Oskar Panizza

 

Die Menschenfabrik

 

Erzählungen

 

Impressum

 

ISBN 9783955012823 (E-Book)

andersseitig.de 2006





Covergestaltung: Erhard Koch

Digitalisierung: Erhard Koch


andersseitig Verlag

Dresden

www.andersseitig.de


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Das Wirtshaus zur Dreifaltigkeit
Die Menschenfabrik
Indianer-Gedanken
Ein Kapitel aus der Pastoral-Medizin
Ein kriminelles Geschlecht
Das Wachsfigurenkabinett

 

Das Wirtshaus zur Dreifaltigkeit

Dat is nu all lang heer, wol twe dusend Jahr, do wöör dar en ryk Mann, de hadd ene schöne Fru, un se hadden sik beyde sehr leef, hadden awerst kene Kinner, se wünschden sik awerst sehr welke, un de Fru bedd'd so vell dorüm Dag un Nacht, man se kregen keen un kregen keen. – »Ach«, säd de Fru eens so recht wehmödig, »hadd ik doch en Kind, so rood als Blood un so witt as Snee.« – – Un as der neunte Maand vorby wöör, do kreeg se en Kind, so witt as Snee un so rood as Blood. Dat Kind wöör awerst en lüttge Sähn (Sohn). Un as se dat seeg, so freude se sik.

Brüder Grimm

 

Es mag wohl in Franken gewesen sein, als ich vor mehreren Jahren auf einer meiner Fußtouren zur Winterszeit gegen Abend auf eine lange, hartgefrorene Landstraße kam, die sich schier unermesslich fortsetzte. Ringsum keine Rauchwolke, die die Nähe einer menschlichen Niederlassung angezeigt hätte. Es wurde dämmrig. Man sah auch kein Licht. Mein Ranzen war leer. Den letzten Imbiss hatte ich schon um Mittag verzehrt. Wir waren um November; und so weit man sah, war Wald und Feld mit einer harten Eis- und Schneekruste überzogen. Meine Nachlässigkeit, nie eine Karte mit mir zu nehmen, nie die Wegstunden zu berechnen, auf die nächsten Gehöfte und Dörfer zu achten, schien sich diesmal in unangenehmster Weise an mir rächen zu wollen. – Leute, deren Imaginationskraft stärker ist als ihr Verstand, sollten nie, oder nie allein, zu Fuß reisen. Immer in Gedanken versunken, sehen sie volle Humpen und mit johlenden Menschenkindern erfüllte Gaststuben, während die Karte in drei Stunden im Umkreis kein Wirtshaus angibt. Und die reale Wirklichkeit bestraft sie dann in empfindlichster Weise für den unerlaubten, geheimen Gedankengenuss. Solche Menschen sollten überhaupt nichts Irdisches unternehmen, keine Häuser bauen, keine Staatspapiere kaufen – mögen sie überirdisch spekulieren; dort fallen die Verluste nicht so schrecklich aus. –

