D. H. Lawrence

Söhne und Liebhaber

Vollständige und überarbeitete deutsche Ausgabe

D. H. Lawrence

Söhne und Liebhaber

Vollständige und überarbeitete deutsche Ausgabe

Veröffentlicht im Null Papier Verlag, 2019
Übersetzung: F. Franzius
1. Auflage, ISBN 978-3-962813-41-3

null-papier.de/575

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Inhaltsverzeichnis

ERSTER TEIL

Ers­tes Ka­pi­tel – Ehe­früh­ling der Mo­rels

Zwei­tes Ka­pi­tel – Pauls Ge­burt und neue Kämp­fe

Drit­tes Ka­pi­tel – Mo­rel ab­ge­schüt­telt – Wil­liam ins Herz ge­schlos­sen

Vier­tes Ka­pi­tel – Pauls Ju­gend

Fünf­tes Ka­pi­tel – Pauls Ein­tritt ins Le­ben

Sechs­tes Ka­pi­tel – Der Tod im Krei­se der Haus­ge­nos­sen

ZWEITER TEIL

Sieb­tes Ka­pi­tel – Jun­gens- und Mäd­chen­lie­be

Ach­tes Ka­pi­tel – Lie­bes­zwist

Neun­tes Ka­pi­tel – Mi­riams Nie­der­la­ge

Zehn­tes Ka­pi­tel – Cla­ra

Elf­tes Ka­pi­tel – Mi­riams Er­pro­bung

Zwölf­tes Ka­pi­tel – Lei­den­schaft

Drei­zehn­tes Ka­pi­tel – Bax­ter Dawes

Vier­zehn­tes Ka­pi­tel – Die Er­lö­sung

Fünf­zehn­tes Ka­pi­tel – Ver­las­sen

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ERSTER TEIL

Erstes Kapitel – Ehefrühling der Morels

Nach dem ›Höl­len­gang‹ kam der ›Grun­d‹. Der Höl­len­gang war eine Rei­he stroh­ge­deck­ter, ganz ge­räu­mi­ger Häu­schen, die auf Green­hill-Lane am Bach ent­lang stan­den. Berg­leu­te leb­ten dar­in, die in den klei­nen, zwei Fel­der brei­ten ent­fern­ten Gru­ben ar­bei­te­ten. Der Bach lief un­ter Er­len­bü­schen da­hin, nur we­nig durch die­se klei­nen Gru­ben ver­schmutzt, de­ren Koh­le Esel zu­ta­ge för­der­ten, die müde im Krei­se um ein Spill her­um­lie­fen. Und eben­sol­che Gru­ben la­gen über die gan­ze Land­schaft ver­streut; ein paar von ih­nen wa­ren be­reits zu Zei­ten Karls des Zwei­ten in Be­trieb ge­we­sen, die mit ih­ren we­ni­gen, sich amei­sen­gleich in die Erde hin­ein­wüh­len­den Berg­leu­ten und Eseln son­der­ba­re Hü­gel und klei­ne schwar­ze Fle­cken zwi­schen den Korn­fel­dern und Wie­sen bil­de­ten. Und die Häu­schen die­ser Berg­leu­te, in Grup­pen von zwei­en und mehr, ge­le­gent­lich mit ei­nem Hof oder ei­ner Be­hau­sung der über das Kirch­spiel1 ver­streu­ten Strumpf­wir­ker2 zu­sam­men­ge­schlos­sen, bil­de­ten das Dorf Best­wood.

Dann aber mach­te sich vor etwa sech­zig Jah­ren eine große Ver­än­de­rung be­merk­bar. Die klei­nen Gru­ben wur­den von den großen Berg­wer­ken der Geld­leu­te bei­sei­te ge­scho­ben. Das Koh­len- und Ei­sen­feld von Not­ting­hams­hi­re und Der­by­s­hi­re wur­de ent­deckt. Car­ston, Wai­te & Co. er­schie­nen. Un­ter ge­wal­ti­ger Auf­re­gung er­öff­ne­te Lord Pal­mer­ston fei­er­lich den ers­ten Schacht der Ge­sell­schaft zu Spin­ney Park, am Saum des Sher­wood-Fors­tes.

Um die­se Zeit brann­te der wohl­be­kann­te ›Höl­len­gang‹, der sich mit zu­neh­men­dem Al­ter einen üb­len Ruf er­wor­ben hat­te, nie­der, und da­mit wur­de viel Schmutz bei­sei­te ge­räumt.

Car­ston, Wai­te & Co. fan­den, dass sie einen gu­ten Griff ge­tan hat­ten, und so wur­den das gan­ze Tal ent­lang von Sel­by und Nut­tall neue Schäch­te nie­der­ge­trie­ben, bis bald sechs Gru­ben in Be­trieb stan­den. Von Nut­tall her, hoch oben zwi­schen den Wäl­dern auf dem Sand­stein, führ­te eine Ei­sen­bahn hin­ter den Trüm­mern der Kar­täu­ser­ab­tei und an Ro­bin Hoods Brun­nen vor­über nach Spin­ney Park hin­ab und von dort wei­ter nach Min­ton, al­les ein großes Berg­werk zwi­schen lau­ter Korn­fel­dern; von Min­ton lief sie zwi­schen den Guts­hö­fen an der Tal­sei­te ent­lang nach Bun­kers­hill, bog von dort nach Nor­den ab auf Beg­gar­lee und Sel­by zu, von wo man nach Crich und den Hü­geln von Der­by­s­hi­re hin­über­sieht; sechs Berg­wer­ke, gleich schwar­zen Kup­pen in der Land­schaft, ver­band die Ei­sen­bahn durch einen fei­nen Ket­ten­strang.

Um die Scha­ren der Berg­leu­te un­ter­zu­brin­gen, bau­ten Car­ston, Wai­te & Co. die ›Ge­vier­te‹, große Vier­e­cke von Häu­sern am Han­ge von Best­wood, und dar­auf in der Bachnie­de­rung an Stel­le des frü­he­ren ›Höl­len­gan­ge­s‹ den ›Grun­d‹.

Der ›Grun­d‹ be­stand aus sechs Blö­cken von Berg­manns­häu­sern, zwei Rei­hen zu je drei, wie die Punk­te auf dem Sechs-Null-Do­mi­no­stein, mit je zwölf Häu­sern in ei­nem Block. Die­se dop­pel­te Häu­ser­rei­he lag am Fuße des ziem­lich stei­len Ab­han­ges von Best­wood und über­sah, we­nigs­tens von den Bo­den­fens­tern aus, den sanf­ten An­stieg des Ta­les auf Sel­by zu.

Die Häu­ser selbst wa­ren dau­er­haft und an­stän­dig. Man konn­te rund um sie her­um­ge­hen und fand da­bei klei­ne Vor­gär­ten mit Au­ri­keln und Stein­brech in den Schat­ten­la­gen des tiefs­ten Blockes, und mit Bart- und an­de­ren Nel­ken in dem son­ni­gen vor­de­ren; net­te Vor­der­fens­ter, klei­ne Vor­bau­ten, klei­ne Li­gus­ter­he­cken, und Dach­fens­ter für die Bo­den­räu­me. Das war aber nur die Au­ßen­sei­te, das war nur ein Blick auf die un­be­nutz­ten gu­ten Stu­ben der Berg­manns­frau­en. Der ei­gent­li­che Wohn­raum, die Kü­che, lag auf der Rück­sei­te des Hau­ses, mit dem Aus­blick auf den In­nen­raum des Blockes, auf einen ver­kom­me­nen Hin­ter­gar­ten und wei­ter­hin die Aschen­gru­be. Und zwi­schen den Häu­ser­rei­hen, zwi­schen den lan­gen Rei­hen der Aschen­gru­ben lief der Gang ent­lang, wo die Kin­der spiel­ten, die Frau­en klatsch­ten und die Män­ner rauch­ten. So wa­ren die tat­säch­li­chen Le­bens­be­din­gun­gen im ›Grun­d‹, der so gut an­ge­legt war und so nett aus­sah, ganz übel, weil die Leu­te in der Kü­che le­ben muss­ten und die Kü­chen auf die­sen ek­li­gen Gang zwi­schen den Aschen­gru­ben hin­aus­gin­gen.

Wenn Frau Mo­rel von Best­wood aus hin­un­ter­kam, war sie gar nicht dar­auf ver­ses­sen, in den ›Grun­d‹ über­zu­sie­deln, der nun be­reits zwölf Jah­re alt und auf dem Ab­stieg war. Aber es war doch wohl das Bes­te, was sie tun konn­te. Zu­dem hat­te sie ein Eck­haus in ei­nem der obe­ren Blö­cke, und so­mit nur einen Nach­barn; und au­ßer­dem noch einen be­son­de­ren Strei­fen Gar­ten. Und durch den Be­sitz die­ses Eck­hau­ses er­freu­te sie sich ei­ner Art Er­ha­ben­heit über die üb­ri­gen Frau­en in den ›Zwi­schen‹-Häu­sern, weil ihre Mie­te fünf und eine hal­be Mark be­trug an­statt nur fünf Mark die Wo­che. Aber die­se Er­ha­ben­heit ih­rer Le­bens­la­ge war Frau Mo­rel doch nur ein schwa­cher Trost.

