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Für alle, die sich manchmal falsch fühlen.
Ihr seid genau richtig.

Das erste Mal Blut in der Unterhose und was in der Pubertät sonst noch so passiert. PS: Will Albrecht trotz fester Zahnspange mit mir gehen, und darf ich noch mit meinem Bruder Indiana Jones spielen?

»Achtung, fertig, los!«, brüllt unser Sportlehrer in seiner viel zu knappen Jogginghose und lässt die beiden Seiten der hölzernen Startklappe heftig aufeinanderschlagen. Wir rennen los und wirbeln dabei den roten Schotter auf. Meine Blase krampft. Schon vor dem Startschuss musste ich dringend pinkeln, und jetzt, nach den ersten fünf Metern, frage ich mich verzweifelt, wie ich die ganze Runde um den Rotbachsee schaffen soll. Neben mir läuft Sanja aus der Oberstufe, ich sehe zu ihr rüber und sage: »Ich muss ganz dringend pinkeln.« Vielleicht hat sie eine Idee, schließlich sind die aus der Oberstufe schon erwachsen. Sanja strahlt und ruft mir zu: »Das ist doch super, umso schneller bist du im Ziel!« Haha, denke ich mir. Erstens ist das gar nicht lustig, Sanja, zweitens, wieso bist du überhaupt nicht außer Atem, und drittens fühle ich mich im Moment eher so, als würde meine Blase in dieser hautengen Sporthose gleich explodieren. Doch irgendwie halte ich dann doch durch. Schließlich will ich auch so cool und stark sein wie Sanja. Zum dritten Mal mache ich beim jährlichen Schullauf um den Rotbach in Hiesfeld mit. Ich bin dreizehn Jahre alt und renne von meiner Kindheit in meine Jugend – ohne es zu wissen.

Direkt nach dem Zieleinlauf schlage ich mich ins Gebüsch – oh, welche Erleichterung. Gerade als ich mir meine Unterhose wieder hochziehen möchte, um zu meinen Freundinnen zurückzugehen und über unseren peinlichen Sportlehrer Herrn Falke zu lästern und darüber, dass Julia sauer ist, weil Lisa mit Spikes gerannt ist und allein deswegen schon schneller war, sehe ich in meiner Unterhose einen roten Strich. Nach kurzer Irritation überfällt mich ein mulmig aufgeregtes Gefühl – das muss sie sein: die Periode.

Ach, du Scheiße! Die hat sich gar nicht angekündigt, sonst hätte ich mich doch vorbereitet und müsste jetzt nicht Gefahr laufen, mir vor der ganzen Klasse die Hose vollzubluten! Wie viel Blut kommt da denn jetzt? Wie viel Zeit bleibt mir, um mich zu »versorgen«? Noch vor zwei Minuten gab es all diese Fragen in meinem Leben nicht. Wenn das der Beginn des Frauseins ist, dann fühlt sich das jetzt schon sehr stressig an, finde ich. Und darauf habe ich wirklich gar keine Lust, mir reichen schon die Schule, die ich nicht mag, und die Krankengymnastik, zu der ich wegen meiner leichten Skoliose muss. Doch ein bisschen aufregend und cool ist es schon auch. All diese Gedanken schwirren mir im Kopf herum, während ich meine Unterhose und meine Sporthose wieder hochziehe. Ich eile zu meinen Freundinnen zurück und ziehe Inga zur Seite. »Inga, ich hab gerade meine Tage bekommen.« – »Krass! Okay, du musst jetzt sofort zu Frau Herrmann ins Sekretariat, die hat Binden. Ich komm mit. Fällt den Lehrern eh nicht auf, wenn wir fehlen.« Inga hat schon zweimal ihre Periode gehabt, sie ist also erfahren und genießt mein volles Vertrauen. Wir gehen los, während sich auf dem Schotterplatz vorm Rotbach die Neuigkeit wie ein Lauffeuer verbreitet. »Lena hat gerade ihre Tage bekommen, die blutet jetzt.« Die Aufregung liegt in der Luft wie unangenehmer Nieselregen, der einem die Sicht nimmt.

Etwa fünfzehn Minuten später klopfe ich verlegen an Frau Herrmanns Tür, deren Namen ich erst seit ein paar Wochen kenne. Ihre Bekanntheit beruht nämlich allein auf der Tatsache, dass sie fast wöchentlich eines der Mädchen aus meiner Stufe mit einer Binde oder einem Tampon versorgt. Frau Herrmann ist sozusagen die Bindendealerin unserer Schule. Ein Monopol. Sie ist die alleinige Anführerin eines Minimatriarchats, gefangen in einem verstaubten toxischen Patriarchat. Die Übergabe der Ware geschieht schnell und emotionslos, Frau Herrmann stellt keine Fragen. Es dauert keine zehn Sekunden, und ich habe eine riesige Binde in der Hand. Ich hatte keine Ahnung, dass Frausein bedeutet, wieder Windeln tragen zu müssen. Aber wer bin ich, diese für mich neue Materie direkt zu hinterfragen? Schnell eile ich auf das Schulklo weiter, das in seiner Ästhetik und Sauberkeit genau das erfüllt, was man von diesem Ort erwarten würde. Die Toilettenbrille ist voller Urintropfen, in der Luft liegt der Duft eines Tigergeheges, und mit Glück hängen an der falsch aufgewickelten Klopapierrolle noch zwei Blätter, aber das ist dann auch wirklich Luxus. Die obligatorisch vollgekritzelte Kabinentür gibt Aufschluss über die großen Themen der Menschheit – Liebe, Stolz, Schmerz, Tragik, Wut, Hass und dass Jessi hier war: »Ich war hier. Jessi.« Danke für die Info! Es ist immer gut zu wissen, mit wem du dir die Toilette teilst.

Mit einem Pampers-Po trete ich raus auf den Gang und kann das Ende des Schultags kaum erwarten. Als nach einer gefühlten Ewigkeit die Glocke läutet, setze ich mich mit meinem Bindenhintern auf mein Fahrrad und düse los. Von unserem Fahrradschuppen im Garten stürze ich zur Terrassentür hinein und erzähle meiner Mutter direkt die Neuigkeiten. Sie freut sich. Als ich ihr die gigantische Binde zeige, die ich von der Schulsekretärin bekommen habe, lacht sie: »So eine große brauchst du noch gar nicht. Du kannst auch direkt o. b.s nehmen, die sind viel angenehmer.« O Mann, diese vielen neuen Informationen überfordern mich. Ich möchte auf jeden Fall erst mal bei Binden bleiben, da ich keinerlei Interesse daran habe, etwas in mich hineinzustecken. Die sind ja verrückt, die Erwachsenen! Das können die schön ohne mich machen. Trotzig gehe ich nach oben in mein Zimmer, während meine Mutter mir hinterherruft: »Wenn du magst, kannst du es Papa selbst erzählen, wenn er nach Hause kommt. Das fänd er sicher schön.«

Als mein Vater die Haustür aufschließt, hüpfe ich also die Treppe hinunter, lehne mich über das Geländer und platze direkt heraus: »Papa, ich habe jetzt meine Tage.« Sichtlich irritiert und noch in voller Montur steht er im Hausflur und murmelt erst mal nur: »Schön, Leni.« O. k., denke ich, das war ziemlich einfach, und noch während mein Vater seine Schuhe auszieht und seine Jacke aufhängt, hüpfe ich die Treppe wieder nach oben in mein Kinderzimmer. Oder ist es jetzt mein Jugendzimmer? Ach, das ist alles so verwirrend. Wegen ein bisschen Blut muss ich mich jetzt neu erfinden? Meine größte Sorge ist aber eine ganz andere: Ich habe Angst davor, dass ich jetzt immer wieder einfach so aus heiterem Himmel und ohne jede Vorwarnung meine Tage bekomme. Was, wenn ich mir in der Öffentlichkeit in die Hose blute? Das wäre so peinlich! Mir kommt es so vor, als würde ich auf einer tickenden Zeitbombe sitzen, deren Zündschnur jederzeit Feuer fangen kann. Wie soll ich denn immer und überall auf einen möglichen Blutstrom vorbereitet sein?

