Der SCM-Verlag ist eine Gesellschaft der Stiftung Christliche Medien, einer gemeinnützigen Stiftung, die sich für die Förderung und Verbreitung christlicher Bücher, Zeitschriften, Filme und Musik einsetzt.

INHALT

Ein Vorwort
oder warum man Zeit in dieses Buch investieren sollte

Ihre Zeit ist kostbar

Eine Kultur der zunehmenden Gottvergessenheit

Leidenschaft fürs Thema

Warum ich?

Wer soll das lesen?

Zu viele Bücher. Nun noch eins mehr?

Kapitel 1: Weil Glaube möglich ist

Hat Religion eine Zukunft?

Glaube in einer bedrohten Welt

Was hindert Menschen eigentlich daran, glauben zu können?

Glaube ist möglich

Stationen auf dem Weg zum Glauben

Das kann ich mir nicht vorstellen

Ein in sich stimmiges Weltbild

Auch für Männer

Männer zweifeln anders

Erst mal die Fakten!

Believing by Doing

Männer wollen Abenteuer

Männer wollen Spaß

Der männliche Spaß am Zweifel

Radikal zweifeln

Klischees von gestern?

Und die anderen Religionen?

Kapitel 2: Weil der alte und der neue Atheismus auch keine Alternative sind

Gibt’s das?

Ganz schön konsequent!

Atheismus in Deutschland

Atheismus und Religion – zwei globale Megatrends

Religion ist dumm!

Religion ist böse

Treffende Kritik?

Der Neue Atheismus und die Verbrechen der Kirche

Fünf Konsequenzen des Atheismus

Stell dir vor, es gäbe keinen Gott

Ein Herz für Atheisten

Das Elend des Atheismus

Kapitel 3: Weil es ohne Gott kein Leben gibt

Das Problem

Naturwissenschaft kontra Glaube?

Gott ist kein Lückenbüßer

Glaube und Naturwissenschaft

Am Anfang aller Naturwissenschaft: das Staunen

Es hat sich entwickelt, aber was steckt hinter »sich«?

Das Problem mit dem Zufall

Alles zerfällt irgendwann in seine Einzelteile

Mehr als die Summe seiner Teile

Wie entsteht Information?

Die kreative Kapazität von Materie ist ein Mythos

Kein neuer Gottesbeweis!

Kapitel 4: Weil ich gewollt bin

Wer bin ich?

I am what I am …

Ein Getriebener?

Ganz schön schlau und trotzdem keine Ahnung

Der Mensch ist nichts weiter als …

Der Mensch ist viel mehr als …

Mehr als ein Zufallsprodukt?

Die Würde des Menschen

Der Mensch als »hochevolutionierter« Affe – noch ein Identitätskiller

Die Geschichte vom verlorenen Zarensohn

Leben in einer falschen Identität

Was ist der Mensch?

Das Ebenbild

Kapitel 5: Weil die Frage nach Gott zutiefst menschlich ist

Drei Sehnsüchte

Warum werde ich nicht satt?

Universale Sehnsucht

Zwischen Langeweile und Sucht

Wie man sich sein Leben am besten versauen kann

Nicht vom Brot allein

Kapitel 6: Weil das Glück des Lebens etwas mit Gott zu tun hat

Sehnsucht nach Glück

Crashkurs Happyologie

Dem Glücksrausch folgt der Kater

Weltweites Glücks-Ranking

Der Mensch als Glücksjunkie

Designt für das große Glück des Lebens?

Glück im Leid

Was Glücksucher und Gottsucher miteinander verbindet

Die Poesie eines Glücksfinders

Ich kann mein Glück nicht fassen!

Brot des Lebens

Eine Person als Inbegriff des Glücks

Kapitel 7: Weil ich durch Gott den Sinn des Lebens finde

Was ist der Sinn des Lebens?

Die Sinnfrage heute

Was hat ein Kochbuch mit der Frage nach dem Sinn des Lebens zu tun?

Der Sinn des Lebens wird uns gegeben

Wie der Teufel die Menschen davon abhalten will, den Sinn des Lebens zu finden – eine Geschichte

Wer bin ich? – Ein geliebtes Geschöpf

Gott finden heißt den Sinn des Lebens finden

Sinn suchen und in Gott entdecken

Kapitel 8: Weil das Leben ein Ziel bekommt

Was der Mensch braucht

Ziellos von Ziel zu Ziel

Was kommt nach der letzten Sprosse der Karriereleiter?

Das frustrierende Fazit eines Hedonisten

Und dann? Eine irgendwo mal gehörte Geschichte

Die Tragik von Nahzielen

Die letzte große Würde des Menschen

Designt für das große Ziel

Im Hause meines Vaters sind viele Wohnungen

Kapitel 9: Weil unser Herz Augen hat

Juri hat Gott nicht gesehen

An diesen Gott glaube ich auch nicht

Wo wohnt Gott?

Viele Welten nebeneinander und ineinander

Die sichtbare und die unsichtbare Welt

Was ist Glaube?

Gott im Gehirn?

Ich sehe was, was du nicht siehst

Ich kann dich sehen

Kapitel 10: Weil Jesus die faszinierendste Person aller Zeiten ist

Was für ein Mensch!

Sein Leben – kurz, intensiv, konsequent, echt

Ein Dichter?

Ein Wundertäter?

Ein großer Menschenfreund?

Ein Herrscher?

Ein Revolutionär?

Ein Prophet?

Ein Bußprediger?

Ein Lebenskünstler?

Ein Heiliger?

Der Sohn Gottes?

Von einer Jungfrau geboren

Ganz Mensch und doch Gott

Zu zeigen, wer Gott ist

Zu suchen und zu retten, was verloren ist

Zu sterben, um sie zu erlösen

Kapitel 11: Weil Jesus für alle starb

Schwarzer Freitag in Jerusalem

Das Sterben Jesu – mehr als ein tragisches Ende

Der menschlich leidende Gott

Ein Akt der alles gebenden Liebe

Versöhnung

Eine abstruse Idee im Zentrum

Das Problem mit der Stellvertretung

Warum dieser Weg?

Beispiel eines stellvertretenden Sterbens

Ich krieg das nicht in meinen Kopf!

The proof of the pudding is in the eating

Kapitel 12: Weil Ostern alle Grenzen sprengt

Kein Totenkult!

Die Quellen

Die vermaledeite Lücke

Fromme Halluzinationen?

Scheintod?

Ein leeres Nobelgrab?

Komm, wir klauen die Leiche!

Alles nur gefakt!

Totaler Knick einer Biografie

Der älteste Text

Was ist denn nun tatsächlich an Ostern passiert?

Und was bedeutet Ostern?

Das kann ich nicht glauben!

Kapitel 13: Weil Gott sich finden lässt

Keine alte Geschichte

Jesus heute

Museales Geschwätz

Das muss man halt glauben?

Der Wind vom Himmel

Gott finden?

Far, far away!

Das Gleichnis vom Overheadprojektor

Sünde?

