Vorwort

Ich weiß nicht, was das Böse ist, auch wenn sich seit 1970 in meinem Beruf nahezu alles um Mord und Totschlag, Opfer und Täter, Schuld und Sühne dreht: zunächst in verschiedenen Positionen in der Mordkommission und seit 1999 als Fallanalytiker – als sogenannter Profiler.

Der Erste, der mir beibringen wollte, was das Böse ist, war ein Pastor. Es war märchenhaft, wie gut er sich mit Paradies, Sündenfall, Hölle und Teufel auskannte. Ich habe aber schon damals nicht an Märchen geglaubt. Als wir später in der Schule Faust durchnahmen, versuchte unser Lehrer uns klarzumachen, dass Goethe an Mephisto zeigt, was das Böse ist, »das Böse schlechthin«. Aber auch das überzeugte mich nicht. Für mich bleibt Mephisto die literarische Neuauflage des Teufels aus dem Konfirmandenunterricht, ein Böser, der mit den Bösen der Wirklichkeit nicht viel zu tun hat. Viele Jahre später habe ich meinen Lehrer wiedergetroffen. Er wollte wissen, was ich beruflich mache. Ich antwortete wahrheitsgemäß: »Ich bin Kriminalkommissar in der Mordkommission.« »Ah, auf der Spur des Bösen!«, sagte er prompt.

Sie werden sich wundern, aber als ich 1970 als junger Eleve zur Bereitschaftspolizei ging, war mir nicht bewusst, dass sich mein weiteres berufliches Leben fast ausschließlich um Mord und Totschlag drehen würde. Mit meinem Pilzkopf passte ich so gar nicht in das Bild des typischen Polizeibeamten, und mein Anliegen bestand damals auch vornehmlich darin, keinen Wehrdienst ableisten zu müssen – denn als Polizist war ich davon befreit. Als mich jedoch später mein Kriminalistikdozent – ein früherer Leiter der Mordkommission – mit seinen differenzierten Berichten von wahren Morden aus Bremen fesselte, reifte schnell mein Entschluss: Ich wollte auch Mordermittler werden.

Heute kann ich gar nicht mehr genau sagen, was mich damals so sehr an dieser Vorstellung reizte: War es meine jugendliche Begeisterungsfähigkeit? Die Faszination und das Unerklärbare des Verbrechens? Die Suche nach der Wahrheit? Vielleicht von allem ein bisschen. Wenige Jahre später und nach weiteren Ausbildungsschritten war ich dann tatsächlich in der Mordkommission angekommen. Eine Entscheidung, die ich nie bereut habe, denn einen selbständigeren, einen verantwortungsvolleren und abwechselungsreicheren Beruf kann ich mir nicht vorstellen – auch und gerade weil er sich fast immer mit den Abgründen des menschlichen Verhaltens beschäftigt.

Meinen Lehrer habe ich nicht gefragt, wie er das mit der Spur des Bösen gemeint hat. Ich bin auch nicht sicher, ob ich eine befriedigende Antwort erhalten hätte. Eine vage Vorstellung davon hat sicher jeder, aber wer käme nicht ins Stottern, wenn er erklären sollte, was genau das Böse eigentlich ist oder wie es entsteht.

Zum Glück muss ich diese Frage auch nicht klären, ich käme gar nicht mehr dazu, meine Arbeit zu machen. Lieber halte ich mich an einen Satz, der weder besonders philosophisch ist noch pastoralen oder pädagogischen Tiefsinn enthält: »Das Gute ist, dass das, was das Böse ist, im Strafgesetzbuch steht.« Nur ein Satz aus der Sprüchesammlung der Kriminalpolizei, aber eine gute und klare Arbeitsgrundlage – vorausgesetzt, man lebt und arbeitet in einem demokratischen Rechtsstaat.

Das deutsche Strafgesetzbuch gibt sich mit einer Schwarzweißbetrachtung von Gut oder Böse nicht zufrieden. Unser StGB verbindet die spezielle Art eines Tötungsdelikts jeweils mit einem besonderen Strafmaß. Das Strafmaß für einen Mord fällt höher aus als das für einen Totschlag. Auch bei den Tatmotiven sieht das Strafgesetzbuch dann noch einmal sehr genau hin. Es bewertet den Mörder, der seine Tat aus Habgier begangen hat, anders als denjenigen, der seinen Peiniger auf die gleiche Art und Weise tötete. Schlicht gesagt: Das Gesetz unterscheidet zwischen mehr oder weniger böse. Und die Staatsanwälte, die bei Tötungsdelikten die Anklage vertreten, erwarten von mir, dass ich ihnen die Möglichkeit gebe, das Mehr und Weniger beurteilen zu können. Genau darin bestand und besteht meine Arbeit, als Mordermittler wie als Fallanalytiker: präzise Aussagen über Opfer, Täter, Tathergang, Tatumstände und Tatmotiv zu machen.

In Deutschland werden seit Jahren konstant zwischen neunzig und fünfundneunzig Prozent aller Tötungsdelikte in sehr kurzer Zeit aufgeklärt – oft bereits noch am selben Tag. Häufig sind es Beziehungsdelikte; die Täter stammen zumeist aus dem Kreis der Bekannten und Verwandten des Opfers. Dabei hinterlassen die Täter am Tatort materielle Spuren, die inzwischen sehr viel leichter gelesen werden können als früher: Blut, Speichel, Sperma. Es sind besonders die Biologie mit ihren scheinbar unbegrenzten Möglichkeiten bei der DNA-Analyse und die moderne Rechtsmedizin, die helfen, Mördern und anderen Gewalttätern schneller auf die Spur zu kommen. Zum Beispiel reichen heute bereits winzige Mengen von biologischen Spuren, um einen Täter zu identifizieren.

