Titel
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Epilog
Die Autorin
Die Romane von Ilona Andrews bei LYX
Leseprobe
Impressum
Hidden Legacy
SAPHIRFLAMMEN
Ins Deutsche übertragen
von Marcel Aubron-Bülles
Drei Jahre sind vergangen, seit der Grundstein für Haus Baylor gelegt wurde. Mittlerweile ist es Catalinas Job, die Familienehre (der Dank für erfolgreiche Trainingseinheiten geht dabei an Mrs Rogan!) zu verteidigen. Noch immer fällt es ihr schwer, ihre ganz besondere Magie einzusetzen. Doch da werden Mutter und Schwester einer Freundin ermordet. Catalina beginnt auf eigene Faust zu ermitteln, um die abscheuliche Tat aufzuklären. Doch finstere Mächte sind am Werk. Und Alessandro Sagredo – gefährlich, unberechenbar und Catalinas einstiger Schwarm – scheint Teil dessen zu sein. Um den Fall zu lösen, scheint Catalina nun nichts anderes übrig zu bleiben, als ihre ungeliebten Fähigkeiten einzusetzen – und sowohl ihr Haus als auch ihr Herz dabei aufs Spiel zu setzen …
Ich schwamm im warmen Wasser des Golfs von Mexiko, als jemand auf den Himmel einschlug. Die glänzenden kleinen Fische, die mir gefolgt waren, huschten davon, das kristallklare Wasser um mich herum löste sich auf, und ich landete krachend auf Sand.
Über mir erzitterte der Himmel. Bumm, bumm, bumm!
Mein Traum zerfaserte wie ein feuchtes Taschentuch, und einen verwirrenden Augenblick lang wusste ich nicht, wo ich mich befand. Langsam tauchten vor mir in den Schatten die vertrauten Umrisse meines Schlafzimmers auf. Der Wecker auf meinem Nachttisch flammte glühend rot. 02:07.
Jemand schlug auf meine Tür ein.
»Catalina!«, hörte ich meine Schwester brüllen. »Steh auf!«
Panik durchzuckte mich. Ich sprang aus dem Bett, rannte durch mein Zimmer und riss die Tür auf. »Ist das Flugzeug abgestürzt?«
»Was? Nein!«
Ich lehnte mich erleichtert an den Türrahmen. Unsere ältere Schwester Nevada, ihr Ehemann und ihre Schwiegermutter waren auf dem Weg zu einem Begräbnis in Spanien. Und sie flogen über den Ozean. Was mir ernsthafte Sorgen machte.
»Mit dem Flugzeug ist alles in Ordnung«, sagte Arabella.
»Was ist denn dann los?«
Arabellas Gesicht war gerötet, und ihre blonden Haare standen seltsam in alle Richtungen ab. Sie trug ein altes, fleckiges Sailor-Moon-T-Shirt, und ihre Basketballshorts hatte sie falsch herum angezogen.
»Augustin ist unten.«
»Welcher Augustin? Augustin Montgomery?«
»Ja!«
Meine Erleichterung verwandelte sich schlagartig in hundertprozentige Alarmbereitschaft. »Warum?« Warum in aller Welt sollte der Herr des Hauses Montgomery mitten in der Nacht unten sein?
»Er will mit dir sprechen. Er sagt, es sei ein Notfall. Beeil dich, bevor Mom ihn abknallt.«
Sie drehte sich auf dem Absatz um und rannte die Treppe hinunter, die von meiner Loftwohnung zum Rest des Lagerhauses führte, das wir unser Zuhause und unseren Geschäftssitz nannten.
Augustin war mit Abstand die letzte Person, die ich um zwei Uhr morgens bei uns erwartet hätte. Etwas Schlimmes musste passiert sein.
Ich sah an mir hinab. Ich trug ein viel zu großes graues T-Shirt, das mir bis zu den Knien ging und die Aufschrift »ICH SCHLAF« trug. Aber es war keine Zeit, mich jetzt noch umzuziehen. Ich lief barfuß die Treppe hinunter und folgte meiner Schwester in einen breiten Flur. Das Licht im Medienzimmer war angeschaltet und verbreitete ein warmes elektrisches Glühen, gerade hell genug, um den Weg zu erkennen.
Der Flur führte zu einer Tür auf der Linken, wo ein kleiner Teil des Lagerhauses der Baylor Agency als Büro diente. Vor dieser Tür stand die gesamte Familie versammelt, alle, außer Mom.
Oma Frida, schlank, braun gebrannt, mit platingrauen Locken, sah besorgt aus. Bernard, mein ältester Cousin, wirkte wie ein Bär, den man aus dem Winterschlaf gerissen hatte – groß, muskulös, zerzaustes hellbraunes Haar. Er hielt ein Tablet in der Hand, das in seinen Pranken zu klein erschien. Neben ihm lehnte hellwach Leon an der Wand, mein jüngerer Halbbruder und das absolute Gegenstück zu mir. Leon war ein drahtiges dunkelhaariges Energiebündel. Er trug immer noch dieselbe Jeans und dasselbe T-Shirt, das er schon gestern Abend angehabt hatte. Entweder war er in den Klamotten eingeschlafen, oder er hatte das Bedürfnis gehabt, um zwei Uhr morgens komplett angezogen zu sein, weil er mal wieder Schandtaten im Sinn hatte. In Leons Fall kamen keine anderen Gründe in Betracht.
Vor mir rannte Arabella die Treppe hinauf in ihr Schlafzimmer und kehrte mit einem riesigen Texas-A&M-University-Sweatshirt in den Händen zurück. Sie schmiss es mir ins Gesicht. »Titten.«
Bernards Wachheitszustand hatte eine Ebene erreicht, bei der ein Augenrollen wieder möglich war.