Ein Schicksal, keine Wahl!

Ein folgenschweres Nein

Eine Geschichte über Umkehr

Der Gott, der auf dich wartet!

Jesus und unsere Umkehr zu Gott

Ein Weg?

Der Leitstrahl vom Himmel

Kapitel 14: Weil Gott in unser Leben kommt

So ging’s los

Wer ist der Heilige Geist?

Eine dreifache Erfahrung

Nicht Notar, sondern Erbe

Lizenz zum Beten

Vom Glauben reden

Veränderung ist möglich

Eine fantastische Frage

Was heißt Umkehr?

Komm, wie du bist!

»Sir, übernehmen Sie!«

Loslassen

Jesusnachfolge und Selbstverwirklichung

Christus will uns begegnen

Kapitel 15: Weil es die Kirche gibt

Ein Wunder!

Familie der Glaubenden

Glaubensgemeinschaft mit Imageproblem

Die christliche Urgemeinde als Idealbild?

Welches Stück?

In der Kirche zu Hause

Kontrastgesellschaft

Taufe

Dreieinigkeit

Der Gott, der aus sich selbst heraustritt

Ein Leitbild für eine ausstrahlende Ortskirche

Ausklang
Schritte hin zur Erfahrung des Glaubens

Umkehr praktisch

Wie beten?

Steine im Herzen

Wohin mit den Steinen?

Das Get-Free-Wochenende

Hindernisse auf dem Weg zu Christus

Anmerkungen

EIN VORWORT ODER WARUM MAN ZEIT IN DIESES BUCH INVESTIEREN SOLLTE

Ihre Zeit ist kostbar

Zeit ist das Wertvollste, das Sie haben. Geld lässt sich beschaffen, Zeit nicht. Sind Minuten, Stunden und Tage einmal ausgegeben, gibt es keinen Kredit. Deshalb ist unsere Zeit so wertvoll. Wenn wir sie für etwas einsetzen, das sich nicht lohnt, verplempern wir unser kostbarstes Gut. Ich kann es nicht leiden, wenn Menschen die Zeit ihrer Mitmenschen vergeuden. Deshalb sage ich Ihnen zu Beginn, was Sie in diesem Buch erwartet und warum ich mir die Zeit genommen habe, es zu schreiben, sodass Sie eine Entscheidung treffen können, ob Sie dieses Buch lesen oder beiseitelegen wollen.

Eine Kultur der zunehmenden Gottvergessenheit

Das Wissen über den christlichen Glauben beschränkt sich bei vielen Menschen im alten Europa auf Halbwahrheiten und Vorurteile. Und das gilt nicht nur für die, die sich in innerer und äußerer Distanz zu einer christlichen Kirche befinden. Wie 2013 eine Sinus-Studie unter deutschen Katholiken ergab, können sich nur wenige Kirchenmitglieder mit zentralen Aussagen des christlichen Glaubens identifizieren, wie sie zum Beispiel im Apostolischen Glaubensbekenntnis zusammengefasst sind. Bei Protestanten dürfte die Zahl derer, die mit der christlichen Kernbotschaft etwas anfangen können, noch geringer ausfallen. Der auf unserem Kontinent stärker werdende Islam hält uns einen Spiegel vor: Was glaubt ihr eigentlich, wenn ihr überhaupt noch an etwas glaubt? Viele Muslime sind erschrocken über die Ignoranz von uns »eingeborenen« Europäern im Hinblick auf unseren Glauben und die Wurzeln unserer abendländischen Kultur. Der vor Kurzem verstorbene Journalist, Nahostexperte und Bestsellerautor Peter Scholl-Latour sagte 2012 in einem Interview: »Ich fürchte nicht die Stärke des Islam, sondern die Schwäche des Abendlandes. Das Christentum hat teilweise schon abgedankt. Es hat keine verpflichtende Sittenlehre, keine Dogmen mehr.«1

Das vorliegende Buch hat sich dem Anliegen verschrieben, Wege zur Entdeckung des christlichen Glaubens aufzuzeigen. Dabei handelt es sich nicht einfach um eine Abhandlung des Glaubens. Davon gibt es schon genug. Vielmehr ist es eine Hinführung zum Zentrum. Und es hat dabei besonders die Fragen der Menschen heute im Blick: Wie werde ich glücklich? Wie kann ich mehr aus meinem Leben machen? Wozu ist der Glaube an Gott gut? Gibt es Gott überhaupt? Was spricht dafür? Was dagegen? Was ist das christliche Gottesbild und kann man Gott erfahren? Widerspricht nicht die Naturwissenschaft dem Glauben? Wie finde ich den Sinn des Lebens? Wozu Jesus? Was wollte er? Was hat er gebracht? Was bedeutet Erlösung? Was ist der letzte Sinn dieses unglaublichen Abenteuers Leben?

Das vorliegende Buch beschreibt, was skeptische, atheistische und postmoderne Menschen daran hindert zu glauben, und das in verständlicher, manchmal (hoffentlich!) humorvoller Sprache, denn ich mag keinen Theologenjargon und versuche, unvermeidbare Fachbegriffe zu erläutern. Dieses Buch zeigt Wege zu einer erlebten christlichen Spiritualität und möchte eine Brücke zwischen Atheismus und christlichem Glauben schlagen. Viele Menschen sind unzufrieden mit ihrem Unglauben. Sie ahnen, dass ihnen der Glaube in schwierigen Zeiten helfen würde, Halt, Lebensmut und Orientierung zu finden.

Leidenschaft fürs Thema

Was mich zu diesem Buch angetrieben hat, lässt sich am besten mit einem Wort beschreiben: Leidenschaft. Leidenschaft ist die Begeisterung für etwas, das man von ganzem Herzen will, wofür man sich einsetzt, koste es, was es wolle. Leidenschaft wird aus dem Leiden geboren. Immer dann, wenn wir etwas so unerträglich finden, dass es uns nahegeht und uns keine Ruhe mehr lässt, entwickeln wir Leidenschaft.

Ich leide daran, dass viele Menschen in unserem Land das Christentum abgeschrieben haben, ohne es je kennengelernt zu haben. Sie lehnen eine Karikatur ab, aber nicht den wohltuenden Glauben, der mit Jesus möglich wird. Ich leide daran, dass sich unser Kontinent von seinen christlichen Wurzeln zu verabschieden scheint. Ich leide daran, dass viele Menschen glauben wollen, aber keinen Zugang zum Glauben finden. Ich leide daran, dass sich viele Menschen nach einem tragfähigen Lebenssinn sehnen und daran verzweifeln, dass sie nicht finden, was den Hunger ihres Herzens stillt. Ich leide daran, dass Menschen aufgefressen werden von ihren Sorgen, weil ihre Seele keine Kraftquelle hat. Ich leide daran, dass unsere Gesellschaft anscheinend kälter und egoistischer wird.

Warum ich?

