Über dieses Buch:
Eine Mordserie erschüttert Hamburg: Drei Leichen werden entdeckt – jede wurde schrecklich verstümmelt, jeder wurde ein Kreuzzeichen in die Stirn geschnitten. Die Ermittler stehen unter dem starken Druck der Öffentlichkeit, und Sven Diekmann, der Leiter der Mordkommission, bittet Polizeipsychologin Johanna Jensen um Unterstützung. Schon bald muss sie ihre Kräfte mit dem gefährlichen Killer messen – er ist ihr näher, als sie ahnt.
Über die Autorin:
Nicole Drawer (1965–2019) begann gleich nach dem Schulabschluss ihre Karriere bei der Polizei Hamburg. Sie war viele Jahre als verdeckte Ermittlerin tätig und absolvierte von 1993 bis 2000 ein Studium der Kriminalistik und Psychologie. In dieser Zeit setzte sie sich intensiv mit der Psyche von Serienmördern auseinander. Später wechselte sie zum Landeskriminalamt Hamburg und war viele Jahre als Kriminaloberkommissarin tätig.
Bei dotbooks veröfffentlichte sie auch ihren Kriminalroman Allein mit deinem Mörder sowie Todesart: Nicht natürlich. Mit modernster Technik dem Täter auf der Spur und Todesart: Nicht natürlich. Ungeklärte Todesfälle auf dem Seziertisch.
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Neuausgabe September 2014
Copyright © der Originalausgabe 2005 by Knaur Taschenbuch. Ein Unternehmen der Droemerschen Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf. GmbH & Co. KG, München
Copyright © der Neuausgabe 2014 dotbooks GmbH, München
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.
Titelbildgestaltung: Atelier Nele Schütz, München
Titelbildabbildung: © ThinkStock - getty images - Alena Root
ISBN 978-3-95520-791-5
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Nicole Drawer
Das Zeichen auf der Stirn
Kriminalroman
dotbooks.
Für meine Mausebacke C. K.
Ohne dich läuft gar nichts.
Spätsommer 1992
Jetzt, da er vor ihm stand, konnte er den Hauch der Reinheit erkennen, die ihn vorher so berührt hatte.
Der blasse Junge neigte den Kopf ein wenig zur Seite, als wolle er die Perspektive verändern. Das Bild, das sich ihm bot, stellte ihn offenbar zufrieden, denn ein leichtes Lächeln machte sich auf seinem Gesicht breit, auch wenn die Enttäuschung in seinem Inneren noch immer wütete.
Er wollte trotz allem nicht glauben, dass seine Mutter Recht behalten sollte.
Nicht alle waren schlecht. Na ja, der hier vielleicht schon, zumindest war er nicht das, was seine Mutter eine »reine Seele« genannt hätte.
Er fragte sich, wie ein Mensch, der nicht reinen Herzens war, so arglos sein konnte. Er sah an sich herab und bemerkte die Blutflecken auf seinen Jeans und dem T-Shirt. Das Messgewand hatte er wohlweislich ausgezogen. Abgesehen davon war es viel zu heiß gewesen. Der Sommer bäumte sich noch einmal auf, und während es die letzten Wochen schon ein wenig kühler geworden war, brannte die Sonne heute wieder erbarmungslos vom Himmel. Er hatte es als Zeichen gedeutet.
Pater Stelling war nicht argwöhnisch gewesen, als er schüchtern an seine Tür geklopft und der Geistliche ihn hereingebeten hatte. Er hatte sich sogar nur flüchtig nach ihm umgeschaut und dann weiter in den Unterlagen auf seinem Schreibtisch gewühlt. Artig war er in der Tür stehen geblieben, er wollte dem Priester von Angesicht zu Angesicht gegenübertreten, ihm in die Augen blicken, sein falsches Lächeln in sich aufnehmen. Schließlich drehte sich der Pater um und kam freundlich auf ihn zu. Ob er ihm helfen könne, ob er ein Problem habe. Er legte ihm eine Hand auf die Schulter und wies ihm einen Platz auf dem Sofa zu. Die Worte aus dem Mund des Mannes, den er so sehr geliebt hatte, nahm er nur noch wie aus weiter Ferne wahr. Die Berührung jedoch brannte fast wie Feuer durch den Stoff auf seiner Haut. Es war, als sähe er einen Film, bei dem der Ton abgeschaltet war. Mechanisch antwortete er. Ja, er könne vielleicht helfen, aber nein, er habe kein Problem. Irgendetwas von Reinheit faselte er, von Wahrheit und Vergebung. Das Herablassende in dem Blick des älteren Mannes nahm er in jenem Moment zum ersten Mal wahr. Ob er um Vergebung nachsuche, fragte der Geistliche, ob er beichten wolle.
Nein, nicht beichten, wissen wolle er. Das Wissen um die Macht der Liebe, so wie seine Mutter es ihm immer erzählt hatte. Ob es so etwas gebe.
Gott liebt dich, lautete die Antwort. Er liebt alle seine Kinder, auch wenn sie nicht vollkommen und frei von Sünden sind.
Pater Stelling erzählte ihm von Jesus und wie er am Kreuz gestorben war. Wie er trotz aller Qualen um Vergebung für die Menschen gefleht hatte. Der alte Mann schilderte wohl zum hundertsten Male die Geschichte von Noah, wie er getanzt hatte, obwohl Gott ihn und damit die ganze Menschheit, ja sogar alles Leben, dem Untergang geweiht hatte. Noahs Liebe zu Gott habe nicht nachgelassen. Er habe sein Schicksal angenommen, wie Gott es erdacht hatte. Aber es sei die Liebe zu ihm gewesen, die Gott schließlich umstimmte und durch die Noah eine zweite Chance bekam.
Das sei die Macht der Liebe.
Das Herablassende war aus den Augen gewichen und machte Nachsicht Platz. Er konnte kaum atmen, so sehr traf ihn diese Verlogenheit. Schreien wollte er. Nicht Mitleid oder Nachsicht will ich, sondern Liebe suche ich. Von dir, Vater. Aber der Priester wandte sich ab und schlug vor zu beten. Er sank vor dem kleinen Altar in der Ecke des Zimmers auf die Knie und forderte ihn auf, ebenfalls niederzuknien und gemeinsam ein Gebet zu sprechen. Alle Trauer fiel von dem mageren, blassen Jungen ab, und die eisige Kälte, die er schon so oft verspürt hatte, breitete sich langsam in seinem Körper aus. Er hatte keine Angst mehr, es zu tun, es musste sein. Langsam stand er auf und nahm den schweren silbernen Kerzenleuchter, der auf einem kleinen Tischchen stand, an sich. Dann trat er wie in Zeitlupe auf den mit dem Rücken zu ihm knienden Mann zu und streckte den Arm aus. Die Augen geschlossen, das Vaterunser auf den Lippen, umfasste er den Kerzenhalter mit beiden Händen und hob ihn hoch in die Luft, nur um ihn einen Moment später mit aller Kraft auf den Kopf des wehrlosen Mannes vor ihm niedersausen zu lassen.