Jetzt verstehe ich, warum Lydia die Vordertasche ihres Eastpaks mit Binden vollstopft. Die ist perfekt ausgestattet! Damit ist sie nicht die Einzige in unserer Stufe. Tatsächlich scheint ein regelrechter Trend loszubrechen, wer wie viele Binden im Eastpak transportieren kann. Und am besten möglichst verschiedene. Also ragen aus den Rucksackvordertaschen meiner Mitschülerinnen blaue, grüne und schwarze Verpackungen hervor. Der obligatorische Bebe Perlglanz wird absichtlich im selben Fach verstaut, damit es einen guten Grund gibt, die Vordertasche möglichst oft und demonstrativ zu öffnen und den Blick auf die neu gewonnene Weiblichkeit zu lenken. Wie ein Pfau, der sein Federkleid auffächert, breiten meine Mitschülerinnen die Binden aus, um die Jungs mit der frisch erlangten Geschlechtsreife zu beeindrucken. Ich selbst bin von diesem Spiel zugleich fasziniert und überfordert. Welche Stärke brauche ich denn jetzt, wie lang muss die Binde sein, und wozu braucht die eigentlich »Flügel«? Welche Farbe ist die richtige für mich? Da meine Eltern Überfluss ablehnen, befürchte ich, dass es in meinem Eastpak ohnehin monochrom zugehen wird. Eins ist klar, ich werde auf keinen Fall selbst in den Drogeriemarkt gehen und mich durch die Binden-Regale wühlen. Das ist ja megapeinlich. Binden sind nämlich ausschließlich in den Vordertaschen unserer Rucksäcke cool, nirgends sonst. Zudem ist es in einer Kleinstadt unmöglich, anonym einzukaufen. Zum Glück übernimmt meine Mutter die Binden-Safari für mich und trifft dabei prompt auf Frau Kunze, die Mutter einer Mitschülerin. Zusammen begeben sich die seit Jahrzehnten blutenden Frauen für ihre Premierenperiodentöchter auf die Suche nach der aktuellen Bindenmode und entscheiden sich schließlich für die grüne Version.

Als ich die gesamte Packung – 32 Binden – in meinen Rucksack quetsche, schaut meine Mutter höchst irritiert, lässt mich dann jedoch kommentarlos allein, wofür ich sehr dankbar bin. Kurze Zeit später kommt sie zurück in mein Zimmer. Es scheint ihr sehr wichtig, mir zu vermitteln, dass ich mich nicht eingeschränkt fühlen muss, und so wiederholt sie eindringlich: »Du kannst immer noch auf Bäume klettern und spielen, auch wenn du deine Tage hast. Vielleicht probierst du doch mal o. b.s aus, die sind wirklich viel angenehmer, und du kannst dich viel freier bewegen als mit einer Binde.«

Es dauert zwei Zyklen, dann bin ich bereit dafür. Denn die ersten Gänge mit diesen quietschenden Lappen zwischen den Beinen verändern tatsächlich mein Selbstbild und – wie von meiner Mutter angekündigt – meine Bewegungsfreiheit, und das sehe ich gar nicht ein. Mein erster Versuch, einen Tampon zu benutzen, verläuft ungelenk. Ich kenne mich mit meinen inneren Wegen noch nicht gut aus und habe keine Ahnung, wie tief ich dieses kleine Wattewürstchen einführen soll. Nach kurzem, unbeholfenem Gestoße bin ich erfolgreich und verlasse das Bad. Doch schon nach den ersten Schritten beschleicht mich ein unangenehmes Gefühl: Irgendetwas scheint schiefgelaufen zu sein – es fühlt sich so an, als würde mir etwas zwischen den Beinen hängen. Hilfe suchend rufe ich nach meiner Mutter. »Mama, das fühlt sich ganz komisch an. Ploppt das da gleich wieder raus?« Meine Mutter eilt herbei. »Ne, dann sitzt es nicht richtig. Das darfst du gar nicht spüren! Wahrscheinlich musst du es tiefer einführen.« Noch tiefer? Ich bin entrüstet! Das ist doch ekelig, sich selbst einen Finger so tief reinzustecken. »Wie denn?« Verzweifelt schaue ich meine Mutter an. Sie erkennt meine Hilflosigkeit und geht mit mir zusammen ins Badezimmer. »Am einfachsten ist es, wenn du dich hinhockst.« Also hocken wir zu zweit im Badezimmer, während ich versuche, mir den Tampon tiefer reinzuschieben. In einer Phase, in der ich mich abzunabeln versuche, wirft uns diese Situation gefühlt ins Kleinkindalter zurück. »Es geht nicht weiter, ich komme da nicht um die Ecke. Wieso ist da überhaupt eine Kurve?«, frage ich. »Du verkrampfst! Du musst locker lassen. Huste mal, das hilft.« Und tatsächlich: Drei Huster später sitzt das o. b. endlich so, dass ich es nicht mehr spüre, fest in den Tiefen meines Unterleibs. Ich bin stolz und fühle mich sehr geheimnisvoll. Schließlich weiß niemand, dass etwas in mir steckt, und gleichzeitig habe ich das Gefühl, dass mir jeder meinen ersten Tampon ansehen kann. Gerade als ich meine ersten Schritte als o.-b.-Trägerin gehe, ruft meine Mutter mir hinterher, dass ich ab jetzt immer aufschreiben soll, wann und wie lange ich meine Periode habe. Ich stöhne: Noch mehr Hausaufgaben?! Ich mache schon die für die Schule nicht. Allmählich wird mir das Frausein tatsächlich lästig.

Mein kleiner Bruder scheint frei von Sorgen zu sein, er rennt weiterhin wild und frei als Indiana Jones durch den Garten. Mittlerweile hat er neben seinem Indi-Hut, den wir extra in einem schicken Hutladen gekauft haben, auch eine Indiana-Jones-Peitsche und läuft in unserem 145-Quadratmeter-Garten zu Höchstformen auf. »Lena, komm raus spielen«, ruft er mit Blick zu meinem Fenster. Dabei rollt er sich extra eindrucksvoll über den frisch gemähten Rasen, um mich zu animieren, mit ihm zu spielen, so wie wir es seit seiner Geburt getan haben. Aber irgendetwas hält mich zurück. Ich stehe am Fenster und möchte schreien: »Ja! Ich komme runter!« Doch da ist eine neue Stimme in mir, die sagt: »Du kannst jetzt nicht mehr so Babyspiele spielen, du musst jetzt coole Sachen machen.« Die Stimme ist so stark, dass ich auf sie höre, statt das zu tun, was ich eigentlich möchte. Von da an soll mir das noch sehr oft passieren. Ich bleibe also in meinem Zimmer, was genauso langweilig ist, wie es klingt, und überlege, was ich mit dieser neuen Identität anstellen könnte.

