Inka Loreen Minden

 

Herzen aus Stein

 

Wächterschwingen 1

Inhalt

 

Eine Hexe auf der Flucht vor grausamen Dämonen – Ein Gargoyle, ihr heimlicher Beschützer

 

Niemals darf er sich ihr zeigen, niemals darf er sich in sie verlieben, die Konsequenzen wären verheerend. Doch das Schicksal hat andere Pläne. Noir, die letzte Überlebende eines Hexenklans, ist auf der Flucht vor Dämonen, die einst ihre Familie auslöschten. Sie weiß nicht, dass sie in dem Gargoyle Vincent einen Beschützer hat, der sie Tag und Nacht bewacht, während sie versucht, die Mörder ihrer Eltern zu finden.

Um Noirs Leben zu retten, muss Vincent seine Deckung aufgeben. Auch wenn zwischen den beiden sofort eine unwiderstehliche Anziehungskraft herrscht, dürfen sie niemals ihrer Leidenschaft freien Lauf lassen. Denn Vincent wurde mit einem Fluch belegt. Alles, was er in seiner menschlichen Gestalt berührt, wird zu Stein.

 

Der Inhalt entspricht ca. 650 Taschenbuchseiten


Zu dieser Serie gehören noch Teil 2 der Wächterschwingen "Dunkle Träume" sowie die Ableger "Engelslust" (erzählt die Geschichte von Magnus) und "Beim ersten Sonnenstrahl" (Gay Romance).

Kapitel 1 – Schottland

 

Wie eine riesige Fledermaus hing Vincent kopfüber an der Mauer der Abtei. Die Krallen tief in den grauen Stein getrieben und seine Schwingen an den Körper gepresst, starrte er durch das Fenster. Dort drin, in dem schmalen Bett, lag Noir. Vince erkannte ein langes, schlankes Bein, das unter der Decke hervorschaute. Stundenlang könnte er es betrachten.

Er seufzte leise. Zu seinem Glück war es stockdunkel. Niemand konnte ihn sehen; doch der Wind schob die Wolken unerbittlich weiter. Bald würde der Mond die Klosteranlage erhellen.

Noir bewegte sich, wurde unruhiger. Sie erwachte!

Sein Puls beschleunigte sich. Mit einem Satz stieß er sich von der Wand ab und segelte, die Schwingen ausgebreitet, zum Laubbaum, der sich gegenüber des Zimmerfensters befand. Er schlug seine Nägel in den Stamm, um flink wie ein Eichhörnchen in die Krone zu klettern. Dort verharrte er reglos. Er wusste, was gleich geschehen würde, worauf sein Herzschlag noch einmal an Tempo zulegte. Schon öffnete sich das Fenster und Vince stockte der Atem. Denn als Noir den Kopf herausstreckte, entstand in der Wolkendecke eine Lücke. Mondlicht ergoss sich auf ihr langes Haar und ließ es wie Silber glänzen. Ihr elfengleiches Gesicht zeigte keine Regung. Noirs Blick huschte über den Garten der Abtei, wobei ihre dunklen Augen wie Onyxe wirkten. Für Momente wie diesen lebte Vince. Leider zog sie sich viel zu schnell zurück.

Ein winziges Stück schob er den Kopf vor, um sich nicht zu verraten, und blinzelte gegen das Mondlicht, das durch die Blätter der mächtigen Eiche drang, bis er sich an die Helligkeit gewöhnt hatte. Von seinem Unterschlupf aus besaß er einen hervorragenden Blick in das Zimmer des alten Klosters. Silver Abbey war im 12. Jahrhundert nahe der Hafenstadt Aberdeen errichtet worden. Der graue Granit, der aus den umliegenden Steinbrüchen stammte, war charakteristisch für die schottische Stadt mit den Bauten, die teilweise aus dem Mittelalter stammten. Wenn Sonne oder Mondlicht auf die Gebäude trafen, glitzerte der Glimmeranteil im Stein wie Noirs weißes Haar.

Sie versteckte sich schon viele Wochen in dem Kloster, das von außen alt wirkte, von innen jedoch modernisiert und den Gepflogenheiten des 21. Jahrhunderts angepasst war. Ohne Internetanschluss wollten wohl auch die Mönche von Silver Abbey nicht mehr sein. Dennoch war Noirs Zimmer karg ausgestattet, denn ein Kloster blieb ein Kloster, egal in welchem Jahrhundert. Es war ein perfekter Unterschlupf für eine Hexe; niemand würde sie in einer kirchlichen Einrichtung vermuten und kein Dämon betrat solch einen Ort freiwillig.

Die Turmuhr schlug zehn Uhr nachts. Das Licht im Raum flammte auf und Vincent kniff abermals die Lider zusammen. Er vernahm das vertraute Summen, als Noir ihr Notebook anschaltete, etwas später die Toilettenspülung, dann das Schaben von Stuhlbeinen, als sich Noir an den Tisch setzte. Vincent bewegte sich nicht; die Nacht bot ihm zusätzlichen Schutz. Er war daran gewöhnt, unentdeckt zu bleiben, denn er war Noirs heimlicher Beschützer. Fast jede Nacht ging die Hexe auf Dämonenjagd, und jedes Mal folgte ihr Vincent wie ein Schatten.

Er seufzte erneut. Warum tat sich Noir das immer noch an? Viel lieber würde er mit ihr im Mondschein einen Spaziergang machen, als ständig hinter ihr herzuhetzen. Das Fenster rahmte ihre große, schmale Gestalt ein. Vincent sah Noir von hinten am Tisch sitzen, vor ihr das Netbook, auf dessen Tastatur sie herumtippte. Wenn er stillhielt, würde sie ihn nicht bemerken, auch wenn er nur vier Meter von ihr entfernt auf einem Ast hockte.

Tagsüber versteckte Noir ihr Haar unter der Kapuze eines Habits, wie ihn die Mönche im Kloster trugen. Jetzt floss es offen, aber ein wenig wirr, über ihre Schultern. In ihrer Schlafkleidung gefiel ihm Noir am besten. Dann hatte sie nicht das weite Gewand an, das ihre wunderschöne Figur kaschierte, sondern ein Shirt. Das verdeckte nicht einmal ihr Gesäß, über das sich ein knapper Slip spannte.

Diese Kurven … Vincent schluckte. Seine Krallen bohrten sich tief ins Holz des dicken Astes, an dem er sich festhielt. Da der Stuhl eine Lehne besaß, die am Rücken offen war, lugten Noirs schmale Taille und darunter ihre strammen Pobacken hervor, die unruhig auf dem Stuhl hin und her rutschten. Wie würden sich ihre Rundungen in seinen Händen anfühlen? Wie würde Noirs Haar sein? Eher störrisch wie seines oder zart wie Samt? Wie es sich jedoch an ihren Rücken schmiegte und sich jeder ihrer Bewegungen anpasste, war es gewiss seidenweich.

Ob ihre Haut auch so glatt war? Bestimmt. Alles an Noir würde sich gut anfühlen. Was gäbe Vince dafür, sie nur ein Mal berühren zu dürfen!

Oft hatte er mit diesem Gedanken gespielt: wie er seine Schwingen ausbreitete und zu ihrem Fenster hinüberschwebte, wenn sie schlief, sich an ihr Bett schlich, ihr die Decke wegzöge und sie streichelte. Nur ein einziges Mal.

