Über das Buch:
Die Welt um Victor Jarno hat sich verändert, und wie immer hat er es zu spät bemerkt. Victor ist Mitte vierzig, kinderlos und der letzte Sozialdemokrat in einer Wiener Familie mit sozialistischen Wurzeln zurück bis in die Kaiserzeit. Nur scheint sich niemand daran erinnern wollen – selbst seine Mutter und seine Tante hat der politische Rechtsruck erfasst. Mit der Rückkehr von Victors Cousine Karoline aus dem Ausland flammt eine dreißig Jahre alte heimliche Liebe wieder auf: Beide verachten e-Scooter, Stand-up-Paddling und die regierenden Rechtsparteien. Als aus ihnen ein Paar wird, droht die Familie an dem Skandal zu zerbrechen. Noch dazu vererbt ihnen die Großmutter vor ihrem Tod ihr Haus auf dem Land, in das Cousine und Cousin sehr zum Missfallen der Eltern einziehen. Was aber lässt sich in einer Welt, in der Victors Ideale im Niedergang begriffen sind, noch retten?
Mit hinreißend lakonischem Witz erzählt Daniel Wisser von vier Generationen einer Familie, durch die sich die Gräben eines ganzen Landes ziehen. Er zeichnet das Bild einer Gesellschaft, der langsam dämmert, dass sich der Traum vom ungebremsten Fortschritt gegen sie wendet.
Über den Autor:
DANIEL WISSER, 1971 in Klagenfurt geboren, schreibt Prosa, Gedichte, Songtexte. 1994 Mitbegründer des Ersten Wiener Heimorgelorchesters, zuletzt erschien das Album »Die Letten werden die Esten sein«. 2018 für den Roman »Königin der Berge« mit dem Österreichischen Buchpreis und dem Johann-Beer-Preis ausgezeichnet. »Wir bleiben noch« ist Daniel Wissers fünfter Roman. Er lebt in Wien.
Daniel Wisser
WIR BLEIBEN NOCH
Roman
Luchterhand
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Die Zitate (1) und (2) stammen aus Karl Kautsky:
Zu den Programmen der Sozialdemokratie,
Verlag Jakob Hegner, Köln 1968.
Copyright © 2021 Luchterhand Literaturverlag, München,
in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,
Neumarkter Straße 28, 81673 München
Satz: Uhl + Massopust, Aalen
Covergestaltung: buxdesign, München
Covermotiv: Shutterstock/Artur Balytskyi
ISBN 978-3-641-26134-4
V002
www.luchterhand-literaturverlag.de
für Daniela
Die Erinnerung ist nicht die
Vergangenheit, Pläne sind nicht
die Zukunft. Alles ist – unsere –
Gegenwart.
Peter Patzak
»Xaver gefällt dir doch auch, oder?«
Iris saß am Küchentisch und hatte den schwarzen Ordner aufgeschlagen. Langsam wanderte ihr Zeigefinger auf dem Blatt nach unten.
»Hier! Schau! Hier steht es.«
Victor stand hinter Iris. Er überlegte, ob seine Eltern ein derartiges Gespräch geführt hatten, bevor sie sich für den Namen Victor entschieden. Ziemlich sicher nicht. Sie hatten ihn Victor genannt, nach Victor Adler, dem Begründer der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei. Und fertig.
»Eigentlich ist es ganz einfach: Wird es ein Junge, heißt er Xaver. Dann gibt man ihm auch nicht irgendeinen dummen Spitznamen.«
»Mein Vater hat erzählt, dass man seinem Cousin den Namen Bruno gab, weil die Eltern dachten, er würde dann keinen Spitznamen bekommen. Das führte dazu, dass man Bruno …«
»Das hast du mir schon hundertmal erzählt!«, unterbrach Iris Victor mitten im Satz. Iris hatte keine Geduld für Victors Geschichten. Victor setzte sich an den Tisch.
»Bei den Mädchen bleiben Johanna und Caroline. Ich weiß, ich weiß: Deine Cousine heißt Karoline. Karoline mit K. Ich habe mir gedacht: Wir könnten Caroline mit C nehmen. Findest du nicht?«
Deshalb hatte Victor also an Karoline gedacht, weil der Name Caroline auf dem Blatt stand, das Iris ihm gerade gezeigt hatte. Victor antwortete nicht. Er blickte an die Wand, merkte sich dort einen bestimmten Punkt, drehte den Kopf zur Seite und versuchte dann, denselben Punkt wiederzufinden.
»Stimmt es, dass Karoline wieder nach Wien zieht?«
»Angeblich.«
»Ich habe sie nur ein einziges Mal gesehen: beim fünfundneunzigsten Geburtstag deiner Großmutter. Sie ist sehr hübsch.«
»Ist sie das?«
»Das hast du selbst gesagt.«
Iris stand auf, um Kaffee zu machen, und setzte sich wieder.
»Trotzdem ist es okay, wenn wir unser Kind Caroline mit C nennen, oder? Oder?«
»Ich weiß es nicht.«
»Dann nennen wir sie Caroline.«
Iris stand auf und kam wenig später mit zwei Kaffeetassen wieder. Sie brachte beide Tassen zum Küchentisch. Dann nahm sie ein Blatt aus dem schwarzen Ordner. Victor trank einen Schluck Kaffee.
»Wir probieren es mal mit dieser Klinik: Child in Time. Klingt schön. Das ist doch ein Song, oder?«
»Deep Purple.«
»Abgemacht: Wenn es ein Mädchen wird, nennen wir sie Caroline. Und wir sagen niemals Caro zu ihr, sondern immer nur Caroline. Weil der Name so schön ist.«
Der Ruck, mit dem Victor aufstand, brachte beinahe seinen Stuhl zum Umfallen. Mit einem Schritt stand er vor Iris, packte den Kragen ihrer Bluse mit beiden Händen und zog sie aus dem Stuhl hoch. Für eine halbe Sekunde blickte er in ihre aufgerissenen Augen.
»Hör auf! Hör jetzt endlich auf damit! Du wirst nicht mehr schwanger. Wir haben alles probiert. Alles. Es geht eben nicht. Begreif das endlich!«
Victor ließ Iris los, nahm den Ordner vom Tisch, öffnete das Kästchen unter der Spüle und warf ihn in den Müll. In diesem Ordner befanden sich Adressen und Ansprechpartner von Befruchtungskliniken, Informationsblätter zur In-vitro-Fertilisation, Aufzeichnungen über die Einnahme von Hormonpräparaten, Testberichte über verschiedene Kinderwagen im Vergleich, Kostenvoranschläge für Kinderzimmereinrichtung und seitenweise Vornamenslisten. Iris riss sich los und drängte sich an Victor vorbei. Sie öffnete die Lade, nahm den schwarzen Ordner wieder aus dem Müllbehälter und begann ihn mit der Hand abzuwischen. Es sah fast aus, als ob sie ihn streichelte.
