Über das Buch

Eines Nachmittags öffnet eine Mutter in einer Stadt im Südosten Nigerias ihre Haustür und entdeckt den Körper ihres toten Sohnes, eingewickelt in bunten Stoff. Ihren Sohn, den die eigenen Eltern nie so recht verstanden haben.

Vivek Oji ist schon früh anders als die anderen Kinder und leidet unter Ohnmachtsanfällen. Während der Vater den Militärdienst herbeisehnt, überschüttet die Mutter den Sohn mit Fürsorge. Viveks engste Bezugsperson ist sein Cousin Osita. Kann er Vivek helfen, sein Innerstes zu offenbaren?

Über die Autorin

Akwaeke Emezi wuchs in Nigeria auf und studierte an der New York University. Im Jahr 2017 gewann Akwaeke Emezi den Commonwealth Short Story Prize für Afrika. Der Tod des Vivek Oji erschien 2020 in den USA, wo es auf den Bestsellerlisten stand und vielfach zum Buch des Jahres gewählt wurde. Emezis Debütroman Süßwasser erschien 2018 bei Eichborn.

AKWAEKE EMEZI

DER TOD
DES
VIVEK OJI

Roman

Übersetzung aus dem
amerikanischen Englisch von Anabelle Assaf

EICHBORN

 

Für Franca, meine erste und

beste Geschichten erzählende Freundin.

Vergiss niemals Kurts Nachnamen.

Hab dich unglaublich lieb.

Lebe frei.

1

Am Tag von Vivek Ojis Tod brannten sie den Markt nieder.

2

Wenn diese Geschichte ein Stapel Fotos wäre – solche wie früher, mit den runden Ecken, eingeklebt in Alben und aufbewahrt auf spitzenbedeckten Wohnzimmertischen im ganzen Land –, sie finge mit Chika, Viveks Vater, an. Auf dem ersten Bild sitzt er im Bus zum Dorf, wo er seine Mutter besucht; einen Arm lässig aus dem Fenster gehängt, spürt er den Luftwiderstand im Gesicht, und eine Brise mischt sich in sein Lächeln.

Da war Chika zwanzig und groß gewachsen wie seine Mutter, ein Meter achtzig, rote Haut und Haare wie sonnengeküsster Ton, Zähne wie polierte Knochen. Jede Frau im Bus sah ihn unverwandt an, und als sich sein weißes Hemd im Nacken bauschte, lächelten und tuschelten sie, weil er so schön war. Eine Schönheit, die für immer hätte sein sollen, aus Eigenschaften, die er an Vivek weitergab – die Zähne, die mandelförmigen Augen, die geschmeidige Haut. Eigenschaften, die mit Vivek starben.

Das nächste Foto würde Chikas Mutter, Ahunna, zeigen, die beim Eintreffen ihres Sohnes, neben sich eine Schüssel Udara, auf der Veranda sitzt. Ihr Wickeltuch um die Hüften gebunden, blieben ihre Brüste unbedeckt, und ihre Haut war röter als Chikas, dunkler und älter, wie ein unter tropfendem Blut gebrannter Krug. Um die Augen hatte sie feine Falten, das Haar war zu Cornrows geflochten, und auf einem Hocker ruhte ihr verbundener linker Fuß.

»Mama! Gịnị mere?!«, rief Chika und rannte die Veranda hinauf. »Ist alles in Ordnung? Warum hast du niemanden geschickt?«

»Gab keinen Grund, dich zu beunruhigen«, antwortete Ahunna, zerteilte eine Udara und saugte das Fruchtfleisch aus. Um sie herum erstreckte sich das riesige Grundstück des Dorfhauses – alter Familienbesitz, ein Vermächtnis aus Erde, an dem Ahunna seit dem Tod von Chikas Vater einige Jahre zuvor festhielt. »Bin auf der Farm auf einen Stock getreten«, erklärte sie, als ihr Sohn neben ihr Platz nahm. »Mary hat mich ins Krankenhaus gebracht. Jetzt ist alles gut.« Darauf spuckte sie Udarakörner aus wie kleine schwarze Schrotkugeln.

