Ein schwerer Autounfall hätte Ludovic Cresson beinah das Leben gekostet. Doch gegen alle Wahrscheinlichkeit überlebt er das Unglück, und nicht nur das: Nach einiger Zeit ist er vollständig genesen. Sehr zum Bedauern seiner Frau Marie-Laure, die sich in ihrer Rolle der vermögenden Witwe gut gefiel. Sie erträgt die zärtlichen Avancen ihres wiederauferstandenen Mannes kaum, schließlich hatte sie bereits die Musik für seine Beerdigung auswählt. Eines Tages belauscht Henri, Ludovics Vater, eine unschöne Szene zwischen den Eheleuten, er bangt um das männliche Selbstwertgefühl seines Sohnes und beschließt einzugreifen. Sein Plan scheint zunächst aufzugehen, bis plötzlich Fanny auftaucht, die charmante Mutter der launischen Marie-Laure, und für einigen Wirbel in der Industriellenvilla sorgt.
»Es ist wie immer mit Sagan: spielerisch, leicht, subtil, melancholisch, brillant in den Beschreibungen von Figuren und Gefühlen.«
France Inter
Roman
Aus dem Französischen
von
Waltraud Schwarze und Amelie Thoma
Ullstein
Besuchen Sie uns im Internet:
www.ullstein-buchverlage.de
ISBN 978-3-8437-2212-4
© Éditions Plon, un département de Place des Éditeurs, 2019
© der deutschsprachigen Ausgabe
2019 by Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin
Lektorat: Claudia Marquardt
Umschlaggestaltung: Sabine Wimmer, Berlin
Umschlagfoto: getty images/Ulf Andersen
E-Book Konvertierung powered by pepyrus.com
Alle Rechte vorbehalten
Emojis werden bereitgestellt von openmoji.org unter der Lizenz CC BY-SA 4.0.
Auf einigen Lesegeräten erzeugt das Öffnen dieses E-Books in der aktuellen Formatversion EPUB3 einen Warnhinweis, der auf ein nicht unterstütztes Dateiformat hinweist und vor Darstellungs- und Systemfehlern warnt. Das Öffnen dieses E-Books stellt demgegenüber auf sämtlichen Lesegeräten keine Gefahr dar und ist unbedenklich. Bitte ignorieren Sie etwaige Warnhinweise und wenden sich bei Fragen vertrauensvoll an unseren Verlag! Wir wünschen viel Lesevergnügen.
Hinweis zu Urheberrechten
Sämtliche Inhalte dieses E-Books sind urheberrechtlich geschützt. Der Käufer erwirbt lediglich eine Lizenz für den persönlichen Gebrauch auf eigenen Endgeräten. Urheberrechtsverstöße schaden den Autoren und ihren Werken, deshalb ist die Weiterverbreitung, Vervielfältigung oder öffentliche Wiedergabe ausdrücklich untersagt und kann zivil- und/oder strafrechtliche Folgen haben.
In diesem E-Book befinden sich Verlinkungen zu Webseiten Dritter. Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass sich die Ullstein Buchverlage GmbH die Inhalte Dritter nicht zu eigen macht, für die Inhalte nicht verantwortlich ist und keine Haftung übernimmt.
Die Terrasse des Anwesens La Cressonnade, umrahmt von vier Platanen und mit sechs parisgrünen Bänken versehen, war hoheitsvoll. Das Gebäude selbst musste früher mal ein hübsches altes Landhaus gewesen sein, war nun aber nicht mehr hübsch und nicht mal mehr alt. Neuerdings zierten es Minarette, Außentreppen und schmiedeeiserne Balkone, ein Konglomerat teuren schlechten Geschmacks aus zwei Jahrhunderten, das die Sonne, die Bäume, das Grau seiner Kieswege und das Grün der Umgebung verschandelte. Die drei grauen, flachen Stufen der Vortreppe wurden von einem mittelalterlichen Geländer flankiert, dem krönenden Abschluss all der Stillosigkeit.
