise Aufsichtsratstantiemen.«

»Nicht schlecht.«

»Nun werde nicht neidisch«, beschwichtigte Christoph Johannes. »Selbst dann nicht, wenn Laipple die siebentausend Euro pro Stunde bekommt.«

»Damit kann man sich so ein Haus wie dieses leisten. Und die Heizkosten bezahlen«, schloss Große Jäger und wischte sich mit dem Handrücken über die Stirn, weil es mittlerweile sehr warm in der Schwimmhalle geworden war.

»Wo ist eigentlich das K1?«, fragte Paulsen, als sie gemeinsam das Atrium verließen.

»Seitdem die Dobermann weg ist, geht es bei der Mordkommission in Flensburg drunter und drüber. Der Scheiß-Starke hat das nicht im Griff«, erklärte Große Jäger ungefragt.

»Wer?«, fragte Paulsen, der vorausgegangen war.

»Kriminaldirektor Dr. Starke von der Bezirkskriminalinspektion in Flensburg«, erklärte Christoph Johannes und wandte sich dann an den Sylter Kollegen. »Die haben gerade einen dicken Fall in der Nähe von Schleswig, der auch durch die Presse gegangen ist.«

»Der Tote an der Autobahn?«

»Genau. Und für Frauke Dobermann gibt es noch keinen Nachfolger.«

»Die hat ja einen furiosen Einstand in Hannover gehabt. Die beißt sich durch – wie ihr Name schon sagt«, mischte sich Große Jäger ein. »Ganz schön heftig, dass sie jetzt sogar auf einer Todesliste steht. Wenn das dort so weitergeht, müssen wir wohl irgendwann nach Hannover und aushelfen. Dobermanns Fall ist ja bundesweit durch die Medien gerauscht und war tagelang Thema im Fernsehen. Dagegen arbeiten wir richtig im Verborgenen.«

Er bekam von Christoph Johannes einen sanften Stoß in den Rücken. »Das trifft auf dich nicht zu. Du bist sicher ebenso bekannt wie Frauke Dobermann. An die Arbeit, Wilderich. Hast du das Seil gesehen, mit dem die Champagnerflaschen um Gruenzweigs Hals geknotet waren?«

»Weiß, Kunststoff, etwa fingerdick«, konstatierte Große Jäger. »Für eine Wäscheleine zu stark.« Er sah den Leiter der Spurensicherung an.

Jürgensen bückte sich und nahm ein Ende in seine behandschuhte Hand. Vorsichtig bog er das Tau hin und her. Es war ausgesprochen elastisch.

»Wo benutzt man so etwas?«, überlegte Große Jäger laut. »Es laufen wenig Leute mit einem solchen Strick durch die Gegend. Das würde uns sicher weiterhelfen, wenn wir das wüssten.«

»Ich bin mir nicht sicher«, sagte Jürgensen, »aber es könnte beim Segeln Verwendung finden. Das wäre auch eine Erklärung für die merkwürdigen Knoten, mit denen die Flaschenhälse befestigt waren. Sie sind alle ebenmäßig.«

»Das ist ein erster Anhaltspunkt, den wir verfolgen könnten«, stimmte Christoph Johannes zu und sah zum offenen Glasschiebelement, das ins Wohnzimmer führte. Dort war der uniformierte Polizist erschienen, der sie am Zugang zum Grundstück begrüßt hatte.

»Wir haben draußen einen festgehalten«, erklärte der Beamte und wies mit dem Daumen über die Schulter. »Der hat so merkwürdig geguckt, nachdem er langsam vorbei ist. Dann hat er hinten am Ende der Straße gewendet. Wollen Sie mal mit ihm schnacken?«

»Gern«, sagte Christoph Johannes und ging, gefolgt von Große Jäger und Paulsen, hinaus.

