Impressum

Schatz im Scheißhaus und andere Erzählungen

© 2019 Dr. Dieter Scheidig

Alle Rechte vorbehalten

Autor: Dieter Scheidig, Borngasse 2-3, 07407 Rudolstadt

Lektorat, Fotos und Buchgestaltung: Jörg Nowack

Foto des Autors: privat

Herstellung und Verlag: BoD - Books on Demand GmbH, Norderstedt

ISBN: 978-3-749-402-61-8

Dieses Werk ist in all seinen Teilen urheberrechtlich geschützt.

Alle Personen und Handlungen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder bereits verstorbenen Personen sind deshalb zufällig und keinesfalls beabsichtigt.

Meiner Mutter

GERDA ELISABETH SCHEIDIG,

geb. Dorsch

06.07.1930 - 09.06.2018

Friedrichsmühle,
Ostpreußen - Albert-Anton-Haus, Rudolstadt

Dieter Scheidig

Schatz im Scheißhaus

oder

Das Daimonium des Rasmus P.

Erzählung

Ich bin allerdings arm und an Erfolglosigkeit hat es mir bis heute nie gefehlt, aber das Leben kann auch ohne Erfolg hübsch sein.

Robert Walser (1878-1956)

VORBEMERKUNG DES AUTORS

Noch in unserer technik-beherrschten Medien-Jetztzeit gibt es übrigens Zufälle, deren surreale Merkwürdigkeit durchaus die kühnste Kino- und Romanvorstellung nicht zu erahnen vermag. Diese Zufälle scheinen geeignet, Zweifel zu wecken, ob die Wirklichkeit auch gleichzeitig das Vernünftige ist (wie es ein großer Berliner Kathedergegner Schopenhauers einst behauptete – und schrieb!).

Wir gehen weiter: Ob die Wirklichkeit die Wirklichkeit ist? Zufälle und Ereignisse: Sie beweisen in ihrer geschehenen Wahrhaftigkeit die Kleinheit der Welt und ihren zielstrebigen Plan, in welchem ein jeder von uns einen Zweck und Auftritt zu haben scheint, wenn der Flug über den Tag beginnt…

Inhaltsverzeichnis

EINGANG

Gordon Beigrieß ist tot.

Heute früh, am 8. Januar 2016, las ich die Todesannonce; neben einer Anzeige für WeightWatchers ›Leichter einsteigen, schneller abnehmen!‹ und einer, die für traumhaft schöne Lederjacken in softweichem Lamm-Nappa warb. Erschüttert lehnte ich mich zurück. Er war über viele Jahre mein Freund. Na ja, nicht Freund im herkömmlichen Sinn, nicht mit vierzehntäglichen Unterhaltungen über des Kleinbürgers Wunderhorn-Welten, so wie etwa Xenon-Licht am Auto, Geldkatzeninhalt, Benzingespräche, Verdienst, Ficken und Biersorten. Vielleicht auch, aber nicht nur. Vor allem war er problematisch. Nicht so sehr für andere, da war er katzenhaft freundlich, nein, problematisch für sich selbst. Meine Augen füllten sich mit Tränen. Ich weine nämlich leicht. Er war nicht mehr da. Nicht mehr da!

Ob er jetzt woanders war, vermochte ich nicht einzuschätzen. Ich hab so’n komischen, kapellenlosen Glauben, in dem ich manchmal versuche, zu beten. Hat für mich n’ spürbaren psychologischen Nutzeffekt, so wie viele religiöse Traditionen über ihre Bedeutung hinausgehen. Meine ich jedenfalls. Kapellenloser Glauben is’ übrigens nicht von mir, sondern vom ollen Rilke; aus’m Weihnachtsgedicht. Wollen ja nicht gleich mit Lügen anfangen, nicht sofort jedenfalls … Zum Beschönigen und Light-Schwindeln gibt es später vielleicht noch triftigere Gründe. Nein, ein Sympath war er nicht. Betrauern tut ihn auch niemand so recht. Seine Mutter starb Mitte der achtziger Jahre (glaub ich, oder war es Ende?), sein Vater, den er zu betutteln hatte, kurz vor der lärmend und zudem noch falsch gefeierten Jahrhundertwende.

Wochen später. Das Sturmtief »Berta« heult über Mitteldeutschland, die Dachziegel über mir klappern hörbar. Ich soll die Tagebücher und den gesamten Schriftkram von Gordon bekommen.

Wild bin ich auf den Kram nicht, allenfalls ein wenig voyeuristisch, ob er was über sein Ende vorweggenommen hat. Und die Sache mit der Hilke Jöster, von mir zynisch »Hübschi!« genannt (nur nicht in seinem Beisein!), der er über vier Jahre den Hof machte. – Narr! Diese Hübschi! Dieses hellblonde Scheißstück! Diese Pornopuppe! Nicht nur, dass Beigrieß seine Zeit gern und viel mit ihr verbrachte – gefickt hat er sie wohl nie – das Mensch sah mich auch schlimmer an als ein KZ-Arzt. So musternd! So wertend! So von oben bis unten. Gescannt und durchgefallen.

