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Andrea von Treuenfeld

Zurück in das Land,

das uns töten wollte

Jüdische Remigrantinnen

erzählen ihr Leben

Gütersloher Verlagshaus

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Umsetzung eBook: Greiner & Reichel, Köln

Umschlag- und Inhaltfotos: © privat

ISBN 978-3-641-16536-9
V002

www.gtvh.de

Für Antonia

Inhalt

Vorwort von Christian Berkel

Einführung

Bela Cukierman

Berlin – Shanghai (China) – Hadera, Jerusalem (Israel) – Berlin

Anita Lippert

Nordenstadt – Wiesbaden – Theresienstadt (Tschechoslowakei) – Wiesbaden – Philadelphia, New York (USA) – Wiesbaden

Ruth Galinski

Dresden – Warschau, Tatra, Krakau (Polen) – Berlin

Alisa Weil

Stettin – Hütten (Schweiz) – Nahalal, Givat Haim, Haifa, Ben Shemen, Qiryat Bialik, Haifa (Palästina) – London (England) – Hannover, Heppenheim, Wuppertal, Köln, Meckenheim

Renée Brauner

Berlin – Innsbruck (Österreich) – Zagreb, Ruma, Belgrad, Split (Jugoslawien) – Asti (Italien) – Poschiavo, Davos, Zürich (Schweiz) – Paris (Frankreich) – Frankfurt, Berlin

Steffi Wittenberg

Hamburg – Montevideo (Uruguay) – Houston (USA) – Hamburg

Ruth Schlesinger

Berlin – Qiryat Haim, Haifa (Israel) – Berlin

Ruth Hacohen

Framersheim – Heiden (Schweiz) – Usha, Bat Galim (Palästina) – Isma‘ilia (Ägypten) – Qiryat Haim, Qiryat Anavim, Zfat, Be‘er Sheva (Palästina/Israel) – Framersheim, Mainz, Frankfurt – Zürich (Schweiz) – Frankfurt

Dr. Alice Ilian-Botan

Berlin – Bukarest (Rumänien) – Nazareth, Qiryat Haim (Israel) – Bad Oeynhausen, München

Ruth Stadnik Goldstein

Berlin – Buenos Aires (Argentinien) – Berlin

Ruth Wolff-Stirner

Shanghai (China) – Jerusalem (Israel) – München

Anni Bober

Dinslaken, Barmen – Wieringermeer (Holland) – Barmen – Petah Tikva, Pardes Hana, Nahariya, Pardes Hana, Nahariya (Palästina/Israel) – Frankfurt

Eva Fröhlich

Berlin – Montevideo (Uruguay) – Rio de Janeiro, Cachoeiro de Itapemirim, Rio de Janeiro, Teresópolis (Brasilien) – Frankfurt

Ruth Thorsch

Berlin – Ramat Gan (Palästina/Israel) – Frankfurt

Margot Wisch

Frankfurt – Santiago (Chile) – Haifa (Israel) – Wiesbaden

Gerda Rosenthal

Remscheid – Jerusalem (Palästina) – Remscheid – Jerusalem, Tel Aviv (Palästina/Israel) – Wiesbaden – Portland, Chicago, New York (USA) – Offenbach, Frankfurt

Maßnahmen der Nationalsozialisten gegen Juden 1933 - 1945

Glossar

Vorwort

001.tif

Christian Berkel,

geboren 1957, ist Schauspieler und Sohn einer jüdischen Mutter, die 1938 aus Berlin nach Paris floh, dort 1940 verhaftet und in das Internierungslager Gurs verschleppt wurde, freikam und sich bis zum Ende des Krieges in Leipzig versteckte. Sie emigrierte 1947 nach Argentinien und kehrte 1955 nach Berlin zurück.

Was wäre, wenn ...?

Mit dieser Frage beginnt jede Geschichte, sie steht am Anfang jedes Lebens. Es sind zunächst die Träume von Eltern, die sich ein Leben für ihr Kind wünschen, das meist aus ihren eigenen Sehnsüchten gezimmert ist. So sind wir nun mal. Irgendwann erreicht dieses Kind ein Alter, in dem es selber diese Frage stellt, in dem es beginnt, sich seine Identität durch Interpretation der Umstände, in die es hineingeboren wurde, zu erschaffen, oder, etwas sachlicher, zu konstruieren.

Jede Lebenskrise verlangt von uns eine Neuinterpretation, eine Wiederherstellung unserer durch Verlust und Schmerz angeschlagenen Identität. Verletzungen treiben vorübergehend in die Einsamkeit, weil diese Erfahrungen selten teilbar sind, weil es unsere ganze Kraft braucht, um sie durch den Vorgang der Trauer anzunehmen und in unser neues Leben zu integrieren. Auch wenn wir es auf dem Höhepunkt einer Krise anders empfinden mögen, ist es meist nur ein Bereich unserer Identität, der betroffen ist, ein Raum des Hauses, das uns Schutz bietet. Aber was geschieht, wenn die tragenden Wände eingerissen werden, wenn man uns unsere Heimat und unsere Sprache nimmt, unsere Familien, die Menschen, die wir lieben, wenn wir mit einem Mal alles verlieren, was uns Halt gibt, wenn man uns das Recht auf eine freie, selbstbestimmte Existenz verweigert, wenn man droht, uns zu vernichten, uns zu ermorden?

Was geschieht, wenn etwas vollkommen Unvorhergesehenes und Unvorhersehbares eintritt, etwas, das einen Bruch mit den Grundlagen der menschlichen Zivilisation markiert, etwas noch nie Dagewesenes, etwas, wovor alle erlernten Interpretationshilfen versagen müssen, ein systematischer, klug und umsichtig organisierter, ein industriell durchgeführter  Völkermord  mit den modernsten technischen Mitteln, menschenverachtend, ohne einen Moment der Empathie?

