Fähnrich Ro Laren ist zum Maquis übergelaufen. Diese Rebellengruppe kämpft für die Freiheit der Kolonisten, deren Welten den Cardassianern überlassen wurden. Und sie ist nicht der einzige Starfleet-Offizier, der glaubt, dass die Föderation durch den Friedensvertrag mit Cardassia die eigenen Prinzipien verraten hat.
Während die Diskussektion der Enterprise repariert wird, soll der Sekundärrumpf mit den Warptriebwerken an einem Test teilnehmen. Starfleet hat eine Diskussektion entwickelt, die nach der Abtrennung von der Triebwerksektion auf einem Planeten landen kann. Unter simulierten Gefechtsbedingungen soll der Prototyp nun seine Fähigkeiten demonstrieren. Nur eine Handvoll Offiziere von der Enterprise befinden sich mit Captain Jean-Luc Picard an Bord. Doch plötzlich wird aus der Simulation blutige Realität …
Über das Buch
Widmung
Historische Anmerkung
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
JOHN VORNHOLT
DER TEST
Star Trek™
The Next Generation
WILHELM HEYNE VERLAG
MÜNCHEN
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Für Mike und Denise Okuda, Rick Sternbach,
und all die Autoren und Lektoren,
die für die großartigen STAR TREK-Sachbücher
verantwortlich sind.
Dank an Penny Peters, John Ordover, Lee Whiteside, John Wheeler und Dan Duperre für ihre Unterstützung zur rechten Zeit.
Diese Geschichte spielt kurz nach den Ereignissen in Preemptive Strike (»Die Rückkehr von Ro Laren«).
»Langstreckenfrachter, Pakled-Kennung«, meldete Lieutenant Commander Data. Der Androide studierte die Anzeigen der Funktionsstation, während er rasch einen Schirm nach dem anderen aufrief. »Sie haben die primären und sekundären Bojen passiert und nähern sich der Entmilitarisierten Zone mit Warp eins.«
Commander Will Riker erhob sich vom Kommandosessel auf der Brücke der Enterprise und trat einen Schritt vor. »Steuerung, Abfangkurs bei Maximum-Warp.«
»Ja, Sir«, erwiderte Fähnrich Tate, als ihre schlanken Finger über die Konsole huschten. »Kurs liegt an.«
»Energie.« Riker drehte sich und schaute zu Lieutenant Worf an der taktischen Station hinüber. »Funken Sie sie an und senden Sie ihnen eine Zusammenfassung des Grenzabkommens zwischen Föderation und Cardassianern. Vielleicht wissen sie nicht, dass sie sich durchsuchen lassen müssen, bevor sie in die EMZ eindringen.«
»Ja, Sir«, antwortete die tiefe Stimme des Klingonen.
Data neigte den Kopf. »Es wäre sonderbar, wenn ein Frachter der Pakled noch nichts von der Grenzvereinbarung gehört hätte. Sie sind in diesem Sektor die aktivsten Händler.« Dann fügte er hinzu: »Der Frachter hat seine Geschwindigkeit erhöht.«
»Die Geschwindigkeit erhöht?« Riker runzelte die Stirn. »Mr. Worf, haben sie unsere Botschaft verstanden?«
»Ich fürchte, sie haben sie nur zu gut verstanden«, knurrte der Klingone.
Riker strich sich über den Bart und lächelte. »Und ich dachte schon, das würde ein langweiliger Tag. Wann erreichen sie die Entmilitarisierte Zone?«
»In drei Komma sechs Minuten«, antwortete Data.
Riker nickte. »Mr. Worf, machen Sie einen Photonentorpedo startklar, gleichen Sie den Kurs ab und lassen Sie ihn zweihunderttausend Kilometer vor der Entmilitarisierten Zone detonieren. Feuern Sie, wenn Sie soweit sind. Auf den Schirm.«
Data legte eine Langstreckendarstellung auf den Schirm, während Worf mit ruhiger Stimme meldete: »Torpedo scharf, Ziel erfasst, Torpedo abgefeuert.«
Auf dem Schirm war der Torpedo nur als Strich zu erkennen, als er das beschleunigende Schiff verließ und rasch eine Geschwindigkeit erreichte, die um ein Mehrfaches größer war als die der Enterprise oder des Pakled-Frachters. Dann erblickten sie in der Ferne einen hellen Lichtblitz, als hätte sich ein Stern in eine Nova verwandelt.
Worf lächelte zufrieden. »Der Frachter geht aus dem Warp.«
Data justierte die Bildschirmdarstellung neu; sie zeigte nun einen froschähnlichen, khakifarbenen Frachter, der auf Impulskraft herunterging. Sein kastenförmiges Heck zeigte Streifen in grellem Hellblau und Gelb, und auch ansonsten schien er so ungefähr das hässlichste Schiff zu sein, das Riker je gesehen hatte.
»Funken Sie sie nochmal an.« Riker tippte auf seinen Kommunikator und sagte: »Brücke an Captain Picard.«
»Picard hier«, meldete sich eine gedämpfte Stimme.
»Tut mir leid, Sie beim Frühstück zu stören, Sir, aber wir haben gerade einen Frachter der Pakled abgefangen, der in Richtung Entmilitarisierte Zone flog. Wir scannen ihre Fracht nach Waffen, aber Sie sollten wissen, dass wir einen Torpedo abfeuern mussten, um sie zu stoppen.«
»Seien Sie vorsichtig«, sagte der Captain, »und halten Sie mich auf dem laufenden. Picard Ende.«
Captain Picard tupfte sich mit einer Serviette kurz die Lippen, und schob dann seinen Stuhl zurück. Beverly Crusher, die ihm gegenübersaß, warf ihm einen besorgten Blick zu. Die attraktive Ärztin wirkte an diesem Morgen ein wenig abgespannt, und ihr normalerweise offen getragenes rotes Haar hatte sie lose im Nacken zusammengebunden.
»Nun, Jean-Luc«, sagte sie leise, »Sie werden doch nicht einfach einen ganzen Teller voll regulanischer Aalvogeleier stehenlassen. Guinan wäre davon gar nicht begeistert. Sie musste dafür eine Kiste Andolianischen Brandy eintauschen – sie sind zu komplex für den Replikator.«
»Ich sehe Sie aber auch nicht essen«, bemerkte Picard.