Doch die beiden Personen, die sich auf einer Bank, jede an ihrem Ende, gegenübersaßen, schienen sich nicht daran zu stören. Hässlichkeit ist oft leichter zu betrachten als Schönheit, als Harmonie, die man immerzu überprüft und bewundert. Jedenfalls wirkten Ludovic und seine Frau Marie-Laure so ungerührt wie nur möglich von dieser architektonischen Kakofonie. Außerdem sahen sie einander nicht an, sie beachteten das Haus nicht, sie sahen auf ihre Schuhe. Ganz gleich, wie schön die Schuhe sind, Leute, die ihren Blick weder auf eine andere Person noch auf ein Dekor richten, haben etwas Ungesundes an sich.
»Ist dir nicht kalt?«
Marie-Laure Cresson sah ihren Mann fragend an. Sie hatte ein hübsches Gesicht mit veilchenblauen, ausdrucksvollen Augen, einen etwas affektierten Mund, eine hinreißende Nase und schon so manchen Kopf verdreht, ehe sie, übrigens recht überstürzt, diesen kräftigen und gesunden jungen Mann, ein bisschen Playboy, ein bisschen einfältig, namens Ludovic Cresson geheiratet hatte, der angesichts seines Vermögens und seines heiteren Wesens bei den Mädchen des 16. Arrondissements heiß begehrt war. Obwohl er die Frauen bekanntermaßen liebte, würde Ludovic Cresson einen treuen Ehemann abgeben, das war offensichtlich. Wie bedauerlich, dass all seine Qualitäten, mit Ausnahme des Geldes, in Marie-Laures Augen ebenso viele Fehler darstellten. Sie war blasiert und ungebildet, hatte sich aber dank einer Mischung aus zeitgemäßen Lektüren, Plattitüden und Tabus eine brauchbare Fassade zugelegt, so dass man ihr, in ihren Kreisen, eine wendige Intelligenz zuschrieb, wie sie gerade absolut en vogue war. Sie wollte über ihr Dasein bestimmen, also über das der anderen, sie wollte »ihr Leben leben«, wie sie selbst sagte. Doch sie wusste weder, was das Leben war, noch was sie wollte, außer Luxus. Sie wollte einfach die Erfüllung all ihrer Wünsche. Wie teuer ihre Schmuckstücke, wie groß der Reichtum Henri Cressons (Ludovics Vater, den man in der heimatlichen Touraine den »kreisenden Geier« nannte) auch sein mochten, sie wüsste es zur Schau zu tragen.
Es soll nicht erklärt werden – da es auf der Hand liegt –, aus welchen Gründen man die alte Fabrik und die alten Mauern des Hauses »La Cressonnade« getauft hatte. Komplizierter dagegen, aber noch langweiliger wäre es, zu erklären, warum die Cressons ihr Vermögen mit Kresse, Kichererbsen und anderen Hülsenfrüchtchen gemacht hatten, die sie nun in alle Welt versandten. Dieses uninteressante Thema würde, zumindest der Autorin, mehr Vorstellungs- als Erinnerungsvermögen abverlangen.
»Ist dir kalt? Möchtest du meinen Pullover?«
Die Stimme des Mannes neben Marie-Laure war auf natürliche Weise freundlich und angenehm, jedoch zu zaghaft und verletzlich für die Belanglosigkeit der Frage. Die junge Frau wandte sich mit einem Wimpernschlag ab, wodurch sie eine gewisse Geringschätzung für den Pullover ihres Gatten ausdrückte (den sie kurz gemustert hatte).
»Ach nein, danke, ich werde reingehen, das ist einfacher. Du solltest dasselbe tun. Es wäre nicht gut, sich jetzt auch noch eine Bronchitis einzufangen.«
Sie stand auf und ging lässig auf das Haus zu, wobei der Kies unter ihren modischen Schuhen knirschte. Selbst auf dem Land, selbst wenn sie allein war, gab Marie-Laure sich stilvoll und up to date, komme, was wolle.