Den Mädchen in meiner Klasse scheint es ähnlich zu gehen, auch sie hängen etwas verloren zwischen Kindheit und Jugend. Wir sind auf der Suche nach einer neuen Identität und auf ganz pragmatischer Ebene auch auf der Suche nach neuen Freizeitaktivitäten. Schließlich ist allen klar, dass wir in den Pausen nicht länger Fangen spielen können, und der Bindenhype ist auch nicht wirklich zeitfüllend oder unterhaltend. Also starten wir sogenannte Freundebücher, in die wir jeden Tag schreiben. Wer wen mag und wer in wen verknallt ist. Ein einziges Ranking an Beliebtheit. Doch diese Bücher erfüllen mich nicht, denn sie können nicht ansatzweise das fantasievolle Spielen ersetzen. Außerdem habe ich immer Angst, was die anderen wohl über mich schreiben und denken. Ich fühle mich bewertet und beobachtet und werde unsicher. Zu Hause fange ich an zu singen – laut in meinem Zimmer –, da ich nur wenige CDs habe, ist meine Playlist sehr begrenzt. Hätte es schon YouTube gegeben, hätte ich wohl sämtliche Karaoke-Varianten durchgeklickt. So aber bin ich allein mit meinen drei CDs, einem CD-Player und mangelhaften Englischkenntnissen. Meinen Spaß trübt es trotzdem nicht. Lauthals singe ich: »Qui, Quy, Quo«, in der Überzeugung, dass das der richtige Text von What’s Up von 4 Non Blondes ist und meine Aussprache perfekt klingt. In dieser Illusion bewege ich mich als selbstbewusste und extrem coole Frontfrau entweder vor imaginärem Publikum oder drehe ein heißes Musikvideo, bis mein Bruder reinkommt und meine Selbstwahrnehmung einem harten Realitätscheck unterzieht. »Das klingt voll scheiße, Lena. Du denkst, du singst Englisch, aber du singst einfach nur ›Qui, Quy, Quo‹.« Er hat eben von klein auf das bessere Melodie- und Sprachgefühl. Aus Rache werfe ich seinen Hut in die Ecke, schubse ihn aus meinem Zimmer und tue das Drastischste, was ich tun kann: Ich schließe ab. Für uns, die immer die besten Freunde waren und zusammen die fantasievollsten Spiele erfunden haben, ist diese abgeschlossene Tür gleichbedeutend mit einem eisernen Vorhang. Hinter der Tür suhle ich mich in dem frisch gesäten Zweifel über meine englische Aussprache. Schließlich habe ich die Lösung: Ich nehme mich mit dem Kassettenrekorder auf und gebe alles. Noch mal richtig in die Höhe und das letzte Wort schön laut aussingen. Freudig spule ich die Kassette zurück, um mir die Aufnahme anzuhören. Schon mit dem ersten Ton schwindet meine Begeisterung, und ich muss mir schmerzhaft und schamvoll eingestehen, dass meine »Gesangsperformance« tatsächlich eher an eine logopädische Übung mit Fantasiesprache in völliger Rhythmuslosigkeit erinnert. Ich schäme mich – wie peinlich! Dabei spreche ich doch fließend Englisch und unterhalte mich regelmäßig mit meinen imaginären internationalen Freund*innen. Wenn ich allein zu Hause bin, halte ich vor dem Spiegel einen wahnsinnig witzigen und unterhaltsamen Vortrag über mein Leben. Und was soll ich sagen: Die Leute lieben mich. In diesen Momenten kann ich alles sein, was ich in der Schule nicht bin – frei, stark und sorglos.

Etwa zur gleichen Zeit fällt mir beim Umziehen für den Sportunterricht auf, dass immer mehr Mädchen nun einen BH tragen. Evje zum Beispiel trägt einen schwarzen, den ich sehr schön finde. Wie ein Lauffeuer verbreiten sich die neuen Stücke und lassen die treuen Baumwollunterhemden, die so viele Jahre lang unsere Nieren gewärmt haben, verschwinden. Bald tragen fast alle Mädchen in meiner Klasse BHs. Vor allem diejenigen, die noch gar keine Brüste haben. Ich kann gar nicht so recht einschätzen, wie weit ich da bin, bis ich mich an eine Szene mit meiner Oma erinnere. Bei unserem letzten Besuch in Köln hat sie mir ohne Vorwarnung über meinen linken Nippel gestreichelt und mit einem Lächeln gesagt: »Da wächst jetzt deine Brust.« Die Freude in ihrer Stimme hat mir zwar signalisiert, dass es eine positive Entwicklung ist, trotzdem empfand ich es als übergriffig und habe mich geschämt. Als würde mein Körper nicht mehr allein mir gehören. Das geht mir nun immer öfter so. Ich fühle mich wie ein Beobachtungsobjekt, das in den Fängen von Orthopäd*innen, Zahnärzt*innen und meinem Umfeld ist. Wie ein Tier, das im Zoo betrachtet wird. Voll anstrengend. Ich will doch einfach nur meine Ruhe haben. Eines ist mir jedoch klar, seit ich Evjes sexy BH gesehen habe: Mein erster BH soll schwarz sein. Das ist cool! Und cool sein ist wichtig. Mir ist bereits klar, dass ich für Coolness arbeiten muss, da ich weder Künstlereltern habe noch einen ausgefallenen Namen oder eine spannende Lebensgeschichte. Ich bin einfach die Lena mit blonden Haaren und dem besten kleinen Bruder der Welt, die in Hiesfeld in Nordrhein-Westfalen wohnt und deren Eltern liebevolle Pragmatiker*innen sind. Das ist alles wundervoll, aber Punkrock sieht nun wirklich anders aus. Also setze ich auf einen schwarzen BH, der mich von all den braven Mädchen unterscheiden soll. Ich will mich abgrenzen, ich will raus aus der Enge und mich frei entfalten.

