Das Buch
Captain Conrad Harris und sein Team sind auf ihren Missionen schon Hunderte Male gestorben und wieder zurückgekehrt, denn sie gehören zu einer Eliteeinheit von Weltraumsoldaten, die ihre gefährlichen Aufträge mittels ihrer Avatare ausführen. Nur so haben die Menschen eine kleine Chance, den nun schon Jahrzehnte andauernden Krieg gegen die Krell, eine übermenschlich starke und bösartige Alien-Spezies, zu gewinnen. Ihre jüngste Mission führt Harris und seine Mannschaft tief hinein ins Gebiet der Aliens, denn dort wurde ein Forschungslabor der Menschen angegriffen. Kaum dort angekommen, stoßen die Soldaten auf ein geheimnisvolles Alien-Artefakt – ein Artefakt, das das Schicksal der Menschheit für immer verändern könnte…
Der Autor
Jamie Sawyer wurde in Newbury, Berkshire geboren. Er studierte Jura an der East Anglia Universität in Norwich und machte seinen Abschluss in den Rechtswissenschaften Menschenrechte und Überwachungsrecht. Er arbeitet als Rechtsanwalt für Strafrecht an den Gerichten in und um London und Ostengland. Wenn er nicht gerade arbeitet oder schreibt, verbringt er seine Zeit mit seiner Familie in Essex. Im Heyne Verlag ist von Jamie Sawyer bereits erschienen: Die Lazarus-Mission.
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Jamie Sawyer
Die Lazarus-legion
Roman
WILHELM HEYNE VERLAG
MÜNCHEN
Titel der englischen Originalausgabe
LEGION – THE LAZARUS WAR BOOK 2
Deutsche Übersetzung von Julian Haefs
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Deutsche Erstausgabe 02/2017
Redaktion: Sven-Eric Wehmeyer
Copyright © 2015 by Jamie Sawyer
Copyright © 2016 der deutschsprachigen Ausgabe by
Wilhelm Heyne Verlag, München,
in der Verlagsgruppe Random House GmbH,
Neumarkter Str. 28, 81673 München
Umschlaggestaltung: Das Illustrat, München
Umschlagillustration: Ioan Dumitrescu,
Hintergrund: Fred Fokkelman/Shutterstock
Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling
ISBN 978-3-641-19580-9
V001
www.diezukunft.de
Für Louise – denn ohne dich
hätte ich das wirklich nicht geschafft
PROLOG
»Unterbrechen Sie mich, falls Sie die Geschichte schon kennen.
Sie fängt an mit einer Legende; mit einem Mann namens Lazarus.
Er stammt von der Erde. Amerikaner – durch und durch ein Junge aus Detroit. Geboren mit einer Patrone im Mund und der Knarre in der Hand. Hat sich alleine durchboxen müssen. Vom Leben zurechtgestutzt, vom Tod wieder ausgespuckt.
Er war zwar Teil der Allianzarmee, hat aber in erster Linie zum Sim-Programm gehört. Hat immer nach dem nächsten Übergang gelechzt; selbst von Extraktionen hat er ’nen Kick gekriegt. Seinen Spitznamen – Lazarus – hat er bekommen, weil er immer für noch ’ne Runde zurückgekommen ist. Dreihundert-irgendwas Übergänge und kein Ende in Sicht.
Jeder auf dem Point hat seinen Namen gekannt. Aber kaum jemand den Mann dahinter, zumindest nicht persönlich. Immer nur über zwei Ecken. Und wenn man mal einem Gerücht zu den Wurzeln gefolgt ist, war da meistens eine Unterhaltung in ’ner Bar – Klatsch, den irgendein Soldat weitererzählt hat, so was in der Richtung.
Angeblich ist er im Mahlstrom gewesen. Und das nicht allein. Hat ’ne richtig heftige Truppe dabeigehabt: ein kalifornisches Mädel mit richtig Zunder, ’nen Latino von der Venus, ’nen Schlaumeier aus Brooklyn und einen Grünschnabel, dem er noch alles beibringen musste. Die sollten wohl irgendeine Xeno-Waffe auftreiben oder die Überreste von ’ner unbekannten Rasse: die Details sind immer anders, je nachdem, wer die Geschichte gerade erzählt.
