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Zum Buch

Jeder mag Schurken, dabei sind sie oft käuflich, handeln moralisch fragwürdig oder sind politisch inkorrekt. Und gerade deswegen stellen Schurken den eigentlichen Helden so häufig in den Schatten. Denn was wäre Star Wars ohne Han Solo oder Game of Thrones ohne Tyrion Lennister? George R. R. Martin und Gardner Dozois haben einundzwanzig Storys zusammengetragen – unter anderem von Patrick Rothfuss, Gillian Flynn, Joe Abercrombie und Scott Lynch –, die sich den beliebtesten Charakteren aller Genres widmen: den Schurken.

George R. R. Martin & Gardner Dozois

präsentieren

Der Bruder
des Königs

und 20 weitere Kurzromane

Deutsch von Andreas Kasprzak, Michaela Link,
Tobias Toneguzzo und Andreas Helweg

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Die Originalausgabe erschien 2014 unter dem Titel »Rogues«
bei Bantam Dell, New York.


1. Auflage

Copyright der Originalausgabe
© 2014 by George R. R. Martin & Gardner Dozois

Copyright der deutschsprachigen Ausgabe
© 2016 by Penhaligon in der Verlagsgruppe Random House GmbH,
Neumarkter Str. 28, 81673 München

Redaktion: Alexander Groß und Sigrun Zühlke

Umschlaggestaltung und -illustration: Isabelle Hirtz, Inkcraft
HK · Herstellung: sam

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN 978-3-641-19957-9
V001


www.penhaligon-verlag.de

Für Joe und Gay Haldeman,
zwei glorreiche Halunken

INHALT

Einleitung: Jedermann liebt coole Schurken

Von George R. R. Martin

Harte Zeiten allerorten

Von Joe Abercrombie

Die unheimlichen Geschehnisse in Carterhook Manor

Von Gillian Flynn

Das Wirtshaus der sieben Segen

Von Matthew Hughes

Tillie

Von Joe R. Lansdale

Der Fall Petticoats

Von Michael Swanwick

Provenienz

Von David W. Ball

Die Goldenen Zwanziger

Von Carrie Vaughn

Ein Jahr und ein Tag im alten Theradane

Von Scott Lynch

Mit Pauken und Trompeten

Von Bradley Denton

Schwermetall

Von Cherie Priest

Liebe ist …

Von Daniel Abraham

Eine bessere Art zu sterben

Von Paul Cornell

Unsichtbar in Tyros

Von Steven Saylor

Die Fracht aus Elfenbein

Von Garth Nix

Diamanten aus Tequila

Von Walter Jon Williams

Die Karawane nach nirgendwo

Von Phyllis Eisenstein

Der seltsame Fall der toten Ehefrauen

Von Lisa Tuttle

Wie der Marquis seinen Mantel zurückbekam

Von Neil Gaiman

Jetzt im Kino

Von Connie Willis

Der Blitzbaum

Von Patrick Rothfuss

Der Bruder des Königs

Von George R. R. Martin

Rechtenachweis

EINLEITUNG

JEDERMANN LIEBT COOLE SCHURKEN

Von George R. R. Martin

… auch wenn wir es hinterher manchmal bereuen.

Schurken, Betrüger und Taugenichtse. Nichtsnutze, Diebe, Lumpen und Halunken. Böse Jungs und durchtriebene Mädels. Schwindler, Verführer, Blender, Heuchler, Spitzbuben, Hochstapler, Scheinheilige, Scharlatane, Lügner, Gauner … Sie haben viele Namen und tauchen in allen möglichen Arten von Geschichten auf, in jedem nur erdenklichen Genre unter der Sonne, in Mythen und Legenden … und, oh, natürlich auch quer durch die Erdhistorie. Sie sind die Kinder von Loki, die Geschwister des Coyoten. Manchmal sind sie Helden. Manchmal sind sie Schurken. Meistens jedoch sind sie irgendwas dazwischen, nicht wirklich hell, nicht wirklich dunkel, eher graue Charaktere … und Grau ist schon seit Langem meine Lieblingsfarbe. Grau ist so viel interessanter als Schwarz oder Weiß.