Die Ärztin strich sich unbehaglich durch das Haar. »Nun, ich habe spät zu Abend gegessen.«
»Spätes Essen und spät zu Bett«, meinte der Captain missbilligend. »Tatsächlich habe ich sogar den Eindruck, Sie haben seit Tagen nicht mehr geschlafen. Habe ich recht?«
Beverly lächelte dünn. »Nun, ich bin bei der Zustandsbeurteilung der Crew drei Wochen im Rückstand. Außerdem schreibe ich eine Arbeit über derebianische Streptokokken und inszeniere ein Theaterstück. Bluthochzeit von Lorca. Die Beurteilung hat übrigens ergeben, dass diese Besatzung dringend Urlaub braucht.«
Picard lächelte kurz, wurde aber sofort wieder ernst. »Ich muss zugeben, dass ich mit unserer gegenwärtigen Aufgabe auch nicht sehr glücklich bin. Der Patrouillendienst am Rand der Entmilitarisierten Zone erinnert mich ständig daran, dass wir uns in einem Zermürbungskrieg mit unseren eigenen Leuten befinden – Leuten aus der Föderation.«
Beverly schüttelte mitfühlend den Kopf. »Jean-Luc, der Maquis gehört nicht mehr zur Föderation, es sind Renegaten. Als sie sich entschlossen, die Cardassianer zu bekämpfen, statt den Vertrag einzuhalten, wurden sie zu Gegnern der Föderation.«
»Ich weiß«, sagte der Captain, »aber ich habe große Schwierigkeiten damit, ehemalige Kameraden als Feinde zu betrachten. In meinen fünfzig Dienstjahren habe ich Krieg und Frieden erlebt, aber noch nie etwas so Deprimierendes. Ich verabscheue die Vorstellung, gegen ehemalige Kameraden zu kämpfen und Schiffe aufzuhalten, die ihnen vielleicht Hilfe und Unterstützung bringen.«
Picard blickte durch das Panoramafenster auf die sternenbesetzte Schwärze des Alls. »Als junger Bursche studierte ich die Schriften von François, Duc de La Rochefoucauld. Er sagte etwas, das ich bis jetzt nie richtig verstanden habe. ›Es ist schlimmer, seinen Freunden zu misstrauen, als von ihnen betrogen zu werden.‹«
Beverly lächelte wehmütig. »Ah, Ro Laren?«
»Das war der schlimmste Fall«, gab Picard zu, »denn ich habe sie ihnen in die Arme getrieben.« Er stieß den Teller mit den exotischen, pochierten Eiern ein Stück von sich weg. »Bitte sagen Sie Guinan, es täte mir leid, aber die Geschichte mit diesem Frachter sei dazwischengekommen. Wenn Riker ihn durchsuchen muss, sollte ich auf der Brücke sein.«
Plötzlich zerriss eine Alarmsirene die Ruhe in der Unterkunft das Captains. »Alarmstufe Rot!«, dröhnte Rikers Stimme über das Kommunikationssystem. »Alle Kommando-Offiziere auf ihre Stationen!«
Picard schoss hoch und sah Beverly an, die ebenfalls aufsprang und ihren Kommunikator berührte. »Crusher an Krankenstation!«, rief sie.
Der Captain marschierte auf die Brücke und sah dort schockiert, wie Lieutenant Worf die taktische Station mit einem Feuerlöschgerät einnebelte. Rings um ihn sprühten Funken aus diversen Konsolen, und stechender Rauch trieb durch die Luft.
»Meldung!«
Riker wandte sich zu Picard um. »Sir, nach einigem Hin und Her erklärte sich der Pakled-Frachter bereit, die Schilde zu senken, damit wir seine Fracht scannen konnten. Was dann geschah, versuchen wir noch herauszufinden.«
»Captain, ich habe eine Theorie«, sagte Data. »Es scheint, als hätten sie einen Baryonenpartikelstrahl an unser zurückkommendes Sensorsignal gekoppelt. Ein sehr ausgefeiltes Manöver, das genaue Planung voraussetzt – und zudem detaillierte Kenntnisse der Subsysteme auf der Brücke der Enterprise. Hätten sie Erfolg gehabt, hätten sie auf diese Weise die ganze Brücke kontaminiert.«
»Irgendwelche Schäden am Rest des Schiffes?«
»Nein, Sir«, antwortete der Androide. »Die Aktion zielte auf die Hauptbrücke und wurde durch die Notfallabschirmung auch auf diesen Bereich beschränkt. Alle Kommandofunktionen sind automatisch auf die Gefechtsbrücke umgeleitet worden.«
Picard runzelte die Stirn und warf einen Blick auf den Hauptschirm, der beunruhigend leer war. »Wo befindet sich der Frachter jetzt?«
»Er entfernt sich Richtung Backbord mit einer Geschwindigkeit von Warp 2,1«, erwiderte der Androide. »Offenbar hat man von dieser Aktion nicht erwartet, dass sie die Enterprise längere Zeit außer Gefecht setzen würde, aber zumindest lange genug, um dem Frachter die Flucht zu ermöglichen. Mittlerweile hat er die Entmilitarisierte Zone erreicht.«
»Beenden Sie Alarmstufe Rot«, befahl Picard.
»Tut mir leid, Captain«, sagte Data, »aber wir können von der Hauptbrücke aus keine Kommandos geben.«
Picards Miene verfinsterte sich. Er tippte an seinen Kommunikator. »Picard an Gefechtsbrücke.«
»Crusher hier«, antwortete die Schiffsärztin. »Sieht es dort oben wirklich so schlimm aus, wie meine Sensoren anzeigen?«
»Ja! Sie haben das Kommando über das Schiff. Schalten Sie den Alarm ab.« Einen Moment später verstummten die Sirenen, und die Warnleuchten erloschen, doch Picard hatte das Gefühl, sich noch immer im Alarmzustand zu befinden. »Vielen Dank, Dr. Crusher. Wie ich sehe, waren Sie mit dem Wachdienst auf der Gefechtsbrücke an der Reihe.«
»Das hätte ich mir auch nicht entgehen lassen wollen«, meinte sie fröhlich.