Vater unser, der du bist im Himmel,
Er vernahm ein leichtes Knacken, wie von einem dürren Zweig.
Dein Reich komme, dein Wille geschehe,
Etwas, das wie ein leichtes Seufzen klang, entwich den Lippen des Mannes, und der Geistliche sank zur Seite.
Unser tägliches Brot gib uns heute,
Mit einem trockenen Aufschluchzen ließ sich der Junge auf die Knie fallen, die Hände noch immer fest um die Waffe geschlossen.
Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.
Nach einiger Zeit richtete er sich auf und betrachtete die reglose Gestalt vor sich. Die Augen des Toten standen offen, und für einen Moment schien es, als sähe ihm der Priester direkt ins Herz. Aber er war zweifellos tot. Dennoch hielt der Junge den Blick starr auf die Brust seines Opfers gerichtet, bis er sicher war, dass sie sich nicht mehr hob und senkte.
Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.
Nur mühsam richtete er sich auf, die Beine bleischwer, und versuchte die Leiche an den Armen in die Mitte des Raumes zu ziehen. Es war schweißtreibend, aber schließlich befand sich der Priester da, wo er ihn haben wollte. Er legte ihn gerade auf den Rücken und schloss ihm vorsichtig mit der flachen Hand die starren Augen. Dann nahm er das mitgebrachte Messer aus der Tasche und schnitt ihm die Kehle durch. Die Arme ausgebreitet, die Füße eng zusammengeschoben, ließ er den Mann schließlich zurück. Er trat einen Schritt zurück und sank erneut auf die Knie. Ein tiefer Friede erfüllte ihn. Friede und Erleichterung. Die gerechte Strafe der Sünder, der Heuchler, der Lügner.
Ein letztes Mal bekreuzigte er sich und stand auf. Er nahm das Messgewand, das er beim Eintreten auf einen kleinen Stuhl gelegt hatte, und verließ das stille Pfarrhaus.
Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.
Tief in Gedanken versunken stand Sven Diekmann vor dem Bett. Vor ihm auf der blutgetränkten Matratze ruhte eine Frau mit wie im Gebet gefalteten Händen. Ihr magerer, fast ausgemergelter Körper lag mit züchtig geschlossenen Beinen lang hingestreckt da. Die dünnen mausbraunen Haare klebten ihr am Kopf, ihre Augen waren geschlossen.
Eine fast feierlich künstlerische, ästhetische Szene, als wolle ein Maler die Schönheit, die Natürlichkeit des nackten menschlichen Körpers hervorheben, ohne obszön zu werden. Das fahle Nachmittagslicht, durchsetzt mit vereinzelten Sonnenstrahlen, das durch die Jalousien fiel und den Staub in der Luft tanzen ließ, tat sein Übriges, um diese Ursprünglichkeit zu zeigen, und zwar fernab aller Illusionen.
Wäre nicht diese mittlerweile getrocknete Blutlache, in der die tote Frau lag, so hätte sich jeder Betrachter eine eigene Meinung über Schönheit und Ästhetik der Szene bilden können.
Aus der Nähe wirkte ihr Gesicht noch immer wie in Todesangst verzerrt. Die wächserne Blässe war alles andere als natürlich. Die Brüste der Toten waren abgeschnitten und rechts und links neben dem Leichnam drapiert worden.
Die Kehle wies eine klaffende Wunde auf, die aufgrund der Tiefe des geführten Schnittes einer Enthauptung gleichkam. »Fiese Schweinerei, nicht, Chef?«
Die Stimme seines jüngsten Mitarbeiters rief den Leiter der Mordkommission aus seinen Gedanken zurück. Langsam wandte Sven Diekmann sich zu dem jungen Kollegen um. Im Allgemeinen lehnte er es ab, sich auf die Vorgesetztenebene zu begeben. Er betrachtete die Beamten in seiner Dienststelle lieber als Mitarbeiter und Kollegen, nicht als Untergebene. Das Gesicht des jungen Mannes neben ihm wirkte unnatürlich bleich unter den rotblonden Haaren, und auch wenn seine betont lässige Sprache offenbar ein Ventil für ihn war, so war Diekmann nicht gewillt, ein solches Verhalten zu dulden.
»Es ist kein Zeichen von Schwäche, Respekt vor den Toten zu haben. Ein ermordeter Mensch ist eines Großteils seiner Würde beraubt. Nehmen Sie ihm nicht noch den Rest davon, Martin.« Seine Stimme war nur noch ein Flüstern. Ein untrügliches Zeichen für Ärger.
Martin Feiler lief knallrot an. »Es tut mir Leid. Ich wollte nur ...« Er brach ab. Was er wollte, sagte er nicht. Seine Stimme erstarb, und man sah ihm die Verlegenheit deutlich an.
»Schon gut. Uns allen geht es so.« In dem Versuch, seine Emotionen abzuschütteln und sich auf seine Arbeit zu konzentrieren, holte er tief Luft und fuhr fort: »Wissen wir schon Näheres über die Frau?«
Martin war erleichtert, dass sein Chef anscheinend nicht vorhatte, den von ihm begangenen Fauxpas noch weiter auszukosten, und blätterte eilig in seinem kleinen Notizblock.
»Verena Zenker, zweiunddreißig Jahre. Laut der Angaben in ihrem Personalausweis, den wir in ihrer Handtasche gefunden haben, wohnt sie erst seit knapp sechs Monaten hier. Viel mehr wissen wir noch nicht.«
Sven schwieg einen Moment und nickte dann. »Gut. Ich schlage vor, Sie kümmern sich erst mal um die Nachbarn. Finden Sie heraus, ob die Frau hier allein gelebt hat, ob sie oft Besuch hatte, ob irgendjemand etwas gehört hat und so weiter. Sie wissen schon, erst einmal die allgemeinen Dinge.« Er wedelte ungeduldig mit der Hand. Noch immer fiel es ihm schwer, sich von dem Anblick der Toten zu lösen. Seufzend rieb er sich mit der Hand die Augen, bevor er sich von ihr losriss und sich abwandte.
»Herr Diekmann?«
»Ja?« Er drehte sich abrupt um und sah in das Gesicht von Julika, eine der Besten in seinem Team. Auch sie wirkte, wie alle Anwesenden, stark mitgenommen. Ein Anblick wie dieser ging an niemandem spurlos vorüber.
Julika war kleiner als er und ein wenig pummelig. Ihr gutmütiges Gesicht unter den schulterlangen Haaren wirkte verkrampft, und sie presste die Lippen aufeinander, bis nur noch ein schmaler Strich zu sehen war.
Er nahm sie am Arm und ging mit ihr ein paar Schritte in Richtung Flur. Erst jetzt fiel ihm auf, dass die Umgebung ein wenig armselig wirkte. Das Schlafzimmer, in dem die Tote lag, war spärlich und eher schäbig möbliert. Lediglich ein altes Bett und ein Schrank, den mehrere Holzkeile unter den Füßen in einer einigermaßen waagerechten Stellung hielten, bildeten den Rahmen dieser schaurigen Szene.
