Vollständige E-Book-Ausgabe der im Rosenheimer Verlagshaus erschienenen Originalausgabe 2006
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Titelfoto: Kurt Schubert, Prien am Chiemsee
eISBN 978-3-475-54683-9 (epub)
Paul Friedl
Das Kreuz am Acker
In einem Dorf im Bayerischen Wald, wo die schwere Arbeit auf den steinigen Äckern nur wenig abwirft, bringen der Schwaigerbauer und der Ranklhofer durch ihren Starrsinn Unfrieden und Unglück über sich und ihre Familien. Jeder glaubt, nur sein Recht zu verfechten, als sie sich um ein Feldkreuz streiten, das zwischen ihren Äckern steht. Der Zwist vergiftet das Leben auf beiden Höfen. Daran kann zunächst auch die Liebe zwischen Franz und Barbara, den Kindern der erbitterten Feinde, nichts ändern.
Der Spätherbstabend hatte das Tal von Hintereben still werden lassen.
Die sieben Höfe und Kleinhäusel schienen sich vor der kommenden Nacht enger an die Hänge zu schmiegen und in die Mulden zu ducken. Der Wald, der von den Bergen wanderte und sich um das Tal schloß, hatte die Sommerfreude verloren, die Herbstfarben angelegt und trauerte dem Winter entgegen.
In der Stube auf dem Ranklhof wurde es schon dunkel. Über dem Nothackerwald zog sich der rote Abendschein zurück. Er leuchtete noch ein wenig in die niedere Bauernstube, konnte sie aber nicht mehr auslichten und schuf beim großen Ofen ein graues Dämmern. Umdunstet vom Dampf der großen Töpfe, hantierte die Ranklin mit dem Kochlöffel. Ihre hagere hohe Gestalt wuchs im Zwielicht und reichte fast bis an die schwarzgeräucherten Balken der Decke. Von Zeit zu Zeit murrte sie ein verdrießliches „Kusch, Harro“, wenn der große Hund, der auf den Dielen lag, aufheulte.
In das harte, mannsbilderische Gesicht der Bäuerin hatte das Leben grobe Falten gegraben. Schüttere graue Haare legten sich um den Kopf und waren zu einem kleinen Knoten gebunden.
„Kusch! Setz dich!“
Was das Hundevieh heute nur hatte? Kauerte mit gespitzten Ohren, fuhr auf und sprang heulend an die Tür, schlich geduckt zum Fenster und winselte gegen die Scheiben, die großen Pfoten auf die Fensterbank gestellt.
Das Sausen des kochenden Wassers erfüllte den dunklen, niederen Raum, und in das Knistern des Feuers und das leise Singen des Kamins klopfte das Pendel der alten Uhr. Wieder sah die Ranklin auf das Zifferblatt und dann durch das Fenster in den Abend hinaus. Der Dunst hatte die Scheiben beschlagen.
Unheimlich fast erschien ihr heute die Stille und das Dunkel im Raum. Vom Stall herüber klang das Stampfen der Pferde, und die Gänse marschierten gerade kreischend durch das Hoftor.
„Harro, was hast denn!“ Zornig und rauh rief sie den Hund zurück, der winselnd zur Türe gegangen war. Er legte sich wieder in die Stubenmitte und knurrte unruhig.
Auf dem Steinpflaster der Gred vor dem Haus klapperten Holzschuhe, kamen in den Flur und wurden vor der Stubentüre von den Füßen gestoßen. In die Stube trat ein junger Bursch, groß und hager wie die Ranklin.
„Wird schon ganz schön frisch“, huschelte er und hielt die Hände über den dunstenden Kartoffeldämpfer auf dem Ofen.
„Mußt dich halt doch wärmer anziehen!“ Und unwillig fragte sie: „Wo ist denn der Vater noch?“
„Weiß ich net! Ich bin auf der Auwiesen gewesen bis jetzt; hab den Vater nimmer gesehen, seit wir von der Stadt kommen sind!“
„Er ist aber gleich nach dir fort mit der Schaufel und dem Pickel.“
„So?“ Über das Gesicht des jungen Rankl huschte der Ärger, und eine steile Falte grub sich zwischen seine Augen. „Dann hat er wahrscheinlich weitergraben wollen, droben am Nothackerriegel?“ Heftig fuhr er fort: „Weißt, Mutter, das versteh ich nimmer. Erst am Vormittag hat der Richter es ihm in der Verhandlung wieder ausdrücklich verboten: er darf nimmer weitergraben, bis net der Prozeß entschieden ist.“
Die Bäuerin seufzte: „Er ist halt ein Dickschädel.“
„Und aufgeführt hat er sich wieder, daß ihn der Richter immer wieder hat zurechtweisen müssen. Mir ist das direkt zuwider gewesen!“
„Was ist nachher jetzt?“ Müde hatte sich die Bäuerin auf die Ofenbank gesetzt, und ärgerlich fuhr sie fort: „Keiner sagt was! Als wenn ich net wissen dürft, wie die Sach steht! Gibt kein gutes und verständiges Wort mehr bei uns, seit der Prozeß geht. Ich bin grad gut genug, die Arbeit zu tun.“
Der Junge stand am Fenster und starrte gegen die dunstblinden Scheiben: „Auf einen Vergleich hätt man hingetan, aber der Vater wollt nichts wissen. Der Schwaiger hätt nachgegeben und mit sich reden lassen, aber der Vater ist gestanden wie ein Stier und hat net hören wollen.“
Er trat an den Tisch und zündete die von der Decke hängende Petroleumlampe an. Die Ranklin nahm die große Schüssel aus dem Kasten und schöpfte am Ofen die Milchsuppe ein.
„Was er nur grad an dem Stein hat? Kann ihm doch gleich sein! Der Stein ist schon viele hundert Jahr zwischen unseren Feldern, und wenn er den Schwaiger nicht stört, dann dürfte es uns doch auch gleich sein.“ Sie stieß den Schöpflöffel unwillig in den Hafen zurück.
„Er hat sich halt darauf versteift, daß er die Hälfte von dem Feldrain zum Feld ackern möcht, und dazu müßt der Stein weg.“
Die Ranklin ging in die Kammer nebenan, aus deren Fenster man auf den Nothackerwald und die Hochfelder über dem Hof sehen konnte. Ein Feldweg führte hinauf und schnitt die Gründe des Rankl und des Schwaiger auseinander, dessen schöner Hof nur einen Katzensprung drüben in einer Mulde am Berg lag. Es wurde draußen dunkel, und auf dem Weg war niemand zu sehen. Sie ging wieder in die Stube zurück. Knarrend schloß sich die Kammertür. Der Hund war aufgestanden und sah erwartungsvoll die Bäuerin an.