»Geht es dir jetzt besser? Ich hatte kurz Angst vor dir. Richtige Angst.«
Victor ging ins Schlafzimmer, zog hektisch ein paar Unterhosen, Socken, T-Shirts, Hosen und eine Jacke aus dem Schrank und stopfte alles in eine Sporttasche. Dann holte er die Zahnbürste aus dem Badezimmer. Iris stand vor der Eingangstür.
»Du läufst jetzt nicht davon!«
Victor zippte die Sporttasche zu und ging zur Tür. Sein Schlüssel steckte im Schloss. Iris sperrte zwei Mal ab, zog den Schlüssel ab und verschloss ihn in der Faust.
»Iris, gib mir meinen Schlüssel!«
»Nein!«
»Gib her!«
»Nein!«
So ging es mehrere Male hin und her. Victor öffnete ihre Faust gewaltsam und riss den Schlüssel aus ihrer Hand. Iris griff mit beiden Händen nach Victors Arm, doch er drehte sich schnell zur Seite, und sie verfehlte ihn. Sie konnte den Sturz nicht mehr rechtzeitig mit den Händen auffangen und landete mit dem Gesicht auf dem Fußboden. Blut rann ihr aus der Nase.
Iris und Victor mussten lange warten. Sie saßen auf hässlichen Plastikstühlen, die wohl einmal orangefarben gewesen waren vor dreißig oder vierzig Jahren. Die anderen Patienten waren armselige Gestalten in schmutziger Sportkleidung und zerschlissenen Jacken, meist übergewichtig, die ganze Zeit mit ihrem Mobiltelefon beschäftigt. Lautstark spielten sie Videos ab – meist mehrmals hintereinander – und lachten darüber. Oder sie brüllten laut in den Videochat. Von ihren Telefonen baumelten Plüschtiere. Man hörte das Klacken der falschen Fingernägel auf den Displays.
»Lauter Zombies in Trainingshosen!«, sagte Victor.
»Eher Nazis in Trainingshosen«, sagte Iris.
»Auch die Arbeiterklasse hat ihr Zeremoniell.«
»Die Arbeiterklasse! Du bist kein Arbeiter! Eines Tages wirst du als Einziger am ersten Mai mit einer Fahne auf der Straße herumlaufen. Und alle werden dich für wahnsinnig halten.«
»Du bist wahnsinnig! Sonst säßen wir jetzt nicht hier.«
»Schrei nicht so!«
»Ich habe nur gesagt: Auch die Arbeiterklasse hat ihr Zeremoniell.«
Iris mochte Victors Geschichten nicht, Geschichten von seinem Vater, seinem Großvater, aus den 70er- oder 80er-Jahren, die sie schon Hunderte Male gehört hatte.
»Ich sage, dass es ein Unfall war. Keine Angst!«
»Es war ja auch ein Unfall. Und es ist allein deine Schuld. Du bist wahnsinnig. Wenn du hier in der Notaufnahme fertig bist, kannst du gleich weiter in die Psychiatrie.«
»Halt den Mund!«
»Mein Vater hat mir immer erzählt, dass Kaiser Franz Joseph eines Tages sehr zum Ärger seiner Berater gesagt haben soll …«
»Hau ab, Arschloch!«
Victor blieb sitzen und nahm das Mobiltelefon aus der Jackentasche. Nun war er von den Zombies nicht mehr zu unterscheiden. Dabei hasste er Mobiltelefone. Er war der Meinung, dass die Verrohung der Gesellschaft vom Smartphone ausging. Früher hatten die Menschen wenigstens noch irgendetwas gelesen, das sie mit einer anderen Wirklichkeit konfrontierte. Heute gab es nur noch das Chatten, das sinnlose Privatgeschnatter und Stammtischgrölen, das die weltweiten Datenleitungen und die Gehirne der Menschen verstopfte.
Nachricht von einer unbekannten Nummer.
21. September 2018 / 11:14
Karoline: hi, victor! hier karo. bist du nicht auf whatsapp?
Victor: Hey, Karoline! Nein. Ich hasse WhatsApp.
Karoline: ich wollte dich unserer gruppe hinzufügen
Victor: Ich verweigere Facebook und WhatsApp.
Karoline: verstehe. hanna hat mir deine nummer gegeben. hoffe, das ist ok
Victor: Und Instagram.
Karoline: oh, falscher smiley!
Noch am Morgen, als Iris ihre Vornamenslisten durchgegangen war, hatte Victor an seine Cousine gedacht. An den Sommer 1988, in dem sie viele Tage gemeinsam an einem Stausee verbracht hatten. Und daran, wie er mit Karoline ausgegangen war, zu der Zeit, als sie noch in Wien Medizin studiert hatte. Oft hatten sie bis zur Sperrstunde in Bierlokalen gesessen und waren dann noch ein Stück des Wegs zusammen nach Hause gewankt. Bis heute musste Victor, wenn er an einem bestimmten Geldautomaten in der Innenstadt vorbeiging, denken: Das ist der Geldautomat, an den Karoline und ich am 1. November 1995 beim Nachhausegehen gekotzt haben. Später trafen sie sich seltener. Karoline arbeitete in einem Krankenhaus, und Victor hatte seine damalige Freundin Barbara kennengelernt. Sie verloren sich ein wenig aus den Augen und sahen einander fast nur noch bei Familienfesten. Und dann plötzlich hieß es: Karoline geht nach Oslo. Victor hatte es von ihrer Schwester Hanna erfahren. Oder von Tante Margarete. Jedenfalls nicht von Karoline selbst.
21. September 2018 / 11:16
Karoline: bin wieder in wien. komme nöchste woche zu urlis geburtstag
Karoline: nächste
Karoline: freu mich, dich zu sehen
Victor: Ich freue mich auch.
Karoline: hast du zeit zum chatten?
Victor: Ja.
»Hey, Victor! Hast du gehört, was ich gesagt habe?«
»Ja.«
Victor hatte keine Ahnung, wovon Iris gesprochen hatte. Es war ihm auch egal. Bis sie aufgerufen wurde, konnte es noch Stunden dauern. Sie hatte sich in ihren Stuhl gekauert, sah Victor beim Chatten zu und seufzte.
»Klar, das Smartphone ist der Untergang der Menschheit. Aber selbst bist du 24/7 damit beschäftigt.«
21. September 2018 / 11:22
Karoline: victor? bist du eingeschlafen?
Victor: Du, ich melde mich später. Ist gerade ungünstig.
Karoline: dein JA war also ein NEIN. du hast gerade keine zeit
»Du kannst wirklich gehen. Was nützt es mir, wenn du hier die ganze Zeit auf dein Handy schaust. Wahrscheinlich chattest du mit dieser Sanja.«
Victor steckte sein Mobiltelefon in die Tasche. Er freute sich, Karoline wiederzusehen. Es kam ihm seltsam vor, dass sie Mitglied einer WhatsApp-Gruppe war. Noch seltsamer aber war die Vorstellung, dass seine Mutter auch in dieser Gruppe war und regelmäßig mit Karoline, ihrer Schwester Hanna und den anderen Nachrichten austauschte.