»Was gibt's?«, wandte er sich erschöpft an sie. Für Julika als Frau musste der Anblick dieser Verstümmelungen noch schlimmer sein als für ihn.
»Eine Maria Markwitz hat die Tote gefunden. Ich habe sie erst einmal in die Küche gesetzt. Eine Beamtin ist bei ihr.«
Diekmann nickte. »Sehr gut. In welchem Verhältnis stand sie zu der Toten?«
»Nach allem, was ich bisher aus ihr herausbekommen habe, ist sie so etwas wie eine Freundin von ihr. Eigentlich wohl eher die Sozialarbeiterin, die sich um sie gekümmert hat. Sie spricht davon, dass Verena Zenker erst seit kurzem auf freiem Fuß sei.« Julika zuckte mit den Achseln und fügte wie entschuldigend hinzu: »Die Frau steht noch unter Schock.«
»Ist schon gut, Julika.« Er klopfte ihr leicht auf die Schulter. »Am besten, Sie warten unten auf das Spurensicherungsteam und weisen die Kollegen ein.«
Die junge Beamtin zögerte einen Moment und warf einen kurzen, unsicheren Blick auf die Tote. Schließlich stimmte sie erleichtert zu. Jeder hatte seine Schwachpunkte, und sie hatte beschlossen, die goldene Brücke zu überschreiten, die ihr Chef ihr gerade gebaut hatte. »Ist gut.« Sie drehte sich eiligst um und verschwand durch den dunklen Flur.
Diekmann folgte ihr langsamer und sah sich dabei flüchtig um. Es war eine kleine Zweizimmerwohnung mitten in Hamburg-Altona in einem heruntergekommenen Mietshaus aus der Jahrhundertwende.
Das Schlafzimmer lag am Ende eines lang gestreckten Flures, von dem ein kleines Badezimmer, kaum größer als ein Wandschrank, ein Wohnzimmer und die Küche in der Größe eines Fußballfeldes abgingen. Schlichte, hell getünchte Wände ohne Bilder verliehen den Räumen etwas Trostloses. Nur der mit einer leichten Staubschicht überzogene Nippes, der auf der kleinen Kommode im Flur stand, verlieh der Wohnung so etwas wie eine persönliche Note.
Er warf einen kurzen Blick in das Wohnzimmer. Eine Cordcouch mit dazu passenden Sesseln und eine Schrankwand, die fast die ganze rückwärtige Wand einnahm, dominierten den Raum. Beides sah alt, aber noch gut erhalten aus. Der Boden war, wie in der gesamten Wohnung, mit ausgetretenem Linoleum bedeckt. Es verlieh dem Ganzen eine kühle Atmosphäre, war jedoch makellos sauber. Jedes Detail wirkte liebevoll und ordentlich arrangiert, nichts war dem Zufall überlassen, so als habe jemand hier mehr als nur ein Heim schaffen wollen. Alles in allem machte es auf ihn den Eindruck einer Zuflucht.
Diekmann betrat die Wohnküche, in der eine junge uniformierte Polizistin mit hinter dem Rücken verschränkten Armen am Fenster stand. Sie schien ihren Blick auf einen unbestimmten Punkt an der Wand zu konzentrieren. Beim Eintritt des Kriminalbeamten fuhr sie hektisch herum, und fast befürchtete Sven, sie wolle salutieren. Er nickte ihr freundlich zu, und mit einem Nicken grüßte sie zögernd zurück. Erleichtert, dass man von ihr wohl keine dienstliche Meldung erwartete, verschränkte sie die Arme diesmal vor der Brust und suchte sich einen neuen Punkt an der Wand.
»Frau Markwitz?« Er trat an den kleinen Resopaltisch, an dem eine Frau von ungefähr vierzig Jahren saß. Sie trug Jeans und gefütterte Winterstiefel. Trotz der Wärme in der Wohnung hatte sie noch eine dicke Steppjacke an und eine Wollmütze auf dem Kopf. Aus dem Kragen der Jacke lugte eine Kapuze hervor. »Ja?« Sie hob den Kopf. In ihrem Blick war noch das Entsetzen zu lesen, das sie angesichts ihrer toten Freundin empfunden haben musste. Ihre Augen waren unnatürlich weit aufgerissen, und der Mund stand ein wenig offen. Sie rang nach Atem, ihre Brust hob und senkte sich fast krampfartig.
»Mein Name ist Diekmann. Ich bin der Leiter der Mordkommission. Geht es Ihnen gut?« Er zog sich einen Stuhl heran und setzte sich ihr schräg gegenüber.
Fast erstaunt sah sie ihm in die Augen. »Ich weiß nicht.« Verwirrt, als müsse sie über die Frage selbst nachdenken, senkte sie wieder den Kopf. Beinahe zwanghaft zupfte sie an einem Pulloverärmel, der unter der Jacke hervorsah.
Diekmann betrachtete sie einen Moment und beugte sich ein wenig näher zu ihr. Behutsam bedeckte er mit seiner Hand ihre verkrampften, kalten Finger und sprach leise und eindringlich auf sie ein.
»Ich weiß, dass das alles für Sie sehr schwer sein muss, glauben Sie mir, aber ich brauche dringend ein paar Informationen, die Sie mir vielleicht geben können. Wie lange kannten Sie Frau Zenker?«
Maria Markwitz hatte aufgehört, mit ihrem Pullover zu spielen, und ließ die Hände auf den Tisch sinken. Die Stirn in Falten gelegt und offensichtlich dankbar, dass sie nicht mehr allein ihren Gedanken überlassen war, überlegte sie angestrengt.
»So ungefähr zwei Jahre. Sie ist damals zu uns gekommen, um sich in der betreuten Wohngruppe auf das Leben draußen vorzubereiten. Vor ungefähr sechs Monaten ist sie dann hierher gezogen, aber wir haben uns während der beiden Jahre angefreundet und auch privat Kontakt gehalten. Ich bin für sie als Sozialarbeiterin nicht mehr zuständig, müssen Sie wissen. Man dachte wohl, dass ich aufgrund der freundschaftlichen Nähe zu ihr nicht in der Lage sei, meinen Job ordentlich zu machen.«
Sven horchte auf. »Draußen? War Frau Zenker im Gefängnis?« Sein Gegenüber schüttelte heftig den Kopf. »Nein. Sie ist nach zehn Jahren aus der Psychiatrie entlassen worden und war nicht in der Lage, sich ohne Hilfe ein eigenständiges Leben aufzubauen. Daher ist sie in unsere Gruppe gekommen.«
»Sie war krank? Was genau hatte sie?«
Maria Markwitz' kurzes Zögern war unverkennbar und löste in Sven ein Misstrauen aus, das eher seiner Wachsamkeit als seinen Vorurteilen entsprang. Langsam zog er seine Hand zurück. »Nun, nicht direkt krank. Ich meine, sie hat vor langer Zeit etwas getan, wofür sie normalerweise ins Gefängnis gekommen wäre, aber dank eines Gutachtens hat man sie in die Klinik in Ochsenzoll eingewiesen.«
»Worum hat es sich bei dieser Straftat gehandelt?«
Maria Markwitz fing wieder an, hektisch an ihrem Pullover zu zupfen. Ein Faden hatte sich gelöst, und es war nur eine Frage der Zeit, wann sich eine Laufmasche den ganzen Ärmel hochschlängeln würde.
