Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
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© 2020 Michael Siegmund
Bilder/Zeichnungen: Alexandra Heberling-Hofmeister
Coverbild: lizensiert von Ingram Image/adpic
Herstellung und Verlag: BoD – Books on Demand GmbH, Norderstedt
ISBN: 978-3-7519-7506-3
Das Philosophieren mit Kindern erfreut sich immer größerer Beliebtheit. Noch vor ein paar Jahrzehnten war das Philosophieren mit Kindern und Jugendlichen als eigenständiges Thema fast unbekannt. (Natürlich philosophierten immer schon Kinder und Erwachsene gemeinsam – z.B. immer dann, wenn Kinder Fragen stellten wie „Warum bin ich hier?“ oder „Gibt es einen Gott?“) Mittlerweile wollen immer mehr Erwachsene bewusst mit Kindern in der einen oder anderen Weise philosophieren. Philosophieren kann man immer und überall: Eltern können mit Kindern Zuhause über „Gott und die Welt“ philosophieren. Auch in Schulen kann die Bühne zum gemeinsamen Philosophieren geboten werden: etwa im Ethik- oder Religionsunterricht. Ich bin davon überzeugt, dass sich darüber hinaus besonders die Kita perfekt zum Philosophieren mit Kindern eignet. Warum?
Für Kinder im vorschulischen Alter stellt sich die Frage nach der Entdeckung der Welt in besonderer Weise. Täglich erkunden Kinder im Kita-Alter ihre Umwelt. So vieles ist für sie neu und unbekannt. Tag für Tag erschließen sie sich zunehmend die Aspekte der Welt. Erzieher können und sollten Kinder in dieser Erschließung von Welt unterstützen. Das Geniale an einer (guten) Kita ist, dass sie Kindern Raum für individuelle Entdeckungstouren bieten kann. Dafür braucht es Gelegenheiten. Erzieher können Kindern diese Gelegenheiten bieten. Damit fördern sie die Entwicklung von Kindern möglicherweise enorm.
Eine Kita hat zudem den Vorteil, dass sie Menschen zusammenbringt – Kinder wie Erwachsene. Ein Kind ist in der Kita nie allein. Ständig und überall ist es von vielen verschiedenen Kindern und Erwachsenen umgeben. Permanent tauschen sich die Kinder untereinander aus, sprechen, denken nach und lernen sich und die anderen kennen. Die Pluralität der Menschen in der Kita ist ein wichtiger Schatz, den jeder produktiv nutzen kann. Wenn sich in der Kita Menschen mit unterschiedlichen Lebenserfahrungen aus unterschiedlichen sozialen Welten treffen, ist das die beste Gelegenheit, sich auszutauschen.
In der Kita lernen Kinder zudem ihren eigenen Willen kennen. Kinder können sich für oder gegen etwas entscheiden. In der Kita können sie diese Fähigkeiten zum Sich-Entscheiden trainieren. Kinder merken schnell, dass sie nicht immer auf Kosten anderer handeln können – das fängt beim weggenommenen Spielzeugauto an und hört bei Freundschaften mit anderen Kindern auf.
Ich behaupte in diesem Buch, dass das Philosophieren mit Kindern in der Kita all das eben Beschriebene zusammenbringt: Philosophieren bündelt Welt-Entdeckung, gemeinsames Sprechen, Nachdenken und das Sich-Entscheiden.
Das führt zu der Frage: Was ist denn eigentlich Philosophieren mit Kindern in der Kita?
Ich möchte an dieser Stelle bewusst keine Definition liefern, sondern lediglich ein Angebot machen, wie das Philosophieren mit Kindern betrachtet werden könnte:
PHILOSOPHIEREN MIT KINDERN IST EIN OFFEN-DY-NAMISCHER DENK-/SPRECHPROZESS, IN DEM MENSCHEN GEMEINSAM IHRE MÖGLICHKEITEN ERWEITERN KÖNNEN.
Offenheit heißt, dass es kein Ergebnis gibt, das schon vorher feststeht. Philosophieren bedeutet nicht die Weitergabe von Wissensinhalten.
Dynamisch meint, dass sich im Philosophieren Menschen gedanklich bewegen und flexibel sein müssen.
Die Erweiterung von Möglichkeiten bedeutet, dass das Philosophieren viele Fähigkeiten und Kompetenzen trainiert (Einfühlungsvermögen, kognitive Fähigkeiten, Entscheidungsbereitschaft, Rhetorik, Selbsterfahrung u.v.m.)
Ich verwende hier also einen sehr weiten Begriff des Philosophierens. Philosophieren ist alltäglich und kann Kindern und Erwachsenen großen Spaß machen. Philosophieren ist praktisch und hat nichts mit (oft langweiliger) Hochschulphilosophie zu tun. Es geht nicht um die Vermittlung von Philosophie-Geschichte, sondern um das gemeinsame Nachdenken und Sprechen über die Welt.