Victor durfte die Geschichte von Kaiser Franz Joseph nicht nochmals erzählen – zumindest nicht Iris. Dass Kaiser Franz Joseph – sehr zum Ärger seiner Berater – befohlen haben soll, dass man einen Vertreter der Sozialdemokratie zu ihm bringe, damit er sehen könne, wie ein Sozialdemokrat aussähe. Dass man einen Boten in die Parteizentrale schickte, dort aber Panik ausbrach. Victor Adler erklärte, er könne als überzeugter Demokrat nicht zu einem Monarchen gehen, und auch alle anderen lehnten ab. Da fiel die Wahl auf Karl Seitz, der bei Hof nachfragte, in welcher Kleidung er beim Kaiser vorsprechen solle. Er erhielt die Antwort: Uniform oder Frack. Aber Karl Seitz war nie beim Militär gewesen, hatte also gar keine Uniform, und einen Frack zu tragen war für ihn als Vertreter der Arbeiterklasse nicht denkbar. Die Audienz scheiterte. Man erklärte dem Kaiser das Problem. Und da soll Franz Joseph gesagt haben: »Dann soll dieser Seitz eben so kommen, wie er angezogen ist.« Also erschien Karl Seitz im Gehrock bei Hof. Franz Joseph war sehr angetan von dem jungen Mann und führte mit ihm ein so langes Gespräch, dass seine Berater ihn bald drängten, zu einem Ende zu kommen. Der Kaiser aber sagte, er habe eine letzte Frage, nämlich, warum ein Sozialdemokrat keinen Frack tragen dürfe. Und Karl Seitz soll geantwortet haben: »Majestät, auch die Arbeiterklasse hat ihr Zeremoniell.«
Iris sperrte auf und ging ins Vorzimmer. Victor hatte die Tür hinter sich noch nicht geschlossen, da fiel Iris ihm schluchzend um den Hals.
»Es tut mir leid. Es tut mir so leid, mein Schatz!«
Victor hielt sie fest, aber nur, weil er nicht wollte, dass sie ein zweites Mal stürzte. Er hasste ihr hysterisches Heulen. Wie gut, dass sie ausstirbt, dachte Victor.
»Gleich morgen melde ich uns zur Vorbereitungsschulung für die Adoption an. O. k., mein Schatz? O. k.?«
Iris hielt Victor fest und schluchzte noch immer. Er spürte die Wärme ihrer Tränen auf seiner Schulter. Er hasste diese Tränen, dieses zur Schau gestellte Leid und die Erpressung, die davon ausging. Victor sah die gepackte Sporttasche, die immer noch neben der Eingangstür stand. Er löste sich von Iris, griff nach der Tasche und schlüpfte durch die noch offene Eingangstür auf den Korridor. Schnell rannte er durch das Treppenhaus nach unten. Oben hörte er Iris rufen:
»Du Arschloch!«
Victor trat vor die Tür und lief bis zur großen Kreuzung. Er überlegte, wo Iris ihn bestimmt nicht suchen würde. Als er an dem kleinen Café neben dem Polizeiposten vorbeiging, das Iris das Nazi-Stüberl nannte, blieb Victor stehen. Wir gehen sicher nicht in dieses Nazi-Stüberl, hatte Iris immer gesagt.
Victor betrat das Café, setzte sich auf den hintersten Platz und bestellte ein großes Bier. Auf dem Tisch lag eine Gratiszeitung. Die Schlagzeile: Frau (42) auf Parkplatz von Ehemann erstochen. Es gibt keine wirklichen Zeitungen mehr in diesem Land, dachte Victor, nur diese von der Regierung mit überteuerten Inseraten geförderten Hetzblätter, die Massenmörder heiligsprechen und die Todesstrafe für arme Menschen fordern, die auf dem Markt einen Apfel stehlen. Die Menschen lesen die Artikel ohnehin nicht, sondern schauen nur die Bilder an. Und sie freuen sich, wenn man ihnen mitteilt, dass man wieder einem Flüchtling etwas wegnehmen konnte. Täglich eine schlechte Tat, das ist das Gebot der Christdemokraten, dachte Victor.
21. September 2018 / 15:02
Victor: Hi, Peter. Ist die Wohnung noch frei?
Peter: habt ihr euch schon wieder getrennt?
Victor: Ja.
Peter: wie oft geht das jetzt noch so?
Victor: Wir sind jetzt endgültig getrennt.
Victor: Nächste Frage, bitte!
Peter: du musst dir den schlüssel im lokal holen, kann nicht weg
Victor: In einer Stunde?
Peter:
Victor verstand nicht, warum erwachsene Menschen Bildchen im Text verwendeten, sogenannte Emojis, obwohl sie doch lesen und schreiben konnten. Es war ihm einfach zu dumm: Sektflöte, Sektflöte, Sektflöte, Luftballon. Bald würde die Schrift durch Emojis ersetzt werden, das Gehirn durch ein Smartphone und eine feste Behausung durch eine Höhle. Zumindest bei ihm selbst war es wieder so weit: Er musste in Peters Höhle. Was für ein Rückfall hinter die Errungenschaften der Jungsteinzeit.
In wenigen Tagen feierte Victors Großmutter, die in der Familie seit der Geburt ihres ersten Urenkels die Urli genannt wurde, ihren neunundneunzigsten Geburtstag. Und dieses Jahr kam also auch Karoline wieder zur Feier. Victor freute sich darauf, denn er hatte sie in den letzten Jahren kaum gesehen. Seit sie in Norwegen lebte, war sie selten angereist, um mit der Familie zu feiern. Angeblich verstand sie sich mit ihrer Mutter, Victors Tante Margarete, nicht gut. Karoline hatte Victor in den letzten Jahren selten kontaktiert. Umso seltsamer, dass sie ihm an diesem Tag eine Chatnachricht geschickt hatte.
21. September 2018 / 15:13
Victor: Hey, Karoline. Gehts jetzt bei dir?
Karoline: hi victor. kurz. bin grad bei hanna und den kids
Victor: Lass dich nicht stören. Welcome back!
Karoline: danke! schön ist es in wien
Karoline: magst du telefonieren?
Victor: Wirklich? Ich hasse Wien.
Karoline: ich weiß, ich weiß, du hasst wien
Karoline: X
Victor: Was bedeutet X?
Karoline: unsere nachrichten haben sich überkreuzt. während du geschrieben hast, dass du wien hasst, habe ich es auch geschrieben
Victor: Aha!
Victor: Ich hasse Wien. Und ich hasse Mödling.
Karoline: was hasst du nicht?
Wie konnte man Wien lieben? Eine Stadt, die im 19. Jahrhundert aus Ziegeln, die tschechische Zuwanderer unter unmenschlichen Bedingungen herstellen mussten, neu aufgebaut wurde. Mühsam war es gewesen, für diese Menschen zumutbare Arbeitsbedingungen zu erkämpfen und leistbare Wohnungen zu bauen. Die Sozialdemokratie schaffte es trotzdem. Als Dank dafür hassten die Nachfahren dieser Ziegelarbeiter Sozialisten, Juden und andere Zuwanderer und vertrieben und schikanierten und töteten sie. Bald schon würde es wieder einmal so weit sein.