»Bitte verzeihen Sie, aber ich möchte nicht weiter über diese Sache reden. Ich wüsste auch nicht, warum das für Sie von Interesse sein sollte, zumal ...« Ihre Atmung beschleunigte sich, das Zupfen am Ärmel wurde hektischer.
»Ist schon gut.« Dieses Mal legte Sven seine Hand auf ihren Arm und übte einen leichten Druck aus. »Warum genau hat man sie dieser Wohngruppe zugewiesen?«
»Wie gesagt, sie war gerade erst entlassen worden und hatte keine Ahnung, wie es weitergehen sollte. Sehen Sie, wenn Menschen aus dem Gefängnis kommen, oder wie Verena aus der Klinik, haben sie Schwierigkeiten, Arbeit oder eine Wohnung zu finden. Sobald die Vermieter einen Entlassungsschein aus einer Vollzugsanstalt sehen, schalten sie auf stur. Die meisten glauben, dass sie von solchen Mietern im Schlaf ermordet werden könnten.« Ihre Stimme klang bitter, und fast schien es, als spreche sie aus eigener Erfahrung. Wahrscheinlich hatte sie nur allzu oft erlebt, wie Menschen mit gutem Willen an den Vorurteilen anderer gescheitert und schließlich doch wieder in ihre alten Verhaltensmuster zurückgefallen waren.
»Wir haben Kontakt zu Jobvermittlern und auch zu einigen Firmen, die uns tatkräftig unterstützen, so dass wir jeden, für den wir verantwortlich sind, über kurz oder lang irgendwo unterbringen können. Verena hat in einer Röhrenfabrik hier in Altona im Schichtdienst gearbeitet. Sie hat sich dort sehr gut zurechtgefunden und ist mit der Zeit freier geworden. Zum Schluss ist sie auch schon mal allein weggegangen.«
»Kennen Sie irgendwelche Bekannten von ihr?«
Maria Markwitz schüttelte den Kopf. »Nein, so weit war sie noch nicht. Sie hat es nur genossen, hingehen zu können, wohin sie wollte. Mitunter hat sie sich in ein Café oder abends in eine Bar gesetzt und einfach die Leute beobachtet. Sie hat mir immer begeistert davon erzählt und von einer Zeit geträumt, in der auch sie wieder so sein würde wie die anderen. Sie wollte ihre ganze Vergangenheit hinter sich lassen, und ich bin sicher, sie hätte es auch geschafft, wenn nicht ...« Sie brach ab. Tränen schimmerten in ihren Augen, und verstohlen wischte sie sich übers Gesicht.
»Wir haben es gleich geschafft. Nur noch ein paar Fragen. Hatte Frau Zenker Verwandte?«
Mit tränenerstickter Stimme sprach Maria Markwitz weiter. Sie war sichtlich angeschlagen, und es war klar, dass sie erst einmal Ruhe brauchte, bevor Diekmann sie noch einmal eindringlich ins Verhör nehmen konnte. Aber das hatte Zeit.
»Ja, sie hat mal erzählt, dass ihre Mutter noch lebt, aber die wollte mit ihr nichts mehr zu tun haben, und so hat es auch während der ganzen zehn Jahre in der Klinik keine Besuche oder andere Kontakte gegeben. Sie hatte nur noch mich.« Die Tränen liefen ihr nun ungehindert über das Gesicht, und sie schien sich ihres Gefühlsausbruchs auch nicht mehr zu schämen.
»Was war mit Männerbekanntschaften?«
Maria Markwitz lachte unter Tränen freudlos auf. »Nein, die hatte sie ganz bestimmt nicht, das kann ich Ihnen garantieren.« »Wie sind Sie hereingekommen?« Er versuchte die Frage so beiläufig wie möglich klingen zu lassen, immerhin hatte er es hier mit einer potenziellen Verdächtigen zu tun.
Die Antwort kam unbefangen. Sie merkte nicht im Geringsten, worauf er eigentlich hinaus wollte. »Ich habe einen Schlüssel, sehen Sie?« Fahrig griff sie in ihre Jackentasche und zog einen Schlüsselbund heraus. Mit zitternden Fingern zeigte sie ihm den Wohnungsschlüssel. »Ich habe einfach aufgeschlossen.«
»Waren Sie verabredet?«
Maria Markwitz nickt eifrig. »Ja, heute Morgen zum Frühstück. Ich habe geklingelt und geklopft, aber niemand hat aufgemacht. Also bin ich wieder nach Hause gegangen, weil ich zuerst dachte, ich hätte Verena falsch verstanden und sie würde vielleicht arbeiten. Sie war sehr pflichtbewusst, müssen Sie wissen.« Sie zog geräuschvoll die Nase hoch und schwieg einen Moment. Sven dachte zunächst, sie habe seine Anwesenheit vergessen, und wollte sie schon auffordern weiterzusprechen, als sie plötzlich fortfuhr. »Ich habe dann noch ein paarmal versucht sie anzurufen, als jedoch niemand abnahm, habe ich in ihrer Firma angerufen. Dort hat man mir gesagt, dass sie freihabe. Ich habe mir allmählich Sorgen gemacht. Ich meine, sie hätte ... hätte krank ... sein können oder ... vielleicht Depressionen ... keine Ahnung. Also bin ich wieder hergefahren und habe erneut geklingelt. Als sie nicht aufgemacht hat, habe ich den Schlüssel benutzt. Und da ...« Sie begann zu schluchzen. Sven gab ihr einen Moment, um sich zu fangen. Die Beamtin im Hintergrund rührte sich nicht. Sie hatte offensichtlich keinerlei Erfahrung mit solchen Fällen und daher anscheinend beschlossen, sich nicht um die Frau zu kümmern. Sie lernen viel an der Polizeischule, aber Mitgefühl zu entwickeln gehört nicht dazu, dachte Sven bitter.
»Warum haben Sie überhaupt einen Schlüssel?«
Die Frau schniefte noch einmal und antwortete, während sie mit dem Schlüsselbund spielte. »Wie gesagt, Verena hat manchmal unter Depressionen gelitten und war oft unfähig, aus dem Bett aufzustehen. Sie hat mir einen Schlüssel gegeben, damit ich jederzeit reinkam.«
»Frau Markwitz, wir werden uns in den nächsten Tagen eventuell noch einmal unterhalten müssen, aber ich denke, fürs Erste ist es genug, vielen Dank. Ich werde Sie von meinen Leuten nach Hause bringen lassen.« Er nickte der uniformierten Beamtin zu, die sich noch immer nicht vom Fleck gerührt hatte. Erleichtert setzte sie sich in Bewegung und trat auf Maria Markwitz zu. »Kommen Sie.« Nur zögernd erhob sich die Frau und ließ sich hinausführen.