„Wo er nur grad so lang bleibt? Wir könnten schon essen.“
In die Stube kam nun auch die Stalldirn, stellte beim Ofen einen Eimer nieder und nahm das Kopftuch ab.
„Hast den Bauern net gesehn?“ fragte die Ranklin. „Seit dem Mittag nimmer. Er ist fort mit der Schaufel, und geschimpft hat er, zum Fürchten. Heut gibt’s noch was, hat er gesagt, und die Geschicht wird jetzt einmal gründlich erledigt. Er hat noch mehr gesagt, aber ich hab mich verzogen, weil er gar so wild getan hat.“
Wieder ging die Ranklin in die Kammer und sah gegen den Berg, trat dann vor die Haustüre und horchte in die anbrechende Nacht hinaus. Kein Laut war mehr ringsum. Graue Wolken waren aufgestiegen, und ein kalter Wind trug einige weiße Flöckchen mit. Vom Talboden herauf war das leise Rauschen des Elenderbaches zu hören.
„Wenn ihm nur nichts passiert ist“, sagte sie, wieder in die Stube zurückkehrend, „solltest mal nachschauen, Franzl. Er kann ja nirgends anders sein als droben beim Nothadkerwald.“
„Stell nur das Essen auf, ich pfeif ihm mal.“ Der junge Rankl ging hinaus und jagte einen gellen Pfiff gegen den Wald hinauf. So hatten sie sich immer verständigt, und das mußte der Vater auch heute hören.
Die Suppe stand auf dem Tisch, und die Dirn schälte die gesottenen Kartoffeln.
„Hat er sich gemeldet?“ forschte die Ranklin, als der Franzl wieder in die Stube kam.
„Hab nix gehört.“
„Dann mußt naufgehen. Wir warten derweil.“ Sie trug die Suppenschüssel wieder zum Ofen. Brummend schlüpfte der Franzl in die Joppe und griff nach dem Hut.
„Harro, komm!“ Mit großen Sprüngen setzte der Hund aus dem Hof, während der junge Bauer in die Holzschuhe schlüpfte. Dann folgte er dem kläffenden Harro auf dem Feldweg. Es war schon dunkel, und dichter fielen die Schneeflocken.
Ein bissel früh kommt heuer der Winter, dachte der Bursche und schlug den Rockkragen hoch. Drüben beim Schwaiger knarrte das Stadeltor, und eine Spur auf der ersten Schneedecke zeigte, daß der Nachbar gerade vom Berg gekommen sein mußte. Die Schritte führten vom Feldweg ab und gegen den Schwaigerhof. Der Bauer war wahrscheinlich droben gewesen auf seinem Waldacker, neben dem Ranklfeld, und wenn er ihn nach dem Vater fragen könnte, dann wäre ihm vielleicht der Weg hinauf erspart. Aber zwischen dem Schwaiger- und dem Ranklhof wurde seit Jahren keine Rede mehr gewechselt. Man ging sich aus dem Wege und traf sich nur noch vor dem Gericht.
Wegen eines Steines, der ein wenig aus dem Feldrain zwischen den beiden Feldern ragte und einmal ein Kreuz getragen hatte, das ein Vorfahr der Schwaiger hatte setzen lassen! Dieser Feldstein war, wie der Vater behauptete, im Laufe der Jahre gegen den tiefer liegenden Acker des Rankl gewandert, und wenn er beseitigt wäre, könnte der Rankl seinen Acker um eine Furche erweitern. Im Bayerischen Wald mußte man um jede Handbreit Boden geizen. Der Schwaiger aber bestand darauf, daß der Stein blieb, denn er wollte wieder ein Kreuz darauf setzen lassen. Das alte Schwaigerkreuz war eines Tages zerschlagen am Boden gelegen, und schaudernd war die Geschichte durch die sieben Höfe von Hintereben gegangen, daß der Rankl im Zorn und Rausch den gußeisernen Heiland mitsamt dem Kreuz vom Stein an seinem Ackerrand geschlagen hätte. Damals sollte es gewesen sein, als er zum erstenmal an den Schwaiger herangetreten war, er solle den Stein ausgraben, und der Schwaiger dies abgelehnt hatte.
Unlustig stapfte der Franzl durch das Schneetreiben gegen den Wald.
Dieser unselige Prozeß! Kein Wort hatte der Vater mehr gesprochen, seit sie heute gegen Mittag von der Stadt zurückgekommen waren, aber der wühlende Zorn hatte ihm die Adern auf der Stirn und am Hals herausgetrieben, und seine Fäuste hatten gezuckt und gezittert vor Wut. Seit Wochen schon war er wie ein Irrer gewesen, und kein Wort konnte man mit ihm reden, außer man brachte die Rede auf den Stein im Acker. Er hielt sich an keine Zeit mehr, stand frühmorgens auf und ging auf die Felder oder in den Wald hinauf, kam abends nicht mehr heim, und wenn man ihn suchen wollte, fand man ihn meistens beim Wirt drunten im Dorf, zu dem das Seitental von Hintereben gehörte, oder er war gar in einem Nachbardorf.
Der Hund rannte vor ihm her, kam wieder zurück und hetzte von neuem gegen die Höhe, jaulend und winselnd. Dann stand er und bellte gegen den Hang hinüber. Ein dunkler Schatten hastete über die Wiesen.
„Vater!“
Er war es nicht, denn sonst hätte er den Ruf hören müssen. Die Gestalt verschwand im Dunkel der Nacht. Etwas gebückt und springend. Der Hund rannte weiter zum Wald hinauf.
Wahrscheinlich saß der Vater wieder irgendwo und krakelte. In den Wirtshäusern redete und schrie er, und daheim brachte man kein Wort mehr aus ihm heraus. Nachgeben gab es beim Rankl nicht. Immer war er es, dem Unrecht geschah, und wenn er sich auf etwas versteifte, dann sah er weder links noch rechts, dann war nur Recht, was er sich als Recht auslegte.