Aber was ist mit den Fällen, bei denen trotz umfangreicher Ermittlungen und den ständig verbesserten wissenschaftlichen Methoden diese materiellen Spuren der Tat zwar ausgewertet, die Taten dennoch nicht aufgeklärt werden können? Tötungsdelikte, bei denen es keine Beziehung zwischen Opfer und Täter zu geben scheint und manchmal auch das Verhalten des Täters bizarr und unerklärbar wirkt, so dass ein Motiv auf den ersten Blick nicht zu erkennen ist.

Bevor ich Sie allerdings in diese Fälle hineinziehe, noch ein paar grundsätzliche Anmerkungen zu einem wichtigen Thema: der Beziehung zwischen den Beamten der Mordkommission und den Fallanalytikern.

Mordkommissionen arbeiten bei ungeklärten Fällen unter extremem Stress: hohe eigene Ansprüche, interner und externer Druck. Klar, es gibt einen Tatort und eine Leiche und somit auch eine Vielzahl von objektiven Spuren. Doch manchmal muss das Opfer erst mühsam identifiziert werden, und die Ermittler verbringen viel Zeit damit, durch Zeugenbefragungen und Recherchen Hinweise zur Opferpersönlichkeit zu sammeln. Zudem kann die Auswertung der Spuren Tage, manchmal auch Wochen dauern. Trotzdem arbeitet die Mordkommission von der ersten Minute an »auf der Spur«: Das heißt, jedem Hinweis muss nachgegangen werden – obwohl das Bild der Tat nur unvollständig ist und manchmal noch das Verständnis für den Fall fehlt. Zwar kursieren in der Mordkommission viele Erklärungsmodelle, doch ob das richtige dabei ist, bleibt häufig unbeantwortet. Ich jedenfalls habe es oft erlebt, dass für eine analytische Aufarbeitung des Deliktes bei der »Arbeit auf der Spur« schlichtweg keine Zeit blieb.

Für solche Konstellationen ist der Einsatz von externen Fallanalytikern gedacht. Weil sie eben nicht in das Tagesgeschäft des Morddezernats eingebunden sind, haben sie mehr Zeit, Zusammenhänge zu ergründen, Theorien zu entwickeln und Profile zu erstellen.

Das Ergebnis der Analyse mündet dann in Ermittlungsempfehlungen, die von der Mordkommission umgesetzt werden können, aber nicht müssen. Damit dieses jedoch geschieht, muss ich als Fallanalytiker durch die Analyse und durch die anschließende Präsentation derselben vor der Mordkommission zunächst für meine Überlegungen werben. Aber sind Ermittler, die lange an einem Fall gearbeitet haben, auch tatsächlich bereit, von ihren Vorstellungen abzurücken und neue Ideen zu akzeptieren?

In meiner Zeit als Mordermittler war ich froh über externe Meinungen. Über den Tellerrand zu schauen und Experten anderer Disziplinen zu befragen und deren Einschätzungen zu berücksichtigen, gehörte für mich von Anfang an zum professionellen Arbeiten dazu. Als Fallanalytiker erhoffe ich mir eine solche Einstellung natürlich auch von den Mordermittlern, die ich mit meiner Arbeit unterstützen soll. Wenn ein Kommissar Fallanalytiker jedoch für praxisferne Theoretiker hält, habe ich kaum eine Chance, mit meinen Einschätzungen zu ihm durchzudringen.

Umgekehrt hängt es aber auch von meiner Sorgfalt, von meinem Verständnis für die anders gelagerte Arbeit eines Mordermittlers und der Durchführbarkeit meiner Vorschläge ab, ob die Resultate angenommen werden und es zu einer fruchtbaren Zusammenarbeit kommt. Ein Profiler, der sich wegen seiner intensiven Studien überlegen fühlt und das sein Gegenüber spüren lässt, wird zu Recht nicht ernst genommen.

Bei der Argumentation hilft mir tatsächlich nur die genaue Analyse des Täterverhaltens und die Beantwortung der Frage, warum hat der Täter so gehandelt und nicht anders – das sogenannte Profiling. Wer war das Opfer, und welche Sequenzen des Verbrechens waren für den Täter besonders wichtig?

Doch bei dieser Arbeit ist Vorsicht geboten. Nicht immer sind die Spuren einfach zu deuten. Wenn der Täter bei der Tat seine individuellen Bedürfnisse, Gefühle und Phantasien auslebt, ähneln sich die Spuren der unterschiedlichen Verbrechen – obwohl jeder Täter aus seiner ihm eigenen Motivation Entscheidungen trifft. Die Interpretation dieser Spuren gleicht daher manchmal dem Gang durch ein Labyrinth, denn den wahren Grund für seine Handlung kennt nur – wenn überhaupt – der Täter allein.

Manchmal hilft mir schon allein die Feststellung, dass ein bestimmtes, für den Täter besonders bedeutendes Verhalten vorliegt, um eine Ermittlungsrichtung vorzuschlagen.

Und noch einen Aspekt muss ich bei meiner Arbeit berücksichtigen: Entscheidend ist nicht nur die Betrachtung des einzelnen Details, sondern es ist die Gesamtheit der Spuren.

Profiling wurde in den USA schon professionell praktiziert, als der Begriff in Deutschland noch nicht einmal richtig bekannt war. Das deutsche Profiling ist die Geschichte des verspäteten Imports einer kriminalistischen Methode aus den USA. Bereits Mitte der siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts begannen Mitarbeiter des FBI im Nationalen Analysezentrum für Verhaltensforschung (National Center for the Analysis of Violent Crime), Morde zu untersuchen, bei denen die Täter außergewöhnliches und für die Kriminalisten nicht erklärbares Verhalten gezeigt hatten wie Verstümmelungen, degradierendes Ablegen der Leichen, exzessive Gewalt.