Also hat’s die meiste Zeit nichts Handfestes über ihn gegeben. Er war nur ’ne Legende, zu der die Jungspunde und Milchbärte aufschauen konnten – eine Galionsfigur fürs Sim-Programm.
Aber er war schließlich Lazarus.
Und er ist zurückgekommen.
Zu allem Überfluss auch noch an Bord eines Abfangjägers vom Direktorat. Hat wohl richtig ausgeteilt; dem Asiatischen Direktorat gezeigt, wer hier die Hosen anhat. Angeblich hat er ’n ganzes Bataillon kaltgemacht.
Da haben viele aufgehorcht. Auf einmal ist einem die Legende nicht mehr so unwahrscheinlich vorgekommen, und die Leute haben sogar angefangen, zu glauben, dass wir den Krieg doch gewinnen könnten.
Lazarus ist zurückgekommen, Mann; er ist zurückgekommen.«
Interview mit Allianzsoldat (anonym), aufgezeichnet von einem Reporter der Point Times, Datum nach Universalkalender:
21. Januar 2282
1
GEWALTLANDUNG
Zwei Jahre nach Helios
Der Übergang erfolgte im Orbit um Maru Prime; ein höllisches Drecksloch von Planet irgendwo in der Quarantänezone. Oder besser gesagt in dem Bereich, der noch von der Zone übrig war.
Ich war an Bord einer Wildcat, einer gepanzerten Mannschaftsfähre. Die erste Amtshandlung in diesem neuen Körper war, das Hologramm-Foto in meinem Helm anzuschalten: Elena auf Azur. Das kleine Bild war rechts unten in mein Visier eingelassen. Nachdem ich nun also wieder wusste, für wen ich kämpfte, konnte ich mich ganz der Mission widmen.
»Truppe – melden!«
Die Gesichter von vier Simulaten starrten mich in der Dunkelheit an, schwach erleuchtet von den grünlichen Sicherheitslämpchen im Inneren der Helme.
»Bestätige!«, grölte Jenkins zurück. Kampfname CALIFORNIA; der Name war in den Brustpanzer ihres Kampfanzugs eingraviert.
»Verstanden«, sagte Kaminski. Kampfname BROOKLYN.
»Angekommen«, sagte Martinez. Kampfname CRUSADER. Er hielt einen billigen Rosenkranz aus Plastik umklammert, die Perlen um die gepanzerten Finger geschlungen.
»Bestätige«, kam auch vom letzten – und neuesten – Mitglied meiner Einheit: Gefreite Dejah Mason. Auf ihrer Brust stand NEW GIRL, abgesehen davon hatte sie keine Auszeichnungen oder Rangabzeichen.
»Und ein weiterer erfolgreicher Übergang, Major«, sagte Jenkins und nickte voller Elan.
Ich war immer noch dabei, mich an den neuen Rang zu gewöhnen, und fühlte mich noch nicht ganz wohl dabei, mit Major angesprochen zu werden. Ich war so lange Captain gewesen, dass die neue Anrede irgendwie falsch klang.
»Die anderen Teams sind in Sichtweite«, fügte Jenkins hinzu. »Alle fünf unterwegs wie vorgesehen. Alle in der Zeit. Daten an deinen Anzug weitergeleitet.«
»Verstanden, Sergeant.«
Jenkins grinste übers ganze Gesicht. Im Gegensatz zu mir hatte sie ihren neuen Rang ohne Zögern angenommen.
Die Übertragungen der Kommandanten der anderen Teams rollten über mein Helm-Display. Alle bestätigten erfolgreiche Übergänge und schickten Daten ihrer Anflugvektoren. Ein kompletter Zug. Jedes Team wie unseres an Bord einer Wildcat und unterwegs zur designierten Landezone.
Ich machte mich daran, Arme und Beine zu strecken. Spürte die neue Lebenskraft durch den Übergang in einen Sim. Er war größer, stärker, einfach besser als mein echter Körper. Der hing konserviert in einem Simulator-Tank, sicher verwahrt im Einsatzzentrum an Bord der UAS Mallard.
