Inhalt

Titel

Zu diesem Buch

Widmung

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Epilog

Eine unkluge Rettung

Danksagungen

Die Autorin

Die Romane von Ilona Andrews bei LYX

Impressum

Cover

Ilona Andrews

Stadt der Finsternis

TÖDLICHES BÜNDNIS

Roman

Ins Deutsche übertragen

von Bernhard Kempen

Zu diesem Buch

Die Pubertät ist für die Nachkommen der Gestaltwandler eine Zeit der Entscheidung über Leben und Tod. Immer wieder geschieht es, dass Teenager zu wilden, mutierten Bestien werden. Als ein Kind aus Kate Daniels’ engstem Freundeskreis dieses Schicksal ereilt, ist die Kriegerin fest entschlossen, das Mädchen zu retten. Doch das einzige Heilmittel gegen die Krankheit wird von Lord Megobari und seinem skrupellosen Gestaltwandlerclan in Europa hergestellt, der das Rezept nicht preisgibt und sich das Mittel teuer bezahlen lässt. Kate und ihr Geliebter Curran sind jedoch nicht länger willens, so viele junge Gestaltwandler zu verlieren. Sie brauchen die Medizin schnell und in großen Mengen. Da kommt es ihnen gerade recht, dass Curran die Tochter eines Clanführers beschützen soll, deren ungeborene Kinder zum Zankapfel zwischen den Gestaltwandlern Osteuropas geworden sind. Gemeinsam machen sie sich auf die Reise nach Georgien, um mit Lord Megobari ein Geschäft auszuhandeln. Ein riskantes Unterfangen, denn beide wissen, dass sie sehenden Auges in eine Falle laufen. Doch als sie herausfinden, wer sie wirklich nach Europa gelockt hat, wird Kate und Curran klar, dass die Gefahr ungleich größer ist, als sie es sich in ihren schlimmsten Träumen hätten ausmalen können.

Für unsere Väter,

wo immer sie auch sein mögen

KAPITEL 1

Ich wirbelte den Speer herum. »Keine Widerrede mehr, sonst gibt’s Hausarrest.«

Julie verdrehte die Augen mit der ganzen Verachtung, die eine Vierzehnjährige aufbringen konnte, und wischte sich die blonde Haarsträhne aus dem Gesicht. »Kate, wann wird mir das jemals im wahren Leben nützlich sein?«

»Es wird dir in den nächsten fünf Sekunden nützlich sein, wenn du nicht willst, dass ich dich aufspieße.«

In meinen sechsundzwanzig Jahren hatte ich schon viele Jobs gemacht. Unterrichten gehörte nicht dazu. Hauptsächlich hatte ich auf blutige und kreative Weise Menschen umgebracht. Aber Julie war mein Mündel und meine Verantwortung. Mit einem Speer zu üben tat ihr gut. Es stärkte ihre Muskeln, ihre Reflexe und ihr Gleichgewicht, und all das würde ihr zugutekommen, wenn wir mit dem Schwert weitermachten.

Vor mehreren Jahrzehnten war die Magie in unsere Welt zurückgekehrt und hatte unsere technisierte Gesellschaft und die damit verbundene Illusion von Sicherheit zerstört. Magie und Technik stritten sich immer noch, spielten mit dem Planeten wie zwei Kinder, die sich den Ball zuwarfen. Wenn das eine funktionierte, tat es das andere nicht.

Die Polizei tat ihr Bestes, aber die meiste Zeit waren die Telefone außer Betrieb, oder alle verfügbaren Kräfte waren gerade mit wichtigen Noteinsätzen beschäftigt, retteten zum Beispiel Schulkinder vor einer Horde unbändiger Hyänen. Während die Ressourcen knapp und Menschenleben nicht viel wert waren, standen Plünderungen an der Tagesordnung. Kluge Stadtbewohner gingen nachts nicht mehr aus. Blieb man vom Abschaum verschont, geriet man bestimmt in die Fänge von magischen Monstern mit riesigen Zähnen.