Er hatte einen eisenharten Vater, und heute durfte er, der Fünfundzwanzigjährige, noch nicht eine eigene Meinung haben, wenn er nicht den Zorn und den eichenen Hakelstecken des Alten zu spüren bekommen wollte. Die Mutter hatte keine gute Stunde mehr, seit im Ranklhof der Haß gegen den Schwaiger loderte. Aber die Mutter war ein rechtlich denkendes Weib, und sie scheute sich nicht, dem Rankl entgegenzutreten, wenn sein Zorn ins Unmaß geriet.
Vor ihm wuchs aus dem Dunkel ein Birkenwäldchen, und die Holzschuhe raschelten im gefallenen Laub. Dahinter leuchteten fahl die schneeweißen Hochfelder, die zwischen diesem Birkenbestand und dem hohen Fichtenwald lagen. Zwei Felderbreiten waren es, getrennt durch einen meterbreiten Rain, auf dem kleines Gestäude stand und an dessen Beginn der umstrittene Stein ragte. In diesem Dämmer heulte nun der Hund laut und wild auf, bellte und winselte. Der junge Bauer kam am Acker entlang bis zu dem Stein. Dort saß Harro, sprang hin und her, scharrte am Boden und gebärdete sich wie toll. Der schützende Wald fing den Schneewirbel etwas ab und hielt den kalten Wind zurück, so daß unter dem Sausen und Brausen über den Bäumen um die beiden Äcker eine fast wärmende Stille war, in die die aus dem Sturm kommenden Flocken müde taumelten.
„Vater!“
Der Ruf fand keinen Widerhall. Er verklang dumpf und kurz über den Ackerschollen.
„Harro!“ Der Hund hörte zu heulen auf und kauerte sich knurrend am Stein nieder.
Hier war der Vater nicht mehr, und das hätte er sich eigentlich denken können.
„Komm, Harro!“
Der Hund winselte und drückte sich eng an den Boden. Ach was, der Hund würde schon nachkommen, dachte der Franzl und machte kehrt. Sein Fuß stieß an etwas. Er bückte sich. Es war die Schaufel, und noch eines fand er dabei: den Hut des Vaters.
War er weggegangen und hatte den Hut hiergelassen?
Er sah sich noch einmal um, soweit er in der Nacht sehen konnte, schulterte die Schaufel und ging den Weg zurück.
Erst nach langem Rufen und Pfeifen folgte ihm der Hund langsam und mit hängendem Kopf.
Trübe flackerte die Petroleumlampe in der Stube und die beiden Frauen saßen schweigend, als der junge Rankl eintrat und seinen Hut und den des Vaters auf die Bank warf.
„Wir können essen“, sagte er und hängte die Joppe an den Nagel. „Der ist nimmer droben. Was tät er denn auch in der Nacht noch! Die Schaufel ist droben gelegen und sein Hut. Er wird halt wieder zum Wirt sein.“
Die Ranklin erwiderte nichts, holte schweigend die Schüssel vom Ofen, stellte die Kartoffeln auf, und ohne ein Wort zu reden, aßen sie.
Während die Dirn das Geschirr aufräumte, drehte sich der Franz eine Zigarette, und die Bäuerin wischte mit langsamen Bewegungen den Tisch ab. Die Dirn empfahl sich bald darauf, und auch der junge Bauer suchte seine Kammer unterm Dach auf. In der Stube blieb noch die Bäuerin. Sie saß am Tisch und stützte den Kopf mit dem schütteren grauen Haar in die Hände.
Die letzten zwei Jahre hatten sie stumm und müde gemacht. Wie hatte sich doch in dieser Zeitspanne das Leben auf dem Hof und in der Familie des Ranklhofers verändert. Was war aus dem Rankl geworden! Einmal ein angesehener und fleißiger Bauer, der nichts vertat und sein Sach zusammenhielt, konnte man ihn nun zu den Wirtshausbrüdern und Prozeßhanseln der Gemeinde rechnen, und man tat es auch. Wenn es die Leute auch nicht offen aussprachen, die Ranklhofer ahnten es und spürten es; die Achtung vor dem Ranklbauern war dahin.
Im Dorf und darüber hinaus.
Das machte dieser unselige Prozeß. Seit sie verheiratet waren, hatte es keine Zeit gegeben, in der der Bauer etwas auf das Wirtshausgehen gehalten hätte. Das Bier machte ihn noch ganz närrisch. Als Lediger hatte er öfter etwas über den Durst getrunken und war dadurch zum Streitfuchsen und Raufer geworden. Aber bei der Heirat hatte er ihr versprochen, sich keinen Rausch mehr anzutrinken, und hatte durch bald dreißig Jahre sich zurückgehalten. Damals aber, als er sich zum erstenmal mit dem Schwaiger wegen dem Kreuzstein zwischen ihren Feldern gestritten hatte, war er zum Dorfwirt gegangen, hatte in den Zorn hineingetrunken und war unglücklicherweise noch einmal an den Schwaiger geraten. Außer sich vor Wut und Rausch war er gegen den Nachbarn angegangen, und dieser hatte ihn unter den Tisch geschlagen. Damit hatte der Nachbar dem dickköpfigen und stolzen Rankl eine Wunde beigebracht, die nicht mehr verheilte, die den Bauern Tag und Nacht nicht in Ruhe ließ, und dann kam der Prozeß. Mit jeder Verhandlung wurde die Feindschaft tiefer, und der Rankl fand immer öfter den Weg in die Wirtshäuser. Dort waren die Leute leicht zu finden, die jedem recht gaben und den Ranklhofer aufhetzten. Ob diese dummen und rohen Mannsbilder dabei wußten, was sie dadurch einem Eheweib antaten? Viele Male hatte sie sich stundenlang das trunkene Gerede des Bauern anhören müssen, wenn er in der Nacht heimkam und ihr vorhielt, wie der und jener ihm wieder recht gegeben hätte. Wie sie sagten, er solle nur nicht nachlassen, und der Prozeß wäre für ihn so gut wie gewonnen. Nur sie, sein eigenes Weib, wollte nichts davon wissen und war schier bereit, zum Schwaiger zu halten!
Die erste Widerrede gab den ersten Streit und eine nachhaltende Bitternis. Sie wurden stumm. Dem Manne nahm der Groll das Wort weg, und sie machte sich das Schweigen zu eigen, um dem Streit auszuweichen. Er aber steuerte den Wirtshäusern zu, um sich von den Saufbrüdern zum Narren halten zu lassen. Daß sie sich mit seinem Gerede über den Prozeß nur mehr ergötzten, merkte er längst nicht mehr.
