Christiane Gohl

Ein Pflegepferd für Julia

 

Saga

Ein Tag für einen Ausritt

»Hacken runter, da auf dem Corsar! Und gerade sitzen, Kreuz anspannen, Schultern zurück! Wie oft soll ich das noch sagen!«

Aufgeschreckt von der Stimme des Reitlehrers setzte Julia sich im Sattel zurecht und begann erneut mit ihren aussichtslosen Bemühungen, gleichzeitig das Kreuz anzuspannen, lokker zu sitzen und richtig zu treiben. Das Schulpferd Corsar, ein gewaltiger Dunkelbrauner, machte ihr das nicht gerade leicht. Lustlos schleppte es sich durch die Halle und nahm von seiner Reiterin eigentlich nur Notiz, wenn sie, allen Anweisungen zum Trotz, die Hacken hochzog und sie ihm schwungvoll in die Seiten stieß.

Strenggenommen konnte Julia ihm seine Faulheit nicht verdenken. Es war mehr als langweilig, stundenlang durch die Reithalle zu traben, während draußen die Sonne schien. An Regentagen mochte Dressur ja noch angehen, aber heute war Julia durch den ersten richtigen Frühlingssonnenschein zum Reitstall geradelt. Ein frischer Wind hatte die Regenwolken der letzten Tage weggeweht, und prompt wurden die Grasspitzen grün, und die ersten Schneeglöckchen und Krokusse brachten Farbe in die Vorgärten. Ein phantastischer Tag für einen Ausritt!

Herr Holthoff, der Reitlehrer, sah das leider ganz anders. Sein Unterricht fand in der Reithalle statt, bei jedem Wetter und zu jeder Jahreszeit. Allenfalls sehr fortgeschrittene Schüler durften im Hochsommer mal auf den Außenplatz. Aber zu den sehr fortgeschrittenen Schülern gehörte die zwölfjährige Julia mit ihren dreißig Reitstunden noch lange nicht . . .

»Durch die ganze Bahn wechseln!« Corsar tappte hinter den anderen Pferden her und schnitt dabei die Ecke. Julia bemerkte es gar nicht. In Gedanken lenkte sie ihr Pferd hinaus aus der Halle auf einen langen, weichen Waldweg. Die Sonne mogelte sich zwischen den Kronen der Bäume hindurch und malte goldene Zeichen auf den Weg . . . eine geschwungene Brücke führte über einen Bach . . . Corsar trabte an Feldern und Wiesen entlang, wartete nur auf ein Schnalzen von Julia, um in Galopp überzugehen . . .

 

Plötzlich ertönte ein lautes Quietschen und riß Julia brutal aus ihren Träumen. Irgend jemand schob das Hallentor einen Spaltbreit auf, und direkt vor Corsars Hufen fiel ein Sonnenstrahl auf den Reithallenboden. Das große braune Pferd verharrte einen Sekundenbruchteil, schnaubte entsetzt und warf sich dann auf der Hinterhand herum. Julia fühlte sich unsanft nach vorn geschleudert und klammerte sich an Corsars Mähne fest. Nur nicht herunterfallen! Ohne ihre Führung entfernte sich der sonst so phlegmatische Braune mit riesigen Sprüngen von der vermeintlichen Gefahrenquelle. Die Pferde hinter ihm taten es ihm nach. Die Stute Skarlett schoß an Corsar vorbei, und das Pony Bobby legte auch noch ein paar Buckler ein.

»Nicht nach vorn fallen! Tief reinsetzen, Mädchen! Und nicht die Zügel wegschmeißen! Himmelsakrament nochmal, wofür predige ich euch das eigentlich dauernd!« Reitlehrer Holthoff brüllte auf seine Schülerinnen ein, erzielte damit aber keinen Erfolg. Bobby tänzelte, seiner Reiterin inzwischen ledig, vergnügt durch die Reitbahn. Skarlett trat nach ihm aus, woraufhin ihre Reiterin Karin hysterisch zu schreien anfing, und Corsar trabte mit lebhaft aufgestellten Ohren und ungewohntem Schwung in der Runde. Immerhin hatte sich Julia inzwischen vom ersten Schrecken erholt und versuchte, zu einem halbwegs sicheren Sitz zurückzufinden. An sich fand sie es gar nicht so schlecht, daß ihr Pferd endlich mal Temperament zeigte. Nachdem sie die Steigbügel wiedergefunden hatte, nahm sie die Zügel an und gab Corsar entschlossen die Hilfe zum Anhalten. Mit einem letzten Schnauben kam er zum Stehen. Auch Skarlett hatte ein Einsehen mit ihrer schluchzenden Reiterin und ging in den Schritt über. Bobby ließ sich von Herrn Holthoff einfangen.