»Picard Ende.« Der Captain warf Riker einen düsteren Blick zu. »Sobald hier wieder alles in Ordnung ist, will ich mit einem Vertreter der Pakled-Regierung sprechen.«
»Sir, wir können nicht völlig sicher sein, dass es sich tatsächlich um Pakleds gehandelt hat. Obwohl der Frachter eine Pakled-Kennung besaß, hat er unsere Funksprüche nur über den Audiokanal beantwortet. Außerdem kann ich mir nicht vorstellen, dass die Pakled genug über unser Schiff wissen, um so etwas fertigzubringen.«
Data fügte hinzu: »Wir können ihre Stimmaufzeichnung analysieren.«
»Tun Sie das.«
Der Androide setzte sich in Richtung Turbolift in Bewegung und blieb dann mit einem Blick auf den Captain wieder stehen. »Sir, es scheint keinen Grund zu geben, weiter auf der Brücke zu bleiben. Sie funktioniert nicht.«
Picard betrachtete das Durcheinander, in das sich seine geliebte Brücke verwandelt hatte, und seufzte schwer. »Richtig. Nummer Eins, Sie und Worf sichern die Brücke und kommen dann zu uns zur Gefechtsbrücke.«
»Ja, Sir.« Riker holte tief Luft und fügte hinzu: »So etwas wird nie wieder vorkommen.«
»Das will ich auch hoffen.« Picard senkte den Kopf und stapfte zum Turbolift.
Eine Stunde später saß der Captain am Konferenztisch des Beobachtungsraums, umgeben von seinen Senior-Offizieren: Dr. Crusher, Counselor Troi, Commander Riker, Lieutenant Commander Geordi LaForge, Lieutenant Commander Data und Lieutenant Worf. Es war an der Zeit, sich Vorschläge anzuhören und die Möglichkeiten abzuwägen.
»Technischer Bericht«, sagte er zu LaForge.
Der Chefingenieur saß vorgebeugt in seinem Sessel und justierte das VISOR, das seine Augen bedeckte. »Es sieht nicht besonders gut aus. Ich habe eine ausführliche Liste der Schäden auf der Brücke aufgestellt, Sie können sie über den Computer abrufen. Unter dem Strich sieht es folgendermaßen aus: Die Baryonen-Kontamination der Brücken-Subsysteme ist zu extensiv, um sie mit bordeigenen Mitteln zu beheben. Wir müssen eine Starbase aufsuchen, um die Reparaturen und eine Baryonenreinigung durchführen zu lassen. Und wenn wir schon dort sind, können wir auch gleich das gesamte Brückenmodul auf den neusten Stand bringen. So wird auch meine Empfehlung an Starfleet lauten.«
Picard hatte den Eindruck, er würde gleich ernsthafte Kopfschmerzen bekommen. »Wie lange wird das dauern?«
»Zwei oder drei Tage mindestens«, erwiderte Geordi. »Anschließend brauchen wir noch ein paar Tage für Testflüge. Um sicherzugehen, sollten wir mit einer Woche rechnen. Es wird zwar eine größere Reparatur, aber zumindest ist nur eine Sektion des Schiffes betroffen.«
Der Captain nickte und wandte sich Data zu. »Haben Sie die Stimmaufzeichnungen von dem Frachter analysiert?«
»Ja, Sir«, antwortete der Androide. »Die Person, die unseren Funkspruch beantwortet hat, war kein Pakled – es war ein Mensch. Wenn man unsern Standort bedenkt, erscheint die Vermutung naheliegend, dass der Maquis einen Pakled-Frachter entweder gestohlen oder gekauft habt, um Waffen in die Entmilitarisierte Zone zu bringen. Außerdem verfügt er offensichtlich über jemanden mit intimen Kenntnissen der Subsysteme der Enterprise sowie der gesamten Scanning-Prozedur.«
Riker sprach aus, was alle dachten: »Ro.«
Data nickte. »Das ist auch meine Vermutung. Lieutenant Ro hat erst vor kurzem ein erweitertes taktisches Training bei Starfleet besucht, und dabei könnte die Nutzung von Baryonenpartikelstrahlen zu Sabotagezwecken behandelt worden sein.«
Worf schlug mit der Faust auf den Tisch. »Wir haben immer noch den Warpantrieb und alle Waffen – verfolgen wir sie!«
Picard hob warnend die Hand. »Wenn die Enterprise in die Entmilitarisierte Zone eindringt, könnte das einen Krieg mit den Cardassianern auslösen. Wir müssen die Tatsache akzeptieren, dass wir bei dieser Konfrontation die Unterlegenen gewesen sind. Das ist das Problem beim Kampf gegen den Maquis – er verfügt über Dutzende ehemaliger Starfleet-Offiziere, und sie kennen uns besser als wir selbst.«
Picard strich sich über den kahlen Schädel. »Es scheint, wir haben keine Alternative, als eine Starbase zur Reparatur anzulaufen.«
»Auch für Ruhe und Erholung«, sagte Beverly Crusher. »Jeder auf diesem Schiff braucht Bordurlaub, daher bin ich keineswegs enttäuscht, dass wir für eine Woche an einer Starbase andocken müssen. Suchen wir uns eine mit guten Erholungseinrichtungen aus – wie Starbase 211. Sie ist ziemlich nah und verfügt über drei permanente Museen, darunter die Kraybon-Sammlung archäologischer Artefakte.«
Dieser Vorschlag zauberte ein flüchtiges Lächeln auf Picards Gesicht. »Ah, ja. Ich könnte mich mit Leichtigkeit eine Woche lang in der Kraybon-Sammlung verlieren. Auf jeden Fall werde ich nachprüfen, ob Starbase 211 über entsprechende Reparaturmöglichkeiten verfügt. Ich muss zugeben, eine Woche fern der Grenzpatrouille klingt gar nicht so furchtbar. Gibt es noch andere Vorschläge?«
Data nickte. »Ich werde eine neue Subroutine schreiben, um zurückkehrende Scannersignale auf Baryonenstrahlen zu überprüfen.«
»Tun Sie das«, sagte der Captain. »Ich mache mich jetzt besser an meinen Bericht für Starfleet. Und ich frage dabei auch gleich wegen eines Urlaubs nach. Sonst noch etwas?«
Worf knirschte mit den Zähnen. »Was werden wir wegen Ro Laren unternehmen?«
Der Captain schüttelte den Kopf. »Mr. Worf, wir wissen nicht genau, ob sie damit zu tun hatte. Es gibt viele Maquisarden, die sich mit Schiffen der Galaxy-Klasse auskennen.«
Picard bemühte sich, den verstörenden Gedanken zu verdrängen, Ro Laren könnte ihr eigenes – ihr ehemaliges – Schiff sabotiert haben, aber sie hatte ihr eigenes Schicksal gewählt, und in gewisser Weise hatte er ihr dabei geholfen. Der Captain erhob sich und sagte knapp: »Die Besprechung ist beendet.«
Timothy Wiley, ein gutaussehender junger Mann mit einem struppigen, roten Schnurrbart, betrat die Transporterplattform der Shufola und blickte zu dem älteren Bajoraner an der Konsole hinüber. Er sah, wie Vylor mit den veralteten Kontrollen kämpfte, um die Einstellungen auf einem für Menschen sicheren Level zu stabilisieren.