Karoline: also, telefonieren?
Karoline: und sag nicht wieder JA, wenn du NEIN meinst
Karoline: wahrscheinlich hasst du auch telefonieren
Victor: Ich hasse telefonieren.
Karoline: X
Victor: X
Victor: Jetzt haben sich die X überkreuzt.
Karoline:
Victor: Also: XX.
Karoline: hasst du alles?
Victor: Fast. Dich nicht.
Karoline: danke! ich spiele jetzt mit lena, melde mich am freitag. ok?
Victor: Gerne. Ich freu mich drauf!
Karoline: freu mich auch. kommt iris mit?
Victor: Nein. Wir haben uns getrennt.
Karoline: WAS???? wann? hanna hat mir nichts davon gesagt
Victor: Ich habe es noch niemandem erzählt.
Karoline: ist sie ausgezohen?
Victor: Ich bin ausgezogen.
Karoline: ausgezogen sry
Karoline: das tut mir leid
Victor: Ich komme zurecht. Bis Freitag!
Victor schaltete das Mobiltelefon ab. Iris könnte anrufen. Oder seine Mutter. Er nahm einen Notizblock aus der Jacke und schrieb eine Liste der Familienmitglieder, die zum Geburtstag der Urli kommen würden.
Tante Margarete
Der Bimbo
Mama
Hanna
Paul
Michael
Lena
Karoline
Urli
Adriana
Ich
Seit Jahren organisierte Victor die Geburtstagsfeier der Großmutter, da seine Mutter und Tante Margarete nach einem großen Streit vor drei Jahren den Kontakt mit der Urli mehr oder weniger abgebrochen hatten. Sie besuchten sie nur noch an ihrem Geburtstag und zu Weihnachten. Der Bimbo würde Victor bestimmt ein wenig helfen.
Die Nazis im Café waren harmlos und ignorierten Victor. Der Nazi-Kellner war langsam, aber gutmütig. Ein angenehmes Lokal. Warum hatte Victor nur jahrelang auf Iris gehört?
Sein Vater hatte immer gesagt, dass die Nazis daran schuld seien, dass das Kinderzimmer in Bauplänen KiZi hieß. Dass man vor dem Krieg KZ geschrieben habe und nicht KiZi. Und dass Nationalsozialisten eigentlich Nasos heißen müssten und nicht Nazis. Die Jungsozialisten hießen ja auch Jusos und nicht Juzis.
»Nicht schon wieder die alten Geschichten«, hätte Iris gesagt, »wir leben im Jahr 2018. Du bist ein alter Mann – ein alter Mann in einem jungen Körper.«
Ja, Victor fühlte sich alt. Er fühlte sich alt, seit er sieben war. Mit sieben begann er die zweite Klasse Volksschule. Plötzlich gab es Erstklässler, die jünger waren als er. Victor beobachtete sie und stellte fest, dass sie ganz und gar anders waren als er und seine Klassenkollegen. Damals hatte die Mutter ein erstes graues Haar entdeckt auf dem Kopf des Siebenjährigen und leise zu weinen begonnen, wie sie danach nur noch einmal, am Tag des Todes ihres Vaters, weinen sollte. Victor bestellte noch ein Bier. An der Wand hingen Urkunden, Plattencover und vergilbte Blätter mit Sprüchen. Einer davon lautete:
Das Eheweib ist das
interessanteste Exemplar
im ganzen Stammbaum
der Wirbeltiere.
Charles Darwin
Victor erhob sein Glas und prostete sich selbst zu. Ein normaler Mensch, so dachte er, hätte in seiner Lage eine Familie: eine Mutter, die ihm beistand, einen Vater, der mit ihm trinken ging, eine Tante, die für ihn kochte, und ein Kind, um das er sich nach der Trennung besonders kümmern müsste. All das hatte er nicht. Er war wohl auch keine Schlagzeile wert: Alter Mann (102) in jungem Körper (47) von Ehefrau (44) davongelaufen.
Victor hatte sich vorgenommen, die letzten acht Kilometer von Altenmarkt bis zum Haus langsam zu fahren, die Wiese zu betrachten, auf der er als Kind Skifahren gelernt hatte, das Geburtshaus des Großvaters nicht zu verpassen und an die Geschichte mit den Heidelbeeren zu denken. Heidelbeeren oder Walderdbeeren?
Von Victors Urgroßvater Josef Sandbichler wurde erzählt, dass er im Sommer um Mitternacht aufstand, um im Wald Beeren zu pflücken. Dass er bei Anbruch des Tages mit einem großen Rucksack vierzig Kilometer zu Fuß nach Wien marschierte, um die Beeren auf dem Markt zu verkaufen. Dass er am selben Tag die vierzig Kilometer wieder zurück nach Heiligenbrunn ging, mit ein wenig Geld in der Tasche, das er eisern für das Haus sparte, das er seiner Tochter Rosi bauen wollte. Immer, wenn Victors Mutter die Geschichte von den Heidelbeeren erzählte, begannen Tante Margarete und sie zu streiten. Die eine sagte: Es waren Walderdbeeren. Die andere: Aber nein, es waren Heidelbeeren.
Victor fuhr noch langsamer. In diesem Moment war alles genau wie früher. Jedes Wochenende war er mit Vater und Mutter ins Haus aufs Land zu den Großeltern gefahren. Nur saß er damals auf dem Rücksitz und seine Mutter fuhr. Der Vater saß auf dem Beifahrersitz, las Zeitung und schimpfte.
»Die Nazis haben in diesem Land sogar eine eigene Zeitung. Seit die NSDAP verboten ist, gibt es stattdessen dieses Kleinformat«, hatte Konrad Jarno, Victors Vater, gesagt. Und: »Wozu Kinder in diese Welt setzen? Die Nazis sind schon wieder da. Diesmal kommt die Machtergreifung in Zeiten des Wohlstands.«
»Das sagst du seit Jahren. Warum kaufst du die Zeitung überhaupt?«
»Dein Vater liest es doch auch immer, dieses Revolverblatt.«
Wie recht der Vater gehabt hatte, dachte Victor. Früher hatten Politiker die Boulevardzeitungen gefürchtet. Heute waren diese Zeitungen zu den wahren Machthabern geworden, und die Politiker waren nur noch ihre Marionetten. Sie waren ihnen nicht nur hörig, sondern mussten ihnen jährlich mehrstellige Millionenbeträge an Schmiergeldern liefern. Dafür wurden sie dann von diesen Blättern beworben. Wer sich weigerte, wurde aus dem Amt geschrieben.
