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Inhaltsverzeichnis
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Dank
Wie so vieles im Leben ist dieses Buch nicht mein Verdienst, sondern das Ergebnis der Fügung vieler glücklicher Umstände. Zuallererst der Begegnung mit meinem Lehrer, der mit Absicht den Samen einer Suche in mir gesät und dann mit seiner unendlichen Großzügigkeit bewässert hat, dank deren selbst ein innerlich Träger und äußerlich Übereifriger anfing, etwas zu verstehen.
Ferner der Anwesenheit meiner treuen Schüler, die mir, stets unabsichtlich, mit ihrer aufrichtigen Bemühung aufgezeigt haben, dass die authentische Vermittlung einer lebendigen Tradition an meiner eigenen Begrenztheit zu scheitern drohte, mir aber gleichzeitig durch ihr Bedürfnis nach diesen Werten täglich halfen, mich der Herausforderung zu stellen und nicht aufzugeben.
Schlussendlich dem altüberlieferten Text »Diskurs der Bergdämonen« von Shissai Chozan aus dem 18. Jahrhundert, den ich vor 33 Jahren in die Hände bekam und der mich in all dieser Zeit inspiriert hat.
Alldem und noch vielem mehr schulde ich tiefsten Dank und Anerkennung. Dieses Buch ist ein Versuch, einen kleinen Teil meiner Schuld zu bezahlen und das, was ich empfangen habe, nicht für mich zu behalten.
 