Wie würde das unser Leben verändern, sofern wir zu den Überlebenden gehören würden, zu den Menschen, die fliehend die Bürde dieses Glücks in andere Länder, andere Kontinente tragen müssten? Und was würde es bedeuten, in dieses Land zurückzukehren?

Andrea von Treuenfeld gibt mit ihrem Buch einige der komplexesten Antworten auf diese Fragen, indem sie auf historische Interpretation verzichtet und das Wort dem Leben gibt, den Frauen, die vor diese Fragen gestellt wurden, deren Lebensläufe sie einfühlsam aufgezeichnet hat.

Beim Lesen fragte ich mich jedes Mal, bei jedem Leben, welche verletzende Mühe es diese Frauen gekostet haben muss, in ihre Vergangenheit, eine Vergangenheit, die sie nicht mehr loslassen konnten, weil sie sie nie mehr losgelassen hat, emotional zurückzukehren, die Reise rückwärtsgehend nochmal zu durchleiden?

Und ich habe mich gefragt, warum sie es getan haben?

Die eingangs erwähnte Einsamkeit durch Verlust tritt dem Leser in jeder Zeile und zwischen den Zeilen entgegen. Sie ist ein trauriges Geschenk, ein Angebot, ein Versuch, das Unverständliche zu sagen, sich uns mitzuteilen. Ich kann mir nach der Lektüre dieser Lebensgeschichten nichts Großzügigeres vorstellen als die Bereitschaft zum Erzählen, auch da, wo es nicht versöhnlich ist.

Einführung

»Und dann gingen meine Eltern auf die Suche nach Verwandten, Bekannten, nach irgendjemandem, der überlebt hatte«, sagt Bela Cukierman über die ersten Tage in ihrer Geburtsstadt Berlin. Sie war zehn Jahre alt und eine der wenigen, die mit Familie zurückkam. Die überhaupt noch Familie hatte.

Gerda Rosenthal wusste während des Krieges nichts von ihrer, auch Ruth Hacohen hoffte vergeblich auf Nachricht. Erst Jahre später in Palästina hörten sie, dass ihre Eltern deportiert und ermordet worden waren. Dennoch wohnen sie beide heute in Frankfurt.

Anita Lippert überlebte Theresienstadt, Ruth Galinski in einem Versteck in der Tatra. Und auch sie gingen wieder nach Deutschland.

Wie hält man das aus, zurückzukehren in dieses Land? In das Land, das Verwandte und Freunde umgebracht und Unbeschwertheit, Vertrauen und Zukunft zerstört hat. Das Land, das auch die 16 Frauen töten wollte, die ich – auf der Suche nach einer Antwort – gebeten habe, mir ihre Lebensgeschichte zu erzählen.

Ihre Kindheit haben sie in Berlin oder Stettin verbracht, in Framersheim oder Frankfurt. Fröhlich und behütet und in dem Glauben, dass sich das niemals ändert. Bis sie als Jüdin – was ihnen bis zu diesem Moment nicht einmal bewusst war, und wenn doch, dann sicher nicht als Makel – ausgegrenzt wurden. Anfangs noch schleichend, dann immer brutaler. Erst war es die Freundin, die sich wortlos abwandte. Dann die Schule, die für sie verschlossen blieb. Schließlich der Absturz in die Armut, weil der Vater seine Arbeit verlor. Und dann die allgegenwärtige Bedrohung, die Angst vor der Verhaftung. Zum Schluss blieb nur noch die Furcht vor dem Ungewissen, als sie abgeschoben wurden, untertauchen mussten oder gerade noch rechtzeitig auswandern konnten.

Sie emigrierten nach Shanghai und Uruguay, nach Brasilien und natürlich nach Palästina. Sie flohen jahrelang von einem besetzten Gebiet in das nächste oder durften das kommunistische Rumänien jahrzehntelang nicht mehr verlassen. Sie wurden getaufte Katholikinnen oder überzeugte Israelinnen. Sie haben Familien gegründet und sich eingerichtet in ihrem neuen Leben. Sie haben keinen deutschen Pass und mehr Angst vor Antisemitismus als damals.

Und doch gehören auch sie zu jenen Juden, die sich nach 1945 für eine Wiederkehr entschieden – oftmals gegen großen Widerstand. Sie wurden angegriffen von Überlebenden, die eine Remigration in das Land der Täter verurteilten und abgelehnt von einem Teil der deutschen Bevölkerung, der sich, in dem Bestreben, die eigene Vergangenheit und die damit verbundenen Gräueltaten der Nationalsozialisten zu verdrängen, plötzlich wieder mit dieser konfrontiert sah.

Warum also dieser schwere Rück-Schritt an einen Ort, der nach dem Holocaust niemals wieder Heimat sein konnte? Die eine, alles erklärende Antwort habe ich nicht gefunden in den Gesprächen mit diesen Frauen. Die Gründe für ihre Remigration sind ebenso vielfältig wie ihre Biografien und auch nur aus diesen zu verstehen.

Gefunden aber habe ich in ihren Erzählungen das Unvorstellbare. Das Grauen, das in den kleinen, fast nebenbei berichteten Episoden für einen kurzen Augenblick wieder präsent ist. Die daraus resultierenden Traumata, lange verborgen und doch nie vergessen. Offen sprachen sie über viel zu früh geschlossene Ehen, die zum Ersatz für das verlorene Zuhause wurden. Und über bittere Entscheidungen, wie die, aus Armut die Schule abzubrechen und somit den Traum vom Studium ebenso vergessen zu müssen wie all die anderen Brüche, die das Leben dieser Jüdinnen prägten. Geblieben ist ihnen das Gefühl der Zerrissenheit, die Suche nach Zugehörigkeit. Denn obwohl sie sich vor Jahrzehnten wieder hier niedergelassen haben, ist dieses Land nicht mehr ihr Land.