»Einen Moment noch.« Sven fiel plötzlich ein, was Johanna Jensen, die Polizeipsychologin, ihm einmal gesagt hatte, nämlich dass es Mörder gab, die etwas vom Tatort mitnahmen und auch zurückließen.
Maria Markwitz hielt inne und drehte sich um. Sie sah ihn nur an und sagte kein Wort. Diekmann ging ein paar Schritte auf sie zu und blieb dann in einigem Abstand stehen.
»Noch eine letzte Frage. Ist Ihnen aufgefallen, ob etwas fehlt? Oder gibt es hier in der Wohnung etwas, was nicht hierher gehört?«
Maria Markwitz musterte ihn, als habe sie seine Worte gar nicht wahrgenommen.
Er machte noch einen Schritt auf sie zu. Da er größer war als sie, beugte er sich ein wenig zu ihr hinab. »Ich weiß, das ist sehr schwer für Sie, aber versuchen Sie sich zu konzentrieren, denken Sie nach. Es ist möglicherweise sehr wichtig für uns.« Er lächelte ihr aufmunternd zu.
»Also«, Maria Markwitz begann wieder fieberhaft an dem losen Faden zu zupfen, »ich glaube ... ich bin mir nicht sicher, aber ...« Sie holte tief Luft und begann abermals. »Ich glaube, der Teddy ist weg.«
»Der Teddy?«
Sie nickte. »Ja. Verena hat mir mal erzählt, sie hätte ihn von ihrem Opa geschenkt bekommen, als sie noch ein Baby war. Sie hatte ihn immer auf dem ... Bett ... liegen.« Sie machte eine unsichere Handbewegung in Richtung Schlafzimmer. »Ich habe ihn vorhin nicht gesehen, aber ich ...« Sie senkte den Kopf und brach ab.
Diekmann tätschelte ihr leicht den Arm. »Ist schon gut. Vielen Dank, Sie haben uns sehr geholfen.« Er sah Maria Markwitz, die nun endgültig die Wohnung verließ, einen Moment gedankenverloren hinterher.
»Chef? Die Spurensicherung ist jetzt da.«
Diekmann war sofort wieder bei der Sache. »Danke Julika. Tun Sie mir bitte noch einen Gefallen. Ich weiß, es ist schon ziemlich spät, aber versuchen Sie in der Klinik Ochsenzoll, Abteilung Psychiatrie, noch jemanden zu erreichen. Ich brauche die Akte von Verena Zenker. Veranlassen Sie auch bitte, dass uns die Gerichtsakten, sofern vorhanden, schnellstmöglich zugeschickt werden. Tut mir Leid, aber einer muss sich darum kümmern.«
Mit einer abwehrenden Geste entfernte sich Julika. Die Rücksichtnahme ihres Vorgesetzten brachte sie wohl ein wenig in Verlegenheit.
»So, Herr Diekmann. Ich bin hier fertig.« Der Gerichtsmediziner, Professor Reuschel, trat zu ihm. »Ich glaube nicht, dass ich Ihnen sagen muss, woran diese arme Frau gestorben ist, oder?« Seine Augen, die schon fast alles gesehen zu haben schienen, blitzten hinter den dicken Brillengläsern auf. Er zog sich die Latexhandschuhe von den Händen und knüllte sie zusammen.
»Können Sie sagen, wie lange sie schon tot ist?«
Der Arzt zuckte mit den Schultern. »Der Todeszeitpunkt war irgendwann letzte Nacht. Vielleicht in den frühen Morgenstunden. Aber ich sage es Ihnen noch genauer, wenn ich den Bericht fertig habe. Sie können mich ja anrufen, wir sprechen die Einzelheiten dann durch.«
»Danke, Doktor.«
»Ach, noch etwas. Das Kreuz, das man ihr auf die Stirn geritzt hat, das haben Sie doch sicher auch gesehen? Komische Sache, was?«
»Ja, wir werden dem nachgehen. Nochmals vielen Dank, Doktor.«
Sie gaben sich die Hand, und der Arzt verschwand im Dunkel des Flures.
Diekmann blieb allein in der Küche zurück und lauschte auf die Geräusche im Nebenzimmer. Leises Stimmengemurmel drang zu ihm herüber, und da die zunehmende Dunkelheit des Winternachmittags nun auch den letzten Rest Tageslicht verschluckte, hatten sie im Schlafzimmer starke Lampen aufgestellt. Der helle Lichtschein, der in den Flur fiel, nahm sich gespenstisch aus.
Eine tiefe Traurigkeit machte sich in ihm breit. Hier in der Küche, die wie kein anderer Raum den Aufbruch dieser jungen Frau deutlich werden ließ, wirkte die Tragödie mehr als in der übrigen Wohnung. Er sah blank geputzte Töpfe an Haken von der Decke hängen und Kochlöffel, die über dem alten Herd angebracht waren. Alles hatte hier seine Ordnung. Eine Ordnung, geschaffen von einer Frau, der man lange Zeit die Verantwortung für ihr Leben abgesprochen hatte und die hier begonnen hatte, ihre Vergangenheit hinter sich zu lassen.
Wie ein Schlag traf Sven die Erinnerung an den Brief, den er am Morgen aus seinem Briefkasten geholt und sofort weggeworfen hatte. Der kleine Zettel, der ihm so bedeutungslos vorgekommen war.
Es hatte nur ein Satz auf dieser Mitteilung gestanden, aber der ließ ihn frösteln, und mit einem Male kam er sich unendlich einsam vor.
Der Satz war so merkwürdig, dass er ihn nicht so schnell vergessen würde. Jetzt erst recht nicht.
Ich bin zu euch gekommen, als Schaf unter Wölfen.
Siegfried Kausch wurde mit einem pelzigen Gefühl auf der Zunge wach. In seinem Kopf drehte sich alles, er war noch vollkommen benebelt. Irgendwann zwischen dem letzten Bier bei Willi, dem Wirt seiner Stammkneipe, und dem jetzigen Moment, lag alles im Nebel. Er wälzte sich in seinem schmierigen Bettzeug schwerfällig auf die Seite und sah auf die kleine Person neben sich. Lediglich ein paar schmutzig blonde Haare schauten unter der Decke hervor. Mit einem Seufzen ließ er sich in sein Kissen zurückfallen und rieb sich mit der Hand übers Gesicht.
Er spürte irgendetwas Klebriges auf seinen Schenkeln. Mit der Hand tastete er danach und schnüffelte anschließend an seinen Fingern. Es roch auch nicht anders als sonst, an seinen Körpergeruch hatte er sich mittlerweile gewöhnt. Seine Dusche hatte sich in letzter Zeit mehr und mehr zum Tummelplatz von Bakterien und Schmutz entwickelt, als ein Hort der Körperhygiene zu sein. Es gab Dinge in seinem Leben, die ihm einfach völlig unwichtig erschienen. Sauberkeit gehörte eindeutig dazu. Er dachte einen Moment nach, und endlich kam ganz langsam die Erinnerung zurück. Sein feistes Gesicht verzog sich zu einer hässlichen Fratze. Ach ja, als er mit dem Bengel wieder nach Hause gekommen war, hatte er es sich erst einmal von ihm besorgen lassen. Wozu hatte er ihn schließlich aufgenommen?