Warum schreibe ausgerechnet ich so ein Buch? In meinen Seminaren und Gottesdiensten über den Weg zum Glauben sitzen viele Skeptiker und sogenannte »Ungläubige«, die den christlichen Glauben als lebenswerten Weg für sich entdecken. In diesem Buch finden viele Jahre Erfahrung im Umgang mit Menschen ihren Niederschlag, die gerne glauben würden, aber ihren Unglauben als Gefängnis erlebten – und dennoch Wege da raus fanden. Das Buch will Menschen beim Nicht-glauben-Können abholen und ihnen Mut machen, sich auf die Suche zu begeben. Es setzt sich mit grundlegenden Fragen des Glaubens und Vorbehalten gegen die christliche Religion auseinander. Dieses Buch will informieren und zu einem Weg einladen, ohne zu vereinnahmen.

Wer soll das lesen?

Für wen habe ich dieses Buch eigentlich geschrieben? Ich wende mich mit diesem Buch an drei Zielgruppen.

Erstens schreibe ich für Menschen, die wenig davon wissen, worum es beim christlichen Glauben eigentlich geht, und deren Kenntnis aus Halbwissen und oberflächlichen Verdächtigungen besteht. Sie möchte ich gewinnen, sich ernsthaft mit dem Glauben auseinanderzusetzen und ihre Überzeugungen zu hinterfragen.

Zweitens ist dieses Buch für Menschen geschrieben, die sich als »gläubig« bezeichnen würden, die aber in ihrem Glauben verunsichert und ohne Freude sind.

Drittens richtet sich das Buch an engagierte Christen. Es steckt voller Mut machender Geschichten, anschaulicher Beispiele, biblisch-theologischer Anregungen, die sich hervorragend eignen, den eigenen Glauben zu beleben, zu vertiefen und sprachfähig zu machen.

Die Gedanken dieses Buches sind entstanden in unzähligen Begegnungen mit Skeptikern und Kritikern des Glaubens, in Glaubenskursen für Atheisten und Seminaren für Theologiestudenten, Pfarrer, Jugendmitarbeiter, ehrenamtliche und hauptamtliche Mitarbeiter der Kirchen. Es will eine Gesprächsanregung und ein Wegbegleiter sein, um mit Menschen von heute ins Gespräch zu kommen.

Zu viele Bücher. Nun noch eins mehr?

Eine letzte Frage: Warum halte ich das Buch eigentlich für wichtig? Es gibt so viele Bücher, vielleicht zu viele. Nun noch eins mehr. Muss das sein?

Einmal geht es in diesem Buch um die Grundfragen unseres Lebens, wie »Was gibt mir Sinn?«, »Warum bin ich hier?«, »Was möchte ich mit meinem Leben erreichen?«, »Wo finde ich Halt?«, »Was ist das Ziel des Lebens?«. Mit anderen Worten: Es geht um das, was jeden Menschen unbedingt angeht. Das Buch möchte die Grundlagen des christlichen Glaubens für fragende postmoderne und skeptische Menschen verständlich machen. Die meisten christlichen Bücher zum Thema sind nach meinem Geschmack zu fromm, zu kirchlich oder zu theologisch. Sie setzen die Existenz Gottes, spirituelle Bedürfnisse und religiöses Grundwissen voraus.

Das vorliegende Buch ist die völlig überarbeitete und erweiterte Neuauflage meines in vier Auflagen erschienenen und vergriffenen Buches Warum ich kein Atheist bin. Hinzugekommen sind viele Veränderungen, eine Auseinandersetzung mit dem Neuen Atheismus und ein Kapitel über das Phänomen Kirche, in dem ich auch auf die Trinitätslehre eingehe. Im gesamten Buch wurde vieles auf den neuesten Stand gebracht.

KAPITEL 1

WEIL GLAUBE MÖGLICH IST

»Wenn ich glaube, habe ich nichts zu verlieren. Wenn ich nicht glaube, habe ich nichts zu erhoffen.«

Johannes Gross (1932 1999), deutscher Publizist und Journalist

Hat Religion eine Zukunft?

Die Welt hat sich in den letzten zwanzig Jahren in einer dramatischen Weise verändert. Zukunftsforscher, Sozialwissenschaftler und Trendanalysten sprechen davon, dass wir in einer Zeitenwende leben. Ähnlich wie zur Zeit Martin Luthers ändert sich gerade unsere gesamte Lebenswirklichkeit. Stichworte wie digitale Revolution, neue Medien, Erlebnisgesellschaft, Relativismus, Pluralismus, Terrorismus und Sexualisierung des Alltags illustrieren den Wandel. Unzählige Dinge, die es so vor zwanzig Jahren in unserer Lebensgestaltung noch nicht gab, formen und beherrschen unser Leben: Internet, Smartphone, Klapprechner, Computerspiele, soziale Netzwerke, Multimedia, Hunderte von TV-Kanälen aus der ganzen Welt. Die globalen Veränderungen geschehen in einem atemberaubenden Tempo. Die Welt von gestern verschwindet. Wir treiben einem völlig neuen Zeitalter entgegen, das unser gesamtes Leben transformieren wird. Und kein Bereich ist davon ausgenommen: Arbeit, Partnerschaft, Freizeitverhalten, Lebensgefühl, Haushaltsarbeit, Medien, Reisen, Forschung, Schule, Erziehung, Ökonomie, Shoppen, Sport, Gesundheit, Kinderkriegen. Und was ist mit Religion? Wird sich auch der Glaube wandeln?