Wiley zwang sich dazu, sich ins Zentrum der glühenden, besorgniserregend summenden Scheibe zu stellen. »Bist du sicher, dass du mich nicht in ungarisches Gulasch verwandelst?«
»Ich weiß nicht, was das ist«, antwortete Vylor, »aber in ein paar Sekunden wirst du dich entweder auf dem Planeten befinden oder in den Händen der Propheten.«
Der junge Mann räusperte sich. »Mögen die Propheten Menschen?«
»Natürlich. Der Abgesandte ist ein Mensch.« Vylor musterte seine Instrumente und zuckte die Achseln. »Die Einstellung ist jetzt so genau, wie es geht. Kein Wunder, dass uns die Pakleds dieses Schiff so billig verkauft haben. Ich wünschte mir immer noch, es gäbe einen anderen Weg.«
Wiley schüttelte den Kopf. »Wir können es nicht riskieren, die Funkstille zu brechen, und ich muss die Architektin sehen. Davon abgesehen haben wir die Kosten für diesen Frachter schon wieder hereingeholt, selbst wenn ich nicht zurückkomme.«
»Wir werden dich morgen zur verabredeten Zeit abholen«, versicherte der weißhaarige Bajoraner. »Bestell der Architektin meine besten Grüße.«
»Mach ich, und arbeite du weiter an dem Traktorstrahl. Wir müssen in der Lage sein, ein Schiff bei Warpgeschwindigkeit zu schleppen.«
»Ist schon fast fertig.«
Wiley straffte die Schultern und holte tief Luft. »Energie.«
Dann drückte er die Augen fest zu. Er war nicht gerade scharf darauf, den Propheten oder St. Petrus zu begegnen, oder wer auch immer jene Unglückseligen in Empfang nahm, die einen alten Pakled-Transporter benutzten. Er spürte ein Stechen an der Hautoberfläche, das weitaus intensiver war als das dezente Kitzeln, das die Arbeit eines Föderationstransporters begleitete. Mit großer Erleichterung spürte er Geröll unter seinen Füßen und nahm den abscheulichen Geruch von brennendem Gummi wahr. Dann öffnete er die Augen und erblickte eine Szene, die Dantes Inferno würdig gewesen wäre. Unwillkürlich fragte er sich, ob er vielleicht irrtümlich im Land der verlorenen Seelen gelandet war.
Es war Nacht in diesem Teil von New Hope, in dieser Trümmerstadt, die seit Jahren ununterbrochen brannte, seit jenem letzten Angriff der Cardassianer, bevor der erste Vertrag in Kraft trat. Die schwarzen Gebäude, oder was noch davon übrig war, waren aus einer teerähnlichen Substanz erbaut worden, die man aus den Sümpfen und Bäumen gewonnen hatte, die den größten Teil von New Hope bedeckten. Der Teer war von Natur aus feuerresistent, ausgenommen, er wurde thermoaktiven Waffen ausgesetzt, und genau die hatten die Cardassianer beim Angriff auf die Stadt benutzt. Jetzt brannten die schwarzen Türme, die einmal einer halben Million Menschen Obdach geboten hatten, unaufhörlich weiter – eine tote Stadt aus schwelenden Fackeln, die Hunderte von Metern in den Himmel hinaufragten. Der Anblick erinnerte Timothy Wiley an die raucherfüllten Städte der Erde des 20. Jahrhunderts, die er auf alten Videobändern gesehen hatte.
Er hustete, als der furchtbare Qualm in seine Lungen drang, und stolperte von dem Geröllhaufen herunter. Mit einer Hand berührte er kurz den Beutel an seiner Hüfte, um sich zu vergewissern, dass er seine kostbare Fracht noch bei sich trug, dann blieb er stehen, um sich zu orientieren. Ein rauchgeschwärztes, grinsendes Skelett lag ein paar Schritte entfernt, den rechten Arm auf scheinbar zufällige Weise ausgestreckt. Wiley wusste, dass nichts daran zufällig war, und so suchte er sich vorsichtig einen Weg in jene Richtung, die der tote Mann ihm wies.
Die zum Himmel lodernden Flammen sorgten für genügend Licht, und so hatte er keine Schwierigkeiten, den nächsten Hinweispunkt zu finden – einen ehemaligen U-Bahn-Eingang. Das einstmals hell glänzende Metall von Eingang und Stufen war zu einem grotesken Krater zusammengeschmolzen, der über und über mit primitiven Symbolen bemalt worden war. Wiley entdeckte das Herz, das von einem Pfeil durchbohrt wurde, und wandte sich in die Richtung, in die der Pfeil zeigte. Jetzt musste er gefährlich nahe an einem brennenden Gebäude vorbei. Er spürte die intensive Hitze auf seiner Haut, während ihm gleichzeitig der Schweiß ausbrach. Der Boden war von geschmolzenen Glassplittern bedeckt, die unter seinen Schritten knirschten.
Schließlich entdeckte er einen alten Elektrowagen, der jetzt auch kaum mehr als einen Haufen Altmetall darstellte. Doch die Tür hing noch in den Angeln und funktionierte auch. Er öffnete die Tür entsprechend seinen Anweisungen, quetschte sich ins Innere und hockte sich auf den abgenutzten Sitz. Der modrige Geruch war überwältigend, und Wiley hielt die Luft an, als er den Knopf betätigte, der früher einmal das Licht eingeschaltet hatte. Augenblicklich versank sein Sitz im Boden, und ein anderer glitt an seine Stelle.
In der Röhre, in der er mehrere Stockwerke tief nach unten fuhr, gab es wenig zu sehen, dafür roch es hier noch stärker nach Moder. Schließlich hielt der Sitz an, und eine Metalltür öffnete sich neben ihm. Wiley ging hindurch und erblickte eine Frau mit einer Kälteschutzmaske, die ein Phasergewehr hielt.
»Name?«, fragte die Frau.
»Blue Moon«, antwortete Timothy Wiley.
Die Frau nickte und lächelte schließlich. »Sie hatten Erfolg?«
»Ja.« Wiley grinste und klopfte auf den Beutel an seinem Gürtel.
»Gut. Die Architektin erwartet Sie schon.« Die Frau trat zur Seite und deutete auf einen schmalen Korridor.
