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Jürgen Hövelmann

Auge um Auge

Ein Marburg-Krimi

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Impressum

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

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Alle Rechte vorbehalten

4. Auflage 2020

Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt

Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © Ludwig Klingelhöfer, Gladenbach

ISBN 978-3-8392-5042-6

Widmung

Gewidmet meinen Eltern und

meinem Bruder Klaus,

der viel zu früh gegangen ist,

jedoch unvergessen bleibt.

1. Kapitel

Klaus-Jürgen Bottenbach verließ seine großzügige neue Penthouse-Wohnung am Ortenberg bereits um kurz nach halb sechs. Ein kühler Oktobermorgen empfing ihn mit leichtem Nieselregen. Frischer Morgentau lag auf Pflanzen und Autoscheiben. Bottenbachs erster Blick ging den Berg hinauf Richtung Kaiser-Wilhelm-Turm (oder Spiegelslust-Turm, wie die Marburger ihn in der Regel zu nennen pflegten). Dort, in östlicher Richtung, ließen sich die ersten Vorboten des nahenden Tagesanbruchs erkennen.

Er ging in die Tiefgarage, stieg in seinen 5er BMW und fuhr los. Nach einigen Minuten bog Bottenbach bereits in die Universitätsstraße ein.

Seine hämmernden Kopfschmerzen wirkten wie ein Nachhall der zurückliegenden schlaflosen Nacht. Warum man sich mit ihm ausgerechnet zu dieser frühen Stunde treffen wollte, vermochte er sich nicht auszumalen.

Bottenbach war Chirurg an der Marburger Uni-Klinik auf den Lahnbergen. Er hatte seinen Weg gemacht, war erfolgreich und hatte so manches Schäfchen bereits ins Trockene gebracht. Dabei war er gerade erst in seinen frühen Dreißigern und hatte bisher sein ganzes Leben auf die Karriere ausgerichtet. Jetzt, wo er gut situiert war und seinen Platz im Leben gefunden hatte, konnte er nun langsam darüber nachdenken, eine Familie zu gründen. Bei dem Gedanken fuhr ihm ein leichtes Lächeln über das Gesicht. Sein Leben fing an, jene Früchte zu tragen, auf die er all die Jahre zielstrebig hingearbeitet hatte. Bottenbach war eben ein sehr strukturierter Mensch, der seine Zukunft genau plante. Jedenfalls machte er auf jedermann den Eindruck.

Sein Wagen fand wie von selbst den richtigen Weg. Als gebürtiger Marburger, aufgewachsen im Ortsteil Ockershausen, kannte sich Bottenbach in seiner Stadt bestens aus. Er kam durch das Barfüßertor und bog über den Rotenberg in die Sybelstraße ein. Der Nieselregen hatte sich gelegt. Erst vor ein paar Wochen war er zuletzt hier oben auf dem Schlossberg gewesen und hatte eine der letzten Vorstellungen des diesjährigen Open-Air-Kinos mit seiner Freundin Corinna besucht.

Die alte Freilichtbühne im Schlosspark wurde neben den sommerlichen Kino-Vorstellungen auch für andere Veranstaltungen wie etwa das jährliche Festival ›3 Tage Marburg‹ genutzt. ›3TM‹, wie es die Einheimischen kurz nannten, war ein großes Fest, wo es zu ebenso zahlreichen wie unterschiedlichen Aufführungen im Schlosspark und in der alt-ehrwürdigen Oberstadt kam. Bis hinunter zum Lahnufer zogen sich die vielen Aktivitäten.

Es gab allerlei Bühnen, auf denen kleine Theaterstücke aufgeführt wurden, oder auf denen es zu musikalischen und sonstigen künstlerischen Darbietungen kam. Zahlreiche kleine Buden, fahrende Händler und Essensstände komplettierten stets den festlichen Rahmen der Veranstaltung, die nicht nur im näheren Marburger Umland, sondern auch bis weit über die Grenzen Hessens hinaus einen ausgezeichneten Ruf genoss.

Dann verfinsterte sich seine Miene. Er dachte daran, den Kontakt zu den Leuten abzubrechen, die ihm so viel abverlangten. Schon seit Wochen trug er sich mit dem Gedanken. Allerdings war mit dieser Sorte Mensch nicht zu spaßen, aber es musste sein. Zu vieles hatte er inzwischen getan, auf das er nicht gerade stolz war.