Aus diesem Grund, und auch um ihre Authentizität zu wahren, sind Satzstellung und Wortwahl dieser Zeitzeuginnen, denen ich dankbar bin, dass sie mich an ihren Erinnerungen teilhaben ließen, weitgehend beibehalten worden.

Andrea von Treuenfeld

Bela Cukierman

geboren als Bela Wolff am 11. Juni 1940

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Bela Wolff 1954 in Berlin

Berlin

Shanghai (China)

Hadera, Jerusalem (Israel)

Berlin

Die deutschen Juden gibt es eigentlich nicht mehr. Deutsche Juden, die die Möglichkeit hatten, nach England, nach Amerika auszuwandern, die sind nicht zurückgekommen. Zurückgekommen sind Leute wie meine Eltern, die nicht zurechtkamen in Palästina.

Im September 1940 sind wir weg. Erst durch Polen, weiter mit der Transsibirischen Eisenbahn, dann über den Landweg nach Harbin, von da zur Küste und mit dem Schiff nach Shanghai. Um Weihnachten herum sind wir angekommen, aber wir sind nicht ununterbrochen gefahren, es gab auch Stopps. Vom Baikalsee hat meine Mutter gesprochen und auch von der unendlichen Ödnis in der Eisenbahn. In Polen und in Russland gab es jüdische Gruppen, die zum Bahnhof kamen und uns mitgenommen haben zu sich nach Hause. Dann durfte sie mich baden oder sie konnte mal schlafen.

Zum Glück konnte sie mich stillen. Sie hat immer gesagt, wenn ihr die Milch ausgegangen wäre, wäre ich verhungert. Darum gibt es auch wenige in meinem Alter. Als ich später wieder nach Berlin kam, da waren die meisten in der Jugendgruppe in den Zwanzigerjahren oder Anfang der Dreißiger geboren. Und dann gab es die ab 1947 Geborenen. Meine Altersgruppe von 1939/40, das sind nur ein paar. Man bekam schon Kinder, aber die starben wegen Entkräftung oder wurden umgebracht.

Ich bin noch im Jüdischen Krankenhaus Berlin zur Welt gekommen. Meine Eltern hatten 1938 in Berlin geheiratet und wohnten in der Kantstraße. Mein Vater kam, was ja sehr üblich war, aus einer Viehhändlerfamilie. Und er war Viehhändler sein ganzes Leben lang. Meine Mutter ist in Weißensee groß geworden und war vor dem Krieg gelernte Verkäuferin. Man sagt, sie war sehr hübsch. Ihre Familie und auch die meines Vaters stammten aus Westpreußen, und 1919/20 mussten die Leute dort optieren, ob sie Deutsche oder Polen sein wollten. Sie sprachen kein Polnisch, entschieden sich für Deutschland und kamen so nach Berlin.

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Bela Wolff am ersten Geburtstag, 11. Juni 1941

Von dort sind meine Eltern nicht früher weggegangen, weil mein Vater dachte, das kann ja nicht so dämlich sein, das deutsche Volk, Hitler wird sich nicht halten. Aber als die Sache hier immer enger wurde, schrieb meine Mutter an die Schwester meines Vaters, die mit Mann und Sohn schon nach Shanghai ausgewandert war, dass sie uns auch Papiere schicken sollten. Als ihre Papiere kamen, war ich in der Zwischenzeit geboren. Die Eltern meines Vaters haben dann alles verkauft, was sie hatten, um so noch die Papiere für mich zu bezahlen. Sie waren auch schon in Shanghai. Das war eine freie Stadt, deshalb konnte man dorthin. Es war anfangs nicht das Problem, aus Deutschland heraus zu kommen. Es war das Problem, wo man rein konnte.

Nach Shanghai waren die Juden ursprünglich um 1870 gegangen, nach den Opiumkriegen. Die Stadt war als Konzession an die Engländer gegeben worden, und dank des Hafens wurde dort Handel getrieben. Somit kamen nicht nur Soldaten, sondern auch Handelstreibende. Und dabei waren auch die Familien Sassoon, Kadoorie und Mizrahi, ehemals irakische Juden, die eine sehr vermögende Gemeinde bildeten. Eine weitere Gruppe war die der russischen Juden, die bei der Revolution geflohen waren.

Schon 1941, nach dem japanischen Angriff auf Pearl Harbor, mussten die deutschen Juden ins Ghetto. Die Japaner waren die Alliierten der Deutschen, und als eine SS-Delegation geschickt wurde, erklärte die den Japanern, wie sie mit den Juden umzugehen hatten. Die Japaner wollten sich nun nicht mit allen Europäern anlegen und haben als Kompromisslösung die Engländer interniert und nur die Staatenlosen ins Ghetto geschickt. Da die deutschen Juden, die mit dem »J-Pass«, bei ihrer Auswanderung die deutsche Staatszugehörigkeit abgeben mussten, waren sie staatenlos. Die etablierten Juden waren nicht betroffen und finanzierten das Ghetto in Hongkou. Tragischerweise haben sie irgendwann gesagt:

»Wir können nicht mehr als 20.000 Menschen unterstützen.«

Und das war der Stopp. Parallel dazu verlief die Entwicklung des Krieges. Die Emigration durch Russland, die wir gemacht haben, ging ja nur so lange, bis der Russland-Feldzug der Nazis begann. Ab dann war dieser Schlupfwinkel unerreichbar.