»Was haben wir zu tun?«, fragte Kaminski. Hinter seinem Visier sah ich ihn Kaugummi kauen; ich war mir nicht sicher, wie er es angestellt hatte, vor unserem Übergang Essen in den schlafenden Sim zu schmuggeln. Ich ließ es ihm durchgehen.
»Hast du die Anweisungen nicht gelesen?«, fragte Mason ungläubig. Sie sprach mit dem rollenden Mars-Akzent, der sich auf dem Roten Planeten aus dem Standard entwickelt hatte.
»Schätzchen, ich lese grundsätzlich keine Anweisungen.«
Kaminski sprach mit geübter Teilnahmslosigkeit, aber ich wusste, dass die nur gespielt war. Seine Biodaten tanzten über meinen Bildschirm: das Nervenkostüm eines Profis. Kaminski arbeitete hart dafür, seine Fassade aufrechtzuerhalten – Klugscheißer durch und durch.
Mason war noch nicht lange Soldatin, vom Sim-Programm ganz zu schweigen, also konnte man schlecht von ihr erwarten, ihn zu durchschauen. Gerade mal zwanzig, mit dem Körper und Gesicht einer Uni-Cheerleaderin. Nicht gerade die Sorte Krieger, die vom Führungsstab der Allianz für Propaganda und Rekrutierungsvideos benutzt wurde. Die Vorstellung, dass eine von Amerikas Besten von Krell-Dornenfeuer zersiebt werden könnte, würde bei den Leuten zu Hause sicher nicht allzu gut ankommen. Mason hatte große Fußstapfen zu füllen und war bereits die sechste Nachfolgerin, die ich eingestellt hatte – da alle fünf vor ihr kläglich daran gescheitert waren, meinen Erwartungen gerecht zu werden. Kurz musste ich an Michael Blake denken – Masons fernen Vorgänger –, unterdrückte die Erinnerung aber so schnell, wie sie gekommen war.
»Wir nähern uns Maru Prime«, sagte ich und aktivierte auf der Recheneinheit am Handgelenk ein knappes Hologramm der Einsatzbesprechung.
Maru Prime war ein grimmiger, roter Planet, der zur Gänze aus flüssiger Lava bestand – sternenhell und selbst auf diese Entfernung eindeutig heiß. Er hatte keine Kruste, sondern wurde von einem Kräftespiel zwischen Gravitation und Gezeiten zusammengehalten, das für Fußvolk wie mich viel zu komplex war, um es begreifen zu können.
In der Umlaufbahn kam ein Gebilde in Sicht, das über die aufgewühlten Ozeane aus Lava hinwegglitt.
»Da ist Far Eye. Das Observatorium.«
Die Einrichtung war eine erschreckend zarte Gitterkonstruktion, eine Ansammlung von gewölbten Kuppeln, Solarflügeln und runden Quartieren. Eine Reihe riesiger Radarschüsseln erstreckte sich entlang des Rückgrats der Station, alle in die Tiefen des Alls gerichtet. Viele Elemente waren sichtlich beschädigt, große Teile der Takelage durchlöchert, und das ganze Gebilde hing in einem heiklen Winkel.
»Vor zehn Tagen«, erläuterte ich, »hat Far Eye angefangen, aus seiner festen Umlaufbahn abzudriften.«
»Da saugt doch einer dran«, sagte Kaminski kichernd. »Oder sie wird weggelutscht, je nachdem, wie man das sehen will.«
Ich ignorierte Kaminski; alles andere würde ihm nur noch mehr Oberwasser geben.
»Die Station hat eine Fehlfunktion in der primären Gravitations-Weiche entwickelt«, sagte ich. »Deswegen neigt sich die Umlaufbahn rapide der Oberfläche entgegen. Der Stab will, dass wir die Besatzung da rausholen. Aber besonders wollen sie diesen Mann.«
Das Porträt eines hageren wissenschaftlichen Offiziers erschien auf allen fünf Visieren. Braun gebrannt; persischer Abstammung. Nach Erdstandard war er Anfang fünfzig. Dunkle Augen, dunkles Haar. Zottiger Bart mit grauen Strähnen.