Zusammen mit meiner Mutter gehe ich also auf BH-Suche in einem großen Kaufhaus. Sie warnt mich vor: »Du musst dich nicht daran stören, dass die Verkäuferin dich gleich abmessen wird.« Äh, was?! Noch bevor ich darüber nachdenken kann, was das zu bedeuten hat, stehen wir vor Roswitha, einer mittelalten Frau mit kesser, auberginenrot gefärbter Kurzhaarfrisur, und lassen uns »beraten«. Was letztlich bedeutet, dass sich Roswitha mit einem Maßband an meinen Brüsten zu schaffen macht und trocken feststellt, dass ich eine »70B« bin. Ich fühle mich zwar schon wieder wie ein Objekt, aber kann noch darüber hinwegsehen. Roswi (wie ich sie in Gedanken nenne, um die Peinlichkeit zu überspielen) ist sehr gemütlich und bewegt sich fast provokant langsam durch die für sie viel zu schmalen Gänge, um uns verschiedene Modelle zu zeigen. Meine Mutter legt Wert auf Markennamen, und so nehme ich einen schwarzen Schiesser- und einen Triumph-BH mit in die Umkleide. Gerade probiere ich das erste Modell an, doch noch bevor ich die Verschlusshaken hinter meinem Rücken ineinanderfieseln kann, reißt Roswitha den Vorhang auf: Ich stehe halb nackt und für die gesamte Kaufhauskundschaft gut sichtbar da. In diesem Moment hat es sich für mich ausroswithert, und ich spüre, wie ich wütend werde. Das hat meine Mutter also gemeint, als sie mich gewarnt hat. Roswitha hält den BH für ungeeignet. »Ne, dat sitzt ja gar nich. Da hat die ja hier total viel Luft drinne«, erklärt sie meiner Mutter, während sie mit ihren kalten Wurstfingern an den Bügeln rumspielt. Mich ignoriert sie. Meine Mutter versucht, den Übergriff mit einem Lächeln aufzufangen. Ich ziehe den Vorhang zu und probiere entrüstet den nächsten BH an. Langsam beginne ich, das Frauwerden zu hassen. Erst muss ich mir hustend was in meine Scheide stecken, und dann begrapscht mich auch noch eine völlig fremde Frau. Doch ich bin brav und streife mir die BH-Träger über. Kurz überlege ich, ob ich den Vorhang der Umkleide einfach von innen festhalten soll, doch in diesem Moment reißt Roswitha ihn auch schon auf, und ich stehe erneut auf dem Präsentierteller. Roswitha zupft wieder an mir herum und nickt dabei. »Ja, dat ist besser, fühlen Se ma selber, da hat se Halt drinne.« Okay, danke, denke ich und sehe meine Mutter an. »Ja, gut, Schatz, fühlst du dich wohl? Der sieht doch schön aus. Dann nehmen wir den mit?« – »Ja«, lautet meine knappe Antwort. Endlich verlassen wir das Kaufhaus und Roswitha, im Gepäck haben wir meinen ersten BH. Und der ist schwarz, weil ich nämlich cool bin.

Unsere Klasse ist ein bunter Haufen explodierender Hormone, und die ersten Partys stehen an. Eines der wichtigsten Events ist Julias vierzehnter Geburtstag, den sie im Partykeller des Jugendzentrums feiert. Ich freue mich riesig, dass ich eingeladen bin, und bin aufgeregt. Leider gibt es bei Julia keinen Alkohol, was das Ganze leider verhältnismäßig verkrampft macht, und so stehen wir Mädchen verlegen in einer Ecke, während die Jungs schüchtern in der gegenüberliegenden sitzen. Die Bravo-Hits tönen aus den Boxen, doch niemand traut sich zu tanzen. Stattdessen werden flüchtige Blicke ausgetauscht. Die Spannung in diesem stickigen Kellerraum ist kaum zu ertragen – wer macht den ersten Schritt? Wegen der Zettelchen, die im Unterricht herumgereicht werden, wissen wir alle, dass Leonard in Inga verliebt ist, Inga aber noch Zeit braucht. Daher vermuten wir, dass zwischen den beiden heute nichts passieren wird. Noch habe ich keine Ahnung, dass Albrecht auf mich ein Auge geworfen hat. Er sieht genauso aus, wie man sich einen Albrecht vorstellt: ein käsiger, ängstlicher Junge aus reichem Hause. Albrecht hat die Uncoolness abonniert und verbringt jede Pause mit seinen zwei Außenseiterfreunden. Erstaunlicherweise gefällt mir das. Schließlich fühle ich mich auch nicht wirklich dazugehörig, obwohl ich von außen betrachtet gut integriert bin. Schon bei seinem Vornamen muss ich lachen, und das finde ich gut. Selbst, wenn Albrecht sich anstrengen würde, könnte er nicht cool sein, und daher ist seine Unbeholfenheit ziemlich authentisch. Das mag ich. Außerdem wirkt er wie aus einer anderen Zeit, nicht nur wegen seiner bedenklichen Klamottenauswahl, hinter der eindeutig seine Mutter steckt, eine wohlhabende Frau, die ihren Jungen am liebsten auf ein Privatinternat schicken würde, sondern auch aufgrund seiner Wortwahl. In einer Deutschstunde müssen wir einen Aufsatz über jemanden, den wir lieben, schreiben, und der arme Albrecht wird drangenommen. Er schreibt über seine Schwester, die – wie soll es anders sein – Adelheid heißt, und schon jetzt muss ich über diese Eltern in ihrer reichen Blase schmunzeln. Albrecht beschreibt das »wallende Haar« seiner Schwester. Dieser antiquierte Ausdruck bringt die ganze Klasse zum Lachen. Mir tut das ein wenig leid, wenigstens traut er sich offen zu sagen, dass er seine Familie, seine Schwester liebt. Albrecht ist eben anders. Und anders finde ich im Gegensatz zu dem Rest der Klasse, die dem Mainstream hinterherjagt, gut. Albrechts Individualität und Authentizität sind mir lieber, auch wenn ich über alles, was Albrecht macht und sagt, unweigerlich lachen muss. Unabsichtlich komisch ist er. Daher finde ich es amüsant, als Luca mir auf Julias Party nun in der Rolle des Übermittlers verrät, dass Albrecht mit mir gehen möchte. Wow, die Lachnummer der Klasse hat mich ausgewählt, was mir irgendwie schmeichelt. Inga und ich besprechen kurz die neue Lage, und auch sie meint, ich solle »Ja« sagen. Natürlich nicht auf direktem Wege, sondern sie würde das für mich machen. Logisch! Doch ich will ehrlich mit Albrecht sein – ich bekomme nächste Woche eine feste Zahnspange, und er sollte wissen, worauf er sich einlässt. Falls er also sein Angebot lieber zurückziehen möchte, verstehe ich das. Der Plan ist also, dass Inga mit der Frage, »Willst du auch noch mit Lena gehen, wenn sie nächste Woche eine feste Zahnspange bekommt?«, zu Albrecht und den Jungs rübergeht. Um sich Mut anzutrinken, nimmt sie einen extragroßen Schluck Cola aus dem Pappbecher. Ich warte gespannt und fühle mich tatsächlich sehr erwachsen und sortiert. Nach etwa dreißig Sekunden, die sich exakt wie dreißig Sekunden anfühlen, kommt Inga zurück. Während sie die zwei Schritte von der mysteriösen Jungs-Ecke in unsere Mädchen-Ecke zurücklegt, gelingt es mir nicht, ihre Mimik zu deuten, und ich werde nun doch ein wenig nervös. »Albrecht will trotzdem mit dir gehen, er sagt, es stört ihn nicht, wenn du eine feste Zahnspange hast«, sagt Inga cool. Wow, Albrecht ist wirklich ein Gentleman, denke ich. Jetzt habe ich einen Freund. Das ging ja schnell und einfach. Darauf erst mal einen Schluck Fanta.