Mit der Wortschöpfung »Postmoderne« versuchte man einen Begriff zu finden, der den globalen Wandel zusammenfasst. »Post« (Postmoderne = Nach-moderne) zeigt an, dass wir eine große Epoche hinter uns lassen, ohne zu wissen, wohin wir uns bewegen. Die Moderne als Kulmination der großen Epoche der Aufklärung und als ausgesprochene Verstandeskultur scheint zu Ende zu gehen. Wir leben am Beginn einer neuen Zeit, die geprägt ist von einem neuen Skeptizismus wie auch von der Faszination für das Religiöse, Mystische und Unfassbare. Der Trendforscher Matthias Horx schreibt: »Die Bastionen der Aufklärung werden nicht geschleift. Sie verwittern einfach.«2 »Postmodern« steht für eine neue Denkweise. In Abgrenzung zur Moderne, die gekennzeichnet ist von einem rationalen Hang zur System- und Ideologiebildung, ist die Wirklichkeit für den postmodernen Menschen komplex, geheimnisvoll, widersprüchlich, subjektiv und chaotisch. Es gibt keine absolute Wahrheit, nur viele Wahrheiten, die wertungsfrei und hierarchiefrei nebeneinanderstehen. Alles ist relativ. Daher gibt es auch keine verbindlichen Überzeugungen. Gleichzeitig stehen jeder übergeordnete Sinn und jedes Reden von verbindlichen Werten unter dem Generalverdacht, zu Intoleranz und Gewalt zu führen. Jeder Absolutheitsanspruch von Religion erscheint dem postmodernen Zeitgenossen anmaßend. Mit Dogmen, die eine gewisse Verbindlichkeit beanspruchen, kann er wenig anfangen. Sein Zugang zu religiösen und philosophischen Fragen ist subjektiv, pragmatisch und emotional. Was funktioniert und was guttut, ist von Bedeutung. Wahr ist, was einem unter die Haut geht. Postmoderne Religiosität ist eine innenorientierte Ich-Religiosität. Man hat keinen Anspruch an andere. Mission gilt als Zumutung. Jeder muss seinen eigenen spirituellen Weg finden. Die Moderne versuchte, alles Religiöse oder Metaphysische durch den engen Trichter der Vernunft zu quetschen und verlor sich dabei in einer dumpfen Diesseitigkeit. Die Welt und das Leben wurden entzaubert. Eine öde und auf ihre Art naive »Wissenschaftsgläubigkeit« trat an die Stelle religiösen Staunens. Für die Postmoderne bilden Wissenschaft und Mystik keine Gegensätze. Das Weltbild hat sich verändert. Es ist tiefer, weiter, universaler, kurz: multidimensionaler geworden. Die Errungenschaften der Moderne werden ebenso geschätzt wie die spirituellen Traditionen der Vergangenheit. In diesem neuen Lebensgefühl bilden Wissenschaft und Mystik, Mündigkeit des Individuums und hingegebener Glaube, Naturgesetze und Magie keine zwingenden Gegensätze mehr. Vielmehr möchte der postmoderne Mensch die Dissonanzen des Lebens überwinden, scheinbar Gegensätzliches harmonisieren und einbauen in eine neue, ganzheitliche Weltsicht. In den Medien ist die Rede von einer Renaissance der Religion. Die alte Säkularisierungsthese, dass die Bedeutung von Religion mit der Ausbreitung moderner Denkformen und mit steigendem Wohlstand stetig abnimmt, wird weitgehend als eindimensional, deterministisch und fortschrittsgläubig abgelehnt. In fast allen Teilen der Welt boomt Religion wie nie zuvor. Wer hätte zum Beispiel gedacht, dass ausgerechnet in China, einem immer noch irgendwie kommunistischen Land, das Christentum eine Bewegung geworden ist, die Millionen erfasst hat. China hat mit einem Anteil von schätzungsweise zehn Prozent bekennenden Christen die kraftvollste und größte christliche Kirche in der Welt. Während es noch zur Zeit der sogenannten Kulturrevolution (1966 – 1976), in der die Christen grausam verfolgt wurden, gerade mal knapp zwei Millionen Christen gab, wuchs die Zahl auf heute schätzungsweise hundert Millionen. Nur in Europa scheint der Glaube als gesellschaftsprägende Kraft eine abnehmende Rolle zu spielen. Allerdings kann man auch auf unserem Kontinent ein wachsendes spirituelles Interesse beobachten. Dieser Trend geht aber zum großen Teil an den Kirchen vorüber. Für postmoderne spirituell Suchende ist das europäische Christentum zu verkopft, zu westlich und zu wenig mystisch.

Glaube in einer bedrohten Welt

Für viele bedeutete der 11. September 2001, an dem islamistische Terroristen zwei Passagierflugzeuge in die New Yorker Zwillingstürme steuerten, das »Ende der verdammten Spaßgesellschaft«, wie es Peter Scholl-Latour, der bekannte Nahostexperte, in seinem berühmt gewordenen Ausruf ausdrückte. Und er fährt fort: »Die Vorstellung, dass die Welt gut und alle Menschen lieb sind, die ist endlich wieder zurechtgerückt worden.« Uns ist erschreckend bewusst geworden, dass wir in einer bedrohten Welt leben, in deren Angesicht wir nach Lebensmut und Geborgenheit verlangen. Die Frage, wie wir die Herausforderungen unserer Zeit besser bewältigen können, bekommt eine neue Dringlichkeit. Phänomene wie der islamistische Terrorismus, atomare Bedrohung, Klimawandel, Ukrainekrise, Ebola, Arbeitslosigkeit, die alle Vorstellungen des Bösen sprengenden Verbrechen des Islamischen Staates machen auch dem letzten Ignoranten klar: Wir leben in einer unheilen Welt. Mitten im Zweiten Weltkrieg, als es so aussah, als würde das Böse triumphieren, schrieb der Schweizer Theologe Karl Barth (1886 – 1968) einem Freund den trostreichen Satz: »Es wird regiert.« Und heute? Was für eine SMS schreibt ein Atheist seinem Freund, wenn ihn die Wirklichkeit in die Verzweiflung treibt?

Matthias Horx lobt eine alte Tugend des Glaubens: »Gelassenheit, diesen Mega-Wert in einer Zeit der Unruhe, des Lebens-Stresses und der Verunsicherung, hat man eben, wenn man seinen Jesus hat – und er ist auch im spirituellen Supermarkt ringsherum kaum zu haben. Ein glänzender USP (Unique Selling Proposition, Anm. d. Verf.). Gottvertrauen nannte man das früher – eine heute, um im Marketing-Jargon zu bleiben, enorm begehrte Ware, um die diesen komischen, riesigen, alten Verein (»die Kirche«, Anm. d. Verf.) jeder Marketing-Manager brennend beneiden würde.«3 Brauchen wir nicht den wärmenden Glauben an einen gütigen Gott als Quelle von Sinn und Trost in einer Welt, die von vielen Menschen zunehmend als kalt und unsolidarisch empfunden wird? Könnte uns das Vertrauen in eine sinnstiftende Macht helfen, Orientierung zu finden und unser Leben zu meistern?

Mit einigen atheistischen Freunden diskutierten wir über den Film Melancholia (2011) des dänischen Filmemachers Lars von Trier. Er erzählt eine verstörende Geschichte vom Weltuntergang. Die Handlung beginnt auf einer Hochzeitsfeier, während der die Braut Justine, getrieben von dunklen Ahnungen, ihr bürgerliches Leben vernichtet: Sie zerstört ihre junge Ehe, ruiniert ihre berufliche Zukunft und gerät in eine tiefe Depression. Das Nahen des alles vernichtenden Planeten »Melancholia« ist für sie eine von Weltekel und der Lust an der totalen Vernichtung inspirierte Erlösung. Schaurig schön, mit unglaublich eindringlichen Bildern und unter der düsteren Musik von Wagners Ouvertüre aus Tristan und Isolde wird der Untergang der Welt zelebriert. Während ihre Schwägerin der totalen Verzweiflung anheimfällt, sonnt sich die nackte Justine im Lichte des nahenden »Melancholia«. Im Grauen des unvermeidlichen Endes schafft sie für ihren Neffen, einen vielleicht zehn Jahre alten Jungen, eine hoffnungsspendende Illusion. Sie baut aus Stöcken eine »magische Höhle«, in der man den Weltuntergang überleben kann. An Händen haltend warten die drei auf die Vernichtung der Erde: Justine gefasst, ihre Schwägerin verzweifelt schluchzend, der Junge hoffnungsvoll, mit geschlossenen Augen das Wunder erwartend. Melancholia bringt die Konsequenz des Atheismus auf den Punkt: Atheismus heißt, dass wir zufällig da sind, dass es keinen letzten großen Sinn gibt und dass wir ebenso zufällig wieder verschwinden. Dieser Film konfrontiert radikal mit dem Nichts und der Absurdität des Seins und provoziert die Frage nach Gott, nach dem Sinn und Ziel des Lebens.