»Ich will hier runter!« jammerte Karin, aber der Reitlehrer nahm keine Notiz von ihr, sondern setzte sofort zu einem Vortrag an. Worte wie »Aufpassen, unberechenbar, Knieschluß, Zügelkontakt« wogten an den Schülerinnen vorüber. Julia nickte schuldbewußt. Natürlich hätte sie nicht träumen dürfen, und selbstverständlich wäre Corsar nicht durchgegangen, wenn . . .

. . .sich die Tür nicht so plötzlich geöffnet hätte! Julia linste zum Ausgang und erkannte ihre Klassenkameradin Petra. Das große blonde Mädchen stand grinsend an der Bande und betrachtete das Durcheinander, das es mit dem Aufschieben des Tores ausgelöst hatte. Sehr lange würde sie ihre Schadenfreude allerdings nicht mehr genießen können, denn jetzt traf sie der strenge Blick von Herrn Holthoff.

»Ich wollte nur gucken, ob die Halle frei ist«, versuchte Petra sich zu entschuldigen, aber da polterte der Reitlehrer auch schon los.

»Ob die Halle frei ist? Zwischen drei und vier? Was hast du denn gedacht, wo ich meinen Unterricht abhalte, im Reiterstübchen? Verschwinde bloß, bevor ich mich vollends vergesse!« Mit Herrn Holthoff war heute nicht mehr zu spaßen, und so riß Petra blitzschnell das Tor auf und schlüpfte nach draußen. Corsar nahm das Quietschen zum Anlaß für einen erneuten Seitensprung, aber nun war Julia darauf gefaßt und brachte ihn schnell wieder unter Kontrolle. Auch Bobbys Reiterin stieg wieder auf, und Karin beruhigte sich. Der Rest der Reitstunde verlief wie gewohnt.

»Bei dem Wetter macht es keinen Spaß in der Halle. Da müßte man ausreiten.« sagte Julia zu Karin, als die Mädchen ihre Pferde in den Stall führten.

»Ausreiten?« mischte Petra sich ein. »Du kannst den Corsar doch schon in der Halle nicht halten!«

Petra stand in der Stallgasse und putzte ihr Pferd. Im Reitstall pflegte sie Julia stets sehr von oben herab zu behandeln. Schließlich ritt Julia hier nur Schulpferde, während Petra ein Privatpferd zur Verfügung stand. Dabei gehörte die elegante Fuchsstute Finessa ihr gar nicht wirklich. Sie war das Pferd ihrer Tante, und Petra durfte sie nur ein oder zweimal in der Woche reiten.

Julia versuchte, Petras Worte zu ignorieren, aber sie ärgerte sich doch. Warum mußte Corsar auch ausgerechnet in Petras Beisein seine wilden fünf Minuten kriegen?

»Corsar hätte nie gescheut, wenn du nicht die Tür aufgemacht hättest«, nahm Karin ihre Mitreiterin in Schutz. »Du hattest überhaupt keinen Grund, plötzlich in die Halle zu stürzen.«

»Ach, jetzt soll ich auch noch schuld sein! Ein guter Reiter muß sein Pferd jederzeit in der Hand haben, ob die Tür quietscht oder nicht. Merkt euch das!« Petra verschwand in der Sattelkammer.

»Ja, Mutti!« Die Mädchen kicherten.

»Sie benimmt sich, als hätte sie das Reiten erfunden«, sagte Karin.

»Du solltest sie mal in der Schule erleben. Wenn das Thema auf Pferde kommt, zieht sie alle Register. Dabei ist sie gar nicht so toll. Wenn sie Finessa nicht hätte, sähe sie auch nicht besser aus als wir!« Julia genoß es, über Petra herzuziehen.

»Gehst du mit, ’ne Cola trinken?« fragte Karin, als die Mädchen die Pferde abgesattelt und getränkt hatten.

»Nein, danke. Ieh seh’ noch ein bißchen beim Reiten zu. Die Privatpferdeleute sind alle auf dem Außenplatz.« Julia hatte keine Lust, sich jetzt schon ins Reiterstübchen zurückzuziehen. Das Wetter war immer noch herrlich, und der Reitplatz mit seiner weißen Umzäunung und den bunten Hindernissen zog sie unwiderstehlich an. Wenn sie nur ein eigenes Pferd hätte. . .