Mit derlei Gedanken beschäftigt brachte er seinen Wagen zum Stehen. Wenn eine der zahlreichen Veranstaltungen auf dem Marburger Schlossberg stattfand, war in dieser Gegend kaum ein Parkplatz zu finden. Nun aber, zu dieser frühen Stunde, wo das Leben in der Stadt gerade erst erwachte, war Bottenbachs Suche nach einem geeigneten Stellplatz von vergleichsweise kurzer Dauer.

Das letzte Stück des Weges hatte er zu Fuß zurückzulegen. Da Ort und Zeitpunkt seiner Verabredung immer näher rückten, machte er sich nun doch wieder Gedanken, worum es sich dabei eigentlich handelte. Von einem ›äußerst wichtigen Treffen‹ hatte sein Kontaktmann gestern Abend am Telefon gesprochen. Ferner sollte es zur Übergabe ›bedeutender Dokumente‹ kommen, hieß es.

Bottenbach atmete tief durch. Er steckte die Autoschlüssel in die rechte Hosentasche und machte sich auf den Weg. Ein intensiver Geruch von bereits gefallenen leicht modrigen Blättern, erst kürzlich gemähtem Rasen und noch von der Nacht feuchten Pflastersteinen stieg ihm in die Nase. Gelblich-orange schienen die vereinzelten Laternen im Schlosspark. Wer auch immer sich zu einer solchen Stunde hierher verirrte, sollte wenigstens genügend Beleuchtung haben, um nicht von den vorgegebenen Fußwegen abzukommen.

Dem Chirurgen war nun doch etwas unheimlich zumute. Seiner Ansicht nach hätte man sich auch ebenso gut in einer der zahlreichen gemütlichen Studentenkneipen oder in einem der Restaurants der Universitätsstadt treffen können. Vor allem hätte er sich einen günstigeren Zeitpunkt gewünscht. Es war der 3. Oktober, der Tag der Deutschen Einheit. Er hatte Vorgesetzte bekniet, und Dienstpläne waren umgestellt worden, nur damit Bottenbach diesen Feiertag tatsächlich freimachen konnte. Nun befand er sich in der fahlen Morgendämmerung auf dem Marburger Schlossberg und wusste nicht, was er hier eigentlich sollte. Sie zahlten gut, aber das war es nicht wert! Sie hatten ihn zu einem intriganten Schleimer gemacht, zu jemandem, der er nicht sein wollte. Die Zeit der Scharade musste ein Ende haben, er kannte sich selbst nicht mehr. Er hatte mittlerweile richtig Angst vor ihnen.

Er kam am vereinbarten Zielort an, dem Eingang zur Schlossparkbühne, der zu dieser Tageszeit versperrt war. Bottenbach wollte auf die Uhr blicken. Das erübrigte sich, denn in der Nähe begann gerade eine Kirchenglocke sechs Mal zu schlagen. Er war also pünktlich.

Etwas nervös blickte er sich um. Noch niemand war zu sehen. Der Chirurg rieb sich angespannt die Hände. Er stand mit dem Rücken zur Absperrung, damit er alles, was sich vor ihm abspielte, möglichst gut erkennen konnte. Dies war allerdings fast unmöglich, denn ausgerechnet diese Stelle war um solch eine Uhrzeit noch in ein tiefes Grau gehüllt.

Nur schemenhaft konnte er die Bäume erkennen, die in etwa acht Metern Entfernung vor ihm standen. Immerhin war er in dieser Position einigermaßen vor etwaigen unangenehmen Überraschungen von hinten geschützt.

Dann hörte er ein Rascheln von rechts und erschrak, um kurz darauf befreit aufzuatmen. Ein Eichhörnchen lief knapp neben seinen Füßen vorbei und verschwand links im Dickicht. Es war offensichtlich noch so dunkel, dass ihn das scheue Tier nicht wahrnahm.

Bottenbach stand regungslos da und harrte der Dinge, die da kommen würden. Er aktivierte die Beleuchtung seiner Armbanduhr. Es war nun schon vier Minuten nach. Der junge Chirurg wusste nicht, ob er nervöser oder ungeduldiger war. Die Sekunden verrannen wie Minuten. Warum hatte er nur noch einmal zugesagt? Er hätte nun gemütlich in seinem Bett liegen können, statt sich diesen ›Unsinn‹ anzutun. Seine Ungeduld wuchs immer mehr an. Missmutig und angespannt lauschte er in die Dunkelheit.

