Gisbert Haefs
Und oben sitzt ein Rabe
Matzbach exklusiv bei KBV:
Acht Neuauflagen und zwei Neuerscheinungen
Mord am Millionenhügel (Juni 2012)
Und oben sitzt ein Rabe (Juni 2012)
Das Doppelgrab in der Provence (Herbst 2012)
Mörder und Marder (Herbst 2012)
Matzbachs Nabel (Herbst 2012)
Kein Freibier für Matzbach (Frühjahr 2013)
Schmusemord (Frühjahr 2013)
Feuerwerk für Matzbach (Frühjahr 2013)
Finaler Rettungskuss (Juni 2012)
Zwischenfälle (Frühjahr 2013)
Gisbert Haefs, Jahrgang 1950, lebt und schreibt in Bonn; als Übersetzer/Herausgeber verantwortlich für Borges, Kipling, Brassens, Dylan u. a., als Autor haftbar für Erzählungen, historische Romane (Hannibal, Troja, Raja, Die Rache des Kaisers, Das Labyrinth von Ragusa u. a.) und Krimis (»Matzbach«).
Die Originalausgabe erschien
1983 als Goldmann-Krimi
© 2012 KBV Verlags- und Mediengesellschaft mbH, Hillesheim
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Fax: 0 65 93 - 998 96-20
Umschlagillustration: Ralf Kramp
unter Verwendung von: © Eric Isselée - www.fotolia.de
Print-ISBN 978-3-942446-49-5
E-Book-ISBN 978-3-95441-108-5
Aus: Jakob Grunewald, Willkürliche Biogramme,2 1986*
»... wurde Baltasar Matzbach als ›Universaldilettant‹ bezeichnet, der sich in die Gefilde der Kriminalistik verirrt habe. Das Etikett ... beklebt einen, der von vielen Dingen zu viel weiß, um sie ernst zu nehmen, zu wenig, um von ihnen ernstgenommen zu werden, und genug, um Experten zu bluffen und Laien zu amüsieren. ... Ein Bekannter mutmaßte auch, B. M. leide (?) an Elephantiasis der Seele. Interessanter sind jedoch andere Aspekte, so z. B. Matzbachs verwegene Verfressenheit; wie zu Zeus Sein Donner und zu Jehovah Sein Zorn gehört zu Baltasar Sein Wanst. Immerhin kann er es sich seit vielen Jahren leisten, Hecht zu essen und zum folgenden Fleischgang einen Grand Cru zu trinken. Er wuchs nach dem Verscheiden seiner Eltern bei Verwandten auf und studierte später Philosophie und Atomphysik. Dabei erfand er etwas für ein Betatron, so kompliziert, daß er es selbst schon längst nicht mehr erklären kann, aber das Patent wird international verwendet und wirft einiges ab; anschließend wandte Matzbach sich der Musik zu und komponierte ein bißchen, darunter einen vollendet schwachsinnigen Schlager, der noch immer läuft und zwei- bis dreimal pro Jahr neu aufgenommen wird, und so schickt die GEMA ihm bisweilen einen freundlichen Scheck. Ein Hauptgewinn im Lotto sorgte 1962 dafür, daß Baltasar aus dem Gröbsten heraus war. Er investierte klug und ergab sich der sinnlosen Bildung, wobei er von den exakten zu den diffusen Gebieten überging; so stammt aus seiner Feder ein in Fachkreisen geschätztes Werk über Monotheistische Strömungen des inselkeltischen Druidentums.* Einige Jahre hielt er sich an der bretonischen Nordküste auf, bevor die touristische Völkerwanderung sie verwüstete, und weilte dort als Mäzen und Manager junger Künstler, Veruntreuer von frühen Touristinnen und Privatdozent gegen Okkultismus. Dabei verfaßte er zwei weitere Standardwerke: Schamanistische Einflüsse in die Analekten des Konfuzius* und Sexualpathologische Aspekte der Psychokinese.* Und tat zahllose weitere unsinnige Dinge, die ausnahmslos zu Gold wurden (er habe, behauptet er, in dieser Beziehung etwas durchaus Eselhaftes an sich). Jahrelang verdiente er sich ein regelmäßiges Zubrot mit seinem Kummerkasten Fragen Sie Frau Griseldis; außerdem droht irgendwann die Veröffentlichung seines geheimen Hauptwerks Der Leichnam in der Weltliteratur. (Die Mutmaßung, seine detektivischen Aktivitäten seien nur ein Vorwand dafür oder umgekehrt, ist nicht von der Hand zu weisen.) ...«
* Alle Titel erschienen im Verlag für Enzyklopädische Geisteswissenschaften (Edinburgh – Simla – Wachtendonk – Córdoba – Beaune).
Ein Strahl der Oktobersonne auf seiner Nase weckte Andreas Goldberg. Kurz vor elf, stellte er fest, als er den Wecker betrachtete; reichlich spät für einen, der seit Jahren an frühes Aufstehen und feste Bürozeiten gewöhnt war.
Nach kurzem Dösen wälzte er sich auf die Seite und schaltete das Radio ein. Er erwischte das Ende der Nachrichten; ein Verkehrshinweis folgte, dann endlich Musik. Nach dem zweiten Musiktitel streifte er den Rest der Decke ab und stand auf. Die sinnliche Stimme der Moderatorin folgte ihm auf seinem nackten Marsch ins Bad.
Nach dem Zähneputzen ging er ins Wohn- und Schlafzimmer zurück. Die Sprecherin verwies auf die nächste Musiknummer; Andreas tänzelte über die Trümmer der unvollendeten Wohnungsauflösung; dabei grinste und pfiff er.
Während er die verstreuten Kleidungsstücke einsammelte, begann er sogar zu singen. Schließlich ging er zum Nachttisch, auf dem bis vor etwa fünfzig Stunden der elektrische Wecker und ein kleineres Schmuckkästchen seiner Frau gestanden hatten. Dort blieb er einen Moment stehen und belächelte die rechte, unbenutzte Hälfte des Betts.