Melancholia löste eine angeregte Diskussion zwischen meinen atheistischen Freunden und mir aus. Schließlich sagten sie: »Eigentlich macht uns eine Welt ohne Gott, die steuerlos auf eine ungewisse Zukunft zurast, Angst. Es wäre schön, wenn du recht hättest mit deinem Gott und deinem Glauben. Es wäre schön, wenn es einen Gott gäbe, der alles in der Hand hält und durch den ganz am Ende eben doch alles gut wird.« Und dann bedauerten sie, dass sie leider nicht glauben können.

Ich frage mich, ob nicht die Zukunftsfähigkeit unserer Kultur davon abhängt, inwiefern sie eine Rückbesinnung vollzieht auf die Wurzeln des christlichen Glaubens mit seinen Kraftquellen, seiner Spiritualität und seinem Humanismus. Kein Geringerer als Jürgen Habermas – für viele der bedeutendste Philosoph der Gegenwart und eine Ikone atheistischer Philosophie – schreibt, »dass einer zerknirschten Moderne nur noch die religiöse Ausrichtung auf einen transzendenten Bezugspunkt aus der Sackgasse verhelfen kann«4. Das kann man auch einfacher ausdrücken: Die Moderne hat sich in eine Illusion verrannt. Aus dieser Sackgasse kommt sie nur heraus, wenn sie sich dem Glauben zuwendet. Ein Verrat des gottfreien Denkens? Manche deuten Habermas’ Worte so. Andere erleben sie als Befreiung, weil das Thema Glaube auch im intellektuellen Diskurs wieder hoffähig wird.

Nicht nur Philosophen warnen vor den Folgen einer glaubenslosen Gesellschaft, selbst einen Postsozialisten wie Gregor Gysi packt bei der Aussicht auf eine Gesellschaft ohne Gottvertrauen das Grauen. Im Gespräch mit Johannes B. Kerner schlägt der bekennende Atheist völlig neue Töne an: »Eine gottlose Gesellschaft, das heißt, eine Gesellschaft ohne jede Orientierung, eine Gesellschaft des reinen Pragmatismus, wo man heute das denkt und morgen jenes denkt und überhaupt keine moralisch einigermaßen verbindlichen Maßstäbe mehr hätte.«

Der auch von Atheisten hochgeschätzte Humanismus wuchs auf dem Boden des Christentums. Ohne seine christlichen Wurzeln, ohne den barmherzigen Samariter als Modell für Nächstenliebe, ohne die Zehn Gebote, ohne die Bergpredigt ist der abendländische Humanismus überhaupt nicht denkbar. Trennt man ihn von seinen Wurzeln, dann verliert er seine Lebendigkeit und seine Potenz. Beraubt man ihn seiner transzendenten Quellen, dann verkommt er zum Utilitarismus, zum bloßen Nützlichkeitsdenken und zum Hedonismus, der Genuss zum obersten Prinzip erhebt. Das Tun des Guten hat keinen dem Menschen vorgegebenen Sinn mehr. Es ist nicht mehr gut, weil es Teil eines Sinnkosmos ist. Es ist nur noch gut, weil es dem Menschen irgendwie nützlich ist und Genuss verschafft. Das Ende von »good life« ist meistens auch das Ende von »good will«. Es gibt keine wirkliche Richtschnur mehr für Gut und Böse. In grauenvoller Einsamkeit gibt sich der Mensch sein eigenes Gesetz. Das war das Lebensthema des genialen atheistischen Vordenkers Friedrich Nietzsche (1844 – 1900). Gibt es keinen Gott, dann gibt es letztlich keine Moral. Der Mensch vergötzt sich selbst. Was ihn treibt, ist der durch kein Sittengesetz mehr domestizierte Wille zur Macht und zum Genuss.

Als ich in den 90ern Pfarrer in Thüringen war, hing im Jugendamt des Landratsamtes – gewiss kein frommer Ort – ein Gedicht an der Wand:

Wenn die Menschen gottlos leben, sind:

□ die Sitten zügellos,

□ die Mode schamlos,

□ die Verbrechen maßlos,

□ die Völker friedlos,

□ die Schulden zahllos,

□ die Regierungen ratlos,

□ die Politiker charakterlos,

□ die Konferenzen endlos,

□ die Aussichten trostlos,

□ die Kirchen kraftlos,

□ die Christen gebetslos.

Was hindert Menschen eigentlich daran, glauben zu können?

Der Begriff »Atheist« steht in diesem Buch als ehrenhafte Bezeichnung für einen Menschen, der einer Theorie anhängt, die die Existenz Gottes verneint. Nirgends auf der Welt gibt es so viele Atheisten wie in Europa, besonders in Ostdeutschland. Berlin wird gern die »Welthauptstadt des Atheismus« genannt. Laut dem World Factbook der CIA 2010 wird der Anteil von Atheisten an der Weltbevölkerung auf 2,32 % geschätzt (Nichtreligiöse 11,77 %, Christen 33,32 %, Muslime 21,01 %).5 Die Vorsilbe »A-« in dem Wort »Atheist« (auf Deutsch: Nicht-Gott oder Gott-los) drückt die Verneinung Gottes aus und damit die Überzeugung, dass es Gott nicht gibt. Das Lexikon definiert Überzeugung als eine »durch eigenes Urteil gewonnene Einsicht«. Aufgrund seiner »Einsicht« in eine fragliche Sache – in unserem Falle Gott – macht sich jemand ein eigenes Bild und gelangt so schließlich zu einem Urteil. Atheist wird man aber nicht, weil man etwas sieht, sondern weil man etwas nicht sieht – nämlich Gott und sein Wirken.

Dass Menschen nicht glauben können, hat viele Gründe. Sie gehen jedoch alle darauf zurück, dass Menschen die Hinweise auf Gott, auf sein Wirken, auf die Spuren seiner Realität nicht wahrnehmen können. Wie jeder Glaube seine Geschichte hat, geprägt von Erziehung, Lebensumständen, Schicksalsschlägen, Erlebnissen und Begegnungen, so hat auch jedes Nicht-glauben-Können seine Geschichte. Kaum jemand hat sich bewusst dafür entschieden, gläubig oder ungläubig zu sein. Vielmehr ist sein Glauben oder Nicht-Glauben das Resultat vieler Umstände und Verkettungen. Will man den Glauben oder Unglauben eines Menschen verstehen, muss man auf seine Lebensgeschichte hören. Trotz aller individueller Verschiedenheit lassen sich fünf Grundkategorien bestimmen, die es Menschen schwer, wenn nicht sogar unmöglich machen, an Gott zu glauben.