Von Ferne vernahm er Motorengeräusche, die immer näher kamen, bis sie etwa dort verstummten, wo er selbst seinen Wagen abgestellt hatte. Kurz darauf hörte Bottenbach das Schlagen einer Autotür.

Angesichts des Geräuschs war er etwas erleichtert.

Nach einer Weile hörte er Schritte, die zügig näher kamen. Sein Herz begann zu pochen. Immer lauter wurden die Schritte. Die Person konnte allenfalls noch zehn Meter von seiner Linken entfernt sein. Sollte er sich besser zu erkennen geben? Sollte er all seinen Mut zusammennehmen und entschlossen vortreten? Er entschied sich, ruhig an dieser Stelle zu verharren. Die Schritte waren fast angekommen. Drei Meter, zwei Meter … Bottenbach stockte der Atem.

Nur recht schemenhaft konnte er die Silhouette eines offensichtlich jungen Mannes erkennen, der zügig an der Stelle vorüberging. Ein Mann, der aber jederzeit zurückkommen konnte. Erst als die Schritte auch in etlichen Metern Entfernung noch zu hören waren und sich augenscheinlich von Bottenbach entfernten, wagte er wieder zu atmen. Warum hatte er sich nur darauf eingelassen?

Der Chirurg lauschte weiter angestrengt. Offensichtlich war er versetzt worden. Immerhin seit acht Minuten stand er nun schon dort. Nach wie vor konnte er nur recht wenig seiner Umgebung erkennen. Sollte er sich unter eine der Laternen stellen? Die nächste war etwa 30 Meter von ihm entfernt. Aber aus dem Hellen ins Halbdunkel zu blicken, hätte vermutlich bedeutet, noch deutlich weniger zu erkennen, als es ohnehin schon der Fall war.

Hätte er doch wenigstens eine Taschenlampe mitgebracht. Sie hätte ihm diesen fragwürdigen Aufenthalt doch erheblich erleichtert, hätte ihm nicht nur als Lichtquelle, sondern auch als rudimentäre Schlagwaffe zur Verteidigung dienen können. Aber er war sich nicht einmal sicher, ob er überhaupt eine besaß.

Immerhin waren jetzt seine Kopfschmerzen nahezu verflogen. So konnte er zumindest etwas klarer denken. Er fasste den Entschluss, noch bis Viertel nach zu warten. Sollten all der Aufwand, das frühe Aufstehen und das nervenaufreibende Warten völlig umsonst gewesen sein? Bottenbach begann, sich bereits auf sein warmes Bett zu freuen.

Weil seine Beine vom vielen Herumstehen langsam ermüdeten, bewegte er sich ein wenig. Er machte einige Schritte vor und wieder zurück. 06.12 Uhr. Die Helligkeit des aufleuchtenden Zifferblatts seiner Uhr brachte kurzzeitig etwas Licht in das Dunkel.

Er begann herumzugehen und versuchte, durch die Absperrung etwas von der Schlossparkbühne zu sehen. Dabei trat er vor eine Hecke, die sich links des Eingangs befand. Da! Plötzlich spürte Bottenbach, dass jemand hinter ihm war. Er wollte sich noch umdrehen, aber eine Hand hakte sich von hinten unter seinem linken Arm ein und klemmte seine Schulter fest. Er war völlig panisch und zur Bewegungslosigkeit verdammt, dann spürte er einen grässlichen Schmerz in seiner Kehle. Unmittelbar danach versank er in eine dunkle, endgültige Nacht.

Pepper kläffte zufrieden, als ihm sein Herrchen eine frische Portion Dosenfutter hinstellte. Er war jetzt seit vier Jahren bei Gisbert Nau und fühlte sich pudelwohl – so pudelwohl wie man sich als Golden Retriever eben fühlen konnte.

Nau, dessen Familienstammbaum in den kleinen Marburger Vorort Schröck zurückreichte, war von Herzen froh, wieder in der alten Heimat zu sein. Er hatte seine gesamte Kindheit und Jugend in der Universitätsstadt verbracht, bis ihn seine Karriere im Polizeidienst durch halb Hessen führte und es ihn schließlich in die Landeshauptstadt Wiesbaden verschlug.

Dort war er bis zuletzt als Kriminalkommissar tätig, doch eine kleine Erbschaft brachte ihn zurück an die Lahn. Dies war durchaus wörtlich zu verstehen, denn besagte Erbschaft bestand im Wesentlichen aus einem gemütlichen kleinen Häuschen im zentral gelegenen Marburger Stadtteil Weidenhausen.