Sie war ein­und­drei­ßig Jah­re alt und acht Jah­re ver­hei­ra­tet. Eine ziem­lich klei­ne Frau von zar­tem Äu­ßern, aber ent­schlos­se­ner Hal­tung, schreck­te sie zu­erst ein we­nig vor der Berüh­rung mit den ›Grun­d‹-Frau­en zu­rück. Im Juli zog sie hin­un­ter und er­war­te­te im Sep­tem­ber ihr drit­tes Kind. Ihr Mann war Berg­mann. Sie wa­ren erst drei Wo­chen in ih­rem neu­en Hau­se, als die Kirch­weih oder der Jahr­markt be­gann. Sie wuss­te, dann wür­de Mo­rel blau­ma­chen. Am Mon­tag­mor­gen, dem Tag des Jahr­markts, ging er früh fort. Die bei­den Kin­der wa­ren mäch­tig auf­ge­regt. Wil­liam, ein Jun­ge von sie­ben, saus­te gleich nach dem Früh­stück von dan­nen, um auf dem Markt­platz her­um­zu­strol­chen, und ließ An­nie, die erst fünf war, zu Hau­se; die quäk­te nun den gan­zen Mor­gen, sie woll­te auch hin. Frau Mo­rel hat­te zu tun. Sie kann­te je­doch ihre Nach­barn kaum erst und wuss­te nicht, wem sie das klei­ne Mäd­chen hät­te an­ver­trau­en kön­nen. Da­her ver­sprach sie ihr, sie nach­mit­tags mit auf den Markt zu neh­men.

Wil­liam er­schi­en um halb eins. Er war ein sehr be­weg­li­cher Jun­ge mit hel­lem Haar und Som­mer­spros­sen und ei­nem Stich ins Dä­ni­sche oder Nor­we­gi­sche.

»Kann ich mein Es­sen krie­gen, Mut­ter?« rief er, mit der Müt­ze auf dem Kopf ins Zim­mer sau­send. »Weils doch um halb zwei los­geht, der Mann hats selbst ge­sagt.«

»Du kannst dein Es­sen krie­gen, wenn’s fer­tig ist«, er­wi­der­te die Mut­ter.

»Ists denn noch nicht fer­tig?« rief er, sie mit sei­nen blau­en Au­gen är­ger­lich an­star­rend. »Denn geh ich ohne los.«

»Das tust du nicht. In fünf Mi­nu­ten ists fer­tig. Es ist erst halb eins.«

»Sie fan­gen aber an«, rief der Jun­ge halb brül­lend.

»Und wenn auch, da­von stirbst du nicht«, sag­te die Mut­ter, »au­ßer­dem ists erst halb eins, so­dass du noch eine vol­le Stun­de hast.«

Has­tig be­gann der Jun­ge den Tisch zu de­cken, und dann setz­ten die drei sich so­fort hin. Sie aßen Mehl­pud­ding mit Frucht­mus, als der Jun­ge plötz­lich vom Stuh­le auf­sprang und völ­lig re­gungs­los ste­hen­blieb. Sie konn­ten in ei­ni­ger Ent­fer­nung das ers­te Ge­quä­ke ei­nes Ka­rus­sells hö­ren und das Tu­ten ei­nes Horns. Sein Ge­sicht be­gann zu zu­cken, wäh­rend er sei­ne Mut­ter an­sah.

»Ich sag­t’s dir ja!« rief er und lief an die An­rich­te nach sei­ner Müt­ze.

»Nimm dei­nen Pud­ding mit – und es ist erst fünf Mi­nu­ten nach eins, du musst dich also ge­irrt ha­ben – du hast ja dei­ne zwei Pence noch nicht«, rief die Mut­ter al­les in ei­nem Atem.

Bit­ter­lich ent­täuscht kam der Jun­ge zu­rück, um sich sei­ne zwei Pence zu ho­len; dann zog er ohne ein Wort los.

»Ich will auch hin, ich will auch hin«, sag­te An­nie und fing an zu wei­nen.

»Na ja, schön, du sollst auch hin, du jäm­mer­li­che klei­ne Heul­trie­ne!« sag­te die Mut­ter, und spä­ter am Nach­mit­tag trot­te­te sie dann mit dem Kin­de an der ho­hen He­cke ent­lang den Hü­gel hin­an. Von den Fel­dern wur­de das Heu ein­ge­fah­ren, und das Vieh wur­de auf das Grum­met3 hin­aus­ge­las­sen. Es war so warm und fried­lich.

Frau Mo­rel konn­te den Jahr­markt nicht lei­den. Zwei Ar­ten Ka­rus­sells wa­ren da, eins mit Dampf, und eins, das von ei­nem Pony ge­dreht wur­de; drei Drehor­geln er­tön­ten, und hin und wie­der konn­te man einen Pis­to­len­schuss hö­ren so­wie das gräu­li­che Ge­kräch­ze der Knar­re des Ko­kos­nuss­man­nes, lau­te Rufe aus der Ball­werf­bu­de und das Ge­schrei der Guck­kas­ten­da­me. Die Mut­ter sah ih­ren Jun­gen ganz ver­zückt vor der Bude des Lö­wen Wal­lace ste­hen und die Bil­der die­ses be­rühm­ten Lö­wen an­star­ren, der einen Ne­ger um­ge­bracht und zwei Wei­ße auf Le­bens­zeit zu Krüp­peln ge­macht hat­te. Sie ließ ihn ste­hen und zog wei­ter, um An­nie eine Lutsch­stan­ge zu er­ste­hen. Mit ei­nem Male stand der Jun­ge ganz wild vor Auf­re­gung vor ihr.

»Du hast ja gar nicht ge­sagt, dass du auch kämest – is da nicht ’ne Men­ge los? – der Löwe da hat drei Men­schen um­ge­bracht – mei­ne bei­den Pence habe ich schon aus­ge­ge­ben – und guck mal.«

Er hol­te zwei Eier­be­cher aus der Ta­sche, mit rosa Moos­ro­sen drauf.

»Die hab ich in der Bude ge­kriegt, wo man die Mar­meln in so ’ne Lö­cher tru­deln muss. Un die bei­den hab ich mit zwei Ma­len ge­kriegt, je­des Mal einen Hal­ben – mit Moos­ro­sen drauf, sieh. Die woll­te ich gra­de gern ha­ben.«

Sie wuss­te, er woll­te sie für sie ha­ben.

»Hm!« sag­te sie, vol­ler Freu­de. »Die sind aber auch hübsch!«

»Willst du se wohl tra­gen? Ich bin so ban­ge, ich mach se ka­putt.«

Er lief fast über vor Auf­re­gung, nun sie auch da­bei war, führ­te sie auf dem gan­zen Plat­ze her­um und zeig­te ihr al­les. Vor der Guck­kas­ten­bu­de er­klär­te sie dann die Bil­der in ei­ner Art Ge­schich­te, auf die er wie ver­zau­bert lausch­te. Er konn­te sie nicht mehr las­sen. Die gan­ze Zeit über klam­mer­te er sich an sie, strah­lend in sei­nem Jun­gens­stolz. Denn kei­ne der an­de­ren Frau­en sah so wie eine Dame aus wie sie in ih­rem klei­nen schwar­zen Hut und ih­rem Um­hang. Sie lä­chel­te, wenn sie an­de­re Frau­en traf, die sie kann­te. Als sie müde war, sag­te sie zu ih­rem Jun­gen:

»Na, kommst du jetzt schon mit, oder erst spä­ter?«

»Willst du denn schon weg?« rief er mit vor­wurfs­vol­lem Blick.

»Schon? Es ist doch nach vier, so­viel ich weiß.«

»Wa­rum willst du denn schon weg?« jam­mer­te er.

»Du brauchst ja noch nicht mit, wenn du noch nicht willst«, sag­te sie.

Und lang­sam ging sie mit dem klei­nen Mäd­chen fort, wäh­rend der Jun­ge ihr mit den Bli­cken folg­te, das Herz zer­ris­sen, dass er sie ge­hen las­sen müss­te, und doch un­fä­hig, den Markt schon zu ver­las­sen. Als sie den frei­en Platz vor dem ›Mond und Ster­ne‹ über­schritt, hör­te sie Män­ner schrei­en und roch das Bier, und sie be­gann ihre Schrit­te ein we­nig zu be­schleu­ni­gen in dem Ge­dan­ken, ihr Mann wer­de wohl auch in der Knei­pe sein.

Etwa um halb sie­ben kam ihr Jun­ge heim, recht müde nun, und blass und et­was be­küm­mert. Er fühl­te sich so jäm­mer­lich, ob­wohl ihm das nicht zum Be­wusst­sein kam, weil er sie hat­te al­lein ge­hen las­sen. Seit sie fort war, hat­te er kei­nen Spaß mehr an dem Markt­le­ben ge­fun­den.

»War Va­ter schon hier?« frag­te er.

»Nein«, sag­te die Mut­ter.

»Er hilft aus­schen­ken im ›Mond und Ster­ne‹. Ich sah ihn durch die schwar­zen Blech­din­ger mit den Lö­chern drin am Fens­ter mit auf­ge­krem­pel­ten Är­meln.«

»Ha!« rief die Mut­ter nur kurz. »Er hat kein Geld. Und wenn er nur Frei­bier kriegt, ist er auch schon zu­frie­den, ob sie ihm nun et­was mehr ge­ben oder nicht.«

Als es stär­ker däm­mer­te und Frau Mo­rel nicht mehr beim Nä­hen se­hen konn­te, stand sie auf und ging zur Tür. Über­all er­scholl auf­re­gen­der Lärm, die Ru­he­lo­sig­keit des Fest­ta­ges, und sie wur­de zu­letzt auch da­von an­ge­steckt. Sie trat in den Sei­ten­gar­ten hin­aus. Frau­en ka­men vom Markt heim, ihre Kin­der drück­ten ein wei­ßes Lamm mit grü­nen Bei­nen ans Herz oder ein höl­zer­nes Pferd. Ge­le­gent­lich strich ein Mann vor­bei, fast so voll, wie er nur eben la­den konn­te. Zu­wei­len kam auch mal ein gu­ter Haus­va­ter mit den Sei­nen vor­über, ganz fried­lich. Aber ge­wöhn­lich wa­ren Frau­en und Kin­der al­lein. Die zu Hau­se Ge­blie­be­nen stan­den plau­dernd an den Ecken der Gän­ge, die Arme un­ter der wei­ßen Schür­ze ge­fal­tet, wäh­rend das Zwie­licht im­mer tiefer her­nie­der­sank.