Jeder war für seine Sicherheit selbst verantwortlich, und wir setzten auf Magie, Schusswaffen und Messer. Julies magische Kräfte waren einzigartig und wurden hochgelobt, aber im Kampf waren sie nutzlos. Ihre Fähigkeit, die Farben der Magie sehen zu können, würde ihr nicht helfen, einen Vampir zu töten. Meine beste Freundin Andrea brachte ihr den Umgang mit Schusswaffen bei. Ich würde nicht einmal einen Elefanten auf drei Meter Entfernung treffen, obwohl ich ihn wahrscheinlich zu Tode prügeln könnte. Aber für Hieb- und Stichwaffen war ich eine gute Lehrerin.

Ich zielte auf Julies Bauchgegend und bewegte mich im Schneckentempo. Sie drehte ihren Speer wie ein Ruder und schlug meinen damit herunter.

»Und?«

Sie sah mich nur mit großen Augen an. Meistens nahm Julie das Training ernst, aber an Tagen wie diesen schien es, als hätte ihr jemand einen Schalter in ihrem Kopf umgelegt und das Gehirn vom Körper getrennt. Mit den richtigen mütterlichen Worten hätte ich sie sicher dazu bewegen können, sich zusammenzureißen, aber ich hatte Julie vor etwa einem Jahr auf der Straße aufgelesen, und alles, was mit Erziehung zusammenhing, war Neuland für mich. Meine Mutter war gestorben, bevor sich mein Erinnerungsvermögen entwickelt hatte, also konnte ich nicht auf eigene Erfahrungen zurückgreifen.

Zu allem Übel hatte ich Magie zu Hilfe genommen, um Julie das Leben zu retten. Sie konnte sich einem direkten Befehl von mir nicht widersetzen, was sie aber nicht wusste, und dabei wollte ich es auch belassen. Nach ein paar Fehlschlägen hatte ich gelernt, dass der Tonfall wichtig war. Wenn ich ihr klare Anweisungen gab, statt Befehle zu brüllen, konnte sie mich glatt ignorieren.

Um uns herum war der Wald des Rudels voller Leben. Die Nachmittagssonne schien hell. Blätter raschelten im leichten Wind. Eichhörnchen hüpften überall auf den Zweigen herum, völlig unbeeindruckt von den mehreren Hundert Werwölfen in unmittelbarer Nähe. In der Ferne war schwach das Geräusch von Kettensägen zu hören – die schmale Straße zur Festung drohte unpassierbar zu werden, und ein Team von Gestaltwandlern war heute Morgen losgeschickt worden, um einige Bäume zu fällen.

Ein gelber Schmetterling taumelte in die Höhe. Julie beobachtete ihn.

Ich zog meinen Speer zurück, drehte ihn um und stach ihr mit dem Griff in die linke Schulter.

»Aua!«

Ich seufzte. »Pass doch auf!«

Julie verzog das Gesicht. »Mir tut der Arm weh!«

»Dann solltest du mich lieber abblocken, damit ich dir nicht noch mehr Schmerzen zufüge.«

»Das ist Kindesmissbrauch.«

»Jammer nicht. Wir üben Parieren.«

Ich stach noch einmal in Zeitlupe mit der Speerspitze zu. Julie wehrte meine Waffe mit ihrer ab und rührte sich nicht.

»Steh da nicht einfach mit deinem Speer rum. Du hast eine Chance, vielleicht möchtest du etwas daraus machen.«

Sie hob ihren Speer und machte einen halbherzigen Versuch, mir damit in die Brust zu stechen. Ich gab ihr kurz Zeit, um sich zu erholen, aber sie rührte sich nicht. Das war’s. Mir reichte es.

Ich drehte den Speer um und schlug ihr damit die Beine unter dem Körper weg. Sie fiel auf den Rücken, und ich rammte den Speer wenige Zentimeter von ihrem Hals entfernt in den Boden. Das hellblonde Haar lag aufgefächert um ihren Kopf, als sie blinzelte.

