Emanuel und Die Kapelle des Buches

Peter Allmend


ISBN: 978-3-96861-142-6
1. Auflage 2020
© 2020 Aquamarin Verlag GmbH

Umschlaggestaltung: Annette Wagner

Aquamarin Verlag GmbH, Voglherd 1, 85567 Grafing, www.aquamarin-verlag.de

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Inhalt

Wie es begann

Ich studierte im 1. Semester an der Universität Zürich, als mir meine damalige Yoga-Lehrerin eines Abends ein Buch in die Hand drückte mit den Worten: „Das ist etwas ganz Besonderes!“ Es war ein mittelgroßes Buch, in ein schlichtes hellbraunes Leinen gebunden, und auf dem Titel standen nur sieben Buchstaben: EMANUEL.

Ich nahm es mit nach Hause und las kurz hinein. Es schien etwas Christliches zu sein, übermittelt von einem Geistwesen, das sich selbst Emanuel nannte. Zu dieser Zeit verschlang ich gerade mit großer Begeisterung Yoganandas berühmte „Autobiographie eines Yogi“ und war sehr auf die Weisheit des Ostens fokussiert. Das Buch mit den sieben Buchstaben fand daher erst einmal einen Platz im Regal.

Doch mit Büchern hat es eine eigene Bewandtnis. Sie führen ein Eigenleben – und sie strahlen manchmal ein besonderes Kraftfeld aus. Bücher pflegen auch aus Regalen zu fallen genau vor die Füße der Person, die ihre Botschaft gerade benötigt. Bücher klappen auch aus unerfindlichen Gründen gerade auf der Seite auf, die jene Worte enthalten, die ein Leben verändern können. Bücher haben es in sich!

So wollte sich auch „Emanuel“ nicht mit seinem Platz im Regal zufriedengeben. Wenn mein Blick darauf fiel, was häufig geschah, da meine Büchersammlung als junger Student sehr überschaubar war, dann schien es mir geradezu zuzuflüstern: „Lies mich doch endlich!“

Irgendwann konnte ich die Botschaft nicht länger überhören. Ich setzte mich auf mein Bett, das den größten Teil meiner Studentenbude ausmachte, und vertiefte mich in die ersten beiden Kapitel.

Es war eine anspruchsvolle Lektüre, mit einer mir sehr unvertrauten, fast biblischen Sprache. Aber es fesselte mich. In den Botschaften Emanuels fand ich ein Weltbild, das alles übertraf, was ich bis dahin gehört oder gelesen hatte. Ich empfand es irgendwie als ‘kosmisch’, ohne dass ich diese Empfindung hätte genauer bestimmen können.

Als ich es nach drei Tagen gelesen hatte, blieb ich einerseits fasziniert, andererseits auch etwas überfordert zurück. Ich war mit einundzwanzig Jahren einfach noch nicht in der Lage, seine unendliche Tiefe auch nur ansatzweise zu erfassen.

Doch „Emanuel“ blieb ein ständiger Wegbegleiter. Ich las es immer wieder – nach zwei, nach fünf, nach fünfzehn Jahren. Allmählich gelang es mir wohl, die vielfältigen Dimensionen seines Inhaltes zu erfassen. Trotzdem hatte ich nach jeder Lektüre das Empfinden, wieder ein wenig mehr zu begreifen.

So verging fast ein halbes Jahrhundert, in dem mir „Emanuel“ zu einem unverzichtbaren Weggefährten geworden war. Zweifellos war dies eines meiner „drei Bücher für die einsame Insel“!

Ich hatte mein Buch, mit all den Zetteln und Anstreichungen darin, schon längere Zeit nicht mehr in den Händen gehabt, als eines Nachts etwas gänzlich Unerwartetes geschah. Ich fand mich in einer höheren Welt auf einem Waldweg wieder, der aufwärts führte und nach einiger Zeit in eine hochgelegene Lichtung mündete. Dort standen zwei Gebäude, von denen das erste wie eine alte Abtei, das zweite wie ein etwas schräg stehender romanischer Turm aussah.

Ich betrat die Abtei durch ein hölzernes Portal mit eisernen Beschlägen, denn der Turm schien über keinen Zugang zu verfügen. In der Abtei zweigte gleich nach dem Tor ein schmaler Gang ab, durch den ein schwaches Licht fiel. Ich wurde von diesem Licht angezogen und kam nach wenigen Metern in einen schlichten Raum, der sich nach rechts oben erstreckte und seltsamerweise kein Ende zu haben schien. Es war, als wollte sich der Turm in den Himmel emporstrecken.

Das war aber bei Weitem nicht das Erstaunlichste an diesem Raum, der mir wie eine mittelalterliche Kapelle vorkam. In seiner Mitte befanden sich zwei Glastüren, die hoch aufragten und wie Schiebetüren verschlossen waren. Davor standen zwei majestätische Engelwesen, die wie überirdisch schöne junge Frauen aussahen. Ich hatte von meinen spirituellen Lehrern immer wieder gesagt bekommen, dass Engel eigentlich beide Polaritäten in sich verkörpern; aber diese Wesen trugen eindeutig weibliche Züge.

Ich stand ehrfürchtig im Eingangsbereich der Kapelle, als ich einen Impuls der beiden Engelwesen verspürte, mich ihnen zu nähern. Als ich nur noch drei Schritte entfernt war, schwangen die beiden Glastüren auf und gaben den Blick auf eine Art Altar frei, auf dem sich jedoch keine sakralen Gegenstände befanden, sondern ein BUCH.

Das Buch wurde von einer Licht-Aura umhüllt, die sich, fast wie ein Regenbogen, bis zu einem Meter über das Buch ausdehnte. Das Buch selber war etwa in der Mitte aufgeschlagen, und über ihm funkelten Buchstaben wie in einem goldenen Glanz.