Nach ein paar Kurven drängelte ein schwarzer SUV hinter Victor, scherte aus, um zu überholen, überholte aber nicht, sondern betätigte mehrmals die Lichthupe. Victor hasste Mödlinger. Victor hasste SUV. Und besonders hasste er SUV-Fahrer aus Mödling. Als Kind hatte er Autos gemocht: den hellblauen Opel Manta, den der Bimbo fuhr und der innen mit Kies, Moos und Blättern bedeckt war wie Waldboden; den weißen Ford Cortina des Großvaters, der vor dem Fahren immer die Lederhandschuhe mit den abgeschnittenen Spitzen aus dem Handschuhfach genommen und übergezogen hatte. (Als Kind hatte Victor geglaubt, der Großvater habe das Wort Handschuhfach selbst erfunden, weil er dort seine Handschuhe verstaut hatte.) Oder den VW-Käfer, den Frau Veit in den 70er-Jahren fuhr und bei dem sich der Kofferraum vorne befand, was Victor als Kind besonders fasziniert hatte. Victor besaß kein Auto. Er nahm Autos von einem Carsharing-Dienst. Wie sie aussahen, kümmerte ihn nicht. Die Autos seiner Kindheit waren elegant gewesen, die heutigen waren viel zu große, hässliche Plastikkisten, aus denen man kaum hinaussehen konnte. Victor brauchte kein eigenes Auto. Und vielleicht war es auch mit einem Kind so: Victor brauchte kein eigenes – Sharing würde reichen.
Er hielt rechts, um dem SUV freie Fahrt zu geben. Längst musste man Angst haben vor diesen Panzern und ihren Fahrern, die in der Zone 30 mit 70 Stundenkilometern unterwegs waren und den Schulkindern auf dem Zebrastreifen über die Schuhe fuhren, natürlich ohne auf die Straße zu schauen, weil sie ein Video auf dem Smartphone anschauten. Regelmäßig töteten SUV-Lenker mit überhöhter Geschwindigkeit Radfahrer. In der Presse hieß es dann, der Radfahrer habe kein korrektes Rücklicht auf dem Fahrrad gehabt und sei selbst schuld an seinem Tod. Man musste Angst haben um sein Leben. Als der SUV endlich an ihm vorbeifuhr, sah Victor das Kennzeichen: MD. Natürlich Mödling. Aus diesem Bezirk kamen die schlimmsten Autofahrer des Landes. Victor hasste Mödling. Und er hasste Mödlinger. Er warf einen Blick auf das Mobiltelefon, das am weißen Ladekabel hing.
28. September 2018 / 9:04
Karoline: victor???
Karoline: erreich dich nicht. kann ich heute im haus schlafen?
Karoline: ich helfe dir auch bei den vorbereitungen
Er beschloss, nach der Ankunft zurückzuschreiben. Er fragte sich, ob er Karoline in einer Menschenmenge auf der Straße erkennen würde.
Victor öffnete das Fenster, blinkte links und fuhr weiter. Noch einmal musste er es sich vorsagen: die letzten Kilometer bis zum Haus langsam fahren, die Wiese betrachten, auf der er Skifahren gelernt hatte, das Geburtshaus des Großvaters nicht verpassen. Und die Geschichte mit den Heidelbeeren. In diesem Moment läutete sein Mobiltelefon. Er blickte auf das Display: Iris. Victor blieb kurz stehen, um eine Nachricht zu schreiben.
28. September 2018 / 9:17
Victor: Bitte ruf nicht an! Es geht nicht mehr mit uns. Das weißt du genau.
Bitte lass mich in Ruhe!
Das Telefon läutete nochmals. Wieder ignorierte Victor den Anruf. Er war schon fast beim Haus angelangt. Von der großen Kreuzung bog eine wenig befahrene Straße ab, die zum Waldrand führte und die in seiner Kindheit noch nicht asphaltiert gewesen war. Auf dieser Straße hatte die Urli einen Sommer lang versucht, Victor das Fahrradfahren beizubringen. Sie hatte hinter ihm gestanden, sein kleines Rad am Gepäckträger festgehalten, und Victor war losgefahren. »Ich halte dich. Ich halte dich«, hatte sie gerufen und dann doch irgendwann losgelassen. Das Seltsame war: Wenn Victor sich diese Szene vorstellte, sah er die Urli und sich selbst, als stünde er hinter einer Kamera, die diese Szene filmte.
Beim Haus angekommen, scherte Victor ein Stück auf die Gegenfahrbahn aus, wie es der Großvater immer getan hatte, um nach einer scharfen Rechtsbiegung über den kleinen Steg zu fahren. Auf den wenigen Metern vom Steg bis zum Haustor hörte er das Geräusch der Reifen auf dem Kies, dann hielt er vor dem Hauseingang. Die Holzläden der Eingangstür waren noch dieselben wie in seiner Kindheit, und für einen Moment hielt Victor es für möglich, dass die Urli aus der Tür kam, um ihn zu begrüßen. Doch es kam Adriana, eine der Pflegerinnen der Urli.
Victor sah auf das Mobiltelefon: Der zweite Anruf war von Karoline gewesen.
28. September 2018 / 9:32
Victor: Hast du mich angerufen?
Victor: Du weißt ja:
Victor: Du kannst gerne im Haus schlafen. Das Fernsehzimmer ist frei.
Adriana kam aus dem Haus und schüttelte Victor die Hand.
»Wo ist Iris?«, fragte Adriana.
»Die kommt heute nicht.«
»Schade. Ich mag so gerne deine Frau.«
»Wie geht es ihr?«, fragte Victor und meinte damit die Urli.
»Viel schlafen. Immer schlafen.«
Adriana und Ivana, die beiden Pflegehilfen, die die Urli abwechselnd betreuten, sprachen kaum Deutsch und schienen auch nicht dazuzulernen. Die Urli hatte die beiden ins Herz geschlossen. Adriana, die aus Rumänien kam, war ihr Liebling. Aber auch die Bulgarin Ivana bekam viel Trinkgeld von ihr.
»Ich schlafe heute oben im Dachbodenzimmer.«
»Alles fertig, junge Herr! Alles fertig.«
»Karoline kommt auch. Sie schläft im Fernsehzimmer.«
Adriana nickte, ein wenig verstimmt darüber, dass sie nun noch ein Bett zu machen hatte, davon aber so kurzfristig erfuhr.
Adriana hatte die Urli aufgesetzt und mit zwei Kissen gestützt. Victor setzte sich auf das Bett. Die Urli sah ihn an und nickte. Dann nahm sie seine Hand.
»Adriana, geh das Fernsehzimmer herrichten für meine kleine Karo.«
»Alles fertig! Alles fertig!«
»Dann geh jetzt in die Küche!«
Adriana verließ das Zimmer. Victor war immer wieder erstaunt, wie schroff die Urli zu ihrer Lieblingspflegerin sein konnte. Lange schloss die Urli die Augen, und Victor befürchtete schon, dass sie eingeschlafen war. Dann nahm sie alle Kräfte zusammen und sah ihn an.
»Victor, mein Lieber, morgen werde ich neunundneunzig. Noch ein Jahr schaffe ich nicht.«
»Ach, komm: Du wirst hundertzwanzig.«
Die Urli winkte mit dem Zeigefinger ab.