Mary war die Frau seines Bruders Ekene, ein dralles, sanftes Mädchen mit Wangen wie Wölkchen. Erst vor wenigen Monaten hatte Chika bei ihrer Hochzeit zugesehen, wie Mary in der Kirche den Mittelgang hinuntergeschwebt war, ihr Körper in weiße Spitze gehüllt, ihr hübscher Mund verborgen unter einem Schleier. Vor dem Altar hatte Ekene gewartet, aufrecht und stolz in einem tiefschwarzen Anzug, der seine Haut schimmern ließ wie feuchten Lehm. Noch nie hatte Chikas Bruder einen so zärtlichen Eindruck gemacht; seine langen Finger hatten gezittert und seine Augen vor Liebe und Stolz geleuchtet. Um Ekene während ihrer Gelübde anschauen zu können, hatte Mary den Kopf in den Nacken gelegt – die Männer der Familie waren schon immer groß gewesen –, und als sein Bruder den Tüllschleier hob und sie küsste, hatte Chika ihren geschwungenen Hals und ihr strahlendes Gesicht bewundert. Nach der Hochzeit hatte Ekene beschlossen, vom Dorf in die Stadt zu ziehen, ins wuselige, laute Owerri, und solang er mit den Vorbereitungen für ihr neues Leben beschäftigt war, wohnte Mary bei Ahunna. Chika warf ihr von der Veranda aus einen verstohlenen Blick zu. Sie goss gerade den Hibiskusgarten. Das Haar hatte sie zu einem losen Knoten hochgesteckt, und sie trug ein weites Baumwollkleid mit verblichenem Blumenmuster. Sie hatte etwas Anheimelndes an sich, etwas, in das er sich fallen lassen könnte wie durch einen Wirbel aus Hüften, Schenkeln und Brüsten.

Seine Mutter beobachtete ihn stirnrunzelnd. »Reiß dich zusammen«, warnte sie ihn, als könnte sie seine Gedanken lesen. »Sie ist die Frau deines Bruders.«

Chikas Gesicht glühte. »Keine Ahnung, wovon du sprichst, Mama.«

Ahunna verzog keine Miene. »Such dir eine eigene Frau. Dass du mir in diesem Haus ja kein Wahala mit dem Mädel anfängst. Dein Bruder kommt sie bald holen.«

Chika griff nach ihrer Hand. »Ich fange überhaupt nichts an, Mama.« Sie schnaufte, zog ihre Hand aber nicht weg. So saßen sie da, ein weiteres Foto, während der Abend über Himmel und Veranda hereinbrach und in Chika etwas brodelte, etwas langsam und heiß in seinem Rachen pochte. Das war vor Vivek, vor dem Feuer, bevor Chika herausfinden würde, wie schwer es war, sich mit den Knochen seines Sohnes das eigene Grab zu schaufeln.

Ahunnas Wunde hinterließ, nachdem sie verheilt war, eine Narbe auf dem Fußrücken. Einen dunkelbraunen Fleck von der Form eines schlaffen Seesterns. Ahunnas Sohn Ekene holte seine Frau ab und brachte sie in das neue Haus in Owerri, einen weißen Bungalow mit einem Flammenbaum vor dem Tor und echten Guaven entlang des Zauns. Chika kam sie oft besuchen. Dies wären die glücklichen Bilder: Eine lächelnde Mary in ihrer Küche; Mary, die sich neue Extensions einflicht oder aus voller Kehle im Kirchenchor singt; Mary und Chika plaudernd in der Küche, während Mary kocht. Da Ekene weder Geduld für Tratsch noch einen Hang zu Eifersucht hatte, machte ihm die Freundschaft zwischen seinem jüngeren Bruder und seiner Frau nichts aus.

Was Chika anging, verströmte das Etwas, das in ihm brodelte, wann immer er in Marys Nähe war, eine ganz neue Hitze. Es pfiff und blubberte und versengte ihn an unsichtbaren Stellen. Im Beisein seiner Familie scherzte er, dass er sich eben lieber in einem Haus mit einer Frau aufhalte als in seiner leeren Junggesellenwohnung, und Mary glaubte ihm – bis er eines Nachmittags, als sie gerade am Herd stand, hinter sie trat und seine Lippen auf ihren Nacken presste. Sie fuhr herum und drosch mit dem langen Holzlöffel auf ihn ein, den sie fürs Gari benutzte.