München, im Frühjahr 2009 Alan E. Baklayan

Vorwort
Gewalt und Kampf werden meist verwechselt. Gewalt besteht darin, beseelte und unbeseelte Dinge zu vergewaltigen, also Natur und Lebensgesetze zu brechen. So kann man auch der Natur eines Bogens Gewalt antun, indem man ihn über seine Grenzen spannt und dadurch sogar bricht.
Das Wesen des Kämpfens andererseits ist die Versöhnung. Es ermöglicht – durch tiefe Einsicht -, die Gewalt, die man ständig seiner eigenen Natur zufügt, zu erkennen und von ihr zu lassen. Erst danach offenbart sich einem die ursprüngliche Wesensnatur, und man verweilt und wächst in ihr heran. Man lernt in zunehmendem Maße, die Gewalt, die einem das Leben zufügt, abzuwenden und sich von ihr nicht mehr aus dem Gleichgewicht bringen zu lassen. Dann allerdings fängt der wahre Kampf erst an, der eine Begegnung der äußeren und inneren Kräfte und ihre Umwandlung durch die Kraft der Versöhnung ist.
Kämpfen ist die Begegnung zweier Kräfte, die sich aneinander reiben und sich messen. Die äußeren und inneren Bedingungen, unter denen dieser Kampf stattfindet, sind allerdings entscheidend für das Ergebnis, das aus dem jeweiligen Kampf entsteht. Ob Leben und Weiterentwicklung oder Zerstörung und Tod – all das entscheidet sich in einem Augenblick. Die inneren Bedingungen dafür zu schaffen und die Kunst des »Wie«, das heißt der Art und Weise, wie sich diese Kräfte in einem begegnen müssen, nannte man in früheren Zeiten »Wissenschaft«.
Damals wie heute ist ein sehr genaues Wissen erforderlich, das nur von Herz zu Herz, vom Meister zum Schüler vermittelt werden kann. Dieses Wissen, das gerade in unseren Tagen so dringend vonnöten ist, droht in der Versenkung zu verschwinden. Täglich nimmt das Wissen um die vielfältigen Erscheinungen zu, und täglich nimmt das Wissen um das Geheimnisvolle ab. Nicht nur für den, der in seiner Muße die Kampfkünste praktiziert, sondern gerade für denjenigen, der in der Tiefe seines Herzens, durch immer wiederkehrende Enttäuschungen, das Bedürfnis nach innerer Freiheit spürt und sich endlich nach deren Verwirklichung in seinem Leben sehnt, eben für denjenigen ist genau dieses »Wissen« lebensnotwendig.
Die sich daraus ableitenden Prinzipien sind universell anwendbar; und da das Leben – seit der berühmten »Vertreibung aus dem Paradies« – ausnahmslos für jeden einen Kampf bedeutet, ist es unabdingbar, sie kennenzulernen. Nicht nur für den Kampfkünstler, sondern gleichermaßen für den Gelehrten, den Handwerker und den Händler.
Die Bergdämonen, genannt »Tengus«, haben dieses alte Wissen unverändert bewahrt. Ihr bildgewaltiges Beispiel kann uns die Symbolik des äußeren und inneren Kampfes näherbringen. Ihr Streben nach Menschwerdung dürfte jeden ernsthaften Sucher tief berühren. Auch wenn Worte nicht genügen, um das Wissen zu empfangen, so kann man aus ihrem Munde viele wertvolle Anregungen gewinnen und sie am eigenen Leibe überprüfen. Man beachte allerdings: Wer wahre Freiheit erlangen will, der muss zur Quelle vordringen …
Was die Kampfkünste angeht, so muss man heutzutage sehr tief forschen, um ihr Wesen zu entdecken. In alten Zeiten waren zum Beispiel »Kampfformen«, »Strategien«, »Methoden der Herzensschulung« und »Techniken zur Kultivierung der Energien« tiefe Künste, in denen praktische Teile dieses alten Wissens bewahrt und weitergegeben wurden. Leider ist dies in der heutigen Zeit gänzlich verlorengegangen. Unzusammenhängende Bruchstücke dieses Wissens kursieren zwar noch in manchen Schulen, doch führen sie meist in die gleichen Sackgassen. Diese Schulen mögen ihren Anhängern, was technische Fertigkeiten und Kampffähigkeit betrifft, manches Mal eine gute und oft auch eine weniger gute Ausbildung anbieten. Was aber die Vermittlung des inneren Wesens der Kampfkunst angeht, so ist diese doch selten auf der Welt.
Kampfkünste erleben in den modernen Zeiten, wie viele andere traditionelle Betätigungen auch, eine tiefe Krise. Sie haben seit der Erfindung und Verbreitung moderner Waffen ihren äußeren Sinn verloren. Trotz ihres unumstrittenen Werts als körperliche Ertüchtigung, als Ausgleich für die einseitigen Beschäftigungen des heutigen Menschen und auch zur Rückgewinnung seines oft verletzten Selbstwertgefühls sind sie »überholt«.
Aber gerade weil sie von ihrem »äußeren Nutzen« entblößt sind, zeigt sich dem ernsthaft Suchenden ihr wahres inneres Potenzial. Er kann nicht mehr so leicht durch leere Versprechungen nach äußeren Ergebnissen davon abgelenkt werden. Mit Macht, Überlegenheit, Ruhm oder Unbesiegbarkeit können sie einen nicht mehr verführen. Sich davon noch beeindrucken zu lassen, zeugt von einer großen Naivität. Andererseits offenbart sich für den aufgeweckten Sucher gerade jetzt ihre wahre ursprüngliche Funktion, die weit größer ist als die Ziele des selbstsüchtigen Ichs: nämlich die Selbstvervollkommnung durch die Herzensschulung und die Erforschung und schrittweise Rückkehr zur eigenen Natur. Auch hier können uns die listigen Bergdämonen, die uns vielleicht gar nicht so fremd sind, in die Intimität ihrer eigenen Welt mitnehmen, um einen Ausweg zu finden.