»Unser HVT ist Professor Ashan Saul.«
HVT: Hochrangiges Ziel. Ich hatte mich über Saul schon eingelesen – wer er war, wo er gedient hatte. Es war durchaus interessante Lektüre gewesen. Trotz iranischer Wurzeln waren seine Vorfahren schon vor langer Zeit auf die Kernwelten ausgewandert. Er war von Beruf Xenolinguist – hatte sich auf die Entschlüsselung der Sprachen fremder Rassen spezialisiert. Dieses besondere Detail hatte mich sofort aufhorchen lassen. Außerdem klafften in Sauls wissenschaftlicher Karriere große Lücken: lange Zeiträume, die in seiner Akte ohne Erklärung fehlten. Und es gab kaum etwas, das mehr nach Geheimdienst stank als rätselhafte, geschwärzte Passagen bei den letzten Verwendungen.
»Also haben die sechs Sim-Teams raus in die Quarantänezone geschickt, um einen Mann zu retten?«, fragte Martinez. »Das klingt ein bisschen nach Overkill.«
»Wie gesagt – wir sollen schon auch den Rest der Besatzung mit nach Hause bringen. Und durch das hier wird das nicht wirklich einfacher.«
Ich justierte die Außenkameras nach, sodass ein größerer Ausschnitt des Raums um Maru Prime sichtbar wurde. Der Sektor wimmelte vor Aktivität. Scharen von Raumjägern schraubten sich zwischen größeren Schiffen hindurch, Einheiten der Allianz stellten lebenden Jagdfliegern der Krell nach.
In großer Höhe über dem Planeten waren drei Kriegsschiffe der Allianz in der Umlaufbahn vor Anker gegangen: die Mallard, die Washington’s Paragon und die Peace of Seattle. Angriffskreuzer mit genug Feuerkraft, um einen kleinen Planeten auszuradieren. Auf der Gegenseite näherten sich sechs unterschiedlich große Schiffe der Krell mit unbekannten Signaturen. Alle Alienraumer waren Spielarten des aquatischen Themas – schwarz wie das All und geformt wie mutierte Mollusken.
Beide Gruppen waren voll auf Konfrontationskurs. Torpedos überall, Railguns und Flakgeschütze unablässig feuernd. Im Umkreis vieler Tausend Kilometer war alles von Plasmabahnen und den kurzen, hohlen Explosionen kleiner Schiffe erleuchtet, die im Vakuum starben. Leuchtspurfeuer brannte über unseren Köpfen: Allianztechnik traf auf das biologische Krell-Pendant. Irgendwo mitten im Gefecht konnte ich die Mallard ausmachen – gleißende Nullschilde und auffächernde Lasersalven. Unsere Schwachstelle waren die eigentlichen Körper im Sim-Einsatzzentrum an Bord der Mallard. Eine verirrte Rakete in die Mallard, eine vergeigte Reaktion seitens der Flugabwehr, und wir wären dem Vakuum ausgeliefert.
Unsere Wildcat raste mitten durchs Getümmel der Station unter uns entgegen.
»Dank der ganzen Scheiße, die da über uns abgeht«, sagte ich, »geht der Stab davon aus, dass wir es schaffen sollten, Professor Saul loszueisen, ohne allzu viel Aufmerksamkeit vom Feind auf uns zu ziehen.«
Martinez zog Luft durch die Zähne. »Wie viel Zeit haben wir?«
Ich zuckte mit den Schultern. »Bis Far Eye vom Planeten verschluckt wird? Siebenundzwanzig Minuten. Aber bis dahin sind wir längst wieder weg. Wir gehen rein, holen die Zivilisten raus und verkrümeln uns.«
»Das klingt alles ein bisschen zu einfach«, warf Jenkins ein. Sarkasmus war noch nie ihre Stärke gewesen. »Wo ist der Haken …?«
Wie bestellt schlug irgendetwas in die Fähre ein.