Erste Antworten gaben Interviews von sechsunddreißig verurteilten Serienmördern, die erklärten, weshalb sie nach bestimmten Mustern getötet und welche Tatmotive sie dabei angetrieben hatten. 1999 begann auch ich mich – mittlerweile war ich stellvertretender Leiter des Kommissariates für Gewaltdelikte – für diese Methode zu interessieren: Hieß bis dahin mein kriminalistischer Ansatz: »Wer hat das getan?«, fragte ich mich jetzt: »Welche Bedeutung hat bestimmtes Täterverhalten?«

Mich faszinierte auch die Vorstellung, dass es durch die Bewertung dieses Verhaltens auf einmal möglich sein sollte, nicht nur das Tatgeschehen zu rekonstruieren, sondern auch das Motiv des Täters zu bestimmen und sein psychologisches Profil zu erstellen, das – fingerabdruckgleich – seine Persönlichkeit beschreiben könnte. Heute weiß ich, dass dieser Ansatz, auch wenn er nicht alle meine Erwartungen erfüllen konnte, prinzipiell richtig ist.

Als Fallanalytiker gehe ich davon aus, dass es an jedem Tatort Spuren gibt, aus denen sich ein Bild vom Täter erstellen lässt, ein Profil. Ein kriminalistischer Ansatz, der im Laufe der Jahre für mich immer größere Bedeutung bekam: die Auseinandersetzung mit der Frage, was genau ist bei einem Verbrechen passiert und warum gerade in dieser Form?

Dass in Deutschland rund neunzig Prozent aller Tötungsdelikte eher schnell aufgeklärt werden, bedeutet nicht, dass es bei den übrigen Fällen dann eben nur ein bisschen länger dauert. Sondern es bedeutet vor allem, dass nicht alle Fälle gelöst sind, zumindest noch nicht. Etwas zugespitzt kann ich sagen, dass es zu den wichtigsten Aufgaben von Profilern gehört, unlösbare Fälle zu lösen.

Wie versuchen wir das? Wir bearbeiten einen Fall auch dann noch, wenn wir ein Opfer, aber keine unmittelbar Verdächtigen haben – und nur einen einzigen Zeugen, der zudem stumm ist: den Tatort. Den analysieren wir sehr viel differenzierter und operativer, als dies vorher in der Geschichte der deutschen Kriminalistik üblich war. Aber daran arbeiten wir Fallanalytiker nicht allein: Rechtsmediziner, Psychologen, Psychiater und Experten auf unterschiedlichsten Gebieten und für unterschiedlichste Milieus unterstützen uns bei dieser Aufgabe, so dass sich nach und nach ein vielschichtiges, ein interdisziplinäres Bild des Tatgeschehens ergibt und das Profil des Täters aus mehreren Perspektiven bewertet wird. Das gehört für mich zum professionellen Arbeiten. Die Tätersuche ist definitiv keine One-Man-Show.

In diesem Buch berichte ich in fünf Kapiteln über meine kriminalistische Arbeit – teils als Mordermittler, teils als Fallanalytiker – an zwölf Verbrechen aus meiner beruflichen Praxis, alte Fälle aus den Anfängen meiner Arbeit und neuere. Selbstverständlich sind Namen, Zeiten und Orte geändert, um die Anonymität der Betroffenen zu wahren. Aber ich habe der Versuchung widerstanden, den Unterhaltungswert der geschilderten Fälle zu steigern, indem ich sie ausschmücke oder etwas hinzuerfinde. Ebenso wenig verschweige ich Irrwege, falsche Ermittlungsresultate oder persönliche Unsicherheiten. Denn all das gehört zu meiner Arbeit. Ich will mich hier schließlich nicht zum unfehlbaren »Star-Profiler« stilisieren, sondern Ihnen einen ungeschönten Blick hinter die Kulissen der Ermittler- und Profiling-Realität ermöglichen. Überhaupt will ich so wenig wie möglich zwischen den Fällen und Ihnen stehen. Möchte Sie stattdessen durch eine detailreiche und lebendige Beschreibung der Tatumstände sowie der handelnden Personen in meine Gedanken und Rückschlüsse bei den Ermittlungen und bei der Skizzierung von Täterprofilen einbeziehen. Immerhin geht es um ein ebenso wichtiges wie komplexes Thema: das menschliche Verhalten.

Dass Sie nach der Lektüre des Buches allerdings wissen, was das Böse ist, halte ich für unwahrscheinlich. Ich fürchte, es wird eher komplizierter …

Axel Petermann im März 2010

Torso

Wer verstümmelt eine Leiche?

Das neue Jahr hat gerade begonnen, als mehrere Schuljungen in der Mittagszeit auf dem Hof ihrer Schule im Bremer Westen Fußball spielen. Einer von ihnen schießt neben das Tor. Der Ball rollt in die Nähe zweier großer Mülltüten. Doch die sehen gar nicht aus wie normale volle Müllsäcke. Stattdessen erinnern ihre Konturen an die eines menschähnlichen Körpers. Vielleicht eine Schaufensterpuppe? Die Jungen sind neugierig, wollen es genauer wissen. Was sie beim Nähertreten erblicken, lässt sie erstarren. Es ist keine Puppe, sondern der nackte und verstümmelte Körper einer Frau. Die Leiche hat weder einen Kopf noch Hände und Füße.

Ich weiß nicht, wie lange die Jungen so dastanden und voller Entsetzen ihren grausigen Fund anstarrten. Doch einer von ihnen schaffte es irgendwann, zum Hausmeister der Schule zu rennen. Der ließ sich den Fund zeigen und wählte sofort die Nummer der Polizei. Die Notrufzentrale schickte einen Streifenwagen, wenig später sperrten zwei Beamte den Fundort ab, notierten die Personalien der Kinder und des Hausmeisters und informierten die Kriminalbereitschaft, die auch Kriminaldauerdienst (KDD) heißt. Die wiederum benachrichtigte Rechtsmedizin, Staatsanwaltschaft und Erkennungsdienst (ED). Und natürlich die Mordkommission (MK). So landete der Fall vor über fünfundzwanzig Jahren bei mir.