»Danke!« Ich zog mir das Sweatshirt über, um die Tatsache zu vertuschen, dass ich keinen BH trug. »Wie ist Augustin hier reingekommen?«
Bei Nacht war der Zugang zum Lagerhaus durch Betonabsperrungen blockiert. Der Zugang war nur über eine einzige Straße möglich, und die wurde von Sicherheitspersonal bewacht, das genau das, was gerade passierte, hätte verhindern sollen. Augustin war gnadenlos. Er hätte uns alle im Schlaf töten können.
»Haben unsere Wachleute ihn reingelassen? Hat jemand angerufen und Bescheid gesagt, dass er kommt?«
»Witzig, dass du fragst«, sagte Leon. »Schau dir doch mal dieses nette Video an.«
Bernard drehte mir das Tablet hin. Das Bild stammte von der Überwachungskamera innerhalb des Kontrollhäuschens, in dem sich die beiden Wachleute befanden, eine hispanoamerikanische Frau in den Vierzigern und ein dunkelhaariger Weißer Mitte zwanzig. Lopez und Walton. Ein silberfarbener Bentley Bentayga rollte an das Häuschen heran. Das Fenster auf der Fahrerseite wurde heruntergefahren und gab den Blick auf mich frei.
»Hallo, Ms Baylor«, sagte Walton.
Catalina, die Hochstaplerin, nickte.
»Schaut in die Anwesenheitsliste, schaut in die Anwesenheitsliste …«, sang Leon.
Das Protokollbuch für Ankünfte und Abfahrten zu unserem Gelände befand sich direkt vor ihnen auf der Ablage. Ein kurzer Blick würde ihnen zeigen, dass ich bereits zu Hause war.
Der Wachmann beugte sich vor, doch seine Hand griff nicht nach dem Buch, sondern darüber hinweg nach dem Schrankenschalter.
»Totalversagen!«, stellte Leon fest.
Walton betätigte den Schalter, und ein lautes metallisches Scheppern vermeldete, dass die robuste Nagelsperre eingezogen wurde. Das Fenster wurde wieder hochgefahren, und das gepanzerte Fahrzeug glitt vorwärts und aus dem Bild.
Mir fehlten nicht nur die Worte. Es fehlte mir an so ziemlich allem.
Lopez runzelte die Stirn. »Seit wann haben die denn einen Bentley?«
Der Wachmann zuckte mit den Achseln. »Wer weiß das schon? Vielleicht war es ein Geburtstagsgeschenk.«
»Volltrottel«, sagte Arabella.
Augustin Montgomery war ein hochbegabter Illusionsmagier. Er konnte das Aussehen jedes Menschen imitieren, er konnte jede Stimme nachahmen, und er war in der Lage, alle Fingerabdruck- und Netzhautscanner zu täuschen. Und er war gerade fröhlich bei uns hereingeschneit, allen Sicherheitsmaßnahmen zum Trotz.
»Wir haben ein echtes Problem«, sagte ich.
»Was du nicht sagst«, meinte Leon.
»Catalina«, meldete sich Oma Frida, »deine Mutter sitzt mit dem Idioten und einer Desert Eagle im Konferenzraum. Rein mit dir, bevor sie ihm eine Kugel zwischen die Augen jagt.«
Ich öffnete die Tür, betrat den Büroflur und schloss die Tür wieder hinter mir. Dieser Teil des Lagerhauses sah mit seinem strapazierfähigen beigefarbenen Teppich, der abgehängten Decke und den Glaswänden aus wie der typische Arbeitsplatz. Die drei Büros zu meiner Rechten und der Pausenraum zur Linken mit seiner kleinen Teeküche lagen im Dunkeln. Nur im Konferenzraum, direkt hinter dem Pausenraum, war das Licht eingeschaltet und strahlte durch die Glaswand in den Flur.
Ich ging einen Schritt weiter und hielt dann inne. Als ich vor drei Tagen ganz offiziell meinen einundzwanzigsten Geburtstag gefeiert hatte, war ich gleichzeitig auch die Herrin des Hauses Baylor geworden. Wir waren ein brandneues Haus, dessen Gründung nur drei Jahre zurücklag. Unsere Schonfrist, während der uns andere Häuser nicht angreifen durften, würde schon bald ablaufen. Im Lauf unserer Geschäfte hatte ich schon das eine oder andere Mal mit magischen Schwergewichten zu tun gehabt, aber dies wäre der erste Umgang mit einem anderen Hochbegabten als Herrin eines Hauses. Und Augustin war ein Hai in einem Viertausend-Dollar-Anzug, ein Weißer Hai mit rasiermesserscharfen Zähnen.
Ich musste es richtig angehen. Einfach reinplatzen kam gar nicht infrage. Egal, ob es sich um einen Notfall handelte oder nicht, ich hatte eine Rolle zu spielen.
Mein Magen zog sich zusammen.
Denk daran, du bist eine Hochbegabte, Herrin des Hauses, Victoria Tremaines Enkelin, selbstbewusst, gefährlich, du kennst keine Angst, bist mitten in der Nacht aus dem Schlaf gerissen worden … du bist sauer. Definitiv sauer.
Ich setzte eine leicht säuerliche Miene auf und betrat den Konferenzraum.
Augustin drehte sich auf seinem Stuhl zu mir um. Louis Auchincloss, der Romane über die feine Gesellschaft schrieb, war berühmt für seine Aussage »Perfektion ist genauso irritierend, wie sie anziehend ist, egal ob in der Literatur oder im Leben«. Augustin irritierte mich maßlos.