»Was ist heute mit dir los?«

»Kevin hat Maddie zum Mondtanz eingeladen.«

Die Werbärin Maddie war Julies beste Freundin. Der Mondtanz war eine vom Rudel organisierte Party, bei der Jugendliche an jedem zweiten Freitagabend Dampf ablassen sollten – vorausgesetzt, dass die Magie außer Kraft war. Dann holten die Gestaltwandler die Lautsprecher hervor und ließen Tanzmusik von den Zinnen der Festung dröhnen. Von einem Jungen zum Mondtanz eingeladen zu werden war verständlicherweise eine große Sache. Trotzdem war es keine Erklärung, warum zwei Monate Unterricht und Training mit dem Speer aus dem Kopf meines Mündels verschwunden waren.

»Na und?«

»Ich soll ihr beim Auswählen der Klamotten für morgen helfen«, sagte Julie und lag faul da.

»Ist das etwa wichtiger als dein Training?«

»Ja!«

Ich zog meinen Speer zurück. »Gut, dann geh nur. Du schuldest mir Samstag eine Stunde.« Keine Macht auf Erden hätte sie in diesem Zustand dazu gebracht, sich zu konzentrieren. Also war das Training mit ihr reine Zeitverschwendung.

Der kindliche Faulpelz verwandelte sich plötzlich in eine flinke Gazelle und sprang auf. »Danke!«

»Schon gut.«

Wir kehrten aus dem Wald zurück. Die Welt blitzte kurz auf, eine magische Flut schwappte über uns hinweg durch den Wald. Die Kettensägen stotterten ein paarmal und fielen dann ganz aus, gefolgt von lautem Fluchen.

Die offizielle Bezeichnung dieses Phänomens war Nachwende-Resonanz, aber meistens sprach man einfach von Magiewogen. Sie kamen aus dem Nichts und überrollten die Erde, wobei sie die Elektrizität auslöschten, interne Verbrennungsmotoren abschalteten, Schusswaffen unbrauchbar machten und Monstren ausspuckten. Wenn die Magie verschwand, gingen elektrische Lichter wieder an und Schusswaffen brachten den Tod. Niemand konnte vorhersehen, wie stark die Woge sein oder wie lange sie dauern würde. Das machte das Leben chaotisch, aber wir hielten durch.

Die Bäume teilten sich, und eine Grasebene war zu sehen. In der Mitte erhob sich die Festung wie ein grauer künstlicher Berg, ein Beispiel dafür, was entstehen konnte, wenn sich mehrere Hundert höchst paranoide und außergewöhnlich starke Leute zusammentaten und beschlossen, dass sie einen sicheren Schlafplatz brauchten. Einerseits erinnerte die Festung an ein modernes Bollwerk, andererseits an eine mittelalterliche Burg. Wir näherten uns von Norden, was uns freie Sicht auf den Hauptturm gab. Von hier aus wirkte das Ganze wie ein trostloses, verwunschenes Hochhaus inklusive Penthouse, in dem Curran und ich unseren Schlupfwinkel hatten.

Es war nicht immer so gewesen. Wir hatten uns weder gesucht noch sofort unsere Seelenverwandtschaft entdeckt. Als wir uns trafen, hielt er mich für eine rücksichtslose Söldnerin, die sich je nach Laune jeder Autorität widersetzte. Ich hielt ihn für einen arroganten Bastard, der genug Probleme hatte, um die Festung von oben bis unten damit zu tapezieren. Aber nun waren wir zusammen. Er war der Herr der Bestien, und ich war seine Gemahlin, womit ich eine verantwortungsvolle Stellung gegenüber eintausendfünfhundert Gestaltwandlern hatte, dem größten Rudel im Süden des Landes. Ich hatte diese Verantwortung nicht gewollt, und wenn ich die Wahl hätte, würde ich so weit wie möglich weglaufen, aber es war anscheinend der Preis dafür, mit Curran zusammen zu sein. Ich liebte ihn, und er war es wert. Er war alles wert.

Wir gingen um die Festung herum und traten durch die geöffneten Tore in den Innenhof. Eine Gruppe von Gestaltwandlern arbeitete an einem der Fahrzeuge des Rudels, einem umgebauten Jeep. Die Kühlerhaube war unförmig aufgebläht, weil zwei Motoren darin Platz finden mussten, einer für Benzin und einer für magisches Wasser. Sie winkten uns zu, als wir vorbeigingen. Wir winkten zurück. Die Gestaltwandler akzeptierten mich, teils weil ich für meine Stellung kämpfte und ihnen keine Wahl ließ, teils weil Curran zwar fair, aber seine Toleranzschwelle gegenüber Schwachsinn sehr niedrig war. Wir waren uns nicht immer einig, aber wenn jemand eine Bitte direkt an mich richtete, lehnte er meinen Vorschlag niemals ab, und das Rudel mochte es, die Option einer zweiten Meinung zu haben.