Wiley ging rasch, weil er es kaum erwarten konnte, die Architektin kennenzulernen, einen Neuzugang von Starfleet, der über enorme Kenntnisse der internen Abläufe bei Starfleet verfügte. In kurzer Zeit hatte sie die vereinzelten Operationen von Dutzenden unabhängiger Zellen revolutioniert und dafür gesorgt, dass die Raubzüge des Maquis dreister und erfolgreicher wurden. Dieser letzte Triumph war ein gutes Beispiel für ihre genialen Fähigkeiten, genau wie der Umstand, dass sie einen verwüsteten Planeten für ihre Kommandozentrale ausgesucht hatte. New Hope war sicher der letzte Platz, an dem die cardassianischen Todesschwadronen nach einer Zelle des Maquis suchen würden.
Waffen zu schmuggeln, war erst der Anfang. Sie hatten andere, sehr viel größere Pläne.
Am Ende des Korridors entdeckte Wiley eine einfache Holztür. Er stieß sie auf und betrat ein mit Computern und Sensoren vollgestopftes Büro. Eine schlanke Frau mit kurzgeschnittenem, dunklem Haar beugte sich über ein Terminal und gab Daten ein. Sie drehte sich zu ihm um, und er registrierte überrascht, dass sie keine Maske trug, um ihre Identität zu schützen. Die kleinen Kerben auf dem Nasenrücken wiesen sie als Bajoranerin aus. Er hatte nicht gewusst, dass Bajoraner bei Starfleet so weit aufsteigen konnten.
Außerdem fiel ihm auf, dass sie in gewisser Weise sehr attraktiv war.
»Architektin?«, fragte er.
Sie nickte knapp. »Sie haben es geschafft?«
Er grinste und strich sich stolz über den Schnurrbart. »Aber sicher. Die Baryonenpartikel auf dem zurückgehenden Scannerstrahl haben exakt so gewirkt, wie Sie gesagt hatten. Wir sind nicht nur durchgekommen, das Schiff, das wir gelähmt haben, war kein anderes als die Enterprise!«
Sie senkte den Kopf, und er entdeckte eine Spur von Traurigkeit in ihren hübschen braunen Augen. »Hat es Opfer gegeben?«
»Auf unserer Seite nicht, aber wir sind natürlich nicht lange genug geblieben, um herauszufinden, ob es bei ihnen welche gegeben hat. Wenigstens wissen wir jetzt, wie wir durch die Blockade kommen können.«
Die Architektin schüttelte düster den Kopf. »Nein, diesen Trick können wir nie wieder benutzen. Die Mannschaft der Enterprise ist die beste, die es gibt. Zweifellos wissen sie genau, was wir getan haben, und beim nächsten Mal wird jedes Schiff von Starfleet darauf vorbereitet sein. Es war Pech, dass Sie ausgerechnet der Enterprise begegnet sind – ich hatte gehofft, sie würden auf einen kleinen Kreuzer stoßen, bemannt von Fähnrichen, die frisch von der Akademie kommen.«
Sie erhob sich und streckte die Hand aus. »Haben Sie ein Muster?«
»Ja!« Er öffnete den Beutel, holte eine klingonische Disruptorpistole heraus und gab sie ihr. Sie musterte die schlanke Waffe mit dem geformten Griff und den Phasenintervallkammern.
»Das Ding hat keine Betäubungseinstellung«, meinte Wiley. »Bewaffnet mit diesen Disruptoren können wir gegen Cardassianer, Starfleet …«
»Nein!«, sagte sie scharf. »Diese Waffen werden niemals gegen Starfleet eingesetzt. Die Föderation ist nicht unser Gegner.«
»Nun, Freunde sind sie aber auch nicht«, erwiderte Wiley, den ihre Haltung verblüffte. »Sie haben auf uns gefeuert.«
Die schlanke Bajoranerin kniff die Augen zusammen. »Wenn die Enterprise auf Sie gefeuert hätte, wären Sie jetzt nicht hier.«
»Nun«, gab er zu, »sie haben uns einen Schuss vor den Bug gesetzt, um uns aufzuhalten.«
»Das ist die übliche Vorgehensweise«, sagte sie. »Was ist mit dem Rest des Plans? Ist Peacock an Ort und Stelle?«
»Ja. Ich habe die Nachricht erhalten, bevor wir das klingonische Gebiet verließen. Peacock hat seine neue Stellung angetreten und befindet sich genau dort, wo er sein soll. Jetzt wartet er nur noch auf die passenden Umstände. Die Shufola liefert jetzt ihre Ladung ab und kommt morgen zurück, um mich abzuholen. Und dann machen wir uns auf den Weg, um den Großen Preis einzukassieren!« Wiley grinste begeistert.
Zu seiner Überraschung musterte ihn die Architektin nur kühl. »Denken Sie daran: Bei dieser Mission darf niemand von Starfleet verletzt werden. Der Maquis hat viel Zeit in die Ausarbeitung des Plans investiert, und er wurde so entworfen, dass er sich ohne Zwischenfälle und ohne ein einziges Opfer durchführen lässt. Ich will Ihr Wort darauf, dass Sie niemanden von Starfleet verletzen.«
Wiley hob hilflos die Hände. »Ich werde es versuchen. Aber ich weiß wirklich nicht, weshalb Sie sich so viele Sorgen um die Föderation machen. Sie haben uns im Stich gelassen.«
»Sie sind immer noch Teil von uns, und wir sind Teil von ihnen. Sie dachten, sie könnten den Frieden erkaufen, indem sie den neuen Grenzregelungen zustimmten, aber Kreaturen wie die Cardassianer kann man auf diese Weise nicht zum Frieden bewegen. Sie haben einen schrecklichen Fehler begangen, und das müssen wir ihnen beweisen. Die langfristige Planung besteht darin, dass die Cardassianer vertrieben werden, unser Volk in seine Heimat zurückkehrt und wir uns wieder der Föderation anschließen. Verlieren Sie diese Dinge nie aus den Augen.«
»Okay«, sagte Wiley. »Eines Tages wollen Sie wohl auch wieder zurück zu Starfleet, was?«
Die junge Bajoranerin schüttelte traurig den Kopf. »Dafür ist es zu spät, jedenfalls, soweit es mich betrifft. Starfleet kennt zwar die meisten Mitglieder des Maquis nicht, seine ehemaligen Offiziere hingegen schon. Für mich gibt es keinen Weg zurück. Manchmal frage ich mich sogar, ob ich diesen Planeten jemals verlassen werde.«
Wiley empfand Mitgefühl für die schöne, junge Frau. Am liebsten hätte er sie in die Arme geschlossen und ihr versichert, dass alles zu einem guten Ende führen würde, aber er war sich dessen selbst nicht sicher. Bevor er sich den Maquis anschloss, war Wiley Navigator auf einem Handelsfrachter gewesen, und Starfleet wusste vermutlich nicht einmal, dass es ihn überhaupt gab. Wenn alles vorbei war, konnte er sehr wahrscheinlich seine frühere Karriere fortsetzen, während Starfleet auch davon nichts mitbekommen würde. Doch bei der Architektin lagen die Dinge anders. Um all das zu erfahren, was sie über Starfleet wusste, musste sie zu den Offizieren mit einer hohen Sicherheitseinstufung gehört haben, und das alles hatte sie aufgegeben, um einem Haufen vertriebener Kolonisten zu helfen.