Doch Noir war eine Jägerin, eine Killerin. Wenn sie ihn bemerkte, würde sie ihn wahrscheinlich vernichten. Vincent sah auch Furcht einflößend aus, zumindest in seiner nicht-menschlichen Gestalt: seine Eckzähne verlängerten sich und er bekam spitze Ohren; winzige Hörner lugten aus seinem braunen Haar und auf seinem Rücken saßen mächtige fledermausähnliche Schwingen. Er war wirklich keine Augenweide. Noir würde sich fürchterlich erschrecken, wenn plötzlich ein zwei Meter großes Ungeheuer in zerrissenen Jeans vor ihr stünde.

Als der Ast unter seiner Folter knackte, hielt Vincent die Luft an, aber Noir schien es nicht gehört zu haben. Sie saß immer noch über ihren Laptop gebeugt am Tisch. Auch wenn er den kleinen Bildschirm nicht sah, wusste er, dass sie wie jeden Abend den Magic International, ein Online-Magazin für Magier, überflog, das sie auf dem Laufenden hielt. Noir wollte wissen, was sich in ihrer Welt tat.

Ein Eichenblatt fiel raschelnd durch die Baumkrone und landete auf seiner Schulter. Langsam zog der Herbst ins Land – bald musste sich Vince ein anderes Versteck suchen. Hätte Noir ihn jetzt entdeckt, würde sie ihn bestimmt für einen Dämon halten. Vincent würde es ihr nicht einmal übel nehmen, sollte sie ihn umbringen wollen. Er war ein Monster, jedenfalls in seiner Gestalt als Gargoyle. Selbst, wenn er sich in einen Menschen verwandelte, würde Noir so etwas wie ihn wohl niemals begehren. Immerhin könnte sie jeden haben. Sie war eine Schönheit, groß und grazil wie eine Elfe, aber gefährlicher als eine Harpyie. Ihr Anblick täuschte jeden, denn unter ihrer zierlichen Schale verbarg sich eine Hexe mit unvorstellbaren Kräften. Sie beherrschte mächtige Zaubersprüche, deren volle Kraft sie selten ausschöpfte, um nicht aufzufallen. Vincent wusste, wozu Noir fähig war, denn er hatte beobachtet, wie sie im Wald trainierte. Sie war die Herrin der Elemente, verwandelte Wasser in Eis, um dieses wie Pfeile auf ihre Gegner zu schleudern. Sie konnte Winde entfachen und unsichtbare Mauern aus purer Energie erschaffen; sogar die Erde konnte sie mithilfe von Magie bewegen und ihren Gegnern nicht nur sprichwörtlich den Boden unter den Füßen wegziehen. Seit Neuestem versuchte Noir, brennende Kerzen zur Explosion zu bringen.

Allein mit ihrem Aussehen blendete sie die Dämonen, die ihr jede Nacht in die Falle gingen. Diese Höllenwesen hatten eine Vorliebe für hübsche Menschenfrauen. Selbst die feine Narbe, die sich senkrecht über ihre Wange zog, entstellte Noir nicht. Sie stammte von dem Angriff in ihrer Kindheit, als ihre Familie ermordet wurde und Noir nur knapp mit dem Leben davonkam.

Eine Bewegung ihres Kopfes brachte ihr Haar abermals zum Glänzen, weil es das Licht der Deckenleuchte reflektierte. Das fesselte seinen Blick erneut. Ihr Haar war das Erstaunlichste an ihr. Es würde sofort Aufmerksamkeit erregen, deshalb verbarg sie es außerhalb der Klostermauern unter einer Kapuze oder einer Perücke. Zudem wusste von den Mönchen niemand, dass sie eine Frau war. Ihren magischen Fähigkeiten hatte sie es zu verdanken, bisher nicht als Frau oder Hexe entlarvt worden zu sein. Keiner der ohnehin schweigsamen Mönche fragte nach, warum sie nicht zu den täglichen Gebeten und Gottesdiensten, sondern nur zu den Mahlzeiten erschien. Niemand wunderte sich.

Während des Tages ruhte sie meistens, um nachts, im Schutze der Dunkelheit, Silver Abbey zu verlassen. Im Zentrum der alten Stadt gab es einen Dämonenklub, der wie ein Magnet das Gesindel der Unterwelt anzog. Noir passte jede Nacht solch ein Wesen ab, wenn es den Laden verließ, und nahm es sich zur Brust. Sie horchte die Höllenkreatur aus, ob sie etwas wusste, das ihr bei der Suche nach dem Artefakt oder ihrem verschollenen Bruder helfen konnte. Anschließend vernichtete sie den Unterweltler mehr oder weniger mühelos. Noir war eiskalt. Selbst vor Folter schreckte sie nicht zurück. Manchmal machte sie sogar ihm Angst.

Der kühle Wind von der Ostküste brachte die Blätter im Baum zum Rascheln und wirbelte Vincents Haar noch ein wenig mehr durcheinander. Er roch Salz und Seetang. Zu seinem Leidwesen mischte sich Noirs einzigartiger, weiblicher Duft darunter. Wie ein rosa Band schlängelte er sich aus dem Fenster – ein Hauch von Zimt und Vanille – direkt in Vincents Nase. Er stöhnte unterdrückt, weil es Fluch und Segen zugleich war, nicht in seiner menschlichen Gestalt zu stecken. Als Gargoyle konnte er Noir besser beschützen. Dann reagierten seine Sinne intensiver. Vincent hörte die Maus, die sich im Schutz der Dunkelheit ihren Weg durch das Gras bahnte, auf der Suche nach etwas Essbarem. Etwa fünfzig Meter weiter kauerte eine Katze im Schatten zweier Mülltonnen. Ihre Augen funkelten. Sie hatte das Mäuschen nicht bemerkt, stattdessen starrte sie zu Vince herüber, machte einen Buckel und fauchte. Sie hatte wohl noch nicht entschieden, ob Vincent Freund oder Feind war. Er würde der Katze jedoch nichts tun, weil er Tiere liebte und sich sein Essen nicht unbedingt erjagen musste. Im Gegensatz zu seinen Artgenossen mochte Vincent kein rohes Fleisch. Die einzigen Tiere, um die Vincent einen großen Bogen machte, waren Hunde, weil er als Kind von einem Straßenköter gebissen worden war.

Vincent war seit zehn Jahren, seit Noirs Eltern ermordet worden waren, ihr Schatten, ihr dunkler Schutzengel, obwohl sie längst so mächtig war, dass sie ihn nicht mehr brauchte. Vincent hatte die Londoner Bruderschaft, der er angehörte und die ihm den Auftrag gab, die Hexe zu beschützen, überzeugen können, bei ihr zu bleiben. Er hatte seinen Brüdern und Schwestern erzählt, Noirs Schutz sei ungemein wichtig, denn sollten die Dämonen auch an das zweite Amulett kommen, wären die Folgen katastrophal. Was nicht gelogen war. Beide Artefakte würden den Höllenwesen ungeahnte Mächte verleihen, mit denen sie die Menschheit unterjochen könnten.