ERSTES KAPITEL
Die Hoffnungslosigkeit der Umstände

Vergänglichkeit und Alleinsein

In der tiefsten Finsternis oben auf den Bergen tobte ein erbarmungsloser Krieg. Das Aufeinanderprallen klirrender Schwerter war deutlich zu erkennen, gefolgt von unheimlichem Zischen, Flügelflattern und einigen Lauten, die aus der Tiefe der menschlichen Existenz kamen.
Aber waren es wirklich Menschen?
Als die ersten Vögel anfingen, in der Ferne zu zwitschern, die Schattierungen der Nacht sich vom tiefsten Schwarz ins erste Dunkelgrau zu verwandeln begannen und noch lange bevor die ersten Sonnenstrahlen den Horizont durchstechen würden, verebbten die Kampfgeräusche. Auf einer Waldlichtung landeten seltsame, unheimliche Kreaturen; als ob sich Menschen und Vögel gepaart hätten, als ob sich Vogelmenschen mit Dämonen gepaart hätten – oder wer war eigentlich zuerst da gewesen? Mensch oder Dämon? Bergdämon oder Raubvogel? Die Geschichte lag im Dunkeln …
Zwei Gruppen saßen sich gegenüber. Nach und nach füllten sich die Reihen. Einige leckten ihre Wunden. Manche Plätze waren inzwischen unbesetzt und würden es für immer bleiben. Die zwei Gruppen beobachteten sich aufmerksam. Niemand ließ in seiner Achtsamkeit nach, obwohl die Regeln eindeutig waren und niemals gebrochen werden würden: Diese Waldlichtung war neutraler Boden – ein Zwischenraum. Eine Verletzung dieser Neutralität würde die sofortige Verbannung nach sich ziehen. Und das wollte sicherlich keiner riskieren, denn vor langer Zeit hatten sie alle eingesehen, wie wertvoll die »Große Einzigartige Lehre«, die genau in diesem besonderen Zwischenraum empfangen werden konnte, für ihre Entwicklung war.
Außerdem kämpfen Bergdämonen nicht bei Tageslicht. Sie scheuen jegliche Helligkeit, und die Morgendämmerung würde bald eintreten. So schlossen allmählich einige ihre Augen. Jetzt war die Zeit der Sammlung, der Meditation und des Austauschs gekommen. Zwischen den Gruppen ließen sich leise noch weitere Gestalten nieder. Es waren veränderte Wesen. Einige hatten an den Kämpfen teilgenommen, andere nicht.
Vor allem eine Gruppe von dreien hob sich für den aufmerksamen Beobachter ab. Vielleicht deswegen, weil an ihnen nichts Außergewöhnliches war. Sie saßen unweit voneinander und sahen sehr unterschiedlich aus. Sie waren schlicht, strahlten Würde und Ruhe aus. Ihre Behaarung war zurückgegangen, einige ihrer dämonischen Züge waren kaum noch sichtbar oder zumindest unauffälliger. Es war nicht erkennbar, zu welchem Clan sie gehörten. Sie schauten unberührt, doch gütig und vielleicht traurig in die Runde. Über ihnen, auf den Baumwipfeln, gab es noch einen Platz, der wie immer leer blieb.
Dort saß Schojobo, den sie »Alter Dai-Tengu« oder »Erster Dai-Tengu« nannten, aber niemand von den Klein-Tengus, auch »Ko-Tengus« genannt, hatte ihn je gesehen. Falls er jemals erschienen war, so musste dies vor sehr langer Zeit gewesen sein. Insgeheim zweifelten einige sogar an seiner Existenz. Vielleicht war es ja nur ein erzieherischer Kniff der Älteren, um alle auf ihren Ästen ruhig zu halten.
Nach einem zum Teil bedrückenden Schweigen ergriff einer das Wort. Er war nicht mehr jung, aber in der Gemessenheit seiner Bewegungen konnte man große Kraft und Entschlossenheit ahnen. Er hob an und sprach: »Ich vergesse immer wieder zwei der Grundlehren, die Ihr uns vor langer Zeit vermittelt habt.« Er seufzte kurz und fuhr fort: »Die erste ist, dass ich in Wirklichkeit allein bin. Die Idee an sich ist nicht schwer zu verstehen, und jedes Kind fühlt die Wahrheit dieser Tatsache, doch bei der ersten Unachtsamkeit vergesse ich mich. Meine Gedanken sind mit den ›anderen‹ beschäftigt, meine ›innere Welt‹ ist voll der Stimmen, die mich belagern: Die Meinungen der anderen, ihre Urteile, wie sie mich sehen, wie sie mich wahrnehmen. Selbst im Kampf kommt es vor, dass ich daran Gedanken verschwende und mich plötzlich frage, ob ich gut dabei aussehe und ob mich dieser oder jener bemerkt hat oder wie es wäre, wenn dieser oder diese mich jetzt sähe. Ein wahrlich erbärmlicher Zustand für einen Krieger.