Dann betrachtete er, beinahe irritiert, seine linke Hand, streifte den Ehering vom Finger und legte ihn auf die Platte des Nachttischs. »Möglicherweise«, murmelte er, »werde ich ihn versetzen müssen. Große Klasse.«
Immer noch unbekleidet öffnete er das große Fenster neben dem Eßtisch. Die kurzsichtige ältere Dame im Haus jenseits des Gartens winkte ihm; sie schälte am offenen Küchenfenster Kartoffeln. Andreas winkte zurück. Dann hüpfte er in die kleine Küche. Er fand noch einen Rest gemahlenen Kaffees, füllte die Kaffeemaschine mit Wasser, schüttete Kaffee in den Filter und schob zwei Scheiben Weißbrot in den Toaster. Dann brach er ein kleines Stück von einer weiteren Scheibe ab, versah es mit dick Butter, Leberpastete, Senf und einem Tupfer Marmelade und ging damit zurück ins Zimmer.
Neben dem Tisch hockte auf einer Mahagonistange der alte zerzauste Rabe, an dem Andreas hing und um dessen Aussehen, Eß- und Lausegewohnheiten es zuletzt immer häufiger Streit mit Madame gegeben hatte. Der Rabe hob ein Bein, legte den Kopf schief und sah mißtrauisch drein.
»Morgen, Poe!«
Poe fraß fast alles, am liebsten Dinge, bei denen harmlose Zuschauer entweder mit Neid (Kaviar und Schnecken à la bourguignonne) oder mit Würgen kämpften (etwa bei gebratener Blutwurst mit süßer Sahne). Der Rabe schielte auf das Brotstückchen mit Leberpastete und Garnierung, dann auf Andreas' Zehen. Schließlich ließ er sich dazu herab, seinen Ernährer direkt anzusehen.
»Lümmel!« krächzte er. Andreas hielt ihm das Brot hin. Mit einem Schnabelstreich nahm Poe sein Frühstück in Besitz.
Als der Kaffee fertig war, hatte Andreas sich zu einer leichten hellen Leinenhose aufgerafft und Post und Zeitung aus dem Briefkasten geholt. Es war köstlich, bei lauter Musik aus dem Radio zu frühstücken und dabei zu lesen, ohne sich deswegen dauernd rechtfertigen zu müssen. Zwischendurch blickte er auf den Stuhl an der anderen Seite des Tisches.
Nachdem er die Sportseite studiert hatte, wandte er sich der Post zu. Die Telefonrechnung, zwei Werbedrucksachen, ein großer Umschlag mit dem Aufdruck seiner bisherigen Firma – vermutlich seine restlichen Papiere – und eine Ansichtskarte aus Südfrankreich. Von einer alten Bekannten. Eigentlich war die Bekannte eine alte Freundin seiner Frau, und zuerst hatte er sie überhaupt nicht leiden können. Dann hatte seine Frau darauf gedrängt, daß er sie schätzen lerne. Schließlich hatte er herausgefunden, daß sie tatsächlich ganz sympathisch war.
Worauf Irene beschloß, das sei eigentlich schon zu viel. Auch darüber hatte es Krach gegeben. Die Karte war adressiert an »Irene u. Andreas Goldberg«; eine Anschrift, die nicht mehr existierte. In einem Nebensatz auf der Karte war zu lesen, daß die gute Sarah sich in der Provence von ihrer »Chaosbeziehung« endgültig zu erholen gedachte. »Na so was«, murmelte er.
Inzwischen hatte Poe sein Frühstück beendet und flatterte durch den Raum. Dann ließ er sich auf der bloßen Schulter seines Herren nieder. Dort begann er, sanft aber eindringlich, mit seinem Schnabel in Andreas' Ohr Streicheleinheiten zu suchen und zu verteilen. Als Andreas ihn nach einer Weile fortjagte, protestierte der Rabe mit dem Ausruf »Rübensau!« Während er zur Stange zurückflatterte, klingelte das Telefon.
Andreas wanderte in die halb leergeräumte Diele. Beim fünften Klingeln nahm er den Hörer ab und meldete sich. »Goldberg.«
»Morgen Andy. Hier Irene.« Pause. »Wie, eh, geht's dir?«
»Ausgezeichnet.«
»Ach, wirklich?«
»Ja, sicher. Warum denn nicht? Es ist doch ein herrlicher Tag ...«
»Na ja, schließlich liegt man nicht jeden Tag in Scheidung ...«
»Übernimmst du außer diesen juristischen Fachausdrücken noch was von Robert?«
Sie schluckte. »Geht dich das was an?«
»Nein, glücklicherweise nicht mehr. Und glücklicherweise bin ich nicht für deinen Geschmack zuständig, was Nachfolger angeht.«
»Bitter?«
»Nein, süß. Ich hab grad ein Brot mit Kirschmarmelade gegessen. Im Moment wisch ich mir die Finger an der Hose ab. An der hellen, weißt du.«
»Okay«, sagte sie, kühl und geschäftsmäßig. »Zur Sache. Ich hab noch ein paar Dinge in der Wohnung. Die kann ich im Moment nicht unterbringen. Können sie noch ein paar Tage liegenbleiben?«
Andreas grinste in die Muschel. »Sicher, solange ich noch hier bin.«
»Was heißt denn das?«
»Tja, ohne meine dynamische, gutverdienende Frau kann ich mir diese Luxuswohnung nicht mehr leisten. So viel Arbeitslosengeld werd ich wohl nicht kriegen ...«
»Aber du kannst doch bestimmt sofort einen neuen Job haben, bei deiner Qualifikation?!«
»Können kann ich schon, ich weiß nur im Moment nicht, ob ich sofort wollen möchte.«
»Aber wieso denn? Stimmt das etwa nicht, daß die Firma pleite ist? Hast du etwa gekündigt?«
Er lachte. »Nein, nein. Die Firma ist pleite, und zwar ist sie genau zum passenden Zeitpunkt pleite gegangen. Ich werde mir jetzt ein bißchen Zeit nehmen, um über dies und jenes nachzudenken. Außerdem kann ich mal ein Buch lesen. Oder versuchen festzustellen, warum ich dich eigentlich früher für liebenswert gehalten habe. Wenn ich was rauskriege, sage ich's Robert. Vielleicht kann er es nutzbringend vergeuden. Übrigens, Grüße von Sarah.«
Eisige Pause. »Aha. Hab ich's mir doch gedacht. Und du hast immer so getan, als ob nichts wäre. Meine alte Freundin ...«
»Alles Quatsch. War nie was und ist nix. Sie hat eine Postkarte aus der Provence geschrieben, an uns beide. Liebe Grüße aus dem Urlaub im sonnigen Südfrankreich. Bäh.«
Irene murmelte irgend etwas; dann seufzte sie. »Na schön, mit dir kann man offenbar heute nicht vernünftig reden. Am besten fährst du gegen einen Baum. Ich besuch dich dann im Krankenhaus.« Damit hängte sie ein.