Heute würde er halt wieder drunten im Dorf sitzen. Denn dort vergaß er alles, und dort ging ihm auch das Mundwerk. Alle fremden Leute hatten auf einmal mehr Recht und besaßen sein Vertrauen mehr als die eigene Familie.
Ganz elend wurde ihr.
Sie war dabei still geworden, und der Gram hatte ihr das Lachen genommen. Wie oft war sie halbe und dreiviertel Nächte so hier gesessen und hatte auf ihn gewartet! Nur um dann seine unsinnigen Wiederholungen anzuhören, wenn nicht mehr der Bauer, sondern das Bier aus ihm sprach.
Daß er aber heute gleich vom Feld weg ins Wirtshaus gegangen war? Und nicht einmal erst die Schaufel heimtrug — die Schaufel und den Hut?
Wurde es schon kalt in der Stube? Ein Frösteln schauerte über ihren Rücken.
Den Hut! Warum sollte er nicht den Hut zurücklassen?
War er nicht schon ganz wunderlich gewesen in der letzten Zeit?
War er nicht schon von der Grummetwiese weg nur in Hemdsärmeln zum Dorfwirt hinuntergerannt, weil ihn gerade der Zorn wieder geplagt hatte?
Sollte sie ins Bett gehen? Aber sie läge ja doch nur stundenlang wieder in der Kammer und raufte mit unguten Gedanken. Sie legte die rauhen und arbeitsharten Hände auf die Tischplatte, verkrampfte die Finger ineinander und fing leise zu beten an.
Herrgott gib ihm ein Einsehen!
Und je länger sie so vor sich hinflüsterte, desto mehr überkam sie nun ein Erbarmen mit ihrem Mann. Er war kein schlechter Mensch, und wenn einer sich ein Leben lang auf den lebensarmen Steinfeldern und den sauren Wiesen dieses Walddobels abrackerte, dann wuchsen ihm aber der Stolz und der Dickkopf. Das mußte so sein, sonst könnte er die Schwierigkeiten und die Seelennot um Saat und Ernte gar nicht ertragen, er müßte verzweifeln vor dem Elendsboden und die Feldhaue hinwerfen.
Und was weiß da ein Weibsbild, wie Schinderei und Kümmernis, Freud über den Erfolg und Leid über den Mißerfolg, dieser dauernde Wechsel im Waldbauernleben, in einem Mannsleutherzen wirken!
So wanderten ihre Gedanken neben dem Vaterunser her, das ihre Lippen flüsterten, so gewohnt, wie man es seit den Kinderjahren tat.
Erschrocken hörte ihr Inneres auf das Lippengebet.
„O Herr, gib ihm die ewige Ruhe —“, hatte sie gebetet, als stünde sie vor einem Totenbrett oder ginge in einem Leichenzug.
Zusammenzuckend richtete sich ihr Oberkörper auf, und sie sah sich verstört in der Stube um.
War sie nicht mehr allein?
Ist es nicht gerade gewesen, als wäre noch jemand hier und stünde ihr so nah, daß sie fast die Körperwärme und den wehenden Atem des anderen spürte?
Da riß der Schreck sie hoch: Ein Schlag dröhnte im Haus und krachte in den Wänden, als wäre das Dach in die obere Stube gestürzt.
„Um Gottes willen, was ist jetzt passiert!“
Mit zitternden Knien wankte sie in die Hausflötz und trat auf die Steingred hinaus. Harro drängte sich an ihr vorbei ins Haus. Sie sperrte die Haustüre ab und stieg die Bodentreppe hinan. Diesen Krach mußte auch der Franz gehört haben. So schnell konnte er noch nicht eingeschlafen sein, und dieser Schlag hätte einen Toten aufgeweckt.
„Franz!“ Sie klopfte an seine Kammertür.
„Was ist los, Mutter?“
„Was ist das gerad für ein Krach gewesen? Ich hab gemeint, das Haus wär eingefallen.“
Verwunderung klang aus der Stimme des jungen Bauern, als er nach einer kleinen Weile antwortete: „Ich hab nix gehört, Mutter.“
„Hast schon geschlafen?“
„Nein, hab mich eben erst hingelegt.“
„Ist schon recht, gute Nacht!“ murmelte sie und ging die Bodenstiege wieder hinunter. In der Stube sah sie sich ängstlich um. Der Schein der Petroleumlampe lag auf der buchenen Tischplatte, und der Blechschirm schuf um diesen Lichtkreis ein häßliches Dunkel. Unter dem Tisch hatte sich der Hund zusammengekauert und sah sie mit Augen an, die im Dämmer zu glühen schienen. Überlegend stand sie. Der Franz will nichts gehört haben? Wie könnte das sein! Diesen Krach mußten sie bis zum Schwaiger hinüber vernommen haben! Sie trat an das Fenster. Eine Scheibe war gesprungen. Am Abend war sie noch ganz gewesen, geträumt hatte sie also nicht.
War jemand am Fenster gewesen? Draußen?
„Harro, komm!“ Sie wollte den Hund aus der Stube in den Hof tun. Dort war er Nacht für Nacht in der Hütte und dem Hof ein guter Wächter. Das Tier aber sträubte knurrend die Haare und biß nach ihrer Hand, als sie nach dem Halsband greifen wollte.
Da setzte sie sich in den Ofenwinkel, ganz still, als dürfte sie kein Geräusch mehr machen.
Warum war es so totenstill in der Stube? Die Uhr — ja, die Uhr war stehengeblieben. Sie dachte wieder nach. Dieses Krachen hatte sie so deutlich gehört. So laut und deutlich, daß ihr die Ohren gedröhnt hatten. Und die Fensterscheibe war auch zersprungen! Eiskalt kroch es ihr über den Rücken. Hatte sich etwas angemeldet? Brachte der morgige Tag ein Unglück?
Die Stille wirkte unheimlich und spannte ihre Nerven an, daß ihr der Kopf schmerzte. Vorgebeugt horchte sie in diese Leere.
Hatte nicht eben das Bett in der Kammer nebenan geknarzt, so wie die alte Bettlade immer ächzte, wenn der Rankl sich hineinlegte oder in der Nacht umdrehte? Hatte sie nicht das Gefühl, als müßte in der Kammer jemand sein? Fast glaubte sie das Atmen zu hören. Das war wohl ihr eigenes, ängstiges Schnaufen!