Frau Mo­rel war al­lein, aber dar­an war sie ge­wöhnt. Ihr Jun­ge und das klei­ne Mäd­chen schlie­fen oben; so kam es ihr vor, als lie­ge ihr Heim ru­hig und si­cher hin­ter ihr. Aber sie fühl­te sich elend des kom­men­den Kin­des we­gen. Die Welt kam ihr nur noch trau­rig vor, und für sie konn­te es nichts mehr in ihr ge­ben – we­nigs­tens nicht, bis Wil­liam er­wach­sen sein wür­de. Für sie selbst aber nichts als dies trau­ri­ge Hin­hal­ten – bis die Kin­der her­an­ge­wach­sen sein wür­den. Und die Kin­der! Sie konn­te sich dies drit­te nicht leis­ten. Sie woll­te es gar nicht. Der Va­ter schenk­te Bier aus in ei­ner Knei­pe und spül­te sich selbst bei der Ge­le­gen­heit voll. Sie ver­ach­te­te ihn und fühl­te sich doch an ihn ge­fes­selt. Dies Kind, das da kam, war zu viel für sie. Wäre es nicht um Wil­liams und An­nies Wil­len ge­we­sen, sie hät­te es über­ge­habt, dies Rin­gen mit Ar­mut und Häss­lich­keit und Ge­mein­heit.

Sie ging in den Vor­gar­ten, da sie sich zu schwer fühl­te, um aus­zu­ge­hen, und doch un­fä­hig, im Hau­se zu blei­ben. Die Hit­ze er­stick­te sie. Und wenn sie vor­aus­sah, brach­te der Aus­blick auf ihr zu­künf­ti­ges Le­ben ihr ein Ge­fühl von Le­ben­dig­be­gra­ben­sein bei.

Der Vor­gar­ten war ein klei­nes Vier­eck mit ei­ner Li­gus­ter­he­cke. Da blieb sie ste­hen und ver­such­te sich an dem Blu­men­duft und dem schwin­den­den schö­nen Abend zu be­ru­hi­gen. Ih­rer klei­nen Pfor­te ge­gen­über war der Über­gang, der den Hü­gel hin­an führ­te, un­ter der ho­hen He­cke ent­lang, in der bren­nen­den Glut der ge­schnit­te­nen Wei­den. Der Him­mel ihr zu Häup­ten beb­te und puls­te vor Licht. Die Glut schwand rasch von den Fel­dern; Erd­bo­den und He­cken ver­san­ken im Dunst der Däm­me­rung. So­bald es dun­kel wur­de, brach oben auf dem Hü­gel ein röt­li­cher Schim­mer her­vor, und aus die­sem Schim­mer die et­was ver­rin­ger­te Be­we­gung des Jahr­mark­tes.

Zu­wei­len tor­kel­ten durch die dunkle Rin­ne, die der Pfad un­ter den He­cken bil­de­te, Män­ner ver­stoh­len nach Hau­se. Ein jün­ge­rer Mann kam auf dem ab­schüs­si­gen un­te­ren Ende des Pfa­des ins Ren­nen und fuhr mit ei­nem Krach ge­gen den Über­gang.

Frau Mo­rel schau­er­te zu­sam­men. Er raff­te sich un­ter wi­der­li­chen, fast lei­den­schaft­li­chen Flü­chen wie­der auf, als däch­te er, das Gat­ter hät­te ihm ab­sicht­lich weh­ge­tan.

Sie trat ins Haus und frag­te sich, ob die Din­ge denn nie an­ders wer­den wür­den. All­mäh­lich be­gann sie sich dar­über klar zu wer­den, sie wür­den es nie. Ihre Mäd­chen­zeit kam ihr so fern vor, sie wun­der­te sich, dass dies ein und das­sel­be We­sen sein soll­te, das hier so schwer­fäl­lig den Hin­ter­gar­ten im ›Grun­d‹ hin­an­stieg, und das vor zehn Jah­ren noch so leicht über den Wel­len­bre­cher in Sheer­ness4 da­hin­ge­flo­gen war.

»Was habe ich denn da­mit zu schaf­fen?« sag­te sie bei sich. – »Was habe ich mit al­le­dem zu schaf­fen? Selbst mit dem Kin­de, das ich nun krie­ge! Ich wer­de schein­bar gar nicht mit­ge­zählt.«

Zu­wei­len packt das Le­ben einen, reißt den Leib mit fort, bringt eine gan­ze Ge­schich­te zu­stan­de und wird doch nie­mals wirk­lich, son­dern lässt uns stets in dem Ge­fühl, als wäre al­les nur ganz ver­schwom­men.

»Ich war­te«, sag­te Frau Mo­rel bei sich, »ich war­te, und was ich er­war­te, kann nie ein­tre­ten.«

Dann brach­te sie die Kü­che in Ord­nung, zün­de­te die Lam­pe an, stöker­te das Feu­er auf, such­te sich die Wä­sche für den nächs­ten Tag zu­sam­men und weich­te sie ein. Hier­auf setz­te sie sich mit ih­rer Näh­ar­beit nie­der. Lan­ge Stun­den hin­durch blitz­te ihre Na­del re­gel­mä­ßig durch den Stoff. Ge­le­gent­lich seufz­te sie ein­mal auf und be­weg­te sich, um sich zu er­leich­tern. Und die gan­ze Zeit über dach­te sie dar­über nach, wie sie ihr Hab und Gut um der Kin­der wil­len am bes­ten aus­nut­zen könn­te.

Um halb zwölf kam ihr Mann. Sei­ne Ba­cken wa­ren sehr rot und glänz­ten stark über dem schwar­zen Schnurr­bart. Der Kopf wa­ckel­te ihm et­was. Er war durch­aus mit sich zu­frie­den.

»O, o, wartst de auf mir, Mä­chen? Ick habe An­to­nen je­hol­fen, und wat meens­te woll, hat er mich je­je­ben? Nischt als lau­si­ge zwei­ein­halb Schil­ling, je­der Pen­ny je­zählt …«

»Er denkt wohl, den Rest hät­test du in Bier ver­dient«, sag­te sie kurz.

»Un det hab ick nich – det hab ick nich. Kannst mir jloo­ben, ick hat­te sehr we­nig heu­te, wenn ick über­haupt wat je­habt habe.« Sei­ne Stim­me wur­de zärt­lich. »Hier, da hab ick dir ooch en bis­ken Schnaps­bont­jen mit­je­bracht, un ’ne Ko­kos­nuss for die Kin­der.« Er leg­te das Zucker­zeug und die Nuss, ein haa­ri­ges Ding, auf den Tisch. »Na, hast woll noch nie in dei­nen Le­ben für ir­gend­was ›dan­ke‹ je­sagt, wat?«

Um ihm aus­zu­wei­chen, nahm sie die Nuss auf und schüt­tel­te sie, um zu se­hen, ob Milch drin sei.

»’t is ’ne jute, da kanns­te dein Le­ben druff wet­ten. Ick hab se von Bill Hodg­kin­son. ›Bill‹, sage ick, ›du brauchst doch die drei Nis­se nich, wat? Wills­te mich nich eine von ab­je­ben for mein’n klein’n Jun­gen und Mä­chen?‹ ›Je­wiss doch, Wal­ter, mein Jun­ge‹, sagt er, ›nimm man, wel­che de willst.‹ Un da nahm ick denn eene und dankt ihm. Ick mocht se doch nu nich vor sei­ne Oo­gen schüt­teln, aber da sagt er: ›Sieh man zu, dett se ooch jut is, Walt.‹ Un da­von weeß ick, det se jut is, siehs­te. Det ’s ’n net­ter Kerl, der Bill Hodg­kin­son, ’n net­ter Kerl is er!«

»Je­der Mann gibt al­les her, so­lan­ge er be­trun­ken ist, und du bist eben­so be­trun­ken wie er«, sag­te Frau Mo­rel.

»I, du je­mee­ne klee­ne Hexe, wer is be­trun­ken, mecht ick woll wis­sen?« sag­te Mo­rel. Er war ganz un­ge­wöhn­lich mit sich zu­frie­den we­gen sei­ner heu­ti­gen Hilfs­diens­te im ›Mond und Ster­ne‹. Er schwatz­te im­mer wei­ter.

Frau Mo­rel, sehr müde und ganz übel von sei­nem Ge­bab­bel, ging so rasch wie mög­lich zu Bett, wäh­rend er noch das Feu­er zu­deck­te.