In meinem Helm schrillte ein Warnsignal direkt aus dem Bordcomputer: KRITISCHER TREFFER ENTDECKT!
Wir waren hart genug getroffen worden, um die Fähre vom Kurs abzubringen.
Die Wildcat schwenkte um und warf mich in den Sitz zurück. Instinktiv krallte ich mich an den Gurten fest. Vom Antrieb war ein kehliges, unheilvolles Dröhnen zu hören. Unter uns verbog sich das Deck zusehends.
Ich guckte auf meine Blickfeldanzeige – auf die Datenströme, die auf das Display an der Innenseite meines Visiers projiziert wurden. Zusätzlich war ich direkt in meine Kampfpanzerung eingeklinkt, und alle Daten, die nicht über das Display wiedergegeben werden konnten, wurden direkt in mein neurales Netz gespeist. Kacke. Ernster struktureller Schaden. Der Hauptantrieb war so gut wie im Eimer. Sofort hatte ich die Informationen verdaut und überlegte bereits, wie wir einsatzfähig bleiben konnten.
»Wir werden’s auf die harte Tour machen müssen. Sieht aus, als hätten wir deinen Haken gefunden, Jenkins.«
»Super.«
Wir hatten nicht mehr genug Zeit, um den Anflugwinkel zu korrigieren. Das Zeitfenster für die Landung war nicht einzuhalten. Ich verband mich mit dem Flottenkommando an Bord der UAS Mallard.
»Leitung, hier Lazarus-Führer. Bitte kommen.«
Mittlerweile hatte ich mich an die Bezeichnung gewöhnt; wenn mich sowieso jeder so nannte, warum sollte ich mich dann länger dagegen wehren? Außerdem war es seit Helios schwer, gegen den Eindruck zu argumentieren, dass ich immer zurückkam.
»Verstanden, Lazarus-Führer, aber gerade so«, antwortete die anonyme Stimme von der Brücke. »Euer Vogel hat was abgekriegt.«
»Ich weiß. Wir haben wohl einfach Pech.«
»Irgendwann ist immer das erste Mal, Lazarus. Bioplasma-Streifschuss. Gründliches Treibstoffleck. Wollt ihr abbrechen?«
»Negativ. Wir machen eine Gewaltlandung auf der Station.«
Der Offizier pfiff. »Sicher, dass Sie das durchziehen wollen?«
»Als hätten wir ’ne andere Wahl.«
»Das ist keine Antwort auf meine Frage. Es sind noch fünf andere Teams mit demselben Missionsziel unterwegs.«
»Also soll ich einer anderen Sim-Truppe einfach die Beute überlassen? Wir sind einsatzfähig und machen mit der Mission weiter.«
»Ihre Entscheidung, Lazarus. Gaia schütze Sie. Das Zeitfenster wird rapide enger.«
»Verstanden.«
»Sie haben Ihre Befehle. Brücke Ende.«
»Lazarus-Führer Ende.«
Die Lampen in der Kabine flackerten kurz auf, um Funkstille mit der Mallard zu bestätigen. Die Fähre kam jetzt im völlig falschen Winkel herunter; ich wurde erneut gegen die Wand geworfen.
Ich wandte mich an meine Leute. »Wir machen ’ne Gewaltlandung Richtung Maru Prime – direkt ins Gesicht.«
»Bei dir piept’s wohl«, sagte Kaminski. Wenn er Angst hatte, wurde sein Brooklyn-Akzent direkt breiter, als hätte er New York City gerade erst verlassen. Jetzt gerade war er so deutlich zu hören wie lange nicht mehr. »Das kriegt New Girl niemals hin.«
»Ich heiße Mason. Und natürlich krieg ich das hin. Ich bin genauso ausgebildeter Soldat wie ihr alle.«
»Von mir aus, New Girl. Sechs Übergänge sind aber nicht zu vergleichen.« Kaminski tippte gegen die nummerierte Plakette an seiner Schulter: hundertachtzehn Tode bis jetzt. »Ich mein’s ja nur gut mit dir. Sobald du dein Legionsabzeichen hast, können wir noch mal drüber reden.«
»Schluss mit dem Gequatsche«, befahl Jenkins. »Der Major gibt das Zeichen!«
Ich löste mein Sicherheitsgeschirr und versuchte, auf die Beine zu kommen. Das war gar nicht so einfach. Die Fähre war mittlerweile dabei auseinanderzubrechen, nachdem wir die obersten Schichten der Ionosphäre von Maru Prime erreicht hatten. Sofort griffen die Magneten in meinen Sohlen und hielten mich auf dem Deck fest. Ich vergewisserte mich, dass alle nötige Ausrüstung fest vertäut war, und arretierte mein Plasmagewehr an der Rückenplatte des Anzugs. Granaten, Energiezellen, Pistolen – alles, was lose war, würde beim Absprung auf die Station flöten gehen.