»Ich wäre gerne in Wien gestorben und nicht hier in Heiligenbrunn. Du weißt das. Nur dem Walter und den Kindern zuliebe bin ich hier hergekommen.«
Wie immer erzählte die Urli, dass ihre Schwägerin Rosi sie in den letzten Kriegsmonaten angefleht habe, aus Wien wegzugehen und in ihr Haus aufs Land zu kommen, schon alleine der Kinder wegen. Der Großvater war zu dieser Zeit an der Front gewesen, und die Urli lebte mit ihren Töchtern Gerlinde und Irmgard alleine in einer Wohnung in Wien. Gegen Kriegsende nahmen die Bombardements in Wien stark zu. Hörte man im Radio den Kuckuck, ging man entweder in den Keller des Hauses oder einen nahe gelegenen Luftschutzkeller. Sobald die Bombenangriffe vorbei waren, ließ die Urli die Kinder bei Frau Haas, einer Nachbarin, und marschierte los, um zerbombte Häuser nach Essbarem zu durchsuchen. Dass sie dabei eines Tages eine ungeöffnete Packung mit Schokowaffeln gefunden habe, erzählte die Urli, und dass sie sich auf dem Heimweg geschworen habe, die Packung gerecht zu teilen: ein Viertel für Frau Haas, ein Viertel für Gerlinde, eines für Irmgard und ein Viertel für sich selbst. Als sie aber in ihre Straße einbog, sah sie, dass das Haus, in dem sie bis zu diesem Tag gewohnt hatte, von einer Bombe zerstört worden war. Fremde Menschen suchten in den Trümmern bereits nach Essen, Kleidung und Wertsachen. Sie fragte einen Mann, ob er zwei kleine Mädchen gesehen habe, und flehte ihn an, ihr bei der Suche nach ihren Töchtern zu helfen. Dafür bot sie ihm die ganze Packung Schokowaffeln. Doch als die Urli ihm die Waffeln geben wollte, musste sie feststellen, dass sie die gesamte Packung aufgegessen hatte. Kurz darauf bog Frau Haas mit Gerlinde und Irmi an der Hand um die Ecke. Sie waren in einem benachbarten Luftschutzbunker gewesen. Noch am selben Tag machte sich die Urli mit einem Leiterwagen bepackt mit ein paar Habseligkeiten auf den Weg nach Heiligenbrunn in das Haus von Tante Rosi.
Die Urli hatte diese Geschichte schon oft erzählt. Victor hörte sie gerne immer wieder. Er verstand überhaupt nicht, warum manche Menschen Geschichten nicht gerne mehrmals erzählt bekamen. Wenn er es je schaffte, Die Brüder Karamasow zu lesen, würde er das Buch bestimmt wieder und wieder lesen. Victor bemerkte, dass die Urli zwischen den Sätzen immer wieder pausieren musste.
»Aber ich wollte etwas ganz anderes sagen. Ich bin wirklich schon alt und blöd.«
»Willst du Tee?«
»Nein. Ich rede und rede und bin noch immer nicht fertig. Ich habe mein Testament gemacht. Das Haus bekommst du. Du weißt, ich bin nicht gut zu sprechen auf die Irmi und die Gretl. Sie werden das Haus verkaufen, wenn ich tot bin. Du kriegst das Haus. Aber verkaufen darfst du es niemals. Das hätte der Walter nie zugelassen. Warum, lieber Victor, hast du denn keine Kinder?«
»Ich sterbe aus.«
»Unsinn! Jetzt sieh halt zu! Das mit dem Adoptieren ist nichts. Du brauchst eigene Kinder. Gut, dass du dich von deiner …«
»Iris.«
»… von deiner Iris getrennt hast.«
»Woher weißt du denn das?«
Vermutlich hatte Karoline die Nachricht von Victors Trennung schon verbreitet, wahrscheinlich in der WhatsApp-Gruppe. Und seine Mutter oder Tante Margarete hatten es der Urli weitererzählt.
»Das ist ganz richtig so. Nur für die Kinder zahlt sich das Leben aus. Mit den Kindern lebt man immer im Hier und Jetzt. Und dann wird man auch nicht so verbittert. Als ihr Kinder wart, waren die Irmi und die Gretl nicht so frustriert und hasserfüllt wie heute.«
Die Urli öffnete die oberste Schublade des Nachtkästchens und nahm eine Mappe heraus. Die Mappe war uralt, sie musste noch vom Großvater sein, denn auf dem Rücken stand in seiner Handschrift groß MIKROZENSUS. Die Schublade verströmte den Geruch von Rosenwasser, der Victor an seine Kindheit erinnerte.
»Ich gebe dir jetzt das Testament. Und die zwei Sparbücher. Das eine ist für mein Begräbnis, den Sarg, den Leichenschmaus und damit ihr das Grab weiterzahlen könnt. Auf dem zweiten ist ein wenig Erspartes. Bitte gib es der Karo. Ich freue mich so, dass sie zurückgekommen ist. Sie hat es schwer. Aber sie ist eine Gescheite, eine Frau Doktor. Das hätte dem Walter gefallen. Gib ihr das Geld, und lass es dir nicht von ihr zurückzahlen. Versprichst du mir das?«
»Ja.«
»Versprich es mir!«
»Ich verspreche es dir!«
Adriana kam zur Tür herein. Die Urli herrschte sie an:
»Wir sind noch nicht fertig. Raus mit dir!«
Wieder war Victor der raue Ton der Großmutter unangenehm. Er wollte Adriana verteidigen, aber die Urli unterbrach ihn.
»Die führt sich auf, als ob ich schon tot wäre. Du hast das Herz am rechten Fleck. Vergiss nicht, dass dich deine Eltern Victor genannt haben, nach unserem lieben Herrn Doktor Victor Adler. Viele Jahrzehnte hat es gedauert, bis die Partei etwas bewirken konnte. Du kannst dir nicht vorstellen, was das in den 30er-Jahren für Zustände waren. Armut und Elend unter den Arbeitern. Und jetzt wenden sich alle ab, weil es der Partei schlecht geht.«
»Man kann die Nachrichten gar nicht mehr anschauen.«
»Doch, man muss. Ich höre zweimal am Tag Nachrichten. Der Bimbo hat mir dieses Radio aus Bakelit gebracht.«
Die Urli zeigte auf ein kleines orangefarbenes Radio. Victor musste lächeln, wenn die Urli Bakelit sagte und damit Kunststoff meinte. Er nahm sich vor, irgendwann die alten Ausdrücke aufzuschreiben, die die Urli verwendete. So sagte sie auch Hektografieren, wenn sie Kopieren meinte.
»Man kann doch in zwei, drei Jahren nicht einfach alles vergessen, was die Partei in hundertdreißig Jahren getan hat für die Menschen. Sogar Frau Veit kapiert das.«
»Frau Veit? Wählt die nicht seit Jahrzehnten die Christdemokraten? Deswegen hat Papa doch immer mit ihr gestritten.«
»Früher. Aber jetzt ist sie der Partei beigetreten. So kann es nicht weitergehen, hat sie zu mir gesagt.«
Victor konnte sich noch gut daran erinnern, dass der Vater immer, wenn Frau Veit zu Besuch kam, mit ihr über Politik gestritten hatte. Und dass er, nachdem Frau Veit gegangen war, laut über sie lästerte. Als sie in mittleren Jahren stark an Gewicht zugelegt hatte, sagte er laut lachend: Kinder, wie die Veit zergeht.
