Es ist noch gar nicht lange her, da lebte in jedem dunklen Wald eine Horde wilder Räuber. Die grölten und schmatzten, müffelten und rülpsten. Und räuberten natürlich. Darum hießen sie ja Räuber. Sie räuberten alles, was ihnen unter die Räuberfinger kam. Und jeder fürchtete sie. Dabei waren sie gar nicht sooo gefährlich. Die meisten Räuber überfielen bloß die Kutschen von den reichen Leuten und schnappten sich das Gold. Manchmal wollten sie auch nur ihre Hosen.
Es gab riesengroße Räuberbanden. Das waren so viele Räuber, dass sie in ihren Höhlen übereinandergestapelt schliefen! Und es gab ganz winzige Räubergrüppchen. Die passten alle in eine enge Bärenhöhle – mit dem Bären!
Aber das ist nun vorbei.
Heute gibt es keine düsteren Wälder mehr. Die meisten Bäume sind abgeholzt, damit die großen Städte mehr Platz haben. Und durch die wenigen Wälder, die noch übrig sind, haben die Menschen Wege gebaut. Ist dir mal ein Teller heruntergefallen und in viele Scherben zerbrochen? Genau so sehen die Wälder heute aus: zerteilt in lauter kleine Stücke. Ich frage dich: Wo soll sich da noch eine Räuberbande verstecken?
Die meisten Räuber haben darum ihre Siebensachen gepackt und sind in die Stadt gezogen. Man erkennt sie kaum noch. Sie haben ihre Bärte abrasiert und ordentliche Hemden und Hosen angezogen. Sie arbeiten heute bei der Bank oder einer Versicherung. Oder als Ladendetektiv, denn sie kennen ja alle Räubertricks.
Aber jetzt, ganz unter uns, möchte ich dir ein Geheimnis verraten. Ein ziemlich geheimes Geheimnis, das bisher noch niemand kennt:
In dem letzten dunklen Wald, gar nicht weit weg von einer großen Stadt, versteckt sich bis heute eine Horde wilder Räuber. Und zu dieser Räuberhorde gehört der kleine Räuber Rapido.
Du willst wissen, warum ich dir ausgerechnet die Geschichte von Rapido erzähle?
Nun, weil er der Sohn des wildesten Räubers überhaupt ist, dem Räuberhauptmann Rigoros aus der Rrrr-Räuber-Sippe.
Außerdem ist Rapido ziemlich clever. Wahrscheinlich ist er sogar das klügste und pfiffigste Räuberkind, das es jemals gegeben hat. Er ist neugierig und fragt immer nach, wenn er etwas nicht versteht. Und zwar so lange, bis er es versteht. Manchmal wird sein Vater, der wilde Räuberhauptmann Rigoros, ganz rammdösig davon im Kopf. »Zum Hummelfurz noch mal! Woher soll ich denn wissen, warum Wildschweine 44 Zähne haben und du nur 32?«, brüllt er dann so laut, dass die Höhlenwände wackeln.
Dazu kommt, dass Rapido immer sehr gründlich überlegt, bevor er etwas tut.
Das ist auch ein Problem: Räuber denken nämlich nicht nach. Die machen einfach. Rutz-Putz-Räuberschmutz. Da wird nicht lange gefackelt.
»Dieser Junge ist wirklich das unräuberischste Räuberkind, das ich je gesehen habe«, stöhnt Rapidos Vater darum immer, wenn er abends mit der Räuberbande am Lagerfeuer sitzt. »Wie soll aus ihm nur ein richtiger Räuber werden?«
Das denken auch die anderen Räuber – aber es traut sich natürlich niemand zu sagen.
Ja, wahrscheinlich glaubte nicht einmal Störenfried daran, dass aus Rapido jemals ein richtiger Räuber werden würde. Dabei war der sein bester Freund und obendrein ein Waschbär. Und die glauben normal fast alles.
Aber manchmal passieren im Leben ja ganz plötzlich – Rutz-Putz-Räuberschmutz – merkwürdige Dinge. Und alles kommt ganz anders, als man denkt. Genau davon will ich dir jetzt erzählen.