Ich schätze, ich hatte schon immer eine gewisse Vorliebe für Halunken. In meiner Kindheit während der Fünfzigerjahre kam es einem so vor, als bestünde die eine Hälfte des abendlichen Fernsehprogramms aus Sitcoms und die andere aus Western. Mein Vater liebte Western, weshalb ich sie als Kind alle gesehen habe, eine endlose Parade von stoischen Sheriffs und Grenzmarshals, einer heldenhafter als der andere. Marshal Dillon war ein Fels in der Brandung, Wyatt Earp tapfer, beherzt und kühn (was sogar im Titelsong während des Vorspanns besungen wird), und auch der Lone Ranger, Hopalong Cassidy, Gene Autry und Roy Rogers waren heldenhaft, edelmütig und aufrichtig – die perfektesten Identifikationsfiguren, die man sich nur wünschen kann … Leider jedoch kam mir keiner von ihnen wirklich jemals ganz real vor. Meine beiden liebsten Westernhelden waren die, die den üblichen Rahmen sprengten und neue Wege beschritten: Paladin, der sich (wie jeder gute Schurke) schwarz kleidete, wenn er in der Wildnis unterwegs war, aber wie irgendein weibischer Dandy wirkte, wenn er in San Francisco allwöchentlich mit jeweils einer anderen ziemlich attraktiven Dame »Umgang pflegte« (ähem) und seine Dienste für Geld feilbot (Helden scheren sich gemeinhin nicht um Bezahlung); und die Maverick-Brüder (insbesondere Bret), charmante Gauner, die eine besondere Vorliebe für die »Zockermontur« hatten: für schwarze Anzüge, Cowboykrawatten und schicke Westen statt der traditionellen Marshal-Kluft, bestehend aus Jacke, Marke und weißem Hut; vielleicht traf man sie deshalb öfter an Pokertischen an als bei irgendwelchen Schießereien.

Wenn man sich die alten TV-Serien Maverick und Have Gun – Will Travel heute anschaut, stellt man fest, dass sie sich wesentlich besser gehalten haben als die eher traditionellen Western jener Tage. Natürlich kann man jetzt argumentieren, dass die Drehbücher besser sind als bei den meisten der anderen »Pferdeopern« oder die Schauspieler, oder die Regisseure, und damit läge man nicht falsch … Doch ich persönlich glaube, dass hier auch der Schurken-Faktor eine Rolle spielt.

Natürlich wissen nicht bloß die Fans alter Fernsehwestern einen guten Ganoven zu schätzen. Tatsächlich ist der verwegene Schurke vielmehr so eine Art von Charakter-Archetypus, der sich durch alle Medien und Genres zieht.

Clint Eastwood wurde durch die Verkörperung von Figuren wie Rowdy Yates, Dirty Harry und dem Fremden ohne Namen zum Star. Hätte man ihn stattdessen als Goody Yates, Durchschnitts-Billy oder den Mann mit den zwei Ausweispapieren besetzt, hätte wohl niemand je etwas von ihm gehört. Okay, als ich auf dem College war, gab es dort ein Mädchen, das den großmütigen, aufopferungsvollen Ashley Wilkes dem Gauner Rhett Butler vorzog, diesem Spieler und Blockadebrecher … Aber ich glaube, da war sie die Einzige. Jede andere Frau, der ich jemals begegnet bin, hätte sich ohne lange zu überlegen für Rhett entschieden statt für Ashley, ganz zu schweigen von Frank Kennedy und Charles Wilkes. Harrison Ford wirkt zwar in jeder Rolle, die er spielt, ein bisschen schurkisch und verwegen, doch natürlich nahm das alles seinen Anfang mit Han Solo und Indiana Jones. Hand aufs Herz: Gibt es irgendwen, der Luke Skywalker tatsächlich cooler findet als Han Solo? Klar, Han ist nur scharf aufs Geld, was er auch von Anfang an deutlich macht … Doch gerade deshalb ist es einfach großartig, wenn er am Ende von Star Wars zurückkommt, um Darth Vader diesen Torpedo zu verpassen. (Oh, und in der Cantina-Szene ist ER derjenige, der zuerst schießt, ganz gleich, wie sehr George Lucas diesen ersten aller Star Wars-Filme auch im Nachhinein verändert haben mag.) Und Indy … Indy ist quasi der Inbegriff des verwegenen Draufgängers. Als er seine Pistole zieht, um diesen Schwertkämpfer zu erschießen, ist das alles andere als fair – aber haben wir ihn nicht gerade dafür so geliebt?