»Panzerungen versiegelt!«, rief Jenkins. »Bereit machen, Leute!«
Martinez und Kaminski hatten sich schon aus ihren Gurten geschält und deckten sich gerade mit Ausrüstung ein.
Wir kamen der Station sehr schnell näher. Die hässlichen, gewölbten Module drehten sich unter uns weg, als die Fähre durch den Himmel taumelte. Die Sicht war diesig und durch die Hitze verschwommen. Da draußen wird es richtig heiß. Hoffentlich packen die Kampfanzüge das. Völlig ausgeschlossen, dass echte Körper – selbst in modernen Raumanzügen – solche Temperaturen hätten überstehen können. Die KI meines Anzugs rechnete mir vor, dass ich sechs Minuten und dreizehn Sekunden haben würde, bis die Temperatur irreparable Schäden angerichtet hätte. Das wird dann wohl reichen müssen, entschied ich.
»Also los.«
Die Heckschleuse der Wildcat fächerte auf, und sofort schlug mir eine Welle überhitzter Atmosphäre entgegen, so stark, dass es mich um ein Haar aus der Fähre gerissen hätte. Mit einer Hand klammerte ich mich an das Sicherheitsnetz an der Decke und kämpfte gegen das Verlangen an, mir die andere vors Gesicht zu schlagen. Es war eine ganz natürliche Reaktion, denn die Oberfläche von Maru Prime war gleißend hell.
»Angetreten!«
Wir versammelten uns direkt vor der Schleuse. Unser Gefährt drehte sich noch einmal ganz um die Station – nur noch ein paar Tausend Meter entfernt.
»Vergesst ja nicht, wer wir sind«, brüllte Jenkins über Funk. »Lazarus-Legion: fertig machen zum Absprung.«
Ich machte einen weiten Satz aus der Schleuse.
Der Rest der Truppe folgte mir. Das Schwerkraftfeld von Maru Prime war nicht zu unterschätzen – laut der Wissenschaftsabteilung gut über ein G –, und auch hier in den oberen Schichten der Atmosphäre war es schon deutlich zu spüren. Der Sog war so stark, dass es mir kurz die Luft aus der Lunge presste. Die Medizineinheit des Anzugs injizierte mir einen Gefechtscocktail; eine Mischung aus Endorphinen, Analgetika und Amphetaminen verteilte sich in meinem Blutkreislauf.
Mein Körper wurde zu einem Pfeil – die Arme und Beine des Panzers eng angelegt, um den Widerstand zu minimieren. Ich konnte nichts hören, aber alles sehen. Die blendende, wütende Welt unter mir: ein Brodeln, ein unaufhörliches Speien und Schäumen. Die prickelnde Hitze im Gesicht, der Schweißfilm, der sich augenblicklich auf Stirn und Nacken bildete. Der Kampfanzug versuchte gegenzusteuern, die Klimaanlage auf Anschlag, um optimale Einsatztemperatur zu behalten.
Wir fünf, in perfekter Formation, im freien Fall auf die Station unter uns. Das Gebilde schien uns sofort entgegenzukommen; die leeren Ebenen der Landeplätze und Lagerhallen hingen gefährlich schief.