Andreas legte sanft auf und ging grinsend ins Zimmer zurück. In einem Bücherregal stand ein Foto, das sie zurückgelassen hatte. Es zeigte Irene und Andreas im ersten Lenz einer hoffnungsvollen jungen Liebschaft. Nachdenklich betrachtete er das Bild. Die liebe Irene. Jetzt war sie achtundzwanzig, drei Jahre jünger als er, und seit der Aufnahme vor etwa vier Jahren hatte sie sich kaum verändert. Blond, schlank und dynamisch; Besitzerin einer Top-Boutique im Bonner Stadtzentrum, für die ganz Armen. Daneben stand er; er fühlte sich nicht viel älter als damals. Prüfend betrachtete er die langen braunen Haare, die er damals getragen hatte. Jetzt waren sie viel kürzer; Irene war modebewußt. Den Tatarenschnurrbart hatte er mit Nägeln und Zähnen verteidigt, und zugenommen hatte er auch nicht. Vielleicht hatten sich zwei oder drei Linien in seinem eher hageren Gesicht angesiedelt, aus dem Berufsleben oder der Eheveranstaltung. Die Muskeln waren allerdings nicht mehr so stramm wie zur Zeit der Aufnahme; in den letzten Monaten, als sich das Konstruktionsbüro und die Ehe dem jeweiligen Ende näherten, war er kaum noch zum Schwimmen oder Tennis gekommen.
Sorgfältig löste er das Foto aus dem Rahmen und ging zum Tisch. Das Feuerzeug schien ihm in diesem Fall stillos. In der Küche fand er Streichhölzer. Als noch etwa ein Drittel des Bildes zu sehen war, fischte er aus einem Kästchen auf der Fensterbank eines jener schwarzen Zigarillos, die Irene »ekelhafte Stinkmorcheln« zu nennen pflegte. Er zündete es mit dem Rest des Fotos an; dann warf er das unansehnliche Dokument eines Irrtums in den Aschenbecher.
Mit Poe auf der Schulter verließ er eine halbe Stunde später die Wohnung. Im Parterre überfiel ihn die Frau des Vermieters. Sie mußte im Hinterhalt gelegen haben.
»Guten Morgen, Herr Goldberg«, flötete sie. »Haben Sie heute frei? Und wie geht es Ihrer Frau? Ich hab sie ja heute noch gar nicht gesehen.«
Andreas lächelte freundlich. »Guten Morgen, liebe Frau Fischer. Wie geht's denn Ihrem Mann? Ich hab ihn ja heute noch gar nicht gesehen.«
Herr Fischer, ein pensionierter Postbeamter, führte immer zwischen halb zwölf und eins mit der Zuverlässigkeit einer Stechuhr seinen Dackel spazieren, in eine nahegelegene Kneipe. Dort trank der Hund regelmäßig einen Napf Wasser. Was auch erklärt, daß Herr Fischer meistens müde zum Mittagessen erschien und streng roch. Die umfangreiche Wirtin schob eine Strähne aus der Stirn, verschränkte die Hände unter der Schürze und legte den Mund in weinerliche Wellen.
»Ach, er ist mit dem Felix unterwegs. Sie wissen schon.«
Bevor sie ihre Fragen wiederholen konnte, legte Andreas die Hand auf den Knauf der Haustür. »Na, er wird schon wiederkommen«, sagte er. »Was ich von meiner Frau nicht hoffe. Die Firma ist pleite, ich bin arbeitslos, mir geht es ausgezeichnet, und ich möchte hiermit zum nächstmöglichen Termin kündigen. Das kriegen Sie aber noch schriftlich. Wiedersehen.«
Mit gelassener Seele und ruhiger Hand lenkte Andreas seinen alten Diesel quer durch die Stadt. Poe hüpfte auf dem Beifahrersitz hin und her und brabbelte unverständliches Zeug. Wie der Rabe und etliche andere Dinge, so war auch der Wagen stets ein Objekt des Streits gewesen: »Er stinkt bestialisch nach Diesel/er ist unmodern/er ist langsam/kannst du dir nicht mal was Schnittigeres zulegen/und so weiter. Waschen könntest du ihn auch mal wieder, wenigstens.«
In einem Dorf auf der anderen Seite des Rheins lebte Großvater Goldberg. Seit seine Eltern, zu denen er kein besonders gutes Verhältnis gehabt hatte, vor Jahren bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen waren, war der Großvater Andreas' einziger erwähnenswerter Verwandter. Ein alter Schuster, nun 76 Jahre alt, der in den Bergen östlich von Bonn, am Übergang zum Westerwald, in den vergangenen Jahrzehnten einen alten Fachwerkhof schnuckelig ausgebaut hatte und dort mit einer erstaunlichen Sammlung toter Tiere und lebender Weine hauste.
Als Andreas die Küche betrat, rührte der alte Mann in der Pfanne herum. »Hunger?«
»Nein, eigentlich hab ich gerade erst gefrühstückt. Was gibt's denn?«
In der Pfanne entstand eine undefinierbare, köstlich duftende Tunke. Hermann Goldberg wies mit dem Kopf auf den Backofen, in dem Andreas nur Folie erkennen konnte.
»Braune Forellen.«
Andreas nickte. »Also, wenn was abfällt.«
»Hm.«
Die nächsten Minuten verbrachten sie schweigend. Der alte Goldberg zog aus einem Wandschrank selbstgebackenes Weißbrot hervor; mit einer Kopfbewegung schickte er Andreas in den nicht ganz tiefgelegenen Weinkeller. Andreas wählte nicht lange aus; sein Großvater kannte ein paar Winzer an der Mosel, die sich weigerten, ihre gesamte Ernte zu zuckern. Mit einer Riesling-Spätlese '76 kehrte er in die Küche zurück. Sein Großvater brach in einen vollständigen Satz des Entsetzens aus.
»Braune Bachforelle und '76er Spätlese! Viel zu schwer. Dazu nimmt man einen Gros Plant oder Muscadet oder so. Höchstens 'nen angeschnibbelten Weißklevner. Pah.«
Andreas verzichtete darauf zu fragen, was ein angeschnibbelter Weißklevner sei. Der Großvater nahm die Flasche und verschwand in schweigender Empörung.