1. Ein einstöckiges Weltbild

Manche Menschen haben ein naturalistisches Weltbild verinnerlicht, das eine Existenz Gottes von vornherein ausschließt, weil in ihren Augen nur die materielle Welt real ist. Ihr Wirklichkeitsverständnis ist auf das reduziert, was man messen und nachweisen kann. »Ich glaube nur, was ich sehe«, lautet ihr Glaubensbekenntnis in verkürzter Form. Man ist stolz darauf, an die Naturwissenschaften zu glauben. Die Welt ist ein geschlossenes System von Ursache und Wirkung. Alles läuft nach strengen Kausalzusammenhängen ab. Jedes Phänomen hat eine innerweltliche Ursache, für die es eine wissenschaftliche Erklärung geben muss. Die Wirklichkeit ist eindimensional. Nur die sichtbare Realität wird akzeptiert. Was man nicht messen und beweisen kann, existiert nicht. Es gibt keine geistliche Wirklichkeit, keine unsterbliche Seele, keine Möglichkeit eines Lebens nach dem Tod, keinen Himmel, keine Hölle, keine Engel, keinen Gott. Der Mensch bildet sich eine spirituelle Welt nur ein. Auch Gott ist nur eine menschliche Idee. Der Homo sapiens ist kein Geschöpf Gottes, sondern schuf vielmehr selbst Gott nach seinen Vorstellungen und Bedürfnissen. »No heaven, no hell – just science« (»Kein Himmel, keine Hölle – allein Wissenschaft«) – so fasste das amerikanische Magazin Wired dieses Weltbild zusammen. Das materialistische Weltbild hindert Menschen daran, über Gott und alles Geistliche überhaupt ernsthaft nachzudenken. Menschen, die in diesem Weltbild leben, finden nur schwer Zugang zum Glauben.

2. Der schweigende Gott

Andere können nicht glauben, weil die Erfahrung der Abwesenheit und des Schweigens Gottes in ihren Augen keine andere Schlussfolgerung zulässt. Ein Polizist sagte einmal zu mir: »Ich habe oft zu dem da oben gebetet, aber da hat keiner gehört und keiner geholfen. Ich denke, da ist niemand. Daher bin ich Atheist.« Sätze wie »Wo ist Gott in der und der Situation gewesen? Ich habe gebetet, aber nichts ist geschehen« werden häufig laut in dieser Welt. Richard Dawkins, die aggressive Stimme des Neuen Atheismus, wurde einmal gefragt, was er Gott sagen würde, wenn er doch mal wider alle Erwartung mit ihm konfrontiert würde. Seine Antwort: »Warum hast du so viel Anstrengungen unternommen, um dich zu verstecken?« Ich finde die Antwort grandios. Sie artikuliert ein Problem, das nicht nur der Atheist Dawkins hat. Es ist auch das Problem eines jeden, der an Gott glaubt und sich danach sehnt, dass viele Menschen seine Liebe erfahren. Warum offenbart Gott seine Realität nicht stärker in dieser Welt? Viele Menschen haben das Gefühl, dass Gott abwesend ist, und ziehen daraus den Schluss, es könne ihn auch nicht geben. Die Frage ist nur, ob diese Schlussfolgerung richtig ist. Immerhin besteht folgende Möglichkeit: Wir Menschen sind so sehr verschlossen und in uns verkrümmt, dass wir von Gottes Realität nichts mitbekommen können; wir haben uns so sehr von Gott entfremdet, dass wir für sein Wirken und Handeln blind und taub sind.

3. Leid, Leid, unermessliches Leid!

Auch die Erfahrung persönlichen Leids lässt Menschen zu dem Schluss kommen, es gibt Gott nicht. Denn wenn Gott existieren würde, dann hätte er meine schreckliche Leidensgeschichte nicht zugelassen. Schon der Dichter Georg Büchner (1813 – 1837) rief aus: »Warum leide ich? Das ist der Fels des Atheismus.«6 In der Tat machen viele Menschen Fürchterliches durch, und sie fragen sich, wie Gott das zulassen kann. Daneben gibt es Menschen, die mehr an fremder als an eigener Not leiden. Das Leid anderer ist für sie noch schwerer zu ertragen. Sie sagen: Gott und Leid, das passt nicht zusammen. Wenn es einen Gott gäbe, würde er es verhindern. Statt die Spuren Gottes in dieser Welt wahrnehmen zu können, sehen diese Menschen überall die Zeichen seiner Nichtexistenz: schreiende Ungerechtigkeit, Kriege, Hunger, Krankheit.

Die Geschichte dieser Welt ist gezeichnet von Blut, Schweiß, Tränen, Elend, Jammer, Gewalt und Verbrechen. Ich verstehe jene, die angesichts dieser Wirklichkeit nicht glauben können. Einige Theologen der 60er-Jahre hielten den Glauben an Gott nach Auschwitz nicht mehr für möglich. Doch der atheistische Fundamentalismus des beginnenden 21. Jahrhunderts macht den Glauben an Gott pauschal verantwortlich für alles Unrecht dieser Welt, vom 11. September, dem islamistischen Terror, bis hin zur Judenverfolgung.

4. Die Freiheit des Menschen

Der Glaube an Gott steht im Widerspruch zu einem emanzipatorischen, selbstbestimmten Leben. Wenn Glaube heißt, sein Leben nach einem Gott auszurichten, dann bedeutet Religion die totale Entmündigung des Menschen. Wir wollen uns selbst entwerfen, wir sind unser eigenes Planungsbüro, und jedes Lebenskonzept, das nach Fremdbestimmung riecht, finden wir suspekt. Wir wollen vernünftig und freiheitlich entscheiden und uns nicht reinreden lassen, wie wir besser leben sollten. Ein selbstbestimmtes Leben und die Forderungen einer Religion halten wir für unvereinbar. Ein Gott, der radikale Nächsten- und Feindesliebe fordert, der Hass und Habsucht verbietet, der Opfer und Gehorsam verlangt, der Sorgen für Symptome des Unglaubens hält und Vertrauen möchte, ist ein Angriff auf unsere Freiheit. »Ich bin weder Herr noch Knecht, ich bin meine Freiheit! Kaum hast du mich erschaffen, so habe ich auch schon aufgehört, dein eigen zu sein … Ich werde nicht unter dein Gesetz zurückkehren: ich bin dazu verurteilt, kein anderes Gesetz zu haben als mein eigenes«, formuliert Jean Paul Sartre im Drama Die Fliegen seine Ablehnung gegen jede Form von Religion.7 Religion, die unser Leben bestimmt, ist unzumutbar. Man ist Atheist im Namen der Freiheit. Sie spricht: »Ich will mein Leben leben. Ich will für mich und meine Interessen leben. Ich will selbstbestimmt leben und niemand soll mir reinreden, auch kein Gott.«

5. Kirche zwischen Verbrechertum und Langeweile

Wenn man sich die Kirche und ihre Geschichte anschaut, ist man geneigt, zum Atheisten zu werden. In der Vergangenheit wurden im Namen der Kirche und des Christentums viele Verbrechen begangen. Ich kann nachvollziehen, wenn Leute sagen: »Angesichts der himmelschreienden Verfehlungen der Kirche kann ich an keinen Gott glauben.«

Auch die heutige Kirche ist trotz ihres Umdenkens und ihrer radikalen Neuausrichtung für einige Menschen eher ein Hinweis gegen die Existenz Gottes. Auf sie wirkt diese alte Institution wie ein Handschuh ohne Hand. Sie sehen lediglich die Hülle: Prachtbauten, Musik, Predigten, karitative Einrichtungen. Aber sie vermissen die Kraft und das pulsierende Leben. Es stellt sich indes die Frage, inwiefern die negative Vergangenheit der Kirche oder ihr unattraktives Erscheinungsbild in der Gegenwart wirklich Argumente gegen Gott sind?