»Ich kenn den vom Ansehen«, fügte der Streifenbeamte auf dem Weg durchs Haus noch an. »Der treibt sich oft auf der Insel rum. Mal hier – mal da.«

Ein großer, sportlich durchtrainiert Mann lehnte sich lässig gegen die Pforte. Er trug eine helle Leinenhose, hatte einen durch einen Designer kunstvoll zerknautschten Lederblouson etwa zur Hälfte geöffnet, und durch die ebenfalls oben offenen Knöpfe seines hellblauen Hemdes schimmerten dichte blonde Brusthaare. Der gepflegte Dreitagebart im kantigen Gesicht, die sorgsam gestutzten Augenbrauen und eine in die künstlich erblondeten Haare hochgeschobene Sonnenbrille verliehen ihm auf den ersten Blick das Aussehen eines jener Models, die die Titelblätter von Lifestylemagazinen zierten.

Christoph Johannes ging auf den Mann zu. Aus den Augenwinkeln registrierte er eine hinter den Einsatzfahrzeugen abgestellte schwarze Corvette.

»Moin«, begrüßte er den Mann.

»Grüß Gott«, erwiderte der, ohne Anstalten zu unternehmen, sich vom Tor zu lösen.

»Ach du Schreck, so einer«, entfuhr es Große Jäger, der mit einem Schritt Abstand gefolgt war.

»Polizei Husum. Mein Name ist Johannes.«

Der Blonde musterte Christoph Johannes mit einem beinahe spöttischen Blick, ohne etwas zu sagen.

»Den Kollegen ist aufgefallen, dass Sie sich offenbar für dieses Gebäude interessieren.«

»So?«, fragte der Blonde und spitzte dabei die Lippen.

»Trifft das zu?«

»Ich bin hier entlang, habe gewendet, und wenn irgendwo die Polizei steht, wirft man einen interessierten Blick darauf. Ist das verboten?«

»Kennen Sie die Bewohner dieses Hauses? Oder Gäste?«

»Wenn Sie mir Namen nennen – vielleicht. Noch besser wäre ein Bild. Vielen begegnet man bei irgendwelchen Gelegenheiten – hat einen Drink miteinander. Ist das Kennen nach Ihrem Verständnis?«

»Was wollten Sie hier?«, mischte sich Große Jäger ein. »Die Straße ist eine Sackgasse. Keine Durchgangsstraße.«

Der Mann löste sich von der Pforte und drehte auf dem wohlmanikürten rechten Zeigefinger seine Autoschlüssel.

»Ist das Ihr Fahrzeug?«, fragte Große Jäger.

Der Blonde sah den Oberkommissar von oben herab an. »Suchen Sie Autodiebe? Das ist meiner. Und ich habe ihn nicht als gestohlen gemeldet. Kann ich jetzt weiter?«

»Einen Moment«, bat Große Jäger. »Reine Routine. Wir würden gern Ihre Fahrzeugpapiere kontrollieren.«

»Kein Problem«, sagte der Mann und ging mit wiegendem Schritt zu seinem Sportwagen. Er öffnete den Wagen und holte aus der Seitentasche eine helle lederne Brieftasche hervor, fischte Führerschein und Zulassung heraus und reichte beides dem Oberkommissar.

Große Jäger prüfte die Papiere. Der Mann hieß Hans-Martin Hollergschwandtner und war fünfunddreißig Jahre alt. Als Wohnsitz war Penzberg in Oberbayern eingetragen. Die Halterangaben im Fahrzeugschein stimmten mit den Angaben überein. Und das Kennzeichen »WM« stand für den Kreis Weilheim-Schongau. Große Jäger gab die Dokumente zurück und sah Hollergschwandtner nach, der in die Corvette stieg und den Sportwagen mit dem satten Sound Richtung Kampener Ortsmitte davonrollen ließ.

»Hast du Name und Anschrift?«, fragte Christoph Johannes, als Große Jäger zurückkehrte.

Der Oberkommissar nickte. »Was war das für ein Vogel?«, fragte er mehr sich selbst und sah Paulsen, den Insulaner, an. »Kennst du den?«

»Hast du eine Vorstellung, wie viele Fremde hier auf Sylt sind?«, antwortete der Hauptkommissar mit einer Gegenfrage.