Die verstärkte Stahltür stand weit offen. Ende Mai war es in Georgia heiß, und im Sommer würde es noch heißer werden. Es wäre sinnlos gewesen, die Festung zu klimatisieren, darum standen alle Türen und Fenster offen, um für Durchzug zu sorgen. Wir schritten durch einen engen Gang und nahmen dann die riesige Treppe in Angriff, die der Fluch meiner Existenz war. Ich hasste sie, seit ich zum ersten Mal hatte hinaufsteigen müssen, und eine Knieverletzung machte meinen Hass nur noch stärker.

Zweiter Stock.

Dritter Stock. Blöde Treppe.

»Gemahlin!«

Die Stimme klang so dringlich, dass ich mich umdrehte. Eine ältere Frau rannte mit aufgerissenen Augen und offenem Mund durch den Korridor des dritten Stocks auf mich zu. Meredith Cole, Maddies Mutter.

»Sie wollen sie umbringen!« Sie hielt mich fest. »Sie wollen meine Mädchen umbringen!«

Jeder Gestaltwandler im Korridor erstarrte. Eine Alpha ohne Erlaubnis anzufassen wurde als Körperverletzung betrachtet.

Tony, einer von Doolittles Assistenten, kam um die Ecke und rannte uns durch den Gang entgegen. »Meredith! Warte!«

Doolittle war der Heilmagier des Rudels. Ich zuckte erschrocken zusammen. Es gab nur einen Grund, warum der Heiler des Rudels ein Kind töten würde.

»Kate? Was ist los? Wo ist Maddie?« Julies Stimme überschlug sich.

»Hilf mir!« Meredith umklammerte meinen Arm. Meine Knochen ächzten. »Lass nicht zu, dass sie meine Babys töten!«

Tony hielt inne. Er wusste nicht, was er tun sollte.

Ich sagte mit ruhige Stimme: »Zeig es mir.«

»Hier entlang. Doolittle hat sie.« Meredith ließ mich los und zeigte den Gang hinunter.

»Was ist hier los?«, kreischte Julie.

Ich marschierte den Korridor entlang. »Das werden wir gleich herausfinden.«

Tony schloss sich uns an. Wir näherten uns der medizinischen Abteilung.

»Er ist dahinten«, sagte Tony. »Ich zeige es euch.«

Er übernahm die Führung. Wir folgten ihm durch den Krankenhausflügel in einen runden Raum, von dem sechs lange, schmale graue Betonkorridore abgingen. Tony nahm den direkt vor uns. Am Ende erwartete uns eine Stahltür mit einem verräterischen Silberschimmer. Wir gingen darauf zu. Der Klang unserer Schritte hallte von den Wänden wider. Drei Riegel, jeder so dick wie mein Handgelenk, sicherten die Tür, die im Moment nicht zugesperrt war. Mir wurde weh ums Herz. Ich wollte nicht sehen, was dahinter war.

Tony packte die dicke Metallleiste, die als Türklinke diente, zog daran und öffnete die Tür zu einem düsteren Raum. Ich ging hinein. Rechts von mir stand Doolittle neben ein paar Stühlen, ein schwarzer Mann Anfang fünfzig mit dunkler Haut und silbern meliertem Haar. Er drehte sich zu mir um, und seine sonst so freundlichen Augen sagten mir alles, was ich wissen musste: Meine schlimmste Befürchtung war wahr geworden, und es gab keine Hoffnung.

Links von mir standen zwei in blaues Feenlampenlicht getauchte Gefängniszellen aus Plexiglas nebeneinander. Um jede Zelle waren Stahl- und Silberstäbe gewickelt. Ich konnte keine Türen sehen. Den einzigen Zugang zu den Zellen ermöglichte eine Art Münzautomat, der davor angebracht war.