Sie fürchtete sich — ja fürchten tat sie sich!
Was war das für ein unguter Tag heut!
Aber ist man nicht immer einwendiger und bedrückter gestimmt, wenn der Winter sich meldete? Und draußen fiel der Schnee und deckte das Leichentuch des Waldwinters über das Land. Da fing der Wind im Kamin wieder zu singen an und vernichtete die Totenruhe im Haus. Dieses Summen erleichterte sie, und sie hörte genauer hin. Es war ein Singen wie der Ton einer kleinen hölzernen Orgelpfeife, und es wurde zum leisen Weinen und Jammern, wenn ein neuer kräftiger Windstoß in den Schlot fuhr.
So saß sie die ganze Nacht.
Es mochte schon ein gutes Stück nach Mitternacht sein, als sie noch einmal vor das Haus ging und in die Nacht horchte. Drüben beim Schwaiger brannte noch Licht. Und gegen Morgen, als sie es vor Kälte nicht mehr aushielt und den Ofen wieder anschürte, rollte drunten auf dem Weg ein Gefährt. Sie vernahm es deutlich und wartete gespannt, ob man etwa den betrunkenen Rankl heimbrächte.
Aber sie wartete umsonst.
Noch in der Nacht hatte der Sepp, der Knecht vom Schwaiger, für seinen Bauern den Doktor holen müssen. Am Abend war er in die Stube getaumelt, an der Schulter und an der Lendenseite blutend, die Lodenjoppe zerrissen. Er war aus dem Stall gekommen, wohin er den Gaul gebracht hatte, und dort hatte dieser ausgekeilt und den Schwaiger schwer getroffen. Der Bauer hatte es zornig abgelehnt, als die Barbara, seine Tochter, gleich um den Arzt schicken wollte. Er ließ sich nur von ihr und von der Hauserin, die ihm nach dem Tode der Schwaigerin das Hauswesen führte, arnikagetränkte Tücher auf die Wunden legen, und der Branntwein, in dem diese Kräuter angesetzt waren, beizte ihn, daß er knurrte und fluchte. So lag er auf dem Kanapee, hatte das Gesicht zur Wand gedreht und antwortete auf keine Rede.
Die Hauserin, eine dicke, ältliche Frau, strickte, und die Barbara saß neben ihr auf der Bank und wartete, bis der Vater wieder einen frischen Umschlag haben wollte. Sie war ein zwanzigjähriges Mädel mit offenem Gesicht und blühendroten Wangen. Tiefblaue Augen strahlten unter dunklen, schmalen Brauen hervor, und kleine, volle Lippen, immer ein wenig geöffnet, ließen die obere Reihe der blanken Zähne sehen. Große dunkelblonde Zöpfe waren um den Kopf gelegt. Das ganze Gesicht zeigte etwas Unbekümmertes, Fröhliches und eine immer fragende Neugier.
In der Stube herrschte eine Bärenhitze, und die Hauserin war fleißig darauf bedacht, sie zu erhalten.
Sie saßen schweigend und müde, und die Stille wurde nur unterbrochen, wenn der Bauer sich regte und der Schmerz ihm dabei ein Stöhnen abpreßte. Nach Mitternacht hatte die Barbara den Knecht geweckt und um den Doktor geschickt, sosehr der Schwaiger auch schimpfte und wütete.
Gegen Morgen kamen sie zurück und stampften sich im gepflasterten Flur den Schnee von den Füßen.
Der kleine dicke Doktor schnaufte in die Stube, grüßte mit einem freundlichen Lächeln, stellte seine Tasche auf den Tisch und legte den Mantel ab.
„Na, was ist denn mit dir los, Schwaiger?“ wandte er sich an den Bauern und legte ihm die Hand auf die Schulter.
„Der Gaul hat mich keilt! Hat mich sakrisch erwischt“, ächzte der Schwaiger und versuchte sich umzudrehen. „Ganz dumm hat er mich erwischt, hätt hin sein können.“
„Da wollen wir halt einmal nachsehen“, meinte der Doktor leichthin, als wüßte er schon, daß es sich nur um eine wenn auch schmerzhafte Kleinigkeit handeln konnte, und befahl der Hauserin, eine Schüssel mit warmem Wasser herzurichten.
„Bist du die Barbara?“ sprach er das Mädchen an, das dabeistand und verlegen die Hände rieb. „Bist aber mächtig groß geworden!“
Er legte die Joppe ab und zog sich einen Stuhl an das Kanapee heran.
„Wollen wir halt einmal das Ding anschauen. Wird so schlimm nicht sein, und der Schwaiger vertragt schon etwas.“
Er nahm die Tücher von der Schulterwunde und prüfte die Verletzung eine Weile. Dann schaute er auf und sah fragend und nachdenklich von einem zum anderen. Mit einem leichten Kopfschütteln wandte er sich wieder dem Schwaiger zu und drehte ihn etwas mehr auf die Seite.
„Wie bist du denn zu dieser Sauerei gekommen, Schwaiger?“
„Der Gaul — der Teufelshengst —“, knurrte der Bauer, „als ich ihn striegeln wollt, hat er ausgewichst und mich troffen.“
„Hat der Gaul gleich zweimal hintereinander ausgefeuert?“ fragte der Arzt weiter und legte auch die Wunde an der Lende des Bauern frei. „Der hat aber scharfe Eisen. Die Wunden sind wie geschnitten.“ Er säuberte die Wunden und suchte aus der Tasche die Instrumente, um die klaffenden Verletzungen zu vernähen.
Der Bauer schwieg eine Weile.
„Freilich hat er öfter auskeilt!“ stöhnte er dann mürrisch.
„Bist denn nach dem ersten Schlag nicht gleich weggeschleudert worden?“
Unverständlich wurde das Murren des Schwaiger: „Wohl, wohl, aber ich bin an der Wand gestanden —“
Der Doktor legte den Verband an und blieb dann noch eine Zeitlang sitzen. Prüfend sah er in das schmerzverzogene Gesicht seines Patienten. „Schaut fast nicht aus wie ein Hufschlag“, sagte er dann und erhob sich.
Der Bauer lag nun auf dem Rücken und hielt die Augen geschlossen. Zwischen den grauen, buschigen Augenbrauen stand eine abweisende Falte.