Ich arbeitete damals erst seit etwa drei Jahren in der Mordkommission. Es war mein erster großer Fall, den ich als sogenannter Hauptsachbearbeiter übertragen bekam. Allerdings hatte ich schon einige Erfahrungen bei der Bearbeitung von Tötungsdelikten sammeln können, denn damals hatten wir in Bremen zwischen fünfzehn und zwanzig Fälle im Jahr. Häufig traten sie nach Streitigkeiten innerhalb einer Familie oder Partnerschaft oder nach Alkohol-Exzessen auf.

An jenem besagten Tag wollte ich eigentlich freimachen, doch daraus wurde nichts: Ich musste zum Leichenfundort, um mir aus nächster Nähe ein Bild zu machen und erste Ansätze für die Ermittlung zu finden. Mit meinem Wagen fuhr ich zum inzwischen weiträumig abgesperrten Tatort. Der Fund des Torsos hatte sich bereits wie ein Lauffeuer herumgesprochen. Zahlreiche Schaulustige und Pressevertreter hofften hinter der Absperrung auf Sensationen und neue Informationen. Der Gerichtsmediziner war schon vor Ort und wartete darauf, die Leiche untersuchen zu können. Die Spurensucher fotografierten die verstümmelte Tote, den Fundort und die nähere Umgebung. Meine Kollegen der MK hatten damit begonnen, Bewohner der angrenzenden Häuser nach auffälligen oder verdächtigen Beobachtungen der letzten Zeit zu befragen.

Kaum dass ich aus dem Wagen gestiegen war, informierte mich ein Kollege über den Sachstand. Anschließend nahm ich den Torso selbst in Augenschein. Womöglich ließen meine Beobachtungen bereits Rückschlüsse auf den Täter zu.

Ein Täter trifft ständig Entscheidungen. Das beginnt bei der Tatplanung, der Auswahl des Opfers, des Tatortes, der Tatzeit, der Tatwaffe, der Form der Tötung und endet mit der Ablage der Leiche. Ich wusste aus eigener Erfahrung, dass sich die meisten Täter nach der Tötung nicht mehr um die Leiche kümmern: Sie lassen sie am Tatort zurück und denken häufig nur an Flucht. Andere Täter, die mir bei meinen Ermittlungen begegnet waren, hatten sich hingegen auf unterschiedliche Art und Weise mit der Leiche beschäftigt: sie zum Beispiel abgedeckt, sich an ihr sexuell vergangen, Gegenstände in Körperöffnungen eingeführt oder sie auch manchmal vom Tatort abtransportiert und an einem anderen Ort abgelegt oder versteckt. Schon ein erster Blick auf die Szenerie verriet mir Folgendes:

Unser Täter hatte sich mit dem Verstecken seines Opfers keine große Mühe gegeben und den Torso keine 20 Meter von einer Straße entfernt auf der Zufahrt zur Schule abgelegt. Hatte offensichtlich nicht einmal den Versuch unternommen, die Leiche auch nur ansatzweise zu verbergen. Lange konnte der Torso dort nicht gelegen haben, denn die Schule befand sich mitten in einem Wohngebiet, und auf dem Hof lagen abgebrannte Feuerwerkskörper der Silvesternacht. Diese Vorgehensweise des Täters deutete darauf hin, dass er in großer Eile gehandelt hatte. Wie und wo er die Leiche ablegte, war ihm nicht wichtig gewesen. Wichtig war für ihn nur, dass die Tote nicht dort bleiben konnte, wo er sie getötet hatte.

Der Torso der Frau steckte in zwei großen blauen Plastiksäcken, die jeweils einzeln über die Schultern bzw. die Beinstümpfe der Toten gezogen waren. Die Plastiksäcke waren herkömmliche Massenware, wie sie in jedem Supermarkt oder Baumarkt verkauft werden, weshalb sie uns keine speziellen Ermittlungsansätze boten.

Heftiger Wind hatte die Beutel aufgeweht, so dass der verstümmelte Körper zu sehen war. Auch mussten die Säcke längere Zeit im Regen gelegen haben, da sich auf ihnen fast ein Liter Wasser angesammelt hatte. Diese Feststellung war ein erster Ansatz, um den Zeitpunkt der Leichenablage zu bestimmen. Ich rief später vom Büro beim Wetteramt an und erfuhr, dass es am Vortag ab 18.10 Uhr bis in die Nacht um 2.20 Uhr stark geregnet hatte. Danach war es trocken geblieben.

Den Anblick von Toten war ich gewohnt, doch einen solchen verstümmelten und geschändeten Frauenkörper hatte ich noch nie gesehen. Obwohl ich gespannt auf den Anblick der Toten war und alle Details sehen wollte, musste ich an das Leid des Opfers denken und mich überwinden, genauer hinzusehen. Es drängten sich mir sofort die Fragen auf: »Wer tut so was?« und »Warum muss der Täter die Ermordete auch noch so zurichten?«. Heute würde ich eine solche Nähe nicht mehr zulassen, nach über dreißig Jahren als Ermittler, Mordkommissionsleiter und Fallanalytiker kann ich inzwischen vieles ausblenden und mich einfach auf die Fakten konzentrieren.

Ich beugte mich über die Leiche und sah ein Bild der Zerstörung. Der Kopf der Toten fehlte; Brüste und Schambereich waren herausgeschnitten. Von Hals, Armen und Beinen waren nur noch Stümpfe vorhanden. An dem, was von ihrem Hals übrig war, zeichneten sich deutlich Kratzer und Hämatome ab. Vermutlich war die Frau erwürgt worden.

Das Ergebnis der Spurensuche war enttäuschend: Die Beamten des Erkennungsdienstes konnten keine weiteren Spuren sichern, die vom Täter stammten: keine Zigarettenkippen, keine weggeworfenen Gegenstände, keine Reifen- oder Schuhspuren im feuchten Boden. Sofern es Letztere gegeben hatte, waren sie durch den heftigen nächtlichen Regen vernichtet worden. Auch die Durchsuchung des Schulgeländes verlief erfolglos. Weder die fehlenden Körperteile der Toten noch Kleidungsstücke oder persönliche Gegenstände wurden gefunden.