Das Ghetto in Hongkou, das war der alte Hafen von Shanghai. Die dort lebenden Kulis und Arbeiter wurden von den Japanern rausgesetzt und uns haben sie reingesetzt. Die Japaner waren sehr brutal mit den Chinesen. Ich weiß noch, dass ich mit meinem Vater auf der Garden Bridge war, die über den Yangtse führt, und plötzlich mussten sich neben uns Chinesen knien und Japaner haben sie erschossen. Oder sie haben angeordnet, dass alle gegen Typhus geimpft werden. Es wurde eine Straße gesperrt und dann wumm, wumm, wumm – jeder, der vorbeikam, wurde geimpft.

Im Ghetto war es heiß, primitiv und es herrschte eine unvorstellbare Armut. Die Chinesen haben deshalb ihre Kinder zum Betteln verstümmelt. Es war schmutzig und es stank, es gab keine Toiletten. Morgens kamen die Lastenträger, um die Kübel abzuholen, die sie mit Stangen auf den Schultern trugen. Man wurde krank in diesen unhygienischen Verhältnissen. Die Menschen starben an Tbc, die Toten lagen in Tücher gewickelt auf den Straßen. Ich bekam das sogenannte Shanghai-Fieber, habe meine Eltern gar nicht mehr erkannt. Aber ich hatte Glück, die Amerikaner waren schon da und die hatten Penicillin.

Es waren nur ein paar Straßen, aber es war eine Welt für sich. Es gab japanische Polizei, die eine jüdische Ghetto-Polizei ernannt hatte. Es gab Schulen, aber ich wurde mit drei, vier anderen Kindern von einer Familie unterrichtet. Dafür hat mein Vater ihnen Fleisch gebracht, man war ja zurückgefallen auf die Tauschebene. Später ging ich dann in die Kadoorie-Schule. Es gab Ärzte. Es gab Cafés, das »Little Vienna« zum Beispiel, wo perfekte Mozartkugeln gemacht wurden. Das waren Wiener, die die Zutaten handelten mit den Chinesen. Es waren alles deutschsprachige Juden, auch die Kinder auf der Straße sprachen Deutsch und in der Schule Englisch.

Zu Hause haben wir auch nur Deutsch gesprochen. Und Oma hat erzählt von den »Nesthäkchen«-Kinderbüchern und von deutschen Schauspielerinnen. Was mich heute wundert: Wenn ich jetzt, mehr als 80 Jahre nach der Machtergreifung, diese Filme im Fernsehen sehe und diese Musik höre, dann kenne ich die ganzen Texte. Wir lebten ja quasi in einer deutschen Welt in Shanghai. Wir hatten dort die fünfte Kolonne und deren Musik wurde auch gespielt. Wenn man die als Kind hört, erinnert man sich vielleicht daran.

Viele Menschen lebten vom Geld der reichen jüdischen Familien. Aber wir waren nicht auf Sozialhilfe angewiesen, meine Eltern arbeiteten. Mein Vater hat alles gemacht. Es gab dieses Hotel am Bund, der Prachtstraße, »Peace Hotel« heißt es heute, und da hat er Koffer getragen. Er war sehr kräftig, vor dem Krieg war er Amateurboxer gewesen. Dann hat die ganze Familie angefangen mit dem Fleischhandel. Alles, was es so gab, Hühnchen oder eine Ziege. Sie hatten einen Stand auf dem Markt in Hongkou und da haben der Großvater und mein Vater und sein Bruder Vieh an die Chinesen verkauft. Meine Mutter hat mitgeholfen am Nachmittag. Am Abend hat sie als Kellnerin gearbeitet oder für Geschäfte, wo man alte Pullover auftrennte und aus der Wolle neue strickte. Heimarbeit sozusagen.

Man verkaufte, was man besaß. Meine Großmutter hatte wunderschöne Tischdecken gestickt, als mein Opa im Ersten Weltkrieg war, und die haben sie verkauft. Sie haben ihre Bettwäsche verkauft. Alles, was sie mitgebracht hatten. Sie durften keinen Ehering mitnehmen, kein Gold. Und als wir gingen, durfte man pro Kopf nur noch ein Gepäckstück haben. Meins war der Kinderwagen.

Wir waren eine große Gruppe. Da waren meine Großmutter und mein Großvater väterlicherseits und sein Bruder und dessen Frau. Die kamen mit Sohn und Schwiegertochter. Außerdem der Bruder meines Vaters und dessen Frau, die dort 1947 einen Sohn bekamen, und die Schwester meines Vaters mit Mann und Sohn. Wir waren also sehr stark als Familie, wohnten zusammen, und meine Oma kochte für alle. Wir waren eine Einheit, und dadurch war die Belastung nicht so groß.

In Europa war der Krieg im Mai 1945 zu Ende. In Shanghai nicht. Die Leute hörten heimlich BBC, was natürlich verboten war, und erfuhren so vom Kriegsende. Sie sind raus auf die Straße und haben gejubelt. Dann kamen die Japaner, haben Menschen verhaftet. Wer ihnen in die Finger kam, den haben sie schon sehr brutal behandelt. Oft auch gefoltert und zu Tode gequält. Wir gingen also wieder nach Hause und die Japaner haben weitergekämpft und erst nach Hiroshima im August 1945 kapituliert.

Und dann kamen die Schiffe der Pazifikflotte, die amerikanische Navy! Da waren auch jüdische Soldaten dabei, die gar nicht wussten, dass es uns dort gibt. Sie brachten uns Hershey-Schokolade, und wir waren alle verliebt in diese amerikanischen Soldaten.

Dann kam auch der Joint – und das war ganz toll: Die hatten aus Amerika gespendete Sachen dabei. Da durfte man hingehen und sich etwas aussuchen. Ich hab dann ein dunkelrotes Samtkleid bekommen, stand vor dem Spiegel und war hin und weg. Meine Mutter war immer sehr praktisch, ich war Papas Girl. Und als mein Bruder geboren wurde, Mutti war noch im Krankenhaus, hat er mir rote Lackschuhe gekauft. Das war so irre!