Allerdings werden nicht bloß Film und Fernsehen von Halunken beherrscht. Sehen Sie sich nur die Literatur an.

Insbesondere die epische Fantasy.

Fantasy wird häufig als Genre charakterisiert, in dem das absolut Gute gegen das absolut Böse kämpft, und zweifellos kommt das tatsächlich ziemlich oft vor, vor allem dank der Legionen von Tolkien-Nachahmern mit ihren immer wiederkehrenden dunklen Lords, bösen Handlangern und vierschrötigen Helden. Allerdings gibt es ein noch wesentlich älteres Subgenre der Fantasy, in dem es von Schurken nur so wimmelt, nämlich Sword & Sorcery (Schwert & Magie). Conan von Cimmeria wird gemeinhin als Held beschrieben, doch wir sollten nicht vergessen, dass er außerdem ein Dieb ist, ein Räuber, ein Pirat, ein Söldner und letzten Endes ein Usurpator, der sich unrechtmäßig den Thron unter den Nagel reißt – nachdem er mit jeder hübschen Frau in der Kiste war, die ihm unterwegs in die Quere kam. Fafhrd und der Graue Mausling sind sogar noch schurkischer, wenn auch weniger erfolgreich. Es ist ziemlich unwahrscheinlich, dass es einer der beiden irgendwann zum König bringen wird. Und dann hätten wir da noch Jack Vance’ durch und durch unmoralischen (und durch und durch köstlichen) Cugel den Schlauen, dessen Pläne zwar niemals so aufzugehen scheinen, wie er es sich vorstellt, aber trotzdem …

Auch das Historiengenre hat sein Maß an ungestümen, verschlagenen, wenig vertrauenswürdigen Gestalten. Die drei Musketiere besitzen zweifellos gewisse verwegene Qualitäten. (Um so richtig auf den Putz zu hauen, braucht es nun mal echte Kerle.) Rhett Butler war im Roman ein ebensolcher Schuft wie im Film. Michael Chabon schenkte uns mit Amram und Zelikman, den Hauptfiguren seiner historischen Novelle Gentlemen of the Road, zwei großartige neue Halunken, und ich für meinen Teil hoffe sehr, dass wir noch einiges von diesem Pärchen zu sehen bekommen. Und selbstverständlich ist da noch George MacDonald Frasers unsterblicher Harry Flashman (für Sie selbstverständlich Sir Harry Paget Flashman VC, KCB, KCIE, wenn’s beliebt), eine Figur mit gewissen Anleihen an Tom Browns Schuljahre, Thomas Hughes’ klassischem Roman über ein britisches Internat (so ähnlich wie Harry Potter, nur ohne Quidditch, Magie oder Mädchen). Falls Sie MacDonalds Flashman-Bücher noch nicht gelesen haben sollten (den Roman von Hughes können Sie getrost auslassen, es sei denn, Sie finden Gefallen an viktorianischen Moralpredigten), steht Ihnen die Begegnung mit einem der großartigsten Gauner der Literaturgeschichte noch bevor – eine Erfahrung, um die ich Sie ehrlich beneide.

Was ist mit Western? Teufel noch eins, der gesamte Wilde Westen war voll von Halunken. Der gesetzlose Held ist hier genauso allgegenwärtig wie der gesetzlose Verbrecher, wenn nicht sogar noch präsenter. Billy the Kid? Jesse James und seine Bande? Doc Holliday, der verwegene Zahnarzt extraordinaire? Und wenn wir nochmals einen Blick aufs Fernsehen werfen – wenn auch diesmal auf einen Bezahlsender –, dann haben wir da HBOs fabelhafte und viel zu wenig beachtete Serie Deadwood mit dem hinterhältigen Al Swearengen im Mittelpunkt aller skrupelloser Machenschaften. Immer wenn der Barbesitzer Swearengen (gespielt von Ian McShane) auftritt, kann der eigentliche Held, der aufrechte Sheriff, einpacken. Swearengen stiehlt allen die Show. Aber andererseits verstehen sich Schurken ja u. a. auch genau darauf: aufs Stehlen. Das ist sogar eins der Dinge, die sie am besten können.