Julia sah sich mit einem hinreißenden weißen Pony über das Billard galoppieren und lässig auf einen Oxer zureiten. Sie gab ihrem Pferd die Zügel frei und stellte sich in die Bügel . . . ein leichtes Schnalzen und sie flogen über das Hindernis . . . Das Pony . . .

»Paß doch auf! Beinahe wärst du in mein Pferd reingerannt!«

Das war nicht ganz zutreffend. Tatsächlich war es eher die tänzelnde Finessa, die Julias Weg gekreuzt hatte. Petra versuchte soeben aufzusteigen, aber Finessa dauerte das zu lange. Sie ging seitwärts, schnaubte und machte Anstalten zu steigen, als Petra ungeduldig am Zügel zog.

»Soll ich sie festhalten?« bot Julia sich an.

»Unsinn!« Mit einer letzten Anstrengung schwang sich Petra in den Sattel. Finessa machte einen Hupfer, aber Petra saß fest. Sie lenkte die Stute in Richtung Reitplatz und wartete, bis Julia ihr das Tor aufhielt. Als Reiterin eines Privatpferdes nahm sie solche kleinen Dienstleistungen der Schulpferdereiter ganz selbstverständlich hin.

Auf dem Außenplatz waren noch zwei weitere Reiter: eine junge Frau mit einem Schimmel und ein Mann auf einem sehr nervösen Braunen. Alle versuchten, ihre Pferde an den Zügel zu reiten, aber die Pferde zeigten wenig Lust dazu. Das schöne Wetter wirkte ausgesprochen anregend auf sie, und sie wären wohl lieber frei auf der Weide herumgesprungen, statt sich brav dem Reiter unterzuordnen. Finessa machte da keine Ausnahme. Ungezogen schlug sie mit dem Schweif und nutzte jede Gelegenheit zum Scheuen. Ein Hindernis, ein Baum, ein Besen, der am Zaun lehnte, schließlich sogar der Anblick der zuschauenden Julia reichten als Grund für einen Seitensprung.

»Du machst sie nervös, wenn du da rumstehst!« Petras Zorn auf ihr Pferd entlud sich über Julia.

»Aber ein guter Reiter hat sein Pferd doch immer unter Kontrolle«, gab Julia mit sanftem Lächeln zurück. Petra enthielt sich einer Antwort.

»Das ist der Frühling, der fährt den Pferden in die Knochen«, lachte die Frau auf dem Schimmel. »Da wollen sie den Winter rausbuckeln!«

Die hatte gut reden! Ihr Schimmel war sehr viel friedlicher als Finessa und der Braune.

»Am besten läßt man sie vorm Reiten auf die Weide. Dann ist die erste Luft raus, wenn man aufsteigt!«

Petra hatte Finessa inzwischen angetrabt, aber die Stute wurde nicht ruhiger. Selbst die noch unerfahrene Julia sah, daß ihre Klassenkameradin ein Pulverfaß unter sich hatte. Immerhin saß Petra Finessas Hupfer gekonnt aus. Von dem Mann auf dem Braunen konnte man das nicht sagen. Er geriet jedesmal stark in Raumnot, wenn sein Pferd scheute. Trotzdem wollte er jetzt springen.

»Komm mal rein, Mädchen, und mach mir das Hindernis höher!« rief er Julia zu, die sofort gehorchte. Sie half gern beim Aufbauen von Sprüngen, aber heute fiel es ihr schwer, die eingerostete Stangenhalterung am Hindernisständer zu bewegen. Zunächst schien es gar nicht zu klappen, aber dann löste sich der Metallbügel mit einem gewaltigen Ruck. Er brachte den Hindernisständer ins Schwanken und ließ Julia fast hintenüberfallen.

Unglücklicherweise trabte in eben diesem Moment Finessa vorbei. Bisher hatte Petra die nervöse Stute noch kontrollieren können, aber der Anblick des wackelnden Hindernisständers gab Finessa den Rest. Sie warf den Kopf hoch, entzog sich dem Zügel und galoppierte davon, wobei sie gleich nach den ersten zwei Sprüngen vor einem Hindernis landete. Ein neuer Grund zum Scheuen! Finessa warf sich auf der Hinterhand herum und brachte Petra dabei aus dem Sattel. Und dann buckelte die Füchsin sich den Winter aus den Knochen, was das Zeug hielt! Fasziniert beobachtete Julia die Sprünge der sonst so disziplinierten Stute, während Petra sich schimpfend aufrappelte.