Andreas war einige Monate nicht mehr bei seinem Großvater gewesen und hatte das Gefühl, irgend etwas habe sich verändert. Die Bohlen knarrten wie immer. Auf dem massiven Eichentisch lag eine rotweißkarierte Tischdecke, die fast bis zur Hälfte der gedrechselten Beine hinabreichte. Vielleicht war die Decke neu, aber das war es nicht. Auch nicht die Lampe, die zwischen den schweren Tragebalken baumelte. Der Wandschrank, der alte Bauernschrank mit der verzierten Tür, hinter der sich Geschirr befand – kopfschüttelnd bemerkte Andreas endlich neben der Tür zum Flur einen kleinen Getränkekühlschrank, der dem Knurren nach mit Volldampf arbeitete. Er hob die Klappe und sah hinein – mehrere Vögel und eine Kreuzotter. Er schüttelte sich und schloß die Klappe wieder.
Hermann Goldberg kam zurück, in der Hand eine Flasche eines zwei Jahre alten Sancerre.
»Oder so was«, knurrte er, während er die Flasche geräuschlos entkorkte. Andreas betrachtete die von dicken Adern gemusterten Hände, die immer noch zu Feinarbeit fähig waren. Er schnitt ein paar Scheiben von dem frischen Weißbrot ab, holte Knoblauchbutter aus dem Wandschrank und suchte Gläser, während sein Großvater den Fisch auflegte.
Nach einigen Gabeln strich der alte Mann graue Haare hinter das linke Ohr und betrachtete seinen Enkel. »Nix zu tun?«
»Ich mach heut blau. Keine Lust.«
»Hm.«
Nach dem Essen holte der Alte Schachbrett und Figuren – selbstgeschnitzt, aus schwerem rötlichen Holz, das Andreas nicht identifizieren konnte, und mit wundervoller Maserung – aus einer Schublade.
»Hm?«
»Sicher.«
Der Großvater überließ Andreas das Aufbauen der Figuren und holte einen irdenen Tabakstopf und mehrere Pfeifen aus einem anderen Zimmer. Andreas nahm die angebotene Pfeife schweigend an, was er seit langer Zeit nicht mehr getan hatte. Gegen halb drei begannen sie mit der ersten Partie. Nach der zweiten Partie und Flasche blickte Andreas auf die Uhr; es war kurz vor sechs, und er hatte beide Partien verloren. Aber gute Partien, die zu verlieren mehr Spaß macht als mancher Sieg.
Hermann Goldberg lehnte sich zurück und stieß eine dicke Rauchwolke aus. Dann legte er die Pfeife auf den Tisch und richtete den Zeigefinger drohend auf Andreas.
»Also: Ihr habt euch getrennt, und du hast gekündigt.«
Andreas zuckte zusammen. »Jein. Getrennt, und die Firma ist pleite. Kommt aber aufs gleiche raus. Bloß: Woher weißt du das?«
Der Großvater grinste. »Völlig klar. Irene hat dir immer die Pfeife madig gemacht, weil man dann stinkt. Wenn du nicht irgendwas Dickes auf dem Herzen hättest, hättest du mir längst irgendeinen seichten Unsinn erzählt. Drittens hast du lausig gespielt. An irgendwas gedacht, was dir nicht unangenehm ist. Viertens fehlt an deinem Finger der Ring.«
»Volltreffer, Großvater. Irene ist vorgestern nach einem letzten fetten Krach ausgezogen, ich hab gestern zum letzten Mal bei Schmitz gearbeitet. Pleite.«
Der alte Mann holte die nächste Flasche. Während er sie entkorkte, musterte er seinen Enkel scharf über die markante Nase hinweg. »Und jetzt?«
»Was weiß ich? Zuerst bin ich mal ledig und arbeitslos. Ich hab nicht vor, daran sehr schnell was zu ändern.«
»Gut so. Würd mich freuen, wenn was von deiner Freizeit hierblieb.«
Andreas nickte und stopfte sich die nächste Pfeife. Seine Zunge würde sich am nächsten Morgen anfühlen wie ein empfindsames Waschbrett. Aber das spielte keine Rolle.
Plötzlich fiel ihm ein, daß er etwas Wichtiges vergessen hatte. Er blickte auf die Uhr. »Gerade noch Zeit«, sagte er.
Der Großvater blickte ihn fragend an.
»Ah, ich hab was vergessen, nen Termin morgen früh. Geld, weißt du, Versicherung und Bank und so was. Vor zwei Wochen festgemacht. Entweder muß ich den morgen früh absagen oder noch kurz mit Irene sprechen. Wenn ich Glück hab, ist sie noch im Laden. Wo ist das nächste Telefon?«
Der alte Mann hatte sich immer geweigert, sinnlose Dinge wie ein Telefon oder einen Kühlschrank anzuschaffen; Andreas hatte bereits heimlich gehofft, mit dem – wie auch immer zweckentfremdeten – kleinen Kühlschrank sei vielleicht auch ein Telefon ins Haus gekommen. Der Großvater deutete mit dem Pfeifenstiel in die ungefähre Richtung der Bundesstraße.
»Wenn du hinkommst, links, ungefähr vier Kilometer.«
Andreas nickte und erhob sich. »Bin gleich wieder da.«
Mit einigermaßen schlechtem Gewissen stieg er in seinen Wagen. Auf der kurzen Strecke würde wohl kein Ortssheriff mit Blaseröhrchen lauern. Er hatte Glück, führte ein kurzes Gespräch mit Irene und fuhr wieder zurück.
»Hm?«
»Ich treff sie morgen ganz früh in ihrer derzeitigen Wohnung.«
»Hm?«
»Ein Jurist, Anwalt.«
»Hm!«
Andreas grinste; er kannte und teilte die Meinung seines Großvaters über Juristen. Er setzte die gestopfte Pfeife in Brand.