Frau Mo­rel kam von gu­ten al­ten Bür­gers­leu­ten, be­rühm­ten Un­ab­hän­gi­gen, her, die noch mit Oberst Hutchin­son ge­foch­ten hat­ten und stram­me Cal­vi­nis­ten ge­blie­ben wa­ren. Ihr Groß­va­ter war mit sei­nem Spit­zen­ge­schäft zu­sam­men­ge­bro­chen, zu ei­ner Zeit, als vie­le Spit­zen­ma­cher in Not­ting­ham zu­grun­de gin­gen. Ihr Va­ter, Ge­or­ge Coppard, war Ma­schi­nist ge­we­sen – ein großer, hüb­scher, hoch­mü­ti­ger Mensch, stolz auf sei­ne blau­en Au­gen und sei­ne hel­le Haut, aber mehr noch auf sei­ne Unan­tast­bar­keit. Ger­tru­de äh­nel­te ih­rer Mut­ter in ih­rer klei­nen Bau­art. Aber ihr stol­zes, un­nach­gie­bi­ges We­sen hat­te sie von den Coppards.

Ge­or­ge Coppard litt bit­ter­lich un­ter sei­ner Ar­mut. Er wur­de Ober­ma­schi­nist am Ha­fen in Sheer­ness. Frau Mo­rel – Ger­tru­de – war sei­ne zwei­te Toch­ter. Sie be­vor­zug­te ihre Mut­ter, lieb­te ihre Mut­ter mehr als alle Üb­ri­gen; aber sie be­saß die kla­ren, trot­zi­gen Blau­au­gen der Coppards und ihre brei­te Stirn. Sie konn­te sich noch er­in­nern, wie sie ih­res Va­ters hoch­fah­ren­des Be­neh­men ge­gen ihre sanf­te, fröh­li­che, gut­mü­ti­ge Mut­ter ge­hasst hat­te. Sie dach­te noch dar­an, wie sie über den Wel­len­bre­cher zu Sheer­ness ge­rannt war, wenn sie ihr Boot such­te. Sie dach­te dar­an, wie sie von al­len Män­nern ge­lieb­kost und ver­hät­schelt wur­de, wenn sie zum Ha­fen kam, denn sie war ein zar­tes, recht emp­find­li­ches Kind ge­we­sen. Sie dach­te an ihre put­zi­ge alte Leh­re­rin, de­ren Hel­fe­rin sie ge­wor­den war, und der sie so gern in ih­rer Schu­le bei­ge­stan­den hat­te. Und sie hat­te im­mer noch die Bi­bel, die John Field ihr ge­ge­ben hat­te. Sie pfleg­te mit John Field von der Kir­che nach Hau­se zu ge­hen, als sie neun­zehn war. Er war der Sohn ei­nes wohl­ha­ben­den Krä­mers, hat­te in Lon­don die Schu­le be­sucht und soll­te sich selbst dem Ge­schäft wid­men.

Sie konn­te sich noch jede Ein­zel­heit ei­nes Sonn­tagnach­mit­tags im Sep­tem­ber zu­rück­ru­fen, als sie hin­ter ih­res Va­ters Haus un­ter den Weinre­ben ge­ses­sen hat­ten. Die Son­ne brach durch die Zwi­schen­räu­me zwi­schen den Wein­blät­tern und mach­te wun­der­hüb­sche Mus­ter, wie ein Spit­zen­tuch, in­dem sie auf ihn und sie fiel. Ein­zel­ne der Blät­ter wa­ren rein gelb, wie fla­che gel­be Blu­men.

»Nun sit­zen Sie mal still«, hat­te er ge­ru­fen, »Ihr Haar jetzt, wahr­haf­tig, ich weiß nicht, was das ei­gent­lich für ’ne Far­be hat! Es glänzt wie Kup­fer und Gold, rot, wie ge­schmie­de­tes Kup­fer, und wo die Son­ne drauf scheint, hat es Gold­fä­den. Und nun den­ken Sie bloß, sie sa­gen, es wäre braun. Ihre Mut­ter nennt es mau­se­far­ben.«

Sie hat­te einen glän­zen­den Blick von ihm auf­ge­fan­gen, aber ihr kla­res Ant­litz ver­riet kaum die ge­ho­be­ne Stim­mung, die in ihr em­por­stieg.

»Aber Sie sa­gen doch, Sie mach­ten sich nichts aus dem Ge­schäft«, fuhr sie fort.

»Tue ich auch nicht! Ich has­se es!« rief er hit­zig.

»Und möch­ten Sie nicht in den Kir­chen­dienst ge­hen«, mein­te sie halb fle­hend.

»Ge­wiss. Gern täte ichs, wenn ich däch­te, ich wür­de einen Pre­di­ger ers­ter Ord­nung ab­ge­ben.«

»Aber warum tun Sie es denn nicht – warum tun Sie es denn nicht?« Ihre Stim­me ließ et­was Trot­zi­ges durch­tö­nen. »Wenn ich ein Mann wäre, mich soll­te nichts ab­hal­ten.«

Sie hielt den Kopf hoch in die Höhe. Er fürch­te­te sich fast vor ihr.

»Aber mein Va­ter ist so steif­nackig. Er will mich ins Ge­schäft ste­cken, und ich weiß, er tuts.«

»Aber Sie sind doch ein Mann?« hat­te sie ge­ru­fen.

»Dass man ein Mann ist, ist noch nicht al­les«, ant­wor­te­te er und run­zel­te die Stirn, hilf- und rat­los.

Jetzt, wo sie im ›Grun­d‹ bei ih­rer Ar­beit sich re­gen muss­te, mit so man­cher Er­fah­rung, was ein Mann sein hei­ße, ver­stand sie, dass es nicht al­les be­deu­te­te.

Mit zwan­zig hat­te sie Sheer­ness ih­rer Ge­sund­heit we­gen ver­las­sen. Ihr Va­ter war wie­der nach Not­ting­ham ge­zo­gen. John Fields Va­ter war zu­grun­de ge­rich­tet; der Sohn war als Leh­rer nach Nor­wood ge­gan­gen. Sie hör­te nichts von ihm, bis sie nach zwei Jah­ren sich ei­gens nach ihm er­kun­dig­te. Er hat­te sei­ne Wir­tin ge­hei­ra­tet, eine Frau in den Vier­zi­gern, Wit­we mit Ver­mö­gen.

Und doch hob Frau Mo­rel John Fields Bi­bel noch auf. Sie hielt ihn jetzt nicht län­ger für … Na ja, sie be­griff jetzt ziem­lich gut, was er hät­te wer­den kön­nen und was nicht. So hob sie sei­ne Bi­bel auf und ver­wahr­te sein An­den­ken ih­rer selbst we­gen in ih­rem Her­zen. Bis an ih­ren Ster­be­tag, fünf­und­drei­ßig Jah­re spä­ter, sprach sie nie wie­der von ihm.

Als sie drei­und­zwan­zig Jah­re alt war, hat­te sie bei ei­ner Weih­nachts­fei­er einen jun­gen Mann aus dem Ere­wash-Tale ge­trof­fen. Es war Mo­rel. Er war da­mals sie­ben­und­zwan­zig Jah­re alt. Er war gut ge­wach­sen, schlank und ein großer Pfif­fi­kus. Er hat­te wel­li­ges, glän­zend schwar­zes Haar und einen kräf­ti­gen schwar­zen Bart, der noch nie ge­scho­ren war. Sei­ne Ba­cken wa­ren röt­lich, und sein feuch­ter ro­ter Mund dar­um so auf­fal­lend, weil er so oft und herz­lich lach­te. Er be­saß die­se Sel­ten­heit, ein rei­ches, klin­gen­des La­chen. Ger­tru­de Coppard hat­te ihn wie ver­zau­bert be­ob­ach­tet. Er war so vol­ler Far­be und Leb­haf­tig­keit, sei­ne Stim­me lief so ins Spaß­haft-Wun­der­li­che über, er war so schlag­fer­tig und scherz­haft ge­gen je­der­mann. Ihr Va­ter be­saß eben­falls einen rei­chen Schatz an Witz, aber der war spöt­tisch. Die­ses Men­schen Witz war ganz an­ders: weich, nicht aus dem Ver­stan­de ge­bo­ren, warm, eine Art Hans­wurs­te­rei.

Sie selbst war ganz an­ders ge­ar­tet. Sie hat­te eine neu­gie­ri­ge, emp­fäng­li­che Sin­nes­art, die viel Ver­gnü­gen und Un­ter­hal­tung dar­in fand, wenn sie an­de­ren Leu­ten zu­hö­ren konn­te. Sie be­saß eine be­son­de­re Art, die Leu­te zum Re­den zu brin­gen. Sie lieb­te Ge­dan­ken­aus­tausch und galt für sehr klug. Was sie am meis­ten lieb­te, war eine Er­ör­te­rung über Re­li­gi­on, Phi­lo­so­phie oder Po­li­tik mit ir­gend­ei­nem gut un­ter­rich­te­ten Man­ne. Dies Ver­gnü­gen ge­noss sie nicht häu­fig. So brach­te sie die Leu­te im­mer dazu, ihr über sich selbst zu er­zäh­len, und fand auf die Wei­se ihr Ver­gnü­gen.

Ihre Ge­stalt war ziem­lich klein und zart, ihre Stirn breit, mit her­ab­hän­gen­den, brau­nen, sei­den­wei­chen Lo­cken. Ihre blau­en Au­gen sa­hen sehr ge­ra­de­aus, ehr­lich und for­schend. Sie be­saß auch die schö­nen Hän­de der Coppards. Ihre Klei­dung war nie­mals auf­fal­lend. Sie trug dun­kelblaue Sei­de, mit ei­ner ei­gen­ar­ti­gen Ket­te aus sil­ber­nen Mu­scheln. Die­se und eine schwe­re Vor­steck­na­del aus ge­floch­te­nem Gol­de wa­ren ihr ein­zi­ger Schmuck. Sie war noch gänz­lich un­be­rührt, von tiefer Fröm­mig­keit und voll ei­ner schö­nen Auf­rich­tig­keit.