Da Augustin ein hochbegabter Illusionsmagier war, gestaltete er sein Aussehen, wie ein Ausnahmekünstler sein Meisterwerk plante. Sein Gesicht wirkte wie gemeißelt – scharf konturierte Wangenknochen, ein kantiges Kinn, das Männlichkeit zum Ausdruck brachte, ohne Primitivität zu vermitteln, eine gerade Nase und eine breite Stirn. Die leicht hohlen Wangenknochen machten auch deutlich, dass er die Reife des Alters für sich in Anspruch nehmen konnte. Ein meisterhafter Herrenfriseur hatte seine beinahe platinblonden Haare in ein Kunstwerk verwandelt. Seine rahmenlose Brille war die einzige Unvollkommenheit, die sich Augustin erlaubte, aber sie reichte nicht. Er hatte etwas Kühles und Zeitloses an sich. Was bedeutete, dass er in etwa so lebendig wirkte wie eine Marmorstatue.
Am anderen Tischende hatte meine Mutter Platz genommen und musterte ihn wie eine angriffslustige Kobra. Ihre rechte Hand war unter dem Tisch verborgen, vermutlich, weil sie mit ihr die Desert Eagle.50 AE berührte. Keine andere legal erwerbbare Handfeuerwaffe in den USA besaß ein größeres Kaliber. Näher konnte Mom mit dem, was sie da unter dem Tisch versteckt hielt, nicht an ein tragbares Geschütz herankommen. Eine Kugel vermochte einen prall gefüllten Kühlschrank zu durchschlagen und auf der anderen Seite noch jemanden zu töten.
Meine Mutter hatte fast zehn Jahre als Scharfschützin gedient, und ihre magische Begabung sorgte dafür, dass sie niemals verfehlte. Wenn sie Augustin tötete, dann würde Montgomery International Investigations uns in den Staub treten. Das Unternehmen gehörte Augustin. Sollte er wie durch ein Wunder überleben, dann würde er sie töten. Wie so oft im Leben gab es keine guten Entscheidungen. Ich musste ihn sofort hier rausholen.
Ich verlieh meiner Stimme einen kühlen, leicht verärgerten Ton. »Mr Montgomery, Sie sind uns immer willkommen, aber es ist mitten in der Nacht.«
»Ich bitte um Entschuldigung«, sagte er. »Es handelt sich um einen Notfall.« Er griff in seine Anzugtasche, holte sein Handy hervor und hielt es mir hin.
Auf dem Display lächelte ein Jugendlicher in die Kamera. Leuchtend rote, kurz geschnittene Haare, graue Augen, blasse Haut und das selbstzufriedene Grinsen eines Teenagers, der gerade Unfug angestellt hatte und damit durchgekommen war. Er kam mir irgendwie bekannt vor, aber ich konnte mich beim besten Willen nicht daran erinnern, ihn früher schon mal gesehen zu haben.
»Das ist Ragnar«, erklärte Augustin. »Er ist fünfzehn. Er hat einen Hund namens Tank. Er mag Krimis und liebt die neue Sherlock-Holmes-Serie. In Hero Tournament spielt er einen Ranger. Vor zwei Tagen sind seine Mutter und seine Schwester bei einem Brand ums Leben gekommen.«
»Warum erzählen Sie mir das?«
»Weil er in diesem Augenblick auf dem Dach des Memorial-Hermann-Krankenhauses steht. Er hat vor zu springen, und da er ein Hochbegabter ist, kommt niemand an ihn ran. Wenn wir uns nicht beeilen, wird sein zerschmetterter Leichnam die Schlagzeile in den Morgennachrichten sein.«
Besorgnis durchzuckte mich wie ein elektrischer Schlag.
»Augustin, Sie wissen genau, dass ich so etwas nicht mache. Ich habe noch nie jemanden von einem Dach geholt. Wenn ich scheitere, dann werde ich für seinen Tod verantwortlich sein …«
»Aber Sie können es. Es liegt in Ihrer Macht.« Er sah mir direkt in die Augen. »Ihre Schwester hat mich einmal um einen Gefallen gebeten. Ich bitte nun Sie um Ihre Hilfe, vom Herrn eines Hauses zur Herrin eines anderen. Er hat nur noch eine Schwester. Die sich in diesem Augenblick beim Krankenhaus befindet und betet, dass er sich nicht zu Tode stürzt.«
Wenn ich es versuchen würde und dabei scheiterte, gäbe es eine schmerzerfüllte Hochbegabte, die ihren ganzen Kummer und Zorn auf mich konzentrieren könnte. Dies zu riskieren wäre mehr als leichtsinnig.
»Ich weiß nicht, ob ich Ihnen helfen kann. Mein Eingreifen könnte alles nur noch schlimmer machen.«
Augustins Fassade bekam einen Riss, und in seinen Augen entdeckte ich zum ersten Mal menschliche Emotionen. »Er ist nur ein Kind, Catalina. Er hat schon so viel verloren. Noch nie in seinem Leben hat er solche Schmerzen empfinden müssen, und er hat einfach keine Ahnung, wie er damit umgehen soll. In diesem Augenblick will er nur, dass dieser Schmerz aufhört. Bitte versuchen Sie es.«
Ich wollte gerade schon mit einem Nein antworten und dachte dabei an einen Jungen, der allein in der Dunkelheit an einem Abgrund stand. So verzweifelt, so verletzt, dass er bereit war, sein Leben auf diese schmerzhafte Weise zu beenden.