»Großvater«, sagte er paffend, »du hast Irene nie so richtig gemocht, oder?«
Der Alte schüttelte den Kopf. »Hab gedacht, vielleicht ändert sie sich noch. Hat sie aber nicht. War zu – eh, stromlinienförmig. Kein Windwiderstand. Klar, sie weiß, was sie will. Karriere. Geld. Ansehen. Mode. Wollte sie immer schon, hast du aber nicht kapiert, Trottel. Dir ging's um Streicheln, Wärme und Persönlichkeit, eh? War nix. Junge.«
»Warum hast du mir ...«
»Wenn ich was gesagt hätte, hättst du's geglaubt?«
»Nee.«
»Eben.«
Sie spielten noch viele Partien und leerten noch mehrere Flaschen. Irgendwann nachts, in einem knarrenden Bett, erwachte Andreas und starrte an die niedrige Decke. Der Morgenstern trieb schon sein Unwesen, und das mattgraue Licht zeichnete Gaukler auf die Wände. Da kicherte Andreas und fühlte sich wohl. Und während er noch überlegte, weshalb er wohl gekichert hatte, schlief er schon wieder ein.
Kurz vor sechs, als er seinen Großvater in der Küche rumoren hörte, stand er auf. Die Sonne war noch nicht aufgegangen, aber es war schon fast hell und klar. Es würde wieder ein sehr schöner Herbsttag werden. Nach einem schnellen Kaffee und einer Scheibe Weißbrot mit Butter und Honig brach Andreas auf. Poe, der die Nacht in einem Haufen Holzwolle verbracht hatte, war unwirsch. Sein Frühstück hatte nur aus Brot und Käse bestanden. Wahrscheinlich fehlte ihm der Kaviar. Fröhlich pfeifend, später ganz in erfreuliche Gedanken versunken, fuhr Andreas eine Weile kreuz und quer über Landstraßen, durch ihm unbekannte Dörfer, Berge hinauf und wieder hinunter, durchquerte grüne Täler, überfuhr einmal beinahe ein Schaf. Irgendwo tankte er seinen Wagen nach, winkte dem Tankstellenpächter oderbesitzer freundlich zu und fuhr weiter.
Gegen halb neun fand er in der Nähe der Wohnung des Juristen einen Parkplatz. Er lief, mit Poe auf der Schulter, durch die morgenstille Straße der Bonner Nordstadt. Irene, dachte er dabei spöttisch, wird sich freuen, wenn ich das liebe Tier zum Rendezvous mitbringe.
Im Parterre eines stattlichen Altbaus mit gepflegter Jugendstilfassade betrieb Robert zusammen mit zwei Kollegen eine Anwaltspraxis samt Notariat. In der ersten Etage wohnte einer der Kollegen, in der zweiten er, und mit ihm neuerdings Irene.
Vor der Haustür standen zwei uniformierte Polizeibeamte. Andreas wollte an ihnen vorüber. Sie hielten ihn auf.
»Wer sind Sie bitte?« fragte einer.
Andreas nannte seinen Namen, verwundert. Die beiden Männer nickten einander zu.
»Herr Goldberg«, sagte der linke, irgendwie ernst, »begleiten Sie uns bitte. Es handelt sich um eine Identifizierung.«
Irene betrachtete noch einen Moment den Apparat, nachdem das unerfreuliche Morgengespräch mit Andreas beendet war. Dann schüttelte sie den Kopf und ging ins Bad, um sich fertigzumachen. Alles sah noch ein wenig wüst aus. Roberts Wohnung war zwar geräumig und bis zu ihrem überfallartigen Einzug relativ leer gewesen, aber innerhalb weniger Stunden läßt sich ein halber Haushalt nicht befriedigend einräumen.
Sie dachte, während sie sich anzog, an die vielen kleinen Dinge, derentwegen die Sache schiefgelaufen war. Einen richtig großen Grund hätte sie nicht nennen können.
Sie bezweifelte auch, daß Andreas mehr als addierbare Kleinigkeiten aufzählen könnte. Obwohl es heiß war, fror sie einen Augenblick in dem Badezimmer mit der hohen Decke und den weißen Wänden. Es kam ihr fremd vor. Lächerlich, dachte sie, dabei hatte sie schon so oft in den letzten Monaten hier, in dieser Wohnung, die Nacht verbracht und in diesem Bad getan, was man in einem Bad gemeinhin tut. Sie dachte an die Annehmlichkeiten eines weitläufigen Altbaus mit Stuckdecken und an Robert, der schon seit zwei Stunden zwei Etagen tiefer bei der Arbeit war. Er hatte eine wichtige Verabredung um neun Uhr gehabt. Sie dagegen hatte sich den Luxus erlaubt, einmal richtig auszuschlafen. Sie dachte, während sie dezentes Make-up auftrug und dabei zufrieden ihr ovales Gesicht mit den geschwungenen Brauen und den vollen Lippen betrachtete, an die vergangene Nacht mit Robert, an die Mischung aus Zurückhaltung und Technik. Es haftete dem Beilager, dachte sie spöttisch, etwas Juristisches an. Präambel, Erlaß, Ausführungsvorschrift, Nachtrag. »Wahnsinnig aufregend«, murmelte sie. Dann schalt sie sich in Gedanken ein dummes Huhn. Abwarten, gewöhnen, und außerdem alles selbst eingebrockt.
Unzufrieden verließ sie die Wohnung. Sie wußte, daß ihr nichts mehr an Andreas lag, nahm an, daß umgekehrt das gleiche galt, und ärgerte sich darüber, daß sie die Jahre und Gemeinsamkeiten nicht wie eine welke Pflanze ausreißen und vergessen konnte. In dem alten Treppenhaus klangen ihre Schritte fremd.
Auf der Straße brauchte sie einen Moment der Orientierung im gleißenden Mittagslicht. Endlich fand sie die Sonnenbrille in ihrer Handtasche. Die abends so belebte Nordstadt mit den zahllosen Kneipen wirkte ausgestorben. Die wenigen Geschäfte konnten das Treiben der Abende nicht ersetzen. Mit energischen Schritten, wie um sich selbst von der Dringlichkeit ihrer Absichten und der Festigkeit ihrer Seele zu überzeugen, ging sie in Richtung Zentrum.
Ihre Boutique erreichte sie gerade noch rechtzeitig, um der Verkäuferin beim Zuschließen zuzusehen.
»Hallo Sylvia«, sagte sie. »Wie war's denn heute?«
»Hallo Irene. Ruhig. Bei dem tollen Herbstwetter sind die Leute wahrscheinlich im Grünen. Oder im Büro. – Du siehst ein bißchen müde aus.«
»Bin ich aber nicht. Ich hab gut geschlafen.«
Sylvia lächelte. »Das heißt nichts. Ich meine, das kommt ganz drauf an ...«
Irene lächelte zurück. »Komm«, sagte sie, kurz entschlossen, »ich lad dich ein.«
Am vergangenen Tag hatte Sylvia die Boutique allein gehütet. Die Frauen waren einigermaßen miteinander befreundet. Sylvia wußte in Umrissen über ihr Privatleben Bescheid. Die abgebrochene PH-Studentin, ein hübsches, dunkelhaariges Mädchen, ließ sich mit dem Rücken zum Alten Rathaus, über dem die Sonne fast senkrecht stand, vor einer Crêperie nieder.