»Bist du verrückt geworden?«, schrie sie, und das heiße, vom Löffel spritzende Gari verbrannte ihm die zum Schutz erhobenen Unterarme. »Sag mal, spinnst du?«

»Tut mir leid! Tut mir leid!« Er fiel auf die Knie und verschränkte die Arme über dem gesenkten Kopf. »Biko, Mary, hör auf! Es kommt nicht wieder vor, ich schwöre es!«

Keuchend, sichtlich verwirrt und verletzt hielt sie inne.

»Was ist eigentlich dein Problem? Warum musst du alles kaputtmachen? Ekene und ich sind glücklich, hörst du? Wir sind glücklich.«

»Ich weiß, ich weiß.« Langsam, ein Bein nach dem anderen, stand er mit erhobenen Händen auf und sah ihr in die Augen. »Ich weiß. Ich will nichts kaputtmachen. Bitte, vergib mir.«

Mary schüttelte den Kopf. »Wenn du deshalb hier bist, brauchst du nicht wiederzukommen.« Chika wollte nach ihrer Hand greifen, doch ihre Finger umschlossen weiter den Löffel.

»Ich weiß«, sagte er betont leise.

»Das meine ich ernst«, sagte sie. »Komm mir nicht noch mal mit diesem Unsinn.«

Chika sah Tränen in ihren Augen schimmern und ließ die Hände sinken.

»Ich hab’s verstanden. Ich schwöre dir, ab jetzt bist du nur meine Schwester.« Er spürte ihren Blick auf sich, als er seine Schlüssel nahm. »Ich mach mich auf den Weg. Wir sehen uns nächste Woche. Das heute vergessen wir einfach, ja?«

Mary sagte nichts. Sie sah nur zu, wie er ging, und lockerte ihren Griff um den geschwungenen Holzlöffel erst, als die Tür hinter ihm ins Schloss gefallen war.

Die nächsten Monate blieb Chika Owerri fern. Er hatte das Dorf verlassen und war in die Markstadt Ngwa gezogen, wo er als Buchhalter in einer Glasfabrik arbeitete. Der dortige Firmenarzt, Dr. Khatri, war ein blasser Inder mit grauen Schläfen, der manchmal seine Nichte, Kavita, mitbrachte, damit sie ihm bei Verwaltungssachen half. Als sie sich das erste Mal begegneten, wollte Chika eigentlich wegen eines Hustens zum Doktor, dann aber saß, umgeben von Aktenstapeln, in denen sie stirnrunzelnd blätterte, Kavita am Empfangstisch. Sie war klein, ihre Haut dunkelbraun und ihr dickes schwarzes Haar zu einem Zopf geflochten, der ihr bis über die Hüften ging. An jenem Morgen trug sie ein orangefarbenes Baumwollkleid; sie sah aus wie ein flammender Sonnenuntergang, und Chika wusste im selben Moment, dass seine Geschichte mit ihr enden, dass er in ihren großen strahlenden Augen ertrinken würde und es keine bessere Art zu sterben gäbe. Diesmal brodelte nichts in ihm, diesmal war da nur ein lautes, unverkennbares Aufatmen, eine friedliche Schwere, die sich um sein Herz legte. Kavita sah hoch, lächelte ihm zu, und irgendwie brachte Chika eine Einladung zum Mittagessen heraus. Dass sie einwilligte, überraschte beide genauso wie die Zuneigung, die sich in den folgenden Wochen zwischen ihnen entwickelte.