Vincent hätte jedoch gelogen, jederzeit, weil er Noir brauchte wie die Luft zum Atmen. Ohne sie konnte er nicht mehr existieren. Vince hatte Angst, ihr könne trotz ihrer Kräfte und der herausragenden Kampfkünste etwas zustoßen. Aber die wahren Gründe durfte niemand aus seinem Klan erfahren, denn es war ihm bei seinem Leben verboten, sich ihr körperlich zu nähern. Die Bruderschaft würde ihn verstoßen und das wäre sein Todesurteil. Er musste sich damit zufriedengeben, die hübsche Frau, die nichts von seiner Existenz wusste, nur heimlich beobachten und beschützen zu dürfen. Das musste ihm reichen, obwohl es das schon lange nicht mehr tat. Vincent wollte sie riechen, spüren, lecken, streicheln und schmecken. Noch nie hatte er eine Frau gehabt, sich hingegen schon unzählige Male vorgestellt, wie es sich anfühlen würde, auf Noir zu liegen, sie unter sich zu spüren, in sie einzudringen. Bei diesen Gedanken zuckte sein Geschlecht und schwoll weiter an. Vince würde sich wie immer selbst Erleichterung verschaffen müssen, wobei er sich jedes Mal wie ein Perverser vorkam, nach so langer Zeit noch. Eigentlich war er nicht besser als ein Spanner. Doch er durfte Noir nicht aus den Augen lassen; ein Moment der Unachtsamkeit könnte ihr Leben gefährden.

Verdammt, Noir konnte gut auf sich aufpassen, aber er wollte sie nicht aus den Augen lassen!

Da das Fenster offenstand, roch er sie nicht nur, sogar ihr Herz hörte er in einem gleichmäßigen Rhythmus schlagen. Bei allen Höllenhunden, er konnte sich kaum zurückhalten, nicht sofort in ihr winziges Zimmer zu segeln, sie vom Stuhl zu reißen, ihr Hemd und Höschen vom Körper zu zerren und …

Hör auf!, ermahnte er sich. Er musste sich verdammt noch mal etwas anderes vorstellen! Frustriert ließ er den Kopf hängen. Ihm würde schon reichen, sie einfach in den Armen zu halten.

Es wäre wohl besser, sich noch Ruhe zu gönnen, bevor Noir zu ihren Streifzügen aufbrach. Er brauchte seine volle Energie. Vince konnte sich aber nicht entspannen, denn heute Nacht war sein Verlangen nach ihr besonders stark. Wie lange würde er sich noch zügeln können? Er schloss die Augen und versuchte vehement, das Pochen seines Schwanzes zu ignorieren. Allein an Noirs Herzschlag, der bis in seine Träume vordrang, würde er hören, wie es ihr ging: ob sie schlief, aufgeregt oder erregt war. Doch alles, was Noir erregte, war die Jagd auf das verschwundene Amulett und die Mörder ihrer Eltern.

Vincents harter Penis drängte sich gegen die Jeans, die seine Oberschenkel umspannten und ihm nur bis zu den Knien reichten. Ansonsten trug er nichts weiter am Leib. Kleidung beraubte ihn seiner Bewegungsfreiheit. Ihn bekam ohnehin niemand in dieser Gestalt zu Gesicht. Sollte sich Noir tagsüber fortbewegen, was sie nur selten tat, besaß er sein menschliches Äußeres und konnte unauffällig in der Menschenmenge untertauchen. Sicherheitshalber hatte er Kleidung in der Nähe deponiert sowie ein Handy, damit er jederzeit mit seinem Klan in Kontakt treten konnte.

Während sich die Körper anderer Gargoyles bei Sonnenaufgang in eine organische Substanz verwandelten, die Stein ähnelte, wurde er zu einem Menschen; nachts verwandelte er sich zurück. Daher hatte sein Klan ihn damit beauftragt, auf die Hexe aufzupassen. Vince konnte sie Tag und Nacht bewachen. Das machte ihn zu etwas Besonderem; zugleich zu einem Ausgestoßenen. Er war eben anders. Vincent schnaubte. Grimsley, der Klanführer der Londoner Bruderschaft, hatte bestimmt nur deshalb zugestimmt, dass Vince Noir bewachte, um ihn, die Missgeburt, aus der Reichweite der anderen Gargoyles zu schaffen.

Vincent wollte für immer ein Mensch sein, denn dann fand er sich nicht hässlich. Er könnte jedoch einerseits Noir nicht mehr gut genug beschützen, andererseits war das sowieso unmöglich. Der Heiler der Gargoyles hatte Vince mit einem Fluch belegt. Wollte er sich auch nachts in einen Menschen verwandeln, gelang ihm dies nur unter grausamsten Schmerzen. Alles Lebendige, was er dann mit seinen Händen berührte, wurde zu Stein. Damit er nie auf den Gedanken kam, denselben Fehler zu machen wie sein Vater. Menschen und Gargoyles passten einfach nicht zusammen.

Vince musste täglich eine Tablette schlucken, die er in einem Lederbeutel an seinem Gürtel trug, oder er würde sterben. Grimsley hatte ihm das eingebläut.

„Du bist eben anders“, hatte dieser ständig gesagt. Er konnte es nicht mehr hören! Sein verfluchtes Leben hing von der täglichen Einnahme einer winzigen Pille ab! Das war erniedrigend! Entwürdigend!

Anders …

Er knurrte und seine Krallen taten ihm bereits weh, weil er sie unerbittlich in den Baum trieb. So ein Wesen wie ihn gab es nicht noch einmal, deshalb fühlte er sich allein. Er hasste sein Leben. Nur Noir ließ ihn das alles durchstehen.

Seine Erregung verwandelte sich in Wut, als er daran dachte, wie beschränkt sein Dasein war. Es sollte ihn erfüllen, als Gargoyle jemanden zu beschützen; das war es, wofür ein Gargoyle geboren war. Jedoch hatte Vincent Gefühle und Sehnsüchte, die befriedigt werden wollten. Was wohl wiederum damit zusammenhing, dass er eben kein richtiger Gargoyle war.

Schlagartig legte Noirs Herz an Tempo zu. Irgendetwas stimmte nicht! Vincent riss die Lider auf und spannte jeden Muskel an. Noir griff zu ihrem Handy, das neben ihrem Laptop lag, und tippte eilig eine Nummer ein. „Magnus!“, rief sie atemlos in das Gerät und sprang vom Stuhl auf, sodass er polternd nach hinten umkippte. „Ich brauche eine Maschine nach Paris. Sofort!“

Vincents Puls schlug noch schneller, als er konzentriert der Männerstimme am anderen Ende der Leitung lauschte. „Was ist denn passiert?“

„Ich habe im Magic International eine verdächtige Anzeige gefunden. Bist du online?“ Noir beugte sich über den Tisch. Ihr süßer Hintern in dem knappen Slip streckte sich Vince entgegen, doch nun war er zu aufgeregt, um den Anblick zu genießen. So aufgelöst hatte er sie noch nie erlebt.

Magnus sagte: „Warte einen Moment, ich muss erst ins Arbeitszimmer.“

Magnus Thorne war einer der mächtigsten Magier weltweit, noch viel stärker als Noir. Er wirkte Zauber, die ihre Künste alt aussehen ließen. Er beherrschte das gesamte Repertoire höchstmagischer Sprüche, konnte Dinge verwandeln, optische Täuschungen heraufbeschwören oder sein Äußeres ändern. Magnus wohnte mit seiner Frau in der Nähe, in dem beschaulichen Ort Westhill. Noir hatte ihm vor zehn Jahren ihr Amulett anvertraut, hinter dem die Dämonen her waren. Diese besaßen das Pendant zu Noirs Medaillon. Allein war es beinahe harmlos, wenn man die Artefakte aber zusammenbrachte, entfesselten sie ungeahnte Kräfte. Beide Schmuckstücke in Dämonenhand … Nicht auszudenken, was dann geschehen könnte.