Glaube ist möglich

1999 habe ich zusammen mit einer Handvoll junger Leute im Osten Berlins eine evangelische Gemeinde gegründet, die Junge Kirche Berlin. Ich war als Pfarrer nach Berlin gerufen worden, um in »der atheistischsten Gegend der Welt«, wie dieses Plattenbaugebiet Hellersdorf genannt wurde, eine neue Gemeinde für die vielen Menschen zu beginnen, die sich meistens als Atheisten verstehen. Unser kleines Gemeindegründungsteam bestand aus einigen hoch motivierten jungen Leuten und aus meiner Pfarrerfamilie. Die meisten waren Studenten mit einer missionarischen Berufung. Sie waren in den 90er-Jahren in Sonneberg/Thüringen, wo ich eine Kirchengemeinde gestartet hatte, Christen geworden. Sie zogen mit uns nach Berlin. Es war eine Mischung aus Glauben, christlichem Pioniergeist, Missionsromantik und Abenteuerlust, was uns antrieb. Raus aus dem beschaulichen Sonneberg ins turbulente Berlin, wohnen in unmittelbarer Nachbarschaft, sich treffen zum Beten, Essen, Musizieren und zu wohltuender Gemeinschaft. In den Herzen eine Leidenschaft: Wir wollten Menschen, die nicht an Gott glauben und in keine Kirche gehen, für Gott und seine Kirche gewinnen. Es war auch eine schwierige Zeit. Wir kannten niemanden. Die Leute waren so anders als in Thüringen. Und die Gegend: öde Plattenbauten. Alles war so »ostig«. Der depressive »Charme« der untergegangenen DDR hing wie eine dunkle Wolke über den Menschen. Und hier sollten wir diese Herausforderung anpacken: eine Jugendkirche für Menschen, die sich null für das Christentum interessieren. Würde es funktionieren? War das hier ein dynamischer Anfang oder war ich hier als Pfarrer auf ein totes Gleis geraten? Endstation? Oft dachten wir sehnsüchtig zurück an unsere Gemeinde und Jugendarbeit in Sonneberg: Gottesdienste und Glaubenskurse rappelvoll mit Menschen, die nach Gott fragen. Jugendabende, die aus allen Nähten platzten, weil so viele Teenager da waren, die laut und begeistert das Evangelium feierten. Und das hatten wir zurückgelassen! Ein Fehler? Wir taten vielen Berlinern leid, die von unserer Mission erfuhren. »Da habt ihr euch aber eine schwere Aufgabe gesucht. Atheisten, die Christen werden sollen? Das funktioniert nicht.« Pfarrer aus den Kirchengemeinden und aus der Berliner Stadtmission versicherten uns immer wieder: »Mission im Osten, das geht nicht. Da beißt ihr euch die Zähne aus.« Wir hörten, dass in Berlin-Hellersdorf – von Missionsexperten gern »Friedhof der Missionare« genannt – zig missionarische Projekte gescheitert waren. Wow, was für Aussichten! Gegen alle negativen Erwartungen wuchs unsere Gemeinde besonders in der Anfangszeit ziemlich schnell. Der unglaubliche Erfolg hatte mehrere Gründe.

Erstens: Eine Gemeinde wächst mit der Anzahl der Multiplikatoren (das alte Wort heißt »Jünger«). Unser Anfangsteam bestand aus einer Handvoll Multiplikatoren, wunderbare Menschen, die wissen, wie man betet, wie man die Probleme des Lebens aus der Kraft des Glaubens anpackt, wie man die gute Nachricht kommuniziert und wie man Menschen an den Glauben heranführt. Wir waren bereit, unser Leben in andere zu investieren. Wir wohnten mit den Menschen, die wir auf dem Herzen hatten, Tür an Tür.

Zweitens: Wir hatten das richtige Gespür für die Kultur der Menschen, was sie umtreibt, welche Fragen und Ängste sie bewegen.

Drittens: Wir vertrauten auf die Kraft des Gebets und darauf, dass wir das Evangelium von der Liebe Gottes kulturrelevant, cool und lebendig in die Welt der Menschen kommunizieren können. Viele junge Menschen, meist aus einem atheistischen, zumindest unkirchlichen Hintergrund, kamen zum Glauben. Wir waren damals durch die positiven Erfahrungen aus der Sonneberger Zeit recht optimistisch, eine geistliche Bewegung zu entfachen und eine gesellschaftsrelevante Jugendkirche zu initiieren, die den Glauben an Jesus in die Schulen und Klubs, in Kirche und Gesellschaft bringt. Wir wollten einen Mentalitätswandel, dass Glaube und Kirche nicht mehr belächelt und verachtet werden, sondern als lebenswerte Alternative in den Gesichtskreis der jungen Menschen treten. Dass viele Menschen aus Gleichgültigkeit und Atheismus den Weg zum Glauben fanden, nahmen wir nicht als Selbstverständlichkeit, sondern als Wunder Gottes, zumal der Spirit der Stadt Berlin eigentlich unseren Bemühungen entgegenstand. Christsein ist in diesem Milieu einfach irrelevant und uncool.

»Was ist das Geheimnis Ihrer Arbeit?«, wurde ich einmal von einem Journalisten gefragt. Dahinter verbarg sich die Frage nach einem genialen Trick, der aus jungen, intelligenten Skeptikern Gläubige macht. Doch es gibt keinen Trick, keine Methode, nicht einmal eine besonders raffinierte Theologie. Dahinter steckt Gott selbst. Es ist seine sehnsuchtsvolle Liebe, der Menschen begegnen und auf die sie antworten. Aber wie begegnet den Menschen die suchende Liebe Gottes?

Stationen auf dem Weg zum Glauben

Die meisten Ex-Atheisten in der Jungen Kirche Berlin haben auf ihrem Weg zu Gott drei Phasen durchschritten:

Erste Begegnungen

Oft steht am Anfang einer Glaubensgeschichte eine Begegnung mit einem Menschen, der seinen Glauben überzeugend lebt. Die meisten Menschen, die aus religiöser Gleichgültigkeit zum Glauben an Gott fanden, hätten sich noch drei Jahre zuvor als Atheisten oder »Heiden« bezeichnet. Die Welt des Glaubens war ihnen denkbar fremd, und sie hätten sich nie vorstellen können, jemals einen Zugang zum Christsein zu finden. Aber dann lernten sie Christen kennen, die ihnen glaubwürdig von ihren Erfahrungen mit Gott berichteten. Oft waren es Freunde oder Familienmitglieder, manchmal die eigenen Kinder, die den Weg zu Christus gefunden hatten.