Viele Leute, in erster Linie Zivilisten, bezahlten eine Menge Geld für diese Art Nervenkitzel. So ein Absprung war ein unbeschreibliches Gefühl, aber durchaus etwas gewöhnungsbedürftig. Eine falsche Bewegung, und ich würde entweder von Maru Primes Gravitation zerquetscht werden oder drastisch vom Kurs abkommen und in der Atmosphäre verglühen.
Die Kunst bestand darin, genau richtig auf dem Schwung des planetaren Schwerefelds zu surfen.
»Düsen!«, schrie ich.
Der Trident Klasse V war ein erstklassiger Kampfanzug, speziell für den Raumkampf weiterentwickelt. Ein vollwertiger Raumanzug, aber auch noch so viel mehr. Was mich gerade am meisten interessierte, war das eingebaute Lenksystem im Rückentornister.
Ich aktivierte die Steuerdüsen und änderte sofort die Richtung. Drehte mich in eine aufrechte Position, fuhr beide Beine aus und bereitete mich darauf vor, auf dem Landeplatz aufzuschlagen. Als die Düsen erneut feuerten, war ein leises Zischen zu hören; dann gab es einen Ruck, als meine eigene Bewegungsenergie anfing, mit der Schwerkraft von Maru Prime zu wetteifern.
Der Entfernungsmesser in meinem Helm sank jetzt langsamer. Ich hob eine Hand und sah, dass der Handschuh vom Abstieg glutrot war. Die Atmosphäre von Maru Prime war dünn und recht flach, sodass der Sturz weniger Reibungsschaden verursacht hatte, als es bei anderen Planeten der Fall gewesen wäre.
»Ich … ich hab hier ein kleines Problem!«, machte sich Mason auf einmal über Funk bemerkbar.
Scheiße. Mit unglaublicher Anstrengung drehte ich den Kopf in ihre Richtung. Jeder Muskel in meinem Nacken war angespannt, alle Knochen zusammengepresst von den entgegengesetzten Kräften, die an mir zerrten. Weil die Legion das hier schon so oft gemacht hatte, war ich ganz auf meine eigene Sprungtechnik konzentriert gewesen.
Aber Mason hatte noch nie einen Gewaltsprung absolviert. Sie schraubte sich auf meine Höhe herunter, vielleicht hundert Meter vom Kurs abgekommen. Ihre Düsen feuerten – gleißend blau vor dem grellen Rot der Landschaft zu unseren Füßen –, und sie überschlug sich.
Die Tarnvorrichtungen der Kampfanzüge waren aktiv. Sie versuchten, die Umgebung nachzuahmen – erst war die Panzerung rot entzündet, um den Planeten widerzuspiegeln, dann wechselte sie zu einer Kopie der schwarzen Sternenlandschaft über uns. Kurze Zeit später gab mein Anzug komplett auf: Die KI musste entschieden haben, es sei unmöglich, den ständig wechselnden Bedingungen gerecht zu werden.
»Hab doch gesagt, dass sie nicht so weit ist«, mokierte sich Kaminski.
»Soll ich sie holen?«, fragte Martinez. Ich konnte sein Keuchen über Funk hören; selbst für ihn war die Prozedur anstrengend.
»Ich bin am nächsten dran«, sagte ich. Das war meine Aufgabe. »Grundformation einnehmen und Landezone sichern.«
»Verstanden.«
Ich zündete meine Düsen. Ich war zwar nicht mehr so schnell wie vorher, aber immer noch schnell genug, was die Seitwärtsbewegung merklich erschwerte. Langsam näherte ich mich der schlingernden Gestalt.
Aus der Nähe konnte ich den Schaden sehen, den Masons unkontrollierter Sturz angerichtet hatte. Ihre Panzerung war geschwärzt und an manchen Stellen weißglühend, blutrot und orange an anderen. Das Gesicht in ihrem Helm war eine Maske des Entsetzens – Augen aufgerissen und totenblass.
»Ich … ich krieg keinen … Winkel!«, stotterte sie.