„Okay, auf welcher Seite?“, drang Magnus’ Stimme aus dem Handy. Er war Noirs einziger Verbündeter im Kampf gegen die Unterweltler.

„Dreizehn. Die Nachricht ist unwichtig. Jemand bietet Kurse für Magie Ersten Grades an, aber in dem Rahmen, der sich um die Anzeige schlängelt … Kannst du es sehen?“

„Das gibt’s doch nicht!“, rief es aus dem Handy. „Ein Kreis, darin ein Dreieck und darin ein Tor.“

Schlagartig richtete sich Noir auf, sodass Vincent beinahe vom Ast gefallen wäre. „Ja“, sagte sie, „in dem Ornament ist eine genaue Abbildung des verschwundenen Amuletts. Nur wer es besitzt, kann wissen, wie es aussieht. Ich wüsste nämlich nicht, dass irgendwo Aufzeichnungen darüber existieren.“

Angestrengt spitzte Vincent die Ohren. Ein Hinweis auf das Amulett in der Zeitung? Das klang unglaublich. Das konnte nur bedeuten …

„Das ist eine Falle!“ Magnus’ Stimme drang laut und deutlich bis zu Vincent, sodass sich eine Gänsehaut auf seinem Körper ausbreitete, obwohl er als Gargoyle nicht so schnell fror. Ihm wurde kurz schwarz vor Augen. Soeben hatte er dasselbe gedacht. Sollte Noir diese Adresse in Paris aufsuchen, wäre ihr Leben vielleicht beendet. Er musste sie daran hindern!

Mit einer Hand strich sie sich ihr Haar hinters Ohr, eine Geste, die sie immer machte, wenn sie nervös war. „Ist mir klar, dass die Nachricht von dem Dämon stammt, der meine Eltern umgebracht hat.“

„Umso wichtiger, dort erst gar nicht aufzutauchen!“, rief Magnus.

Noir schien ihm nicht zuzuhören, denn sie murmelte vor sich hin: „Dieser Dämon, der meine Eltern getötet hat, will mich anlocken, um an das zweite Amulett zu kommen. Das leuchtet mir ein. Ich habe ja immer geahnt, dass sie nach mir suchen. Aber warum sind sie erst jetzt auf die Idee gekommen …“

„Noir!“ Magnus klang ungeduldig.

„Moment, ich muss was überprüfen.“ Noir tippte wieder auf der Tastatur herum. „Hier kann ich alle Anzeigen der letzten Ausgaben abrufen.“ Plötzlich richtete sie sich kerzengerade auf. „Das gibt es ja nicht!“

Vincents Herz setzte beinahe aus. Diese Hexe war dabei, seinen letzten noch intakten Nerv zu zerstören.

„Was ist denn?“, wollte auch Magnus wissen. „Noir!“

„Dieselbe Anzeige … Sie steht in allen Ausgaben der letzten Jahre!“

„Und sie ist dir nie aufgefallen?“

„Ich lese mir sonst nie den Anzeigenteil durch.“ Noir geriet ins Stottern. „Ich … Es war, weil … Diesmal hab ich nur …“

Die Stimme des Magiers klang sanfter aus dem Handy: „Noir, wenn du Geld brauchst, kannst du mich fragen.“

Erneut strich sie sich eine Strähne hinters Ohr. „Mit einem Flug nach Paris wäre mir schon sehr geholfen.“

„Bist du dir wirklich sicher?“

Wie ein eingesperrtes Tier lief Noir in ihrem winzigen Zimmer herum, wobei sie einen Rucksack mit den wichtigsten Habseligkeiten packte. Vincent hielt sich nur mit höchster Selbstbeherrschung auf seinem Ast, am liebsten würde er sofort durch Noirs Fenster segeln und sie an ihr Bett binden, damit sie keine Dummheiten machte.

„Vielleicht bekomme ich endlich einen Hinweis auf Jamie.“ Jamie war Noirs kleiner Bruder, den sie in der Unterwelt zurücklassen musste. Magnus glaubte, er sei längst tot, doch Noir, von Schuldgefühlen zerfressen, wollte die Suche nach ihm nicht eher aufgeben, bevor sie Gewissheit hatte.

Der Magier versuchte, sie zu beschwichtigen; Vincent hingegen wusste längst, dass es aussichtslos war. „Noir, nach so langer Zeit …“

„Magnus, bitte! Du weißt, wie wichtig mir das ist. Ich werde vorsichtig sein. Ich bin eine verdammt gute Hexe, das weißt du. Ich beherrsche die Grundzauber aus dem Effeff, zudem höhergradige Magie, wie sie nur die wenigsten anwenden können. Und wenn du mir deinen Privatjet nicht leihst, buche ich eben einen herkömmlichen Flug. Aber ich werde nach Paris reisen, so oder so.“

„Und allein gegen was weiß ich wie viele Dämonen antreten?“ Plötzlich herrschte Ruhe am anderen Ende, Magnus schien zu überlegen. „Ich würde ja mitkommen, aber ich kann Amalia jetzt nicht allein lassen.“ Der Magier hatte erst vor Kurzem ein zweites Mal geheiratet und seine Frau war schwanger. „Aber ich werde dir etwas vorbeibringen, das du im Kampf gegen die verdammten Unterweltler einsetzen kannst“, sagte er. „Es ist sehr wertvoll und darf niemals in die Hände der Dämonen fallen, und ich will es wiederhaben, hörst du?“

Noir klappte das Notebook zu und ließ ihre Hand darauf liegen. Selbst aus vier Metern Entfernung erkannte Vince, wie sie zitterte. Noir zitterte äußerst selten. Doch jetzt, wo sie die Gelegenheit witterte, nicht nur das zweite Amulett zurückzubekommen, sondern auch Rache am Mord ihrer Familie üben zu können und zu erfahren, was aus ihrem Bruder geworden war, brachte das ihr inneres Gleichgewicht anscheinend aus dem Lot. Das war nicht gut. Es könnte sie dazu verleiten, unüberlegt zu handeln.

„Ich danke dir, Magnus, ich weiß deine Loyalität zu schätzen. Ich würde ohnehin nicht wollen, dass du für meine Sache dein Leben aufs Spiel setzt. Du tust schon so viel für mich.“

Noir sprach von ihrem Amulett, das Magnus seit ihrer Flucht an einem sicheren Ort bei sich zu Hause aufbewahrte. Er besaß ein gewaltiges Schloss, das wie eine Festung gesichert war, magisch, selbstverständlich.

„Wir sehen uns in einer Stunde am Aberdeen Airport“, beendete Magnus das Gespräch.

Hastig packte Noir das Gerät mit in den Rucksack, steckte ihr Netbook ein und schlüpfte aus ihrem Hemd.