Was ist mit dem Romantikgenre? Absolut! In Liebesromanen erobert der Draufgänger am Ende immer das Herz des Mädchens, selbst wenn das heutzutage oft ein bisschen anders läuft: Heute ist das Mädchen die Schurkin, was bisweilen sogar noch cooler sein kann. Es ist immer schön zu sehen, wie Konventionen auf den Kopf gestellt werden.

Im Krimigenre gibt es ganze Untergattungen über verwegene Gauner: Privatdetektiven zum Beispiel haftet diese Aura seit jeher an; wären diese Typen aufrechte, geradlinige, wahrheitsliebende Burschen, die alles nach Vorschrift machen, wären sie Cops. Aber das sind sie nun mal nicht.

So könnte ich immer weiter fortfahren. Literarische Fiktion, Schauerromane, Romantik und Übernatürliches, Frauenliteratur, Horror, Cyberpunk, Steampunk, Urban Fantasy, Krankenschwesterromane, Tragödien, Komödien, Erotik, Thriller, Weltraumsagas, Western, Sportgeschichten, Militärfiktion, Ranch-Romanzen … Jedes Genre und Subgenre hat seine Schurken, und meistens sind diese Schurken die Figuren, die man am coolsten findet und an die man sich auch später noch am besten erinnert.

Allerdings sind nicht all diese Genres in dieser Anthologie vertreten, auch wenn ich mir fast wünschte, es wäre anders. Vielleicht ist das der Draufgänger in mir selbst, jener Teil von mir, der gern außerhalb fester Normen denkt – um ehrlich zu sein, ich habe nicht allzu viel Respekt vor Genregrenzen. Heute bin ich zwar vor allem als Fantasyautor bekannt, aber Der Bruder des Königs und 20 weitere Kurzromane soll keine Fantasyanthologie sein, auch wenn einige gute Fantasystorys enthalten sind. Mein Mitstreiter Gardner Dozois hat einige Jahrzehnte lang ein Science-Fiction-Magazin herausgegeben, doch eine SF-Anthologie ist Der Bruder des Königs trotzdem nicht … obwohl auf diesen Seiten diverse Science-Fiction-Erzählungen vertreten sind, wie man sie – und das vollkommen zu Recht – in den einschlägigen, monatlich erscheinenden Heften vermuten würde.

Genau wie die Warriors-Anthologie und Königin im Exil, unsere vorherigen Cross-Genre-Sammlungen, soll auch Der Bruder des Königs und 20 weitere Kurzromane alle Genregrenzen überschreiten. Unser Thema ist universell, und Gardner und ich lieben gute Geschichten jeder Couleur, ganz gleich, in welcher Zeit, an welchem Ort oder in welchem Genre sie spielen, darum zogen wir los und baten eine Reihe wohlbekannter Autoren aus den verschiedensten Bereichen um Beiträge zu diesem Buch: Autoren aus den Gattungen Mystery, epische Fantasy, Sword and Sorcery, Urban Fantasy, Science-Fiction, Romantik, Mainstream, Krimi (gemütlich oder knallhart), Thriller, historischer Roman, Liebesschnulze, Western, Noir, Horror … was auch immer. Nicht alle konnten oder wollten ihren Beitrag zu diesem Buch leisten, aber viele schon, und das Ergebnis präsentieren wir in diesem Band. Diese Leute sind größtenteils mit Preisen überhäufte Bestsellerautoren, die bei einem Dutzend verschiedener Verlage erscheinen und aus allen nur erdenklichen Sparten kommen. Wir baten jeden von ihnen um dasselbe: um eine Geschichte über einen verwegenen Schuft, voll unvorhergesehener Wendungen, waghalsiger Pläne und Kehrtwenden. Keinem wurden irgendwelche Genrebeschränkungen auferlegt; jeder konnte tun und lassen, was immer er will. Einige beschlossen, dem Genre treu zu bleiben, das man am ehesten mit ihnen verbindet. Andere entschieden, mal etwas völlig anderes auszuprobieren.