»Na?« sagte sie. »Was Neues?«
Irene studierte kurz die Speisekarte, die sie nach drei Jahren in der mittelbaren Nachbarschaft fast auswendig kannte.
»Nicht direkt.«
Sie schwiegen, bis sie bestellt hatten. Irene lehnte sich zurück, betrachtete Sylvia und zündete sich eine leichte Zigarette an.
»Eigentlich überhaupt nichts Neues. Reicht aber auch im Moment«, sagte sie dabei.
Sylvia war anscheinend neugierig. »Wie war's denn?«
»Was?«
»Na, die beiden ersten Nächte im neuen Heim.«
Irene inhalierte tief und hustete. »Ganz angenehm.« Sie kniff die Augen zusammen, weil sie in die Sonne sehen mußte.
»Ist das alles?«
Irene rümpfte die Nase. »In der Sonne und ohne Wind kann man's hier draußen noch gut aushallen, nicht? Immerhin haben wir Mitte Oktober.«
Der Nachmittag im Laden verlief einigermaßen ereignislos. Kurz nach fünf klingelte das Telefon. Irene schüttelte den Kopf. Sylvia ging an den Apparat und meldete sich mit dem Namen der Boutique. Dann sagte sie »Moment bitte!« und hielt Irene den Hörer hin.
Irene stand auf, kam durch den Raum und nahm an. »Ja?« Sie lauschte eine Weile und verzog das Gesicht, schließlich sagte sie: »Na ja, wenn das sein muß. Schade, ich hatte gedacht, wir könnten vielleicht irgendwas unternehmen. Schön, dann werd ich ein bißchen aufräumen. Bis irgendwann um Mitternacht.«
Damit hängte sie ein.
»Robert hat schon wieder eine von diesen späten Verabredungen«, sagte sie mürrisch.
»Hat er das öfter?«
»In den letzten Wochen so im Schnitt zwei- bis dreimal. Er meint, es könnte was Größeres werden und er könnt mir nichts sagen. Wär diskret und geheim und wichtig und so, aber wenn's was würde, würd's ein dicker Knaller. Mir war lieber, er hätt ein bißchen mehr Zeit.«
»Was soll das heißen, Knaller? Ich mein, bei 'nem Anwalt. Bei 'nem Reporter, okay, aber was hat Robert mit Knallern zu tun?« Sie kicherte und setzte hinzu: »Ich hab nie den Eindruck gehabt, daß es bei ihm richtig knallt, was auch immer. Entschuldige.«
Irene hob die Brauen.
Gegen sechs Uhr klingelte das Telefon erneut. Wieder ging Sylvia an den Apparat, und wieder war es für Irene.
»Wer?« sagte sie, während sie durch den Raum kam.
»Andreas.«
»Aha. – Ja, hier Irene. Was ist los?«
Sie lauschte, nickte und murmelte ein paarmal »Ja«. Schließlich sagte sie: »Okay, wenn du es heute nicht schaffst, dann morgen früh. Ich bin so ab acht auf. Bis dann. Tschüs.«
Sylvia war wieder neugierig, und Irene hatte die kurze Mißstimmung von vorhin offenbar wieder vergessen.
»Was Wichtiges?«
»Na ja, wie man's nimmt. Er hatte vor ein paar Wochen für morgen früh einen Termin mit einem Bankmenschen gemacht, wegen Papieren und Versicherungen und so. Hatte sich deshalb extra für morgen frei genommen, lange im voraus. Jetzt spielt das ja keine Rolle mehr.«
»Wieso spielt was keine Rolle mehr?«
»Na, das Freinehmen. Er ist arbeitslos. Die Firma, bei der er war, ist pleite. – Jedenfalls ist morgen der Termin, und da ist natürlich noch einiges zu regeln, mit unseren Sachen, meine ich. Einiges läuft ja auf meinen Namen, obwohl beide dran beteiligt sind. Sachen, bei denen ich wegen des Geschäfts bessere Zins- oder Steuerkonditionen kriege als er. Da müssen wir natürlich sehen, was wir damit jetzt machen.«
Sie starrte einen Moment ins Leere.
»Merkwürdig, all die Trümmer nach ein paar Jahren«, sagte sie dann. »Meine Lebensversicherung, zum Beispiel. Wenn mir was passiert, kriegt er das Geld, und umgekehrt. Das müssen wir jetzt natürlich ändern. All dieser Papierkram.«
Pünktlich um halb sieben machte Irene den Laden zu.
»Sag mal.« Sie wandte sich an Sylvia, vor der Boutique. »Macht es dir was aus, morgen noch mal den Vormittag allein zu sein? Ich weiß nicht genau, wann Andreas diesen Termin hat und wie schnell wir mit unseren Sachen klarkommen.«
Sylvia schüttelte den Kopf. »Macht mir nichts aus.« »Schön. Dann bis irgendwann morgen mittag.« »Tschüs. Räum schön auf.«
Irene hatte keine Lust, noch etwas zu unternehmen oder jemanden zu sehen. In Roberts Wohnung machte sie sich ein paar Spiegeleier, Toast, einen Topf Tee. Langsam und zerstreut aß sie, bis sie merkte, daß alles schneller kalt wurde, als sie es verzehrte.
Danach räumte sie noch halben Herzens einen Teil ihrer bisher herumliegenden Sachen weg. Schließlich schaltete sie den Fernseher ein. Irgendwann kurz vor Mitternacht ging sie ins Bett. Sie war noch wach, als Robert kam. Er war zu müde, um noch viel zu essen oder zu reden. Als sie einschlief, schnarchte er bereits leise.
Ziegler. Bitte nehmen Sie Platz, Herr Goldberg.«
Andreas setzte sich wortlos. Er stand noch unter dem Eindruck der gräßlichen Bilder.