Mein Vater hatte auch an einem solchen Abgrund gestanden, nur hatte sein Abgrund Krebs gehießen. Wir hatten alles versucht, ihn dieser Dunkelheit zu entreißen. Wir hatten jeden Augenblick um ihn gekämpft. Wir hatten unser Haus verkauft und waren hierhergezogen, in dieses Lagerhaus, damit wir seine Arztrechnungen bezahlen konnten. Und dann hatten wir unser Unternehmen an Augustin verpfändet, um Dad experimentelle Therapien zu ermöglichen. Er hatte die Baylor Investigative Agency aus eigener Kraft aufgebaut. Er hatte sie als sein Vermächtnis angesehen, ein Unternehmen, das uns ernähren und ein Dach über dem Kopf bieten würde, und wir hatten es als Pfand benutzt, um uns Geld zu leihen. Es fühlte sich wie ein Verrat an, und wir verheimlichten es vor meinem Vater, weil es ihn schneller umgebracht hätte als jeder Krebs. Am Ende konnten wir das Unausweichliche nur einige Monate lang hinauszögern, aber das war es uns wert. Ich würde alles tun, um nur noch einen einzigen Tag mit meinem Dad verbringen zu können. Alles.
Ragnar war gerade mal fünfzehn.
»Ja. Ich werde es versuchen.«
»Bist du dir sicher?«, fragte meine Mutter.
»Ja.«
»Nimm Leon mit«, sagte sie.
»Nein.« Wenn etwas schiefgehen sollte, wollte ich nicht, dass er etwas abbekam.
»Ich werde sie wohlbehalten zurückbringen«, versprach Augustin.
Meine Mutter richtete ihren Scharfschützenblick auf ihn. »Das sollten Sie auch.«
Augustins silberfarbener Bentley raste auf der Gessner Road Richtung Süden. Es war kurz nach zwei Uhr morgens, und selbst die Straßen Houstons waren leer. Der Chauffeur holte auch noch die letzte Pferdestärke aus dem schwer gepanzerten Fahrzeug heraus. Normalerweise hätte die Fahrt zum Memorial Hermann mindestens fünfzehn Minuten gedauert. Diesmal würden wir es in weniger als der Hälfte der Zeit schaffen. Augustin saß auf dem Beifahrersitz. Ich konnte auf seinen blonden Schopf blicken. Ich hätte ihm wirklich gerne eins übergezogen. Wenn mir gestern jemand erzählt hätte, ich würde mitten in der Nacht auf dem Rücksitz von Augustins Auto landen, ein Sweatshirt über meinem Schlafshirt und Sneaker ohne Socken tragen, dann hätte ich diese Person gefragt, was sie heute geraucht hatte, und ihr dringend den Besuch bei einem Therapeuten empfohlen.
Mir fehlten meine Waffen. Ich fühlte mich total hilflos.
Augustin hatte allerdings mit einer Sache recht. Nevada schuldete ihm einen Gefallen.
Mein Vater war in das Haus Tremaine hineingeboren worden, ein kleines Haus, das nur aus ihm und meiner Großmutter Victoria bestanden hatte. Victoria war eine Wahrheitssucherin wie Nevada und konnte somit jedem Menschen gegen seinen Willen alle Informationen entreißen. Mein Vater war ohne Magie auf die Welt gekommen, und Victoria erwies sich als furchtbare Mutter. Als er achtzehn war, floh er und baute sich unter falschem Namen ein neues Leben auf. Meine Großmutter hatte sich im Lauf ihrer Suche nach ihm auf dem gesamten Kontinent durch zahllose Häuser gewütet. Die bloße Erwähnung ihres Namens ließ selbst mächtige Hochbegabte zusammenzucken.
Vor drei Jahren, kurz vor der Gründung unseres Hauses, war Victoria auf der Suche nach uns gewesen. Augustin kannte Nevadas Identität. Er hätte es meiner Großmutter mitteilen und aus dieser Information großen Nutzen ziehen können, aber stattdessen hatte er Nevada erlaubt, in seinem Verstand herumzupfuschen, sodass Victoria mit leeren Händen hatte abziehen müssen. Ich hasste es, Schulden zu haben. Es würde sich gut anfühlen, diese Schuld zu begleichen.
Das änderte allerdings nichts an der Tatsache, dass ich nicht die geringste Ahnung hatte, was ich eigentlich tun sollte.
»Woher kennen Sie die Familie?«, fragte ich.
»Ragnars Schwester hat MII wegen des Todes ihrer Mutter und ihrer Schwester kontaktiert. Sie ist der Ansicht, dass der Brand kein Zufall war.«
»War es wirklich keiner?«
»Es ist mir nicht gestattet, über diesen Fall zu sprechen.«
Tja. »Haben Sie den Fall angenommen?«
»Sie kennt unseren Stundensatz.«
»Sie haben sie abgelehnt. Augustin! Sie ist zu Ihnen gekommen, und Sie haben sie abgelehnt. Und jetzt wird ihr Bruder sich umbringen.«
Er blickte in den Rückspiegel und sah mich kühl an. »Wenn ich meine Leute in Gefahr bringen soll, dann muss ich sie angemessen bezahlen. Ich führe keine Wohltätigkeitsorganisation, Catalina. Gerade Sie sollten wissen, wie viel auf dem Spiel steht, wenn man den Tod eines Hochbegabten untersucht.«
Oh ja, das wusste ich. Wenn dein Zuhause von einem Team aus Auftragsmördern angegriffen wird, das Feuerstürme und heraufbeschworene Monster aus Anderwelten in die Schlacht schickt, hinterlässt das einen bleibenden Eindruck.