Dann muss ich los, weil ich schon um 21 Uhr von meiner fürsorglichen Mutter abgeholt werde. Also verabschiede ich mich von meinen Freundinnen und winke Albrecht – meinem Freund – aus der Ferne kurz zu. Meine Mutter ist schon da und unterhält sich mit Leonards Mutter. Hoffentlich erzählt sie nichts Peinliches, was Leonard, dieser arrogante Idiot, dann morgen in der Schule weitertratscht. Meiner Mutter erzähle ich lieber nichts von meiner neuen Lebenssituation, schließlich bin ich jetzt erwachsen und vergeben. Es gäbe im Grunde ja auch noch gar nichts zu erzählen, und ich habe keine Lust auf nervige Fragen. Ich muss mich selbst erst mal daran gewöhnen, dass ich jetzt mit Albrecht gehe und dabei auch noch blute. Ist das alles aufregend und verwirrend!

Am nächsten Morgen werde ich in der Schule tatsächlich anders als sonst begrüßt. »Oh, Lena muss immer schon um 21 Uhr im Bett sein und schlafen. Wie ein Baby, haha«, schallt es mir entgegen. Schönen Dank, Mama. Ich bin sauer auf Leonard, dieser Arsch mit den hässlich gegelten Haaren! Wie gerne ich ihm jetzt seine schiefe Nasenwand gerade prügeln würde. Doch ich sage nichts, werde zu allem Überfluss noch rot und setze mich still an meinen Platz. Erst zu Hause fällt mir ein, dass Leonard doch auch schon um 21 Uhr abgeholt wurde. Verdammt! Ich muss endlich schlagfertig werden, beim nächsten Mal wird ihm seine gegelte Nick-Carter-Locke im Hals stecken bleiben.

Zwei Tage nachdem Albrecht und ich zusammengekommen sind und in denen sich zwischen uns rein gar nichts abgespielt hat – noch nicht mal eine Begrüßung –, sage ich Inga und Insa in der Pause, dass ich mich innerlich entfernt habe und es mit Albrecht vorbei ist. Die beiden sind begeistert von dieser neuen Dramatik in unserem Alltag. Schließlich hat die Beendigung des kindlichen Spielens eine Lücke hinterlassen, die es zu füllen gilt. Et voilà: Beziehungsspiele sind unser neues, altersgerechtes Fangenspielen. Voller Energie gehe ich zielgerichtet hinüber zu Albrecht und seinen zwei Außenseiterfreunden. In meinem Kopfkino weht mir dabei der Wind die Haarsträhnen aus dem Gesicht, auch wenn ich in Wirklichkeit nur zu schnellen Schrittes über unseren tristen Schulhof hetze. Doch für mich zählt nur die Fantasie, da die ohnehin spannender ist, und so höre ich passend zu meinem Gang ein dramatisches Orchester spielen. Ich baue mich vor Albrecht und seinen Jungs auf und sage, ohne drum herumzureden, mit reichlich Pathos in der Stimme: »Albrecht! Es ist aus!« – »Okay«, erwidert Albrecht schlicht, woraufhin ich mich umdrehe und zurück zu meinen Freundinnen gehe. Ich fühle mich frei und stark, ein tolles Gefühl. Ich bin eine unabhängige Frau! Trotzdem hätte ich mir etwas mehr Enttäuschung von Albrecht erhofft, doch das ist nebensächlich. Mein Leben gehört wieder mir, und falls jemand anderes mit mir gehen möchte, weiß er, dass ich jetzt frei bin. Das ist das richtige Signal.

Nun bin ich bereit, mich wieder den übergriffigen Erwachsenen zu stellen, die einem mit Beginn der Pubertät überall begegnen, um etwas an dir zu verändern. Nach Roswitha also der Ausflug zum Kieferorthopäden, was ich mir allerdings selbst einbrocke, da es mein ausdrücklicher Wunsch ist, genau wie gefühlt alle in meiner Klasse eine feste Zahnspange zu bekommen. Insa, Lydia und Evje haben schon eine und spielen im Unterricht mit den Gummis, die sie sich zwischen den Brackets an Unter- und Oberkiefer spannen. Das ist extrem cool und neben Binden schnell das angesagteste Accessoire. Unser neues Spielzeug sozusagen. Meine Zähne sind eigentlich in Ordnung, nur der rechte obere Eckzahn sitzt für mein kosmetisches Empfinden zu hoch. Also poche ich auf eine feste Zahnspange, ohne zu wissen, worauf ich mich da einlasse. Meine Mutter versucht, mich umzustimmen, sie hält das aufgeklebte Metallgestell für überflüssig und hat Sorge, dass meine Zähne und mein Kiefer Schaden nehmen könnten. Jahre später mit Kieferproblemen und löchrigem Wangeninnenfleisch wünschte ich, meine Mutter hätte sich durchgesetzt. Doch meinen Eltern ist es wichtig, unseren freien Willen zu respektieren, und so machen wir einen Arzttermin aus. Wir fahren zu Dr. Kessel, der den wohl unglücklichsten Namen hat, denn Dr. Kessel mit zwei »s« lispelt. So hängt er über mir, während ich auf dem zurückgefahrenen Stuhl liege, und fragt: »Tzo, paztz tzo? Tzitzt alletz gut? Piektz irgendwo?« Dabei spüre ich einen Sprühregen Spucke auf meinem Gesicht, denn zu allem Überfluss – im buchstäblichen Sinne – hat Dr. Kessel auch noch eine feuchte Aussprache. Also wirklich, diese alten Erwachsenen! Von der einen werde ich begrapscht und vom anderen angespuckt. Verstört verlasse ich mit fester Zahnspange die Arztpraxis. Was für ein seltsames Gefühl in meinem Mund, ich spüre schon einen ordentlichen Druck auf meinem Kiefer. Nach dieser Aufregung hilft nur eins: Pommes! Pommes machen einfach alles besser. Also kauft meine Mutter mir um elf Uhr vormittags eine Schale Pommes. Diese fettigen Kartoffeln mit zu viel Salz werden mich beruhigen, da bin ich mir sicher. Doch schon beim ersten Bissen merke ich, dass der Druck auf meine Zähne so stark ist, dass ich nicht abbeißen kann. Was für ein Verlust!

Ich trage die feste Zahnspange ein Jahr lang. Ein Jahr, in dem ich oft in mein Tagebuch schreibe: »Heute hat mein Bruder mir beim Toben wieder ein Bracket rausgehauen. Mama und ich mussten zu Dr. Kessel fahren. Zum Glück habe ich dieses Mal nur einen Spuckpunkt abbekommen.« Andauernd lösen sich Brackets, entweder durch das Gerangel mit meinem Bruder oder weil ich auf etwas Zähes beiße, was mir den Draht rauszieht, der dann spitz in meine Wange sticht. Dieses eine Jahr besteht aus einer Aneinanderreihung von Kieferorthopädenbesuchen. Doch auch darüber hinaus entwickelt sich die Zahnspange zu einem Probleme produzierenden Ungeheuer. Immer, wenn ich herzhaft lache, bleibt meine Oberlippe an den Brackets hängen. Ich sehe dann aus, als ob ich nur eine Unterlippe hätte, und es tut weh. Daher verstecke ich mich von nun an hinter meinem selbst gehäkelten bunten Schal, wenn ich lachen muss. Und damit bin ich nicht die Einzige. In unserer Klasse sind mindestens fünf Mädchen, die ausschließlich in ihren Schal lachen. Was angesichts der Tatsache, dass außerdem Essensreste von den Schulbroten in den Brackets hängen bleiben, gar keine so dumme Idee ist. Nichtsdestotrotz führt es dazu, dass wir beginnen, uns für unseren Körper zu schämen und alles, was wir als nicht schön empfinden, zu verstecken. Es wird Jahre dauern, bis sich diese Dynamiken wieder auflösen.