In den Zellen warteten zwei Monstren. Missgestaltet und grotesk waren ihre Körper zu einem schrecklichen Albtraum aus halbmenschlichen Körperteilen, übergroßen Krallen und Flecken aus dichtem Fell verdreht. In die Ecke gekauert kuschelten sie sich aneinander, nur getrennt durch das Plexiglas und die Stangen. Ihre Gesichter mit übergroßem Kiefer und merkwürdig verkrümmten Zähnen ließen einen nicht nur vor Schreck erstarren, der Anblick konnte einen ein Leben lang verfolgen.

Das Monster zur Linken hob den Kopf. Zwei blaue Menschenaugen blickten uns voller Angst und Schrecken an.

»Maddie!« Julie sank vor den Metallstäben zu Boden. »Maddie!«

Das zweite Monster rührte sich. Ich erkannte den braunen Haarschopf. Maddie und Margo. Julies beste Freundin und ihre Zwillingsschwester verwandelten sich in Loups.

Jeder Gestaltwandler musste sich entscheiden. Er konnte sich entweder seine Menschlichkeit bewahren, indem er sich Ordnung und strikte Disziplin auferlegte und sich stets zurückhielt, oder er konnte sich der stürmischen Begierde hingeben, die vom Lyc-V – dem Gestaltwandler-Virus – ausgelöst wurde, und sich in einen wahnsinnigen Loup verwandeln. Loups mordeten, quälten und weideten sich am Schmerz anderer. Sie konnten eine rein menschliche oder animalische Form nicht aufrechterhalten. Wenn ein Gestaltwandler zum Loup wurde, gab es kein Zurück mehr. Das Rudel musste ihn ausmerzen.

Unter großem Stress vermehrte sich Lyc-V explosionsartig im Körper eines Gestaltwandlers. Die Pubertät mit den hormonellen Schwankungen und der emotionalen Achterbahnfahrt war die stressigste Zeit für einen Gestaltwandler. Ein Viertel der Kinder überlebte sie nicht.

»Sag es ihm!«, flehte Meredith mich an. »Sag ihm, dass er meine Kinder nicht töten darf.«

Doolittle sah mich an.

Das Rudel hatte ein kompliziertes Verfahren, um die Wahrscheinlichkeit von Loupismus anhand der Virusmenge im Blut festzustellen.

»Wie hoch ist die Lycos-Zahl?«

»Zweitausendsechshundert für Maddie und zweitausendvierhundert für Margo«, sagte er.

Über eintausend war ein ziemlich sicheres Anzeichen von Loupismus.

»Wie lange sind sie schon so?«, fragte ich.

»Seit zwei Uhr gestern Nacht«, antwortete Doolittle.

Es war vorbei. Das war vor über vierzehn Stunden. Also versuchten wir nur, das Unvermeidliche hinauszuzögern. Verdammt!

Julie hielt sich an den Stäben fest. Mein Herz zog sich zu einer schmerzhaften harten Kugel zusammen. Vor ein paar Monaten hatte sie genauso ausgesehen, ein Durcheinander aus Mensch und Tier, als sich das Virus in ihrem Körper ausgetobt hatte. Ich hatte immer noch Albträume, wie ich über ihr stand, während sie mich an ein Krankenhausbett gekettet anknurrte. Und wenn ich aufwachte, ging ich mitten in der Nacht zu ihrem Zimmer, um mich zu vergewissern, dass sie am Leben und wohlauf war.

»Bitte, Gemahlin, bitte!«, flüsterte Meredith. »Du hast auch Julie gerettet.«

Sie hatte keine Ahnung, was sie von mir verlangte. Der Preis war viel zu hoch. Selbst wenn ich zustimmen würde – was ich nicht konnte –, waren die Magie eines ganzen Hexenzirkels, die Macht mehrerer heidnischer Priester und mein Beinahe-Tod nötig gewesen, um Julie vom Virus zu befreien. Es war eine einmalige Sache, die ich nicht wiederholen konnte.

»Julie wurde dank ihrer magischen Kräfte wieder gesund«, log ich mit sanfter Stimme.

»Bitte!«

»Es tut mir so leid.« Die Worte schmeckten wie Glasscherben in meinem Mund. Ich konnte nichts für sie tun.