Mit solchen Gedanken beschäftigt, war niemand froher wie ich, als ich auf der noch immer endlos sich hinziehenden Straße einen Reisenden mit schwerem Felleisen daherkommen sah. Er sah mich verwundert an, als wir uns begegneten, und frug: »Wie kommen Sie um diese späte Abendzeit hierher, wo auf Stunden im Umkreis keine Niederlassung ist? Ich selbst reise nur in der Dämmerung und zur Nachtzeit, weil meine Augen das Tageslicht nicht vertragen; und bin mit Weg und Steg wohlvertraut. Aber Sie wären verloren! « – Als ich nichts erwiderte, fuhr der Fremde, dessen eindringliche Rede mir Respekt abgewonnen hatte, fort: »Der Himmel hat diesmal für Sie gesorgt. Gleich hinter diesem Bergvorsprung, den Sie in zehn Minuten erreichen, steht ein Wirtshaus; ich komme gerade davon her; es ist aber gänzlich unbekannt; Sie konnten sich also nicht darauf verlassen; trotzdem steht es am Weg; es ist auf keiner Karte verzeichnet, und ich besitze die besten; ich selbst sah es heute zum ersten Mal; gleichwohl ist es uralt; ›Gasthaus zur Dreifaltigkeit‹; die Leute scheinen gut eingerichtet, wenn auch etwas altmodisch und langsam in ihren Manieren; Sie werden dort gut aufgehoben sein. Gehaben Sie sich wohl! « – Während der letzten Worte hatte er mit den Füßen wiederholt auf den kalten, eisigen Boden gestampft, da es ihn zu frieren schien. Er nahm rasch Abschied, und wir trennten uns nach verschiedenen Seiten. – »Erlauben Sie noch eine Frage, « – rief ich nach – »in was handeln Sie? Ihr Ranzen ist voll und schwer! « – »Gebetbücher! – Gebetbücher!« – rief er schnell zurück – »aber nicht mehr lang, – nicht mehr lang... die Zeiten...« – Den Schluss der Phrase konnte ich nicht verstehen; der Wind jagte sie ihm vom Mund weg. – Ich eilte vorwärts; und in der Tat traf ich, als ich den nächsten gegen die Straße sich vorschiebenden Hügelrücken erreicht hatte, auf eine kleine Talmulde, in der versteckt und zurückgezogen ein Häuschen stand. Ein schwacher Lichtschimmer drang aus den niederen Parterre-Fenstern. Der erste Stock, der mit spitzem Giebeldach, ähnlich den Bauernhäusern in der Umgegend, abschloss, war dunkel. Als ich näher kam, entdeckte ich über der niederen, hölzernen, braun angestrichenen Tür die zierliche Aufschrift auf weißem Kalk-Grund: Gasthaus zur Dreifaltigkeit. Kein Wirtshauszeichen sonst, was ich erblicken konnte. Kein hervorragender Arm mit dem Hexagramm oder dem schäumend gefüllten Bierseidel. Aber auch sonst nichts in der Umgebung, was ich als auffallend hätte bezeichnen müssen. Hinter dem Häuschen ein Misthaufen, ein Zeichen, dass die Leute etwas Landwirtschaft trieben. Ein kleines eingefriedetes Gärtchen. Ein paar abgegrenzte Felder mit der jungen Wintersaat. Und vor dem Häuschen ein hübscher hoher Taubenschlag, auf dessen gotische Spitze besonders viel Fleiß verwendet worden zu sein schien. Es war übrigens jetzt fast dunkel geworden. Ein harter, trockner Ostwind pfiff durch meinen dünnen Rock. Ich ging an die Tür und klopfte. Nach einiger Zeit hörte ich ein lautes Schlürfen auf dem Hausflur, und ein alter Mann mit schneeweißen Haaren, die zitternde Hand auf die Krücke gestützt, öffnete die Tür. »Kommen Sie endlich! « – rief er, ohne mich näher ins Aug' zu fassen, als man alten Bekannten gegenüber tut – »Sie sind lange in Spanien gewesen und durch ganz Frankreich gekommen, haben England bereist, wollten schon einmal nach Norwegen, laufen das ganze Jahr fast in Deutschland herum, kennen jedes Städtchen und Fleckchen, schauen jeden Kirchturm an, gucken in jeden Tümpel, und endlich kommen Sie in das weltentlegene, fränkische Gasthäuschen zur Dreifaltigkeit, wohin Sie ja doch kommen mussten – und ich habe so lang auf Sie gewartet!« – Der steinalte Mann, der so verwunderlich mit mir sprach, hatte inzwischen die Zimmertür geöffnet, und ich trat in einen nach Art der Landwirtshäuser mit einem großen schwerfälligen Tisch, einigen braunen knorzigen Stühlen, großem Kachelofen, laut pickender Uhr, einigen Heiligen- und Schlachten-Bildern und einem Kruzifix ausgestatteten Raum. – »Ich will gleich meinen lieben Sohn rufen, « – fügte er hinzu – »er wird sich freuen, Sie zu sehen; er wird noch oben studieren; er studiert mir leider viel zuviel. « – Damit öffnete er die Tür und rief ins obere Stockwerk: »Christian! – Christian, mein lieber Sohn, kommt doch etwas herunter, der junge Mensch ist da, auf den wir so viele, viele Jahre warteten. « – Ich war nicht wenig erstaunt über diesen merkwürdigen Bewillkomm und wollte eben meiner Empfindung durch eine Frage an den Alten Ausdruck verleihen, als oben leise eine Tür geöffnet wurde; ein zaghafter Schritt kam die Treppe herunter, und gleich darauf trat ein bleicher junger Mensch ins Zimmer von auffallend schönen Zügen; aber zaghaft und von fast mädchenhafter Zurückhaltung. Er trug einen langen weißen Mantel, der nach Art der Mönche mit einem einfachen Strick um die Taille zusammengehalten war. Mit offen entgegengestreckter Hand und einem unsäglich freundlichen Blick trat er auf mich zu und sagte: »Gott grüße Sie! «, dabei mit der Hand auf den alten Mann verweisend. »Christian!« – fing dieser aber mit fast schluchzender Stimme zu rufen an, wobei er seine Krücke fallen ließ und beide Hände ineinander schlug – »Christian, mein lieber Sohn, wie siehst du aus! Du hast wieder die ganze Nacht gewacht oder studiert oder dich abgehärmt; mein Gott, wenn du mir stürbest; Christian, wenn du uns wegstürbest und uns, mich und deine Mutter, allein zurückließest, alles wäre verloren; alle unsere Hoffnungen vernichtet; die ganze Wirtschaft ginge zum Teufel!« – In diesem Augenblick hörte ich draußen, wie hinterm Haus und aus einem engen, abgeschlossenen Raum kommend, ein dumpfes, scheußlich klingendes, höhnisches Gelächter, halb Grunzen, halb Meckern, wie von einem Bock, der aber menschlichen Ausdruck in seine Stimme legen kann. Alle im Zimmer wurden kreidebleich; und auch ich trat, betroffen über die Menschenähnlichkeit der Stimme, einen Schritt zurück und blickte fragend den Alten an. – »Es kommt vom Schweinestall,« – sagte dieser, wie um mich zu beruhigen – »wir haben dort einen Kerl eingesperrt, der sich über uns lustig macht und den wir hier füttern, damit er nicht sonst irgendwo auf den Feldern und in den Dörfern der Umgegend Schaden anstiftet. Er ist sonst ungefährlich. « – »Vater!« – rief aber gleich darauf der Junge mit bittender, sanft flehender Stimme – »Vater, liebster Vater, nenn seinen Namen nicht mehr, ich bitte dich, du weißt, er will unser Verderben!« – »Er macht mir keine Sorge,« – replizierte der Alte, der inzwischen wieder seinen Krückstock zu sich genommen – »aber du machst mir Sorge; geh jetzt nur, geh hinaus zu deiner Mutter und sag ihr, sie soll das Essen auftragen, es sei auch ein Gast da.« – Der Junge in seinem weißen schleppenden Gewand ging gesenkten Kopfes und feierlich-langsamen Schritts aus dem Zimmer; und der Alte und ich waren wieder allein. »Der Junge macht mir Sorge, « – bekräftigte dieser wieder, indem er humpelnd auf und nieder ging – »er ist zart wie eine junge Palme; kein Wunder bei dieser Lebensweise; statt dass er hinaus aufs Feld geht und mitarbeitet, hockt er oben und studiert Konkordanzen und Vulgaten. Die bleichen, eingefallenen Wangen; die platte, schwache Brust; oft hustet er, dass es nimmer schön ist. Der Junge macht mir Sorge. «