Als ich in diesen wundervollen Anblick vertieft verharrte, schienen mir die Engel zuzuflüstern: „Das ursprüngliche Buch Emanuel!“ Ich schloss die Augen und erfasste in diesem Moment, dass hier die geistige Quelle für jene Worte lag, die mich fast mein ganzes Leben lang begleitet hatten. Es kam mir vor wie eine Art Inspirationsfeld, das ausstrahlte und seine geistige Kraft in die Welt sandte. Diese Kraft ging weit über das Buch hinaus und inspirierte alle Menschen, die für die „Emanuel-Schwingung“ empfänglich waren. Es war ein geistiger Kraftort, der transformatorisch in weite Bereiche der Schöpfung ausstrahlte.

Die Engel forderten mich auf, näher an das Buch heranzutreten, und beim Näherkommen umfing mich der Licht-Regenbogen, so dass es mir vorkam, als würde ich in seinem Glanz schweben. Auch das goldene Licht der Buchstaben umhüllte mich und schien in mein Stirn- und Herz-Zentrum einzutreten. Es war ein heiliger Moment, doch zugleich war alles Geschehen erfüllt von einer wunderbaren Atmosphäre der Leichtigkeit und Unbeschwertheit.

Ich weiß nicht, wie lange, nach irdischen Maßstäben, ich in dieser „Kapelle des Buches“ verweilen durfte. Doch die erhebende Schwingung dieses sakralen Ortes erfüllte jede Faser meines Wesens, als ich mich wieder in meinem normalen Erdenbewusstsein befand.

Wahrscheinlich schlossen die Engel die Tore zum Buch wieder; aber ich bin sicher, sie öffnen sich erneut, wenn andere Menschen den Weg in diese Kapelle finden, die ernsthaft nach der Wahrheit suchen.

Geblieben ist mir jedoch die Inspiration für das Verständnis jener Botschaften „Emanuels“, die erstmals vor über hundert Jahren in menschliche Worte gekleidet wurden.* Sie sollen einen neuen Ausdruck in den nachfolgenden Ausführungen finden und werden in der Hoffnung kommentiert, ihr ursprüngliches Lichtfeuer in vielen Herzen zu entzünden.

* Diese sind im Buch kursiv gedruckt.

1. Der Ursprung

„Im Anfang war Gott. Gott ist Urleben, ist Schöpfungskraft, schöpferische Bewegung, welche sich zu Geistindividualitäten kristallisieren musste. Ihr könnt diesen Prozess nicht verstehen, nicht fassen; können wir von der Materie ganz befreite Geister ihn doch nur ahnen. Aber so viel könnt ihr fassen, dass Gleiches Gleiches zur Folge haben muss.“

Diese ersten veröffentlichten Worte von Emanuel sind von fundamentaler Bedeutung in zweifacher Hinsicht: Die ursprüngliche Schöpfung war eine rein geistige; und der menschliche Verstand, als Erkenntnisinstrument eines bis in in die materielle Verdichtung gesunkenen Wesens, ist nicht ansatzweise in der Lage, den Göttlichen Urgrund zu erfassen.

Die in der Frühzeit des Christentums formulierte so­ge­nann­te „Negative Theologie“ war auf einem guten Weg, als sie zum Ausdruck brachte, der Mensch könne bestenfalls wissen, was Gott nicht sei, nicht aber etwas über sein SEIN aussagen.

Es ist zweifelsfrei ein natürliches Unterfangen des Men­schen, über seinen Ursprung nachzusinnen, doch sollte er sich dabei seines gegenwärtigen Entwicklungsstandes bewusst sein. Wenn Materie „gefrorener Geist“ ist, wie es einige große Physiker lehren, dann kommt es darauf an, erst einmal den Geist wieder ‘aufzutauen’.

Wenn jedoch nicht einmal rein geistige Wesen, die von jeglicher materieller Verhaftetheit befreit sind, die Größe der Gottheit zu erahnen vermögen, dann zeigt sich der außerordentlich begrenzte Rahmen, in dem menschliches Erkennen sich vollzieht, in aller Deutlichkeit.

Für den menschlichen Entwicklungsprozess in seinem gegenwärtigen Stadium genügt bezüglich der Got­tes­er­kennt­nis allein die Aussage: „ER ist.“ Wobei das „Er“ natürlich bereits eine unbeholfene Ausdrucksweise ist für das Unaussprechliche. Daher war es eine tiefsinnige Geste, als der Buddha, nach Brahman, dem Absoluten, gefragt, statt zu antworten nur eine Rose in die Höhe hielt.

Gott ist Urleben – mehr lässt sich nicht sagen.

Ist der Unterschied zwischen dem göttlichen Urleben und der Menschheit so unüberbrückbar groß, dass wir nie etwas über den Ur-Anfang, den Ur-Quell wissen können? Wenn wir den letzten Satz des Textes von Emanuel berücksichtigen, dass „Gleiches Gleiches zur Folge haben muss“, dann muss dieses „Gleiche“, die Mystiker sprechen vom „göttlichen Seelenfunken“ im Herzen, noch immer verborgen und unzerstörbar in uns wohnen.

In der Tiefe unseres Wesenskernes kann das göttliche Licht uns berühren. Ziehen wir IHM keine Grenzen: Es kann durch eine Blume, durch ein fröhliches Hundegebell oder durch das Funkeln eines Regenbogens über den Bergen zu uns sprechen.

Der Geist weht, wo er will!

Wenn er uns erfüllt, werden wir verwandelt sein. Dennoch bleibt es ein weiter Weg, zuerst einmal die materiellen Welten zu verlassen. Doch einst werden wir wieder ins LICHT zurückkehren, wenngleich wir die FLAMME nicht berühren werden.