Willi hatte vorher ein Mordstheater veranstaltet, weil er den Jungen mitgebracht hatte. Er hatte irgendetwas davon gefaselt, dass er seine Konzession verlöre, wenn die Bullen mitbekämen, dass er Minderjährige in sein Lokal lässt. Aber als der Junge das erste Mal etwas anderes als Mineralwasser oder Milch verlangt hatte, war Willi still gewesen. Das Geschäft stand eben über der Moral, die Aussicht auf Profit merzte alle Bedenken aus.
Es war doch immer dasselbe mit diesem verlogenen Pack. Zumindest machte Willi keine dummen Kommentare darüber, was er mit dem Jungen anstellte.
Wie hieß der Kerl überhaupt? Das Denken fiel ihm schwer, umnebelt, wie sein Hirn nach wie vor war. Außerdem, wen interessierte das schon? Irgendwo ganz hinten in seinem Kopf meldete sich eine leise Ahnung. Der Knilch hieß fast wie er, glaubte er zumindest. Wie war das noch? Ach ja, er hatte behauptet, er heiße Siggi. Ob das stimmte oder nicht, wusste er nicht, war ja auch egal. Wahrscheinlich nur so eine Art Künstlername. Genau wie bei den anderen Nutten. Diejenigen, die sich Chantal nannten, hießen doch in Wirklichkeit auch nur Angelika oder Claudia oder so ähnlich.
Er sah wieder auf den blonden Schopf neben sich, und plötzlich machte sich ein Würgen in seiner Kehle bemerkbar. Etwas wie Mitleid schwappte über ihn hinweg wie eine riesengroße Welle.
Es hatte auch andere Zeiten gegeben, damals, als er noch nicht in diesem Loch gehaust hatte. Er sah sich in dem halbdunklen Zimmer mit den kaputten Möbeln und dem schmutzigen Bett um. Hier sah irgendwie alles aus wie zu Hause, damals bei Mama und seiner Schwester. Keine guten Erinnerungen, einfach nur Erinnerungen. Seine Mutter, schon am frühen Morgen ein mit Wodka randvoll gefülltes Glas in der Hand, und seine Schwester, aufgetakelt und aufgedonnert, als wolle sie sich einen Freier suchen, erschienen vor seinem geistigen Auge.
Beide waren immerzu missmutig gewesen, und wenn er mal wieder zu laut gewesen war, hatte es Schläge gehagelt. Nicht dass es ihm geschadet hätte, aber als Kind hatte er das nicht verstanden. Irgendwann, er hatte keine Ahnung mehr, wie alt er damals eigentlich gewesen war, hatte er es dann mit dem kleinen Jungen versucht. Der war so nett und lustig gewesen, und er hatte sich wohl gefühlt, als er ihm an die Hose gefasst hatte, doch dann hatte das Balg plötzlich angefangen zu schreien und war weggelaufen. Nachdem seine Mutter davon Wind bekommen hatte, hatte sie ihn nicht nur vermöbelt, nein, sie hatte sein Ding mit einer Spülbürste abgeschrubbt. Seine Schwester hatte nur daneben gestanden und höhnisch gegrinst, die alte Schlampe.
Er hatte die Schule irgendwann abgebrochen und die elterliche Wohnung verlassen. Von wegen elterlich. Er verzog die Lippen zu einem höhnischen Grinsen. Wenn überhaupt, die Wohnung seiner Mutter. Seinen Vater hatte er nie kennen gelernt.
Jedenfalls hatte er ein paar Jahre lang mal hier, mal da gearbeitet, und als er alt genug war, hatte er bei einer Firma als Fahrer angefangen. Er hatte auch eine nette Frau kennen gelernt. Nicht dass sie eine Schönheit gewesen wäre, aber sie war sympathisch, und das erste Mal in seinem Leben hatte er so etwas wie Geborgenheit gespürt. Sie hatte ihn sogar ermutigt, den Schulabschluss nachzuholen und eine Lehre anzufangen. Er war dann auch tatsächlich wieder zur Schule gegangen – nach Feierabend natürlich, am Tag musste er ja arbeiten. Doch eines Abends war er nach Hause gekommen, und da hatte sie gelegen, mit einem anderen Kerl. Er hatte beide vermöbelt und sie aus der Wohnung geworfen. Danach hatte er sofort mit der Schule aufgehört, aber weiter gearbeitet.
Das mit den Nutten war nicht so gut gelaufen und außerdem verdammt teuer. Deswegen hatte er angefangen, am Hauptbahnhof herumzuschleichen und die Jungen zu beobachten, die für ein warmes Essen und ein Dach über dem Kopf oder einfach nur für den nächsten Schuss ihren Arsch jedem hinhielten, der dafür bezahlte. Er begriff schnell, dass er mit ihnen tun konnte, was er wollte, denn sie waren ihm ausgeliefert, da sie niemanden hatten, der ihnen half.
Und er? Ihm war es jetzt gleich. Irgendwann war auch noch der Lappen weg gewesen, weil er betrunken gefahren war, und mit dem Führerschein hatte er auch seinen Job verloren. Auch egal. Er hatte angefangen, sich die Bengels in die Wohnung zu holen, jeweils so lange, wie es ihm Spaß machte. Danach warf er den einen raus und holte sich den nächsten. Die monatliche Überweisung vom Sozialamt und das Geld, das er mit dem Verkauf der Kinderpornos verdiente, reichten aus zum Leben. Mehr wollte er eigentlich nicht: nur leben.
Dem Kleinen hier neben ihm ging es wohl fast so wie ihm. Kein Zuhause, niemanden, der sich um ihn kümmerte. Ein trockenes Schluchzen stieg in seiner Kehle hoch. Aber egal. Fast trotzig rieb er sich mit seinem Handrücken über die Augen. Er kümmerte sich doch, oder nicht? Der Bengel hatte nur zu tun, was er ihm sagte, und dafür hatte er es warm. Zumindest so lange, wie er, Siegfried Kausch, Bock auf ihn hatte.
Die Gesellschaft war ihm schließlich etwas schuldig, und was sie ihm nicht freiwillig gab, das holte er sich eben. Wen scherte es, ob er das durfte oder nicht? Ihm war es gleich.
Er brauchte ein Bier. Unsanft stieß er dem schlafenden Jungen neben ihm die Faust in den Rücken.
»He, steh auf. Ich will 'n Bier.«
Übermannt von seiner eigenen Wichtigkeit setzte sich Martin Feiler an seinen Schreibtisch.
Sven Diekmann hatte ihm die Vernehmung der Zeugen im Haus dieser toten Frau übertragen. Er war von Tür zu Tür gegangen und hatte mit dem nötigen Ernst die Befragungen durchgeführt. Alle hatten ihm den Respekt entgegengebracht, den er sich erhofft hatte.