Er streckte die Hand nach ihr aus, doch sie wich zurück. Mit heiserer Stimme sagte sie: »Gehen Sie jetzt. Meine Assistentin wird Ihnen etwas zu essen besorgen und einen Platz, an dem Sie schlafen können. Sie haben gute Arbeit geleistet und uns unserem Ziel einen Schritt näher gebracht.«
Nach diesen Worten setzte sie sich wieder an ihren Schreibtisch und beugte sich über die Instrumente. Als sie ihn weiterhin ignorierte, öffnete Timothy Wiley die Tür und ging hinaus. Er warf noch einen letzten Blick auf die junge Frau und dachte dabei, dass er wohl nie so einsam und allein sein würde wie sie.
Captain Picard strahlte, als er Beverly Crusher den Datenblock unter die Nase hielt. »Sehen Sie sich das an«, sagte er begeistert, »die Kraybon-Sammlung enthält das einzige bekannte Exemplar eines Feuerszepters aus den Ruinen von Iconia Primus. Es funktioniert natürlich nicht, ist aber trotzdem ein bemerkenswertes Artefakt. Die Dämonen, wie sie sich selbst nannten, konnten angeblich zwischen den Planeten reisen, ohne dafür Raumfahrzeuge zu benötigen.«
Beverly lächelte zustimmend. »Ich erinnere mich recht gut an die Legenden, Jean-Luc.« Ein Kellner kam an ihrem Tisch im Gesellschaftsraum vorbei, und Beverly streckte ihm ihre Tasse hin. »Kann ich bitte noch etwas von dem entkoffeinierten Kakao haben?«
»Gewiss«, meinte der junge Mann, nahm die Tasse und eilte davon.
»Entkoffeinierter Kakao?«, fragte Picard. »Ich hätte gedacht, Sie würden etwas … Stimulierenderes bevorzugen. Schließlich steht uns ein Urlaub bevor – auch wenn ich mir das noch immer nicht recht vorstellen kann.«
»Ich schon«, meinte die Ärztin. »Aber ich habe vor, die ersten vierundzwanzig Stunden durchzuschlafen. Danach wird es mir ein Vergnügen sein, mit Ihnen die Kraybon-Sammlung zu besuchen, obwohl ich eigentlich mehr an der Wanderausstellung des Hermitage-Museums interessiert wäre. Die Impressionisten des 20. Jahrhunderts liegen mehr auf meiner Linie.«
»Ganz recht!«, stimmte Picard zu und ergriff ihre Hände. »Beverly, hierherzukommen war eine ausgezeichnete Idee. Hier gibt es nicht nur ausgezeichnete Reparatureinrichtungen, auch all diese Museen sind wundervoll.«
Sie erwiderte seinen Blick mit ihren samtgrünen Augen. »So glücklich habe ich Sie schon lange nicht mehr gesehen. Vielleicht sollten wir die Brücke öfter demolieren lassen.«
Der Captain verzog schmerzlich das Gesicht. »Das scheint mir eine recht drastische Methode, um Urlaub zu bekommen, aber offenbar funktioniert sie. Ich hoffe nur, niemand kommt auf die Idee, mir die Rechnung zu präsentieren.«
Der junge Kellner tauchte mit Beverlys Kakao auf, und Picard ließ ihre Hände los. »Darf es sonst noch etwas sein?«, fragte der Kellner. »Wir schließen in ein paar Minuten, um alles für den Landgang vorzubereiten.«
»Nein, danke, wir sind restlos zufrieden«, erwiderte der Captain gutgelaunt. »Was haben Sie während des Urlaubs vor, Bartlett?«
»Ich werde ein Schiff nach Tau Ceti III nehmen«, sagte der junge Mann. »Ich habe meine Eltern seit zwei Jahren nicht mehr gesehen, und wer weiß, wann sich wieder eine Möglichkeit bietet.«
Picard nickte beifällig. »Sehr lobenswert.«
Bartlett runzelte kurz die Stirn. »Erwarten Sie wirklich, dass die Reparaturen eine Woche dauern?«
»Jedenfalls ist es das, was Commander LaForge geschätzt hat, und er irrt sich selten in solchen Dingen.«
»Übrigens«, sagte Beverly und schaute sich in dem geschmackvoll eingerichteten Raum um, »wo steckt Guinan?«
Bartlett grinste. »Sie packt noch immer. Kann sich nicht entscheiden, welche Hüte sie mitnehmen soll.«
Picard schmunzelte und entließ den jungen Mann mit einer Handbewegung. »Dann wollen wir Sie auch nicht weiter aufhalten. Viel Vergnügen.«
»Danke, Sir.«
Der Captain schaute zum Fenster hinüber, und sein Lächeln wurde noch breiter, als er sah, wie sich Starbase 211 ins Blickfeld schob. Sie erinnerte an ein riesiges DNS-Modell, das man mit Christbaumlämpchen geschmückt hatte. Praktisch alles, was die Föderation ihren raumfahrenden Mitgliedern zu bieten hatte, war hier erhältlich, angefangen bei einer blühenden Künstlerkolonie bis hin zu Reparatureinrichtungen, die ihresgleichen suchten. Die relative Nähe zum von den Cardassianern kontrollierten Raum sorgte für eine beachtliche Starfleet-Präsenz. Während sie näher an die spinnenähnliche Stadt im All herantrieben, konnte er andere Sternenschiffe erkennen, die an den Auslegern hingen wie Fliegen, die sich in einem schimmernden Netz verfangen hatten.