Nur wenige Dutzend Meter hatte Gisbert Nau von dort zurückzulegen, und er stand am Ufer des Flusses. Ideal, um mit seinem Vierbeiner Spaziergänge ans Wasser zu unternehmen.

Der 56-Jährige wollte nun in aller Gelassenheit seinen Vorruhestand genießen. Allerdings war ihm klar, dass ihn seine alte Passion nicht vollständig loslassen würde. Wann immer etwas kriminalistisch Interessantes in seiner Umgebung geschehen sollte, würde es ihn gewaltig in den Fingern jucken. Allerdings, so dachte er zumindest, war im beschaulichen Marburg mit so etwas wohl kaum zu rechnen.

»Na Pepper, hat es dir geschmeckt?«

Der Golden Retriever hatte aufgefressen und war zu Nau herübergekommen, der es sich in einem Ohrensessel gemütlich gemacht hatte und in einem Magazin blätterte. Pepper legte sein Kinn auf Gisberts Knie und vollzog jenen treuen Augenaufschlag, der schon Jungtieren in die Wiege gelegt schien.

»Ich weiß, diesen Blick übst du heimlich vor dem Spiegel.« Nau musste schmunzeln und strich seinem Gefährten liebevoll über den Kopf. »Willst wohl noch einen Nachschlag?«

Durch ein kurzes »Wuff« signalisierte der Vierbeiner, dass sein Herrchen ihn verstanden hatte.

Nau stand auf und ging in die Küche, um kurz darauf mit einer neuen Portion Hundefutter wiederzukommen. Nachdem Pepper versorgt war, ging er zurück in die offene Küche, die direkt an das Wohnzimmer grenzte, und setzte frischen Tee auf. Er war kein Kaffeetrinker. Kaffee mit seinen Inhaltsstoffen wühlte ihn entweder zu sehr auf oder machte ihn eher schläfrig. Dazwischen lag so gut wie nichts. Eine gute Tasse Tee, und Gisbert konnte stets in Ruhe nachdenken. Und nachgedacht hatte er in seinem Leben viel, über die mögliche Lösung von Fällen gegrübelt und sein Hirn zermartert.

Er war jetzt seit einigen Wochen in Marburg, aber fing schon langsam an, seinen früheren Arbeitsalltag und Lebensinhalt zu vermissen. Einfach so in den Tag hinein zu leben war etwas Schönes, doch so ganz ohne eine Aufgabe kam sich Nau etwas überflüssig vor. Vermutlich würde es besser sein, sich bald ein Hobby zuzulegen. Gisbert Nau war handwerklich noch nie sehr geschickt gewesen, aber vielleicht ließ sich dennoch etwas auf diesem Gebiet finden, womit er sich sinnvoll beschäftigen konnte.

Da klingelte das Telefon. »Geh’ mal ran Pepper, ich bin beschäftigt!«

Weil der Hund seiner Aufforderung naturgemäß nicht nachkam, hatte Nau alsbald den Hörer am Ohr. Pepper kam hinzu und wedelte mit dem Schwanz. Der treue Hund schaute dabei aufmerksam zwischen Naus Gesicht und dem Apparat hin und her, als begreife er nicht, warum der Kommissar plötzlich so angeregt in seine Hand redete.

Das Telefonat dauerte einige Minuten. Dann beendete Nau das Gespräch. Einerseits machte er eine betroffene Miene, andererseits konnte er nicht verhehlen, dass ihn der Grund des Anrufs gefreut hatte.

»Pepper, es gibt Arbeit.« Nau griff nach seiner Jacke. »Willst du mit?«

Noch bevor Nau ausgeredet hatte, saß Pepper an der Haustür und konnte es augenscheinlich kaum erwarten, herausgelassen zu werden.

Draußen erwartete die beiden ein heller, freundlicher Oktobermorgen und fast völlige Stille. Dafür hätte es nicht einmal des Feiertags bedurft, denn das Haus von Gisbert Nau lag in einer ruhigen Sackgasse. Hier gab es selten einmal Hektik und Unruhe. Nachdem der Hund hinten in den alten Kombi geklettert war, fuhren sie auch schon los. Nach einigen Minuten kam ihr Ziel in Sicht.