»Hörst du mir überhaupt zu?«
Victor dachte daran, dass sein Vater auch den eigenen Sohn nicht verschont hatte. Immer wieder hatte er vor Gästen erzählt, wie er Victor das erste Mal gesehen hatte. Dass er am Tag von Victors Geburt im Krankenhaus, noch bevor er zur Mutter ins Zimmer gehen konnte, die Neugeborenen durch eine Glasscheibe in einem Saal nebeneinanderliegen gesehen habe. Zehn bis zwölf seien es gewesen. Dass er aber seinen Sohn sofort erkannt habe, da er das mit Abstand hässlichste Kind von allen gewesen sei.
»Ja, Oma.«
»Gib das Haus nicht jemand anderem. Bitte keine Unterkunft für Flüchtlinge! Du weißt, mir tun die Kerle auch leid. Aber es können nicht alle zu uns kommen. Das Haus soll jemand aus unserer Familie bewohnen. Also, zieh hierher! Deine Kinder sollen hier aufwachsen. Oder lass die Karo hier wohnen. Schau, dass das Haus niemals verkauft wird. Hast du gehört?«
»Ja. Aber du musst wissen, dass ich keine Kinder mehr bekomme.«
»So ein Unsinn! Ein tüchtiger junger Mann wie du findet immer eine gute Frau.«
»Ich bin siebenundvierzig.«
»Ja, eben. So jung. Ich werde morgen neunundneunzig. Neunundneunzig, das ist wirklich zu alt. Also bitte tu mir noch einen Gefallen, bevor ich sterbe.«
»Warum redest du immer vom Sterben?«
»Bitte bring mich zum Stephansdom. Ich möchte ihn noch einmal sehen.«
»Wann immer du willst, Oma.«
»Ich danke dir. Und jetzt lass mich noch ein wenig schlafen. Sonst schaffe ich diesen Geburtstag nicht. Morgen musst du noch die Zimmer zahlen, in der Pension, bei der Frau … Ach, ihr Name fällt mir nicht mehr ein. Mir fällt gar nichts mehr ein.«
Als Victor das Dachbodenzimmer betrat, entfernte er als Erstes die Batterien aus der Uhr, die über der Tür hing. Das laute Ticken störte ihn. Dann öffnete er die Sporttasche. Nur ein wenig Wäsche hatte Victor mitgenommen, ein Buch und das Geburtstagsgeschenk für die Urli. Er zog sein Hemd aus und legte sich auf das Bett.
Neben dem Bett stand der Stuhl des Großvaters, auf dem zwei Fotoalben lagen. Obwohl an diesem Wochenende alle Stühle gebraucht wurden, würde dieser Stuhl sicher nicht benutzt werden. Seit dem 24. April 1983 hatte niemand mehr darauf gesessen. An diesem Tag hatten die Sozialdemokraten unter Bruno Kreisky nach zwölf Jahren Alleinregierung die absolute Mehrheit verloren, und Walter Sandbichler, für den Kreisky ein Gott gewesen war, erlitt nach der Verkündigung des vorläufigen Wahlergebnisses einen Schwächeanfall. Die Urli hatte sofort Victors Mutter angerufen. Dass der Großvater kreidebleich geworden sei und sich im Vorzimmer auf einen Stuhl gesetzt habe. Und dass sie einen Krankenwagen gerufen habe. Aber damals dauerte es auf dem Land lange, bis ein Notarzt kam, noch dazu an einem Sonntag. Zwei Stunden später traf er ein. Der Großvater bekam eine Injektion, ging zu Bett und war am darauffolgenden Tag wieder halbwegs fit. Einige Monate später aber, kurz vor seinem einundsiebzigsten Geburtstag, erlitt er einen Schlaganfall und ein Jahr darauf einen weiteren. Nach dem dritten Schlaganfall starb er schließlich im Dezember 1985 kurz vor Weihnachten.
Victor nahm das oberste Fotoalbum zur Hand. Mitte der 80er-Jahre hatte Onkel Rainer, Karolines Vater, der in der Familie der Bimbo genannt wurde, Tante Margarete und Victors Mutter die gleiche Kamera geschenkt, eine japanische Pocketkamera. Victor glaubte sich zu erinnern, dass sie Yashica hieß. Auf den Fotos war Karoline noch sehr klein, aber man konnte sehen, dass sie auch damals viel schlanker und anmutiger war als Hanna. Die unheimlichen schwarzen Augen hatte sie schon als Kind gehabt. Viele Jahre war Victor in Karoline verliebt gewesen. Und nie hatte er jemandem davon erzählt. Als Siebzehnjähriger hatte Victor mit seiner Cousine jeden Sonntag am Stausee verbracht. Karoline war damals dreizehn oder vierzehn, aber sie war bereits eine junge Frau, die Männer im Gasthaus am Stausee pfiffen ihr oft nach oder machten ihre Bemerkungen. In diesem Sommer las Victor Die Brüder Karamasow, das Lieblingsbuch des Vaters. Besser gesagt: Er versuchte es. Denn er konnte keinen Absatz lesen, ohne an Karoline zu denken. Seit damals war jeder Name und jeder Schauplatz des Romans für Victor nichts anderes als eine Erinnerung an Karoline.
Das zweite Fotoalbum war älter, die Fotos Polaroids aus den 70er-Jahren. Der Vater und der Bimbo hatten damals eine Sofortbildkamera und schickten der Urli ihre Aufnahmen. Die Urli schrieb dann mit der Hand das Datum an den Rand des Polaroids. Ein Foto zeigte Tante Margarete im Bikini am Meer. Sie war einmal sehr schlank gewesen, eine elegante Erscheinung mit perfekter Figur. Und das nach zwei Schwangerschaften. Als Kind mochte Victor Tante Margarete sehr. Und eigentlich mochte er sie immer noch, trotz ihrer politischen Einstellung und trotz all der Streitigkeiten mit der Urli und Victors Mutter. Dass Victor alles alleine erben sollte, fand er ein wenig ungerecht, denn der Bimbo und Tante Margarete hatten sich immer um die Urli und das Haus gekümmert. Noch dazu war Tante Margarete die Einzige in der Familie, die in diesem Haus geboren worden war. Onkel Rainer war auf keinem einzigen Bild zu sehen. Vermutlich hatte er die Fotos gemacht.
Es klopfte. Victor griff nach dem Hemd, um es wieder überzuziehen. Ohne ein zweites Mal zu klopfen, trat Karoline ein. Das war keine zweiundvierzigjährige Frau, die da zur Tür hereinkam. Ein Fremder hätte sie mindestens zehn Jahre jünger geschätzt. Karolines Gesicht war hagerer und härter geworden. Das stand ihr gut. Ihre Augen sahen ein wenig müde aus. Die markante Vene, die vertikal über ihre Stirn verlief, war immer noch da.