Ich schaute durch die Windschutzscheibe und erblickte die futuristisch wirkende Krone auf dem Memorial Hermann Krankenhaus. Sie wurde durch rot, weiß und blau glühende Dreiecke erhellt und hob sich auf einer Höhe von zweiunddreißig Stockwerken vom pechschwarzen Himmel ab. Wir waren fast da.
»Haben Sie wenigstens seiner Schwester erzählt, was sie zu erwarten hat, wenn ich meine Magie einsetzen muss?«
»Ich habe ihr gesagt, dass der Junge ruhiggestellt werden muss.«
Der Wagen fuhr auf den Parkplatz. Ein hispanoamerikanischer Mann rannte mit hektischem Blick auf uns zu und riss meine Tür auf. Eiskalte Luft schlug mir entgegen. Die Winter in Houston waren in der Regel recht mild, aber eine Kaltfront war hierhergezogen, und die Temperaturen waren unter null gefallen. Meine nackten Knie begannen zu zittern.
»Ist er gesprungen?«, blaffte Augustin ihn an.
»Nein, Sir.«
»Dann los.« Augustin sprang aus dem Wagen.
Ich kletterte mühselig aus dem Fahrzeug. Der pfeifende Wind zerrte an mir mit eisigen Klauen.
Augustin und ich rannten praktisch zur Tür. Die Glasschiebetüren öffneten sich automatisch, und ich tauchte in die warme Luft des Gangs vor mir ein. Mehrere Leute standen vor den Aufzügen, einige in OP-Klamotten, andere in Anzügen, aber alle hatten denselben panischen Blick. Als sie uns bemerkten, liefen sie schnell davon, und nur eine junge rothaarige Frau blieb noch übrig. Sie drehte sich zu mir um. Als ich sie wiedererkannte, war es wie ein Schlag in die Magengrube.
»Runa? Runa Etterson?«
Ihre tränenüberströmten Augen wurden groß, als sie mich ebenfalls erkannte. »Catalina?«
Vor drei Jahren hatte ein Feind des Hauses Rogan vor Nevadas Hochzeit die Hochzeitstorte vergiftet. Der einzige Grund, warum wir alle noch am Leben waren, einschließlich Augustin, war Runa, die die Gifte aus der Torte entfernt hatte, bevor wir sie zu essen bekamen. Sie war eine hochbegabte Venenata, eine Giftmagierin. Sie hätte alle in diesem Raum in nur wenigen Sekunden töten können. Und der Junge oben auf dem Dach war ihr Bruder. Oh mein Gott!
Augustin ging an mir vorbei und betrat den Aufzug. »Catalina, wir haben keine Zeit.«
Jetzt war ich schon mal hier. Ob nun Giftmagier oder nicht, Ragnar war immer noch ein fünfzehnjähriger Junge am Dachrand eines Wolkenkratzers. Wenn ich nicht versuchte, ihn zu retten, würde ich nachts nicht mehr schlafen können.
Ich rannte in den Aufzug. Hinter uns schloss sich die Tür. Das Letzte, was ich sah, war Runa, die mich anblickte, als ob ich die Lösung all ihrer Probleme wäre.
Mit leisem Summen brachte uns der Aufzug nach oben, hell beleuchtet und absolut normal. Ich erblickte mich in einer Spiegelwand. Ich sah aus, als wäre ich gerade erst aus dem Bett gefallen. Die Situation kam mir fast schon surreal vor: Hier stand ich in einem hell erleuchteten Aufzug mit Spiegelwänden, in dem leise Musik erklang, und neben mir befand sich der unerreichbar perfekte Augustin. Vielleicht war alles nur ein Traum.
Runas Mutter und Schwester waren tot. Und Augustin musste einen unbezahlbaren Preis genannt haben. Ich hatte eigentlich vorgehabt, sofort wieder nach Hause zurückzukehren, wenn ich den Jungen erst mal in Sicherheit gebracht hatte, aber dies änderte alles.
»Sie haben mir nicht gesagt, dass er ein hochbegabter Venenata ist.«
»Ich habe Ihnen gesagt, er lässt niemanden an sich ran.«
Furcht durchzuckte mich. »Hat er jemanden getötet?«
Augustin seufzte. »Er ist ein netter Junge. Er hat dafür gesorgt, dass allen so übel wurde, dass sie zurückweichen mussten, aber niemand hat bleibende Schäden.
»Was hat er angestellt?«
»Machen Sie sich keine Sorgen. Sie werden es riechen.
Die Zahl auf der Digitalanzeige im Aufzug wurde beständig höher.
»Wenn die Tür aufgeht, biegen Sie nach links ab«, sagte Augustin. »Gehen Sie bis zur Tür mit der Aufschrift AUSGANG und dann eine Treppe hinauf. Dort finden Sie eine Metalltür, über die Sie auf das Dach gelangen.«
»Das ist ein schrecklicher Plan«, sagte ich zu ihm.
»Ragnar wird zögern, Ihnen Schmerzen zuzufügen. Wenn er es versucht, werde ich da sein und helfen.«
»Wenn er Sie sieht …«
»Er wird mich nicht sehen.«
Die Aufzugtüren glitten mit einem sanften Klingeln auf. Ich bog nach links ab, folgte dem Flur bis zur Ausgangstür und die Treppe hinauf. Meine Hände zitterten.
Es stank nach Säure und Erbrochenem. Eine Spur aus schmutzigen Bröckchen zog sich vor mir die Stufen hinab. Die wollte ich mir lieber nicht genauer ansehen.