Wal­ter Mo­rel schmolz an­schei­nend vor ihr hin­weg. Sie war für den Berg­mann je­nes ge­heim­nis­vol­le, be­zau­bern­de We­sen: eine Dame. Wenn sie zu ihm sprach, ge­sch­ah es mit süd­li­cher Be­to­nung und in so rei­nem Eng­lisch, dass ihn beim Zu­hö­ren je­des Mal ein Schau­der durch­fuhr. Sie be­ob­ach­te­te ihn. Er tanz­te gut, als wäre ihm Tan­zen ein an­ge­bo­re­nes Ver­gnü­gen. Sein Groß­va­ter war ein fran­zö­si­scher Flücht­ling ge­we­sen, der ein eng­li­sches Schenk­mäd­chen ge­hei­ra­tet hat­te – wenn es eine Hei­rat ge­we­sen war. Ger­tru­de Coppard be­ob­ach­te­te den jun­gen Berg­mann wäh­rend des Tan­zens, die­ses fei­ne, wie ein Zau­ber wir­ken­de Frohlo­cken in sei­nen Be­we­gun­gen und sein Ge­sicht, das röt­lich strah­len­de, die Blü­te sei­nes Kör­pers, mit dem lo­cki­gen Schwarz­haar, stets lä­chelnd, ganz gleich, über wel­che Tän­ze­rin er sich neig­te! Sie fand ihn pracht­voll, da sie noch nie sei­nes­glei­chen ge­trof­fen hat­te. Ihr Va­ter galt ihr als Vor­bild al­ler Män­ner. Und Ge­or­ge Coppard mit sei­ner stol­zen Hal­tung, hübsch und doch streng, der als Le­se­stoff stets et­was Geist­li­ches be­vor­zug­te und sei­ne Zu­nei­gung nur ei­nem Men­schen wid­me­te, dem Apos­tel Pau­lus; des­sen Herr­schaft im Hau­se so rau, des­sen Ver­trau­lich­keit selbst noch spöt­tisch war, der kei­ner­lei sinn­li­ches Ver­gnü­gen kann­te – der war so ganz an­ders als der Berg­mann. Ger­tru­de selbst ver­ach­te­te das Tan­zen ge­ra­de­zu; sie be­saß nicht die ge­rings­te Nei­gung zu die­ser Kunst und hat­te es selbst nicht ein­mal bis zu ei­nem Ro­ger de Co­ver­ley ge­bracht. Wie ihr Va­ter, ge­hör­te auch sie zu den Pu­ri­ta­nern, war auch sie hoch­ge­sinnt und durch­aus ernst. Da­her er­schi­en ihr die däm­me­ri­ge, gol­de­ne Weich­heit der sinn­li­chen Le­bens­flam­me die­ses Man­nes, die von sei­nem Flei­sche aus­ström­te wie die Flam­me von ei­ner Ker­ze, nicht durch Sin­nen und Trach­ten zu Weiß­glut an­ge­facht und auf­ge­sta­chelt wie ihr ei­ge­nes Le­ben, son­dern et­was Wun­der­vol­les, ihr ganz Fern­ste­hen­des.

Er kam und ver­beug­te sich vor ihr. Eine Wär­me durch­strahl­te sie, als habe sie Wein ge­trun­ken.

»Nu kom­men Se doch un ma­chen Se den da mal mit mich mit«, sag­te er zärt­lich. »Is janz leicht, wis­sen Se. Ick möch­te Ih­nen zu jer­ne mal tan­zen se­hen.«

Sie hat­te ihm vor­her er­zählt, sie kön­ne nicht tan­zen. Sie be­merk­te sei­ne De­mut und lä­chel­te. Ihr Lä­cheln war sehr schön. Es be­rühr­te den Mann der­art, dass er al­les ver­gaß.

»Nein, ich tan­ze nicht«, sag­te sie weich. Ihre Wor­te ka­men klar und deut­lich.

Ohne zu wis­sen, was er tat – manch­mal tat er gra­de das Rich­ti­ge rein ge­fühls­mä­ßig –, setz­te er sich ne­ben sie und neig­te sich vol­ler Ver­eh­rung zu ihr.

»Aber Sie dür­fen Ihren Tanz nicht schie­ßen las­sen«, ta­del­te sie ihn.

»Ne, den will ick jar nich – aus den ma­che ick mich nischt.«

»Aber Sie for­der­ten mich doch dazu auf.«

Dar­über muss­te er herz­lich la­chen.

»Da ha ’ck noch jar nich dran je­dacht. Du brauchst aber ooch nich lan­ge, um mich die Tol­le aus­zu­käm­men.«

Nun war es an ihr, fröh­lich auf­zu­la­chen.

»Sie se­hen gar nicht so aus, als ob das viel nüt­zen wür­de«, sag­te sie.

»Ick bin wie so’n Schwei­ne­schwänz­ken, det krullt sich, weils sich nich hel­fen kann«, lach­te er ziem­lich ge­räusch­voll.

»Und Sie sind ein Berg­mann!« rief sie vol­ler Über­ra­schung.

»Ja­woll. Fuhr zu­erst ein, als ick zeh­ne war.«

Sie sah ihn an in Ver­wun­de­rung und Be­stür­zung.

»Als Sie zehn Jah­re wa­ren! Und kam Ih­nen das nicht sehr hart an?« frag­te sie.

»Da je­wöhnt man sich bal­de dran. Man lebt wie de Mäu­se, un nachts krab­beln se denn mal wie­der raus, um zu se­hen, wat los is.«

»Da wür­de ich ganz blind«, run­zel­te sie die Stirn.

»Wie’n Mull!« lach­te er. »Ja­woll, un wat die wel­chen sind, die loofen ooch rum wie’n Mull.« Er stieß den Kopf vor, in der blin­den, schnüf­feln­den Wei­se ei­nes Maul­wurfs, und schi­en nach der rich­ti­gen Ge­gend zu schnüf­feln und zu blin­zeln. »Janz jenau so ma­chen se’s!« be­teu­er­te er ganz auf­rich­tig. »So wat has­te noch nie nich je­se­hen, wie die det ma­chen. Aber ick muss dir mal mit run­ter­neh­men, un denn kanns­te’t ja al­lei­ne se­hen.«

Er­schreckt sah sie ihn an. Dies war eine ganz neue Le­bens­bahn, die sich da vor ihr er­öff­ne­te. Nun ver­stand sie das Le­ben der Berg­leu­te, die zu Hun­der­ten sich un­ter der Erde ab­mü­hen und abends erst wie­der nach oben kom­men. Er kam ihr er­ha­ben vor. Täg­lich wag­te er sein Le­ben, und mit Freu­den. Mit et­was wie ei­ner fle­hent­li­chen Bit­te sah sie ihn an, in ih­rer rei­nen De­mut.

»Möchtst de nich mal mit?« frag­te er sanft. »Vi­el­leicht doch woll nich, wür­dest dir ja auch bloß schmut­zig ma­chen.«

Noch nie war sie auf die­se Wei­se ge­duzt wor­den.

Nächs­ten Weih­nach­ten wur­den sie ge­traut, und für drei Mo­na­te war sie voll­kom­men glück­lich: sechs Mo­na­te lang war sie sehr glück­lich.

Er hat­te sein Ge­lüb­de ab­ge­legt und trug das blaue Kreuz der Schnaps­geg­ner: er brüs­te­te sich mäch­tig. Sie leb­ten, wie sie glaub­te, in sei­nem ei­ge­nen Hau­se. Es war klein, aber ganz be­hag­lich und nett ein­ge­rich­tet, mit tüch­ti­gen, or­dent­li­chen Sa­chen, wie sie ih­rer ehr­li­chen Sin­nes­art sehr zu­sag­ten. Die Frau­en, ihre Nach­ba­rin­nen, wa­ren ihr ziem­lich fremd, Mo­rels Mut­ter und Schwes­tern sehr ge­neigt, über ihr da­men­haf­tes Be­neh­men die Nase zu rümp­fen. Aber sie konn­te sehr gut für sich al­lein fer­tig wer­den, so­lan­ge sie ih­ren Mann für sich hat­te.

Zu­wei­len, wenn sie des Ko­sens müde war, ver­such­te sie, ihm ein­mal ihr Herz ernst­lich zu er­öff­nen. Sie merk­te dann, wie er ihr vol­ler Ehr­er­bie­tung zu­hör­te, aber ohne Ver­ständ­nis. Das er­tö­te­te ihre Be­stre­bun­gen nach ei­ner schö­ne­ren Ver­trau­lich­keit, und manch­mal blitz­te Furcht in ihr auf. Zu­wei­len wur­de er ge­gen Abend un­ru­hig: das blo­ße Zu­sam­men­sein mit ihr ge­nüg­te ihm nicht, wur­de ihr klar. Sie war sehr froh, als er an­fing, sich mit al­ler­lei Klei­nig­kei­ten zu be­schäf­ti­gen.

Er war ein un­ge­wöhn­lich ge­schick­ter Mensch, konn­te al­les selbst ma­chen oder aus­bes­sern. So sag­te sie wohl ein­mal:

»Den Feu­er­ha­ken da bei dei­ner Mut­ter fin­de ich doch zu nett – so klein und zier­lich.«

»Findst de, mein Kind? Schön, den hab ick sel­ber je­macht, so ee­nen kann ick dich auch ma­chen.«

»Was? der ist doch aber aus Stahl!«

»Un wenn schon! So ’nen solls­te auch ha­ben, wenn nich jenau so ’nen.«

Sie ließ sich die Schmie­re­rei nicht an­fech­ten, auch das Ge­häm­mer und den Lärm nicht. Er war be­schäf­tigt und glück­lich.