War mir doch egal. Aber das wollte ich hier nicht oder noch nicht sagen.

Heute rief mich Gordons Tante (die Schwester seiner Mutter) mit süffisant-wichtiger Stimme auf’s Handy an. Ich wusste gleich, um was es ging. Gott, die hatte ’ne Tonlage, als ob ich den Aral-Konzern erben würde. Wild bin ich auf seinen Schriftkram wirklich nicht. In der Mittwochs-Mittagsstunde piepte es die eingestellte, totgespielte Mozartmelodie, als ich mir in meiner Strohwitwerbude ’n Spiegelei machte. Zur kurzen und emotionslosen Erklärung dieser auch dem Leser nicht fremden Küchentätigkeit: Bin ohne Job. Kurz und schmerzlos. Sind heute viele. Apropos Handy. Der tote Beigrieß hatte keines, ich höre ihn noch in seiner raschen, rasselnden Sprechweise lamentieren: »Warum keine Telefonnummer? Warum kein Handy?Weil man sich in geschriebenen Zeilen und gegenwärtig gesprochenem Wort weniger verstecken kann und ich den allumfassenden Kommunikationstaumel übers Handy nicht mitmache. Es zersetzt die Stille, das Luxusgut Nichterreichbarkeit, die Konzentration. Dagegen ist ein Brief oder vor allem die Gegenwart des Anderen: Alles!« So oder ähnlich mistete er mein kleines silberfarbenes Huawei-Bildfunk-Schächtelchen ab. Hm. Nachpapageien des Mainstreams war wirklich nicht sein Ding.

Tage danach schleppte ich vier Umzugskartons mit Blättern, Büchern und Fotos in meine Wohnung (mein gewaltiges Gordon-Erbe! Aral-Konzern! Stinnes! Rockefeller!). Es passte gut. Mein Sohn (18) lebt sowieso bei meiner Ex und ich hatte ein paar Tage Urlaub (beim Arbeitsamt angemeldet).

Ach so, ich habe noch kein Wort über mich verloren, ich bin R., Ende vierzig und lebe in einer touristenbesuchten Saalestadt in Nordthüringen, heute zu Sachsen-Anhalt gehörend. Ja, die mit der kühlen Uta-Figur im Dom! Und vor allem in diesem Sakralbau die mir fatal ähnliche Gestalt des Dietrich von Brehna, nicht weit vom Ekkehard und seiner »Fruwe« entfernt … Sein erstaunter Blick, sein etwas blöde erscheinender, im Öffnen befindlicher Mund …

Seit dem Aus meiner Langzeitbeziehung vor zehn Jahren habe ich nix Neues gefunden…Die Menscher, die ich nach meiner Ex hätte haben können, wollten mich vor zwanzig Jahren nicht, jetzt will ich sie nicht… zerfickt, zeraltert, zerstört, mürbe … leichten Ansatz von Flaum und Damenbart; nee, nee, bleibt mal breitärschig dort sitzen, wo ihr sitzt … Ich leb so allein, halt allein, unterbrochen nur durch Gordons Besuche.

Der Gordon … Scheiße!

»Tod ist nicht Tod, ist nur Veredlung sterblicher Natur« Das kann zehnmal in roten Sandstein gemeißelt an der Georgenmauer stehen, gegenüber meinem klapprigen Stubenfenster … Unbegreiflich! Floskelkram im Angesicht des Unbegreiflichen, ja schlicht: Affenseech! Um dieses mitteldeutsche Negativ-Substantiv, eigentlich mehr ein Adjektiv für Sinnloskram, hier mal zu benutzen.

Gordon wohnte des Übrigen in einem verstädterten Dorf nördlich von Jena. In einem vernachlässigten gelben Eckhaus wohnte er (zur Miete natürlich, wie prozentual gerechnet die meisten Menschen der BRD) und war immer völlig begeistert von meiner Wohnlage in der Georgenmauerstraße, gegenüber eines durchgrünten und längst nicht mehr durch Trauernde begangenen Friedhofsdschungels. Wohl ein Garnisonfriedhof. In Naumburg lag traditionell viel Militär. N’ Haufen Gräber von hohen Offizieren des VI. Preußischen Kavalleriearmeecorps. Majore, königlichborussische Lieutenants und Generäle ruhen, im Tode harmlos geworden, neben adeligen Gattinnen und gelehrten Domdechanten.

Wir waren oft auf diesem Ort. Er sagte nicht Friedhof. Er sagte Gottesacker. Seine Lyrismen. Seine ganze Scheißlyrik! Genützt hat sie ihm gar nichts. Aber das ist wohl auch nicht das Ziel solcherart Sachen.