In meiner Einführung zu Warriors, der ersten unserer genreübergreifenden Anthologien, erzählte ich davon, wie es war, in den 1950ern in Bayonne, New Jersey, aufzuwachsen, einer Kleinstadt mit einem einzigen Buchladen. Ich kaufte meine gesamte Lektüre aus den Drahtgitterdrehständern der Zeitschriftenkioske und »Süßigkeitenläden« an der Ecke. Die Taschenbücher in diesen Ständern waren nicht nach Genres geordnet. Alles wurde wahllos hineingestopft, ein Exemplar hiervon, zwei Exemplare davon. Da standen dann Die Brüder Karamasow zwischen einem Krankenhausroman und dem neuesten Mike-Hammer-Knaller von Mickey Spillane. Dorothy Parker und Dorothy L. Sayers teilten sich den Ständer mit Ralph Ellison und J. D. Salinger. Max Brand rieb sich an Barbara Cartland. A. E. van Vogt, P. G. Wodehouse und H. P. Lovecraft drängten sich Seite an Seite mit F. Scott Fitzgerald. Krimis, Western, Gruselromane, Geistergeschichten, Klassiker der englischen Literatur, die neuesten zeitgenössischen »literarischen« Werke und natürlich Science -Fiction, Fantasy und Horror – in diesen Drehständern konnte man all das finden und noch viel mehr.

Schon damals gefiel mir das sehr. Und daran hat sich bis heute nichts geändert. Gleichwohl, in den Jahrzehnten, die seitdem vergangen sind (zu viele, fürchte ich), hat sich das Verlagsgeschäft verändert; heute gibt es vor allem Buchhandelsketten statt einzelner Buchläden, und die Genregrenzen haben sich verhärtet. Ich finde das schade; schließlich sollen Bücher uns doch auf die eine oder andere Weise weiterbringen, uns an Orte entführen, an denen wir noch nie zuvor gewesen sind, und uns Dinge zeigen, die wir noch niemals gesehen haben. Sie sollen unseren Horizont erweitern und unseren Blick auf die Welt verändern. Die eigene Lektüre auf ein einziges Genre zu begrenzen macht all das zunichte. Genres schränken uns ein und machen uns kleiner. Damals wie heute bin ich der Ansicht, dass es einfach nur gute und schlechte Geschichten gibt, und auch heute noch ist das die einzige Unterscheidung in der Literatur, die für mich wirklich zählt.

Wir finden, wir haben in diesem Band eine Menge guter Geschichten zusammengetragen. Auf diesen Seiten begegnen Sie Halunken jeder Form, Farbe und Größe, mit einem breiten Spektrum an Schauplätzen, in Erzählungen, die eine gesunde Mischung der unterschiedlichsten Genres und Subgenres repräsentieren. Allerdings weiß man erst, welches spezielle Genre oder Subgenre einen erwartet, wenn man die jeweilige Story gelesen hat, da Gardner und ich die Geschichten in diesem Band ganz in der Tradition dieser altehrwürdigen Bücherdrehständer bunt durcheinandergewürfelt haben. Einige der hier versammelten Geschichten wurden vermutlich von dem einen oder anderen Ihrer Lieblingsautoren verfasst; andere von Schriftstellern, von denen Sie vielleicht noch nie gehört haben (jedenfalls noch nicht). Wir hoffen, dass einige, die derzeit noch in letztere Kategorie fallen, in erstere aufgestiegen sind, wenn Sie mit der Lektüre von Der Bruder des Königs und 20 weitere Kurzromane fertig sind.

In diesem Sinne: Viel Spaß beim Lesen – aber Vorsicht! Einige der Gentlemen und auch ein paar der reizenden Ladys auf diesen Seiten sind nicht sonderlich vertrauenswürdig.

JOE ABERCROMBIE

Joe Abercrombie ist einer der aufstrebenden Stars der modernen Fantasy, von Lesern und Kritikern gleichermaßen gefeiert wegen seiner direkten, nüchternen Herangehensweise an das Genre. Sein bekanntestes Werk ist wohl die Klingen-Trilogie, deren erster Teil, Kriegsklingen, 2006 veröffentlicht wurde, ein Jahr später gefolgt von Feuerklingen und abgeschlossen mit Königsklingen. Er hat auch weitere eigenständige Romane in diesem Fantasyuniversum verfasst: Racheklingen, Heldenklingen und zuletzt Blutklingen. Abercrombie, der neben seiner Tätigkeit als Autor auch als selbstständiger Filmeditor aktiv ist, lebt und arbeitet in London.

In dem folgenden rasanten Thriller führt er uns tief in die schmutzigen, stinkenden, labyrinthartigen Straßen von Sipani, einer der gefährlichsten Städte der Welt, wo eine tödliche Partie Hasch mich begonnen hat.