„Eine Spritze gegen Wundstarrkrampf muß ich dir noch geben, denn die Wunden waren recht unsauber; ganz erdig.“
Er verabreichte dem Reglosen die Injektion. Während er noch ein Rezept ausschrieb, sprach er mit Barbara.
„Brauchst dich nicht sorgen, Dirndl, der hält das schon aus. Das ist ein Gußeiserner! Kannst dich hinlegen. Morgen holt ihr dann diese Tabletten gegen den Schmerz, und ich werd dann wieder nachsehen. Sollte etwas Unvorhergesehenes kommen, dann müßt ihr mich halt gleich holen.“
Während er sich anzog, sah er noch einmal nach dem Kranken. Doch dieser schien zu schlafen. Er gab den beiden Frauen die Hand und ging.
„Wird bald der Schlitten gehen“, meinte er vor der Haustüre zur Barbara, „heut bin ich grad noch mit meinem Laufwägerl durchgekommen.“ Der Knecht, der beim Pferd des Doktors stehengeblieben war, nahm dem Tier die Decke ab und reichte dem Arzt die Zügel.
Als sie wieder in die Stube kam, schien der Vater schon ungeduldig gewartet zu haben.
„Was hat er noch gesagt?“ fragte er.
„Daß er bald den Schlitten wird nehmen müssen.“
„Tragt es net lang im Dorf herum, was mir fehlt — geht niemanden etwas an“, knurrte der Schwaiger. Dann fuhr er hastig wieder auf: „Nein, meinetwegen — leicht ist es besser, wenn ihr den Leuten sagt, daß der Gaul mich geschlagen hat, dann brauchen sie sich das Maul nicht zu zerschlagen über mich und woran ich etwa krank sein könnt. Ja — sagt es den Leuten — ist besser.“
Seine Augen unter den zotteligen Brauen zuckten, und in ihnen glomm eine fiebernde Unruhe. Dichtes, schon angegrautes Haar wallte um seine hohe Stirne. Eine wetterbraune Haut fältelte sich um sein hageres Gesicht und spannte sich um die groben Backenknochen. Die lange, etwas gekrümmte Nase gab ihm etwas Vertrauenerweckendes, aber auch Strenges.
„Legt euch jetzt nieder, ich brauch euch nicht mehr“, stieß er heraus und schloß wieder die Augen. Als die Barbara aus der Türe gehen wollte, rief er sie noch einmal zurück.
„Der Sepp soll auf den Gaul achten, daß er ihn nicht auch noch keilt! Das Vieh muß etwas haben. Es ist ganz wild.“
„Ja, Vater.“ Sie blieb noch einen Augenblick abwartend stehen und wollte dann mit einem Gutenacht sich entfernen. Da fragte er noch einmal:
„Was haben wir für ein Wetter?“
„Schneien tut’s.“
„So“, atmete er erleichtert auf, „leg dich jetzt nieder, und das Licht laßt mir brennen.“
Um das Haus ging es wie wispernde Geister, und der Schwaiger hörte auf dieses Huschen und Wehen, bis ihm die Schläfen weh taten.
„Es schneit — ja, es schneit! Das ist gut!“
Und er ächzte tief auf.
Der späte Herbstmorgen war noch nicht angebrochen, als der junge Rankl aufstand und in die Stube herunterkam. Seine Mutter saß bleich und verhärmt in der Ofenecke.
„Bist heut schon auf, Mutter? Ist der Alte heimkommen?“
Sie schüttelte den grauen Kopf und antwortete ihm langsam und tonlos: „Ist noch nicht da — und ich bin gar net ins Bett kommen. Ist eine unheimliche Nacht gewesen. Hab net schlafen können.“
„Dann gehst aber jetzt ins Bett, Mutter! Heut ist nichts weiter zu tun. Zur Stallarbeit brauchen wir dich nicht. Gell, leg dich hin, sonst wirst noch krank. Ich muß heut in die Mühle und werd schauen, daß ich bald zurück bin.“ Er machte die Kammertür auf und sah hinein. „Da ist das Fenster offen!“
Sie zuckte zusammen und verwirrt haspelte sie: „Das Fenster offen? Ja — vielleicht hab ich’s offen gelassen — gestern abend schon!“ „So lang ist er noch nie ausgeblieben“, fuhr sie in ihren Gedanken laut fort. „Wenn ihm nur nichts passiert ist?“
„Der sauft, kannst dich drauf verlassen!“ Unwillig schloß er die Kammertüre hart und laut. Der Knall der zuschlagenden Türe schien diese unheilschwangere Nacht beendet zu haben, der Tag meldete sich. Im Stall stampften die Pferde. Auch im Oberstock wurde eine Tür zugeschlagen, und die Bäuerin rückte die Sauermilchsuppe ans Feuer. Gähnend streckte der Franz die Arme über den Kopf. Dann stieß er den abgewetzten Bauernstuhl unter den Tisch, als wollte er damit noch ein übriges tun, um die Stille der Nacht zu beenden und den Tag wieder Herr sein zu lassen.
„Ist nimmer schön bei uns. Aber das Sinnieren hilft auch nicht. Da ist das Arbeiten immer noch das schönere.“ Rauh und unmutig stieß er es hervor.
„Ich leg mich nieder, kann mich kaum mehr auf den Füßen halten.“ Heiser murmelte sie es und ging mit schleppenden Schritten in die Kammer.
Wie sie in der letzten Zeit die Sorgen beugen und auch das Alter an ihr wirkt, mußte er denken. Das duldsame Weib ging noch zuschanden bei diesen Nöten. Sie hatte nicht die Gabe, sich das Elend vom Herzen zu reden, und trug es deswegen wahrscheinlich noch schwerer. Hatte ihr Lebtag nicht überflüssige Worte gemacht und oft keine Rede gefunden, wenn sie eine gebraucht hätte. Eine Arbeiterin, eine brave und gute, war sie dem Hof gewesen, solange er und soweit er in seine Kinderzeit zurückdenken konnte. Eine Schweigsame, der man Freud und Leid nur vom Gesicht ablesen konnte. Die Mutter konnte einem erbarmen.
War er nicht ihr Bub? Und war er nicht schon alt genug, um auch einmal etwas mitzureden? So konnte es jedenfalls nicht weitergehen, und er mußte mit dem Vater einmal ein Wort reden. Wenn es auch ein hartes Wort sein mußte und der dickköpfige und eigenstolze Mann noch so grob würde.