Ich war über alldem, was ich bis jetzt schon gesehen und gehört, so im Inneren betroffen und verwirrt, dass ich nicht wusste, wo anfangen, um das Gesamte in ein vernünftiges Bild zusammenzufassen. Ich war fest überzeugt, dass mich der Alte für einen andern ansah; sonst war der Begrüßungsakt undenkbar; auf der andern Seite musste ich mir eingestehen, dass vieles, was er mir bei der Haustür gesagt, buchstäblich und bis auf Kleinigkeiten wahr war. Höchst verdächtig kam mir aber auch das freundliche, fast feierliche Entgegenkommen des jungen Schwindsüchtigen in seinem weißen Talar vor. Er hatte so etwas Kindlich-Zerstreutes in seinem Auge, Sehnsüchtig-Verlangendes, Welt-Entrücktes und dabei Liebe-von-sich-Gebendes. dass ich überzeugt war, jeder andere an meiner Stelle wäre ebenso empfangen worden. Ich schloss daraus auf den Geisteszustand des jungen Menschen, und ich kam zu keinem günstigen Urteil. Ich meine, der zarte, junge Mensch kam mir der Welt gegenüber nicht resistent genug vor. Auch das verwandtschaftliche Verhältnis zwischen diesem »Vater« und »Sohn« war mir nicht klar. Der Alte konnte unmöglich der Vater dieses jungen Mannes sein. Alles dies beschäftigte mich intensiv während der paar Augenblicke, die der Alte polternd und schleppend im Zimmer auf und ab ging. Und ich hätte gern gefragt, um mich zu orientieren, wenn mich nicht die Angst zurückgehalten hätte, durch zu vieles Fragen und Aufdecken des Sachverhalts hinsichtlich meiner Person meine Lage zu verschlechtern. Jetzt war ich gut und aufs herzlichste aufgenommen. Kam irgendetwas auf, welches zeigte, dass der Alte sich hinsichtlich meiner einer Täuschung hingegeben hatte, so garantierte ich, von dieser seltsamen Familie vor die Tür gesetzt zu werden. Denn darüber war ich mir längst klar geworden, es war eine verdächtige Herberge, in die ich hier geraten war; und ich konnte nicht umhin, jene düsteren Szenen aus dem »Wirtshaus im Spessart« und das noch schlimmere Verfahren jenes klassischen Wirts aus dem Altertum, des Prokrustes mit seinen fatalen Betten, mir ins Gedächtnis zurückzurufen, als die Tür aufging und eine junge Frau mit einer großen dampfenden Schüssel hereintrat. Der alte Mann hielt in seinem erregten Aufundabpoltern inne, schaute die Eingetretene von der Seite an und sagte dann, zu mir gewandt: »Das ist Maria, meine Tochter Maria!...«