Die Ermittlungen in einem Mordfall waren eine große Herausforderung, und Diekmann hatte ihm eine Chance gegeben, obwohl er noch so jung war. Mit erst sechsundzwanzig Jahren hatte er es bereits ziemlich weit gebracht. Nach einem Studium an der Fachhochschule für öffentliche Verwaltung bei der Polizei in Hamburg hatte er sich bei der Mordkommission beworben und war sofort genommen worden. Diekmann kannte ihn von einem Praktikum, das er dort einmal absolviert hatte, und war wohl recht angetan.
Bei seiner Bewerbung sagten sie ihm, sobald eine Stelle frei werde, komme er in die engere Auswahl, und so hatte er abgewartet, wenn auch ungeduldig. Dann, vor drei Monaten war es endlich so weit. Einer der Mitarbeiter von Diekmann, ein gewisser Markus, hatte nach einer Entführung den Verstand verloren und war jetzt erst einmal auf unbestimmte Zeit krank geschrieben. Als Ersatz hatten sie Martin in das Team aufgenommen. Er wusste, dass dies zunächst nur ein vorübergehendes Arrangement war, hoffte jedoch, sich so unentbehrlich machen zu können, dass bald schon niemand mehr einen Gedanken an seinen Vorgänger verschwendete.
Zugegeben, das war nicht gerade die Art des feinen Mannes, aber Fairness konnte er sich nicht leisten. Er hatte gelernt, dass man sich mit so etwas wie Gewissensbissen oder Mitleid nicht aufhalten durfte, wenn man es zu etwas bringen wollte.
Schon als er während seiner Ausbildung an dieser Dienststelle gearbeitet hatte, hatte er großen Respekt für seinen Vorgesetzten entwickelt. Diekmann hatte ihn an allen Dingen teilhaben lassen und ihm nie das Gefühl vermittelt, minderwertig zu sein. Er sog alle Informationen auf wie ein Schwamm, und noch zu Hause arbeitete er das nach, was er im Dienst erfahren hatte. Die für seine Arbeit nötigen Gesetzestexte kannte er auswendig, und er hatte sich auch mit den einschlägigen Urteilen befasst, so dass ihm kaum einer etwas vormachen konnte, zumindest was die Theorie anbelangte.
Bereits seine Tante hatte ihm immer wieder eingebläut, dass man es nur mit Fleiß weiter brachte als andere. Und genau das hatte er vor.
Natürlich machten ihm manchmal die fürchterlichen Dinge zu schaffen, die er im Einsatz sah, aber auch dieser Kampf musste schließlich bestritten werden. Er atmete tief ein. Ja, so sah er sich. Als Kämpfer gegen das Böse.
Martin Feiler stammte aus einem kleinen Dorf nördlich von Hamburg, und schon früh hatte er sich entschlossen, einen Beruf zu ergreifen, der ihm sinnvoll erschien. Damals nahm er sich vor, dass er etwas Gutes tun wollte, etwas, was vielleicht nicht den Lauf der Welt veränderte, aber zumindest Besserung brachte, und zwar dort, wo Hilfe Not tat. Er war sich im Klaren darüber, dass seine Vorstellungen romantisch und seine Träume heroisch waren, doch er hatte all die Jahre daran festgehalten. Sein Onkel war von seinen Zukunftsplänen alles andere als erfreut gewesen. Er hatte eigentlich vorgehabt, seinen Neffen zu einem guten Handwerker zu machen, damit dieser dann später den familieneigenen Tischlereibetrieb übernehmen könne. Allerdings kam die Vorstellung, in einem kleinen Ort festgenagelt zu sein, sein Leben lang Parkett zu verlegen und jeden Tag ums Überleben kämpfen zu müssen, in Martins Träumen nicht allzu häufig vor. Es hatte viele Diskussionen gegeben, und sein Onkel, ein eher einfach gestrickter Mann, hatte es so manches Mal verflucht, seinen Neffen nach dem Unfalltod seiner Schwester aufgenommen zu haben.
Martins Tante hatte sich aus allem herausgehalten. Sie war schon immer zu schwach gewesen, sich gegen ihren Mann zu wehren, geschweige denn durchzusetzen. Verächtlich zog er die Mundwinkel nach unten.
Sobald sich durch die Ausbildung bei der Polizei die Gelegenheit ergab, verließ er das Haus des Onkels – und er hatte es bis zum heutigen Tage nicht wieder betreten. Die Briefe seiner Tante beantwortete er nie, und irgendwann stellte auch sie das Schreiben ein.
Das Gefühl der Überlegenheit war schnell einer diffusen Einsamkeit gewichen, und nur langsam kam er in der fremden Stadt zurecht. Erst hier, an dieser Dienststelle, hatte er die Erfüllung seiner Träume gefunden, und er hatte nicht vor, sich das wieder nehmen zu lassen. Er wusste, dass er noch viel zu lernen hatte, und er war bereit dazu.
Martin stand auf, um sich aus dem kleinen Kühlschrank neben dem Fenster ein Glas Milch zu holen. Er hatte sich nie mit der Angewohnheit anfreunden können, literweise Kaffee zu trinken, und so manches Mal war er gutmütigen Spötteleien ausgesetzt, die er allerdings mit Fassung ertrug.
Trotz aller Zufriedenheit ärgerte er sich über sich selbst. Er hatte sich gestern Nachmittag ziemlich daneben benommen. Es war für ihn noch schwer, seine Gefühle beim Anblick einer Leiche zu kontrollieren, und so hatte er gedacht, es sei das Beste, mit einem flapsigen Spruch darüber hinwegzugehen. Er war ziemlich erstaunt, als Diekmann ihn zurechtgewiesen hatte. Eigentlich hatte er nicht damit gerechnet, dass sein Chef so emotional reagieren würde, und für einen Moment war er peinlich berührt, hatte er doch gedacht, er selbst sei der Einzige, dem noch ein wenig schlecht wurde.
Die Zurechtweisung gab ihm das Gefühl, versagt zu haben. Er hatte plötzlich Angst, wieder in die hinterste Reihe zurückgesetzt zu werden. Wie ein kleines Kind, das den Schulunterricht stört. Er befürchtete, sein Chef werde ihn nunmehr im Auge behalten und seine Leistungen anders beurteilen. Die Furcht davor, in einem Augenblick der Schwäche falsch reagiert zu haben, schnürte ihm fast die Kehle zu. Aber gleich darauf stellte er fest, dass seine Ängste unbegründet waren. Schließlich hatte Diekmann ihm eigenverantwortlich eine wichtige Aufgabe übertragen.
Martin hatte sich geschworen, zukünftig Fehler dieser Art zu vermeiden. Außerdem würde er jede Aufgabe übernehmen, für die andere sich zu schade waren. Er würde notfalls sogar im Dreck wühlen, wenn das zur Aufklärung eines Mordfalles beitrüge.