Damit befand sich unsere Mordkommission gleich in dreifacher Hinsicht in einer schlechten Ausgangslage für die Aufklärung des Verbrechens:

Was wir hatten, war eine Leiche ohne Kopf, Hände und Füße, die zudem in Brust- und Schambereich verstümmelt war.

Solche extremen Verstümmelungen von Leichen geschehen sehr selten, nicht nur in Bremen, sondern überall auf der Welt. Ich selbst habe in drei Jahrzehnten nur fünf Fälle bearbeitet.

Wenn Täter einen Menschen oder eine Leiche verstümmeln, tun sie das nie zufällig. In allen Fällen ist es ein spezielles Bedürfnis oder ein innerer Drang, der sie dazu treibt. Das hat auch Auswirkungen auf die Ermittlungen. So muss außer dem Tatmotiv auch das Motiv zur Verstümmelung geklärt werden.

Der hier beschriebene Fall soll Ihnen ein detailreiches Bild vermitteln, wie in einem solchen Fall die Tätersuche verläuft. Dabei werden Sie auch Zeuge einer ausführlichen Vernehmung werden und quasi mit im Gerichtssaal sitzen. Denn auch die Bewertungen durch Gutachter und Richter gehören zum Gesamtbild. Erst alles zusammen zeigt, wie komplex die Bearbeitung jedes einzelnen Verbrechens ist. Und was vereinfacht gern als »das Böse« bezeichnet und verurteilt wird.

Ein Fundort ohne sichtbare Täterspuren und ein Opfer ohne Kopf und damit auch ohne ein Gesicht, von dem wir Fotos hätten machen und herumzeigen können – das hieß: Für erste Hinweise auf die Identität des Opfers und die Motivation des Täters mussten wir die rechtsmedizinische Untersuchung abwarten. Die Obduktion sollte unter anderem klären, welche Verletzungen und Verstümmelungen der Täter seinem Opfer konkret zugefügt hatte und wann sie entstanden waren: bereits zu Lebzeiten, also vital, oder erst nach dem Tode, also postmortal. Ich hoffte, die Antworten auf diese Fragen würden dazu beitragen, die Gründe für die Verstümmelung zu erkennen.

Aber zunächst richtete ich mein Augenmerk auf die Klärung der Todesursache und die Identifizierung der ermordeten und verstümmelten Frau. Also ließ ich den Torso vom Fundort durch ein Beerdigungsinstitut in die Pathologie transportieren. Hier begann ein Rechtsmediziner in meinem Beisein die Tote zu obduzieren:

Die Frau hatte tatsächlich Würgemale am Hals, Einblutungen im Bereich der Schilddrüse sowie überblähte Lungenflügel. Diese Befunde sprachen für einen Tod durch Erwürgen.

Die Wundränder an den Stümpfen sahen aus, als wären Kopf und Gliedmaßen laienhaft mit einer Feinsäge amputiert worden. Bei einer späteren mikroskopischen Untersuchung konnten wir erkennen, dass der Täter bis zu vierzigmal pro Knochen das Werkzeug ansetzen musste, bis es ihm endlich gelang, ihn durchzusägen.

Und noch eine Besonderheit wurde sichtbar: Das Abschneiden des Kopfes schien dem Täter nicht leichtgefallen zu sein. Zahlreiche oberflächliche und parallel verlaufende Schnitte am Hals des Opfers zeigten, dass der Täter gezögert haben musste, bevor er den Kopf abtrennte. Solche vorsichtigen Versuche werden als Probierschnitte bezeichnet. Damit dokumentierte der Täter nach meiner Einschätzung seine Unsicherheit. So kenne ich es auch von Selbstmördern, die sich zunächst eher zaghaft und oberflächlich an den Hals- oder Handgelenksgefäßen verletzen, bevor sie sich die finalen und tödlichen Schnitte oder Stiche zufügen.

Auch die Brüste und die äußeren Geschlechtsorgane seines Opfers hatte der Täter nicht verschont. Diese hatte er mit einem scharfen Messer sehr sauber und vollständig herausgeschnitten.

Neben den beschriebenen Verstümmelungen hatte der Täter die Frau noch weiter verletzt:

Dort, wo sich ursprünglich die rechte Brust befand, hatte er einmal mit dem Messer zugestochen. Auch Unterbauch und linker Oberschenkel wiesen jeweils eine Stichverletzung auf. Während bei den Stichverletzungen im Oberkörper nicht geklärt werden konnte, ob sie dem Opfer vor oder nach dem Tod zugefügt worden waren, ließen sich alle anderen Verletzungen als postmortal bestimmen.

Außerdem hatte sich der Täter sexuell an seinem Opfer vergangen: Verletzungen am After deuteten auf eine Penetration mit einem stumpfen Gegenstand hin, in der Vagina der Toten fand der Obduzent Spermien. Ob der Geschlechtsverkehr vor oder nach der Tat stattgefunden hatte, konnten Obduktion und Laboruntersuchung der Spermien nicht klären.

Nachdem die Todesursache ermittelt war, ging es jetzt bei der Obduktion darum, körperliche Merkmale zur Identifizierung der Frau zu finden. Denn wie bei allen Tötungsdelikten galt: Sobald ich wusste, wer die verstümmelte Frau war, konnten weitere Ermittlungen die wichtigen Fragen beantworten: Wo hat sie gelebt? Wie waren ihre persönlichen und familiären Verhältnisse? Wann und wo war sie zuletzt gesehen worden? Wie hatte sie ihre Freizeit verbracht?