Philosophieren mit Kindern ist kein Unterricht, keine Belehrung, sondern gemeinsames Nachdenken und Sprechen auf Augenhöhe.
Kinder eignen sich perfekt zum Philosophieren. Das hat viele Gründe: Sie staunen über alles Mögliche und haben eine enorme Neugier: Der kleinste Fussel am Boden kann spannend sein. Für Kinder ist die Welt ein riesiges Abenteuerland. Es gibt so vieles zu entdecken, zu fragen und zu verstehen. Erwachsene tun gut daran, Kinder in dieser Neugier und Fragelust zu unterstützen. Philosophieren ist dabei ein mögliches Werkzeug.
Zudem zweifeln Kinder oft viel häufiger als Erwachsene: Ist das wirklich so oder so? Stimmt das wirklich? Auch hier können Erwachsene den kindlichen Zweifel nutzen, um gemeinsam ins Philosophieren zu kommen.
Ich hoffe, dass Ihnen die eben genannten Gedanken einen kleinen Einstieg ins Thema gegeben haben. Dieses Buch habe ich in erster Linie für Erzieher geschrieben, die in der Kita mit Kindern philosophieren möchten, aber nicht genau wissen, wie das funktionieren kann und was beim Philosophieren möglicherweise zu beachten ist. Besonders wichtig ist mir die Benutzerfreundlichkeit und Praxisorientierung, sodass Sie möglichst viel aus dem Buch für Ihre praktische Tätigkeit im täglichen Umgang mit Kindern verwenden können.
Das Buch ist in vier Teile gegliedert, die unabhängig voneinander gelesen werden können:
Der erste Teil behandelt die Frage: Was ist das Besondere beim Philosophieren mit Kindern in der Kita? Welche Möglichkeiten gibt es? Was ist zu beachten?
Der zweite Teil ist der Methoden-Teil. Er umfasst verschiedene Wege des gemeinsamen Philosophierens.
Im dritten Teil finden Sie viele Themen, mit denen Sie spielend leicht mit Kindern philosophieren können. Zu jedem Thema finden Sie mögliche philosophische Fragen, Tipps und Tricks.
Im vierten Teil sind kleinere Geschichten zum Vorlesen gesammelt. Einige der Geschichten decken sich mit Themen aus dem dritten Teil. Die Geschichten können das gemeinsame Philosophieren optimal einleiten.
Noch einmal: Mir ist es wichtig, dass dieses Buch für Sie vor allem praktisch ist. Es ist, wenn Sie so wollen, ein Philosophie-Supermarkt. Nicht jedes Thema wird Sie oder die Kinder in der Kita gleichermaßen ansprechen. Greifen Sie sich heraus, was Ihnen gefällt und probieren Sie es einfach nach Herzenslust aus. Natürlich können Sie die Themen und Geschichten auch außerhalb der Kita aufgreifen und ausprobieren.
Auf das Thema „Philosophieren mit Kindern“ kam ich zufällig durch mein Studium der „Angewandten Kindheitswissenschaften“. Seit vielen Jahren philosophiere ich nun regelmäßig mit Kindern und Jugendlichen in Kitas und Schulen. Im Laufe der Jahre habe ich einige Spiele erfunden, Themen und Tricks erprobt und Geschichten erzählt, die das Philosophieren einleiten und unterstützen können. Ich habe mit Kindern und Jugendlichen unterschiedlichen Alters philosophiert. (Oder sie haben mit mir philosophiert – je nach Sichtweise.) Mal waren es größere, mal kleinere Gruppen. Es gab auch viele bewegende, tiefschürfende Einzelgespräche über „Gott und die Welt“ oder einfach auch mal ein sehr lustiges „Herumphilosophieren“ über die Krümmung von Bananen oder den Rüssel eines Elefanten. Tiefes und Leichtes, Lustiges und Ernstes liegen beim Philosophieren nah beieinander. Meine gemachten Erfahrungen möchte ich weitergeben – mit wissenschaftlicher Rückendeckung durch sechs Jahre Studium.
Es gibt nicht den einen Weg, wie man mit Kindern „richtig“ philosophiert. Vielmehr müssen Sie Ihren ganz persönlichen Weg finden. In diesem Buch finden Sie Anregungen und Hilfen, die das gemeinsame Philosophieren erleichtern könnten.
Ich möchte Sie unbedingt ermutigen, mit Kindern zu philosophieren. Es macht Spaß, ist leicht und fördert Kinder (in der Kita) in vielerlei Hinsicht. Kinder stecken voller Potenziale und das gemeinsame Philosophieren kann diese Potenziale wunderbar freisetzen.
Viel Freude beim Lesen und Ausprobieren!
Ihr Michael Siegmund
Philosophieren mit Kindern in der Kita? Geht das überhaupt? Was können Sie sich darunter vorstellen?