Wenn Atheisten merken, wie sich das Leben gläubiger Freunde und Verwandter positiv verändert, bedeutet das eine ungeheure Herausforderung für sie: etwa wenn Ehen und Beziehungen wieder heil, wenn zerstörerische Süchte überwunden werden, oder wenn Menschen ihr Leben in Ordnung bringen und aufhören zu stehlen oder zu lügen. Atheisten, die Zeugen solch radikaler Veränderungen werden, suchen nach einer Erklärung. Ein Gott, der die Realität positiv verändert, passt nicht in ihr Denken. Weshalb sie meistens versuchen, das, was sie sehen, ohne Gottes Wirken zu erklären. Bei einigen aber wird die Frage nach Gott geweckt. Sie entdecken auf der Suche nach einer Erklärung, dass der christliche Glaube mehr ist als ein moralischer Impuls.

Auf der Suche

Ist die Neugier geweckt, fangen Menschen an, sich ernsthaft mit dem christlichen Glauben auseinanderzusetzen, um herauszufinden, ob da wirklich etwas dran ist. Sie beschäftigen Fragen über Fragen: »Wie hast du zum Glauben gefunden? Was ist mit den Zweifeln? Hat sich etwas in deinem Leben geändert, seit du Christ geworden bist? Wer ist Jesus? Wie passen Glaube und Naturwissenschaft zusammen? Gibt es ein Leben nach dem Tod? Warum sollte sich Gott für mich interessieren?«

Menschen beginnen, sich für den Glauben zu interessieren. Sie lesen Bücher, versuchen zu beten und zu meditieren, besuchen Gottesdienste und Glaubenskurse. Sie fragen Christen nach ihren Erfahrungen. Sie wollen wissen, wie das Christsein »funktioniert«. Irgendwann entdecken sie, dass die Geschichte von Jesus kein alter Hut ist, sondern etwas mit ihrem Leben zu tun hat.

Vertrauen lernen

Schritt für Schritt erschließt sich ihnen die große und fremde Welt des Glaubens und sie entdecken ihre Schönheit. Menschen ohne kirchlichen Hintergrund öffnen ihr Herz und beginnen, Gott zu vertrauen, dass es ihn gibt und dass er vertrauenswürdig ist. Es ist der Beginn einer Beziehung zu Gott. So unterschiedlich wie Menschen sind, so verschieden können auch die Zugangswege zur Welt des Glaubens sein. Manche entdecken auf der Suche nach dem Sinn des Lebens den Glauben als Sinngenerator. Andere finden den Zugang vor allem durch Gebet und Meditation. Sie erleben, dass sie den Anschluss an den Urquell von Freude, Liebe und Ermutigung gefunden haben. Nicht wenige wissen gar nicht, wann und wodurch sie gläubig geworden sind. Sie haben einfach Zeit und Leben, ihre Hoffnungen und Sorgen mit anderen Christen geteilt, mit ihnen gefeiert, gebetet und gesungen und nächtelang über Gott und die Welt diskutiert. Immer wieder begegnen mir Menschen, die den Glauben entdeckt haben, weil sie sich mit ihm ernsthaft auseinandersetzten. Sie begannen, sich mit spirituellen Dingen zu beschäftigen, Gottesdienste zu besuchen, geistliche Bücher zu lesen. Auch das Engagement für die Armen dieser Welt, Flüchtlinge, Verfolgte, Obdachlose, Kranke kann zu einer Erfahrung des Glaubens werden, denn Christus begegnet uns oft durch die Armen und Verachteten dieser Welt.

Das kann ich mir nicht vorstellen

Was Sie soeben gelesen haben, wirft vermutlich mehr Fragen auf als beantwortet werden. Doch ich bitte Sie um Geduld. Vielleicht erscheint Ihnen alles Reden von Gotteserfahrungen höchst suspekt, und Sie sagen: »Das kann ich mir nicht vorstellen.«

Diesen Satz hört man oft, wenn die Rede auf spirituelle Themen und Phänomene kommt. Er zeigt an, dass der Sprecher meistens so radikal und ausschließlich diesseitsorientiert ist, dass es ihm nicht möglich ist, Religiöses auch nur zu denken. Er verfügt über keinerlei Begriffe, Bilder, Vorstellungen, Denkmuster für das, was Theologie und Philosophie mit Worten wie »Transzendenz«, »Metaphysik«, »spirituelle Welt« umschreiben. Das Diesseits ist wie eine naturalistische Box. Dass außerhalb der Box noch etwas sein soll, ist undenkbar. Atheismus bedeutet, dass man mit seinem gesamten Denken innerhalb der Box ist. Die Box ist absolut alles.

Ein in sich stimmiges Weltbild

Menschen, die in dieser radikalen Diesseitigkeit denken und leben, haben ein wasserfestes Weltbild, das nur sehr schwer zu erschüttern ist. Es ist so, als ob sie gegen alles Religiöse immunisiert wären. Das Christentum perlt von ihnen ab wie Wasser von einem Ostfriesennerz. Dieses säkulare Weltbild ist in sich stimmig und besitzt wegen seiner Einfachheit und Nachvollziehbarkeit große Attraktivität besonders für Menschen, die sich nach einem übersichtlichen Wirklichkeitsverständnis sehnen. Es ist zu vergleichen mit dem alten Weltbild der Newton’schen Physik, in dem die Welt eine Maschine ist, die streng deterministisch nach ewig gültigen Gesetzen wie eine riesige Uhr läuft. Der Newton’sche Kosmos ist klar, logisch, verständlich, nachvollziehbar. Dieses Weltbild entspricht mit seinen eingängigen, alltagsrelevanten Formeln viel mehr der alltäglichen Welterfahrung als das komplexe Weltbild der modernen Physik. Als Max Planck 1900 seine Quantentheorie und Albert Einstein 1905 seine spezielle Relativitätstheorie vorstellte, bedeutete dies eine Revolution des Denkens, die das Ende des schönen, übersichtlichen Weltbildes der klassischen Physik einleitete. Alles, was für immer klar zu sein schien, löste sich auf in eine völlig neue Weltsicht. Die Bausteine der Welt, Materie, Energie, Raum, Zeit – alles wurde neu definiert. Das alte naturwissenschaftliche Weltbild mit seinen deterministischen Gesetzen, die ohne Ausnahme immer gelten, wurde abgelöst von einer sehr komplexen, vieldimensionalen Schau der Wirklichkeit, die auf einmal voller Widersprüche, Anomalien, Rätsel, sich der irdischen Logik widersetzender Paradoxa war.