Im Blick ihres Mannes lag Bewunderung … und zugleich Misstrauen.
Man muss wissen, dass Ludovic Cresson gerade erst aus diversen Kliniken kam, in die ihn ein so katastrophaler, ungeheuerlicher Autounfall geführt hatte, dass kein Arzt, keine liebende Frau sich je hätte vorstellen können, er würde überleben.
Mit Marie-Laure am Steuer hatte sich der kleine Sportwagen, den er ihr zum Geburtstag geschenkt hatte, unter einen stehenden Lastwagen geschoben, und die Beifahrerseite war von den auf besagtem Lastwagen transportierten Stahllamellen zersäbelt worden. Auch wenn man Ludovics Kopf äußerlich intakt aus diesem Haufen gezogen und Marie-Laure keinen Kratzer abbekommen hatte, weder im Gesicht noch sonst irgendwo, so war Ludovics Körper doch an mehreren Stellen durchbohrt worden. Er war ins Koma gefallen, und die Ärzte hatten ihm noch ein, maximal zwei Tage auf dieser Welt gegeben.
Nur dass sich, im Schutz ihrer natürlichen Festung, die Lungen, die Schultern, der Hals und alle Organe, die die innere und äußere Gesundheit dieses naiven Burschen ausmachten, sehr viel gerissener und zäher zeigten, als man es sich hätte vorstellen können. Während man schon über die Zeremonie und die Musik der Beerdigung nachdachte, während Marie-Laure sich eine maßvoll elegante Witwengarderobe zusammenstellte (ganz schlicht, mit einem – unnötigen – Heftpflaster an der Schläfe), während Henri Cresson, wütend darüber, dass eines seiner Projekte durchkreuzt wurde, in alle Richtungen Fußtritte austeilte und seine Angestellten beschimpfte, während seine Frau Sandra, Ludovics Stiefmutter, wie üblich, ihre erdrückende Würde einer häufig ans Bett gefesselten Kranken zur Schau trug, hatte Ludovic gekämpft. Und nach acht Tagen war er, zur allgemeinen Verblüffung, aus dem Koma erwacht.
Bekanntlich ist gewissen Ärzten manchmal mehr an ihren Diagnosen als an ihren Patienten gelegen. Ludovic raubte den Obergurus, die Henri Cresson (aus Gewohnheit) von Paris und anderswo hatte kommen lassen, den letzten Nerv. Die Mühelosigkeit, mit der er auf Erden zurückgekehrt war, verärgerte sie derart, dass sie schließlich etwas sehr Gefährliches an seinem Schädel fanden. Das genügte – zusammen mit seinem Schweigen –, um ihn erst unter Beobachtung stellen, dann in eine Klinik und schließlich eine Spezialklinik einweisen zu lassen. Er war umnebelt, daher wirkte er geistesabwesend, ja sogar behindert; seine körperliche Widerstandskraft verstärkte diesen Eindruck nur noch.
Zwei Jahre lang durchlief Ludovic wortlos und ohne jeglichen Protest Krankenhaus um Krankenhaus, Nervenklinik um Nervenklinik, wurde sogar nach Amerika geschickt, im wahrsten Sinne des Wortes verschnürt in einem Düsenjet. Jeden Monat kamen seine Verwandten ihn besuchen, sahen ihn schlafen – oder sie »dümmlich anlächeln«, wie sie unter sich sagten –, ehe sie schnell wieder gingen. »Ich ertrage diesen Anblick einfach nicht«, stöhnte Marie-Laure und versuchte dabei nicht mal, eine falsche Träne zurückzuhalten, da niemand im Auto auch nur eine einzige vergoss.