Antworten auf diese Fragen liefern bei Mordermittlungen zum einen Verwandte, aktuelle oder ehemalige Sexualpartner und Freunde, Bekannte, Kollegen oder Geschäftspartner. Sehr häufig ist der Täter oder die Täterin unter diesen zu finden. Zum anderen kann uns das Wissen über die Aufenthaltsorte des Opfers aber auch weiterhelfen, falls das Verbrechen von einem vollkommen Fremden begangen wurde. Denn der Ort, an dem ein Verbrechen begann, gibt uns natürlich auch Aufschluss über den Täter.

Zu diesem Zeitpunkt der Ermittlung hoffte ich darauf, dass es gelingen würde, eine Täter-Opfer-Beziehung herzustellen. Ansonsten mussten wir mit vielen Hinweisen auf potenzielle Täter rechnen. Da läge dann der Vergleich mit der berühmten Nadel im Heuhaufen nahe.

Nach der Obduktion stand fest: Die Frau war etwa fünfzig Jahre alt geworden, hatte nie ein Kind entbunden und war auffällig klein: nur etwa 145 cm groß, buckelig und dabei relativ dick. Die geringe Körpergröße erklärte sich durch eine Verkrümmung ihrer Wirbelsäule. Und noch ein weiteres auffälliges Merkmal stellte der Rechtsmediziner am Torso fest. Ihre stark vergrößerte Schilddrüse hatte einen auffälligen Kropf gebildet.

Das Ergebnis der Obduktion ließ uns auf eine schnelle Identifizierung des Opfers hoffen. Eine solche eher ungewöhnliche Erscheinung musste doch jemandem aufgefallen sein. Und so war es auch. Bereits die ersten Nachfragen meiner Kollegen in Gaststätten in der Nähe des Torso-Fundortes waren erfolgreich. Mehrere Inhaber und Gäste von Lokalen meinten nach der Beschreibung die 50-jährige Sozialhilfeempfängerin Agnes Brendel zu erkennen.

Agnes Brendel galt in der Kneipenszene als lebenslustige, gesellige Frau, die gerne trank, aber nur selten eigenes Geld hatte. Wegen ihrer kauzigen Art und ihres ungewöhnlichen Aussehens galt sie in ihrem Stadtteil und den Gaststätten als Original. Zwar war sie in den letzten Tagen nicht mehr gesehen worden, hatte zuvor aber regelmäßig verschiedene Lokale besucht. Das passte zu dem mir inzwischen vorliegenden toxikologischen Untersuchungsergebnis, waren bei der Toten doch 2,7 Promille Blutalkohol nachgewiesen worden. Als sie starb, musste sie im Vollrausch gewesen sein.

Bei allen Mordermittlungen wie auch in der Fallanalyse spielt das Opfer immer eine große Rolle. Deshalb muss bei beiden Ansätzen immer nach der Opferpersönlichkeit gefragt werden. Denn es geht auch darum, ob das Opfer vom Täter gezielt ausgesucht wurde oder einfach nur das Pech gehabt hatte, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein. Zu Agnes Brendel konnte ich also sagen, dass sie gerne und viel trank. Genauer gesagt: Sie war Alkoholikerin, und die von ihr frequentierten Kneipen hatten nicht den besten Ruf. Die Umschreibung »gesellige Frau« besagte auch, dass sie häufig Kontakte mit Männern hatte und bei der Wahl ihrer spontanen Intimpartner anscheinend nicht sehr wählerisch gewesen war.

Für unsere Ermittlungen bedeuteten diese Auskünfte, dass der Täter ganz schnell und einfach mit Agnes Brendel Kontakt aufnehmen konnte. Ein oder zwei spendierte Biere dürften ausgereicht haben, um ihr Interesse zu wecken.

Agnes Brendel wohnte gemeinsam mit ihrem langjährigen, jüngeren Lebensgefährten Egon Finck in einer kleinen Siedlung. Während der Zeit des Nationalsozialismus war das Quartier mit einer Mauer umgeben und als sogenannte »Besserungsanstalt« missbraucht worden. Hier lebten vollständig überwacht vermeintlich »Asoziale«, denen nach der Ideologie der damaligen Machthaber »deutsche Familienwerte vermittelt« werden sollten. Auch wenn diese Mauer zur Tatzeit längst abgerissen war, so hatte die Siedlung ihren geschlossenen Charakter noch nicht abgelegt. Die meist sozial schwachen Bewohner kannten sich untereinander und somit auch Agnes Brendel. Dieser Umstand konnte für die weiteren Ermittlungen von Vorteil sein.

Da ich aber Sicherheit brauchte, ob es sich bei der unbekannten Toten tatsächlich um Agnes Brendel handelte, und die kriminalistische Erfahrung zeigt, dass Frauen häufig von ihrem aktuellen oder einem früheren Intimpartner getötet werden, bat ich als Erstes zwei Kollegen, Egon Finck zur Vernehmung zur Dienststelle zu holen.

Egon Fincks Beschreibung von seiner Lebensgefährtin deckte sich mit den Obduktionsbefunden des Torsos: sehr klein, verkrümmte Wirbelsäule, buckelig, Kropf, keine Kinder. Die endgültige Bestätigung, dass es sich bei der Toten tatsächlich um Agnes Brendel handelte, bekam ich allerdings erst später, nachdem ein Radiologe die bereits in einem Krankenhaus vorliegenden Röntgenaufnahmen von ihrer Wirbelsäule mit den bei der Obduktion gemachten Aufnahmen verglichen hatte. An die Möglichkeiten, wie sie heute die moderne DNA-Analytik mit ihren genauen Nachweismethoden bei Blut, Haaren oder Speichel bietet, war Anfang der 80er Jahre noch nicht zu denken. Aber trotzdem, der Torso war auch so eindeutig als Agnes Brendel identifiziert.