Aber als sie im sie­ben­ten Mo­nat mal sei­nen Sonn­tags­rock aus­bürs­te­te, fühl­te sie Pa­pie­re in sei­ner Brust­ta­sche, und von plötz­li­cher Neu­gier­de er­grif­fen, zog sie sie her­vor und las sie. Er trug den Geh­rock, in dem er ge­traut war, nur sehr sel­ten: und frü­her wäre es ihr nie ein­ge­fal­len, Neu­gier­de we­gen die­ser Pa­pie­re zu emp­fin­den. Es wa­ren die Rech­nun­gen über ih­ren noch nicht be­zahl­ten Haus­rat.

»Sieh mal«, sag­te sie abends, als er sich ge­wa­schen und Abend­brot ge­ges­sen hat­te. »Die habe ich in der Ta­sche dei­nes Hoch­zeits­rockes ge­fun­den. Hast du die Rech­nun­gen noch nicht in Ord­nung ge­bracht?«

»Ne, da bin ick noch nich zu je­kom­men.«

»Aber du er­zähl­test mir doch, es wäre al­les be­zahlt. Dann fah­re ich doch bes­ser Sonn­abend nach Not­ting­ham hin­ein und ma­che das mal ab. Ich mag nicht auf an­de­rer Leu­te Stüh­len sit­zen und von ei­nem un­be­zahl­ten Ti­sche es­sen.«

Er ant­wor­te­te nicht.

»Ich kann ja wohl dein Bank­buch krie­gen, nicht wahr?«

»Det kanns­te, wenn de meenst, det nützt dir wat.«

»Ich glaub­te …«, be­gann sie. Er hat­te ihr er­zählt, er habe ein hüb­sches Stück Geld zu­rück­ge­legt. Aber sie merk­te, Fra­gen hät­ten kei­nen Zweck. Sie saß starr vor Bit­ter­keit und Är­ger. Am nächs­ten Tage ging sie zu sei­ner Mut­ter hin­un­ter.

»Hat­ten Sie nicht die Ein­rich­tung für Wal­ter ge­kauft?« frag­te sie.

»Ja­woll, das habe ich«, sag­te die alte Frau mür­risch.

»Und wie viel hat er Ih­nen da­für ge­ge­ben?«

Die äl­te­re Frau fühl­te sich von lei­sem Är­ger ge­pri­ckelt.

»Acht­zig Pfund, wenn Sie so scharf da­hin­ter­her sind«, er­wi­der­te sie.

»Acht­zig Pfund! Aber zwei­und­zwan­zi­gein­halb schul­det er doch noch drauf!«

»Kann ich doch nicht hel­fen.«

»Aber wo ist es denn bloß al­les ge­blie­ben?«

»Sie wer­den wohl alle Pa­pie­re fin­den, glau­be ich, wenn Sie mal nach­se­hen – au­ßer zehn Pfund, die er mir noch schul­dig ist, und sechs Pfund, die die Hoch­zeit hier un­ten ge­kos­tet hat.«

»Sechs Pfund!« wie­der­hol­te Ger­tru­de Mo­rel. Es kam ihr un­ge­heu­er­lich vor, dass, nach­dem ihr Va­ter schon so viel für die Hoch­zeit be­zahlt hat­te, hier in Wal­ters El­tern­hau­se auf sei­ne Kos­ten noch sechs Pfund mehr für Es­sen und Trin­ken ver­ju­belt sein soll­ten.

»Und wie viel hat er in sei­nen Häu­sern an­ge­legt?« frag­te sie.

»Sei­nen Häu­sern – was für Häu­ser?«

Ger­tru­de Mo­rel wur­de weiß um die Lip­pen. Er hat­te ihr er­zählt, das Haus, in dem sie leb­ten und das nächs­te wä­ren sei­ne.

»Ich dach­te, das Haus, in dem wir le­ben …«, be­gann sie wie­der.

»Mir ge­hö­ren die bei­den Häu­ser«, sag­te die Schwie­ger­mut­ter. »Und noch nicht mal ganz. Ich kann gra­de die Grund­schuld­zin­sen be­zah­len.«

Ger­tru­de saß weiß und stumm. Nun war sie ganz ihr Va­ter.

»Dann müss­ten wir Ih­nen doch Mie­te zah­len«, sag­te sie kalt.

»Wal­ter zahlt mir auch Mie­te«, er­wi­der­te sei­ne Mut­ter.

»Und wie viel?« frag­te Ger­tru­de.

»Sechs­ein­halb Schil­ling die Wo­che«, gab die Mut­ter zu­rück.

Das war mehr, als das Haus wert war. Ger­tru­de hielt den Kopf hoch und sah stur vor sich hin.

»Sie kön­nen von Glück sa­gen«, sag­te die äl­te­re Frau bei­ßend, »dass Sie einen Mann ge­kriegt ha­ben, der Ih­nen all die Geld­sor­gen ab­nimmt und Ih­nen freie Hand lässt.«

Die jun­ge Frau blieb stumm.

Zu ih­rem Man­ne sag­te sie nur sehr we­nig, aber ihr Be­neh­men ge­gen ihn war ein an­de­res ge­wor­den. In ih­rer stol­zen, eh­ren­haf­ten See­le hat­te sich et­was aus­ge­schie­den, hart wie Fels.

Als der Ok­to­ber her­an­kam, dach­te sie nur noch an Weih­nach­ten. Vor zwei Jah­ren hat­te sie ihn zu Weih­nach­ten ge­trof­fen. Letz­ten Weih­nach­ten hat­te sie ihn ge­hei­ra­tet. Die­sen Weih­nach­ten wür­de sie ihm ein Kind be­sche­ren.

»Sie tan­zen woll nich, Nach­barn?« frag­te ihre nächs­te Nach­ba­rin sie im Ok­to­ber, als es ein mäch­ti­ges Ge­re­de gab über die Er­öff­nung ei­ner Tanz­stun­de oben im Zie­gel- und Back­stein-Wirts­hau­se in Best­wood.

»Nein – ich habe nie die ge­rings­te Nei­gung zum Tan­zen be­ses­sen«, er­wi­der­te Frau Mo­rel.

»Den­ken Se bloß! Un wie put­zig, dass Sie gra­de Ihren Meis­ter ge­hei­ra­tet ha­ben. Sie wis­sen doch, er is doch ge­ra­de­zu be­rühmt we­gen sei­nes Tan­zens.«

»Ich wuss­te nicht, dass er des­we­gen be­rühmt wäre«, lach­te Frau Mo­rel.

»Ja­woll! Is er aber! Wie­so, der lei­tet doch schon über fünf Jah­re die Tanz­stun­de im ›Berg­manns-Wap­pen‹.«

»Wirk­lich?«

»Ge­wiss doch.« Die an­de­re wur­de her­aus­for­dernd. »Alle Don­ners­tag war es ganz voll, un diens­tags, un sonn­abends – un da gings hoch her, heißt es.«

So et­was war bit­te­re Gal­le für Frau Mo­rel, und ein ge­hö­ri­ges Teil da­von wur­de ihr zu­ge­mes­sen. Die Frau­en er­spar­ten ihr zu­erst gar nichts; denn sie war et­was Bes­se­res als sie, wenn sie auch nichts da­für konn­te.

Er fing an, recht spät nach Hau­se zu kom­men.

»Sie ar­bei­ten jetzt sehr lan­ge, nicht wahr?« sag­te sie zu ih­rer Wä­sche­rin.

»Nich län­ger als im­mer, jlo­be ick. Aber se hal­ten denn eben noch mal an, um bei El­lens einen zu neh­men, un denn fan­gen se an zu re­den, un da ha­ben Se’s Es­sen eis­kalt – ge­schieht se janz recht.«

»Aber Herr Mo­rel trinkt nichts.«

Die Frau ließ ihre Wä­sche fal­len, sah Frau Mo­rel an und fuhr dann ohne ein Wort zu sa­gen mit ih­rer Ar­beit fort.

Ger­tru­de Mo­rel war sehr elend, als der Jun­ge ge­bo­ren wur­de. Mo­rel war sehr gut ge­gen sie, von gol­de­ner Güte ge­ra­de­zu. Aber sie fühl­te sich sehr ein­sam, mei­len­weit von den Ihren ent­fernt. Sie fühl­te sich auch mit ihm ein­sam, und sei­ne Ge­gen­wart mach­te dies Ge­fühl nur schlim­mer.

Der Jun­ge war zu­erst klein und ge­brech­lich, aber er mach­te sich bald her­aus. Er war ein hüb­sches Kind, mit dun­kel­gol­de­nen Rin­geln und dun­kelblau­en Au­gen, die bald in ein hel­les Grau über­gin­gen. Sei­ne Mut­ter lieb­te ihn lei­den­schaft­lich. Er kam gra­de zu der Zeit an, als die Bit­ter­nis ih­rer Ent­täu­schung ihr am här­tes­ten zu tra­gen vor­kam; als ihr Glau­be ans Le­ben er­schüt­tert war und ihre See­le sich trau­rig und ein­sam fühl­te. Sie hielt große Stücke auf das Kind, und der Va­ter wur­de ei­fer­süch­tig.

Schließ­lich ver­ach­te­te Frau Mo­rel ih­ren Mann. Sie wand­te sich dem Kin­de zu; von dem Va­ter wand­te sie sich ab. Er hat­te an­ge­fan­gen sie zu ver­nach­läs­si­gen; die Neu­ig­keit des ei­ge­nen Heims war für ihn vor­über. Er be­sä­ße kei­ne Ent­schluss­fä­hig­keit, sag­te sie vol­ler Bit­ter­keit zu sich selbst. Was er gra­de im Au­gen­blick emp­fand, das war ihm al­les. Er konn­te nie bei der Sa­che blei­ben. Es saß nichts hin­ter all sei­nem Ge­tue.