Die eiskalte Metallklinke verbrannte mir die Fingerspitzen. Ich öffnete die Tür und trat auf das Dach hinaus. Über mir erstreckte sich der Himmel in unendlicher Finsternis, von der sich die strahlende Krone deutlich absetzte. Der eisige Wind fraß sich mühelos bis auf die Knochen durch meine dünne Kleidung.
Ragnar stand direkt am Dachrand, eine dürre Gestalt in verblassten Jeans und einem Hoodie, die auf einem Betonvorsprung balancierte. Im Panorama der Nacht wirkte er winzig, wie eine Ameise auf einem Wolkenkratzer.
Er drehte sich um und sah mich an. Das Neonlicht der Krone erhellte sein Gesicht. In seinem Blick lagen zugleich Bestimmtheit und Erleichterung. Er war nicht erleichtert, mich zu sehen. Er war erleichtert, weil er die Entscheidung getroffen hatte und springen würde. Mir blieb keine Zeit mehr.
»Sag Runa, dass es mir –«
Ich entfesselte meine Magie mit aller Macht.
Als der Registrar nach einer Bezeichnung für meine Magie suchte, hatte er mich als Sirene bezeichnet, was tatsächlich gut passte – wie die Sirenen aus Sagen und Mythen rief ich die Menschen zu mir, und sie konnten meinem Ruf nicht widerstehen. Und wie die alten Sirenen besaß ich Flügel, wunderschöne, magische Flügel, die niemand sehen konnte, wenn ich es nicht erlaubte. Ich breitete sie hinter mir aus, als ich den fokussierten Magiestrom auf Ragnar richtete.
Er erstarrte. Seine Fersen schwebten nun einige Zentimeter über dem Abgrund. Eine falsche Bewegung, und er würde sterben.
»Ragnar …« Ich sang seinen Namen, und mein Gesang war Verheißung für ihn.
Er fuhr sich nervös mit seiner Zunge über die Lippen. »Hallo!«
»Hallo! Mein Name ist Catalina.« Meine Magie entströmte mir, umfasste ihn, wob mit jeder Silbe ein Netz aus unsichtbaren Fäden um ihn.
»Du bist so schön«, sagte er.
»Danke! Es ist kalt, und es ist dunkel. Meinst du, wir könnten vielleicht hineingehen?«
Er nickte fasziniert.
Ich streckte meine Hand aus. »Ich habe Angst hier oben. Nimmst du meine Hand?«
Er machte einen Schritt, stolperte, schwankte am Rand, versuchte mit den Armen rudernd das Gleichgewicht zu bewahren … Mein Herz schlug heftig und schien meinem Brustkorb entfliehen zu wollen.
Aus dem Nichts tauchte Augustin direkt neben Ragnar auf, packte ihn am Hoodie und riss ihn aus der Leere unter ihm zurück. Runas Bruder landete krachend auf dem Dach.
Heilige Scheiße! Beinahe hätten meine Knie versagt.
Ragnar kam wieder auf die Beine, lief auf mich zu und ergriff meine Hand mit einem schüchternen Lächeln.
Ich erwiderte sein Lächeln. »Lass uns reingehen.«
Wir traten durch die Tür ins Treppenhaus, Augustin direkt hinter uns. Ich musterte ihn kurz. Er war rein. Meine Magie hatte ihn nicht einmal berührt. Ich hatte sie in einem extrem fokussierten Strahl auf Ragnar gerichtet. Augustin konnte sich unsichtbar machen. Nevada würde ausflippen, wenn ich ihr das erzählte.
Wir betraten den Aufzug. Auf Augustins perfekter Stirn glänzten Schweißtropfen. Er keuchte, als ob er die gesamte Strecke bis zum Dach die Treppe hinaufgelaufen wäre. Ragnar fasste meine Hand sehr zärtlich an, als ob meine Finger aus Glas wären. Das würde aber nicht so bleiben.
Die meisten magisch Begabten mussten sich anstrengen, um ihre Magie zu wirken. Bei mir war es das Gegenteil. Ich musste sie im Zaum halten. Kurz nach meiner Geburt hatte eine Krankenschwester versucht, mich zu entführen. Das kostete sie ihre Karriere. In den darauffolgenden Jahren, bevor ich lernte, meine Kräfte zu kontrollieren, taten ganz normale Menschen die verrücktesten Dinge, um mich in ihre Gewalt zu bekommen. Meine Grundschullehrerin versuchte mich aus ihrer Klasse und in ihren Wagen zu schmuggeln. Meine Klassenkameraden rissen mir Haare aus, um einen Teil von mir zu besitzen.
Andere Kinder wurden dazu ermuntert, süß zu sein, damit Erwachsene sie mochten. Wenn ich lächelte, dann waren die Erwachsenen wie hypnotisiert, und wenn ich wollte, dass sie mich mochten, dann liebten sie mich geradezu zwanghaft. Ihre Kinder begannen hysterisch zu weinen, sobald ich den Spielplatz verließ.
In diesem Augenblick liebte mich Ragnar mehr als alles andere auf dieser Welt. Bald schon würde eine Berührung nicht mehr genügen. Er würde mich in die Arme nehmen und an sich drücken wollen, mir eine Strähne ausreißen, um an ihr schnuppern und sie schmecken zu können. Er würde einen Teil von mir haben wollen, den er liebkosen und beißen konnte.