Die zweite dieser Grundlehren ist, dass ich sterblich bin. Auch diese Tatsache, der jeder uneingeschränkt zustimmen wird, entzieht sich meinem Geist. Ich träume mit offenen Augen von einem anderen, ›besseren‹ Leben – kindische Vorstellungen -, um zu vergessen, dass jeder Atemzug der letzte sein könnte. Die erste und wichtigste Voraussetzung eines Kriegers – jeden Tag neu zu leben und zu erleben, als ob es sein letzter wäre, sich nicht der Oberflächlichkeit hinzugeben, das Wesentliche im Inneren zu bewahren -, diese allererste Voraussetzung zu erfüllen ist mir nicht gelungen und nicht in meinem Geist zu verwirklichen. Manchmal denke ich, dass ich sie nicht erfüllen kann, und wünsche mir, im Kampf zu fallen, damit dieses schmachvolle Dasein ein Ende hat.«
Eines der bereits verwandelten Wesen wandte sich ihm zu. Obwohl er als Bergdämon deutlich zu erkennen war, wies er fast menschliche Züge auf. Seine Gebärde und seine Ausstrahlung waren einfach und kraftvoll. Die anderen nannten ihn »Dai-Tengu«, was so viel wie »Groß-Tengu« bedeutet. Sein Tengu-Name war »Sato«. Wenn die Klein-Tengus über ihn sprachen, wurde er auch manchmal »der Aufrechte« genannt.
Er erwiderte: »Du hast die Wahrheit gesprochen und zwei der grundsätzlichen Voraussetzungen für das Dasein als Krieger vergessen. Aber hinter deinen Worten sind noch weitere Fragen, weitere Rätsel, weitere Verwechslungen, auf die wir zurückkommen müssen.
Was hindert uns daran, die äußere und innere Welt neu zu erleben, frei von den ›anderen‹, die uns, selbst in unseren intimsten Momenten, im Inneren verfolgen? Welcher Zug in dir hängt daran, ist gefangen in dieser Welt der Leidenschaften und des Irr-Herzens? Ich werde dir die Wahrheit sagen und einen Ausweg anbieten – um deines Friedens willen! Die Wahrheit ist, dass die Kraft deines aufrichtigen Willens noch nicht stark genug und deine Erkenntniskraft noch nicht tief genug ist, um diesen Zug zu entlarven, das Alleinsein zu tragen und deine Vergänglichkeit stets zu erfahren. Der Ausweg, um diese Fähigkeit zu entwickeln, ist: Akzeptiere die kleinen Ungerechtigkeiten der Welt dir gegenüber und akzeptiere des Weiteren auch die großen Ungerechtigkeiten dir gegenüber. Ertrage sie mit Freuden. Sie werden dein selbstverhaftetes Herz schneller von dir selbst reinigen, als du es je vermagst. Nimm sie an. Nimm sie an ohne Murren, ohne sie zu verdrängen, ohne dich ihnen hinzugeben, ohne das Ende zu erwarten und ohne es herbeizuführen. Nimm die dir zugefügte Ungerechtigkeit an, wenn sie dich ereilt, und du wirst vor uns allen in die Welt der Menschen eintreten!« Dai-Tengu Sato schwieg. Man konnte nach diesen Worten die Stille fast greifen. Niemand bewegte sich.