Er krempelte die Hemdsärmeln auf, stand breitbeinig inmitten der Stube und reckte sich. Lange hatte er zugesehen, viel zu lange. Jetzt mußte einmal deutlich die Sache ausgeredet oder notfalls ausgestritten werden — im eigenen Haus.
Und wenn jetzt der Ranklbauer durch die Türe gegangen wäre, dann hätte es ihn ankommen müssen, als erwarte ihn sein eigener Bub zu einem Geraufe. Der Franz ging nun vor das Haus und wusch sich am Brunnen. Das eiskalte Wasser machte ihn frisch und munter, und damit begann für ihn wieder der Bauerntag, der weniger Zeit ließ zum Nachdenken, als die langen Nächte es taten. Als er wieder ins Haus trat, hatte die Dirn die Milchsuppe schon auf den Tisch gestellt.
„Da ist ja heut schon eine warme Stub“, meinte die Kathl.
„Ja, die Mutter hat sich grad erst hingelegt. War die ganze Nacht wach.“
„Ist der Bauer da?“
„Nein! Und was ich sagen wollt: es geht die Leut von Hintereben und vom Dorf nichts an, was bei uns im Haus los ist. Das wollt ich dir schon lange einmal gesagt haben, und jetzt paßt es grad.“
Wie scharf und verbissen er schauen konnte; grad wie der Alte!
„Geht mich nichts an, was auf dem Hof und in der Familie ist, und wenn das noch lang dauert, dann bin ich sowieso nimmer lange da.“
„Wenn was noch andauert?“
„Daß der Bauer von Tag zu Tag saugrober wird und überhaupt kein gutes Wort mehr findet für einen Dienstboten.“
Der Franz murrte etwas Unverständliches, schob die leere Schüssel zurück, legte den Löffel hin und erhob sich. „Brauchst mich beim Füttern?“
„Werd leicht allein fertig.“
„Dann laß die Mutter schlafen. Ich spann gleich ein und fahr in die Mühl. Das hat der Vater gestern schon angeschafft.“ Er schloff in die dicke Winterjoppe und zog die gestrickte Haube über die Ohren.
Mit den schweren Stiefeln trat er leise auf, bis er aus dem Haus war. Allein zog er den leichten Leiterwagen aus dem Stadel und lud zwei Kornsäcke auf. Als er die Pferde vorspannte, heulte der Hund in der Hütte auf und winselte.
„Kusch, Harro!“
Dann saß er auf und ließ die Gäule gehen. Zwei Finger hoch mochte es geschneit haben in der Nacht, und den neuen Tag blies schon wieder ein kalter Wind ein, säuberte den heller werdenden Himmel und baute im Osten ein hohes und bauschiges Gewölk auf, das sich im roten Frühschein badete.
Ist aber schnell Winter geworden, sinnierte der junge Ranklbauer vor sich hin. Wenn er noch einen Tag gewartet hätte mit dem Mühlfahren, dann wäre vielleicht der Schlitten schon gegangen. Aber was getan ist, ist getan, und morgen könnte leicht eine andere wichtige Arbeit anfallen. Der Schnee war weich und flaumig und ballte sich an den Rädern. Der Wagen hinterließ auf dem Wege eine dunkle Spur. Am Hang entlang führte durch die ganze Länge des Tales ein Feldsträßlein, das die Zuwege von den Höfen aufnahm und zum Bach und ins Dorf hinunterführte. Als der Franz in das Sträßlein einbog, traf er mit einer schnell ausschreitenden jungen Frau zusammen, die den Zuweg vom Schwaigerhof heruntergekommen war. Einen dunklen Wollschal hatte sie um Kopf und Schultern geschlungen, und die Hände steckten in den Taschen einer Schafpelzjacke.
Das war doch die Barbara? Was tat die heute schon so früh auf dem Weg? Diese Begegnung war ihm zuwider. Seit die Alten der beiden Höfe sich verfeindet hatten und seit der Prozeß diese Feindschaft immer tiefer grub, wichen auch die jungen Nachbarsleute sich aus. Und sie waren sich dabei immer fremder geworden, obwohl sie mit dem ganzen Streit nichts zu tun haben wollten. Aber wenn die Hofbauern sich gegenseitig böse anlauerten, wenn die Väter Krieg führten, dann brachte das eben auch die Kinder auseinander.
Sie überholte mit raschen Schritten das langsam gehende Gespann. Dabei streifte sie mit einem Seitenblick den Franz, und als er an den Hut griff, gab sie ihm den zaghaften Gruß mit einem Kopfnicken zurück.
Die hatte es aber eilig! War doch kein Sonntag, daß sie etwa in die Frühmesse wollte. Einkäufen konnte sie beim Dorfkramer auch nicht so früh.
Ein kalter Wind zog durch das Tal, und er schlug den Rockkragen hoch.
„Hüh!“ Wollten heute aber auch schon gar nicht in Gang kommen, die zwei Racker! Wie das Mädel vor ihm rannte! Wollte sie ihm zeigen, daß sie ihn überholen konnte? Oder sie wollte eben nicht neben oder hinter ihm hergehen? Das Tal verengte sich, und der Weg drängte sich an den Bach. Eine enge Waldschlucht führte aus dem Hochtal von Hintereben in die breite Talsenke, in der das Pfarrdorf lag. Grobe Steine ragten aus dem Boden, und holpernd rumpelte der Wagen dahin. Droben, über dem Wald, glühte der Morgen, während in dieser Waldenge neben dem rauschenden Elenderbach noch das schneeblaue Dämmern der weichenden Nacht lag.
Über Felstrümmer kurvten Bach und Sträßlein durch die Schlucht und eilten dann frei und erleichtert in die Talbreite des Dorfes hinaus. Frühe Krähen taumelten um die verstreuten Häuser und spektakelten auf den leicht verschneiten Feldern. Ein Hase sprang über den Weg und hoppelte hinüber zum Randgesträuch des Waldes.
Von der Schwaiger Barbara war nichts mehr zu sehen.
Erst als er durch das Dorf gefahren war und die Hauptstraße erreichte, die in einer Gehstunde zur Frohnauermühle führte, sah er sie wieder vor sich.