Als sie auf dem Schlossberg ankamen fielen Nau schon von Weitem die beiden Streifenfahrzeuge auf. Wie alle im Polizeidienst befindlichen PKWs Hessens hatten auch sie Wiesbadener Kennzeichen. Ein gewohntes Bild für Gisbert Nau, das ihn an alte Zeiten erinnerte. Hinzu kamen einige andere Autos, die sich aber auf die Schnelle noch nicht zuordnen ließen.

»Schnall dich ab, Pepper, wir sind da!«

Gisbert Nau liebte es, seinen Hund auf derartige Weise zu vermenschlichen, zumal ihm dieser des öfteren deutlich menschlicher vorkam als so mancher Zweibeiner. Die vielen Jahre im Polizeidienst hatten ihn desillusioniert. Zu oft hatte sich die Krone der Schöpfung viel mehr als deren Bodensatz herausgestellt.

»Halt! Hier können Sie nicht durch!«, keifte ein junger Streifenpolizist mit mehr Schroffheit, als seine milchbubenhaften Züge es hätten vermuten lassen, »… und halten Sie nicht länger den Verkehr auf!«

Nau kurbelte das Fenster herunter und erklärte ihm freundlich, aber bestimmt, wer er sei und was er hier zu suchen habe. Daraufhin sprach der junge Mann in sein Funksprechgerät und gab schließlich den Weg frei. Er machte eine entschuldigende, fast unterwürfige Geste, als Nau an ihm vorbeifuhr.

»Na also, geht doch«, murmelte dieser leise zu sich und lächelte milde zurück.

Er fuhr noch ein paar Meter, stellte den Wagen ab und entließ Pepper aus dem Kofferraum. Der Golden Retriever wedelte hocherfreut mit dem Schwanz, sprang auf die Erde und fing augenblicklich an, in allen möglichen Ecken herumzuschnüffeln.

»Komm, wir gehen.« Nau dachte nicht im Mindesten daran, ihn an die Leine zu legen. Dafür war sein Hund einfach zu gut erzogen. Der Kommissar im vermeintlichen Vorruhestand ging los und gab ihm damit die Richtung vor. Pepper folgte brav mit einigem Abstand, vergaß aber dabei nicht, gelegentlich in einem Laubhaufen zu wühlen oder an einer Markierung zu schnüffeln, die offensichtlich ein Artgenosse vor nicht allzu langer Zeit hinterlassen hatte.

Nach einer nicht allzu langen Wegstrecke kamen die beiden am Tatort an, an dem sich ein knappes Dutzend Personen befand. Naus erster Blick fiel auf die Leiche eines recht jungen Mannes, der in einer Blutlache lag. Unweit von ihm befand sich ein Zinksarg, der bereitstand, um seine makabre Fracht abzutransportieren. Der Kommissar gab seinem Hund einen Wink, der ihm bedeutete, sich etwas abseits dieser Szenerie aufzuhalten und sich nicht weiter zu rühren.

Gisbert Nau hatte noch keine Gelegenheit, sich näher mit der Leiche zu befassen, denn nun kamen ihm zwei Beamte entgegen.

»Wagner hat gesagt, dass Sie angekommen sind«, sagte der eine mit mäßig freundlichem Ton und schüttelte ihm die Hand. Nau hätte seine Hand nach der Berührung am liebsten gleich wieder zurückgezogen und mit einem Taschentuch abgewischt. Zu gefühlskalt und eklig fühlte sich der erste Kontakt mit seinem Gegenüber an, etwa so, als hätte er soeben eine Schlange angefasst.

»Mein Name ist Ludwig Reckmann«, stellte sich das Reptil vor. Dann machte es eine fast abwertend wirkende Geste zur Seite. »… und das ist mein Kollege Peter Löwenstein.«

»Sehr erfreut«, war der Kollege zu vernehmen. »Schön, mit Ihnen zusammenzuarbeiten.« Löwenstein ließ dem Händedruck ein freundliches Lächeln folgen, das Nau als ehrlich empfand.

Der etwas dickliche Mittvierziger mit Dreitagebart war Nau vom ersten Augenblick an sympathisch, ganz im Gegensatz zu dem jungen aufschneiderischen Reckmann, der offensichtlich Löwensteins Vorgesetzter war. Eine Vormachtstellung, die er auch immer wieder weidlich auszunutzen schien.