Als ich Egon Finck erklärte, dass seine Freundin ermordet worden war, schien er ehrlich erschüttert. Eine Idee, wer der Täter sein könnte, hatte er nicht. Ziemlich unwirsch antwortete er: »Bestimmt jemand aus den Kneipen. Weiß auch nicht, mit wem sie da zusammen ist. Da gehe ich auch nicht hin. Will doch nicht dabei sein, wenn sie mit anderen rummacht.«

Die weitere Vernehmung von Egon Finck gestaltete sich schwierig. Der intellektuell eher minderbegabte Mann hatte große Probleme sich zu erinnern, wann er zuletzt mit Agnes zusammen gewesen war. Vor einigen Tagen wahrscheinlich. Auf jeden Fall vor Silvester. Vermutlich aber am 29. Dezember. An dem Tag, so sagte er aus, habe seine Agnes vormittags die Wohnung verlassen und sei danach wohl nur noch einmal zurückgekehrt. Da habe sie in der Küche Reis für ihre Tiere gekocht und sie gefüttert. Vermutlich habe sie auch etwas Kartoffelsalat gegessen, von dem noch immer ein Rest in der Küche stehe.»Nee, gesehen habe ich sie seit ein paar Tagen nicht mehr. War doch auf Arbeit. Im Hafen. Bin da Stauer.«

Obwohl Egon Finck angab, sich um seine Partnerin gesorgt zu haben, hatte er sie noch nicht als vermisst gemeldet. Angeblich hatte er sich mit dem Gedanken beruhigt, dass Agnes schon wieder zu ihm zurückkehren werde. So wie sie es in der Vergangenheit immer wieder getan habe, wenn sie mit flüchtigen Bekanntschaften spontane und intime Beziehungen eingegangen war.

Agnes Brendel hatten auch andere Zeugen als eine Frau beschrieben, die stets auf der Suche nach Liebe und Glück war. Zum Beispiel habe sie sich einmal beklagt: »Alle wollen mich körpern, nur küssen will mich keiner!« Die ungewöhnliche, aber anschauliche Formulierung legte die Interpretation nahe, dass ihre Männerbekanntschaften nur auf Sex und nicht auf eine Beziehung aus waren.

Auf meine Frage, ob er Agnes Brendel getötet habe, vielleicht in einem Streit, geriet Egon Finck in Rage. Er wurde laut und beschimpfte uns. »Nee, nee. Nun ist aber gut. Ich lasse mir doch von euch keinen Mord anhängen. Da müsst ihr euch schon einen anderen suchen!« Die Art und Weise, wie sich Egon Finck gegen die Anschuldigungen wehrte, wirkte auf mich überzeugend. Ich hatte nicht den Eindruck, dass er uns etwas vorspielte. Zur Sicherheit ließ ich mit seiner Erlaubnis trotzdem sein kleines Häuschen vom Erkennungsdienst auf mögliche Tatspuren untersuchen. Ergebnislos. Kein Blut, kein Tatwerkzeug, keine abgeschnittenen Körperteile. Es gab keinen einzigen Beweis für Egon Fincks Täterschaft. Also mussten wir unsere Aufmerksamkeit ganz auf Agnes Brendels Bekanntenkreis und ihre Aufenthaltsorte richten.

Nun begann die mühsame Ermittlungsarbeit. Galt es doch, wie oben bereits erwähnt, genau zu recherchieren, was Agnes Brendel bis zu ihrem Tode gemacht und wo sie sich aufgehalten hatte. Wir gaben Pressemeldungen heraus und befragten Bewohner ihrer Siedlung und Stammgäste in Gaststätten des Stadtteils. Zusätzlich hatte ich ein Fahndungsplakat entworfen, das ein Foto von Agnes Brendel zeigte, überschrieben mit der provokativen Frage: »Wer hat Agnes Brendel ermordet?« Das Plakat wurde überall in ihrem Viertel aufgehängt und als Handzettel in Geschäften und Kneipen ausgelegt. Wie erhofft, erhielten wir zahlreiche Hinweise, wo sich Agnes Brendel an den Tagen vor dem Leichenfund aufgehalten hatte.

Nicht immer sind Zeugenaussagen zuverlässig. Besonders dann nicht, wenn eine Tat schon längere Zeit zurückliegt oder die Hinweise aus dem Kneipenmilieu und von Trinkern stammen, die oft unter starkem Alkoholeinfluss stehen. Doch diesmal schienen wir uns auf die Aussagen verlassen zu können: Agnes Brendel war wegen ihrer kauzigen Art und wegen ihres Aussehens bekannt wie ein bunter Hund, die Tat lag noch nicht lange zurück, und an so spezielle Tage wie Silvester und Neujahr können sich Zeugen normalerweise recht gut erinnern.

Die verschiedenen Zeugenaussagen zeichneten folgendes Bild:

Zunächst saß Agnes Brendel in den Nachmittagsstunden des 29. Dezember in einer Gaststätte und trank dort mit anderen Gästen Bier und Schnaps. Gegen 17 Uhr wollte sie bei einer Sparkassenfiliale ihre Sozialhilfe abholen, aber der monatliche Scheck war auf ihrem Konto noch nicht gutgeschrieben worden. Etwa um neun Uhr abends ging sie in eine Imbissstube, wo sie sich von einem Gast zum Bier einladen ließ. Etwa eine Stunde später verließen die beiden gemeinsam den Imbiss.

Auch in den folgenden Tagen hatten zahlreiche Zeugen Agnes Brendel gesehen und sich mit ihr unterhalten. Mal in ihrer Wohnung, mal auf der Straße oder in Lokalen in der Nähe ihrer Wohnung. Einen besonders wichtigen Hinweis erhielt ich von dem direkten Nachbarn des Opfers. Er hatte sie nämlich am Silvesterabend gegen 22 Uhr in ihrer Wohnung besucht, um schon einmal mit ihr und einigen Flaschen Bier ins neue Jahr zu feiern. Doch nach etwa einer Stunde war er wieder gegangen. Auf die Frage, ob es zum Geschlechtsverkehr gekommen sei, hatte er entrüstet reagiert und abgewehrt. Egon Finck sei nicht dabei gewesen. Ein Arbeitskollege von Egon Finck bestätigte uns später, er habe sich zu der Zeit mit ihm in seiner Wohnung betrunken.