Uns ging es dann auch gut, relativ. Mein Vater hatte diesen Fleischstand, die ganze Familie hat da gearbeitet. Wir sind umgezogen in das French-Concession-Gebiet. Neben unserer Wohnung lag ein Café, und ich hab auf unserer Terrasse gesessen und zugeguckt, wie die Chinesen Tango tanzten. Das war total westlich. Inzwischen gab es auch Kinos und amerikanische Filme. Und als am 1. August 1948 mein Bruder zur Welt kam, nannten meine Eltern ihn Gary. Nach Gary Cooper, den fand meine Mutter ganz toll.

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Familie Wolff 1941 in Shanghai: Vater Hans und Mutter Herta (links), Großmutter Clara (rechts) und Großvater Salomon (sitzend) mit Bela

Alle wollten nach Amerika, das war nach dem Krieg das Gelobte Land, aber der größte Teil kam nicht hin. Es gab Quoten, die nach Geburtsjahren gingen, und meine Eltern fielen beide unter die polnische Quote. Obwohl mein Vater aus der Provinz Posen kam und meine Mutter aus Thorn. Aber die polnische Quote war schon ziemlich ausgeschöpft und außerdem brauchte man zwei Bürgen in Amerika. Hatten wir nicht. Wir hatten nirgendwohin einen Bezugspunkt.

Nach Deutschland wollte meine Mutter nicht zurück. Logisch. Ihre Mutter starb vor dem Krieg. Ihr Vater und ihre Geschwister, die wurden alle deportiert und umgebracht. Sie hatte zwei Schwestern und zwei Brüder, sie waren verheiratet, hatten auch schon Kinder. Ihr jüngerer Bruder wurde deportiert aus einem Hachschara-Lager, die anderen Geschwister waren in Berlin Zwangsarbeiter und wurden von ihren Arbeitsstellen abgeholt. Nach dem Krieg kamen noch Briefe aus den Lagern, die hat das Rote Kreuz nach Shanghai gebracht. Und dann gab es Listen, da standen die Leute davor und suchten nach den Namen ihrer Familien. Meine Mutter bekam dann Dokumente, auf denen – Deutschland ist ja korrekt – Todesgründe angegeben waren, »Auf der Flucht erschossen« oder so. Aber damit lebten wir ja kein Solitär-Leben. Alle in unserem Kreis lebten so. Ich, als Kind, kannte es nicht anders.

Wohin also sollten wir gehen? Israel, meinte der Joint. Es war gerade im Mai gegründet worden. Wir waren keine religiöse Familie, mein Vater konnte nicht sehr gut Hebräisch. Aber es war das Land der Hoffnung. Ein Land, das dich aufnimmt. Wenn Israel existiert hätte 1938 und wenn die Engländer in Palästina nicht die Leute, die ankamen, zurückgeschickt hätten, dann wären alle gerettet worden.

Der Joint heuerte italienische Frachtschiffe an, die in Shanghai gestrandet waren. Und je mehr Leute die Italiener mitnahmen, desto mehr wurde bezahlt. Also wurden die Schiffe vollgestopft. Es gab keine Kabinen, nur große Laderäume. Da wurden Etagenbetten rein gebaut.

Wir durften in keinen Hafen, weil wir »displaced persons« waren. Staatenlose, die immer außerhalb der Drei-Meilen-Zone bleiben mussten. Als wir vor Kapstadt lagen, haben sich die jüdischen Emigranten, die dort lebten, Boote gemietet und sind zu uns gekommen und haben uns Sachen herauf geworfen. Dabei waren auch Leute, die mein Vater noch aus Berlin kannte. Auf dem Schiff hatten wir zwei, drei Beerdigungen. Da gab es eine kleine Zeremonie und dann wurde der Tote ins Meer geworfen. Wir hatten auch Studenten an Bord, die haben die Kinder unterrichtet. Aber da hab ich nicht teilgenommen, ich war nur seekrank, weil es mörderisch schaukelte.

In Neapel erwarteten uns die Carabinieri mit Maschinengewehren und aufgepflanzten Bajonetten. Wir wurden von dem italienischen Schiff auf das israelische gebracht, das war noch kleiner. Unsere Kisten wurden einfach rein gestopft und alles ging kaputt.

Als wir im Hafen von Haifa ankamen war Shabbat. Deshalb wurden wir nicht ausgeladen und mussten den Tag über an Bord bleiben. Und dann haben die Musiker auf unserem Schiff die Hatikva gespielt, die Nationalhymne. Das hab ich noch ganz stark in Erinnerung. Und auch die Frauen, die da standen und Sandwiches verteilten, als wir abends vom Schiff durften. Das war die WIZO. Das hat mich so beeindruckt, dass ich später in Berlin in den Vorstand der WIZO gegangen bin.

Wir wurden mit den Großeltern auf LKW verladen und kamen in die Beth Olim, die Flüchtlingslager, in Hadera. Ist heute ein hübsches Städtchen, war damals nur Sand. Da stand so eine Art Hangar, riesengroß und darin Bett an Bett, Feldbetten. Männer, Frauen, dicht an dicht, und die Koffer schob man unter die Betten. Es gab Kantinen, wo man anstand zum Essen. Und Unterricht unterm Baum. Da bin ich aber auch nicht hingegangen, weil ich das schon kannte. Ich hab immer wieder das Einmaleins bis Fünf gelernt. Immer, wenn ich wieder in eine Schule kam, waren die bei demselben Stoff. Auch Moses Auszug aus Ägypten hatte ich ein paar Mal.