Nach einem Jahr wird mir die feste Zahnspange entfernt, und ich kann das angenehme und befreite Gefühl im Mund gar nicht fassen. Doch leider muss ich jetzt für ein weiteres Jahr eine lose Klammer tragen. Ich versuche es. Jeden Abend vorm Schlafen setze ich sie brav ein und wache jeden Morgen ohne sie im Mund auf. Stattdessen finde ich sie irgendwo in meinem Bett wieder. Dr. Kessel reagiert bei Kontrolluntersuchungen mit: »Na, da hazt du die Spange aber ordentlich fleizig getragen. Zuper!« – »Ja, jede Nacht«, lüge ich. Nach und nach bemerke ich, dass die Erwachsenen in meinem Umfeld gar nicht allwissend sind, und ich lerne, dass ihnen gegenüber allein Souveränität hilft. Bald bin ich Profi: Völlige Selbstsicherheit bei genauso großer Ahnungslosigkeit vorzuspielen sichert mir später etliche Nebenjobs.

Doch nicht alles an der Erwachsenenwelt ist doof. Rike zum Beispiel finde ich super. Sie ist in der zehnten Klasse und somit in meinen Augen schon absolut erwachsen. Bei ihr habe ich Nachhilfe in Englisch. Englisch ist mein schlechtestes Fach in der Schule, was eindeutig an der Inkompetenz des Lehrers liegt. Wir haben nämlich Unterricht bei Herrn Säulen, einem Mann Mitte fünfzig, dessen einziges Interesse es ist, seine Frühpension durchzukriegen. Da das nicht so einfach zu funktionieren scheint, sitzt er seinen Unterricht ab, zeigt uns Filme und bringt uns falsches Simple Present bei. So lernen wir, dass ein »s« bei he/she/it nur mitmuss, wenn es eine Gewohnheit ist. Da das Schulsystem so angelegt ist, dass die Schüler*innen der Lehrperson ausgeliefert sind, übernehmen wir seine Erklärung und hinterfragen sie nicht weiter. Erst nach zwei Jahren fällt bei einem Lehrerwechsel dieses Problem auf. Unsere neue Englischlehrerin kann nur die Augen rollen und den Kopf schütteln, während Herr Säulen weiterhin seine Zeit absitzt und so wenig arbeitet wie nötig. Diese Umstände jedenfalls führen dazu, dass ich Nachhilfe bekomme, und über Rike bin ich wirklich sehr glücklich.

Sie kommt einmal in der Woche zu uns, und da sie eine etwas nach oben zeigende Nase hat, nennen mein Bruder und ich sie »Schweinenasen-Rike«. Immer mittwochs heißt es also: »Lena, komm, wir spielen im Garten, oder musst du wieder mit Schweinenasen-Rike lernen?« Wenig später sitzen Rike und ich im Wohnzimmer, mit freiem Blick auf unseren Garten. Das versteht mein Bruder als Aufforderung, mich doch noch zu überzeugen, lieber zum Spielen nach draußen zu kommen. Also rennt er besonders eindrucksvoll über den frisch gemähten Rasen, rollt wie ein Stuntman, sein neuester Berufswunsch, ins Gebüsch und kommt sich als Karatekämpfer gebärdend wieder hervor. Ich muss lachen, doch Rike, die sichtlich woanders ist mit ihren Gedanken, bemerkt nichts. Statt mir bei Englisch zu helfen, erzählt sie mir, ohne dass ich danach frage, alles aus ihrem Liebes- und Beautyleben, und ich genieße es. Meine Eltern zahlen Rike also unwissentlich fünfzehn Euro dafür, dass sie mir Dinge erzählt wie: »Mein Freund, der Arsch, hat sich jetzt schon drei Tage nicht gemeldet.« Leider weiß ich darauf nichts zu erwidern. Es ist ein einseitiges Gespräch, das nicht auf Augenhöhe stattfindet. Genau das mag ich aber irgendwie – Rike ist wie die coole ältere Schwester, die ich nie hatte. Sie erklärt mir zum Beispiel sehr ruhig und detailliert, wie ich mir selbst Ohrlöcher stechen kann: einfach mit einer heißen Nadel und einer heißen Kartoffel, die hinters Ohr gehalten wird. Auf diese Art und Weise hat Schweinenasen-Rike sich schon drei Löcher gestochen. In einer der nächsten Nachhilfestunden zeigt sie mir ihr neuestes Tattoo, ein Tribal um den Bauchnabel. Das Besondere daran ist, dass es nach etwa fünf Jahren rauswächst – das hat der Tätowierer Rike versprochen. Ich bin zwar noch ein Kind, aber da werde selbst ich skeptisch, was ich ihr allerdings nicht sage. Zu den Englischaufgaben kommen wir nie. Meine Noten werden zur Verwunderung meiner Eltern nicht besser, aber dafür lerne ich die ein oder andere Lektion fürs Leben von Rike, und das ist eigentlich eh viel wichtiger.

Die Hormonparty in meiner Klasse nimmt langsam die seltsamsten Züge an. So geht eines Tages das Gerücht rum, dass Lydia schwanger sei. Insa, die gut mit Lydia befreundet ist, erzählt mir im Unterricht davon. »Leonard und sie waren zusammen in der Sauna von seinen Eltern und hatten nur Handtücher um, und dann hat sich Leonard auf Lydia gelegt, und dabei hat sein Penis …«

»Insa und Lena, ihr könnt in der Pause quatschen«, unterbricht uns Herr Falke, der uns neben Sport auch in Mathe unterrichtet.

»Okay, ’tschuldigung.«

Wir warten eine Minute, dann erzählt Insa weiter: »Na, jedenfalls hat er sie mit seinem Ding kurz zwischen den Beinen berührt.«

»Davon wird man doch nicht schwanger?!«

Irritiert schaue ich Insa an.

»Doch, der hatte ja kein Kondom an! Julia meint das auch, dass da schon was passieren kann«, ist sich Insa sicher.

»Häh? Muss man nicht erst kurz vorher ein Kondom benutzen?«

»Keine Ahnung. Glaub nicht. Glaub, immer, also schon beim Fummeln.«

»Ach so«, sage ich staunend.