Nachdem der Nachbar gegangen war, hatte es Agnes Brendel anscheinend nicht mehr lange in ihrer Wohnung ausgehalten, denn etwa eine halbe Stunde später beobachtete eine Zeugin aus der Siedlung, wie sie in Richtung Innenstadt ging. Die Frau wunderte sich darüber, galt Agnes Brendel doch als »Pflanze« ihres Stadtteils und verkehrte eigentlich nur in Lokalen in der Nähe ihrer Wohnung.

Überhaupt schien Agnes Brendel in der Silvesternacht ruhelos und sehr mobil gewesen zu sein. Gegen 4 Uhr war sie bereits in ihren Stadtteil zurückgekehrt und fiel der Wirtin einer Gaststätte dadurch auf, dass sie ziemlich betrunken war und sich von einem unbekannten Gast Sekt ausgeben ließ. Wie lange Agnes Brendel sich in der Gaststätte aufgehalten hatte und ob sie mit dem spendablen Gast weitergezogen war, ließ sich nicht weiter ermitteln.

Lange konnte Agnes Brendel an diesem Morgen nicht geschlafen haben, denn am 1. Januar war sie schon wieder früh unterwegs. Das sagte jedenfalls der Inhaber eines Lebensmittelgeschäftes aus. Schon um 10 Uhr sei Agnes Brendel mit ihm beim Verlassen ihrer Siedlung ins Gespräch gekommen und habe ihm ein schönes neues Jahr gewünscht. Der Mann wunderte sich, dass sie schon so früh auf den Beinen war. Normalerweise hätte sie nach seiner Meinung um diese Zeit noch ihren Rausch ausschlafen müssen. Und noch eine andere Zeugin, die Agnes Brendel kurze Zeit später sah, wunderte sich über ihr frühes Aufstehen. Vermutete dann aber, dass sie wohl ihren »Nachdurst« in einer Gaststätte löschen wollte. Wohin Agnes Brendel wirklich ging und wie sie den Neujahrstag verbrachte, konnten wir nicht rekonstruieren. Erst gegen 17 Uhr wurde sie noch ein letztes Mal von einer weiteren Nachbarin gesehen – vermutlich auf dem Nachhauseweg. Das habe ihr Agnes Brendel in einem kurzen Gespräch gesagt.

Für die Zeit danach rissen die Hinweise auf Agnes Brendels Aufenthaltsorte bis zu ihrem Tod endgültig ab. War sie tatsächlich nach Hause gegangen, wie sie der Nachbarin gesagt hatte? Oder hatte sie ihren späteren Mörder zufällig auf der Straße getroffen und war ihm in seine Wohnung gefolgt? Diese Fragen konnten wir zunächst nicht beantworten. Aber viel Zeit konnte bis zu ihrem Tode nicht vergangen sein, denn inzwischen hatte ich das Gutachten zur Bestimmung der Todeszeit erhalten: Agnes Brendel war demnach vermutlich am späten Nachmittag oder frühen Abend des Neujahrtages gestorben.

Mit der Berechnung des Todeszeitpunktes hatte ich einen externen Rechtsmediziner beauftragt. Der wendete ein damals noch ganz neues Verfahren an, bei dem die Parameter Körpergewicht, Bekleidungszustand, Umgebungs- und Leichentemperatur zur Fundzeit mit der Abkühlung der Leiche ins Verhältnis gesetzt werden. Nach dem Tod eines Menschen endet seine Stoffwechselund Wärmeproduktion, und der Körper kühlt allmählich aus, bis er sich seiner Umgebungstemperatur angeglichen hat. Allerdings bleibt nach dem Tod die Körperkerntemperatur von 37°C noch etwa zwei bis drei Stunden erhalten. Dann nimmt sie pro Stunde etwa um 1°C ab. Diese damals noch neue Methode zur Todeszeitbestimmung ist inzwischen längst Standard.

Je genauer die Todeszeit bestimmt werden kann, desto besser können Ermittler natürlich auch die Alibis von Verdächtigen überprüfen.

Der Rechtsmediziner teilte mir auch mit, dass er im Magen von Agnes Brendel Reste von Kartoffeln, Zwiebeln, Gurken und Zitrusfrüchten nachgewiesen hatte, die sie kurz vor ihrem Tode noch gegessen haben musste. War sie am 1. Januar doch nach Hause gegangen und hatte dort vom Kartoffelsalat gegessen?

Während wir die letzten Tage in Agnes Brendels Leben bis auf einige Stunden genau recherchierten, begann parallel die intensive und zeitaufwendige Fahndung nach dem Täter. Ich versuchte, aus all den Hinweisen und Fakten, die uns zu dem Zeitpunkt vorlagen, Rückschlüsse auf den Täter zu ziehen. Im Grunde wollte ich damit aus der Not eine Tugend machen. Wir hatten zwar das Opfer identifiziert, aber die letzten Stunden von Agnes Brendel waren noch immer nicht rekonstruierbar, und wir verfügten über keinerlei am Fundort hinterlassene Spuren. Also dachte ich darüber nach, was das wenige, was wir wussten, über den Täter aussagte. Ohne es auch nur zu ahnen, wandte ich damit eine zentrale Profiling-Methode an: Ich erstellte ein Täterprofil.

Die folgenden Überlegungen galten damals für mich als sicher: Der Täter tötet und verstümmelt Agnes Brendel in seiner Wohnung oder einem anderen ihm gut bekannten sicheren Ort, wie z. B. seiner Schrebergartenparzelle, um die Leiche einfacher und unauffälliger transportieren zu können. Dort kann er sich längere Zeit ungestört aufhalten. Er lebt daher wahrscheinlich alleine. Vermutlich hat der Täter zwischen seiner Wohnung und dem Fundort des Torsos einen Sicherheitsabstand