Ein anderer Klein-Tengu sprach: »Allein sein, wirklich allein zu sein, kennen die wenigsten. Mit wem bin ich, wenn ich allein bin? Meine Ängste werden sichtbar, melden sich. Unbekannte Kreaturen der Dunkelheit, schwarz wie die Nacht, die sich von meinem Fleisch ernähren, tauchen auf. Blut saugend, Vitalität verschlingend, nehmen sie mir alles und lassen mir gerade mal so viel, dass ich glaube, lebendig, ja, erregbar zu sein. Begegne dem Alleinsein und warte. Harre aus. Ein Geheimnis offenbart sich. Es ist, als ob man lebendig begraben sei. Ein unglaublicher Prozess. Als ob Gott einen verlässt und sagt: ›Du bist allein. Werde selbst Gott, werde selbständig, in allem.‹ Unsere Urängste wachen auf. Solche, die wir als Kleinstkinder verdrängt haben. Damals eilten Dämonen der Finsternis herbei, und wir schlossen ein Geschäft ab: ›Wenn ich dieses Entsetzen nicht mehr spüren muss, dürft ihr mit mir machen, was ihr wollt.‹ Jetzt muss ich sie wieder am Arsch packen, auch wenn ich bei dem Versuch erneut sterbe.« Alle lachten bei dieser so feierlich verkündeten Absicht und waren gleichzeitig zutiefst betroffen. Für einen Moment war der Krieg vergessen, der Hass verblasst, der Neid vergangen. Alle ahnten, dass sie sich in derselben Lage befanden. Die verschüttete Brüderlichkeit wurde spürbar.
Ein weiterer Dai-Tengu, den sie »Benkei« nannten, ergriff das Wort: »Schwerter sind Übel bringende Instrumente, der Himmel liebt sie nicht. Ursprünglich waren sie Instrumente des Guten, sie halfen dem Menschen. Aber der Mensch wurde arrogant und missbrauchte sie zur Durchsetzung seiner egoistischen Ziele. Nur in den Händen des ›Den-Weg-Schreitenden‹ werden sie wieder zu Werkzeugen der Reinigung, die zur Klarheit des Herzens führt. Besinnt euch des Guten in euch, nehmt unsere Lehren an und beendet diesen unsinnigen Bruderkrieg. Nutzt eure Schwerter, um die Illusionen zu durchschneiden. Es sind ursprünglich Schwerter der Aufrichtigkeit. Habt den Mut, ihnen zu gehorchen. Sie zeigen euch eure Unzulänglichkeit, die ungeordnete Vitalität eures Körpers, die Erregbarkeit eures Herzens, die Verschleierung eures Geistes. Dahinter liegt die wahre Aufgabe, die euch erwartet, und sie ist gewaltig. Nehmt Vernunft an. Dieser Krieg, so wie jeder andere Krieg auch, kann nicht gewonnen werden. Jeder Sieger merkt irgendwann, dass er etwas verloren und wenig gewonnen hat. Er merkt, dass jeder Sieg vergänglich ist. Obwohl ihr die Kunstfertigkeit allmählich beherrscht, hat noch keiner seine wahren Grenzen überschritten.«
Ein Klein-Tengu sprach: »In diesem Moment wird mir die ganze Hoffnungslosigkeit meiner Situation klar. Ihr sagtet uns einst, dass das ›wahre Selbst‹ alles sieht, genau so, wie der Himmel alles sieht. Wenn das wahr ist, wenn ich nur für einen Augenblick in Betracht ziehe, dass dies wahr sein könnte, könnte ich dann noch das denken, was ich denke? Könnte ich so handeln, wie ich handle? Beabsichtigen, was ich beabsichtige? Trübe, selbstsüchtige Gemütsbewegungen belagern mich den ganzen Tag; und ich glaubte, das sei unwichtig, solange ich mich nur äußerlich korrekt verhalte und keiner es bemerkt. Aber ist dem so? Ich habe gehört, dass es nur einen einzigen Schöpfer gibt. Wenn der, der mich geschaffen hat, alles sieht, so wird mir angesichts meiner Erbärmlichkeit jetzt erst klar, wie unendlich seine Gnade sein muss.«
Er ließ sein Schwert fallen. »Ich hasse nicht mehr, wenn Er, der alles sieht, die Dummheit und Falschheit des anderen auch sieht und akzeptiert. Wer bin ich in meiner Vermessenheit, den anderen, meinen Bruder, nicht zu akzeptieren?« Eine lange Stille folgte. Schließlich antwortete ihm Groß-Tengu Benkei: »Heb dein Schwert auf. Deine Aufgabe ist hier, unter uns, noch nicht zu Ende. Im Gegenteil, sie fängt erst an. Dein Schwert verwandelt sich allmählich vom Schwert der Zerstörung in das Schwert der Reinigung und in ein Instrument der Schöpfung. Du bist der Erste, der von jetzt an den anderen helfen kann. Deine Schwertkunst wird eine reinigende Wirkung besitzen. Übe und vervollkommne dich so, wie es uns von alters her überliefert ist. Du bist vielleicht am Anfang des ›Wegs‹, und er ist noch sehr lang.«