Als ihre Turtelei offensichtlich ernst wurde, lud der Doktor Chika zu sich nach Hause ein, wo Kavita ihnen Tee und kleine Schüsseln Murukku servierte. Sie hatte schmale Handgelenke, und das dunkle Haar fiel ihr über die Schultern. Dr. Khatri erzählte Chika, wie er Kavita nach dem Tod ihrer Eltern in seine Obhut genommen hatte und sie später gemeinsam von Indien ins weit entfernte Nigeria gezogen waren. »In Delhi hatten wir einige … familiäre Probleme«, sagte er. »Wegen der Kaste ihres Vaters. Da war ein Neuanfang die beste Lösung.« Chika nickte. Aus demselben Grund lebte er auch in einer anderen Stadt als seine Familie. Neuanfänge waren gut; im Getrenntsein spürte man sich selbst und lernte, wer man ohne die anderen war.

Ein Bild: Das junge Paar spaziert nach dem Abendessen im Garten hinterm Haus an einer Reihe kahler Rosensträucher entlang, und Kavita streicht mit den Fingern über die Zweige.

»Ich kann’s kaum erwarten, dass sie endlich blühen«, sagte sie. »Damals in Delhi habe ich den Geruch von Rosen gehasst. Aber mein Onkel liebt sie, und jetzt denke ich bei Rosen seltsamerweise immer an zu Hause.«

Ein Bild: Chikas Hand auf ihrer, unter ihren Händen zerdrückte gezackte Blätter, ein stiller Kuss, bei dem sich ihr Atem mischt.

Kurz darauf fuhr Chika ins Dorf, um seiner Mutter von Kavita zu erzählen. »Ich möchte, dass du sie kennenlernst«, sagte er und wich ihrem Blick aus. Ahunna betrachtete seine hängenden Schultern, beobachtete, wie er die Hände immer wieder aus den Taschen nahm und zurückschob. Kinder bleiben doch immer gleich, dachte sie, egal, wie groß sie werden.

»Bring das Mädchen her«, sagte Ahunna. »Nsogbu adịghị.« Dann schälte sie weiter Yamswurzeln. Sie saß auf einem Hocker, vor sich eine Schüssel mit den Knollen, und warf die Rinde in den Hof für ihre Ziegen. Chika sah auf sie herab, und ein verwundertes Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus.

»Okay, Ma«, sagte er nach einer Weile. »Daalụ

Erst da fühlte er sich endlich bereit, nach Owerri zu fahren und Mary und Ekene von den Neuigkeiten zu berichten. Jetzt, wo er reinen Gewissens ihr Haus betreten konnte. Über das, was in einem Moment verbotenen Begehrens in ihrer brütend heißen Küche geschehen war, verloren Mary und er nie wieder ein Wort.

Drei Monate später hielt Chika im Rosengarten ihres Onkels um Kavitas Hand an. Inzwischen hingen die Zweige voll roter und rosafarbener Blüten, deren schweres Aroma die Luft erfüllte. Kavita lächelte und blinzelte die Tränen weg, bevor sie die Arme um Chikas Hals schlang und unter Küssen Ja sagte. Nur wenige Tage später entbrannte zwischen den Familien der Streit um die Mitgift. Chika erklärte Dr. Khatri zwar, dass die Familie des Bräutigams den Brautpreis entrichten müsse, doch allein die Vorstellung brachte den alten Doktor in Rage. »Wir haben Kavitas Mitgift von Indien bis hierhergeschafft! Das ist ihr Erbe. Ich kann sie doch nicht ohne gehen lassen, als wäre sie uns nichts wert!«

»Und ich kann nichts vom Vater meiner Braut annehmen!«

Bei dem Wort Vater stiegen Dr. Khatri Tränen in die Augen, und der Streit geriet ins Stocken. »Sie ist wirklich wie eine Tochter für mich«, sagte er mit belegter Stimme.

Ahunna verdrehte die Augen. »Ihr Männer brüllt einfach zu gern. Die beiden Mitgiften können sich doch gegenseitig aufheben, dann zahlt niemand was.« Dr. Khatri wollte protestieren, aber sie hob die Hand. »Sie sollen Kavitas Mitgift für ihre Kinder aufbewahren. Und jetzt will ich nichts mehr davon hören.«

Damit war die Sache erledigt. Kavitas Mitgift bestand aus einer kleinen Sammlung schweren Goldschmucks, den schon ihre Mutter wie Generationen von Frauen vor ihr in die Ehe eingebracht hatte.