»Das darfst du nicht!«, wandte sich Julie an mich. »Du darfst sie nicht töten. Du weißt es nicht. Sie könnten sich wieder erholen.«

Nein, ganz bestimmt nicht. Ich wusste es, trotzdem warf ich Doolittle einen Blick zu. Er schüttelte den Kopf. Wenn die Mädchen eine Chance auf Genesung hätten, würde es inzwischen Anzeichen dafür geben.

»Sie brauchen nur noch ein wenig Zeit.« Meredith klammerte sich an Julies Worte wie ein Ertrinkender an einen Strohhalm. »Nur noch ein wenig Zeit.«

»Wir werden warten«, sagte ich.

»Wir würden es nur hinausschieben«, sagte Doolittle ruhig.

»Wir werden warten«, wiederholte ich. Es war das Mindeste, was wir für sie tun konnten. »Setz dich zu mir, Meredith.«

Wir nahmen nebeneinander auf zwei Stühlen Platz.

»Wie lange?«, fragte Doolittle ruhig.

Ich sah Meredith an. Sie starrte auf ihre Töchter. Tränen liefen ihr über die Wangen.

»So lange, wie es nötig ist.«

*

Ich schaute auf die Uhr an der Wand. Wir waren seit über sechs Stunden im Zimmer. Die Mädchen zeigten keine Besserung. Gelegentlich schlug das eine oder das andere in Rage gegen das Plexiglas, knurrte vor unbezähmbarer Wut und fiel danach erschöpft auf den Boden. Ihnen zuzusehen tat weh.

Doolittle war ein paar Stunden weg gewesen, jetzt war er aber wieder da und saß allein an der anderen Wand. Er war grau im Gesicht und sagte kein Wort.

Vor ein paar Minuten war Jennifer Hinton, die Alpha des Wolf-Clans, in den Raum gekommen. Sie stand gegen die Wand gelehnt, hielt die Hände schützend vor ihren Bauch und das Baby darin. Sie sah mitgenommen aus, die Angst in ihren Augen grenzte an Panik. Ungefähr zehn Prozent der Werwölfe wurden bei der Geburt zu Loups.

Meredith rutschte von ihrem Stuhl. Sie setzte sich neben dem Plexiglas auf den Boden und begann zu singen. Ihre Stimmte zitterte.

»Schlaf, Kindlein, schlaf, der Vater hüt’ die Schaf …«

Oh Gott!

Jennifer hielt sich die Hand vor den Mund und flüchtete aus dem Raum.

»Die Mutter schüttelt’s Bäumelein …«

Margo rührte sich und kroch, das missgebildete Bein hinter sich herziehend, zu ihrer Mutter. Maddie folgte ihr. Die drei kuschelten sich ans Plexiglas gepresst aneinander. Meredith sang verzweifelt weiter. In ihrem Schlaflied schwangen jahrelange Liebe und Hoffnung mit, und das alles lag nun im Sterben. Ich hatte Tränen in den Augen.

Julie stand auf und schlich sich aus dem Zimmer.

Ich hörte Meredith beim Singen zu und wünschte, ich hätte stärkere magische Kräfte. Eine andere Magie. Ich wünschte, ich wäre mehr. Seit ich mich erinnern konnte, hatte mich mein Adoptivvater Voron zu einer Waffe gemacht. In meinen frühesten Erinnerungen aß ich ein Eis und hielt ein Schwert auf dem Schoß. Ich hatte Dutzende Kampfsportarten erlernt. Ich hatte in Arenen und in Sandgruben gekämpft. Ich konnte in die Wildnis gehen und Monate später völlig unbeschadet wieder herauskommen. Ich konnte die Untoten lenken, was ich vor allen anderen verbarg. Ich konnte mein Blut zu einem festen Stachel modellieren und ihn als Waffe einsetzen. Ich hatte mehrere Zaubersprüche in einer so alten und mächtigen Sprache erlernt, dass sie die Urmagie heraufbeschworen. Es genügte nicht, sie nur zu kennen, man musste sie sich entweder aneignen oder sterben. Ich hatte sie bekämpft und mir zu eigen gemacht. Auf dem Höhepunkt eines magischen Tsunamis hatte ich einen dazu benutzt, um eine Armee von Dämonen vor mir in die Knie zu zwingen.