»Ruhig atmen. Konzentrier dich.«
Diesen Befehl sprach ich aus. Im Kopf wies ich ihren Anzug an, eine Dosis Kampfdrogen auszuschütten. Ihr Kreislauf beruhigte sich sofort ein bisschen. Es war nicht genug, um sie außer Gefecht zu setzen, nicht einmal genug, um ihre Panik verebben zu lassen, aber ich hoffte, dass es reichen würde, um sie das hier überleben zu lassen.
»Hilf mir! Bitte!«
»Du musst die Düsen dreimal hintereinander kurz zünden.« Mir wurde immer heißer; auf einmal fiel mir auf, wie weit Mason tatsächlich abgedriftet war. »Dranbleiben.«
Die Düsen wurden sämtlich gedankengesteuert, weshalb ein panisches Gehirn automatisch alles verzögerte. Sie rotierte wieder und wieder, bei jeder Drehung glühte die Panzerung noch heller; die exponierten Stellen fingen an, Blasen zu werfen. An mehreren Stellen hatten sich dünne Rauchfahnen gebildet. Wenn es mir nicht bald gelang, ihr zu helfen, würde sie in ihrem Anzug geröstet werden.
»Düsen zünden! Jetzt!«
Mason zündete und taumelte weiter.
»Oh Scheiße, oh Scheiße, oh Scheiße …«, plapperte sie.
»Ruhig bleiben und Funkkanal frei halten. Gib mir deine Hand.«
Mason streckte sich nach mir aus, die gepanzerten Finger gespreizt. Ich zündete kurz meine Düsen, brachte mich noch näher an sie heran – fast konnte ich die Hitze spüren, die ihre schartige Rüstung abstrahlte, intensiver als die Oberfläche von Maru Prime.
»Ich komm nicht dran …«
Sie schlingerte weiter und drehte sich abermals. In meinem Helm ertönte ein Warnsignal: TEAMMITGLIED IN KRITISCHEM ZUSTAND. Ach danke, wär mir gar nicht aufgefallen.
Ich griff nach ihr, und meine Fingerspitze streifte ihren Arm.
Entfernung: zweihundert Meter.
»Noch mal!«, schrie ich.
Plötzlich richtete sich Mason auf, ihre Düsen in blaue Flammen gehüllt. Sie biss die Zähne zusammen. Reckte ihre Finger. Ich griff nach ihr, schloss meine Finger um ihr Handgelenk.
Entfernung: einhundert Meter.
»Los jetzt, Mason. Du schaffst das!«
Sie nickte energisch und zündete die Düsen im richtigen Rhythmus.
Der Entfernungsmesser verlangsamte noch weiter, dann waren wir auf einmal über der Landezone. Ein letzter, gewaltiger Stoß aus den Düsen – und wir schwebten fast über der Plattform. Meine Stiefel berührten das Deck, der Aufprall pflanzte sich durch den ganzen Körper fort. Eine Sekunde lang stand ich einfach nur da, holte tief Luft und freute mich darüber, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben.
»Alles klar?«
Masons Kampfanzug versteifte sich kurz, als sie im Inneren zusammensackte und ihre schweißnasse Stirn gegen das Visier stieß.
»Christo«, flüsterte sie. »Was für ein Ritt. Danke.«
Statt etwas zu erwidern, suchte ich das Flugfeld ab. Der Rest meiner Truppe guckte etwas ungläubig zu. Sie hatten sich mit gezogenen Waffen vor der Hauptschleuse der Station versammelt.
»Vielleicht hat Kaminski recht gehabt, dass sie noch nicht so weit ist«, sagte Jenkins.
»Sie lebt noch«, gab ich auf dem privaten Kanal zwischen Jenkins und mir zurück. Ich wollte Masons Selbstvertrauen nicht noch mehr in Mitleidenschaft ziehen, als das sowieso schon der Fall war.
»Wenn du ’nen richtigen Ritt haben willst, kann ich dir vielleicht mal ’ne Einführung geben«, sagte Kaminski.
Mason machte sich nicht die Mühe, ihm zu antworten.
»Schluss mit dem Mist«, befahl ich, nachdem ich zurück auf den Teamkanal geschaltet hatte. »Bring uns da rein und mach ’nen Scannerdurchlauf.«