»Ich werde mich über den Typen erkundigen. Entweder ist das ein Nabob, der hier die Zeit totschlägt und Papis Geld durchbringt, oder es ist der Zuhälter der Dame, die die Pelzjacke zurückgelassen hat.«

* * *

Ein heftiger Schauer ging über Kiel nieder. Es war dunkel geworden, und der Regen klatschte gegen die Fensterscheiben. Der Mann mit den verwuschelten blonden Haaren sah kurz auf, warf einen Blick in das trübselige Grau hinaus, schüttelte den Kopf, als er daran dachte, dass für die Westküste gutes Wetter angekündigt worden war, und kehrte dann zum Studium der Akte auf seinem Schreibtisch zurück. Mechanisch tastete sich seine rechte Hand über die Arbeitsfläche, bis sie an die Kaffeetasse stieß. Er nahm den Griff zwischen Daumen und Zeigefinger, führte das Trinkgefäß an den Mund und leerte den Rest des Inhalts. Die Hand kehrte zur offenen Akte zurück, und der Zeigefinger fuhr im Leserhythmus am Rand des Papiers abwärts.

Kriminalrat Lüder Lüders saß an einer Gefährdungsanalyse für die Mitglieder der Landesregierung. Besonders der joviale und sich volksnah gebende Landesvater, der keine Eröffnung eines Kindergartens, das Jubiläum einer Altentagesstätte oder die Einweihung eines neu geteerten Feldweges ausließ, stand im Blickpunkt der Personenschützer des Dezernats 31. Missmutig erledigte Lüder die ungeliebte Schreibtischarbeit, zu der ihn der Leiter der Abteilung 3 des Landeskriminalamts in Kiel mit sanftem Druck genötigt hatte. Kriminaldirektor Jochen Nathusius stand dieser Einheit des LKA vor, deren Aufgabe der Polizeiliche Staatsschutz war. Nathusius hätte es gern gesehen, wenn Lüder die Leitung des Dezernats übernommen hätte, aber der weigerte sich, das zweite Dezernat unter Leitung des Kriminaldirektors zu verlassen, das für Ermittlungen und die innere Sicherheit zuständig war und in dem er Spezialaufgaben erledigte.

Lüder war am Ende der Seite angekommen und blätterte um. Bevor er weiterlas, wanderte sein Blick zu dem Bild an der Ecke seines Schreibtischs. Von dort lachten ihn Margit und die vier Kinder an. Noch hatten er und seine Partnerin keine Zeit zum Heiraten gefunden, obwohl die Kleinste, ihre gemeinsame Tochter Sinje, bald drei Jahre alt wurde. Sie stand neben Jonas, dem Enfant terrible der Patchworkfamilie. Jonas war der Sohn aus Lüders geschiedener Ehe, während Margit Thorolf und Viveka mitgebracht hatte.

Margit genoss es, dass Lüder derzeit im Innendienst tätig war, nachdem er allzu oft in der Vergangenheit gefährlichen Einsätzen ausgesetzt gewesen war. Jonas hingegen zeigte offen seine Enttäuschung, dass Lüder sich gegenwärtig in seiner Arbeit in nichts von Beamten in der öffentlichen Verwaltung unterschied.

Lüders Zeigefinger wanderte auf der nächsten Seite abwärts, bis er an einer Stelle verharrte. Instinktiv schüttelte Lüder den Kopf und blätterte zurück, um die Passage auf der Vorseite noch einmal zu lesen, als er durch das Telefon abgelenkt wurde.