Die verlorene Ordnung

Wie hatte dieser Krieg begonnen? Keiner wusste es genau. Es war vor langer Zeit. Es hatte mit der dümmsten aller Fragen zu tun: »Wer ist der Erste unter uns?« Irgendwie hatten dann die Spannungen zugenommen, keiner gab nach, und es kam zum Kräftemessen. Bald hatten sich zwei Clans gebildet, die um die Vorherrschaft kämpften: Der Clan der »Einfachen«, man nannte sie »Kurama-Tengus«, bestand aus einer kleinen Gruppe edler, zielstrebiger Krieger-Dämonen, die sich strikt an die Grundsätze des Codex der Bergdämonen hielten. Der Clan der »Begabten«, die »Karasu-Tengus«, war eine größere Gruppe von außerordentlich bunt aussehenden Kämpfern. Jeder von ihnen hatte große Fähigkeiten in mindestens einer Kampfkunst entwickelt.
Ein Vorfall hatte zum nächsten geführt und dieser nächste zu einem weiteren. Misstrauen, Verdächtigungen und Blindheit machten sich breit, bis die Kette der Ereignisse nicht mehr aufzuhalten war. Schlussendlich wurden die Verstrickungen in Streitigkeiten so vielfältig, dass der Versuch, Gerechtigkeit walten zu lassen, schon keinen Sinn mehr hatte. Die »Ordnung der Dinge« war verloren, und alle Groß-Tengus konnten das Aufeinanderprallen der Widersacher nicht mehr verhindern. Obwohl beide Clans ursprünglich Jünger und Schüler der gleichen Lehrer gewesen waren, hatten sie sich zu Todfeinden entwickelt.
Dai-Tengu Akira, den sie den »Furchtlosen« nannten, pflegte zu sagen: »Sobald krumme Gedanken erscheinen, ist die Ordnung der Dinge bereits lange vorher verloren.« Sein Bruder Dai-Tengu Benkei, den sie den »Barmherzigen« nannten, fügte immer hinzu: »Krummes erkennen – und die Ordnung war nie verloren.«

Von der Kriegsmüdigkeit

Groß-Tengu Sato redete ununterbrochen auf die Ko-Tengus ein. Er sprach stets von der verlorenen Ordnung der Dinge in der großen Welt und in ihnen, von der Notwendigkeit, die innere Ordnung wiederherzustellen, um sich der großen Herausforderung zu stellen. Er sagte, dass die Zeit der Bergdämonen gekommen sei. »Wenn das Land in Aufruhr geraten ist und Machtkämpfe, Korruption, Selbstsucht und Oberflächlichkeit die Gemüter beherrschen, ist es dringend vonnöten, das alte Wissen an einem Ort zu sammeln und zu bewahren, damit es nicht verloren geht und das ›Wesentliche in der Welt‹ gerettet wird, wie es in den alten Legenden heißt.« Vielleicht war ja etwas Wahres dran, aber die Klein-Tengus waren sich nicht sicher …
Doch der Krieg währte schon zu lange. Zu viele empfindungsfähige Wesen hatten auf beiden Seiten ihr Leben ausgehaucht, und es war kein Ende in Sicht. Dieser Krieg, der unvermeidlich gewesen war, machte er noch Sinn? Auch wenn sie es nicht zugaben, waren die Tengus müde, sogar sehr müde. Nur jahrelange Disziplin und Übung hielt sie aufrecht, sodass man ihnen die Erschöpfung kaum ansah. Doch etwas verlangsamte sich in ihrem Eifer. Keine der beiden Parteien würde es schaffen, die andere zu vernichten oder sie von ihrer Überlegenheit zu überzeugen. Insgeheim fragten sich viele, was diese »verlorene Ordnung der Dinge« überhaupt wäre: Was genau hatten sie denn verloren?
Dai-Tengu Sato sprach: »Bald geht die Sonne auf, und die ersten Strahlen werden die Welt erhellen. Wir werden euch nun in einen weiteren Aspekt der Versenkung einführen. Nachdem ihr gelernt habt, einige der Kreislaufbahnen eurer Vitalität zu schließen, müsst ihr lernen, an andere Quellen in euch zu gelangen, ohne welche die Umwandlung eurer tief eingewurzelten dämonischen Züge nicht möglich ist. Aber denkt daran: Es zu lernen ist eine Sache. Lernen, es zu praktizieren, eine andere …« Der Unterricht begann und endete erst kurz vor Sonnenaufgang.