Ein Bild: Chika und Kavita frisch vermählt in ihrem gemeinsamen Schlafzimmer. Seine Hände übervoll mit Ketten und Armreifen. »Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll. Das ist ja der reinste Märchenschatz.«

Kavita nahm den Schmuck und legte ihn zurück in die Schatulle. »Der ist für unsere Kinder«, ermahnte sie Chika, nicht ahnend, dass sie nur eines haben würden. »Vergessen wir ihn einfach.«

Die nächsten zwanzig Jahre blieb der Großteil des Schmucks in der Schatulle; auf purpurroten Samt gebettet glänzten Edelsteine und Goldketten im Dunkeln. Nur in schweren Zeiten verkauften Chika und Kavita eines der Stücke. Die meisten aber behielten sie, um ihren Sohn, Vivek, damit später nach Amerika zu schicken. Seine Hände waren es auch, die den Schmuck schließlich aus der Schatulle nahmen.

Ein Bild: Auf seinem freien Oberkörper drapiert der Junge Halsketten über dem Silberanhänger auf seiner Brust und steckt sich goldene Ohrringe an. Sein Haar fällt ihm über die Schultern, er sieht aus wie eine halb nackte, fast gänzlich entkleidete Braut.

Aber auf diesem Bild ist noch ein weiterer Junge. Sein Name ist Osita. Er ist genauso groß wie Vivek, aber breitschultriger und hat eine Haut wie dunkler Lehm. Er ist Ekenes und Marys Sohn, hat schmale Augen und unfassbar volle Lippen. Auf diesem Bild macht Osita ein versteinertes, sorgenvoll finsteres Gesicht. Die Arme verschränkt und das Kinn gereckt wappnet er sich für das Unvorhersehbare.

Vivek lächelt seinem Cousin zu. Auf seinen Augenbrauen hängen Goldtropfen. »Wie sehe ich aus, bhai?«, fragt er mit Glockenstimme.

Viel später wünschte sich Osita, er hätte Vivek damals die Wahrheit gesagt, dass neben seiner Schönheit alles stumpf wurde und er selber hart vor Verlangen. Stattdessen fauchte er: »Nimm das ab. Und leg’s zurück, bevor uns jemand erwischt.«

Vivek ignorierte ihn und wirbelte herum. Sein Gesicht barg so viel Licht, dass es Osita in den Augen wehtat.

Nach Viveks Beerdigung sagte er: »Ich würde alles tun, alles geben, um ihn noch ein einziges Mal so zu sehen, lebendig und überschüttet mit Reichtum.«

Der Markt, den sie niederbrannten, befand sich gleich nach dem zweiten Kreisverkehr, wenn man die Chief Michael Road runterfuhr, vorbei an den leer stehenden Bürogebäuden und der Kreuzung mit dem Reifenmechaniker, dem kleinen Mann mit der riesigen Narbe auf der Wange. Sein Name war Ebenezer, und er arbeitete angeblich schon immer an dieser Kreuzung. Wenn die Reifen eine Reparatur benötigten, brachte auch Kavita ihren Familienwagen zu ihm. Einen silbergrauen Peugeot 504, den Chika nach Jahren in der Glasfabrik als Ersatz für seinen schrottreifen alten gekauft hatte. Dann legte der kleine Vivek oft die Hand aufs heiße Autoblech und sah Ebenezer, unruhig auf der Stelle tretend, bei der Arbeit zu. Die Narbe hob sich von der Wange ab, stach dunkelrot glänzend aus seinem braunen Gesicht hervor. Wenn Ebenezer Vivek zulächelte, kämpfte die Narbe gegen die Hautfalten, und nur ein Mundwinkel regte sich.