Doch, es gab eine Ausnahme, als Marie-Laures Mutter, die reizende Fanny Crawley, seit Kurzem Witwe und aufrichtig um ihren Mann trauernd, ihrem Schwiegersohn, den sie noch nie besonders leiden konnte, einen Besuch abstattete. Ludovics draufgängerische »alles-paletti«-Art war ihr, wie sehr vielen etwas feinsinnigeren Frauen, gehörig gegen den Strich gegangen, auch wenn sehr viele andere Frauen mit energischerem Temperament anscheinend darauf ansprangen. Sie hatte also den Playboy, wie sie ihn nannte, wiedergesehen, halb in einen Sessel hingestreckt, an Handgelenken und Beinen festgeschnallt, furchtbar abgemagert, furchtbar verjüngt, ebenso macht- wie wehrlos und vollkommen außerstande, all die Psychopharmaka zu verweigern, die man ihm von morgens bis abends in die Venen pumpte … und da hatte Fanny Crawley geweint. Was wiederum Henri Cresson stutzig gemacht und ihn bewogen hatte, ihr ein ernsthaftes Gespräch unter vier Augen zu bewilligen.
Glücklicherweise hatte Henri Cresson damals zufällig mit dem Leiter der Klinik gesprochen, der vielleicht teuersten in ganz Frankreich – und sicherlich der nutzlosesten. Der Chefarzt hatte ihm kategorisch erklärt, dass sein Sohn sich niemals, niemals wieder erholen werde. Nun weckte aber die Gewissheit anderer grundsätzlich Zweifel und Zorn bei Henri Cresson, der als Geschäftsmann genial, in Gefühlsdingen jedoch völlig inkompetent war (da er keinerlei Gefühle hatte, oder besser, nur für seine erste Frau, Ludovics Mutter, die im Kindbett gestorben war, welche gehabt hatte). Verblüfft hatte er daher die schöne und elegante Fanny, von der er obendrein wusste, dass sie über den Tod ihres Mannes untröstlich war, um einen Schwiegersohn weinen sehen, den sie gar nicht mochte; womit sie ihm eindeutig bewies, dass es an der Zeit war, die Qual zu beenden. Er war also wieder zu dem Arzt gegangen und hatte ihn in einer Weise behandelt, dass dieser sich nicht dazu durchringen konnte, selbst zu seinen Tarifen, den Patienten, dessen Familie ihm so viel Geringschätzung entgegenbrachte, länger dazubehalten.
Einen Monat später traf Ludovic in La Cressonnade ein, wo er sich, nachdem er seine Arzneimittelfläschchen eins nach dem anderen in den Papierkorb geworfen hatte, als vollkommen normal herausstellte. Er war sanft, etwas zerstreut, ein wenig unruhig, und er lief viel. Tatsächlich verbrachte er seine Tage damit, in dem riesigen Park herumzurennen, zu rennen wie ein Kind, das wieder laufen gelernt hat, beziehungsweise mit dem Versuch, wieder einigermaßen wie ein Erwachsener auszusehen. Es stand außer Frage – wie es im Übrigen nie wirklich infrage gekommen war –, ihn in der Fabrik seines Vaters arbeiten zu lassen: Dessen Vermögen würde ausreichen, auch wenn er keinen hinlänglich unwichtigen Beruf finden würde, um ein Leben kreuz und quer in Europa zu rechtfertigen (was Marie-Laure sich im Grunde wünschte, mit ihm oder ohne ihn).
Für sie war seine Rückkehr eine Katastrophe. Sie hatte eine bewundernswerte Witwe abgegeben, sich nun als »Frau eines Schwachsinnigen« wiederzufinden, wie sie es in ihrem intimsten Freundeskreis (der ein recht offenes Sozialleben unterhielt) gern ausdrückte, war etwas ganz anderes. Und so begann Marie-Laure diesen Jungen zu hassen, den sie bis dahin ertragen und sogar irgendwie gemocht hatte. Auch wenn seine Begeisterung für sie, seine Liebe und Leidenschaft, ihr schnell lästig gefallen waren.
Denn Ludovic liebte die Frauen voller Leidenschaft und voller Romantik die Liebe, vielleicht die einzige Kunst, die er mit Geschick und Hingabe ausübte. Sanft und feurig, war er einfach bezaubernd; und alle (äußerst zahlreichen) Huren von Paris, die ihn vorher gekannt hatten, waren ihm immer noch sehr zugetan.