»Herr Kunze vom Landeskriminalamt aus Wiesbaden rief mich eben an«, sagte Nau. »Er meinte, ich sollte Ihnen ein wenig unter die Arme greifen. Mit anderen Worten: Er hat mich beauftragt, die Leitung der Ermittlungen zu übernehmen.«

»… und uns vermeintlichen Landeiern mal zu zeigen, wie ihr in Wiesbaden so ermittelt«, ergänzte Reckmann mit einem süffisanten Unterton, der Gisbert Nau nicht gefallen konnte.

Reckmann schien Nau ein typischer Karrierist zu sein. Während Löwenstein in seiner Lederjacke eher hemdsärmlig daherkam, rückte der Anzugträger Reckmann gerade seine Krawatte zurecht.

Gisbert Nau überging bewusst die zynische Aussage. »So, dann lassen Sie uns mal schauen, womit wir es hier zu tun haben.«

»Mit einem jungen Chirurgen von der hiesigen Uni-Klinik«, sagte Löwenstein, der sofort einen giftigen Blick Reckmanns erntete, weil er sich erdreistet hatte, als Erster zu antworten. Er fuhr dann aber doch fort: »Eine Passantin hat ihn vor drei Stunden gefunden. Wir haben sie schon befragt und erst einmal nach Hause gehen lassen. Sie schien ziemlich fertig. Die Befragung hat nichts Besonderes ergeben. Ihre Personalien haben wir natürlich aufgenommen. Er lag einfach da und war tot.«

»Wer hat denn den blöden Köter mitgebracht?«, entfuhr es Reckmann, dem entgangen war, dass der Golden Retriever gerade eben mit Gisbert Nau gekommen war.

»Das ist mein Hund«, erklärte der Kommissar. »Sie müssen sich keine Sorgen machen. Er ist gut erzogen und wird Ihnen sicher keine Spuren verwischen.« Dabei fiel sein Blick auf das Team der Spurensicherung und die hübsche junge Gerichtsmedizinerin, die sich gerade neben die Leiche gehockt hatte, um sie genauer zu untersuchen.

»Ähm … ja, entschuldigen Sie bitte, das wusste ich nicht.«

Nau bemerkte, wie Löwenstein den Kopf schüttelte und sich ein Schmunzeln kaum verkneifen konnte.

»Er hatte seinen Ausweis, Führerschein und auch die Wagenpapiere dabei.« Reckmann hatte den Faden wiedergefunden. »Wir lassen im Moment gerade sein Fahrzeug untersuchen.«

Nau schaute einigen Leuten der Spurensicherung hinterher, die sich soeben in Richtung Parkplatz auf den Weg machten.

»Es handelt sich um einen Klaus-Jürgen Bottenbach«, meldete sich Löwenstein zurück.

»Man hat ihm die Kehle durchgeschnitten«, sagte wieder das Reptil und zeigte keine Spur von Anteilnahme. »Der hatte es schnell hinter sich.«

»Mehr wird uns vermutlich Frau Wenzel sagen können«, meinte Löwenstein und deutete auf die Pathologin, die gerade in einer Art Arztkoffer wühlte und darin kleine forensische Utensilien verstaute. Nau meinte, einen Pinsel und eine Pinzette zu erkennen.

Frau Wenzel war voll und ganz auf ihre Arbeit konzentriert und hielt sich deshalb nicht mit Begrüßungsfloskeln auf, als sie die drei Männer näherkommen sah.

Sie war noch immer über den Toten gebeugt, ihr schönes rotbraunes Haar fiel lang über ihren Rücken bis fast zum Gürtel.

»Eindeutig Mord«, sagte sie, als würde sie mit sich selbst reden. »Jedenfalls, so weit man das bis jetzt sagen kann. Glatter Schnitt durch die Kehle, sofortiger immenser Blutverlust. Tod trat sicher unmittelbar ein.«

Dann stand sie auf und, da eine Begrüßung mit Reckmann und Löwenstein offensichtlich bereits vorher schon stattgefunden hatte, schüttelte sie nur dem Kommissar die Hand.

»Ich bin Katja Wenzel.«

»Ja, das sagten die Kollegen bereits. Gisbert Nau. Ich soll die Ermittlungen leiten«, meinte er mit einem verschmitzten, zurechtweisenden Blick auf Reckmann.

»Ja, das sagte mir Herr Löwenstein bereits«, entgegnete sie mit einem Grinsen.

