Sie leben auf einer Farm mit Pferden, Hunden, Schafen, Katzen und Kaninchen und lieben die Natur über alles: Calpurnia und Travis. Auf ihrer Tierstation pflegen die tierlieben Geschwister kleine und große, zahme und sogar wilde Tiere. Doch während Callie ihr Wissens- und Forscherdrang antreibt, zieht Travis der Wunsch nach einem neuen Haus- und Kuscheltier nach draußen. Als er ein verstoßenes Stinktier-Baby entdeckt, nimmt er es mit nach Hause, um es aufzupäppeln. Doch Stinky bringt den Farmfrieden ganz schön durcheinander. Kann er das Stinktier vor den Augen seiner Mutter — und erst recht vor deren Nase — verbergen? Ein spannender und lustiger Ausflug in das Farmleben vor 100 Jahren.
Jacqueline Kelly
Calpurnias Tierstation
Ein Zuhause für das Stinktier
Aus dem Englischen von Birgitt Kollmann
Mit Illustrationen von Alexandra Prischedko
Carl Hanser Verlag
Nichts von all den schrecklichen Dingen, die passiert sind, hätte passieren müssen, wenn das Stinktier nicht die Aufmerksamkeit auf sich gezogen hätte, indem es unseren Garten umgepflügt und einen Berg Gemüse gestohlen hatte. Wenn Vater den Lohnarbeiter nicht beauftragt hätte, eine Falle aufzustellen und das Tier zu töten. Wenn das Stinktier nicht ausgerechnet ein Junges gehabt hätte, das ganz in der Nähe in einem Baum versteckt war. Und wenn mein jüngerer Bruder Travis das hungrige Kleine nicht gehört hätte und stehen geblieben wäre, um dem Weinen auf den Grund zu gehen.
Doch es kam zu genau dieser unglücklichen Verkettung der Ereignisse, und so schaffte mein Bruder es, sich an ein und demselben Tag erst wie der letzte Idiot aufzuführen und am Ende als Held gefeiert zu werden.
Du fragst dich vielleicht, wie ein Junge von elfeinhalb beides an einem Tag fertig bringt. Ich werde es dir erzählen, und es ist die reine Wahrheit. Es mag in unserer Stadt — Fentress in Texas — Menschen geben, die mich im Verdacht haben, es mit den Tatsachen nicht immer so genau zu nehmen, aber ich schwöre: Dieses Mal ist alles die reine Wahrheit.
1901 lebten wir in einem großen weißen Haus nahe beim San Marcos River — ich selbst, meine Mutter, mein Vater, Großpapa und meine insgesamt sechs Brüder. Wie es mir passieren konnte, in so einem schrecklichen Chaoshaufen von lauter Brüdern zu landen, werde ich nie verstehen. Das Leben ist nun mal nicht immer fair.
Flüsse ziehen alle möglichen Tiere an, und wenn man sich zufällig dafür interessiert, ist es sehr praktisch, nahe bei einem Fluss zu wohnen. Travis und ich interessierten uns beide für wilde Tiere, allerdings aus unterschiedlichen Gründen. Mein Interesse hing damit zusammen, dass Großpapa mich in den Naturwissenschaften unterrichtete. Zusammen beobachteten wir alle Arten von Leben, ob wild oder zahm, groß oder klein, ob Flora oder Fauna (was so viel heißt wie Pflanzen und Tiere). Travis hingegen war verrückt nach Tieren, die er als Haus- und Kuscheltiere halten konnte. Ständig brachte er irgendein wildes Tier mit nach Hause, das er unbedingt zähmen wollte. Er war fest entschlossen und gab nicht auf, auch wenn das Tier ebenso fest entschlossen war, kein Haustier zu werden.
An einem schönen Tag im Mai ging Travis zum Fluss hinunter. Auf einmal hörte er ein unbekanntes Geräusch, ein Gemisch aus Quieken, Zischen und Knurren.
»Hallo?«, rief Travis. »Wer da?«
Das Geräusch verstummte. Andere Jungen hätten vielleicht Angst bekommen, doch Travis kannte sich in unserem Wald gut aus und war nicht ängstlich. Er blieb ganz still stehen, bis er das Geräusch wieder hörte. Es kam aus einem hohlen Baum. Travis spähte hinein und entdeckte ein kleines Tier, das zu ihm aufsah.
»Ein Kätzchen! Wie bist du denn da reingekommen? Keine Sorge, ich helf dir da raus, und dann suchen wir zusammen nach deiner Mama.«
Travis langte in die Höhle und zog das Kätzchen behutsam heraus. Nur dass das warme Fellknäuel in seiner Hand kein Kätzchen war. Es war ein junges Stinktier.
Vor Schreck ließ Travis das Tierchen fast fallen. Doch er wusste, dass Stinktiere ihr beißendes Sekret nur versprühen, wenn sie Angst haben oder wütend sind, also stand er still und stumm da. Beide starrten einander an. Das Junge hatte glänzende schwarze Augen, zwei Streifen auf dem Rücken und wuscheliges Fell. Es schnüffelte an Travis’ Hand und wollte an seinem Daumen knabbern.
»Armes Kerlchen! Du hast sicher Hunger. Wo ist denn deine Mama? Wir sollten sie dringend suchen.« Er suchte die Umgebung nach der Mutter ab, fand aber keine Spur von ihr.
Schließlich sagte er: »Dann muss ich dich wohl mitnehmen. Deine Mama wird nicht glücklich darüber sein und meine auch nicht. Sie mag es nicht, wenn ich wilde Tiere ins Haus bringe, dabei verstehe ich gar nicht, was daran falsch sein soll. Also muss ich dich irgendwo verstecken, sonst kriegt sie einen Anfall.«
Das kleine Stinktier fing zu grummeln und zu zappeln an, deshalb steckte Travis es unter den Latz seiner Hose, wo es sich gleich zusammenkuschelte. (Die Welt ist ein grausamer Ort für ein verwaistes junges Stinktier, es sei denn, es hat das große Glück, meinem Bruder über den Weg zu laufen.)
»Na gut, dann bringe ich dich jetzt mal in dein neues Heim.« Das Junge war ganz ruhig, während Travis angestrengt überlegte, wie und wo er es vor unserer Mutter verstecken sollte.