Und nichts davon konnte mir jetzt helfen. Mit all meiner Macht konnte ich zwei verängstigten Mädchen und ihrer weinenden Mutter nicht helfen. Ich konnte nur vernichten, töten und zertrümmern. Ich wünschte, ich könnte es ändern, einfach mit den Armen wedeln, den erforderlichen Preis dafür bezahlen und alles zum Guten wenden. Ich wollte so verzweifelt, dass alles gut wurde.

Meredith war verstummt.

Julie war mit einem Snickers-Riegel zurückgekommen. Sie packte ihn mit zitternden Fingern aus, brach die Süßigkeit entzwei und ließ die Stücke durch die Schlitze fallen.

Maddie streckte die Hand danach aus. Vier verkümmerte Wurstfinger und eine einzelne vier Zentimeter lange Kralle spießten den Riegel auf. Sie zog ihn zu sich. Ihre Kiefer fielen auseinander, und sie biss mit ihren krummen Zähnen ein kleines Stückchen Schokolade ab. Es brach mir das Herz.

Margo warf sich knurrend und schreiend gegen das Glas. Das fünfzehn Zentimeter dicke Plexiglas erbebte nicht einmal. Wimmernd stürzte sie sich noch einmal dagegen und noch ein weiteres Mal. Immer wenn ihr Körper gegen die Wand prallte, zuckte Meredith zusammen.

Die Tür öffnete sich. Ich sah den vertrauten muskulösen Körper und das kurze blonde Haar. Curran.

Er musste die Festung verlassen haben, denn anstelle der gewohnten Jogginghosen trug er Jeans. Wenn man ihn ansah, gewann man den Eindruck von überwältigender Stärke. Das T-Shirt spannte sich über den breiten Schultern und dem mächtigen Brustkorb. An den Armen traten die Bizepse wie gemeißelt hervor. Der Bauch war flach und hart. Alles an ihm strahlte große physische Kraft aus, die zurückgehalten wurde, aber jederzeit abrufbar war. Er bewegte sich wie eine Katze auf der Jagd, elegant, geschmeidig und völlig ruhig, wenn er durch die Korridore der Festung schlich, wie ein Löwe in seinem Bau aus Stein. Würde ich ihn nicht kennen und ihm in einer dunklen Gasse begegnen, würde ich Reißaus nehmen.

Seine körperliche Präsenz war beunruhigend, obwohl die eigentliche Kraft in seinen Augen lag. Sobald man in die graue Iris schaute, wusste man, dass er seine Autorität nicht infrage stellen ließ, und wenn seine Augen golden wurden, wusste man, dass man sterben würde. Es war eine Ironie des Schicksals, dass er sich in mich verliebt hatte. Ich forderte seine Autorität jede Woche heraus.

Curran sah mich nicht an. Wenn er sonst den Raum betrat, kreuzten sich unsere Blick in einem stillen Moment gegenseitiger Verständigung, wie um zu fragen: He, alles gut bei dir? Er sah mich nicht an und zog eine finstere Miene. Irgendetwas stimmte nicht. Abgesehen von Maddie.

Curran ging an mir vorbei zu Doolittle und gab ihm einen kleinen Plastikbeutel, der mit einer olivfarbenen Paste gefüllt war.

Doolittle öffnete den Beutel und schnupperte am Inhalt. Er machte große Augen. »Woher …?«

Curran schüttelte den Kopf.

»Ist es das Wundermittel?« Meredith drehte sich zu ihm um. Ihre Augen waren plötzlich wieder lebendig.