Wie immer, wenn Vincent sie nackt sah, stockte ihm zuerst der Atem. Ob Noir wusste, wie wunderschön sie aussah, wenn ihr langes Haar über ihre apfelgroßen Brüste fiel? Die Brustwarzen standen vor Aufregung spitz ab und lugten durch die Haarsträhnen. Auch in Noirs Gesicht hatten sich Flecken gebildet. Sie war erhitzt. Sie roch jetzt anders, ihre Hormonproduktion lief auf Hochtouren. Adrenalin durchströmte ihren Körper wie ein Aufputschmittel. Vincent konnte es beinahe sehen; ihr Duft visualisierte sich in seinem Gehirn. Aus der rosa Farbe wurde ein helles Blau, das sie wie eine Aura umhüllte. Gott, warum musste ausgerechnet sie die attraktivste Hexe der Welt sein? Noir, fünfundzwanzig Jahre alt, erinnerte ihn an die langbeinigen Models aus den Hochglanzmagazinen. Vincent, der fünf Jahre älter als sie war, hatte erlebt, wie sie vom Mädchen zur Frau herangereift war, wie aus einem Teen eine mächtige Hexe wurde. Er war damals zwanzig gewesen, als er ihr von der Bruderschaft als Beschützer zugeteilt worden war. Schon als er sie zum ersten Mal erblickt hatte, war es um ihn geschehen gewesen. Daher quälte ihn jede weitere Sekunde, die er mit ihr verbrachte. Sie immer nur ansehen zu dürfen, machte ihn schier wahnsinnig. Doch sein Beschützerinstinkt überwog. Er würde Noir auch vor sich selbst retten, wenn es sein musste.

Als sie ihren Motorradanzug aus Leder anzog, wusste er, dass ihm gleich eine Verfolgungsjagd bevorstand. Noir sah so heiß aus in dem engen Material, das sich wie eine zweite Haut an ihren Körper schmiegte, dass Vincents Fantasie Überstunden machte. In diesem Outfit hatte sie etwas Gebieterisches. Etwas teuflisch Attraktives. Ein wenig erinnerte sie an Catwoman. Seine Comic-Sammlung kam ihm in den Sinn. Ob Kara die Hefte immer noch unter ihrem Bett versteckte? War sie überhaupt noch der Wächterengel seiner Bruderschaft? Vincent dachte oft an Kara, die seine wichtigste Bezugsperson gewesen war. Sie war das einzige Geschöpf, das er seit seiner Abreise von „Zuhause“ vermisste.

Vincent atmete auf, als Noirs schlanke Gestalt unter dem Habit verschwand. Sie schlüpfte in ihre fast kniehohen Lederstiefel, in denen jeweils ein Dolch steckte, und ging zum Bett. Unter dem Kopfkissen zog sie ein Stoffhäschen hervor, das einmal weiß gewesen war, jetzt allerdings grau und mitgenommen ausschaute. Die Augen schließend, drückte sie das Plüschtier an ihre Brust. Dabei sah sie wie jenes kleine Mädchen aus, als das Vince sie kennengelernt hatte. Danach packte sie den Hasen mit ein. Sie schulterte die Tragetasche und verließ den Raum. Kurze Zeit später kam sie aus dem Nebentrakt, der im Garten des Klosters lag.

Von seinem Baum beobachtete Vincent ihre große Gestalt, die durch die Nacht schlich und um die Hausecke bog. Obwohl der Mond hell schien, verstand es Noir, sich beinahe unsichtbar zu machen. Unsichtbar für Menschen, aber nicht für Vincent. Sofort schnappte er sich den alten Rucksack mit seiner Kleidung, den er in der Krone der Eiche deponiert hatte. Noir hatte ihn einmal weggeschmissen und seitdem war er in Vincents Besitz übergangen. So gehörte ihm wenigstens etwas von ihr.

Vince sprang vom Baum und rannte auf das Kloster zu. Dort schlug er die Krallen in die Mauer und kletterte auf das Dach. Er sah, wie Noir in der Hecke verschwand, die innerhalb der Klostermauern an der Wand wuchs. Durch eine geheime Tür in der Mauer stahl sie sich vom Gelände in den dahinterliegenden Birkenwald. Dort hatte Noir ihr Motorrad versteckt, das sie jede Nacht auf ihren Streifzügen benutzte.

Vince stieß sich vom Dach ab, breitete seine Schwingen aus und segelte über die Klostermauer, um ihr wie ein Schatten zu folgen. So wie immer.

Kapitel 2 – London (wenige Tage in der Zukunft)

 

Kara haderte mit sich. Ausgerechnet einer Hexe sollte sie die magische Sanduhr übergeben? Warum ausgerechnet sie, Kara? Solche Tätigkeiten fielen schon lange nicht mehr in ihren Zuständigkeitsbereich. Kopfschüttelnd blickte sie auf das winzige Schmuckstück in ihrer Handfläche. Goldener Sand funkelte in dem Glas. Das Artefakt war erst vor Kurzem in den Besitz der Engel geraten und der Hohe Rat der Erzengel hatte sofort beschlossen, was damit zu geschehen hatte.

Karas Aufgabe war es, andere glücklich zu machen, sie zu beschützen oder von langem Leid zu erlösen, doch hatte es eine Hexe überhaupt verdient, von ihrem Leid erlöst zu werden? Der Hohe Rat hatte Kara mitgeteilt, dass dieser Frau ein bisschen Glück zustand, nach allem, was sie durchgemacht hatte und immer noch durchmachte.

Wer erlöste sie von ihrem Leid? Diesem immer stärker werdenden Wunsch nach …

Du liebe Güte, was hatte sie nur für Gedanken? Sie durfte als Engel nicht infrage stellen, wer etwas verdient hatte oder nicht. Das entschieden allein die Mitglieder des Rates. Dass Kara ihre menschliche Vergangenheit, an die sie sich nicht einmal erinnern konnte, sondern nur aus Raphaels Erzählungen kannte, noch nachhing, bemerkte sie erst jetzt. Eigene Bedürfnisse standen einem Engel auch nicht zu; zumindest nicht solche, die sich nicht mit den Grundsätzen des Rates vertrugen. Lust, Eitelkeit, freier Wille … all das war verboten. Es war ungerecht, in einem voll funktionsfähigen menschlichen Körper zu stecken. Er arbeitete weitgehend wie bei den Sterblichen, nur musste Kara weder essen noch schlafen. Wäre sie ein feinstoffliches Wesen wie manch andere Schutzengel, hätte sie sich nicht mit derartigen Schwächen herumplagen müssen. Als Wächterengel der Londoner Gargoyles war es hingegen vorteilhafter, eine richtige Gestalt zu besitzen. Ansonsten würden sie diese geflügelten Wesen auch nicht sehen können und eine Zusammenarbeit wäre schwerer.

Kara fragte sich immer noch, warum daher ausgerechnet sie jemandem ein magisches Artefakt überbringen musste, wo es nicht zu ihren Aufgaben gehörte. Aber Kara hatte Raphael noch nie etwas ausschlagen können. Immerhin hatte er ihr viel beigebracht. Kara schmunzelte bei den Gedanken an ihre ersten Flugversuche.

So ein fester Körper hatte allerdings was. Seufzend schaute sie in das schmutzige Schaufenster eines leeren Ladens, der sich in einer schäbigen Seitenstraße befand, um ihr Spiegelbild zu betrachten. Soeben hatte sie ihre Flügel verschwinden lassen. Ohne ihre Schwingen sah sie anders aus. Kara fühlte sich dann erst recht nicht wie ein richtiger Engel. Bestimmte Sehnsüchte rückten in dieser Gestalt leider auch stärker in den Vordergrund. Sie vermied es, sich in die Augen zu sehen. Jedem Engel wohnte ein Leuchten inne, sein Seelenlicht, das man durch die Pupillen hindurch wahrnehmen konnte. Je reiner die Seele war, desto heller der Glanz. Ihr Licht würde bestimmt nicht mehr als ein goldenes Glimmen sein. Sie wollte es gar nicht so genau wissen. Sie war eben nicht perfekt.