Wir blieben einige Monate, und es waren schlimmere Zustände als in Shanghai. Das ist kein Vorwurf gegen Israel. Es war gleich nach dem Krieg mit den Arabern, das Land war überfordert. Auch mit den Einwanderern. Sie kamen aus aller Welt und manche hatten eine ganz andere Kultur. Wir verzichteten deshalb sehr schnell auf die Toiletten, gingen halt ins Wäldchen, und nachts heulten da die Schakale.

Mit uns war auch der Bruder meines Vaters und dessen Frau und ihr Sohn aus Shanghai gekommen. Diese Tante hat einen Verwandten in Jerusalem ausfindig gemacht, der in der Histadrut war, der Arbeiter-Gewerkschaft. Der hat meinem Vater und meinem Onkel Jobs auf dem Bau verschafft. Das war unser Absprung aus den Beth Olim. Wir sind mit einem Lastwagen von Hadera nach Jerusalem gefahren. Damals war diese Straße gerade freigekämpft worden, heute sind noch die Panzer als Erinnerung an die Schlachten von Latrun zu sehen. Meine Mutter durfte mit meinem Bruder, weil er das kleinste Baby war, in der Fahrerkabine sitzen und der Rest der Familie, auch die Großeltern, da waren die um die 70, saß oben auf unseren Kisten.

In dem Viertel Katamon fanden wir ein Haus ohne Fenster, ohne Türen, ohne Fußböden – und wohnten wieder alle zusammen. Nachts zogen mein Onkel und mein Vater los und hängten Türen in alten, leer stehenden Häusern aus und bei uns ein. Wasser kam aus dem Brunnen, eine Wasserleitung gab es nicht. Aber Kaninchen und Hühner, und Oma hat immer gewartet, dass die Hühner Eier legen, damit sie uns ein paar Nudeln machen konnte. Essen gab es nur auf Marken, es war die Zena-Zeit.

Und dann kam ich in die Schule. Das war eine von der Familie Mizrahi gesponserte religiöse Mädchenschule. Ich war aber in dem Viertel das einzige Emigrantenkind. Und das einzige, das kein Ivrit konnte. Die hielten mich für geistig zurückgeblieben. Ich hab Nachhilfeunterricht gehabt, aber ich kam nicht in Tritt mit denen.

Jeder hat versucht, Geld zu verdienen. Mein Großvater fand einen Job als Nachtwächter. Abends wurde er zu einer Baustelle gebracht, auf einen Stuhl gesetzt und morgens wieder abgeholt. Er hatte Grauen Star und war schon auf einem Auge erblindet. Mein Vater und mein Onkel fingen auf dem Bau an. Mein Onkel lernte noch Eisenbieger und mein Vater stand in den Gruben und musste immer den Eimer mit dem feuchten Beton auffangen. Papa war 1904 geboren, hatte Shanghai hinter sich und hat irgendwann gesagt, er kann das nicht mehr.

Meine Mutter ist dann zu ihrer Cousine in Haifa gefahren, die als Untermieter Offiziere der israelischen Marine aufgenommen hatte. Es ging alles nur mit Protektion, und so bekam sie Arbeit für meinen Vater. Er, der nicht kochen konnte, wurde Koch auf den Schiffen, die nach Tripolis fuhren und Flüchtlinge holten. Er war immer seekrank. Und wenn er in Haifa einlief, dann fuhr meine Mutter, manchmal mit uns Kindern, von Jerusalem aus dort hin. Mein Vater hatte drei, vier Stunden Landaufenthalt und ging dann zurück aufs Schiff. Das war kein Leben, und er konnte kaum die Familie ernähren. Schließlich hat er zu meiner Mutter gesagt, er macht das nicht mehr mit. Er kann diese Sprache nicht, er kommt nicht zurecht. Und er will zurück nach Deutschland. Meine Mutter wollte nicht. Und er hat gesagt, dann geht er alleine. Geht, wenn er mal in Neapel ist, von Bord und zurück nach Deutschland. Was sollte meine Mutter machen? So sind wir zurück nach Deutschland.

Wir fuhren mit dem Schiff nach Neapel, von da mit dem Zug nach Frankfurt. Berlin war russisch besetzt. An den Grenzen standen Sowjetsoldaten. Wir hatten diesen Nansen-Pass, waren ja ausgebürgerte Deutsche, Staatenlose. Es war 1950 und wieder September – exakt zehn Jahre, die wir weg gewesen waren.

Dieses Mal waren wir allein. Papa, Mama, mein Bruder und ich. Mein Großvater, der saß in Jerusalem abends auf der Terrasse und träumte von Deutschland. Ich glaube, dass er zurückgehen wollte. Aber er ist gestorben, hat es nicht mehr geschafft. Es ist diffizil zu sagen, was er an Deutschland liebte. Er war in dieser Kultur aufgewachsen. Er war Soldat im Ersten Weltkrieg gewesen. Er und meine Großmutter waren Deutsche, und Israel war Orient. Ja, es war jüdisch, aber es war fremd.

Wir waren in Frankfurt und mein Vater wollte zurück nach Berlin. Aber wir wussten nicht, dass wir für Berlin eine Art Visum brauchten. Wir kamen an die Zonengrenze, und da haben die russischen Soldaten die Papiere kontrolliert und gesagt:

»Ne, Freunde!«

Sie haben uns aus dem Zug geholt und in einen Wachraum gebracht. Da haben wir die ganze Nacht gesessen. Am nächsten Tag haben sie uns zurückgeschickt nach Frankfurt. Wir hatten kein Geld. Es war September, Sukkot, und meine Eltern gingen in die Synagoge. Meine Mutter saß da mit einem zweijährigen und einem zehnjährigen Kind und weinte. Und dann wurden wir untergebracht im Jüdischen Altersheim, oben auf dem Dachboden. Meine Mutter hatte gerade noch ein paar Mark. Mein Bruder wollte dies und ich wollte das. Und Mama sagte:

»Nein, wir müssen uns gut überlegen, wofür wir das Geld ausgeben.«

Sie wollte was zu essen kaufen und dann hat sie diese zwei, drei Mark verloren. Das ist mir tief in Erinnerung geblieben.