Der Hauptkommissar betrachtete ihn prüfend. Irgendwie nahm Andreas einen mittelgroßen Mann mit grauem Haar, Geheimratsecken und einem gekerbten Gesicht wahr. Jemand brachte Kaffee. Andreas nahm einen Schluck und rauchte eine Zigarette, von der er nichts schmeckte.
Ziegler räusperte sich und blickte auf die Uhr. Es war kurz nach zehn. »Herr Goldberg«, sagte er halblaut, »es tut mir leid, aber wir konnten es Ihnen nicht ersparen.«
Andreas nickte und zündete sich mechanisch eine weitere Zigarette an. Er sah alles wie durch Milchglas und hörte wie durch Watte. Vier Schußwunden.
»Darf ich Ihnen trotzdem einige Fragen stellen?«
Er nickte.
Ziegler musterte ihn skeptisch, als erwarte er nicht allzuviel von der Befragung. »War Ihre Frau häufig in dieser Wohnung?«
»Wir waren dabei, uns zu trennen. Sie ist vor zwei Tagen zu ihm gezogen.«
Ziegler runzelte die Stirn. »Wer ist ›ihm‹?«
»Robert Naumann.«
»Kannten Sie ihn gut?«
»Flüchtig. Aus Kneipen.«
»Sie waren nicht befreundet?«
»Nein. Irene hat natürlich von ihm erzählt, aber sonst kenne ich ihn nicht weiter.«
Ziegler spielte mit einem Bleistift. Andreas starrte wie hypnotisiert auf das Schreibinstrument.
»Herr Goldberg, Ihre Vermieterin hat ausgesagt. Sie seien arbeitslos.«
»Ja. Meine Firma hat pleite gemacht. Konstruktionsbüro Schmitz.« Er leierte die Adresse herunter.
Ziegler notierte. Auf dem Gang außerhalb des Zimmers hörte Andreas eine Stimme, die ihm bekannt vorkam. Jemand wurde verabschiedet und verließ das Gebäude. Es war die Stimme von Sylvia, der Verkäuferin. Ein Beamter in Zivil trat ein, ging zu Ziegler, gab ihm einen Zettel und deutete auf etwas.
Ziegler las schnell und konzentriert. Er pfiff durch die Zähne. Dann sah er Andreas an, und in seinen Augen war ein neuer, fast liebevoller Ausdruck.
»Herr Goldberg«, sagte er langsam, »die Informationen, die ich hier habe, sind so schwerwiegend, daß ich Sie darauf aufmerksam machen muß, daß Sie nicht verpflichtet sind, Aussagen zu machen. Wünschen Sie einen Anwalt hinzuzuziehen?«
Verständnislos starrte Andreas ihn an. »Wozu soll ich einen Anwalt hinzuziehen? Ich verkehre nicht mit Juristen. Außerdem habe ich nichts zu verbergen.«
Ziegler sah ihn scharf an. »Na schön, wie Sie meinen. Also: Ihre Frau hat Sie vorgestern verlassen?«
»Nein. Inzwischen sind es drei Tage. Und sie hat mich nicht verlassen; wir haben uns darauf geeinigt, daß sie auszieht.«
Ziegler machte eine Handbewegung. »Sie sind arbeitslos und haben gestern mündlich Ihre Wohnung gekündigt. Darf ich wissen, warum?«
»Die kann ich mir jetzt kaum leisten.«
»Haben Sie finanzielle Sorgen?«
»Wer hat die nicht? Nun, Sorgen würde ich nicht direkt sagen. Das hängt alles davon ab, wie schnell ich wieder einen Job kriege. Oder wie schnell ich wieder einen Job haben will.«
Ziegler grunzte. »In der augenblicklichen Wirtschaftslage kommt es dabei wohl weniger auf Ihren Willen an, oder?«
Andreas zuckte mit den Schultern. »Das wird sich herausstellen.«
Ziegler trommelte auf den Schreibtisch. Der andere Beamte starrte betont desinteressiert aus dem Fenster.
»Was haben Sie diese Nacht gemacht?«
Andreas lachte. »Wollen Sie ein Alibi von mir? Na schön, sollen Sie haben. Ich habe gestern meinen Großvater besucht und bin am frühen Nachmittag bei ihm eingetroffen. Wir haben gegessen, getrunken und Schach gespielt. Da ich etwas zu viel getrunken hatte und es außerdem schon ziemlich spät war, habe ich bei ihm übernachtet. Heute morgen kurz nach sechs habe ich ihn verlassen. Ich bin nach Bonn gefahren und wollte zu einer Verabredung mit meiner Frau, meiner demnächst Ex-Frau. Mein Gott, Gott hab sie selig. Da wurde ich von Ihren Kollegen erbeutet. Den Rest wissen Sie ja wohl, oder?«
Ziegler nickte. »Wo wohnt Ihr Großvater?«
Andreas nannte die Adresse und fügte hinzu: »Telefon hat er nicht. Sie müssen sich schon persönlich zu ihm begeben.«
»Keine Sorge, das prüfen wir nach. – Haben Sie gestern am späten Nachmittag telefonisch ein Treffen mit Ihrer Frau vereinbart?«
»Ja, das habe ich Ihnen aber schon gesagt; und daß ich heute morgen auf dem Weg zu ihr war.«
Ziegler nickte erneut. »Haben Sie. – Sagen Sie, worum ging es bei dem Treffen?«
»Oh, um die Klärung finanzieller Angelegenheiten.« Er schlug sich vor die Stirn. »Mensch, der Termin. Ich war um zehn Uhr verabredet. Kann ich bitte mal telefonieren?«
Ziegler nickte zum dritten Mal. »Gleich. Nur noch ein paar kurze Klarstellungen. – Ist es zutreffend, daß Vermögen, gemeinsames Vermögen von Ihnen und Ihrer Frau, im allgemeinen auf den Namen Ihrer Frau angelegt ist?«
»Woher wissen Sie das denn?«
Ziegler antwortete mit einer Gegenfrage. »Und Ihre Frau hat wohl eine hohe Lebensversicherung zu Ihren Gunsten abgeschlossen?«
Wie betäubt starrte Andreas den Hauptkommissar an. Er begriff, endlich, was Ziegler von ihm wollte.