Kara drehte sich vor dem Fenster. Ihre Schwingen waren nicht etwa unsichtbar – sie waren ganz und gar verschwunden. Kara könnte sie aber jederzeit erscheinen lassen. Jetzt musste sie einen Antiquitätenhändler hier in London aufsuchen, mit dem sich die Hexe in Kürze treffen wollte – wie ihr Raphael mitgeteilt hatte –, daher sollte Kara für Menschen sichtbar sein und sterblich aussehen, um einen vertrauenerweckenden Eindruck zu machen. Die Hexe war wohl etwas unberechenbar. Ganz toll.

Kara drehte sich erneut vor dem staubigen Fenster. Was für eine sündhafte Figur sie besaß. Große Brüste und kurvige Hüften. Eigentlich fand sie sich etwas mollig, aber es gefiel ihr, wenn sich Männer wie Frauen nach ihr umdrehten, daher trug sie gern figurbetonte Sachen. Weil sie immer flugbereit sein musste, hatte sie nur ein bauchfreies und trägerloses Bustier an. Ihre Flügel, die an ihren Schulterblättern saßen, brauchten Platz. Dazu trug sie am liebsten Röhrenjeans und bequeme Sneakers. In der Hand hielt sie einen Sommermantel aus einem eleganten, dünnen Stoff. Dunkelgrau, passend zum düsteren Himmel. Sie fror als Engel zwar nicht, aber es würde für die Menschen seltsam aussehen, wenn sie bei diesem widerlichen Spätsommerwetter nur in einem knappen Top herumspazierte.

Sie drehte sich noch einmal. Ja, sie sah aus wie eine junge Frau von der Erde. Es war derselbe Körper wie damals, als sie tatsächlich ein Mensch gewesen war. Hatte ihr Raphael erzählt.

Meine Güte, sie hatte nicht nur Vorurteile Hexen gegenüber, sondern war auch noch eingebildet. Sie zwang sich, den Blick in die schäbige Gasse vor ihr zu richten. Was war sie nur für ein untypischer Engel! Aber man konnte sich seine Bestimmung nicht aussuchen. Sie hätte ansonsten garantiert kein Engel werden wollen. Ungern befolgte sie Anweisungen. Doch einen eigenen Kopf zu haben, konnte einen Engel die Flügel kosten, worauf er tief fiel, sehr tief.

Sie gab sich einen Ruck und schritt durch die verlassene Passage auf das Antiquitätengeschäft zu, das etwa fünfzig Meter vor ihr lag, gut versteckt in einem Hinterhof. Die Umgebung wirkte nicht sehr einladend. Es roch nach Müll; Ratten wühlten sich durch einen Stapel alter Kartons und irgendwo bellte ein Hund. Dicke graue Wolken versperrten die Sicht auf das Blau des Himmels, aber durch die Hausdächer blieb es in der engen Gasse weitgehend trocken.

„Warum muss es in London ständig regnen?“, murmelte sie. Kara hasste Regen – Verzeihung: Sie mochte ihn nicht –, weil er widerspiegelte, wie es in ihr aussah. Trist. Kühl. Seufzend zog sie sich den Mantel an.

Wenn du deine Mission erfüllst, wirst du mehr als eine Seele retten, hatte ihr Raphael zwinkernd mit auf den Weg gegeben. Kara wünschte, ihr ehemaliger Mentor, der ebenfalls dem Hohen Rat angehörte, hätte sich präziser ausgedrückt. Er sprach liebend gern in Rätseln. Doch sie spürte, dass er recht hatte. Kara hatte die Gabe, Visionen zu empfangen, seit sie ein Engel war. Sie äußerten sich bei ihr nicht in Bildern, sondern in Gefühlen. Jetzt sagten sie ihr, es würde zwar verdammt hart, aber letztendlich alles gut werden. Für wen? Für die Hexe? Oder auch für sie?, überlegte sie in einem weiteren Anfall von Selbstmitleid.

Als sie im Hinterhof ankam, spürte sie, dass in dem Laden eine finstere Präsenz lauerte. Sie musste sich ihr stellen, auch wenn sie sich großer Gefahr aussetzte. Aber sie war hier ja nur der Engel, ein Handlanger, eine billige Hilfskraft, die … Ist ja gut, jetzt!, schalt sie sich. An die Arbeit! Ihr Selbstmitleid konnte sie sich für andere Stunden aufheben. Tief durchatmend schritt sie durch den strömenden Regen auf ihr Schicksal zu.

 

***

 

Ash trommelte mit den Fingern auf den abgenutzten Tresen. Er hasste diese Warterei, doch er konnte sein Glück kaum fassen. Die Hexe war auf dem Weg hierher! Jene Hexe, nach der Ceros, sein Boss, seit Jahren suchte. Endlich war sie Ash in die Falle gegangen. Ein Dämon hatte ihm vor ein paar Stunden diese vertrauliche Nachricht mitgeteilt, und seitdem verharrte Ash in dem Antiquitätenladen. Er hatte schon oft hinter dem Ladentisch gestanden, während Mr. Burke, der Inhaber, wie tot zu seinen Füßen lag. So sahen die Kunden ihn nicht und hielten Ash für den Greis. Im Laufe der Jahrhunderte hatten sich seine dunklen Kräfte vervielfacht, sodass er ohne Mühe die Gestalt eines anderen annehmen konnte.

Mr. Burke war ein Mensch, der im Auftrag der Dämonen magische Artefakte ankaufte, wenn ihm welche angeboten wurden. Ash gab sich regelmäßig für den Alten aus, um seinem Herrn die Utensilien zu beschaffen, bevor andere Dämonen sie ergatterten. Der alte Mann würde sich beim Aufwachen an nichts erinnern, weshalb er Ash nicht an die anderen verpfeifen konnte.

Ashs Leben bestand aus Warten, Aufgaben erfüllen, seinem Herrn gefallen und ihm bedingungslosen Gehorsam leisten. Er hasste dieses Sklavendasein. Wenn der Pakt nicht wäre, der ihn an den Dämonenfürsten Ceros band, könnte Ash sein eigenes Leben führen, seinen eigenen schmutzigen Geschäften nachgehen und wäre in der Unterwelt bestimmt schon eine große Nummer. Aber heute spürte er es in seinem schwarzen Blut, heute war sein großer Tag. Alles würde sich ändern. Er würde sich die Hexe schnappen, an das zweite Medaillon kommen und endlich frei sein! Dann brauchte er sich nicht mehr dafür zu verfluchen, dass er die Hexe vor vielen Jahren hatte laufen lassen.

Plötzlich erregte ein goldenes Funkeln außerhalb des Ladens seine Aufmerksamkeit. Angestrengt schaute Ash aus dem kleinen Fenster zu seiner Rechten. Da das Geschäft an keiner Straße lag, musste jeder, der es aufsuchte, zwischen zwei eng beieinanderstehenden Häusern hindurchgehen. Aus dieser düsteren Passage war das Licht gekommen. Ob das die Hexe war?

Er vergewisserte sich, dass Mr. Burke weiterhin schlafend zu seinen Füßen lag und Ash noch wie der Alte aussah: mit Stoppelbart und schütterem Haar, in ein Holzfällerhemd und abgenutzte Jeans gekleidet. Harmlos. Die Hexe würde ihm hoffentlich in die Falle gehen.