Schließlich blieb Finessa zufrieden schnaubend in einer Ecke stehen und machte sich auf die Suche nach den ersten Grashälmchen.

»Blödes Pferd!« murmelte Petra und hinkte los, um sie einzufangen. Aber Julia war schneller. Freundlich sprach sie Finessa an, näherte sich ihr ruhig und griff nach den Zügeln.

»Ich bin wenigstens nicht runtergefallen«, sagte sie grinsend, als sie Petra die Stute zurückgab.

Julia wünscht sich ein Pony

Wie immer, wenn Julia vom Reiten kam, fuhr sie bei ihrer Klassenkameradin Gabi vorbei und warf einen Blick auf Stormy. Stormy war das hübscheste Pony, das Julia je gesehen hatte: ein zierlicher, kohlrabenschwarzer Hengst mit dicker, verwegen flatternder Mähne, temperamentsprühenden Augen und einer weißen Flocke auf der Stirn. Gabi hatte ihn im letzten Jahr zum Geburtstag bekommen. Ein Pony, einfach so, als Überraschung! Dabei hatte Gabi sich vorher gar nicht so sehr für Pferde interessiert. Jedenfalls hatte sie keine Reitstunden genommen.

Julia war vor Neid fast geplatzt, besonders, als sie Stormy dann zum ersten Mal sah. Das Pony bewohnte einen Schuppen und eine kleine Weide auf dem Grundstück von Gabis Eltern, und Gabis Opa half, es zu versorgen. Es mußte herrlich sein, sein Pony so nah am Haus zu haben und reiten zu können, wann man wollte!

 

Gabi war im Garten neben der Weide und betrachtete fasziniert ein paar Krokusse und frisch gesprossene Tulpen.

»Selbst gepflanzt«, erläuterte sie Julia, die neugierig über den Zaun spähte. »Es gibt ein rundes Beet: innen blau und gelb und außen rum rote Tulpen.«

»Schön«, sagte Julia ohne größere Begeisterung. Sie fand Blumen ja recht hübsch, konnte Gartenarbeit jedoch nur wenig abgewinnen. Und wenn sie die Wahl zwischen Reiten und Blumenpflanzen gehabt hätte wie Gabi . . .

»Bist du ausgeritten?« fragte sie. »Ich wäre so gern rausgegangen bei dem Wetter, aber wir müssen ja immer in der Halle reiten.«

»Ach, heut nicht . . .«, wehrte Gabi ab. »Stormy macht sich immer so dreckig, bis ich den geputzt hab’, ist der halbe Nachmittag um. Vielleicht morgen . . .«

Julia wunderte sich. Pferdeputzen machte doch Spaß! Sie mochte Gabi aber auch nicht widersprechen.

»Wenn es vor eurem Stall nicht so matschig wäre, sähe er sicher besser aus«, überlegte sie statt dessen. »Dabei war’s letztes Jahr eine so schöne Wiese!«

»Der Stormy zertrampelt ja alles.«

Die Mädchen lehnten jetzt am Koppelzaun, und Stormy, der Abwechslung liebte, trabte sofort auf sie zu. Genüßlich ließ er sich von Julia die Stirn kraulen. »Das hat er gern, nicht?«

»Ja, ja, wenn’s nach dem ginge, würde man dauernd mit ihm rummachen, und wenn er genug hat, kneift er einen.« Gabi hielt auffallend viel Abstand zu ihrem Pony. »Sag mal, hast du schon Mathe gemacht?«

Julia schüttelte den Kopf. »Nöö, mach’ ich gleich. Ist sowieso nicht schwer. Wie reitet er sich eigentlich? Ist er schnell?«

»Wer? Stormy? Na ja, mal so, mal so . . .« Gabi erzählte nie viel über ihre Ausritte mit Stormy. Wahrscheinlich wollte sie nicht angeben.

»Findest du Mathe echt nicht schwer? Ich hab’s eben versucht, aber ich blick’ da nicht durch. Überhaupt, so’n Quatsch, wenn ich ’ne Torte auf drei Leute verteilen soll, nehm ich’n Messer und schneid’ sie durch. Da brauch’ ich keine Bruchrechnung. Und auf drei Viertel Leute verteil’ ich sowieso nie was.«

»Da darfst du einfach nicht so viel drüber nachdenken«, sagte Julia ohne größeres Interesse. »Du nimmst die Dinger mit ihrem Kehrwert mal, und das war’s dann. Wenn man sich fragt, wozu das gut ist, kommt man nur durcheinander. Guck mal, jetzt will er mich zurückkraulen! Nein, ist der goldig!« Für Julia war Stormy weitaus fesselnder als alle Bruchrechnungen der Welt.