Entschlossen klatschte er in die Hände und setzte sich an seinen Schreibtisch. Er hatte noch viel zu tun. Die Aussagen mussten geordnet und abgetippt werden, damit ein zusammenfassender Bericht heute Nachmittag auf dem Tisch seines Vorgesetzten lag.
Er würde das in ihn gesetzte Vertrauen nicht enttäuschen.
»Frau Dr. Jensen?«
Johanna riss sich von ihren Gedanken los. Sie hatte ihr Gegenüber tatsächlich vergessen. Mit einem Ruck drehte sie sich auf ihrem Stuhl um und sah den Mann an, der auf der anderen Seite ihres Schreibtisches saß.
»Entschuldigen Sie bitte. Sie hatten mich etwas gefragt?« Zum Teufel, sie wusste nicht einmal mehr, was er ihr in den letzten paar Minuten erzählt hatte. Mit einem verstohlenen Blick sah sie auf die Uhr und stellte fest, dass sie fast fünf Minuten vor sich hin geträumt hatte.
»Meinen Sie, dass sie zu mir zurückkommt?«
Der Mann ihr gegenüber war ungefähr so alt wie sie, also Mitte dreißig, allerdings sah er mindestens zehn Jahre älter aus.
Die stumpfen Augen, die fahle Haut und die erschlafften Gesichtsmuskeln zeugten von dem ungesunden Schichtdienst, den er verrichten musste. Aber auch von dem unkontrollierten Alkoholkonsum und nicht zuletzt von dem Schlafmangel, ausgelöst durch den Kummer, den er durchlebte, seit seine Frau ihn vor ungefähr einem Monat verlassen hatte. Dennoch war Johanna fast sicher, dass er auch davor nicht richtig geschlafen hatte. Seine Dämonen, freigesetzt durch seinen Alkoholkonsum, werden ihn kaum in Ruhe gelassen haben, dachte sie.
Die Psychologin versuchte dem Mann vor ihr in die Augen zu sehen. Sie spürte, dass es ihm eigentlich egal war, ob seine Frau zu ihm zurückkehrte, er wollte nur nicht allein sein. Wahrscheinlich hatte er sie die letzten Jahre ohnehin nicht richtig wahrgenommen, sei es aus Gleichgültigkeit, oder weil er einfach zu betrunken gewesen war. Seine blutunterlaufenen wässrigen Augen blickten stumpf in eine Welt, die er in ihrer Realität nicht mehr wahrnahm und die ihn nicht mehr verstand.
»Was denken Sie denn? Entscheidend ist, was Sie meinen.« Johanna bemühte sich um einen freundlichen und aufmunternden Tonfall. Sie hatte es sich im Laufe der Jahre angewöhnt, während der Therapiesitzungen die Stimme zu senken. Offenbar hatte es etwas Beruhigendes, wenn ihre Stimme dunkel klang. Mitunter flüsterte sie fast, aber je leiser und dunkler sie sprach, desto mehr hörten die Patienten zu.
Der Polizist zuckte mit den Achseln. Es wirkte mühsam, wie er die abfallenden Schultern fast bis zu den Ohren hochzog, nur um sie noch tiefer sinken zu lassen. Ein Schwall von Alkoholdunst erfasste sie, auch wenn er alle Mühe auf sich genommen hatte, die Folgen seiner Trunksucht mit einem billigen Aftershave zu überdecken.
»Lieben Sie Ihre Frau?« Am liebsten hätte sie sich auf die Zunge gebissen, doch dafür war es jetzt zu spät. Eine direkte Frage dieser Art war das Letzte, was ihm half. Er kannte sich kaum selbst, hatte offensichtlich seit Jahren jede Frage nach seinen eigenen Gefühlen erfolgreich unterdrückt, und jetzt kam sie und schoss frontal mit scharfer Munition. Sich seiner Empfindungen nicht im Geringsten im Klaren, musste er mit dieser Frage überfordert sein, und sie fragte sich, wie viel Arbeit der letzten Wochen sie damit zerstört hatte. Er war noch nicht bereit, eine solche Frage zu beantworten. Außerdem war sie ausnehmend töricht, denn seit er bei ihr in Behandlung war, also seit fast einem halben Jahr, sprach er von nichts anderem. Trotz allem war sich Johanna nicht sicher, ob er wirklich verstand, was das bedeutete. Sie vermutete, dass er Liebe mit dem warmen Essen verwechselte, das nach Schichtende auf ihn wartete, und dem obligatorischen Bier vor dem Fernseher, das seine Frau ihm stets serviert hatte.
Sein Essen kam nun aus der Mikrowelle, und das Bier trank er immer öfter in der Kneipe.
Sein verständnisloser Blick bestätigte sie in ihrer Annahme, dass er überhaupt nicht wusste, wovon sie eigentlich redete.
»Kommen Sie rein, Julika.« Sven hatte bemerkt, wie seine Kollegin um die Ecke lugte, noch bevor sie anklopfen konnte.
»Ich hoffe, Sie haben einige gute Nachrichten für mich.« Sein leichtes Lächeln und die tiefen Falten entlang der Nasenflügel ließen die Müdigkeit erahnen, die er verspürte. Es war nicht so sehr eine körperliche Erschöpfung, sondern eher das Gefühl der Trauer für einen Menschen, den er nicht gekannt hatte und dem er nicht helfen konnte. Er wusste, die Bilder die er heute in sich aufgenommen hatte, würden ihn nicht so schnell wieder loslassen, da er nicht in der Lage war, Dinge aus seinem Bewusstsein auszuklammern, die er nicht zu ändern vermochte. Wahrscheinlich war es ein Übermaß an Fantasie, vielleicht aber auch nur das Wissen um die dunkle Seite seines Berufes.
»Kommt darauf an. Ich habe mich mit der Klinik Ochsenzoll in Verbindung gesetzt. Sie haben sich geweigert, die Krankenakte ohne richterlichen Beschluss herauszugeben. Also habe ich mich an das Gericht gewendet, was aber leider erst heute Morgen geklappt hat. Na ja, jedenfalls haben sie mir die, Gerichts- und Krankenakten inzwischen per Boten zugeschickt.« Julika setzte sich Sven gegenüber und schlug die Beine übereinander. Sie begann in dem Ordner zu blättern, den sie mitgebracht hatte. Sven erkannte den roten Aktendeckel der Staatsanwaltschaft.
»Verena Zenker stand vor knapp zwölf Jahren vor Gericht. Sie hat nachweislich ihre beiden neugeborenen Babys ermordet.«
»Großer Gott.« Sven würde nie verstehen lernen, wie jemand seine Aggressionen an Kindern auslassen konnte. Entsetzt stellte er fest, dass sein Mitleid für die ermordete und verstümmelte Frau rapide sank. Er, der er vehement gegen die Todesstrafe, die noch in einigen Ländern der Erde praktiziert wurde, eingestellt war, sah plötzlich die Ermordung eines Menschen als gerechte Strafe an. Mit einem Mal hatte staatlich reglementierter Mord für ihn seinen Schrecken verloren und eine zweifelhafte Legitimation erhalten.