Neuzugang

In der folgenden Nacht waren die Kämpfe wieder heftig. Ein kalter Wind blies um den Berg. Es war unheimlich. Die vom Clan der einfachen Kurama-Tengus benutzten Langschwerter oder nur ihre Fäuste. Ihre Unterarme waren meist mit dicken, eisernen Manschetten umwickelt. Sie waren stark, sehr stark, und standhaft. Die begabten Karasu-Tengus hatten alle möglichen Waffen, bekannte und weniger bekannte. Sie setzten sie kunstvoll ein, und der Anblick war anmutig und furchterregend.
Als sich alle wieder niedersetzten, fiel ein Neuer auf. Das geschah seit dem Beginn des Krieges, und vor allem in letzter Zeit, selten. Woher war er gekommen? Niemand konnte es mit Bestimmtheit sagen. Er schien begabt zu sein. Er war kein Anfänger. Er beugte ehrfürchtig das Knie vor den Groß-Tengus.
Dai-Tengu Sato erklärte ihm die Aufnahmebedingungen: »Unsere Regeln sind unumstößlich und nicht leicht zu befolgen. Du bist hier willkommen, wenn du dich erstens dazu entschlossen hast, die Kunst zu studieren und zu vertiefen. Dies bildet die äußere Voraussetzung. Und zweitens du verstanden hast und bereit bist, nicht nur deine Kunst, sondern dich selbst zu vervollkommnen. Vergiss das nicht. Diese zweite Bereitschaft bildet die innere Grundvoraussetzung. Alles andere leitet sich ganz natürlich davon ab, nämlich
die Erkenntnis, dass du hier bist, weil du dein ›wahres Selbst‹ noch nicht erkannt hast,
des Weiteren, dass du zur Klarheit des Herzens zurückkehren musst,
dass der Körper ein Gefäß ist, welches noch geformt werden muss,
dass du in allem versuchen musst, mit dir selbst und mit deinem Lehrer aufrichtig zu sein,
dass du keine Zeit verschwendest und dich Tag und Nacht bemühst, die Lehre der Alten zu verstehen.
Wenn du diese Bedingungen akzeptierst, bist du hier willkommen für die Dauer, die du wünschst. Sobald du fühlst, dass du ihnen nicht mehr entsprechen kannst, trennen sich unsere Wege, und du kannst gehen. Sobald wir erkennen, dass du andere Ziele verfolgst, schicken wir dich weg. Hast du alles verstanden und kannst du es dir merken?«
Der Neue nickte und verbeugte sich respektvoll. Damit war die Aufnahmezeremonie beendet. Er suchte sich einen Platz auf einem Ast und wartete ab.