Picards Kommunikator zirpte, und eine vertraute Stimme sagte: »Gefechtsbrücke an Captain Picard.«
Er tippte das Gerät an und antwortete: »Ja, Nummer Eins.«
»Captain, wir haben Freigabe für Andockbucht 27. Voraussichtlich werden wir die Schleusen in drei Minuten öffnen.«
»Dann bringen Sie sie rein, Nummer Eins.«
»Ja, Sir«, sagte Riker begeistert. »Genießen Sie Ihren Urlaub, Sir. Brücke Ende.«
Der Captain strahlte Beverly an. »Gehen wir?«
Sie erwiderte das Lächeln und nahm ihren Koffer. »Gehen Sie voran.«
Picard schnappte seinen kleinen Seesack und folgte der Menge, die den Gesellschaftsraum verließ. An der ausfahrbaren Dockschleuse im unteren Teil der Diskussektion bildete sich eine Schlange, doch alle rückten für Dr. Crusher und den Captain beiseite. Der Captain nickte dankend, als er seinen Platz an der Spitze der Reihe einnahm. Der Rang brachte gewisse Privilegien mit sich, und er war sich nicht zu schade, sie auch zu nutzen – gelegentlich zumindest.
Der Captain überdachte seine Pläne für diesen Tag. Nachdem er seine Unterkunft auf der Station aufgesucht hatte, würde er sich mit Captain Slarn treffen, dem Kommandanten der Basis, und anschließend mit LaForge und der Reparaturmannschaft. Mit etwas Glück würde er diese Treffen rasch hinter sich bringen können und hätte dann den ganzen Nachmittag Zeit, die Wunder der Kraybon-Sammlung zu erforschen. Anschließend Abendessen mit Beverly, vielleicht der Besuch eines Theaterstückes oder Konzertes, ein später Aperitif …
Während der Captain seinen Gedanken nachhing, dröhnte plötzlich Will Rikers Stimme durch das Schiff. »Alle Mann bereitmachen zum Andocken!«
Mit einem leisen und zugleich beruhigenden Klicken rastete das Schiff in den Dockhalterungen ein. Sicherheitsoffiziere gingen rings um die Luftschleusen in Stellung, und ein junger Fähnrich salutierte, um Picard offiziell von Bord zu verabschieden. Als sie nebeneinander die Rampe entlanggingen, schwatzten der Captain und die Ärztin fröhlich über die Restaurants auf dieser kosmopolitischen Station. Sie betraten ein geräumiges Terminal und verrenkten sich die Hälse, um die gesamte geodätische Kuppel zu erfassen, die mindestens hundert Meter hoch sein musste. Sterne schimmerten jenseits der Kuppel, und Meteore strichen alarmierend nah vorbei. Erst einen Moment später, als ein Ringplanet durch die Schwärze glitt, begriff Picard, dass er eine Simulation betrachtete, und nicht etwa den sie tatsächlich umgebenden Raumabschnitt. Und er rief sich ins Gedächtnis zurück, dass die Kuppelwände aus mehreren Metern dicken Tripolymerlegierungen bestanden.
Trotz der immensen Größe war das Terminal brechend voll, und Jean-Luc und Beverly wurden von einem Meer aus humanoiden und fremdartigen Wesen verschluckt. Das war immer der beste Teil des Urlaubs, dachte der Captain, das Gefühl, einfach nur ein Gesicht in der Menge zu sein. Er spürte regelrecht, wie die Last der Verantwortung von seinen Schultern glitt und durch eine Mischung aus Erwartung und Vorfreude ersetzt wurde. Das Feuerszepter – er fühlte sich versucht, doch wieder seinen Rang auszuspielen, um die Erlaubnis zu bekommen, es einmal in der Hand zu halten. Ja, dachte der Captain, er würde auf jeden Fall versuchen, sich mit den Kuratoren der verschiedenen Museen auf Starbase 211 anzufreunden.
»Captain Picard!«, sagte eine scharfe weibliche Stimme.
Picard erstarrte. Seine Schultern sanken nach vorn, und sein Magen krampfte sich zusammen. Ohne die Lippen zu bewegen, flüsterte er Beverly zu: »Jetzt kriege ich doch die Rechnung.«
Er drehte sich um und sah sich einer ernst dreinblickenden Frau mit sandfarbenem Haar und Admiralsabzeichen gegenüber, die ihn stirnrunzelnd musterte. Sein Lächeln löste sich auf. Picard konnte den Borg gegenübertreten, den Romulanern, Q, den Cardassianer und sogar Worfs Verwandtschaft, doch Vize-Admiral Alynna Nechayev war die einzige Macht im Universum, die ihn bis ins Mark erschrecken konnte.
»Admiral Nechayev!«, sagte Beverly mit allem Charme, den sie aufbringen konnte. »Was für eine angenehme Überraschung. Und welch ein Zufall, dass Sie auch hier auf Starbase 211 sind.«
»Das ist kein Zufall«, erwiderte Nechayev mit stählernem Klirren in der Stimme. »Wenn Sie uns jetzt bitte entschuldigen würden, Dr. Crusher, ich habe unter vier Augen mit dem Captain zu sprechen.«
»Aber unsere Pläne …« Beverly verschluckte den Rest des Satzes und nahm Haltung an. »Jawohl, Admiral Nechayev. Es war ein Vergnügen, Sie wiederzusehen.«
Sie eilte davon, was exakt das war, was auch Picard getan hätte, hätte man ihm die Chance dazu gegeben. Doch so wandte er sich wie ein tapferer französischer Aristokrat auf dem Weg zur Guillotine Admiral Nechayev zu und reckte das Kinn vor. »Ich stehe zu Ihrer Verfügung.«
»Danke, Captain. Wir haben ein paar Dinge von besonderer Wichtigkeit zu besprechen.« Sie tippte ihren Kommunikator an. »Energie.«
Ihre Körper verschwanden in funkelnden Lichtsäulen und rematerialisierten in einem Konferenzraum, dessen Fenster auf etwas hinausging, das wie ein Irrgarten aus Handballfeldern wirkte. Als er genauer hinschaute, stellte Picard fest, dass dort tatsächlich mehrere Spiele im Gange waren, und er beneidete die Spieler, deren einzige Sorge den rein physischen Strapazen galt. Was hingegen seine eigenen Sorgen anging, so schienen sie im Moment zu einem Berg anzuwachsen.
»Hier wird uns niemand hören.« Nechayev berührte ein Paneel an der Wand, und die Fenster verdunkelten sich. Picard seufzte und richtete seinen Blick wieder auf die Admiralin.