»Na, kleiner oga«, scherzte Ebenezer beim Hantieren mit Schraubenschlüssel, Schläuchen und Luftdruck. Kichernd drückte Vivek das Gesicht in Kavitas Röcke. Damals war er jung, lebendig. Ließ Kavita die Hand sinken, landete sie auf seinem runden Kinderkopf, dem weichen Haar und der warmen Haut darunter, dem gewölbten Knochen, der ihm seine Form verlieh. Jahre später, als sie Viveks Körper auf der Veranda vor ihrem Haus fand, verhüllt von dreieinhalb Metern Akwete-Stoff, dessen rot-schwarzes Muster sie nie mehr vergessen würde, war dieser Knochen zertrümmert, und Viveks Schädelinhalt sickerte auf ihre Fußmatte. Trotzdem hob sie seinen Kopf an und presste schreiend ihre Wange an seine. Dabei fiel sein Haar, feucht und lang und dick, über ihre Arme, und sie jaulte auf.

»Beta!«, zerschnitt ihr Schrei die Luft. »Beta, wach auf!«

Einer von Viveks Füßen lag verdreht neben einem umgekippten Blumentopf, um seinen Knöchel war alles voller Erde. Es stank nach Rauch. Da er keine Schuhe trug, war die Narbe auf seinem linken Spann zu sehen: ein welker dunkelbrauner Seestern.

Am Tag von Viveks Geburt hatte Chika mit dem Baby im Arm auf diese Narbe gestarrt. Er sah sie nicht zum ersten Mal – Kavita ließ sich jedes Mal über ihre Form aus, wenn sie Ahunna die Füße massierte. Sie war so lang ohne Mutter gewesen, dass sie Ahunna auf eine greifbare, kindliche Art liebte und berührte, wann immer sie konnte. Sie saßen stundenlang zusammen, lasen, spazierten über die Farm, und Ahunna war dankbar, dass sie zwei Söhne geboren hatte und ihr zwei Töchter geschenkt worden waren. Nach der Geburt von Ekenes und Marys Sohn Osita brach Ahunna beim Anblick seines kleinen Gesichts in Tränen aus und sang ihm leise Igbo-Lieder vor. Sie konnte kaum erwarten, dass auch Chika und Kavita ein Kind bekamen.

Das war genau ein Jahr her, als Chika mit seinem neugeborenen Sohn im Arm spürte, dass etwas in ihm anwuchs – wie gegossener Zement, der sich zu einer Übelkeit erregenden Angst verhärtete –, doch er ignorierte es. Das waren doch bloß Märchen; konnte unmöglich wahr sein. Erst am nächsten Tag kam ein Botenjunge aus dem Dorf nach Ngwa und überbrachte Chika die Nachricht von Ahunnas Tod. Ihr Herz hatte am Vortag auf der Schwelle ihres Hauses aufgehört zu schlagen. Ihr Körper war auf ihrem Land zusammengesackt, und die Erde hatte ihr lebloses Gesicht empfangen.

Er hätte es wissen müssen, sagte sich Chika, während Kavita Vivek an ihre Brust drückte und vor Kummer schrie. Er hatte es gewusst. Wie hätte die Narbe auf Haut in die Welt kommen sollen, ohne diese zuvor verlassen zu haben? Nichts kann an zwei Orten gleichzeitig sein. Trotzdem leugnete er es noch jahrelang, solang er konnte. Aberglauben nannte er es. Die Narben auf ihren Füßen seien reiner Zufall – außerdem war Vivek ein Junge und kein Mädchen, wie sollte das also gehen? Und doch. Seine Mutter war tot, ihrer Familie entrissen, und mittendrin ein neugeborenes Baby.

So kam Vivek zur Welt, nach einem Tod und hinein in Trauer. Das zeichnete ihn. Fällte ihn wie einen Baum. Sie brachten ihn heim in ein Haus, erfüllt von ohnmächtigem Kummer; sein ganzes Leben ein einziges Klagen. Kavita bekam kein Kind mehr. »Er reicht«, sagte sie. »Das hat gereicht.«

Ein Bild: Ein trauerndes Haus, das mit seinem Verlassen zurückkehrt in den Zustand, als er es betrat.

Ein Bild: Sein verhüllter Körper.

Ein Bild: Sein gebrochener Vater, seine wahnsinnige Mutter. Ein toter Fuß, auf dessen Wölbung sich ein eingefallener Seestern erstreckt, Anfang und Ende von allem.