»Jedenfalls muss Lydia jetzt zum Frauenarzt – superpeinlich –, und Leonard ist total hysterisch und meinte schon …«

»Insa und Lena, noch ein Mal, und ihr fliegt raus!«, ruft Herr Falke durch die ganze Klasse. Sein roter Kopf und seine Verzweiflung bringen uns zum Lachen, und natürlich stecken wir uns gegenseitig an, denn wenn Insa lacht, muss ich auch lachen und umgekehrt. Wir wollen ohnehin lieber rausgeschmissen werden, als hier im stickigen, engen Raum zu hocken. Dennoch handeln wir deeskalierend und sind für zwei Minuten ruhig, bevor Insa endlich weitererzählt: »Leonard meinte auf jeden Fall: ›Ich brech die Schule ab und such mir einen Job, um Geld zu verdienen, damit ich euch durchbringen kann.‹«

Wir müssen beide lachen. Leonard übertreibt immer so. Gleichzeitig sind wir besorgt. Eine seltsame Mischung aus Gefühlen.

Unsere Aufklärung – und damit meine ich nicht den rein biologischen Akt, sondern die ganzen Details: Wie und wann benutzt man ein Kondom, und wie funktioniert Fingern, Runterholen und Blasen? – bleibt uns selbst überlassen. Die Bravo gefällt uns nicht, zu trashig und substanzlos. Daher werden wir zu Forscherinnen, die ein längst erprobtes Feld ergründen. Angewiesen sind wir dabei auf die Erfahrungen anderer.

In der Praxis passiert bei mir noch nicht viel. Bis auf einige Knutschereien und ein bisschen Gefummel habe ich alles Weitere bisher abgeblockt. Mittlerweile bin ich sechzehn Jahre alt, und die Sommerferien stehen vor der Tür. Zum ersten Mal in meinem Leben fahre ich ohne meine Familie in den Urlaub. Inga, Julia und ich reisen mit einer Jugendgruppe nach Frankreich. Ich bin aufgeregt. Als ich meine Reisetasche packe, kommt meine Mutter in mein Zimmer. »Hier, steck die mal ein. Für den Fall, dass du deinen Traummann in Frankreich kennenlernst.« In ihrer Hand hält sie eine kleine Packung Kondome. O Gott, ist das peinlich! Ich schäme mich und sage: »Boah, Mama, lass das. Ne, die nehm ich nicht mit.« – »Ach, pack sie doch einfach mit ein, ist doch egal, wenn du sie nicht brauchst.« Das wird ja immer unangenehmer. Ich spreche doch nicht mit meiner Mutter über Sex. Außerdem fühle ich mich unter Druck gesetzt, und das mag ich gar nicht. Ich will unbesorgt in den Urlaub fahren, deswegen fahr ich ja mit Freundinnen und nicht mit der Familie weg. Schließlich setze ich mich durch und nehme keine Kondome mit.

In Vieux-Boucau-les-Bains gibt es einige attraktive ältere Jungs. Doch die interessieren mich nicht wirklich. Mein Blick fällt auf einen Mitreisenden, der gar nicht schön, aber sehr schräg und lustig ist. Bei jedem Gemeinschaftsessen fällt er mir auf: Schlurfend geht er in seinem viel zu großen Harry-Potter-T-Shirt zum Buffet. Er heißt Niklas, ist siebzehn und kommt aus einer Großstadt. Er ist wahnsinnig schlau und irgendwie besonders. Obwohl ich ihn körperlich überhaupt nicht attraktiv finde, werden wir ein Paar. Allerdings erst nach dem Urlaub, da er vorher noch mit seiner Freundin zu Hause Schluss machen muss.

Neben ihm lerne ich in Vieux-Boucau-les-Bains auch Farina und Janine, die ebenfalls in Großstädten leben, kennen und habe endlich das Gefühl, Freundinnen zu haben, die so ticken wie ich. Nach dem Urlaub sind wir ein großer, neuer Freundeskreis und treffen uns regelmäßig in den unterschiedlichen Städten. Jedes zweite Wochenende fahre ich mit dem Zug nach Dortmund zu Niklas, der kurz nach den Sommerferien achtzehn wird. In Dortmund bin ich ohne Aufsicht und kann so lang ich will in alle Clubs mitgehen. Irgendwie schaffe ich es immer, mich um die Alterskontrolle herumzuflirten, und kann so mit den 18-Jährigen bis zum frühen Morgen mitfeiern.

Mit den neuen Freundinnen kommen neue Informationsquellen. Als meine Eltern und mein Bruder Urlaub machen, nutze ich das sturmfreie Haus, um Farina und Janine einzuladen. Wir verbringen drei Tage voller Quatschen, Singen, Tanzen, jeder Menge Essen und »Sexytime-Gesprächen«.

»Wenn du es das erste Mal machst, musst du ein großes Handtuch unter dich legen, weil es ganz doll bluten wird, wenn dein Jungfernhäutchen durchgebumst wird«, erklärt Farina. Oje, das klingt brutal und macht mir alles andere als Lust. Eigentlich ist es seltsam, dass wir auf Farina hören, denn sie ist die Unerfahrenste von uns. Janine hatte schon Sex und meint: »Bei mir hat es gar nicht geblutet, aber das wusste ich schon vorher, weil mein Frauenarzt mir gesagt hat, dass ich gar kein Jungfernhäutchen habe. Bei einer anderen Freundin von mir hat es aber wohl auch voll stark geblutet.« Ich werde nervös, wie viele Handtücher brauche ich denn? Und wie wasche ich das Blut aus? Ich will auf gar keinen Fall, dass meine Mutter was merkt. »Am besten legst du einfach drei Handtücher aufs Bett, wenn Nikki kommt.« Oh, das ist mir schon wieder nicht geheuer, aber immerhin bin ich jetzt vorbereitet. »Okay«, sage ich eingeschüchtert. »Wollen wir jetzt MTV schauen oder die Tiefkühlpizza machen?«, wechsle ich ungelenk das Thema. »Voll gern Pizza, aber für mich nur ein kleines Stück, ich habe von der Pille nämlich schon so zugenommen«, meint Janine. »Aber dafür sind auch deine Pickel weggegangen«, antwortet Farina. »Mega!« »Gehen davon Pickel weg? Oh, dann will ich die auch, ich brauche die ja jetzt eh«, rufe ich. »Ja, mach das! Ich hab auch endlich Brüste bekommen«, strahlt Farina und überstreckt ihren Brustkorb, um uns ihre von Körbchengröße AA auf A gewachsenen Brüste zu zeigen.

Auch in unserer Klasse werfen sich jetzt viele Mädchen demonstrativ im Unterricht die Pille ein. Nichts ist cooler und sexyer. Außerdem ist es wichtig, dabei möglichst gestresst und genervt so etwas zu sagen wie: »Oh, ich hab die gestern fast vergessen …« Ein Flirtspiel, ergänzt durch dick aufgetragenen Bebe Young Care Perlglanz. Das Binden-Game wurde eindeutig abgelöst.