»Diether«, vernahm er die forsche Stimme des Oberarztes am Institut für Rechtsmedizin der Christian-Albrechts-Universität. »Sie haben von der Ermordung des amerikanischen Milliardärs auf Sylt gehört? Wie ich Sie kenne, möchten Sie gern das Ergebnis der Obduktion von Lew Gruenzweig wissen.«

»Zumindest ein paar ergänzende Details«, bestätigte Lüder, obwohl er mit diesem Fall nicht betraut war und über nicht mehr Informationen verfügte, als er den Medien hatte entnehmen können. »Den wichtigsten Punkt kenne ich bereits. Der Mann ist tot.«

»Exitus totalis.« Der Rechtsmediziner ließ ein herzhaftes Lachen hören. »Tod durch Herzversagen. So drücken es zumindest die Laien aus, zu denen leider auch manchmal Angehörige meines Berufsstandes gehören.«

Lüder wusste, dass die Rechtsmediziner »Herzversagen« als einen finalen Zustand betrachteten, es aber darauf ankam, zu klären, warum das Herz den Dienst versagte.

»Gruenzweig ist ertrunken, nachdem es zunächst so ausgesehen hatte, als wäre er erstickt.« Der Arzt legte eine Kunstpause ein. Nachdem Lüder jedoch schwieg, fuhr er fort: »Bei dem Toten wurde zunächst durch aspirierte Wassertropfen ein Laryngospasmus, ein Stimmritzenkrampf, ausgelöst. Die Folge ist eine Blockade der Atemwege. Wussten Sie, dass etwa bei jedem zehnten Wasseropfer ein trockenes Ertrinken vorliegt, weil die Stimmritzen nicht wieder aufmachen? Vielleicht wäre das bei unserem Toten auch der Fall gewesen, wenn er nicht …«

»Da ich mich frage, warum er sich nicht gewehrt hat, als man ihm die Champagnerflaschen um den Hals gehängt hat, liegt die Vermutung nahe, dass Gruenzweig zuvor sediert wurde«, sagte Lüder und verschwieg, dass er diese Tatumstände ebenfalls nur aus den Nachrichten kannte. Die Zeitungen hatten noch nicht darüber berichtet.

»Oh – ein Kollege«, spottete Dr. Diether. »Sie haben recht. Dem Mann wurde Rohypnol verabreicht. Das ist ein Flunitrazepam und gehört zu den Benzodiazepinen. Es ist mit Diazepam verwandt, das der Laie als Valium kennt. Wir sprechen hier über die Gruppe der Hypnotika und medikamentösen Schlafmittel. Das Gefährliche am Rohypnol ist, dass es fast zehnmal so stark wie das Diazepam ist. Daher darf es in der Regel auch nur auf speziellem Betäubungsmittelrezept verordnet werden. Das Zeug riecht und schmeckt nicht. Deshalb hat der Hersteller dem Medikament einen Farbstoff beigesetzt, der aber erst nach zwanzig Minuten sichtbar wird. Außerdem müssen wir davon ausgehen, dass das Mittel ›unsauber‹ von anderen Laboren hergestellt wird.«

»Kann man es mit den sogenannten K.-o.-Tropfen vergleichen, die häufig späteren Vergewaltigungsopfern verabreicht werden?«

Dr. Diether atmete hörbar auf. »Leider ist es so. Das Mittel wirkt insbesondere in Verbindung mit Alkohol teuflisch. Die Opfer, sofern sie überleben, haben keine Erinnerungen an die an ihnen vollzogenen Verbrechen. Man muss es sich wie ein extrem starkes Schlafmittel vorstellen. Außerdem ist es muskelrelaxierend. Es entspannt die Muskulatur, und Sie können mit dem willen- und wehrlosen Opfer verfahren, wie Sie möchten.«

»Gruenzweig wurde also, vermutlich in Verbindung mit Alkohol, Rohypnol verabreicht.«

»Leider können wir das nur vermuten, weil die Hauswirtschafterin noch vor dem Eintreffen der Polizei die Gläser gespült hat. Das hätte ich als Täter auch gemacht«, fuhr Dr. Diether fort.