Unter der alleinigen Aufsicht des Arztes im Dorf, welches Henri Cressons Hoheitsgebiet war, erholte Ludovic sich sehr gut. Der recht bescheidene Doktor hatte gleich nach dem Unfall erklärt, sein Patient sei körperlich versehrt, müde, gebrochen, aber vollkommen bei Trost. Und in der Tat entdeckte niemand an ihm die geringsten Anzeichen von Nervosität, Funktions- oder psychischen Störungen. Er zeigte nur einfach keine Verletzlichkeit, kein Interesse für die Zukunft: Er schien etwas zu erwarten, was ihn ängstigte. Nur was? Niemand fragte sich das im Übrigen wirklich, denn niemand in diesem Haus scherte sich um irgendwen außer sich selbst.
Kaum hatte Marie-Laure die lächerliche kleine Vortreppe erreicht, auf deren Geländer schlaff ihre Finger ruhten, musste sie sich mit einem Sprung auf die oberste der drei Stufen retten, denn ein von unsicherer Hand gelenkter Sportwagen hatte soeben genau vor ihren Füßen gebremst und dabei eine Kiesfontäne aufspritzen lassen, die ihr einen Schrei entlockt hätte, wenn ein anderer als ihr Schwiegervater am Steuer gewesen wäre. Vor einer Weile hatte Henri Cresson befunden, sein Chauffeur werde alt und es sei an der Zeit, das Fahren wieder selbst zu übernehmen – für die Nachbarn eine Katastrophe, für die Tiere und seine Bekannten ein Albtraum, wenn sie ihm auf der Straße begegneten.
»Mein Gott, Vater«, sagte Marie-Laure dennoch kühl, »wo ist denn Ihr Chauffeur?«
»Der Blinddarm … krankgeschrieben«, erwiderte Henri Cresson fröhlich, während er aus seinem Wagen stieg. »Der Blinddarm …«
»Das ist schon die vierte Blinddarmentzündung in diesem Jahr …«
»Ja, aber er ist hocherfreut. Die ganzen Sozialleistungen und so weiter, dazu sein Gehalt, das ist mal ein Kerl, der eifrig nichts tut und das Bett hütet, wenn es angezeigt ist, weil er solche Angst vor der Polizei, den Versicherungen und was weiß ich noch allem hat.«
»Dabei sind Sie es, der Angst haben sollte.«
»Ich? Angst? Lassen Sie’s gut sein, Schwiegertochter, bitte, lassen Sie’s gut sein.«
Sie hasste es, wenn er sie Schwiegertochter nannte, doch er ließ es sich nicht nehmen, ungeachtet der Vorwürfe seiner Frau, der imposanten Sandra, die es fertiggebracht hatte, sich auf den Stufen der Vortreppe aufzubauen, um ihren Gatten liebevoll zu empfangen, obwohl sie doch für gewöhnlich das Zimmer hütete.
Sandra Cresson, geborene Lebaille, hatte ein oberstes Anliegen: die Pflicht. Seit jeher durch Grund und Schicksal Henri Cressons Nachbarin, hatte sie diesen, wie es hieß, trauernden Witwer aus reiner Angst vor der Ehelosigkeit zum Mann genommen. Sie glaubte, einen etwas ungestümen Industriellen zu heiraten, doch sie hatte einen wildgewordenen Stier geehelicht, der zu ihrem großen Missfallen nicht das geringste Interesse am gesellschaftlichen Leben zeigte. Ihr hatte vorgeschwebt, in den riesigen Räumen der Cressonnade Empfänge zu geben, und nun musste sie sich damit begnügen, in dem schrecklichen Salon den blitzartigen Ein- und Ausfällen ihres Gatten aus dem Weg zu gehen. Und das, wo bereits vor Sandras Herrschaft die der anderen Frauen des Hauses ihre Wirkung hatte entfalten können.