Mein Vater hat schließlich Leute getroffen, die er aus Shanghai kannte, und hat sich von denen Geld geliehen. Davon sind wir nach Westberlin geflogen, nach Tempelhof. Da mussten wir ja nicht durch die DDR. Nach Frankfurt waren meine Eltern schon klüger. Wir sind gleich zum Jüdischen Altersheim in die Iranische Straße gefahren und haben gesagt:

»Hier sind wir, helft uns.«

Sie haben uns ein Zimmer gegeben. Und dann gingen meine Eltern auf die Suche nach Verwandten, Bekannten, nach irgendjemanden, der überlebt hatte. Und fanden Tante Mariechen in Ostberlin. Sie war mit einem christlichen Mann verheiratet, und die beiden haben uns aufgenommen. Mein Vater erkundigte sich nach den Schlachthöfen und kannte plötzlich wieder Leute. Waren ja dieselben Händler wie früher. Er fuhr auch wieder auf die Viehmärkte in Westdeutschland und kaufte Kühe, die wurden dann in Zügen nach Berlin gebracht, in Spandau geschlachtet und an Einzelhändler verkauft.

Wir wurden wieder eingebürgert, bekamen deutsche Pässe. Die erste Wohnung, die wir hatten, war in Moabit, Pritzwalcker Straße. Zum ersten Mal wohnte meine Familie allein. Ich kam in die Grundschule und hatte den besten Lehrer aller Zeiten. Ich hab ihn geliebt, heiß und innig. Deutsch konnte ich, aber kein Wort schreiben und sprechen auch nicht so wie die anderen. Deshalb hat meine Mutter zu ihm gesagt:

»Sie ist jetzt zehn, aber sie kann ja nichts. Schicken Sie sie in die erste Klasse.«

»Das geht doch nicht! Vierte Klasse!«, sagte er.

Er würde das schon machen, hätte Vertrauen zu mir. Und als wir am ersten Tag ein Diktat schrieben, hat er mir erlaubt, abzuschreiben. Ich hatte, glaube ich, auf einer halben Seite 90 Fehler. Aber er hat mich durchgezogen, ich bin nicht sitzen geblieben. Nie. Allerdings war ich natürlich sehr gut in Religion, weil ich immer wieder dasselbe gelernt hatte, das Alte Testament. In den Stunden hätte ich auf den Hof gehen dürfen. Aber mir hat es Spaß gemacht, weil ich das besser konnte als die anderen.

1952 ist mein Opa in Jerusalem gestorben. Ein Jahr danach hat mein Vater seine Mutter und seinen Bruder mit Familie, inzwischen hatten sie noch eine Tochter, aus Israel nachkommen lassen. Die haben dann unsere Wohnung in Moabit übernommen, und wir sind mit der Oma nach Charlottenburg gezogen, in die Giesebrechtstraße.

Ich kam in der Leibnizstraße in die Mädchenschule. Ich hatte immer sehr gern gezeichnet und im Lette-Verein hab ich Mode-Illustration gelernt. Die Ausbildung dauerte drei Jahre und ich hab sie geliebt: Kunstgeschichte, Kostümkunde, Zeichnen. Anschließend hab ich in der Konfektion gearbeitet, Couture in der Meineckestraße. Nach einem Jahr hab ich gekündigt, weil meine Eltern mir ermöglicht haben, ein Jahr durch Amerika zu reisen. Das war revolutionär damals, es war 1960. In Amerika bin ich 20 geworden. Es war für mein Leben unerhört prägend, es war eine ganz andere Welt und ich musste mich anpassen. Ich habe bei Bloomingdale’s vorgesprochen, und die hätten mich genommen als Modezeichnerin. Aber ich ging zurück nach Hause und lernte meinen Mann kennen.

In der jüdischen Jugendgruppe in der Joachimsthaler Straße in Berlin traf ich Renée [Brauner], als sie 1954 mit ihrer Familie zurückkam nach Berlin. Sie hat auch einen jüngeren Bruder, der 1947 geboren ist – und wir waren wie Schwestern. Auch als sie schon verheiratet war, sind wir ausgegangen in der Clique, und es kam mal der mit und mal der. Und auch mein späterer Mann. Er war 15 Jahre älter als ich, Mitte 30. Er rief immer wieder an, und dann bin ich mit ihm ausgegangen, das war im Sommer. Und im November haben wir uns verlobt. Im Juni 1962 haben wir geheiratet. Und 1963 hab ich dann meinen ersten Sohn bekommen, 1966 und 1974 die beiden anderen.

Mein Mann kam aus Polen, aus einer Kleinstadt bei Lodz. Seine Familie musste in das Ghetto. Seine Eltern wurden umgebracht. Er war in Mauthausen, einer seiner Brüder in Auschwitz. Ein Bruder mit Frau und Kind wurden noch in Lodz erschossen. Die anderen vier Geschwister haben überlebt. Nach dem Krieg gingen sie alle zurück nach Lodz und fanden sich da wieder. Seine älteste Schwester war 18 Jahre älter und wie eine Mutter für ihn und später wie eine Schwiegermutter für mich.