Ich will hier auch nicht »steppenwolfen« (ja, ich habe Hesse gelesen; ich wollte meiner zweiten Freundin während des Studiums imponieren – die bekam aber nur einen ihrer häufigen Kicheranfälle, ohne ihn so recht verstanden zu haben). Ebenfalls will ich nicht »werthern«, obwohl diese Longseller-Buchzeilen wohl ein immerwährendes, vielleicht sogar das Problem darstellen: Der Übersensitive scheitert!

Was sind die größten Gefahren? Ich will das Ganze, weil es mir interessant erscheint und ich den Gordon in seiner Art wirklich mochte, halt nur veröffentlichen. Im wirren Glauben, dass es jemanden interessiert, ja nützt! Ich hab die Sachen dem Phalos-Verlag gezeigt (ein unbedeutendes »Ein-Mann«, besser gesagt »Ein-Hand-Unternehmen« meiner geliebten Vaterstadt). Der alte Eier-Bögl dort hat gesagt, hm, so schlecht isses nich, kann man versuchen. Warum der Bögl so genannt wird, war nicht in Erfahrung zu bringen.

Den Justus Bögl kenn ich vom »Neureither«. Das is’ ne Schenke, eine Straßenbiegung weiter, Richtung Windmühlenstraße. So ne richtige Proli-Kneipe. Mit mäßigem Intellektuellenanteil. Zu dem in jedem Fall der alte Bögl gehört. So alt war der gar nicht. Die Stimme, seine Stimme! Eine geschulte, professorallehrerhafte! Der könnte auch aus’m Telefonbuch vorlesen: »Das Gestörte, Konflikthafte, Selbstschädigende, Schwierige, Unangenehme, Dunkle, Irre, Problematische in diesem wirren Skript!«, sagte er mit erhobenen buschigen Augenbrauen zu mir! Seine Augen funkelten.

Übrigens: Bögl war, bis er dort nach der Wende rausflog (man munkelte was von Stasi), Erzieher in einer Sprachheilschule, so ne Art DDR-Internat für Stotterer und irgendwelche Gaumenspaltenkinder; irgend sowas. Vorher ein hohes Parteitier. Außerdem kannte auch er den Gordon. Auch aus’m Neureither. »Neureithers Bierquelle – Gaststätte & Restauration« war und ist für mich schäumender lieber Anlaufpunkt – sicher mehr, als meinem Arbeitslosengeld guttut. Auch heute. Verstaubte Lichterketten, die saisonal so was wie Adventsstimmung zaubern sollen und der verbeulte plastische, innenbeleuchtete, ausgeblichen-spröde Weihnachtsmann im Fenster zur Straße brachen ihr Licht im Bierschaum. Im Gegensatz zum immer etwas weltscheu scheinenden Gordon, der ständig zum »Neureither« genötigt werden musste – ich wiederhole mich – singe ich seit meiner Studentenzeit (Fachschule für Bibliothekare) im nahen Leipzig ein Hohelied auf diese Stätten gastronomisch-preiswerter Kurzweil. Sie nahmen mich immer auf, wenn meine flachen Tagesgedanken abendlich in Untiefen zu geraten drohten. Gordons »Weggang« ist so eine Stromschnelle der Gedanken …

Gott, er ist tot, mausetot. Er wurde in seiner Wohnung gefunden. Von wem eigentlich? Er wird länger tot sein, als er gelebt hat…Nicht vorstellbar … für mich nicht vorstellbar. Meine Nase lief vor Trauer. Ich weine zu leicht.

Im Hintergrund lärmt der billige CD-Player Richard Straußens Zarathustra. Mit vier Jahren Klavierunterricht! Strauß, ich nicht. Gordon auch nicht. Ich dachte an die jung mit Gordon in Leipzig erlebte Wendezeit. Er studierte ebenfalls, an einer Fachschule. Kein Abitur gemacht! Ich war zu doof. Von den 32 Schülern meiner Klasse durften zwei Abi machen: die selbst von der Lehrerschaft furchtbar umschwärmte Desiree Asmuss und Ronald Kors. Letzterer wollte 25 Jahre zur Nationalen Volksarmee. Desiree und Ron gingen ab der achten Klasse auf die »Erweiterte Oberschule«. Das war in der Ersthälfte der 1980er. Versteht sich, die beiden waren wirklich gut in der Schule! Ich sehe sie manchmal in der Stadt. Sie ist furchtbar verfettet und fährt n’ immerneuen Golf-Volkswagen. Ronald Kors, wir nannten ihn alle Ron, hatte in der 10. Klasse schon Bartansatz. Gott, was war ich neidisch! Daran will ich ja gar nicht denken. Das will ich gar nicht schreiben. Ich komme vom Hundertsten ins Tausendste.

Jedenfalls die Wendezeit in Leipzig. Gordon studierte irgendwas mit Erziehung. Bin nie so recht schlau draus geworden, hatte auch zu viele eigene Probleme mit dem Fach Russisch und meiner ersten Freundin (die, welche ich mit Hesse beeindrucken wollte). Jedenfalls bei Gordon, diesem späten Kind der ostdeutschen Popperbewegung der 1980er, lag das Nicht-Abitur nicht an dessen Doofheit.