Cover

Sind wirklich keine zwei Schneeflocken gleich? Wie baut man ein Iglu? Und wie lebt es sich im ewigen Schnee? Sally Coulthard, begeisterte Natur-Autorin, präsentiert Geschichten, unbekannte Fakten, Wissenswertes und Lustiges rund ums weiße Wunder – eine liebevoll zusammengestellte Schneelektüre für jede Jahreszeit, kühl-erfrischend und herzerwärmend zugleich. Für Schnee-Liebhaber und Schnee-Nostalgiker: Weiße Weihnachten zum Verschenken!

SALLY

COULTHARD

DAS KLEINE

BUCH VOM

SCHNEE

Aus dem Englischen von Katy Albrecht

Die englische Originalausgabe erschien 2018 unter dem Titel THE LITTLE BOOK OF SNOW bei Anima, einem Imprint von Head of Zeus Ltd.

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Deutsche Erstausgabe 2019

© by Sally Coulthard, 2018

© der deutschsprachigen Ausgabe 2019

by Wilhelm Heyne Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Straße 28, 81673 München

Illustrationen von Ian bei KJA Artists

Redaktion: Sabrina Kiefer

Umschlaggestaltung: Nele Schütz

unter Verwendung eines Motives von Ian

bei KJA Artists, © Anima

Herstellung: Helga Schörnig

Satz: Leingärtner, Nabburg

e-ISBN: 978-3-641-25025-6
V001

www.heyne.de

Und kommt dann der Winter mit eisigem Wehn,

Dann schließe ich Türen und Läden voll Hast

Und bau mir im Dunkel den Feenpalast.

Charles Baudelaire, »Die Blumen des Bösen«

Für James

Inhalt

Einleitung

Schneeforschung

Schnee und Ökosystem

Mensch und Schnee

Mit Schnee leben

Schneefeste

Spaß im Schnee

Geschüttelt aus der Lüfte Brust

Und aus der Röcke Wolken-Falten,

Übers braune, kahle Land,

Über ruhende Felder,

Fällt still und leise,

Sanft der Schnee

Henry Wadsworth Longfellow, »Schneeflocken«

EINLEITUNG

Meine Eltern haben ein Kinderfoto von mir, darauf bin ich ungefähr acht Jahre alt und stehe mit meiner besten Freundin vor der Tür unseres alten Hauses. Wir grinsen unter unseren platten Ponyfransen und Sommersprossen von einem Ohr zum anderen. Ich kann mich noch daran erinnern, wann das Bild aufgenommen wurde: Wir hatten gerade erst erfahren, dass die Schule ausfiel, haben sofort die kratzigen Schuluniformen ausgezogen und eilig die wärmsten Sachen geholt, die wir finden konnten. Meine Handschuhe passen nicht zusammen, ich trage eine uralte Bommelmütze und eine Latzhose. Meine Freundin hat einen dünnen Mantel und die Gummistiefel ihrer Schwester an und hält zwei alte Futtersäcke vom Hof ihres Vaters in der Hand. Wir sehen total durchgefroren aus und unfassbar glücklich. Über Nacht hatte es heftig geschneit, und wir wollten Tütenrutschen gehen.

Noch heute, gute 30 Jahre später, fühle ich mich ganz genauso, wenn ich frühmorgens die Welt in Schnee gehüllt vorfinde. Die Aussicht ist inzwischen eine andere, statt der Vororthäuser sehe ich offene Felder, aber die Wirkung ist die gleiche. Diese unerwartete weiße Decke hat unglaubliche Kraft – das Licht wirkt anders, alles ist friedlich gedämpft, und der Schnee kann vertrauten Dingen eine neue Form verleihen und etwas ganz Neues schaffen. Schnee verändert alles.

In unserer Kindheit war Schnee für uns der Inbegriff von Spaß. Er bedeutete Geschwindigkeit, Glückseligkeit und Lachanfälle. Der Schnee gab uns die Freiheit zu kämpfen, zu rutschen, absichtlich Unfälle zu bauen und ein heilloses Durcheinander zu veranstalten – und alles ohne Angst haben zu müssen, ausgeschimpft zu werden. Es war total egal, ob man einen teuren Holzschlitten hatte oder einen schwarzen Müllsack, Schnee war einfach demokratisch, und jeder hatte das Recht, an diesem Spaß teilzunehmen.

Für Erwachsene kann Schnee ein Geschenk mit Nebenwirkungen sein. Nach wie vor hat er die Macht, uns mit seiner faszinierenden Schönheit innehalten zu lassen, aber er kann auch Stau bedeuten und die Sorge, dass unser Tagesablauf komplett über den Haufen geworfen wird. Und wenn er es richtig ernst meint, kann der Schnee das Land zum Erliegen bringen und uns davon abhalten, allzu selbstgefällig zu werden. Ich mag das – hin und wieder brauchen wir einen kleinen Stoß in die Rippen, der uns wieder in unsere Schranken weist.