Der Registrar hätte mich genauso gut auch Orpheus nennen können. Früher oder später wollten alle, die von meiner Magie zu schmecken bekommen hatten, mich in Stücke reißen. Sie würden jeden einzelnen Tropfen meines Blutes, jedes noch so kleine Stück Fleisch lieben und verehren, während sie mich töteten. Nur unser Arzt war immun. Wir hatten keine Ahnung warum. Und meine Familie. Sie musste ich nicht verzaubern. Sie liebten mich bereits.
Der Aufzug erreichte das Erdgeschoss. Die Türen glitten auf, und Runa sprang auf ihren Bruder zu, um ihn zu umarmen. Als sie ihre Arme um ihn schlang, musste Ragnar mich loslassen.
Ragnar schrie laut auf, als ob ihn jemand mit einem Messer verletzt hätte. Der Schrei hatte etwas von einem Tier an sich. Seine Schwester ließ ihn wie benommen los. Er stürzte sich auf mich und klammerte sich an meine Hand.
Ein Mann bahnte sich einen Weg durch die Menge. Er trug einen kleinen Arztkoffer bei sich.
»Ragnar«, rief ich sanft.
Er sah mich an, und grenzenlose Liebe lag in seinem Blick. Ich wusste, dass dies nur vorübergehend war, aber ich zuckte dennoch innerlich zusammen.
»Der Herr dort drüben wird dir gleich eine Spritze geben. Ich habe Angst vor Spritzen. Du auch?«
»Nein.« Er schüttelte den Kopf. »Nein, ich bin tapfer.
»Zeigst du mir, was es heißt, tapfer zu sein, Ragnar?«
Er streckte seinen Arm aus, ohne den Blick von mir zu nehmen. Runa umarmte ihn. Ich sah zu, wie der Arzt die Nadel setzte. »Du wirst dich gleich müde fühlen. Schlaf ruhig ein, das ist okay.«
»Lass mich nicht allein!«
»Ich werde dich nicht allein lassen«, versprach ich ihm. »Ich bleibe hier und halte deine Hand.«
Ragnars Hand erschlaffte. Er seufzte glücklich, schloss seine Augen, und seine Schwester fing ihn auf.
Ich wandte mich an Augustin. »Ich muss ihn zum Lagerhaus bringen.«
»Er muss unter Bewachung gestellt werden«, sagte Augustin.
»Nein, er muss in unser Lagerhaus gebracht werden, damit ich ihn von meiner Magie befreien kann. Wenn er aufwacht, und ich bin nicht bei ihm, wird er versuchen, zu fliehen und mich zu finden. Und dann werden Menschen sterben.«
Augustin wandte sich an Runa. »Es ist deine Entscheidung.«
Ich sah ihr in die Augen. »Du kennst mich. Du hast gesehen, was ich kann. Bitte vertraue mir.«
»Dann los«, sagte sie.
Die Rückfahrt dauerte wesentlich länger als unsere Fahrt zum Krankenhaus. Der Chauffeur ließ sich offenbar Zeit, und der Bentley schien die dunklen Straßen entlangzuschleichen. Runa konnte in ihrem gemieteten Nissan Rogue problemlos Schritt halten. Sie hatte darauf bestanden, uns mit Ragnar in ihrem Wagen zu folgen.
Ich saß neben Augustin auf dem Rücksitz. Nach dem Adrenalinschub von eben gab ich mich meiner sanften Ermattung hin. Hätte ich mich nicht im Fahrzeug eines gefährlichen Hochbegabten befunden, hätte ich die Augen geschlossen und wäre eingeschlafen.
»Gut gemacht«, sagte Augustin.
Ich hatte seine Billigung nicht nötig. »Nevadas Schulden sind hiermit beglichen. Wir sind quitt.«
»Einverstanden. Obwohl es, um genau zu sein, ein Gefallen dem Hause Etterson gegenüber war.«
»Was Sie und Haus Etterson angeht, machen Sie zwischen sich und Runa aus. Ich wundere mich nur, dass Sie sich überhaupt die Mühe gemacht haben.«
»Ich weiß, was es heißt, für einen jüngeren Bruder verantwortlich zu sein.«
Ah! Menschlichkeit von Augustin. Unerwartet.
Augustin neigte den Kopf zur Seite. »Haus Etterson mag sich für Sie als wertvoller Verbündeter erweisen, wenn Sie überleben. Sie schulden Ihnen einen Gefallen, den Sie jederzeit einfordern können. Sie brauchen Verbündete, Catalina. Die Galgenfrist, die Ihrem Haus gewährt worden ist, läuft bald ab. Es werden eine Menge Leute Jagd auf Sie und die Ihren machen. Sie sind mächtig, aber unerfahren, und weil Ihre Fähigkeiten geheim gehalten wurden, sind Sie eine unbekannte Größe. Leider reicht das als Abschreckungsmittel nicht aus.«
»Wie lauten Ihre Bedingungen?«, fragte ich.
Augustin hob eine Augenbraue.
Ich zählte die Punkte an meinen Fingern ab. »Sie haben mich von meiner Familie getrennt. Sie wissen genau, dass meine ältere Schwester und mein Schwager nicht im Lande sind und mich daher im Augenblick nicht beraten können. Es ist mitten in der Nacht, und ich bin erschöpft, weil ich gerade meine Magie eingesetzt habe. Sie haben mir Komplimente gemacht, Sie haben mir die Gefahren aufgezeichnet, die meinem Haus drohen, und wir fahren gemütliche achtzig Kilometer die Stunde. Sie möchten mir ein Angebot machen. Nun, raus damit.«
Augustin räusperte sich kurz. »Einverstanden. Ausführliche Erklärungen und das Händchenhalten zu überspringen macht die Dinge einfacher.«
Ich wartete.