Das Wundermittel wurde von europäischen Gestaltwandlern hergestellt, die es wie Gold hüteten. Das Rudel versuchte schon seit Jahren, die Formel zu entschlüsseln, was ihm bislang jedoch nicht gelungen war. Die Kräutermischung verminderte die Gefahr, bei der Geburt an Loupismus zu erkranken, um fünfundsiebzig Prozent und kehrte die Transformation bei einem Drittel der Jugendlichen um. Es gab einen Mann in Atlanta, der es irgendwie schaffte, es in kleinen Mengen einzuschmuggeln, die er dem Rudel zu exorbitanten Preisen verkaufte. Aber vor ein paar Wochen hatten die Gestaltwandler ihn mit durchgeschnittener Kehle in einem Teich gefunden. Jims Sicherheitstruppe verfolgte die Spur der Killer bis zur Küste. Dort hatten sie Segel gesetzt und sich unserer Gerichtsbarkeit entzogen. Jetzt hatte Curran einen Beutel davon. Wie ist Euch das gelungen, Euer pelzige Majestät?

»Das reicht nur für eine Dosis«, sagte Doolittle.

Verdammt. »Kannst du mehr besorgen?«

Curran schüttelte den Kopf.

»Also müssen wir eine Entscheidung treffen«, sagte Doolittle.

»Das kann ich nicht.« Meredith erschauderte.

»Zwing sie nicht dazu.« Wie zum Teufel sollte man ein Kind dem anderen vorziehen?

»Teile es«, sagte Curran.

Doolittle schüttelte den Kopf. »Mylord, wir haben die Chance, eine von beiden zu retten …«

»Ich sagte, teile es.« Curran knurrte. Seine Augen blitzten golden auf. Ich hatte recht. Es war etwas Schlimmes passiert, und es ging nicht nur um Maddie und Margo.

Doolittle machte den Mund zu.

Curran ging zurück und lehnte sich mit verschränkten Armen an die Wand.

Die Paste wurde in zwei gleich große Portionen geteilt. Tony mischte sie einem Pfund Rinderhackfleisch unter und ließ es anschließend in die Zellen fallen. Die Kinder stürzten sich auf das Fleisch, leckten es vom Boden auf. Die Sekunden krochen vorbei, die Minuten im Schlepptau.

Margo zuckte. Der Pelz an ihrem Körper schmolz. Ihre Knochen falteten sich zusammen, schrumpften, richteten sich neu aus … Sie heulte laut, dann fiel ein nacktes und blutiges Mädchen auf den Boden.

Danke! Danke, wer immer du da oben bist!

»Margo!«, rief Meredith. »Margo, Schatz, antworte mir. Antworte mir, mein Kind!«

»Mama?«, flüsterte Margo.

»Mein Baby!«

Maddies Körper zitterte. Ihre Glieder verdrehten sich. Die Deformation ihres Körpers schrumpfte zwar, aber die Tiermerkmale blieben. Ich war enttäuscht. Es hatte nicht gewirkt.

»Sie ist auf zwei runter«, sagte Doolittle.

Der Verwandlungskoeffizient gab an, wie sehr der Körper von einer Form in die andere gewechselt war. »Was heißt das?«

»Es ist ein Fortschritt«, sagte er. »Wenn wir mehr von dem Wundermittel hätten, wäre ich optimistisch.«

Doch das hatten wir nicht. Tony hatte die Beutel nicht nur geleert, er hatte sie auch aufgeschnitten und das Innere der Plastikfolie auf das Fleisch gerieben und es dann mit dem Messerrücken gesäubert. Maddie war noch immer vom Loupismus befallen. Wir mussten mehr von dem Wundermittel beschaffen. Wir mussten sie retten.

»Ihr dürft sie nicht umbringen!« Julies Stimme wurde schrill. »Das dürft ihr nicht!«

»Wie lange kannst du das Kind im Zaum halten?«, fragte Curran.

»Wie lange wäre es nötig?«, fragte Doolittle.

»Drei Monate«, sagte Curran.

Doolittle blickte finster drein. »Du verlangst von mir, sie ins Koma zu versetzen.«

»Geht das?«

»Ja«, sagte Doolittle. »Die Alternative wäre die Terminierung.«

Curran sprach kurz und knapp. »Mit sofortiger Wirkung werden alle Terminierungen von Kindern mit Loupismus ausgesetzt. Stattdessen werden sie ruhiggestellt.« Er drehte sich um und ging.

Ich hielt kurz inne, um Julie zu sagen, dass alles gut werden würde, dann rannte ich hinter ihm her.

Der Gang war leer. Der Herr der Bestien war fort.