Lüder schüttelte instinktiv den Kopf, obwohl sein Gesprächspartner am anderen Ende der Leitung das nicht sehen konnte. »Das war in diesem Fall eher eine Dummheit und kein Vorsatz. Wie kommt man an das Präparat?«

Dr. Diether räusperte sich, bevor er antwortete. »Normalerweise überhaupt nicht. Natürlich gibt es einen Schwarzmarkt, und einschlägige Kreise dürften keine Beschaffungsprobleme haben. Wer so etwas nutzt, ist kein Amateur, sondern weiß um die Wirkung. Gehen Sie davon aus, dass die Tat keine Kurzschlussreaktion war, sondern ein geplanter Mord. Der Täter hat sich das Mittel besorgt und hatte vor, sein Opfer zu ertränken.«

»In einer besonders symbolträchtigen Weise«, stimmte Lüder zu. »Dafür spricht auch der Halsring aus Champagnerflaschen, der das wehrlose Opfer unter Wasser zog. Jemand wollte ein Zeichen setzen: Seht! Die amerikanische Heuschrecke ersäuft im Champagner.«

»Für die Sachkenntnis des Mörders spricht auch, dass im Blut- und Urintest das Medikament nur innerhalb von zweiundsiebzig Stunden nachweisbar ist. Möglicherweise hat der Täter spekuliert, dass Gruenzweig nicht so schnell gefunden wird.«

»Nun fehlt mir noch der Todeszeitpunkt«, sagte Lüder.

»Das war in diesem Fall einfach. In der Schwimmhalle und im Wasser dürften konstant die gleichen Temperaturen herrschen. So lässt sich der Zeitpunkt ziemlich gut eingrenzen. Ich würde zweiundzwanzig Uhr schätzen. Nun wünsche ich Ihnen viel Erfolg bei der Tätersuche«, beschloss der Rechtsmediziner das Gespräch.

Lüder legte den Hörer auf die Station zurück und lächelte. Du bist gut, dachte er. Damit habe ich nichts zu tun. Zunächst wollte er sich wieder der Gefährdungsanalyse widmen, die vor ihm auf dem Schreibtisch lag, dann entschloss er sich aber, den Abteilungsleiter aufzusuchen.

Das Büro des Kriminaldirektors war größer als Lüders. Wie in Behörden und auch in der Wirtschaft häufig üblich, bemaß sich die zur Verfügung stehende Bürofläche nach »Achsen«. Das Zählmaß war häufig die Anzahl der Fenster.

Nathusius sah auf, als Lüder eintrat, und grüßte seinen engsten Mitarbeiter. Der Kriminaldirektor war wie immer tadellos gekleidet und hatte auch das Sakko im Büro nicht abgelegt. Er erkundigte sich zunächst nach Lüders Familie, während Lüder ein Blick auf das Bild von Nathusius’ Frau Beatrice warf, das sich der Abteilungsleiter als einzige persönliche Ausstattung gönnte.

»Was führt Sie zu mir?«, wechselte der Kriminaldirektor dann das Thema.

Lüder berichtete vom Anruf des Rechtsmediziners.

»Haben Sie um diese Auskunft gebeten?«, erkundigte sich Nathusius. Ein Lächeln huschte über das runde Gesicht mit den Sommersprossen.

»Ich war überrascht, dass mich Dr. Diether angerufen hat. Wir sind doch nicht in diesen Fall involviert?«

Jochen Nathusius legte die Fingerspitzen aneinander und musterte Lüder durchdringend. »Wir kennen uns schon eine ganze Weile. Daher mag ich nicht an einen Zufall glauben.«

Lüder versicherte, dass er selbst überrascht gewesen war, als ihn der Anruf der Rechtsmedizin erreichte.

»Im Landeskriminalamt bin bisher nur ich informiert«, sagte Nathusius. »Da ich davon ausgehe, dass Sie mich nicht abhören, muss es wohl Ihr sechster Sinn sein, der Sie zu mir geführt hat. Vor einer Viertelstunde hat mich Dr. Starke aus Flensburg angerufen und mir von diesem Fall berichtet. Die Bezirkskriminalinspektion bittet um Amtshilfe.«

»Ist das zu heiß für Starke?«

Nathusius zog die Augenbraue in die Höhe. Er tat damit seine Missbilligung dafür kund, dass Lüder den Namen des Flensburger Inspektionsleiters ohne dessen akademischen Zusatz benutzte. Jeder in der Landespolizei wusste, dass Dr. Starke darauf viel Wert legte.