Ich habe folgende Erfahrung gemacht: Viele Erwachsene, die zum ersten Mal auf das Thema „Philosophieren mit Kindern in der Kita“ stoßen, sind neugierig und skeptisch zugleich. Auf der einen Seite ist die Vorstellung spannend, dass schon kleine Kinder philosophieren können. Auf der anderen Seite schwingt eine gewisse Portion Skepsis mit: Kann ein kleines Kind wirklich schon so philosophieren wie die „Großen“, also Kinder im Grundschulalter, Jugendliche und Erwachsene? Ich sage: Ja und Nein.
Kinder im Kita-Alter lernen die Welt erst kennen. Natürlich konnten sie (noch) nicht so viele Erfahrungen sammeln wie Erwachsene. Kleine Kinder stehen ganz am Anfang ihres Lebens. Vieles können sie noch nicht wissen und vieles müssen sie erst noch trainieren. Aber: Kinder im Kita-Alter stellen Tag für Tag Fragen und erkunden sich und ihre Umwelt. Sie wollen die Welt entdecken. Kinder haben ihre ganz eigene Lebenswelt. Von Anfang an zweifeln und staunen Kinder. Und sie sind neugierig (viel mehr als die meisten Erwachsenen). Das ist der perfekte Nährboden für das gemeinsame Philosophieren. Insofern sind kleine Kinder mit ihrem Wissens- und Forscherdrang, ihrer unbändigen Neugier und ihrer Freude am Neuen sogar „bessere“ Philosophen als die meisten Erwachsenen, für die die Welt langweilig und bekannt erscheint. Beim gemeinsamen Philosophieren mit Kindern in der Kita geht es nicht darum, dass man Kindern erzählt, wer Nietzsche oder Sokrates war. Es geht darum, dass Erwachsene sich Kindern in ihrer Frage-Lust, ihrem Zweifel und Staunen zuwenden und mit ihnen über „Gott und die Welt sprechen“. Ein einfaches Beispiel:
Ein fünfjähriger Junge fragt Sie, warum die Sonne so hell scheint: Sie könnten nun mit einer Standardphrase kommen: „Das ist halt so…“ oder besonders ambitioniert physikalische Zusammenhänge zur Wirkkraft des Lichtes kindgerecht darstellen. Viel einfacher und wirkungsvoller ist es jedoch, wenn Sie das „Warum?“ einfach zurückgeben. Sie fragen dann einfach: „Was glaubst du denn: Warum scheint die Sonne so hell? Was meinst du?“ und „Wie wäre eine Welt, in der die Sonne nicht mehr scheint? Wie würden sich die Menschen dort fühlen?“ oder „Brauchst du zum Glücklichsein die Sonne?“ und „Was brauchst du noch alles, um glücklich zu sein?“
Wenn Sie die Frage zurückgeben und anschließend noch weitere Fragen formulieren, dann können Sie höchst originelle Antworten erhalten. Manche dieser Antworten können eher phantasievoll, andere vielleicht tiefphilosophisch sein. Kinder lieben Gedankenspiele, weil sie ohnehin zweifeln und vieles in Frage stellen. Aus der Ausgangsfrage kann so mitunter ein spannendes philosophisches Abenteuer werden.
Das Prinzip des Fragen-Zurückgebens beschränkt sich nicht auf die Sonne und das Glück, sondern auf jedes mögliche Gebiet. Das müssen nicht offensichtlich philosophische Fragen sein, wie „Gibt es Gott?“ oder „Warum bin ich auf der Welt?“. Das können auch ganz banale, alltägliche Fragen sein. Entscheidend ist, dass Sie als Erwachsener jederzeit kindliche Fragen zurückgeben können, wenn Sie das Gefühl haben, dass sich hieraus ein interessantes Gespräch entwickeln könnte.
Natürlich können Sie auch jederzeit Fragen formulieren. Fragen Sie die Kinder doch einfach mal, ob es Gott gibt, ob Erwachsene oder Kinder mehr Spaß im Leben haben, was Glück oder Liebe ist, warum wir morgens aufwachen, ob es Leben im Weltall gibt. Potenziell gibt es so viele Fragen, die sich zum Philosophieren eignen. Wie gesagt: Es müssen nicht immer offensichtlich philosophische Fragen sein. Die alltäglichsten Fragen können manchmal schon Einstiege ins Philosophieren sein. Es kommt nur darauf an, wie offen Sie für Kinder und ihre Fragen und Gedanken sind. Entscheidend ist dabei Ihre Haltung:
Im Beispiel der hell scheinenden Sonne klang es schon an: Sie können Kinder mit Phrasen „Frag‘ nicht so blöd!“, „Das weiß ich doch nicht!“, „Du stellst vielleicht Fragen…“ antworten oder sich ihnen zuwenden. In Ihrer Haltung Kindern gegenüber entscheidet sich, wie erfolgreich Sie beim Philosophieren sind. Wenn Ihnen das Leben, die Fragen und die Anliegen der Kinder egal sind, dann werden Sie niemals interessante philosophi