ZWEITES KAPITEL
Das Gefäß erschaffen und die Form erfüllen

Sich ständig darum mühen

Der Austausch begann, und alle bemühten sich, so gut sie konnten, über ihre Erfahrungen zu berichten. Die Dai-Tengus gaben entsprechende Hinweise, um ihnen zu helfen, ihre engen oder einseitigen Sichtweisen zu erweitern. Allmählich ließen die Spannungen zwischen den verfeindeten Gruppen nach, und sie vergaßen fast ihre sich widersprechenden Standpunkte. Sie hörten aufmerksam zu.
Nach einer Weile, es hatten bereits mehrere Tengus gesprochen, wandte sich Dai-Tengu Sato dem Neuen zu, der schweigend versuchte, dem Gesagten zu folgen. Offensichtlich wollte er sich beim ersten Mal nicht vordrängen, vielleicht sorgte er sich auch darum, nichts Falsches zu tun, und hielt sich deswegen zurück.
Dai-Tengu Sato: »Hast du auch eine Frage oder eine Erkenntnis, die diesen Austausch bereichern könnte?«
Obwohl er sich nichts anmerken ließ, hatte den Neuling die unerwartete Zuwendung aus der Fassung gebracht. Er kämpfte eine Weile mit sich selbst und sagte schließlich: »Ich habe versucht, sehr hart an meinen Techniken zu arbeiten, also an meinen Formen. Das heißt, den festgelegten, überlieferten Ablauf von Bewegungen zu beherrschen. Mir ist auch durchaus geläufig, dass jede Technik, jede Anwendung, als eine eigene Form bezeichnet werden kann, also als etwas, das ›Form angenommen hat‹.« Er überlegte kurz. »Ihr sprecht aber von ›Gefäß‹. Mir ist nicht klar, was Ihr damit bezeichnet, was der Unterschied zur ›Form‹ ist und welchen Zweck es in der Kampfkunst erfüllt. Bitte klärt mich auf.«
In Dai-Tengu Satos Augen blitzte ein amüsiertes Lächeln, welches verschwand, bevor der Neue es bemerkte. Er antwortete: »Die erfüllte Form ist das Gefäß. Wenn ihr die Form nicht mehr verliert, habt ihr das Gefäß erschaffen. Ist das Gefäß vollendet, könnt ihr die Form nicht mehr verlieren. Mein Meister sagte mir immer wieder: ›Wenn deine Form gebrochen ist, hast du den Kampf bereits verloren.‹ Dieser Hinweis, der im Kampf so wichtig ist, erstreckt sich allerdings auf alle Bereiche des Lebens. Im Alltag, ob im Gehen, Stehen, Sitzen, Liegen und in allen Handlungen, sollte man stets seine ›Form‹ bewahren, und die Vitalität sollte den ganzen Körper erfüllen. Wer seine Vitalität nicht bewahrt, ist in sich nicht verbunden, seine Glieder gehorchen ihm nicht, seine Bewegungen sind unkoordiniert. Seine Gebärden verraten seine innere Unruhe, seine Tagträume und sein unstetes Herz. Seine Form zu bewahren bedeutet zu erkennen, dass es ein Oben und ein Unten gibt, und die natürliche Ordnung wiederzufinden, sodass sich alles nach der inneren Achse ausrichten kann. Die Form zu erfahren verbindet uns mit den Gegebenheiten des Ortes, an dem wir uns aufhalten. Man weiß um seine linke und rechte Seite. Die Atmosphäre des Körpers ist auf einen selbst reflektiert. Der Mensch steht auf der Erde, und sein Kopf berührt den Himmel. Letztendlich ist die physische Ruhe der Weg zur Erschaffung des Gefäßes. Die physische Ruhe muss bis in das Knochenmark eindringen. Physische Ruhe ist mit physischer Trägheit nicht zu verwechseln. Trägheit ist Totes Fluidum. Physische Ruhe befreit die Verstockungen des Fluidums. Um an das Knochenmark zu gelangen, muss man durch Sehnen und Bänder hindurch. Zuerst müssen Sehnen und Bänder durch tiefe Entspannung weich und durchlässig werden, dies nennt man ›Sehnen-und-Bänder-Veränderungs-Übung‹. Anschließend dringen Wahrnehmung und Fluidum bis in das Knochenmark ein und verbinden sich mit der ursprünglichen, angeborenen Energie des Knochenmarks. Das nennt man ›Knochenmark-Umwandelnde-Übung‹. Die ursprüngliche Energie des Knochenmarks steht in einer Polaritätsbeziehung zu den Sehnen und Bändern. Wenn die zwei sich wie Yin und Yang verhalten, dann erzeugen sie eine Vitalität, die den gesamten Körper erfüllt und durchdringt. Durch wiederholte Erwärmung und Abkühlung dieses Vorgangs wird schließlich die notwendige Vitalität für die Wiederherstellung des Gefäßes verfügbar. Der Krieger benötigt das Gefäß nicht nur, um zu kämpfen, sondern auch, um andere Ebenen des Fluidums, wie das ›Große Fluidum des Himmels‹, zu erspüren. Dieses alles durchdringende Fluidum, diese Leben spendende und Leben erhaltende Kraft, ist immer um uns herum, aber wir können sie nicht empfangen, solange das Gefäß nicht erschaffen ist. Daher ist es so, dass die ›Form‹ immer geübt und bewahrt werden muss – Tag und Nacht. Wenn man sich erst daran erinnert, da man ein Schwert in die Hand nimmt oder das Übungsareal betritt, ist es zu spät. Man muss sich ständig darum mühen.«

Über die Technik

Ein anderer Klein-Tengu fragte: »Obwohl Ihr uns dies schon oft erklärt habt, habe ich es so noch nie gehört. Wenn die Bildung des Gefäßes und die Bewahrung der Form das Wichtigste ist, erscheint mir in diesem Moment die technische Fertigkeit oder das ›Sich-Vertiefen‹ in der Technik über ein gewisses Maß hinaus als sinnlose Zeitverschwendung, ja sogar als Hindernis.«
Dai-Tengu Sato erwiderte: »In den alten Texten heißt es: ›Die Technik ist die Funktion der Schwertkunst.‹ Es ist an der Zeit und lohnend, diese Aussage zu vertiefen. Die Technik ist die Funktion der Schwertkunst und nicht ihr Ziel. Allerdings sagt uns dieser Satz unmissverständlich, dass ohne Technik die Funktion nicht erkannt werden kann. Das sollte man wohl bedenken.