»Ich biete Ihnen ein strategisches Bündnis zwischen Haus Montgomery und Haus Baylor an. Von Zeit zu Zeit landen Fälle auf meinem Tisch, die genau auf die Fähigkeiten ihrer Familie zugeschnitten sind. Ich möchte, dass Sie diese für mich übernehmen. Im Gegenzug biete ich eine großzügige Bezahlung, den Zugang zu allen Ressourcen von MII im Rahmen dieser Fälle und den Vorteil eines Bündnisses mit meinem Haus.«
Er bot mir nicht nur Schutz, sondern auch ein festes Einkommen. Für uns bedeutete ein solches Bündnis exzellente Kontakte und Informationen. MII unterhielt ein ausführliches Netzwerk aus Informanten und Beobachtern. Es gab in Houston nicht viel, von dem Augustin nichts wusste. Er sammelte vertrauliche Informationen, bis ihn jemand dafür angemessen bezahlte oder er sie einsetzen konnte, um einer Bedrohung zu begegnen. Der Zugriff auf diese Datenbank war absolut unbezahlbar.
Zu Augustins besonderen Talenten zählte außerdem die Fähigkeit, genau zu wissen, was jemand brauchte. Man musste allerdings kein Schlaukopf sein, um zu verstehen, dass wir vor allem Schutz benötigten.
Ich musste eine Entscheidung treffen.
»Haus Baylor fühlt sich angesichts Ihrer Großzügigkeit geschmeichelt. Bedauerlicherweise müssen wir Ihr Angebot zu diesem Zeitpunkt ablehnen.«
Daran hatte Augustin einen Augenblick lang zu knabbern.
»Warum?«
»Sie haben Nevada schon dreimal etwas Ähnliches angeboten. Ich bin mir bewusst, dass sie jedes dieser Angebote ausgeschlagen hat, und ich teile ihre Ansichten zu diesem Thema.«
»Erklären Sie es mir«, verlangte Augustin.
»Nun gut. Der eigentliche Vorteil einer solchen Partnerschaft wäre nicht das Geld.« Wir könnten es allerdings gut brauchen. »Der Vorteil wären die Verbindungen und die entsprechend höhere Stellung, die Hochbegabte als Klienten mit sich bringen würden. Damit könnten wir einen entscheidenden Schritt in Richtung Hochbegabtengesellschaft tun und Bündnisse schmieden, die unserem Haus ein belastbares Fundament liefern würden.«
Und natürlich den Zugang zur MII-Datenbank und ihren Agenten, die gleichermaßen legendär waren. Das wussten wir beide, und deswegen musste ich es auch nicht erwähnen.
Ich fuhr fort. »Ich möchte betonen, dass mir der Nutzen Ihres Angebots absolut klar ist. Doch im Augenblick gibt es einen erheblichen Machtunterschied zwischen Haus Montgomery und Haus Baylor. Ich habe gesehen, wie MII arbeitet. Wenn ich Ihren Vorschlag annehme, dann werden Sie davon ausgehen, dass ich Ihren Regeln folge. Und das könnte bedeuten, dass wir unseren Wertekatalog unterlaufen müssen. Wir sind ein Familienunternehmen, wir haben nur unseren Namen und unseren Ruf. Wir kennen nur drei Regeln. Erstens: Wenn unsere Dienste in Anspruch genommen werden, bleiben wir dem Klienten treu. Zweitens: Wir versuchen, nichts Illegales zu tun. Und drittens: Am Ende eines jeden Tages müssen wir in der Lage sein, unserem Spiegelbild ins Auge blicken zu können. Das sind die Prinzipien, die mein Vater für uns festgelegt hat, dies sind die Regeln, denen meine ältere Schwester treu geblieben ist, und so werde ich es auch halten. Wenn wir ein Bündnis mit Haus Montgomery eingehen, dann als Gleichgestellte, nicht als Untergebene oder Subunternehmen, und wir werden unseren eigenen Regeln folgen.«
Stille folgte.
Augustin öffnete den Mund. »Wir sind keine Gleichgestellten.«
»Genau. Haus Montgomery ist ein Koloss, und wir sind klein und jung. Wie Sie schon gesagt haben, vielleicht überleben wir, vielleicht auch nicht. Aber wir müssen auf eigenen Füßen stehen. Wir haben hart daran gearbeitet, aus dem Schatten des Hauses Rogan zu treten, und ich werde diese Unabhängigkeit nicht gegen leicht verdientes Geld eintauschen.«
Augustins Miene blieb ungerührt. »Vielen Dank für ihre Ehrlichkeit.«
»Es kann durchaus passieren, dass ich Sie um Hilfe bitten werde«, sagte ich zu ihm. »Wenn ich das tue, dann werde ich dafür sorgen, dass die von mir gelieferten Informationen Ihren Erwartungen entsprechen oder sie übertreffen.«
Der Bentley bog auf unsere Straße ein.
»Dann verabschiede ich mich von Ihnen mit diesem Ratschlag«, sagte Augustin. »Und der ist kostenlos. Lassen Sie sich nicht in den Fall Etterson hineinziehen. Ich weiß genau, mit wem Sie sich einlassen müssten, und was ich ihr als Kostenvoranschlag genannt habe, war geradezu geschenkt. Wenn man sich in der Nacht auf Suche begibt, kann es sein, dass man in der Finsternis auf Monster trifft. Sie sind dafür noch nicht bereit.«
»Ich werde es im Gedächtnis behalten«, sagte ich zu ihm.