Nun be­gann ein Kampf zwi­schen Mann und Frau – ein furcht­ba­rer, blu­ti­ger Kampf, der erst mit dem Tode des einen en­de­te. Sie kämpf­te, um ihn sei­ne ei­ge­ne Verant­wort­lich­keit er­ken­nen zu leh­ren, ihn sei­ne Ver­pflich­tun­gen er­fül­len zu ma­chen. Er war aber zu ver­schie­den von ihr. Sei­ne Ver­an­la­gung war eine rein sinn­li­che, und sie ver­such­te, ihn sitt­lich zu ma­chen, got­tes­fürch­tig. Sie ver­such­te, ihn zu zwin­gen, den Din­gen ins Auge zu schau­en. Das konn­te er nicht aus­hal­ten – es brach­te ihn um den Ver­stand.

Noch wäh­rend das Kind ganz klein war, wur­de die Stim­mung des Va­ters so reiz­bar, dass kein Ver­lass mehr dar­auf war. Das Kind brauch­te nur ein we­nig un­ru­hig zu wer­den, so fing der Mann an, es zu quä­len. Ein we­nig mehr, und die har­ten Berg­manns­fäus­te schlu­gen das Kind. Dann ekel­te es Frau Mo­rel vor ih­rem Man­ne, ekel­te es sie vor ihm ta­ge­lang: und dann ging er aus und trank; und sie mach­te sich we­nig dar­aus, was er trieb. Sie ver­letz­te ihn auch bei sei­ner Rück­kehr durch ih­ren Spott.

Die Ent­frem­dung zwi­schen ih­nen bei­den ver­an­lass­te ihn, sie wis­sent­lich oder un­wis­sent­lich auch da gröb­lich zu be­lei­di­gen, wo er es sonst nicht ge­tan hät­te.

Wil­liam war erst ein Jahr alt, und sei­ne Mut­ter war auf den hüb­schen Jun­gen sehr stolz. Ihre Ver­hält­nis­se wa­ren jetzt nicht be­son­ders, aber ihre Schwes­tern ver­sorg­ten den Jun­gen mit An­zü­gen. Mit sei­nem klei­nen wei­ßen Hut mit ei­ner ge­kräu­sel­ten Strau­ßen­fe­der und sei­nem wei­ßen Rock war es ihr eine Freu­de ihn an­zu­se­hen, mit sei­nem Lo­cken­haar, das ihm den Kopf um­rahm­te. Ei­nes Sonn­tag­mor­gens lag Frau Mo­rel und lausch­te auf das Ge­plau­der von Va­ter und Sohn un­ten. Dann schlum­mer­te sie wie­der ein. Als sie nach un­ten kam, glüh­te ein mäch­ti­ges Feu­er auf dem Her­de, das Zim­mer war heiß, der Früh­stücks­tisch un­or­dent­lich ge­deckt, und in sei­nem Arm­stuhl dem Ka­min ge­gen­über saß Mo­rel, et­was ver­schüch­tert; und zwi­schen sei­nen Kni­en stand das Kind – kahl ge­scho­ren wie ein Schaf, mit ei­ner wun­der­li­chen run­den Tol­le – und sah sie ver­wun­dert an; und auf ei­ner Zei­tung auf der Herd­mat­te la­gen ver­streut in dem röt­li­chen Feu­er­schein un­zäh­li­ge halb­mond­för­mi­ge Lo­cken, wie die Blü­ten­blät­ter ei­ner Rin­gel­blu­me.

Frau Mo­rel stand re­gungs­los. Dies war ihr ers­tes Kind. Sie wur­de schnee­weiß und konn­te nicht spre­chen.

»Wat meens­te so von ihn?« lach­te Mo­rel un­si­cher.

Sie ball­te bei­de Fäus­te, hob sie und trat auf ihn zu. Mo­rel wich zu­rück.

»Um­brin­gen könn­te ich dich, ja, wahr­haf­tig!« sag­te sie. Sie er­stick­te vor Wut, mit hoch­er­ho­be­nen Fäus­ten.

»Du wolltst doch woll keen Mä­chen aus ihn ma­chen«, sag­te Mo­rel in furcht­sa­mem Ton­fall und ließ den Kopf hän­gen, um sei­ne Au­gen vor den ih­ren zu ber­gen. Der Ver­such zu la­chen war ihm ver­gan­gen.

Die Mut­ter blick­te auf das zot­te­li­ge, kahl­ge­scho­re­ne Haupt ih­res Kin­des. Sie leg­te die Hand auf sein Haar und strei­chel­te ihm lieb­ko­send den Kopf.

»O – mein Jun­ge!« stam­mel­te sie. Die Lip­pen zit­ter­ten ihr, ihr Ge­sicht brach zu­sam­men, und das Kind in die Höhe rei­ßend, barg sie ihr Ge­sicht an sei­ner Schul­ter und wein­te schmerz­er­füllt. Sie war eine je­ner Frau­en, die nicht wei­nen kön­nen; de­nen es ge­nau so weh tut wie ei­nem Man­ne. Ihr Schluch­zen war, als wür­de ihr et­was aus dem Lei­be ge­ris­sen.

Mo­rel saß da, die Ell­bo­gen auf den Kni­en, die Hän­de ver­schränkt, bis die Knö­chel weiß wur­den. Er stier­te ins Feu­er und kam sich fast wie be­täubt vor, als kön­ne er nicht län­ger at­men.

Aber da war es auch zu Ende mit ihr, sie be­ru­hig­te das Kind und räum­te den Früh­stücks­tisch auf. Das Zei­tungs­blatt mit dem Lo­cken­ge­wirr ließ sie auf der Herd­mat­te lie­gen. Schließ­lich nahm ihr Mann es auf und steck­te es ins Feu­er. Sie ging mit ge­schlos­se­nem Mun­de, sehr still, an ihre Ar­beit. Mo­rel war ge­bän­digt. Vol­ler Jam­mer kroch er um­her, und sei­ne Mahl­zei­ten wa­ren ihm an die­sem Tage ein wah­res Elend. Sie sprach höf­lich mit ihm und mach­te kei­ne An­spie­lung auf das, was er ge­tan hat­te. Aber er merk­te, dass et­was zum Schlus­se ge­kom­men sei.

Spä­ter sag­te sie, sie wäre al­bern ge­we­sen, dem Jun­gen hät­te das Haar über kurz oder lang doch ge­schnit­ten wer­den müs­sen. Schließ­lich brach­te sie es so­gar über sich, ih­rem Man­ne zu sa­gen, es wäre doch recht ge­we­sen, dass er da­mals den Haar­schnei­der ge­spielt habe. Aber sie wuss­te doch, und Mo­rel eben­so, jene Hand­lung hat­te in ih­rer See­le et­was Fol­gen­schwe­res her­vor­ge­ru­fen. Ihr gan­zes Le­ben lang er­in­ner­te sie sich an den Vor­gang als einen, un­ter dem sie be­son­ders schwer ge­lit­ten hat­te.

Die­ser Aus­bruch männ­li­cher Töl­pel­haf­tig­keit war der Speer durch die Sei­te ih­rer Lie­be für Mo­rel. Frü­her, selbst wäh­rend sie in bit­te­rem Kamp­fe mit ihm lag, hat­te sie sich um ihn ge­grämt, wenn er ein­mal auf Ab­we­ge ge­riet. Jetzt hör­te sie auf, sich nach sei­ner Lie­be zu seh­nen: er war ihr fremd ge­wor­den. Das mach­te das Le­ben viel er­träg­li­cher.

Trotz­dem gin­gen ihre Kämp­fe mit ihm wei­ter. Sie be­saß im­mer noch ihr ho­hes Sitt­lich­keits­ge­fühl, ein Erb­teil gan­zer Ge­schlech­ter­fol­gen von Pu­ri­ta­nern. Jetzt war es ihr Fröm­mig­keits­ge­fühl, und sie wur­de fast zum Glau­bens­schwär­mer an ihm, gra­de weil sie ihn lieb­te oder doch ge­liebt hat­te. Sün­dig­te er, so quäl­te sie ihn. Trank er und log, wur­de er manch­mal zum Prahl­hans, ge­le­gent­lich auch mal zum Lum­pen, so schwang sie un­barm­her­zig die Gei­ßel.

Das Trau­ri­ge war: sie war ihm zu un­ähn­lich. Sie konn­te sich mit dem We­ni­gen, was er dar­stel­len konn­te, nicht zu­frie­den­ge­ben; sie woll­te ihn so hoch­brin­gen, wie er ei­gent­lich hät­te ste­hen müs­sen. So ver­nich­te­te sie ihn in dem Ver­such, ihn zu et­was Ed­le­rem zu ma­chen, als er sein konn­te. Sie ver­letz­te und quäl­te und schund sich selbst auch, aber sie ver­lor nichts von ih­rem Wer­te. Sie hat­te ja auch die Kin­der.