Obwohl wir Mädchen und Jungs alle mit Kondom verhüten, scheint die Pille unausweichlich. Doppelt hält besser, und Pickelfreiheit verführt. Also sitze auch ich wenig später zum ersten Mal im Wartezimmer einer Frauenärztin. Es ist mir wichtig, zu einer Frau zu gehen. Ich will mir doch nicht von einem fremden Mann zwischen die Beine schauen lassen! Also lande ich bei Frau Schüssler. Im Gepäck habe ich Verlegenheit und keine Ahnung, wie ich souverän nach der Pille fragen soll. Ob sie mir Fragen stellt? Das wäre ja total peinlich! Und was sage ich hier eigentlich zu Sex? Sex? Oder Geschlechtsverkehr? Oder nur Verkehr? Schon das Sitzen im Wartezimmer nervt mich und ist mir auf seltsame Weise zu intim. Für mich fühlt es sich so an, als würde ich mich hier und jetzt offen bekennen, bald Sex zu haben, und das geht die anderen Wartenden wirklich nichts an. Was machen überhaupt all die Männer hier? Mein Blick wandert durch den Raum und landet auf dem runden Bauch einer Patientin. Natürlich, das erklärt alles. Mein Blick wandert weiter, und als die andere mitwartende Frau ihren Mantel auszieht, fällt mir auch ihr Babybauch auf. Auf einmal entsteht eine merkwürdige Stimmung, und ich bekomme das Gefühl, dass mein Besuch gar keine Berechtigung hat. Die beiden Pärchen, mit denen ich im Wartezimmer sitze, strahlen etwas penetrant Selbstdarstellendes aus. Es wirkt wie eine Inszenierung. Ich fühle mich unwohl. Am liebsten würde ich rufen: »Ich will einfach nur Sex haben, ohne schwanger zu werden.« Zum Glück ruft mich in diesem Moment die Sprechstundenhilfe auf.

Die Ärztin ist kühl und hat offensichtlich nicht viel Zeit für mich. Sie fragt mich, seit wann ich meine Menstruation habe und in welchen Abständen. Ich habe keine Ahnung. Den Rat meiner Mutter, meinen Zyklus zu dokumentieren, habe ich genauso wie die meisten Hausaufgaben ignoriert. Also schätze ich einfach und sage: »Alle sechs Wochen und … äh … so vier Tage, glaube ich, oder fünf?« Frau Schüssler tippt etwas in ihren uralten Computer. »Ach so … äh … und ich möchte gerne die Pille nehmen«, füge ich schnell hinzu. »Okay. Wir untersuchen dich jetzt erst mal kurz, und dann schauen wir, welche Pille für dich passen könnte. Hast du denn einen festen Freund?« Uh, ist das unangenehm. »Ja, habe ich.« Glücklicherweise fragt sie nicht weiter.

Die Behandlung beginnt. Ich soll mich »untenrum frei machen«. Also, das wird mir hier immer grotesker. Ich stehe hinter einer transparenten Wand und frage mich, welchen Sinn die haben soll. Schließlich kann die Frauenärztin ja eh gleich alles von mir sehen, also wozu überhaupt diese halb gare Kabine? Ich ziehe brav meine Jeans und Unterhose aus und überlege, was mit den Socken ist. Ziehe ich die auch aus? Oder ist das zu privat?! Weil meine Füße ohnehin kalt sind und ich mich ohnehin schon sehr nackt und unwohl fühle, behalte ich sie an. Dann klettere ich auf den Stuhl und werde hochgefahren. Völlig hilflos liege ich da. Meine Beine sind gespreizt auf den kalten Metallvorrichtungen und lassen ungeschützten Blick auf meinen privatesten Punkt zu. Na, super! Ich denke an Niklas und dass er diesen Stress nicht hat. Jungs können einfach Sex haben, ohne vorher zum Arzt zu gehen. Die müssen sich nirgendwo breitbeinig hinlegen und eine Untersuchung machen lassen. Die müssen sich keine Medikamente verschreiben lassen oder notieren, wann und wie lange sie bluten. Das ist echt unfair. All das rast mir durch den Kopf, während Frau Schüssler mir ein Spekulum zeigt und erklärt, dass sie das nun ganz vorsichtig in mich einführen wird und ich mich nicht erschrecken solle, wenn es sich etwas kalt anfühlt. Ich lasse alles einfach nur über mich ergehen und bin genervt von der ungleichen Verteilung der Geschlechteraufgaben. Bevor sie loslegt, sagt Frau Schüssler noch: »Rutsch bitte noch etwas tiefer runter in meine Richtung.« Wenn ich noch tiefer rutsche, sitze ich gleich auf deinem Gesicht, denke ich mir und sage: »Mmh.« Dann robbe ich mit meinem Hintern etwas weiter nach unten. Dabei drückt Frau Schüssler meine Oberschenkel zur Seite, und ich merke, dass ich sie unbewusst angespannt habe. Wahrscheinlich ein Schutzreflex.

Die Untersuchung selbst tut gar nicht weh. Das ist eigentlich der entspannteste Teil. Anschließend drückt sie noch auf meinem Unterbauch herum, und ich habe Angst, zu pinkeln oder zu pupsen. Obwohl sie ebenfalls anmerkt, dass meine Blase »ordentlich voll« ist, kommen wir beide urin- und gasfrei durch die Situation. Im Anschluss darf ich mich »untenrum« wieder anziehen und dafür »obenrum« frei machen, damit sie meine Brust abtasten kann. Ich folge den Anweisungen und stehe kurz darauf oben ohne vor Frau Schüssler. Diese reibt mit den Worten »Ich hab leider kalte Hände« ihre Finger aneinander. Es ist jedoch eher ein symbolisches Warmreiben, da es schon etwas länger als die zwei Sekunden braucht, um die Handflächen zu erwärmen. Schon spüre ich ihre tatsächlich sehr kalten Finger auf meiner Brust, wo sie drücken und ziehen und streichen. Ich lege großen Wert darauf, ihr dabei keinesfalls in die Augen zu gucken. Bloß keinen Blickkontakt. Stattdessen schaue ich verkrampft zur Seite und muss wegen dieser absurden Situation ein Lachen unterdrücken. Plötzlich spüre ich ihre Hand in meinen Achseln und erschrecke. Ich habe vor Aufregung geschwitzt, und dass sie nun durch meinen Schweiß streichen muss, ist mir unfassbar unangenehm. Warum wirkt dieses Deo auch nicht richtig?

Nach der Untersuchung sitzen wir wieder an ihrem Schreibtisch, auf den sie mir bereits eine Pillenpackung gelegt hat. Madinette, steht da, ein pinker Schriftzug auf zartrosa Hintergrund. Frau Schüssler erklärt, dass die für den Anfang ganz gut sei, ich solle es einfach ausprobieren und wiederkommen, wenn ich Probleme habe. Was für Probleme das sein könnten, verrät sie nicht. Dafür nickt sie mit den Worten, »Es gibt jede Menge Auswahl – Valetta, Belara, Diane und so weiter«, zu einer ihrer Vitrinen, die fast aus allen Nähten platzt. Wow, das scheint ein Geschäft zu sein. Frau Schüssler wirkt wie die unnahbare Königin im Pillenland. Sie erklärt mir kurz, dass ich meine Madinette immer zur gleichen Uhrzeit nehmen soll und mich bei Erbrechen oder Durchfall und einigen Medikamenten nicht auf die Verhütungswirkung verlassen kann. Die erste Packung schenkt sie mir, danach muss ich auf eigene Kosten ein Rezept einlösen. Mit diesen Worten entlässt sie mich, und ich halte das rosa Starterpaket in der Hand. Ein Mädchentraum wird wahr, haha.