Der Blick seiner an die Dunkelheit gewöhnten Augen durchschnitt den Regenschleier. Auf einmal spürte Ash eine uralte Macht, eine göttliche Kraft, die ihm vertraut war. Seine Eingeweide zogen sich zusammen. Er zitterte, eine Gänsehaut bemächtigte sich seines Körpers. Diese Potenz durchdrang jede seiner Zellen und brachte seinen Organismus durcheinander. Danach gab ihn die überirdische Macht frei. Diese Reinheit, diese Perfektion … Das hielt ja kein Dämon aus!

Ash schüttelte sich. Zurück blieb ein Gefühl der Leere sowie ein Ziehen hinter dem Brustbein. Ash verspürte Neid, aber auch eine Sehnsucht, die ihn in seinem dämonischen Dasein schon öfter gequält hatte. Ob er sich jemals damit abfinden könnte, dass er nicht mehr in der oberen Liga mitspielte?

„Engel!“, zischte er und seine Hände ballten sich zu Fäusten. Hatte die Hexe Verstärkung mitgebracht?

Es sah jedoch aus, als käme der weibliche Engel allein. Ash entspannte sich. Mit einem Engel würde er mit Leichtigkeit fertig werden, aber nur, weil er ihre Schwachstelle kannte. „Du bist ja ein selten hübsches Exemplar“, murmelte er, als er durch das Fenster die kleine Gestalt bewunderte, die mit dem Glitzerding in der Hand im Schatten der Häuser stand. Ihr blondes Haar reflektierte die goldenen Strahlen, bevor sie ihre Faust um den Gegenstand schloss und das Licht erlosch. Ihre weißen, ausladenden Schwingen berührten beinahe die Hauswände auf jeder Seite.

Ash seufzte. Flauschige Flügel hatten was, besonders bei einem weiblichen Engel, der so heiß aussah. Ein knappes Bustier verdeckte ihre üppigen Brüste, ihre Beine steckten in einer eng anliegenden Hose. Anerkennend pfiff Ash durch die Zähne. Gute Taktik von denen da oben, solch ein Sahnestück herunterzuschicken. Kam sie, um ihn zu prüfen? Hatte Raphael sie geschickt? Ash fiel es immer schwerer, sein vorgetäuschtes Aussehen aufrechtzuerhalten.

Als der Engel plötzlich seine Flügel verschwinden ließ, keuchte Ash enttäuscht auf. Er spürte aber, dass sie nun für menschliche Augen ebenfalls sichtbar war. Sie sah aus wie eine Sterbliche. Wer genau hinschaute, erkannte allerdings eine schwach leuchtende Aura. Sie verhinderte auch, dass der Regen auf die Haut dieses himmlischen Geschöpfs traf. Das Wasser prallte einfach ab. Was hatte der Engel in dieser mehr als kriminellen Gegend zu suchen? Oder … Nein, sie suchte nichts, sie brachte etwas. Ein Artefakt! Dieses glitzernde Etwas, das sie immer noch in ihrer Hand hielt. Ash sah es wieder aufleuchten.

Bingo! Das gäbe einen Extrabonus zur Hexe. Ein Engel auf Abwegen? Die Kleine gefiel ihm immer besser, wobei Ash ein wenig enttäuscht war. Er hatte gehofft, nach so langer Zeit endlich ein Zeichen von Raphael zu erhalten. Oder handelte es sich um eine Falle? Wollten die da oben seine Geschäfte vereiteln? Hatten sie die Hübsche zum Spionieren geschickt? Ach, verdammt, die Blondine brachte ihn total durcheinander – nicht nur ihn, auch seinen Tagesablauf und seine Pläne. Nun gut, Ash hatte sowieso noch ein Hühnchen mit den Erzengeln zu rupfen. Er hatte die Schnauze voll!

Abermals unterdrückte er einen Laut der Enttäuschung, als sich die hübsche Frau einen langen Mantel anzog, der ihre sündhaften Kurven vor seinen Blicken versteckte. Was vielleicht ganz gut war, denn Ash hatte Gedanken, die ihm nicht gefielen. Die Gedanken an sich schon, aber wollte er sie wirklich mit einem Engel ausleben? Seinem Erzfeind? Er ignorierte das Ziehen in seinen Lenden und machte sich auf alles Mögliche gefasst, als auch schon die Tür aufging.

Das Glöckchen am Rahmen bimmelte. Sie trat ein. Nachdem die Tür hinter ihr zugefallen war, blieb sie wie angewurzelt im Laden stehen. Nun war es nicht ihre göttliche Kraft, die jeden Nerv in Ash zum Vibrieren brachte, sondern ihr Sexappeal. Aus der Nähe betrachtet war das Engelchen noch viel umwerfender. Die Art, wie sie ihre süße Nase kräuselte, ihre makellose Haut, die großen Augen, die hohe Stirn, ihre ganze Ausstrahlung machte sie ungemein anziehend. Verdammt, dieses Grün! Ihre Iriden strahlten wie zwei Smaragde und ihr Seelenlicht, dieses goldene Leuchten hinter ihren Pupillen, ließ sie erst recht funkeln. Ash bekam Herzklopfen, nur weil dieser sexy Engel ihn anstarrte. Leider wurde er sich abermals bewusst, dass er zwar ein Dämon, aber auch nur ein Mann war, der gegen weibliche Reize nicht immun war. Wie gern wollte er ihr herzförmiges Gesicht streicheln, ihr Haar zerwühlen und sie auf diese vollen Lippen küssen. Teufel noch mal, sie war die Fleisch gewordene Sünde! Und sein Erzfeind. Ash sollte niemals vergessen, dass er die Seiten gewechselt hatte.

Ein greller Energieblitz formte sich in ihrer Faust, den sie jedoch nicht auf ihn schleuderte. Er war wohl als Warnung gedacht. Eine Zeit lang maßen sie sich schweigend mit Blicken. Es war offensichtlich, dass sie ihn als Dämon erkannt hatte, denn die andere Seite konnte das Böse ebenso fühlen wie Ash ihre himmlische Macht. Daher verwandelte er sich hinter der Theke in seine wahre Gestalt zurück. Er wollte keine Energie für eine Illusion verschwenden, musste jetzt im Besitz seiner vollen Kräfte sein.

Die Augen der himmlischen Blondine wurden größer. Aus Ash, dem Greis, wurde ein Mann, der optisch etwas über dreißig Menschenjahre alt war. Er besaß rabenschwarzes Haar, himmelblaue Augen, eine vielleicht einen Tick zu große Nase – aber die meisten Frauen wussten, was man sich über große Nasen erzählte – und eine hoch gewachsene Statur mit breiten Schultern. Ash fand, sein Äußeres habe etwas Aristokratisches. Na ja, bei seiner Vergangenheit …

Das Engelchen musterte seine Gestalt von oben bis unten, ihr Gesicht nahm einen arroganten Ausdruck an. Sie wusste, dass er Eindruck schinden wollte. Aber er sah ja auch teuflisch gut aus. Schon viele Menschenfrauen waren, geblendet von seiner Attraktivität, auf ihn hereingefallen. Ash hatte sich mit ihnen vergnügt und ihnen einen unbedeutenden Teil ihrer Seele genommen, denn von irgendwas musste er sich ja ernähren. So war das eben bei den seelenlosen Dämonen. Sie brauchten diese Energie wie Menschen Essen und Trinken. Ohne Seelennahrung würde ein Dämon immer schwächer werden, seine Kräfte nachlassen und schließlich würde er sterben. Doch Ash war nie so weit gegangen, dass er die Seelen ganz ausgesaugt hatte, bis zum bitteren Ende. Ein Fünkchen Anstand besaß er noch. Oder hatte er besessen, bis heute, weil er immer auf Erlösung gehofft hatte. Er wusste allerdings, dass es vergebene Mühe gewesen war. Raphael, sein allerbester „Freund“ hatte ihn „sauber verarscht“, wie er gern zu sagen pflegte.