»Karoline, es ist so schön, dass du wieder da bist. So schön!«
Karoline umarmte Victor, drückte ihn zuerst fest an sich und winkelte dann die Beine an, sodass ihr ganzer Körper an ihm hing. Er durfte sie jetzt nicht fallen lassen. Victor spürte, dass Karoline den Tränen nahe war. Es vergingen bestimmt zwei Minuten, bis Karoline Victor losließ, mit den Knöcheln die Augenwinkel trocknete und ihm zunickte.
»Ich habe dir eine Chatnachricht geschrieben.«
»Wirklich? Bei mir geht hier 4G nicht. Eine Katastrophe. Es wird Zeit, dass alle Telefonanbieter verstaatlicht werden.«
»So reden die Victor-Kommunisten. Die Victor-Kommunisten arbeiten für amerikanische Privatfirmen und haben eine Eigentumswohnung.«
»Ich bin seit zwei Jahren arbeitslos.«
»Ich höre immer, dass du viel Geld hast.«
»Was für ein Glück, dass ich nicht auf WhatsApp bin! Da verbreitet sich jeder Tratsch wie ein Lauffeuer.«
Karoline ging um das Bett herum. Sie legte sich hinein.
»Ach, lieber Victor, ich bin so müde.«
Victor legte sich ebenfalls ins Bett, ganz auf die rechte Seite, sodass zwischen ihm und Karoline ein Abstand blieb. Doch Karoline drehte sich sofort nach rechts und legte ihre Füße auf Victors Unterschenkel. Victor konnte ihr nicht ins Gesicht sehen, er betrachtete ihre Zehennägel, die dunkelrot lackiert waren. Karoline stützte das Kinn auf den Ellbogen und schaute Victor an.
»Jetzt liegen wir hier faul herum. Dabei bin ich gekommen, um dir zu helfen.«
»Kein Stress. Wo wohnst du denn jetzt?«
»In der alten Wohnung in der Herzgasse.«
Dreißig Jahre hatte Victor es niemandem erzählt. Niemandem. Im Sommer 1988 war er siebzehn gewesen und hatte noch keinen Führerschein. Deshalb brachte der Bimbo seine Tochter und ihn zum Badesee und holte sie abends wieder ab. Warum Karolines Schwester Hanna zum Baden nicht mitfuhr, wusste Victor nicht mehr. Einmal streifte Karoline gleich nach dem Ankommen ihr Kleid ab und lief im Bikini ins Wasser. Der Bimbo stand noch neben Victor und sagte: »Sie ist ein Reh, ein Reh im Urwald. Die Maggie ist auch einmal ein Reh gewesen.«
In diesem Sommer hatte Victor einen Traum: Er befand sich in einer riesigen Schotterwüste. Die Schotterfläche hatte viele kleine Vertiefungen, die mit Wasser gefüllt waren. Es waren eigentlich kleine Becken. In einem dieser Becken badete Karoline. Sie war nackt. Sie winkte ihm zu. Dann kletterte sie aus dem Becken und setzte sich an den Beckenrand. Victor setzte sich zu ihr. Karoline nahm seine Hand und legte sie auf ihre Hüfte. Victor streichelte Karoline. Als er aus diesem Traum erwachte, musste er T-Shirt und Unterhose ausziehen. Er steckte beides in einen Plastiksack, den er am darauffolgenden Tag in eine entlegene Mülltonne warf, um das Ergebnis seines Traums zu verbergen. Seit dreißig Jahren versuchte er, diesen Traum weiterzuträumen.
Und jetzt lag er hier neben Karoline.
»Also, was gibt es zu tun?«
Hoffentlich konnte Karoline seine Gedanken nicht erraten. Er drehte sich zu ihr. Gern hätte er ihre Stirn berührt, die Vene, die vertikal vom Haaransatz bis zwischen die Augenbrauen führte.
»Entspann dich. Wir fahren morgen Vormittag einkaufen. Dann müssen wir noch hinauf in die Pension und bezahlen die Zimmer.«
»Wohnt Tante Irmi in der Pension?«
»Natürlich. Deine Eltern auch. Es sind insgesamt elf Personen, die können nicht alle hier im Haus schlafen.«
»Ich bin also privilegiert?«
»Zu Recht.«
In Karolines Augen gab es kein Braun oder Blau. Wenn man Karoline in die Augen schaute, sah man nur das Schwarz der Pupillen und darin das Spiegelbild des Raumes, in dem man sich befand.
»Ich muss dir etwas sagen!«
»Sag mir etwas.«
»Jetzt nicht. Ich sage es dir morgen.«
»Ach, komm, Victor. Das geht gar nicht. Zuerst ankündigen und dann vertrösten.«
»Ich habe heute lange mit der Urli gesprochen und …«
»Ich wollte zu ihr gehen, aber die Pflegerin hat gesagt, dass sie schläft. Wie heißt sie noch?«
»Adriana.«
»Entschuldige, ich habe dich unterbrochen.«
»Ich erzähle morgen weiter. Es geht um das Haus. Die Urli hat die Geschichte schon tausendmal erzählt.«
»Dann höre ich es gerne das tausendunderste Mal.«
»Immer wenn die Urli vom Haus erzählt, streiten deine Mutter und meine über die Walderdbeeren.«
»Mein Gott, was ich schon für Krisen miterlebt habe wegen dieser Erdbeeren.«
»Nicht nur du.«
Karoline gähnte und schaute zur Uhr über der Tür, auf der die Zeit stehen geblieben war.
»Gott, ich bin so müde. Drei Stunden habe ich heute Nacht geschlafen. Aber erzähl weiter, lieber Victor.«
»Dass das Haus einmal verkauft wird, ist für die Urli undenkbar. Sie will unbedingt, dass es in der Familie bleibt. Das Problem ist nur: Wer will schon in Heiligenbrunn wohnen? Die Urli glaubt, dass deine Mutter das Haus sofort verkaufen würde. Und das will sie nicht. Deshalb hat sie gesagt, dass sie …«
Karoline war eingeschlafen. Ein Auge schien nicht ganz geschlossen zu sein, und erst dachte Victor, dass die Cousine ihm einen Streich spielte. Aber sie schlief wirklich. Jetzt konnte er alles sagen, was er schon immer sagen wollte.
»Kannst du dich noch an den Stausee erinnern?«
Oder: »Ich liebe dich, Karoline.«
Und dann: »Entschuldige, dass ich dreißig Jahre gebraucht habe, um es dir zu sagen.«
Manchmal zuckte Karoline im Schlaf mit dem Arm. Gerne hätte er die feinen Härchen auf ihrem Unterarm berührt. Ihre schönen Hände. Da lagen sie nun beide: das Reh im Urwald und das hässlichste Kind.
Als Victor erwachte, lag Karoline nicht mehr im Bett. Sie war auch nicht mehr im Zimmer. Lautes Ticken war zu hören. Karoline musste die Batterien der Uhr wieder eingelegt haben. War das wieder ein Traum gewesen, zu dem es keine Fortsetzung geben würde?