Unsere Geschichte beginnt an einem Montag. Oder war es ein Mittwoch? Egal, Räuber interessieren sich nicht für Wochentage. Aber ich weiß genau, dass an diesem Morgen eine Schüssel mit Waldbeeren und ein Teller voller Wildschweineschwarte auf dem Tisch standen. Daneben lagen drei verkohlte Brötchen. So mochte sie Rapidos Vater am liebsten: ordentlich verbrannt, dass einem beinahe die Zähne drin stecken blieben.
»Rapido«, schmatzte Rigoros mit vollen Backen. »So geht das nicht weiter.«
»Was?«, fragte Rapido und schaute aus seinem Buch über einen Detektiv namens Sherlock Holmes auf.
»Das!«, stöhnte Rigoros. »Du fragst zu viel. Du liest zu viel. Du … du benimmst dich gar nicht wie ein richtiger Räuber!«
»Wie meinst du das?«
»Oooooooh!«, grölte Rigoros, sodass die Höhlenwände wackelten. »Wann hast du das letzte Mal ordentlich gerülpst? Oder einen richtigen Kanonenkracher-Pups losgelassen?«
»Hmm«, machte Rapido und überlegte.
»Siehst du!«, grunzte Rigoros. »Du musst schon nachdenken. Du schmatzt ja nicht mal! Guck doch mal, wie ordentlich dein Platz aussieht! Kein Dreck auf dem Tisch, kein Saft auf dem Boden. Du hast dir sogar die Hände gewaschen. Pfui!« Rigoros sprang auf und haute mit der Faust auf den Tisch. »So wirst du nie ein richtiger Räuber. Und erst recht kein Räuberhauptmann – wie ich und dein Opa und dein Uropa und alle Rrrr-Räuber davor!« Damit stapfte er wütend aus der Höhle.
Rapido sah seinem Vater traurig nach. Dann sagte er leise: »Aber ich gebe mir doch so eine Mühe.«
»Das ist wahrscheinlich das Problem!«, zischelte es aus einer dunklen Höhlenecke, und Störenfried, der kleine Waschbär, sprang auf den Tisch.
»Wie meinst du das?«, fragte Rapido.
Störenfried schnappte sich eine Waldbeere. »Na, Räuber geben sich keine Mühe. Ein richtig guter Räuber …«
»… hat schmutzige Hosen, ungekämmte Haare und meistens schlechte Laune«, fiel Rapido ihm ins Wort. »Ein guter Räuber kommt morgens nicht aus dem Bett – und abends nicht ins Bett. Er kleckert, popelt, kokelt und ist rücksichtslos. Er guckt nicht rechts und links, wenn er einen Waldweg überquert, und sagt auf gar keinen Fall ›Danke‹. Echte Räuber brüllen ›Platz da!‹ oder ›Her damit!‹.«
Störenfried verdrehte die Augen. »Hast du das etwa auswendig gelernt?«
Rapido nickte eifrig. »Ja, das war Hausaufgabe in der Räuberschule.«
»Oooooh, nein«, stöhnte Störenfried. »Räuber machen doch keine Hausaufgaben!«
»Aber warum gibt der Lehrer sie dann auf?«, fragte Rapido.
»Natürlich, damit man sie NICHT macht!« Störenfried stöhnte noch lauter. »Ich fürchte, es wird wirklich sehr, sehr schwer, aus dir einen richtigen Räuber zu machen.«
Rapido guckte schnell nach unten, in die Schüssel mit den Waldbeeren. Er spürte nämlich, wie ihm eine dicke Träne in sein rechtes Auge stieg. Er presste mit aller Kraft dagegen an, doch das doofe Ding wollte einfach nicht verschwinden. Und jetzt wurde auch noch sein linkes Auge so komisch feucht! Nein, nein, nein, dachte Rapido. Er konnte jetzt nicht weinen! Echte Räuber heulen nämlich nicht. Nie – nie – niemals! Wenn ein Räuberkind über eine Baumwurzel stolpert und sich das Knie aufschlägt, dann bekommt es einen Tobsuchtsanfall und wirft Steine. Aber es heult nicht! So unauffällig wie möglich wischte Rapido sich über das Gesicht. Dann murmelte er trotzig: »Wahrscheinlich werde ich nie ein anständiger Räuber.«
»Runkel-Rüben-Quatsch!« Störenfried winkte ab. »Natürlich wird aus dir ein anständiger Räuber. Es dauert … vielleicht nur ein bisschen länger.«
»Wie lange?«, fragte Rapido.