Nau war etwas erstaunt, dass er zu ihr aufschauen musste. Er hatte sie bislang nur in hockender Position gesehen. Jetzt, wo sie vor ihm stand, war sie einige Zentimeter größer als er selbst. Sie musste es auf wenigstens 1,80 Meter bringen.

»Können Sie uns etwas zum Tathergang sagen?«, wurde Reckmann wieder sachlich, sprach aber dabei in einem besonders freundlichen Ton, den er wohl immer vorzugsweise dann anwendete, wenn er es mit hübschen jungen Damen zu tun hatte.

»Nach jetzigem Stand kann ich noch nicht allzu viel sagen. Der Schnitt wurde mit einem besonders scharfen Messer ausgeführt …«

»Vielleicht auch mit einem OP-Messer?«, warf Nau scharfsinnig ein.

Die Pathologin überlegte kurz und zog dabei ihre sterilen Handschuhe aus.

»Mag sein, das wird die Laboranalyse ergeben. Anhand der Ausführung des Schnitts vermute ich, dass das Opfer von hinten gepackt wurde, und auch aus dieser Position der Schnitt erfolgte …«

Löwenstein nickte anerkennend. Die junge Frau schien sich, trotz ihres fast noch jugendlichen Alters, tatsächlich in ihrem Job auszukennen.

»… aber auch das wird die Laboranalyse ergeben«, nahm ihr Nau die Worte aus dem Mund.

Sie nickte. »Es mag aber auch sein, dass es zwei Täter waren. In diesem Fall hätte die zweite Person den Schnitt ebenso gut durchführen können.«

Nau schaute sich angeekelt die tiefe Schnittwunde an. Solche Anblicke würden niemals zur Routine werden. Da könnte man den Job noch 20 weitere Jahre machen und dennoch niemals wirklich abhärten.

»Lässt sich die Anzahl der Täter denn irgendwie feststellen?«, säuselte Reckmann wieder so gut es ihm möglich war. Einmal mehr konnte sich Löwenstein ein leichtes Kopfschütteln nicht verkneifen.

»Auch dazu kann man erst was sagen, wenn das Opfer bei uns in der Pathologie liegt. Um einen Raubmord handelt es sich wohl nicht, denn ich habe dieses Portemonnaie in Bottenbachs Gesäßtasche gefunden. Es befinden sich mehr als 200 Euro darin.« Mit diesen Worten zeigte sie Nau die von ihr in eine Plastikhülle verstaute Geldbörse.

Das Reptil wollte weiter Süßholz raspeln. »Kaum vorstellbar, dass eine so hübsche junge Frau wie Sie …«

»Was können Sie mir zu Bottenbach sagen, Herr Reckmann?«, fuhr ihm Nau energisch dazwischen.

Reckmann sah ihn mit großen fragenden Augen an.

»Familie, Freunde, Beziehungsverhältnisse …«, warf ihm Gisbert Nau schroff entgegen, um sich etwas mehr Respekt zu verschaffen. Mit Löwenstein würde er klarkommen, aber das bisherige Auftreten von Reckmann passte ihm überhaupt nicht.

»Die Computer in unserer Dienststelle rattern schon«, kam Löwenstein seinem Kollegen zur Hilfe.

»Wäre es dann zu viel verlangt, wenn Sie dort mal nachfragen würden?«, bohrte Nau nach und wendete sich wieder der Pathologin zu, um sich dann abermals über den Leichnam zu beugen.

Beide Beamte fühlten sich angesprochen und entfernten sich um einige Meter, damit sie in Ruhe mit ihren Kollegen Rücksprache halten konnten.

Zwischen Nau und Frau Wenzel, die nun alleine waren, entstand so etwas wie eine kurze, fast peinliche Pause, die sie mit den Worten füllte: »Ich werde das Opfer auch genauestens auf sonstige Wunden untersuchen. So finden wir heraus, ob es zu Kampfhandlungen kam.«

»Dann wissen wir vielleicht auch, um wie viele Täter es sich gehandelt hat«, entgegnete Nau.

Die junge Frau nickte.

Pepper hatte sich die ganze Zeit über abseits gehalten, schaute aber neugierig zu den beiden hinüber.

Katja Wenzel war den Blicken des Kommissars gefolgt und entdeckte nun auch den Hund.

»Sie können ihn ruhig herrufen. Wir sind hier soweit fertig.« Sie lächelte amüsiert.