Hoffentlich schweift der Kriminaldirektor jetzt nicht ab und fragt mich, wann ich endlich meine Doktorarbeit abschließe, dachte der studierte Jurist Lüder. Seit Langem drängte ihn Nathusius, sich dieses Themas anzunehmen, weil sich damit im öffentlichen Dienst sicher einfacher Karrierechancen ergeben würden, die man Lüder bisher versagt hatte. Doch der Abteilungsleiter blieb konzentriert beim Thema.

»Es gibt nach dem Weggang von Frau Dobermann personelle Engpässe in Flensburg. Das dortige K1 – nun sagen Sie nicht gleich wieder ›Mordkommission‹ – ist mit dem spektakulären Fall in Schleswig beschäftigt. Und die Husumer möchte Dr. Starke nicht gern ermitteln lassen.«

»Da gibt es viele persönliche Animositäten«, gab Lüder zu bedenken. »Starke – pardon! – Dr. Starke neidet den Nordfriesen deren Ermittlungserfolge. Der Fall Gruenzweig ist also so brisant, dass er ans LKA abgeschoben werden soll.«

»Noch gibt es keine Entscheidung von oben. Ich gehe davon aus, dass sich zudem verschiedene Ministerien einmischen werden. Ab heute Mittag wird der Mord an Lew Gruenzweig in allen Medien weltweit hochgekocht. Das wird sich nicht vermeiden lassen.«

»Dann ist der Wirtschaftsminister doppelt involviert«, überlegte Lüder laut. »Zum einen, weil die internationale Finanzwelt nach Schleswig-Holstein schaut, zum anderen ist er aber auch für den Tourismus im Lande zuständig. Und wie kann man das Land zwischen den Meeren auffälliger in aller Munde bringen?«

Der Kriminaldirektor schüttelte leicht den Kopf, unterließ es aber, den ihm bekannten Zynismus Lüders zu kommentieren. »Ich bin mir noch nicht schlüssig, ob das ein Fall ist, für den wir uns zuständig erklären sollten«, sagte Nathusius. »Ich denke, eine Sonderkommission wäre angebrachter. Wie wäre es, wenn Sie die Leitung übernehmen würden?«

»Da wäre ich nicht glücklich«, erwiderte Lüder.

»Schön.« Nathusius spitzte die Lippen und zeigte ein spitzbübisches Lächeln. »Sie sind zudem verhindert, weil Sie an den Gefährdungsanalysen arbeiten.«

»Ich könnte vielleicht unabhängig von der Sonderkommission ein paar Erkundigungen einziehen«, überlegte Lüder laut.

»Nach den schlechten Erfahrungen, die Sie mit brisanten Fällen in der Vergangenheit gemacht haben, würde ich davon abraten.«

»Man sollte persönliche Interessen hinter das Gemeinwohl stellen. Ich bin Polizist geworden, weil in mir ein gewisses Gerechtigkeitsgefühl schlummert. Sonst hätte es im öffentlichen Dienst sicher auch viele andere Verwendungsmöglichkeiten für einen Juristen gegeben.«

»Was macht eigentlich Ihre Promotion?« Nun hatte der Kriminaldirektor doch danach gefragt.

»Das kostet viel Zeit«, antwortete Lüder.

»Und die haben Sie seit vielen Jahren nicht«, sagte Nathusius und trug damit nur das vor, was Lüder seit Langem als Entschuldigung vorbrachte.

Lüder verabschiedete sich. Auch wenn der Kriminaldirektor verbal etwas anderes von sich gegeben hatte, war Lüder beauftragt, sich des brisanten Falls anzunehmen.

Die kleinste Polizeidirektion des Landes war in dem Dienstgebäude gegenüber dem Husumer Bahnhof untergebracht. Der langgestreckte Bau aus grauem Putz wurde aufgelockert durch die zahlreichen Pflanzen, die von den Mitarbeitern der Behörde hinter den Fenstern gehegt wurden.