Der Bauernhof, den ich mit meiner Familie bewohne, liegt idyllisch am Grund eines kleinen Tales. Zu unserem Haus kommt man über einen schmalen, steilen Weg, etwa einen halben Kilometer lang. Wenn es schneit, wird aus diesem Weg eine riesige eisige Rutschbahn. Sie bringt alle landwirtschaftlichen Maschinen und Fahrzeuge, die diese Straße entlangfahren müssen, an ihre Grenzen. Vor etwa zehn Jahren hatten wir zwei besonders harte Winter nacheinander, beide Male waren wir wochenlang von der Außenwelt abgeschnitten. Da war der Schnee so tief, dass wir hoch auf den Hügel stapfen mussten, um vorbeifahrenden Bauern zu winken, damit sie uns in die Stadt mitnahmen. Wir haben unsere Lektion aber rasch gelernt und so viel Geld zusammengekratzt, dass wir einen gebrauchten Allradwagen kaufen konnten, der mit allem klarkommt, was uns der Winter in den Weg legt.

Für meinen Mann bedeutet Winter auch frühmorgendliches Schneeschippen mit schmerzendem Rücken, Fegen und Schneewegblasen, um unsere einzige Anbindung an die Zivilisation freizulegen. Trotzdem ist er der heiteren Seite des Schnees nicht abgeneigt. Als hervorragender Skifahrer ist der Schnee für ihn auch immer eine Möglichkeit, aus der alltäglichen Verantwortung auszubrechen und sich einem schwindelerregenden Spaß hinzugeben und den Berg hinunterzurasen. Für ihn wie für viele andere Menschen bedeuten Skifahren und anderer Wintersport vollkommenes Eintauchen in eine andere Welt. Nicht jeder Zeitvertreib bietet ein derartiges Zusammenspiel von persönlicher Freiheit, Selbstentfaltung, Adrenalin und fantastischen Ausblicken.

Auch der letzte Winter war schneereich. Während wir den Schneeflocken dabei zusahen, wie sie an unserem Fenster vorbeitrieben, ließ meine fünfjährige und jüngste Tochter einen Hagel von Fragen auf mich nieder, wie zum Beispiel »Wo kommt der Schnee eigentlich her?« und »Warum ist Schnee denn weiß?« Ich musste feststellen, dass ich es nicht wusste. Und damit begann die Recherche zu diesem Buch, das im Grunde ein Potpourri ist, eine bunte Sammlung von wissenswerten Fakten und Anekdoten über Schnee, die vielleicht nicht jeder kennt. Und ich wollte Antworten auf Fragen wie »Warum knirscht Schnee so?«, »Mit welchem Schnee kann man die besten Schneebälle machen?« und »Wo ist der kälteste Ort, an dem man wohnen kann?« Gleichzeitig wollte ich mich auch ein bisschen mit der Schneeforschung auseinandersetzen. Mich interessierte, ob in der Arktis eigentlich irgendetwas wächst oder wie Tiere mit Frost zurechtkommen. Und wir Menschen? Seit Hunderttausenden von Jahren bevölkern wir diesen Planeten – wie haben wir grausame Kälte überlebt?

Eines aber ist mir bei der Recherche und beim Schreiben dieses Buches klar geworden: Unsere Erde verändert sich. Zwar ist der Klimawandel in den polaren Regionen besonders deutlich zu sehen, spürbar sind die Auswirkungen jedoch überall auf der Welt. Manche dieser Veränderungen scheinen zunächst das Gegenteil zu beweisen: Wie kann es denn sein, dass ausgerechnet die Erderwärmung dafür sorgt, dass es überall in den USA mehr schwere Schneestürme gibt und dass es gleichzeitig immer früher Frühling wird? Die Antworten sind vielschichtig, und ich kann nur kurz darauf eingehen, aber grundsätzlich ist es wichtig, sich mit diesen Fragen zu beschäftigen. Uns stehen viele Lösungen zur Verfügung, doch es braucht politischen Ehrgeiz und sozialen Druck, um diese Themen ernsthaft anzugehen.

Die Wahrheit ist nämlich, dass wir Schnee brauchen. Zunächst, weil er ein unverzichtbares Rädchen im Getriebe der Umwelt ist, ohne das wir, salopp gesagt, aufgeschmissen sind. Zweitens brauchen wir ihn auch, weil er ein wichtiger Bestandteil unseres Seins ist, unserer gemeinsamen Kultur und unseres menschlichen Erbes. Es mutet ein bisschen töricht an, sich darüber Gedanken zu machen, wie ein Weihnachtsfest ganz ohne Schnee aussehen würde, wenn man sich viel mehr Sorgen über den steigenden Meeresspiegel machen müsste, aber diese beiden Dinge hängen nun einmal zusammen. Erst wenn wir uns trauen, uns eine Welt ganz ohne Schnee vorzustellen, erkennen wir, was wir verlieren würden.

Aber wir wollen jetzt nicht Trübsal blasen, denn dieses Buch ist im Grunde ein Fest des Schnees – es geht um Wissenschaft und Forschung, Geschichte, das Verhältnis zwischen uns und dem Wetter, und es wird eine kurze Abhandlung darüber geben, inwieweit der Schnee mit einer Vielzahl unserer kulturellen Bezüge und Feste verbunden ist. Ach so, und natürlich ist dieses Buch auch eine Versicherung, die mich davor schützt, ratlos dazustehen, wenn meine schneeversessene Tochter mal wieder knifflige Fragen stellt …

An harten Boden ebenso gewöhnt wie an monatelange Schneefälle sind die Einwohner im Norden der gemäßigten Breiten weiser und tüchtiger als ihre Verwandten, die nichts als stets freundliche Tropen kennen.

Ralph Waldo Emerson, »Prudence«

SCHNEEFORSCHUNG