So oder so wäre es jedoch eine Verschwendung gewesen, seine Liebchen umzubringen, wo er vernarrt war in hübsche Frauen. Sie hatten ihm alle zu Füßen gelegen, ihm, dem Meister der Verführung. Dem Meister der Gelüste. Nein, er war kein bisschen eingebildet wegen seines Aussehens oder seiner exorbitanten Fähigkeiten auf horizontaler Ebene. Sein Äußeres war das Einzige, was ihm aus seinem früheren Leben geblieben war. Es war eine Waffe, mit der er meisterlich hantieren konnte. Sein Charme war seine größte Schlagkraft. Ob er auch bei einem in ewiger Keuschheit lebenden Engel wirkte? Vielleicht gerade deshalb.

Fast tat sie ihm leid. Ash hatte zuvor gespürt, dass sein Täubchen keine von den ranghöheren Wesen war. Dazu war ihre Aura nicht strahlend genug. Ob sie wusste, dass sich die Erzengel oder die sieben Herrscher der Erde beinahe alles herausnehmen durften, solange sie ihre Pflichten erfüllten, während Schutzengel oder andere niedere Wächter an strenge Konditionen gebunden waren? Sie durften keine Lust, Stolz oder Eitelkeit empfinden und besaßen keinen freien Willen. Entweder sie taten, was der Rat ihnen sagte, oder sie würden fallen. Tja, auch da oben war nicht alles gerecht.

Ein Funkeln drang durch den dünnen Stoff ihrer Manteltasche. Das riss Ash aus seinen Tagträumen. Dort bewahrte sie das Artefakt also auf. Ash versuchte, nicht den Blick darauf zu richten, damit sie nicht misstrauisch wurde. Stattdessen sagte er: „Was verschlägt einen Engel in diese Gegend?“

„Geschäfte“, erwiderte sie kühl.

Ihre Stimme drang wie eine Sommerbrise in sein Ohr und vernebelte sein Gehirn. Das konnte ja heiter werden. Wenn allein schon ihre Stimme ihn aus dem Konzept brachte. Ash verschränkte die Arme vor der Brust, damit sie erkannte, dass er nicht beabsichtigte, sie anzugreifen. Außerdem kamen so seine Muskeln besser zur Geltung.

Das Engelchen ließ ihren Energieblitz jedoch nicht verschwinden. Langsam trat Ash hinter dem Ladentisch hervor, setzte sein betörendstes Lächeln auf und fragte wie beiläufig: „Kann ich dir bei deinen Geschäften irgendwie behilflich sein?“ Es trennten ihn nur drei Schritte von ihr.

„Du könntest verschwinden, Dämon.“

Verdammt, sie war immun gegen seine Verführungskünste. Das hätte er sich denken können. Daher zögerte er keine Sekunde und machte einen Satz nach vorn. Im selben Augenblick warf sie den Blitz nach ihm. Er duckte sich, rollte zur Seite, erfasste ihre schlanken Fesseln und riss sie von den Füßen.

Sein Engelchen landete undamenhaft auf dem Bauch, während ihr Energiegeschoss in den Ladentisch einschlug. Holz splitterte auf sie beide herab. Ein großes Loch befand sich nun in der Wand des Tresens, durch das man den schlafenden Ladenbesitzer sah, der unversehrt dahinter lag. Als sich Ash auf ihren Rücken setzen wollte, um sie bewegungsunfähig zu machen und das Artefakt an sich zu reißen – und um in den Genuss ihres prallen Hinterteils zu kommen –, erlebte er eine Überraschung. Schlagartig brachen ihre Flügel durch den dünnen Stoff des Mantels und rissen diesen in Fetzen. Das gewaltige Federkleid kam wie eine weiße, weiche Wand auf ihn zugeschnellt. Durch die Wucht wurde Ash zurückgeschleudert. Hart krachte er mit dem Rücken gegen die Tür. Es waren allerdings nicht die kaum beachtenswerten Schmerzen, die ihn daran hinderten, aufzustehen, sondern der Anblick des Engels und der Duft ihrer Federn, der ihm nicht aus der Nase ging. Sie rochen wie eine Wiese im Frühling, wie frisch gebackener Schokoladenkuchen und dieses Zitronenshampoo, das er so gern benutzte. Einfach himmlisch!

Elegant kam sie auf die Beine und wirbelte herum, einen weiteren Energiestrahl in der Hand. Zwei Falten hatten sich zwischen ihren goldenen Brauen gebildet, und wenn Blicke tatsächlich töten könnten …

„Du legst es geradezu drauf an!“

Er lächelte, wobei er in aller Ruhe den Blick über ihre Formen gleiten ließ. Engel und Dämonen lebten im Moment in einer Art Frieden. Ein Pakt hatte das vor tausend Jahren besiegelt. Natürlich gab es immer welche, die sich nicht daran hielten, bevorzugt Mitglieder seiner Seite. Die Engel waren jedoch meist loyal, deswegen durfte Ash relativ entspannt sein. Sie veranstalteten eher ein Kräftemessen und töteten nur, wenn sie sich wirklich bedroht fühlten. Diese überheblichen Wesen. Ash lachte in sich hinein. Wenn die da oben wüssten, dass er ihre Schwachstelle kannte!

Ash musste nur näher an das Engelchen heran. Theatralisch seufzend legte er sich eine Hand auf die Brust. „Durch deinen entzückenden Blitz zu sterben, wäre für mich das wunderb…“ Weiter kam er nicht, denn das winzige Glitzerding blitzte nur einen Meter vor ihm auf dem Boden auf. Jetzt erkannte Ash, was es war: eine Sanduhr. Es war der goldene Sand hinter dem Glas, der das Funkeln verursachte. Konnte es die Möglichkeit sein? Ash hielt die Luft an. Er hatte viele Geschichten über dieses Artefakt gehört, mit dem man angeblich durch die Zeit reisen konnte. Er musste es unbedingt haben! Sein Herr würde sich dankbar erweisen, oder … Natürlich! Ash konnte die Uhr benutzen, um in der Zeit zurückzureisen und sein eigenes Schicksal neu zu bestimmen.

Ungezügelte Aufregung ergriff von ihm Besitz. Endlich würde er frei sein! Er könnte alle Geschehnisse rückgängig machen. Doch er zögerte einen Moment zu lange. Schon lag der Engel wieder am Boden und begrub die kleine Uhr unter sich. Ash landete auf ihren Flügeln. Wenn sich der Engel jetzt auflöste – und das würde er –, wäre das Artefakt mit ihm verschwunden.

Pfeilschnell drückte Ash den Daumen in die Kuhle an ihrem Nacken, wo die Wirbelsäule im Schädel verschwand. Der Engel unter ihm versteifte sich und keuchte auf. Damit hatte sie nicht gerechnet.

„Lass deinen Blitz verschwinden, Süße“