»Ich habe Ihren Bericht über den Zwischenfall an der Grenze gelesen«, sagte Nechayev kopfschüttelnd. »Ich begreife noch immer nicht, wieso das Flaggschiff der Flotte einen alten Pakled-Frachter entkommen lässt und auch noch soviel Schaden nimmt, dass es das Raumdock aufsuchen muss.«
Der Captain spürte, wie seine Kehle trocken wurde. »Wie ich bereits in meinem Bericht ausgeführt habe, hielt sich meine Mannschaft an die Standardprozedur, da niemand bei einem Pakled-Frachter erwarten konnte, dass man dort über detaillierte Kenntnisse unserer Brücken-Subsysteme verfügt. Commander Data hat bereits eine Subroutine geschrieben, die zurückkehrende Sensorsignale auf Baryonenpartikelstrahlen hin überprüft.«
Nechayev musterte ihn ernst. »Sie befanden sich nicht einmal auf der Brücke, Captain. Ganz gleich, wie Sie es auch drehen und wenden, die Vorgehensweise gegenüber dem Frachter war ausgesprochen schlampig.«
In diesem Moment entschied sich Picard, die Dinge gegenüber der Vorgesetzten beim Namen zu nennen. »Bei allem schuldigen Respekt, Admiral, wir können nicht gegen ehemalige Starfleet-Offiziere vorgehen, ohne dabei eigene Verluste einzukalkulieren. Sie kennen unsere Schiffe, unsere Ausrüstung, unsere Leute und auch unsere Schwächen. Unsere Standardprozeduren sind unzureichend oder sogar schlichtweg gefährlich, wenn wir sie ihnen gegenüber benutzen. Der Maquis hat hervorragende Führer und verfügt über intelligente und hochmotivierte Leute. Und die Maquisarden haben einen Ort, an den sie sich zurückziehen, ohne dass wir ihnen nachsetzen könnten.«
Admiral Nechayev holte tief Luft, und Picard wappnete sich innerlich gegen eine neue Strafpredigt. Statt dessen ballte die Frau die Fäuste und begann, in dem Konferenzraum auf und ab zu schreiten. »Captain, ich habe Starfleet oft genug vor den Problemen gewarnt, die sich im Zusammenhang mit dem Maquis ergeben. Ich stamme aus einem Land, das auf eine Reihe furchtbarer Bürgerkriege zurückblickt, und nichts ist gefährlicher als eine Revolution aus dem Innern. Wenn eine nennenswerte Anzahl von Bürgern beginnt, die eigene Regierung für inkompetent zu halten … dann ist das der Anfang vom Ende.«
Sie wandte sich um und deutete auf Picard. »Aber wie dem auch sei, es gehört nicht zu unseren Aufgaben, die politischen Entscheidungen der Föderation in Frage zu stellen. Wir haben Frieden mit Cardassia, und der Preis dieses Friedens ist der Maquis, und der fällt in unsere Verantwortlichkeit. Es ist unsere Aufgabe, mit ihm fertig zu werden, ganz gleich, wie schwierig die Umstände sein mögen oder mit wem wir es zu tun haben.«
»Verstanden«, sagte Picard und ärgerte sich gleichzeitig über die Implikationen ihrer Aussage.
Admiral Nechayev musterte ihn mit zusammengezogenen Brauen. »Ro fiel unter Ihre Verantwortung, Captain«, erinnerte sie ihn. »Sie waren ihr Kontakt bei jener Mission.«
Langsam antwortete Picard: »Das ist richtig – ich war ihr Kontakt –, und niemand bedauert den Verlust von Ro Laren stärker als ich. Trotzdem möchte ich Sie daran erinnern, dass ich nicht der einzige war, der sie für diese Mission ausgewählt hat. Wir waren beide der Ansicht, es sei ein Spiel, bei dem sich der Einsatz lohnen würde, selbst wenn die Gefahr eines Rückschlags bestand.«
Nechayev nickte düster und starrte die glänzende Platte des Konferenztischs an. »Ja, wir teilen die Verantwortlichkeit für Ro Laren, und Sie können sicher sein, dass ich dafür schon einiges zu hören bekommen habe. Und Sie haben nur deshalb keinen Verweis erhalten, Captain, weil ich die volle Verantwortung für die Fahnenflucht von Lieutenant Ro Laren übernommen habe.«
»Ich bin sicher, wir werden eine Chance bekommen, die Scharte auszuwetzen«, meinte Picard mit bemüht aufmunterndem Ton.
Admiral Nechayev lächelte schwach und blickte ihn direkt an. »Merkwürdig, dass Sie das gerade jetzt sagen, Captain. Die Gelegenheit zur Wiedergutmachung ergibt sich nämlich gerade jetzt als direktes Ergebnis der Beschädigung Ihrer Brücke. Wann haben Sie zum letzten Mal eine Notfallabtrennung der Diskussektion durchgeführt?«
Picard räusperte sich unbehaglich. »Das ist schon einige Zeit her, Admiral.«
»Ja, ich weiß. Ich erinnere mich an eine ganze Reihe von Begebenheiten, die gefährlich genug waren, um eine Abtrennung der Diskussektion zu rechtfertigen, doch Sie scheinen sich stets dagegen zu sträuben. Man könnte behaupten, Sie hätten wissentlich das Leben von nicht zur Stammbesatzung gehörenden Personen und deren Familien aufs Spiel gesetzt.«
Der Captain versteifte sich. »Jede Person an Bord der Enterprise befindet sich freiwillig dort und ist sich der Risiken bewusst. Ich habe die Abtrennung bei vielen Gelegenheiten erwogen, doch das Hauptproblem besteht darin, dass die Diskussektion keinen eigenen Warpantrieb besitzt. In den meisten Fällen kann sie weder weit genug noch schnell genug fliehen, um der Gefahr zu entkommen. Ich gebe zu, dass ich es vorziehe, mein Schiff komplett zu erhalten, doch ich würde nicht zögern, den Diskus abzutrennen, wenn ich der Ansicht wäre, ich würde damit wirklich Leben retten.«
Etwas konzilianter fügte er hinzu: »Auf dem Weg hierher mussten wir von der Gefechtsbrücke aus arbeiten, und ich empfinde beträchtlichen Respekt für diesen oft vernachlässigten Teil des Schiffes. Trotzdem ist es nicht die echte Brücke.«
Nechayev musterte ihn zufrieden. »Ja, Sie und die Enterprise sind die perfekte Wahl für diese Mission.« Sie beugte sich etwas vor und stützte sich dabei auf den Tisch. »Sie sprechen von der Diskussektion und ihrer Unfähigkeit, einer Gefahrensituation zu entfliehen, doch sie verfügt über einen einzigartigen Vorzug – sie kann den Eintritt in eine planetare Atmosphäre überstehen und anschließend eine Bruchlandung hinlegen.«
»Theoretisch zumindest«, erwiderte Picard. »Ich möchte das wirklich nicht ausprobieren müssen.«
»Sie haben recht«, stimmte Nechayev zu. »Wir haben diesen Vorgang noch nie testen können.«