Er hätte dann zum polnischen Militär gemusst und das wollte er natürlich überhaupt nicht. Polen war auch nach dem Krieg noch sehr antisemitisch, deshalb gingen viele Juden nach Amerika oder Palästina – über Stettin und Berlin. Dort gab es ein Auffanglager am Schlachtensee. Da war auch er mit seinem älteren Bruder, der dann nach München ging mit seiner Frau. Deren Tochter hat Auschwitz überlebt, weil sie sehr niedlich war und eine Kapo-Dame sie wohl als Spielzeug betrachtet hat. Ihr Sohn ist umgekommen. Und der Sohn von der Schwester meines Mannes ist umgekommen, als die Russen vorrückten und die Nazis das Lager verlegten. Die Gefangenen wurden weiter transportiert in Waggons. Die Tür wurde zugemacht, sein Arm war dazwischen. Er ist gestorben, noch 1945.

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Bela Cukierman in Berlin

Mein Mann blieb in Berlin. Sein Vater hatte eine Weberei gehabt, und er übernahm in der Wilmersdorferstraße ein paar Strickmaschinen und fing wieder mit der Fabrikation an. Er baute die Firma auf, die wir bis heute haben, Suprema Strick- und Wirkwarenfabrik. Wir stellen hauptsächlich Damenstrick her und sind Zulieferer für Konzerne, unter deren Label wir arbeiten.

Als mein Mann 1985 bei einer Bypass-Operation starb, konnte ich die Leute nicht einfach entlassen. Ich hatte die Wahl, entweder ich schließe den Betrieb und zahle ein Vermögen an Abfindungen oder ich versuche ihn weiterzuführen. Jahrelang hatte ich wegen der drei Kinder nicht gearbeitet. Aber Konfektion kannte ich ja, nicht selbstverantwortlich, aber ich hatte immer die Kollektionen gezeichnet. Und ich kannte auch die Einkäufer, und die waren wirklich sehr nett zu mir, haben mich nicht reingelegt und haben mir sogar gezeigt, wie man die Präsentationen macht. Und es klappte. Na ja, es musste weiter gehen, ich musste die Gehälter zahlen. Das waren damals 50 Leute, die in drei Schichten gearbeitet haben. Dann ist auch mein ältester Sohn aus Amerika zurückgekommen und eingestiegen in die Firma. Alle drei Jungs haben VWL in Brandeis studiert, eine jüdische Universität in Boston. Der zweite hat inzwischen eine Immobilienlinie aufgebaut und sitzt im selben Gebäude. Der dritte ist in Amerika geblieben, arbeitet für eine große Bank in New York.

Ich hatte nie Schwierigkeiten als Jüdin. Aber wir waren immer ein bisschen die Exoten. Wir fuhren, als es meinen Eltern schon besser ging, nach Wyk auf Föhr. Da kamen Leute auf uns zu – meine Mutter und mein Bruder hatten viel dunklere Haare als ich – und sagten:

»Oh, ihr seht so exotisch aus. Wo kommt ihr denn her?«

So hab ich eigentlich immer gelebt. Meine sechs Enkel – einer meiner Söhne hat eine Frau geheiratet, die zum Judentum konvertiert ist, und auch wenn ich nicht so religiös bin, ist es schon schön, dass sie alle jüdisch erzogen werden – sind blond und haben blaue Augen.

»Ach«, sagt eine Frau im Lions Club zu mir, »ich dachte, deine Enkel sind jüdisch!«

Oder es heißt:

»Na, wenn alle so wären wie Du, dann wäre ja nie was passiert.«

Ist das Antisemitismus? Nein, aber es ist immer eine Ausgrenzung. Es ist nicht Hass. Ich glaube, die meisten hassten auch damals die Juden nicht. Sie waren ihnen gleichgültig, »na ja, die Juden wurden deportiert zur Zwangsarbeit, aber so schlimm war’s ja nicht.« Nicht schlimm? Die Menschen haben es doch gesehen. Bahnhof Grunewald, 70.000 Juden! Und die haben nicht geschrien? Nicht geweint? Die sind einfach so stillschweigend vom LKW in den Zug? Und Zug um Zug ging ...

»Kennen Sie nicht Esther? Die wohnte da und da«, fragt mich jemand.

»Nein, kenne ich nicht.«

»Was ist wohl aus der geworden?«

»Na«, sage ich, »vermutlich vergast?«

Dieses Desinteresse. Heute und damals. Und auch Neid. Die Juden waren Chefärzte, Anwälte, gut verdienende Kaufleute. Viel Neid. Als wir zurückkamen nach Deutschland, sind wir überall hingegangen, wo meine Eltern gewohnt hatten. In der Kantstraße hing bei dem Portier im Souterrain ein Kronleuchter. Es war der Kristallleuchter aus der Wohnung meiner Großeltern. Ganz toll, kann man sich ja einfach mal nehmen.

Nein, ich habe keine direkten antisemitischen Sprüche erlebt, aber eben Ausgrenzungen. Auch heute noch, mit Sätzen wie:

»Ach, na ja, du. Du siehst das natürlich so.«

Oder:

»In unserer Gruppe ist auch ein Jüdischer.«

Es wird immer erwähnt, wenn es sich um einen Juden handelt. Sogar wenn er konvertiert ist, steht es noch dabei. Totale Assimilation? Glaube ich nicht! Heute ist es ja sowieso anders. Die jüdische Gemeinde in Berlin ist zu drei viertel russisch. Die deutschen Juden gibt es eigentlich nicht mehr. Deutsche Juden, die die Möglichkeit hatten, nach England, nach Amerika auszuwandern, die sind nicht zurückgekommen. Zurückgekommen sind Leute wie meine Eltern, die nicht zurechtkamen in Palästina.

Anita Lippert

geboren als Anita Rosel Fried am 5. Mai 1931

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Anita Fried 1947 auf der Überfahrt nach Amerika

Nordenstadt

Wiesbaden

Theresienstadt (Tschechoslowakei)

Wiesbaden

Philadelphia, New York (USA)

Wiesbaden