Er trank recht schwer, wenn auch nicht mehr als an­de­re Berg­leu­te, und nur Bier, so­dass sei­ne Ge­sund­heit wohl litt, aber doch nicht un­ter­gra­ben wur­de. Am Wo­chen­schluss gings auf den Haupt­bum­mel. Je­den Frei­tag­abend, Sonn­abend- und Sonn­tag­abend saß er bis Fei­er­abend im ›Berg­manns-Wap­pen‹. Mon­tags und diens­tags muss­te er auf­ste­hen und, wenn auch wi­der­wil­lig, ge­gen zehn Uhr los­zie­hen. Mitt­woch- und Don­ners­tag­abend blieb er manch­mal zu Hau­se oder ging nur auf ein Stünd­chen aus. Tat­säch­lich brauch­te er nie des Trin­kens we­gen die Ar­beit zu ver­säu­men.

Aber ob­wohl er recht gleich­mä­ßig ar­bei­te­te, ging sein Lohn doch zu­rück. Er war ein Plap­per­maul, ein Schwät­zer. Auf­sicht war ihm et­was Gräss­li­ches, da­her konn­te er über die Be­triebs­lei­ter auch nichts als schimp­fen. So sag­te er wohl mal in Pal­mer­ston:

»Kommt der Olle heu­te mor­jen in un­sern Stol­len run­ter und sagt: ›Wees­te, Wal­ter, so jeht det nich wei­ter. Wat is denn det fier ’ne Zim­me­rung?‹ Un ick ant­wort ihm: ›Wie­so denn, wo re­d’st de denn von? Wat is denn los mit die Zim­me­rung?‹ ›Die jeht nie nich, die da‹, sag­te er. ›Dich kommt ei­nes schö­nen Ta­ges det Dach auf­’n Kopp‹, sagt er. Un ick sag: ›Denn schtell dir man lie­ber da auf­’n Klum­pen Dreck un halts mit­’n Kopp hoch.‹ Da wur­de er mäch­tig jif­tig un schimpft un flucht, un die an­de­ren muss­ten alle la­chen.« Mo­rel war ein gu­ter Schau­spie­ler. Er ahm­te die fet­te, quä­ki­ge Stim­me des Be­triebs­lei­ters nach und sei­nen Ver­such, an­stän­dig Eng­lisch zu spre­chen.

»›Ick werd mir woll hie­ten, Wal­ter. Wer verschteht denn woll mehr da­von, du oder ich?‹ sagt er. ›Det Hab ick noch nie nich raus­je­fun­den, wat du da­von verschtehst, Al­fred. Et langt vil­leicht jra­de, dir in die Klap­pe un wie­der raus­zu­brin­gen.‹«

So fuhr Mo­rel zum Ver­gnü­gen sei­ner Kneip­brü­der fort. Und man­ches dar­an war auch wahr. Der Be­triebs­lei­ter war kein Mann von Bil­dung. Er war noch zur sel­ben Zeit wie Mo­rel Schlep­per­jun­ge ge­we­sen, so­dass sie bei­de, wäh­rend sie sich nicht lei­den konn­ten, sich doch als ge­ge­be­ne Grö­ßen hin­nah­men. Aber Al­fred Charles­worth ver­gab dem Stei­ger dies Knei­pen­ge­schwätz nicht. Ob­wohl Mo­rel also ein tüch­ti­ger Berg­mann war und zur Zeit sei­ner Ver­hei­ra­tung manch­mal bis an fünf Pfund in der Wo­che ver­dien­te, ge­riet er in der Fol­ge ganz all­mäh­lich in im­mer schlech­te­re und schlech­te­re Stol­len, wo die Koh­le dünn und schwer zu er­rei­chen war und kei­nen Vor­teil brach­te.

Im Som­mer wa­ren die Gru­ben au­ßer­dem flau. An hel­len, son­ni­gen Mor­gen kann man die Leu­te manch­mal um zehn, elf oder zwölf hau­fen­wei­se nach Hau­se zie­hen se­hen. Dann ste­hen kei­ne lee­ren Hun­de am Schacht­ein­gang. Die Frau­en se­hen vom Hü­gel her­über, wäh­rend sie die Herd­mat­te am Zaun aus­klop­fen, und zäh­len die Wa­gen, die die Ma­schi­ne das Tal hin­un­ter­schleppt. Und wenn die Kin­der zur Es­sens­zeit aus der Schu­le kom­men, bli­cken sie über das Feld weg, und wenn sie die Rä­der auf den För­der­tür­men still­stehn se­hen, sa­gen sie:

»Min­ton hat ge­stoppt, Vat­ter wird zu Hau­se sein.«

Und über al­len liegt eine Art Schat­ten, über Män­nern und Frau­en und Kin­dern, weil das Geld am Wo­chen­schluss knapp sein wird.

Mo­rel soll­te sei­ner Frau ei­gent­lich drei­ßig Schil­ling wö­chent­lich ge­ben für al­les – Mie­te, Es­sen, Klei­dung, Ver­gnü­gen, Ver­si­che­rung, Arzt. Ging es ihm mal be­son­ders gut, so gab er ihr fünf­und­drei­ßig. Aber die­se Ge­le­gen­hei­ten hiel­ten kei­nes­wegs de­nen die Waa­ge, wo er ihr nur fünf­und­zwan­zig gab. Im Win­ter konn­te der Berg­mann, wenn er einen an­stän­di­gen Stol­len hat­te, fünf­zig bis fünf­und­fünf­zig Schil­ling die Wo­che ver­die­nen. Dann war er glück­lich. Frei­tag­abend, Sonn­abend, Sonn­tag war er frei­ge­big wie ein Kö­nig und wur­de auf die Wei­se sei­ne zwan­zig Schil­ling oder so los. Und von al­le­dem be­hielt er kaum so viel üb­rig, um den Kin­dern einen Pen­ny zu ge­ben oder ih­nen ein Pfund Äp­fel zu kau­fen. Al­les ging durch die Keh­le. In schlech­ten Zei­ten war es noch üb­ler, aber er war nicht so häu­fig be­trun­ken, so­dass Frau Mo­rel zu sa­gen pfleg­te:

»Ich weiß doch nicht, ob ich nicht lie­ber sehe, wenn es uns knapp geht; denn wenn er Geld hat, gibts kei­nen Au­gen­blick Ruhe und Frie­den.«

Wenn er vier­zig Schil­ling emp­fing, be­hielt er zehn; von fünf­und­drei­ßig be­hielt er fünf; von zwei­und­drei­ßig vier; von acht­und­zwan­zig drei; von vier­und­zwan­zig zwei; von zwan­zig an­dert­halb, von acht­zehn be­hielt er einen Schil­ling, von sech­zehn einen hal­b­en. Nie spar­te er einen Pen­ny und gab auch sei­ner Frau nie die Mög­lich­keit zu spa­ren; statt­des­sen hat­te sie ge­le­gent­lich sei­ne Schul­den zu be­zah­len; nicht Kneip­schul­den, denn die wur­den nie auf die Frau­en über­tra­gen, aber Schul­den, wenn er etwa einen Ka­na­ri­en­vo­gel ge­kauft hat­te oder einen auf­fal­len­den Spa­zier­stock.

Wäh­rend des Jahr­markts ar­bei­te­te Mo­rel schlecht, und Frau Mo­rel ver­such­te, et­was für ihre Wo­chen zu spa­ren. So war ihr der Ge­dan­ke, dass er sei­nem Ver­gnü­gen nach­lie­fe, wäh­rend sie ab­ge­hetzt zu Hau­se blie­be, ein gal­len­bit­te­rer Trank. Der Rum­mel dau­er­te zwei Tage. Am Diens­tag­mor­gen stand Mo­rel früh auf. Er war gu­ter Stim­mung. Ganz früh, vor sechs, hör­te sie ihn un­ten lus­tig drauf­los pfei­fen. Er hat­te eine hüb­sche Art zu pfei­fen, leb­haft und wohl­klin­gend. Er pfiff fast stets Kir­chen­lie­der. Bei sei­ner schö­nen Stim­me war er Chor­kna­be ge­we­sen und hat­te im Dome zu Southwell so­gar al­lein sin­gen müs­sen. Das konn­te man noch sei­nem mor­gend­li­chen Pfei­fen an­hö­ren.

Sei­ne Frau lag und hör­te sei­nem Ar­bei­ten im Gar­ten zu, wo sein Pfei­fen in das Ge­sä­ge und Ge­häm­me­re hin­ein­tön­te. Ihn so in dem hel­len frü­hen Mor­gen, glück­lich bei sei­ner männ­li­chen Be­schäf­ti­gung zu hö­ren, wäh­rend sie noch im Bet­te lag und die Kin­der noch nicht wach wa­ren, gab ihr im­mer ein Ge­fühl von Wär­me und Frie­den.

Um neun Uhr, wäh­rend die Kin­der mit blo­ßen Fü­ßen und Bei­nen auf dem Sofa spiel­ten und die Mut­ter auf­wusch, kam er von sei­ner Zim­mer­manns­ar­beit wie­der her­ein, die Är­mel auf­ge­krem­pelt, die Wes­te of­fen hän­gend. Er war im­mer noch ein gut aus­se­hen­der Mann, mit schwar­zem lo­cki­gem Haar und ei­nem mäch­ti­gen schwar­zen Schnurr­bart. Sein Ge­sicht war et­was zu sehr ge­rötet, und er hat­te viel­leicht et­was zu Emp­find­li­ches an sich. Aber au­gen­blick­lich war er doch fröh­lich. Er ging stracks auf den Aus­guss zu, an dem sei­ne Frau auf­wusch.

»Wat, da bis­te schon!« sag­te er lär­mend. »Mach mal hopp un lass mich mir erst mal wa­schen.«

»Du kannst wohl war­ten bis ich fer­tig bin«, sag­te sei­ne Frau.

»Oh, kann ick; wenn ick aber nich will?«

Die­se gut­mü­ti­ge Dro­­­