Gisbert Nau gab seinem Vierbeiner einen kurzen Wink, daraufhin lief ihnen der Hund erfreut entgegen. Die beiden machten zugleich sicherheitshalber einige Schritte von der Leiche weg.

»Brav, Pepper, brav. Du hast artig gewartet.«

Der Vierbeiner sprang glücklich an ihm hoch. Dann begrüßte er auch die fremde Frau, wenngleich sie für seine feine Nase etwas eigenartig roch. Ihr Job brachte es eben mit sich, dass man immer wieder auch mit allerlei Chemikalien arbeitete.

»Was bist du denn für ein schöner Hund?« Sie streichelte ihn ausführlich, was Pepper dazu verleitete, auch an ihr hochzuspringen. »Ist das Ihrer?«

Nau musste grinsen und schaute sie vielsagend an. Wenzel, die sofort die Unsinnigkeit ihrer Frage erkannte, schob noch eilig nach: »Das ist aber ein sehr ungewöhnlicher Name für einen Hund.«

»Ja, Pepper heißt er.« Nau hatte nun die Gelegenheit, etwas weiter auszuholen, was er bei diesem Thema gerne tat. »Eigentlich Sergeant Pepper, nach einem berühmten Album der Beatles.«

»Oh, Sie sind Oldie-Fan«, die Pathologin lächelte ihn amüsiert an.

Nau zögerte kurz. Die junge Frau konnte höchstens Mitte 20 sein. Er fragte sich, ob sie im Zeitalter digitaler Medien mit dem Begriff ›Album‹ überhaupt noch etwas anzufangen vermochte. Aber immerhin kannte sie die Beatles.

»Sagen wir lieber, ein Freund guter Rock- und Pop-Musik, die dann auch gerne etwas älter sein darf.«

In der Tat besaß Nau eine recht umfangreiche Vinyl-Sammlung mit zahlreichen Originalausgaben. Erst vor einigen Jahren hatte er damit angefangen, sich auch CDs zu kaufen, aber seine Liebe zur herkömmlichen Technik würde wohl niemals versiegen. Zudem klangen für den Vorruheständler viele seiner alten Alben einfach zu gut, als dass man sie durch eine digitalisierte Version hätte gleichwertig ersetzen können. Da ging ihm einfach nichts über seine alten Schätze.

Katja Wenzel wollte noch etwas sagen, aber da kamen die beiden Marburger Beamten wieder auf sie zu. Nau und der Pathologin fiel auf, dass Löwenstein in einer fast um Entschuldigung bittenden Geste die Arme hob.

»Es hat etwas länger gedauert«, begann Reckmann, »aber leider hat sich auch überhaupt nichts Außergewöhnliches ergeben.«

»Familienstand ledig«, übernahm Löwenstein das Wort und las von einem zerknitterten alten Notizblock ab. »Er war ein Einzelkind, beide Eltern sind allerdings bereits tot. Ob er in einer Beziehung gelebt hat, ist nicht aktenkundig. Sonstiges, wie etwa auffällige Kontobewegungen, wird noch ermittelt.«

»Dann ist sein Arbeitsumfeld zunächst mal unsere einzige mögliche Informationsquelle«, resümierte Nau. »Wir müssen dort alles Erdenkliche über ihn herausfinden, ansonsten haben wir keine Ansatzpunkte in diesem Fall.«

Reckmann und Löwenstein nickten zustimmend.

Sie schauten mit Frau Wenzel, Nau und Pepper dabei zu, wie zwei Angestellte des Gerichtsmedizinischen Instituts aus Gießen Bottenbachs Leiche in den Zinksarg legten und gleichmütig abtransportierten.

»Für mich bleibt dann hier nichts mehr zu tun«, sagte die Pathologin, klappte ihren Koffer zusammen und verabschiedete sich freundlich.

»Wir hören voneinander«, Nau gab ihr die Hand und raunte ihr in einem etwas vertraulicheren Tonfall zu: »Weil ich ja in erster Linie Privatmann bin und hier nur aushelfen soll, gebe ich Ihnen wohl besser meine persönlichen Daten.«

Frau Wenzel steckte seine Visitenkarte in die Jackentasche und verabschiedete sich von Pepper.

»Keine Sorge, Herr Nau, Sie sind mein erster Ansprechpartner.«

Reckmann quittierte diese Aussage mit einem bitteren, aufgesetzten Lächeln.

»Ich melde mich, sobald ich etwas Näheres weiß.«

Mit diesen Worten drehte sie sich um und ging.