»Also, ich fasse zusammen. Ihre Frau verläßt Sie; Sie verlieren Ihre Stelle; Ihnen stehen finanzielle Schwierigkeiten ins Haus. Nennenswertes Vermögen, so weit es existiert, läuft auf den Namen Ihrer Frau. Ferner gibt es eine Lebensversicherung auf den Namen Ihrer Frau, die Ihnen zugute kommt, falls Ihrer Frau etwas zustößt. Vielleicht haben Sie sich mit Ihrer Frau nicht in relativer Eintracht getrennt. Vielleicht wollte Ihre Frau das auf ihren Namen laufende Vermögen nicht teilen. Vielleicht hatten Sie, Herr Goldberg« – Ziegler sprach nun sehr laut und zufrieden –, »ein sehr gutes Motiv, Ihre Frau umzubringen und, warum nicht, den Liebhaber gleich mit.« Er beugte sich vor und brüllte: »Wo waren Sie heute früh?«
»Hab ich Ihnen doch schon gesagt, Mister.«
Ziegler blickte ihn aus zusammengekniffenen Augen an. »Sie haben mir gesagt, daß Sie kurz nach sechs Ihren Großvater verlassen hätten. Angenommen, es stimmt. Ich kenne die Gegend, in der der alte Herr lebt, nicht so genau, aber ich schätze, daß Sie von da aus in etwas mehr als einer halben Stunde, sagen wir, in einer dreiviertel Stunde, in Bonn sein können. Das wäre gegen sieben. Sie kamen aber erst gegen halb neun vor dem Haus an. Wo waren Sie in der Zwischenzeit?«
»Ich ... ich bin durch die Gegend gefahren.«
»So«, sagte Ziegler höhnisch, »durch die Gegend gefahren? Welche Gegend denn bitte?«
»Ich weiß nicht. Ich hab irgendwo getankt, aber nicht auf Ortsnamen geachtet.«
Ziegler lehnte sich zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. »Sie geben also zu, daß Sie gegen sieben Uhr in Bonn gewesen sind?«
»Nichts. Ich war kurz vor halb neun in Bonn.«
»Stimmen Sie denn meiner Rechnung zu, daß Sie gegen sieben in Bonn hätten sein können?«
Widerwillig räumte Andreas das ein.
Ziegler zog eine Grimasse. »Gegen acht Uhr kam ein dringender Anruf für Herrn Naumann im Anwaltsbüro an. Eine der Sekretärinnen versuchte, das Gespräch in die Wohnung durchzustellen. Keiner ging an den Apparat. Darauf bat sie Herrn Curtius, den Kompagnon, mit einem im Büro vorhandenen Zweitschlüssel zu Naumanns Wohnung zu laufen und Herrn Naumann dringend an den Apparat zu holen. Curtius tat das. Er und Naumann sind alte Freunde, und Curtius hatte Zutritt zur Naumannschen Wohnung, sogar wenn dort, hm, Damen anwesend waren. Um fünf Minuten nach acht Uhr öffnete Curtius die Wohnungstür und rief. Als er keine Antwort erhielt, ging er ins Schlafzimmer. Dort fand er Herrn Naumann und Ihre Frau im Bett vor, erschossen. Die Obduktion ist noch nicht abgeschlossen, aber der Arzt ist sicher, daß der Tod in beiden Fällen zwischen sieben und halb acht eintrat. Beide Körper waren noch nicht erkaltet.« Ziegler legte den Bleistift auf Andreas an. »Sie, Goldberg, haben ein Motiv: Eifersucht. Und ein zweites: Geld. Sie erben, da die Ehe formell noch gilt, die Boutique samt Inventar, alle Papiere und sonstigen Vermögenswerte. Außerdem fallen Ihnen aus der Lebensversicherung Ihrer Frau hundertfünfzigtausend Mark zu. Sie können nicht entkräften, daß Sie nicht zur Tatzeit hätten am Tatort sein können. Den Beweis werden wir noch erbringen. – Wir werden Sie, mit Ihrem Einverständnis oder ohne dieses, ein Weilchen hierbehalten. Ich nehme an, daß die Ausstellung eines Haftbefehls wegen dringenden Tatverdachts keine Schwierigkeiten machen wird. Sie sind verdächtigt, zwei Personen, die Ihnen bekannt sind, ermordet zu haben. Wenn Sie Glück haben, können Sie sich auf Totschlag im Affekt oder so etwas rausreden. Vielleicht ist Ihre Pistole ja einfach losgegangen, heh? Die meisten Pistolen gehen ja ganz einfach los. Ich kenne kaum einen, der absichtlich schießt, heh? – Wollen Sie uns das Verfahren nicht erleichtern und einfach gestehen? Sie haben doch keine Chance!«
Andreas holte tief Luft. »Nun machen Sie mal nen Punkt«, sagte er energisch. »Ich habe – hatte nichts gegen Robert, bin froh, daß ich nach ewigem Krach endlich nicht mehr mit meiner Frau zusammenleben muß, finanziell geht es mir so schlecht nun auch wieder nicht. Ich habe also keinen Grund, so was zu unternehmen. Ich bin erst um halb neun an Ihrem ›Tatort‹ angekommen, als die beiden, wie Sie sagen, längst tot waren. Ich habe kein Motiv, war zur fraglichen Zeit woanders, und ich besitze keine Pistole. Was soll also dieser ganze Unfug?«
Ziegler betrachtete ihn freundlich. »Das«, sagte er langsam, »werden wir noch rauskriegen. – Was die Pistole angeht: Lieber Mann, wissen Sie, wie viele gestohlene oder nicht gemeldete Pistolen und Revolver in der Bundesrepublik im Umlauf sind und wie wenige von den Leuten, die sie besitzen, einen Waffenschein haben? Es wäre zwar schön, wenn wir die Tatwaffe vorzeigen könnten, aber trotz allem: Sie haben ein Motiv, auch wenn Sie es leugnen. Sie hatten die Gelegenheit, denn Sie können nicht nachweisen, daß Sie zur Tatzeit nicht in Bonn waren. Für einen Haftbefehl reicht das allemal.«
Andreas zündete sich eine weitere Zigarette an. Seine Finger zitterten. Er inhalierte tief und verschluckte sich. Hustend sagte er: »Okay, selbst wenn alles so wäre, selbst wenn Sie recht hätten – erklären Sie mir doch mal, wieso ich denn nach Ihrer Meinung um halb neun wieder zu dem Haus zurückgehen soll, in dem ich angeblich eine Stunde vorher zwei Leute umgebracht habe? Meinen Sie nicht, ich rechne damit, daß man sie inzwischen gefunden hat? Und laufe trotzdem einfach so Ihren Schupos in die Arme?«