Die beiden Brüder Henri Cressons waren im Krieg 1939–40 gefallen (»Was für Hornochsen!«, rief Henri belustigt. »14–18, das waren Helden, aber 39–40!«), und ihre Witwen waren anschließend schnell fortgezogen, terrorisiert von ihrem Schwager, der sie im Übrigen mit Geld überhäufte, damit sie ihn in Ruhe ließen. Dennoch hatten sie Zeit gehabt, die Empfangssäle und ein paar Zimmer zu dekorieren, was das ohnehin schon eigenwillige Haus in ein unvorstellbares Desaster verwandelte: Dank der marokkanischen Kamine der einen, des spanischen Flairs der anderen und der von Sandra (die eine Leidenschaft für griechische Kunst entwickelte) gesetzten marmornen Ausrufezeichen hätte niemand je gewagt, diesen Salon zu fotografieren.
»Ich verstehe nicht, was daran so erstaunlich ist«, rief Marie-Laure aus.
»Sind Sie das denn nicht selbst?«
»Was ist denn das?«
»Sieh an, der gute Philippe ist da.«
»Der gute alte Philippe … Wann haben wir den zuletzt gesehen? Ach, ja, vor drei Wochen … Ich hoffe, es geht ihm gut und er hat keinen ›Liebes‹-Kummer.«
Es hatte in dieser Ecke der Touraine selbstverständlich nicht an Frauen gemangelt, die Sandra von Anfang an auf die Seitensprünge ihres Gatten hinwiesen. Doch überraschenderweise, ungeachtet ihrer Anzahl und ihrer extremen Hetze, hatte Henri Cresson es seiner Frau stets erspart, dass seine Eskapaden ihr oder der Öffentlichkeit bekannt wurden. Er fuhr »rauf nach Paris«, wie man damals sagte, und kehrte frisch und ohne ein Wort wieder zurück. Das war das Mindeste, dachte er, gegenüber einer Frau, die er beim besten Willen nicht wirklich ehren konnte.
»Ach, mach, was du willst«, hatte er schließlich verkündet.
Diese Liebe bedeutete Marie-Laure nicht viel, außer in Bezug auf sich selbst. Dabei hatten ihre Eltern, Quentin und Fanny Crawley, einander immer geliebt und ihr ein Vorbild reinster Vertrautheit, Leidenschaft und Zärtlichkeit gegeben. Doch Marie-Laure schien sie dafür verachtet zu haben. Und die Eltern selbst hatten sie wohl instinktiv gemieden, ja gefürchtet.
Quentins Tod bei einem Flugzeugunfall hatte Fanny in tiefe Verzweiflung gestürzt. Sie war wie ausgelöscht, ihr Blick erlosch, die Fröhlichkeit in ihrer Stimme erlosch, das Leben in ihr erlosch. Da sie kein Geld hatte, musste sie arbeiten gehen und fand mithilfe von Freunden eine Anstellung in einem Modehaus, wo sie sich dank ihrer natürlichen Liebenswürdigkeit und Aufmerksamkeit eine Position sicherte, die ausreichte, um sie und die Tochter zu ernähren. Doch für Marie-Laure war das nicht genug, und so wurde Ludovic interessant.
Doch diese Bedenkenlosigkeit, die bei vielen seiner Freunde so gut ankam, trug ihm Marie-Laures totale und endgültige Verachtung ein. Das Leben war ein Kampf. Einer von ihnen musste die Zügel in die Hand nehmen, und das würde sie sein, sie allein. Die körperliche Liebe widerte sie an, langweilte sie und machte ihr Angst, obgleich Ludovic, als exzellenter Liebhaber, sich voller Inbrunst, Geduld und Zärtlichkeit abmühte, er, der davon träumte, mit Marie-Laure ein Paar nach dem Vorbild ihrer Eltern zu bilden, ein Paar, in dem sich einer auf den anderen stützt, ein Paar, das aus zwei Hälften besteht, wie Platons Apfel, die aber dennoch vereint sind.