Ah, die wollte schon so früh in die Stadt? Vielleicht noch zum Frühzug? Da allerdings hatte sie höchste Zeit, wenn sie es überhaupt noch schaffte. Wenn er sie aufsitzen und seine Gäule etwas laufen ließ, dann könnten sie etwa noch zeitig genug hinkommen. Er trieb das Gespann an, ließ es laufen, bis er sie eingeholt hatte, und hielt neben ihr.
„Willst noch zum Frühzug, Barbara?“
„Nein, muß in die Apotheke“, atmete sie schwer und sah mit einem vor Kälte und Erregung rotem Gesicht zu ihm auf.
„Wennst aufsitzen willst, dann geht’s schneller und leichter.“
„Wenn du meinst.“ Ein leichtes, etwas verlegenes Lächeln dankte ihm. Er reichte ihr die Hand und zog sie zu sich auf den Kutschbock.
„Pressiert es recht?“ fragte er.
„Ja.“
Er ließ die Gäule wieder laufen. Sie schwiegen eine Weile.
„Ist jemand krank bei euch?“
„Den Vater hat der Gaul geschlagen. Sieht bös aus. Jetzt hat sich ein Fieber dazugeschlagen, und da muß ich in die Apotheken.“
„So?“ tat der Franz teilnehmend. „Hab noch gar nichts gehört davon! Wann ist denn das gewesen?“
„Gestern am Abend, beim Füttern.“ Sie schluckte: „War in der Nacht der Doktor schon da und hat ihn genäht.“
„Fehlt es ihm so weit?“ bedauerte der junge Bauer.
„Zweimal hat ihn das Roß erwischt, an der Schulter und in der Seiten.“
„Gleich zweimal? Das ist aber selten!“ Als sie nichts mehr weiter sagte, setzte er die Unterhaltung fort: „Ja ja, kommt halt manches daher im Leben. Du hast einen kranken Vater, und ich hab einen, der ist auch krank, aber halt anders. Der hat ein einwendiges Fressen, und das ist wie ein Herzwurm. Ich glaub, daß daran auch einer eingehen kann.“
„Müßt aber net sein“, warf sie ein und zog den Schal enger um das Gesicht. „An einer solchen Kränk ist der Mensch selber schuld.“
„Das will ich grad net sagen“, meinte er betont, „es kann ganz gut möglich sein, daß mein Vater recht hat. Aber das geb ich zu, daß die Sache es net wert ist. Ob jetzt euer Kreuzstein bei unserem Feld nachgerutscht ist oder net, ob er überhaupt dort steht oder woanders, könnt mir gleich sein. Aber das weißt, daß mein Alter seit einer Weil so strittig und bockig ist, daß man ihm nichts sagen kann.“
Sie seufzte. „Als wenn net alles auszureden und auszumachen wär. Als wenn man dabei das Geld zum Gericht und die Feindschaft in die Wirtshäuser tragen müßt! Mein Vater ist auch schon ganz strubblig wegen dieser Geschichte, und er ließ mit sich reden. Aber wenn der deine lieber prozessiert —“
Nachdenklich sah er auf die trabenden Gäule. Daß sie die ganze Schuld seinem Vater zuschieben wollte, paßte ihm gerade nicht.
„Ich mein, da ist einer so dickschädlig wie der andere. Drum ist es vielleicht grad beim Rechten, wenn es das Gericht ausmacht.“
Da wandte sie sich ihm zu und blitzte ihn an: „Du bist halt der gleiche Streithansl wie dein Vater! Art bleibt Art.“
Er lachte.
„Jetzt hast aber net recht!“ Und ernster werdend setzte er hinzu: „Meinst, ich hätt nichts gelernt aus diesem Streit? Hat uns schon ein schönes Stück Geld gekostet. Mir wär das die Sache nicht wert.“
Ihre scharfgeschnittenen Brauen zogen sich zusammen, und heftig fragte sie: „Warum streitet dein Vater denn überhaupt?“
„Weil er ein rechthaberischer Bauerndickschädel ist! Und weil wahrscheinlich auch an ihm gehetzt wird. Heut nacht ist er wieder einmal net heimkommen.“
„Habt ihr halt auch euer Kreuz! Und wär doch alles durch eine vernünftige Red aus der Welt zu schaffen. Der Vater hat schon oft gesagt, daß der Stein längst weg sein könnte, wenn sich mit dem Nachbarn reden ließe.“
Er nickte und wandte sich ihr zu: „Eigentlich ging ja das uns zwei nichts an. Aber wie es ist: wo die Alten sich streiten, schleicht sich die Zwietracht auch bald unter die Jungen. Ich wollt sagen: Ich hab keine Feindschaft mit euch.“
„Ich auch net mit euch“, sagte sie.
„Dann ist es ja recht!“ Er lachte.
„Jetzt bist an der Mühl“, wies sie ihn darauf hin, als sie bei der Einfahrt zur Frohnauermühle anlangten.
„Jetzt fahren wir erst in die Apotheken“, schmunzelte der Rankl.
„Nein, möcht dir keine Ungelegenheiten machen.“
„Ist keine Ungelegenheit für mich. Ich hab Zeit.“
„Aber es könnt eine werden“, bestand sie darauf und sah ihn von der Seite an. „Brr!“ Schnell hatte sie in die Zügel gegriffen, und ehe er es hindern konnte, standen die Pferde und sprang sie vom Wagen.
Da schoß ihm das Blut ins Gesicht.
„Meinetwegen, wie du es halt haben willst, Schwaigertochter!“ rief er verärgert. Sie war schnell weitergegangen.
Ob sie es noch gehört hatte? Verdrossen lenkte er sein Gefährt von der Straße auf den Weg zur etwas tiefer am Bach liegenden Mühle. Gar langsam tat er sich dort um, und als er das Korn gegen Mehl umgetauscht hatte, verhielt er sich noch eine Weile im Gespräch mit dem Müller und machte sich nur zögernd auf die Rückfahrt.
Es war heller Vormittag geworden, als er wieder auf die Straße zurückkehrte. Die Pferde, die eine raschere Gangart anschlagen wollten, hielt er zurück und sah immer wieder hinter sich, wo die Straße über einen Höhenrücken ins Tal führte. Eigentlich müßte die Barbara jetzt auch auf dem Rückweg sein. Wenn sie schon vorbeigekommen wäre, hätte er sie sehen müssen, denn er hatte von der Mühle aus die Straße nicht aus den Augen gelassen. Wenn sie nur nicht absichtlich verzögerte, um nicht wieder mit ihm zusammenzutreffen!