»Wenn ich erst mal wüßte, was ein Kehrwert ist«, seufzte Gabi. »Kann ich die Sachen morgen bei dir abschreiben?«

Erst jetzt erkannte Julia die Dringlichkeit in Gabis Stimme. Im Gegensatz zu ihr war Gabi keine gute Schülerin. Tatsächlich balancierte sie immer am Rand der Versetzungsgefahr. Bestimmt kein angenehmes Gefühl.

»Wir können’s ja eben zusammen machen«, sagte Julia großzügig, wenn auch nicht ganz ohne Hintergedanken. Vielleicht würde Gabi sie ja mal auf Stormy reiten lassen, wenn sie ihr einen Gefallen tat!

 

Leider machte Gabi keine Anstalten dazu. Als Julia schließlich nach Hause fuhr, hatte sie sich dreimal für die Hilfe bei den Hausaufgaben bedankt, aber das Wort »Stormy« war nicht gefallen. Julia seufzte. Wie gern hätte sie all ihre guten Noten und ihr Wissen über Bruchrechnung gegen ein Pony wie Stormy eingetauscht!

 

»Warum kriege ich nicht endlich ein Pony?« Julia beschloß, es noch einmal mit einem Sturmangriff auf das Arbeitszimmer ihrer Mutter zu versuchen.

Nicht schon wieder! Seufzend blickte Annette Wiegand von der Tastatur ihres Schreibcomputers auf. Immerhin, sie war vorbereitet.

»Aus drei Gründen. Erstens . . . wir haben keinen Platz, zweitens: wir haben kein Geld, und drittens . . . von mir kriegt keiner ein Auto, solange er keinen Führerschein hat . . .«

»Wirklich, Mutti, was du immer hast. Für ein Pferd braucht man doch keinen Führerschein! Und ein Auto will ich ja gar nicht.« Julia warf sich auf den flauschigen Teppich vor dem Computertisch und machte ihrer Mutter damit ihre Absicht deutlich, die Sache auszudiskutieren.

Resigniert drückte Frau Wiegand die Speichertaste und wandte sich vom Bildschirm ab.

»Schau, Juli, du bist doch ein vernünftiges Mädchen. Selbst angenommen, wir brächten das Geld für ein Pony auf . . . «

Julia wollte etwas einwerfen, aber ihre Mutter brachte sie mit einer Handbewegung zum Schweigen.

»Ja ja, ich weiß schon, Ponies sind gar nicht so teuer, Gabis Eltern haben für ihres letztes Jahr nur vierhundert Mark bezahlt. – Da wird auch ein Haken dran sein, wenn du mich fragst, aber das nur nebenbei . . . – Also, selbst wenn wir so ein Pferd kaufen könnten, das Pony muß doch auch jeden Tag fressen. Es wird mal krank, muß geimpft werden – du weißt doch, was das allein für die Katze kostet. Und wie gesagt, selbst wenn wir das Geld dafür hätten, bliebe immer noch das Problem, daß ich keine Ahnung von Ponies habe und du auch nicht.«

»Aber ich kann reiten! Und putzen . . . und . . .«

»Wirklich? In dem halben Jahr Reitstunden hast du soviel gelernt, daß du ganz allein mit einem Pony zurechtkämst? Soweit ich weiß, hast du bisher noch nicht mal an Ausritten teilgenommen. Von Turnieren, Reitabzeichen oder sonstwas gar nicht zu reden. Gib dir keine Mühe, Juli, ich habe mit Margot gesprochen, als ich neulich in Hannover war. Sie sagt, daß Reiten ein schwerer Sport ist. Es dauert Jahre, bis man’s einigermaßen kann. Und ein Pferd in eigener Regie halten, das ist eine Wissenschaft für sich!«

»Wir könnten es in den Reitstall stellen«, murmelte Julia.

»Und wer bezahlt das? Die Pension im Reitstall kostet 350 Mark im Monat.«

Geschlagen ließ Julia den Kopf hängen.

Frau Wiegand wollte sich wieder ihrer Arbeit zuwenden, aber die traurige Miene ihrer Tochter ließ sie zögern.